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Gregor Mayer

VERSCHWÖRUNG
IN SARAJEVO

Triumph und Tod des
Attentäters Gavrilo Princip

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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© 2014 Residenz Verlag

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

ISBN ePub:
978-3-7017-4463-3

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-3294-4

INHALT

Quellen und Obsessionen – ein Vorwort

Erstes Kapitel

THERESIENSTADT – IM VORHOF DES TODES

Zweites Kapitel

SARAJEVO 1 – OKKUPATION

Drittes Kapitel

BELGRAD – UNTER KONSPIRATEUREN

Viertes Kapitel

SARAJEVO 2 – IM AUGE DES ORKANS

Fünftes Kapitel

WIEN – KRIEG ALS »WILLENSTHERAPIE«

Literatur

Danksagung und editorische Anmerkungen

QUELLEN UND OBSESSIONEN – EIN VORWORT

Der Kulturhistoriker Ivan Lovrenović, den ich bei den Recherchen für dieses Buch in Sarajevo traf, meinte zu dessen Gegenstand: »Ein ergiebiges Thema. Selbst nach 100 Jahren liegen die wichtigsten Momente im Dunkeln.«

Dabei füllt die Literatur über das Attentat vom 28. Juni 1914 ganze Bibliotheken. Die tödlichen Schüsse des bosnisch-serbischen Revolutionärs Gavrilo Princip auf den habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Frau Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, sind Tausende Male beschrieben worden. Historiker haben in den Archiven jedes Blatt akribisch untersucht. Überlