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Martin Pollack

Kontaminierte
Landschaften

Aus der Reihe »UNRUHE BEWAHREN«

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
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im Niederösterreichischen Pressehaus
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St. Pölten – Salzburg – Wien

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ISBN ePub:
978-3-7017-4457-2

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1621-0

Inhalt

Kapitel I.

Kapitel II.

Kapitel III.

Ausgewählte Literatur

I.

»Landschaft«. Dieser Begriff weckt in uns zumeist positive Empfindungen und angenehme Gefühle, vor allem wenn wir dabei, völlig unkritisch, an das freie, nicht verbaute und zersiedelte Land denken, das wir auf unseren Wanderungen und Fahrten erkunden. Wir stellen uns dabei Wiesen und Wälder, mäandernde Flüsse und Bäche, wilde Schluchten und grüne Bergrücken vor, noch nicht rücksichtslos beschädigt oder gar unwiederbringlich zerstört durch menschliche Einflüsse. Wir sehen Bilder einer schönen, alle Sinne erfreuenden Natur vor uns, wie wir sie von zahllosen Darstellungen in der Literatur und Malerei kennen. Natürlich ist dieses Verständnis des Begriffes naiv und ignoriert die neueren Landschaftstheorien und Landschaftsdebatten, die gerade in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Wenn ich ganz unreflektiert, unbelastet von theoretischen Erwägungen, den Begriff »Landschaft« höre, sehe ich zunächst einmal meine Streuobstwiesen im Südburgenland vor mir, die alten Zwetschken- und Apfelbäume, dahinter die Felder, je nach Jahreszeit und Frucht verschieden gefärbt, Schlehenhecken und einzelne Bäume, eine Esche, Birken, dann wieder Felder und schließlich den Wald, Mischwald, der den Horizont bildet. Wenn ich in meiner Bibliothek sitze und übers Land schaue, fällt mein Blick auf kein anderes Haus. So soll Landschaft sein, denke ich dann zufrieden. »Landschaft ist Natur, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig ist«, formuliert der deutsche Philosoph Joachim Ritter in seinem programmatischen Aufsatz »Landschaft« aus dem Jahre 1963.1 Wir sind überzeugt, dass eine Landschaft, in der auf den ersten Blick nichts unser Auge beleidigt, eine beruhigende und erholsame Wirkung ausüben und uns seelischen Frieden und Ausgeglichenheit verschaffen kann. Die Landschaft gilt im Gegensatz zum urbanen Raum als wundersamer Tröster und Heiler. Als ein Ort des Rückzugs, aus dem wir neue Kräfte schöpfen. Doch so einfach ist es nicht. Wir übersehen dabei, dass die natürlichen, scheinbar naturbelassenen Landschaften, die hier durch unseren Kopf geistern, nichts anderes sind als Chimären, Produkte unserer Einbildungskraft, die mit der Wirklichkeit wenig gemein haben. Die Landschaften, von denen ich hier spreche, sind immer von Menschen geprägt und gestaltet, manchmal sind diese Eingriffe ganz deutlich sichtbar, dann wieder weniger, sodass wir meinen könnten, wir hätten es mit unberührter, »unschuldiger« Natur zu tun. Aber Landschaft, wie wir sie kennen, ist immer von Menschen erschaffen. Dessen sind wir uns zwar bewusst, wenn wir den diffusen, mit Emotionen aufgeladenen Begriff nüchtern betrachten, doch im nächsten Moment lassen wir schon wieder unseren Gefühlen die Zügel schießen. Denn unser Verständnis von Landschaft hat viel mit Empfindungen zu tun. Und mit Imagination. Und nicht zuletzt auch mit Erinnerung.

Das gilt vor allem für die Landschaften unserer frühesten Jahre, die uns, wenn wir eine gute, behütete Kindheit hatten, wie verschwommene Traumbilder durchs ganze Leben begleiten und in der Rückschau eine Ahnung von jener Vertrautheit und Geborgenheit vermitteln, die wir damals, vor langer Zeit, vermeintlich empfanden. Oder handelt es sich dabei um eine spätere Projektion? Um ein Produkt unseres Wunschdenkens? War die Umgebung, in der wir aufwuchsen, vielleicht gar nicht so heil und friedlich, wie uns das jetzt, viele Jahre später, erscheinen mag?

Ich verbrachte die ersten Lebensjahre mit meiner Mutter und den Geschwistern auf einem Einschichthof im steirischen Ennstal. Aus dieser Zeit sind mir nur einzelne Bruchstücke mit großen Leerstellen dazwischen im Gedächtnis haften geblieben, doch diese Fragmente haben sich mir tief eingeprägt. Das war kurz nach dem Krieg, der seinen langen, kalten Schatten über unsere Kindheit warf. Wir waren nach der Zerstörung unseres Hauses in Linz durch amerikanische Bomben im Dezember 1944 auf Umwegen nach Mitterberg gekommen, ein kleines, weit verstreutes Dorf am Fuße des Grimming. Zuerst hatten wir bei meinen Großeltern in Amstetten Zuflucht gefunden, als jedoch die Rote Armee näher rückte, wurden wir nach Mitterberg evakuiert. Evakuiert. Allein dieses Wort beinhaltet eine Fülle von Entbehrungen und Beschwerlichkeiten, Ängsten und Unsicherheiten, die damals unseren Alltag bestimmten. Wenn ich jedoch heute an diese Zeit zurückdenke, sehe ich nur schöne und angenehme Bilder vor mir. Eine Idylle. Ich habe das Leben auf dem Land, auf dem abgelegenen Bauernhof, in jeder Hinsicht genossen, obwohl die Zeiten zweifellos schlecht waren, Notzeiten, wie man allgemein sagte, ärmlich und elend. Wir, die aus der Stadt in die dörfliche Abgeschiedenheit verschlagen worden waren, bekamen die Not besonders schmerzlich zu spüren. Als Evakuierte, von irgendwelchen Behörden fremden Bauern zugewiesen, ohne eigenes Dach über dem Kopf, waren wir noch ärmer dran als die hier Beheimateten. Der Großteil unserer Habe, Bettzeug, Kleider und Einrichtungsgegenstände, war im zerbombten Haus verbrannt. Objektiv betrachtet, war die Landschaft meiner ersten Nachkriegsjahre grau, triste und unwirtlich.

In unserem Fall kamen noch andere, erschwerende Umstände dazu. Mein Vater stand als Kriegsverbrecher auf einer Fahndungsliste und war untergetaucht, was dazu führte, dass meine Mutter während unseres Aufenthaltes in Mitterberg plötzlich verhaftet wurde, ich weiß bis heute nicht, warum. Möglicherweise hatte sie Kontakt zu ihrem auf der Flucht befindlichen Mann aufgenommen und ihm auf irgendeine Weise geholfen, ihn mit Geld, Kleidung oder Nahrungsmitteln versorgt, obwohl wir selber nur das Nötigste besaßen. Wie ich später erfuhr, streifte er eine Zeitlang tatsächlich in der Nähe unseres Aufenthaltsortes herum, er kannte die Gegend von früheren Berg- und Schitouren, es ist daher naheliegend, dass er uns nächtliche Besuche abstattete. Daran habe ich jedoch keine Erinnerung, meine Mutter hat auch nie davon erzählt. Ihre Verhaftung ließ uns Kinder, meine Schwester, den Bruder und mich, in heilloser Verwirrung zurück. Eines Tages kamen zwei Kriminalbeamte in Zivil mit einem Jeep auf den abgelegenen Hof und nahmen die Mutter mit. Ich glaube mich zu erinnern, dass sie hinten im offenen Wagen saß und winkte, während wir weinend vor dem Haus standen und dem sich entfernenden Auto hinterherstarrten. Es ist allerdings auch denkbar, dass mir das so berichtet wurde oder ich es mir ausgedacht, aus Erzählfragmenten zusammengefügt habe. Wer sich in den Wochen danach um uns kümmerte – ich war vier Jahre alt, mein Bruder sechs, die Schwester neun – weiß ich nicht mehr, vermutlich die Bäuerin, bei der wir untergebracht waren, eine freundliche, hilfsbereite Frau mit einem großen Herzen, oder die Nachbarn, Deutsche, Evakuierte wie wir. Später erzählte die Mutter mit hörbarem Stolz, gemischt mit Empörung, dass sie die Zelle im Gefangenenhaus in Graz mit Prostituierten teilen musste. Die Freudenmädchen hätten sie jedoch gut behandelt und ihr mit Humor und Ratschlägen geholfen, die kurze Zeit in Untersuchungshaft schadlos zu überstehen. Auch an uns Kindern gingen die Not und allgemeine Verunsicherung nicht spurlos vorüber. Angeblich litten wir manchmal Hunger, unsere Kleidung, vor allem das Schuhwerk, war ständig zu klein und oftmals geflickt, die Lebensbedingungen in Mitterberg waren um vieles einfacher, um nicht zu sagen primitiver, als in der elterlichen Villa in Linz.

Aber wenn ich heute an diese Zeit denke, an den Einschichthof, auf dem wir untergebracht waren, an die Familie, die uns beherbergte, an die Kinder des Bauern, unsere Spielgefährten, dann weckt das positive Gefühle. Dann verspüre ich den Wunsch, das alles noch einmal erleben zu können. Sogar den bösen Hahn, der mir eines Tages, gewiss, weil ich ihn gern neckte, auf den Kopf flog, um mich erbarmungslos mit dem scharfen Schnabel zu traktieren, bis ich blutend und jämmerlich schreiend ins Haus lief, sehe ich heute in einem milderen Licht. Er erscheint mir als ein herrlich bunter, stolzer Vogel mit prächtigem Gefieder und durchdringendem Krähen, das mich jeden Morgen aus dem Schlaf riss. Wir erforschten die tiefen Wälder, sammelten Beeren und Pilze, kletterten auf Bäume und streiften durch die hohen Wiesen ums Haus, sorgfältig darauf bedacht, dem mächtigen braunen Stier, der missmutig allein auf seiner eingezäunten Weide stand und angeblich leicht in rasende, alles zerstörende Wut zu versetzen war, nicht in die Quere zu kommen. Das war die Landschaft meiner Kindheit, und sie war wunderbar. Mit nichts zu vergleichen. Fröhlich und hell. Leicht und unbeschwert.

Heute weiß ich, dass ich bei dieser Vorstellung weitgehend einer falschen Erinnerung aufsitze, denn in Mitterberg war meine kleine, enge Welt natürlich keineswegs heil, im Gegenteil, sie erschien oft genug beklemmend und düster. Das dunkle, häufig von Wolken verhangene Massiv des hoch über dem Ennstal aufragenden Grimming, das uns jeden Tag vor Augen stand, bot dafür ein treffliches Bild – ein Bild der Düsternis und Bedrohlichkeit. Die Gendarmen, die von Zeit zu Zeit kamen, um Nachschau zu halten, ob der steckbrieflich gesuchte Vater bei uns untergeschlüpft war, die Verhaftung der Mutter, meine Bangigkeit und Verwirrung, die Tränen, das alles habe ich verdrängt und vergessen. Zweifellos muss ich intuitiv die Ängste und Verunsicherung der Erwachsenen gespürt haben, das ist gar nicht anders denkbar, doch in späteren Jahren schienen alle Erinnerungen daran wie ausgelöscht. Ich redete mir ein, das sei nicht so schlimm gewesen, die Erwachsenen hätten in ihren Erzählungen über die Misere der ersten Nachkriegsjahre gewiss übertrieben. Lange klammerte ich mich an die heute absurd erscheinende Vorstellung, ich hätte die Nöte und Entbehrungen, die meine Mutter in späteren Jahren so eindringlich zu schildern wusste, selbst nicht erfahren, keinen Hunger, keine Kälte, keine Ängste, keine Kümmernisse. All diese Misslichkeiten schob ich von mir, daran konnte oder wollte ich mich nicht erinnern. Mein Vater wurde im März 1947, während wir auf dem Einschichthof in Mitterberg lebten, am Brenner ermordet, auf der Flucht. Das erfuhr ich erst viel später, doch meine Mutter wurde bereits in Mitterberg vom Tod ihres Mannes verständigt. An ihre damalige Verzweiflung, sie hatte ihn über alles geliebt, habe ich keine Erinnerung. Mit dem Aufenthalt in dem kleinen Dorf im steirischen Ennstal habe ich dieses einschneidende, mein ganzes Leben verändernde Ereignis nie in Verbindung gebracht, bis heute nicht. Kein störender Schatten sollte auf die Bilder meiner Kindheit und die Landschaft fallen, in die sie friedlich eingebettet lag.

Vielleicht waren es nicht zuletzt diese Erfahrungen, die mich für die Doppelbödigkeit des Begriffes »Landschaft« sensibilisierten. Lange Jahre verband ich mit der Landschaft meiner frühen Kindheit die schönsten und angenehmsten Erinnerungen, bis ich mich mit der Geschichte meiner Familie auseinanderzusetzen begann: Da wurde mir klar, dass diese idealisierende Sichtweise vor allem meiner kindlichen Einfalt und totalen Unwissenheit geschuldet war. Plötzlich erschien mir die Gegend am Fuße des Grimming nicht mehr so friedlich und unschuldig, in meiner Vorstellung bekam ihr Bild tiefe Risse. Allerdings hatte meine Kindheitslandschaft, so abgründig sie mir rückblickend manchmal erscheinen mochte, nichts mit den kontaminierten Landschaften zu tun, um die es im Weiteren gehen wird. Ungefähr zur selben Zeit erfuhr ich auch, welche Bedeutung dem Begriff »Landschaft« in der jüngsten Vergangenheit, in der Sprache des Nationalsozialismus zugeschrieben worden war. Bereits im neunzehnten Jahrhundert hatten völkische Autoren und Theoretiker, Geografen wie auch Historiker, in ihren Schriften den rassisch begründeten Unterschied zwischen dem deutschen Menschen, der die Landschaft angeblich schöpferisch gestaltet, und seinen vermeintlich trägen, kraftlosen slawischen Nachbarn betont, die in der Vorstellung dieser Verfechter einer deutschen Mission im Osten untätig in jenen unfruchtbaren, sumpfigen Wildnissen hausen, die ihrerseits nur darauf warten, von den strebsamen Germanen in Besitz genommen und kultiviert zu werden. Aus diesen krausen Theorien wurde im Nationalsozialismus eine Praxis der Vertreibung und des Völkermordes. Die Landschaften in Osteuropa waren in den Augen der nationalsozialistischen Landschaftsplaner, die den Eroberungen theoretisch den Weg bereiteten, infolge des kulturellen und zivilisatorischen Unvermögens der dort lebenden Bevölkerungen – Slawen und Juden – verödet und durch Raubbau verwüstet. Es war daher die noble Aufgabe der Deutschen, die Dinge in Ordnung zu bringen und aus den öden Sumpfgebieten und unzugänglichen Wäldern blühende Gärten zu machen. In diesem Sinne sahen sich die Deutschen berufen, die Landschaften im Osten in Besitz zu nehmen.

Als ein hervorragendes Beispiel für eine solche von Slawen und Juden bewohnte Wildnis, die von den »germanischdeutschen Menschen« erobert werden musste, um sie nach ihren »tiefen Lebensbedürfnissen« umzugestalten, kann man die weite, dünn besiedelte, von Mooren, verschilften Kanälen und Wäldern beherrschte Landschaft der Pripjetsümpfe im heutigen Weißrussland bezeichnen, die deutsche Soldaten schon im Ersten Weltkrieg gründlich kennen (und fürchten) gelernt hatten. Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel und anfangs scheinbar mühelos große territoriale Gewinne erzielte, fielen die begehrlichen Blicke der Berliner Raumordnungsplaner sofort auf diese ihrer Ansicht nach bestens für die Schaffung neuen Siedlungsraumes geeigneten Gebiete. Dass es für die Verwirklichung ihrer Pläne nötig war, die hier lebenden Weißrussen, Polen und vor allem Juden zu vertreiben bzw. »auszumerzen«, um in der Sprache des NS-Regimes zu bleiben, schien die Planer nicht weiter zu stören. Die Gestaltung der Landschaft diente als Begründung, als Rechtfertigung für den Völkermord. Die Verwendung des scheinbar neutralen, ja unschuldigen Begriffes »Landschaft« durch die Nationalsozialisten ist ein wichtiger Grund, den Terminus heute mit Vorsicht zu gebrauchen und ständig kritisch zu hinterfragen – aber es ist nicht der einzige.

Viele Landschaften haben schon lange vor den Nationalsozialisten ihre vermeintliche Unschuld verloren – durch kriegerische Ereignisse, die wir noch viele Jahrzehnte später mit dem Namen der jeweiligen Gegend verbinden, obwohl die Spuren der Kämpfe längst verheilt, die Toten begraben und zu Staub zerfallen sind. Wir brauchen nur an die Ardennen zu denken, an die Somme, an das Tal des Isonzo, an die wild zerklüfteten Dolomiten, an die grünen Rücken der Karpaten, an die bereits genannten, weitläufigen Pripjetsümpfe in Belarus, an die hügelige Umgebung der südpolnischen Städte Tarnów und Gorlice, die einer blutigen und für alle Seiten ungemein verlustreichen Schlacht im Ersten Weltkrieg den Namen verliehen. Dort waren die Landschaften zu Schauplätzen kriegerischer Auseinandersetzungen geworden, auf Jahre hinaus verwüstet, die Wiesen und Felder zerstampft und zerpflügt, mit tiefen Kratern und Gräben übersät, die Wälder zerschossen, sodass nur mehr astlose, zersplitterte Stämme in den Himmel ragten, wie nach einem gigantischen, alles verheerenden Sturm. Dasselbe geschah, mit noch heftigerer Zerstörungswut und modernen technischen Möglichkeiten, im Zweiten Weltkrieg.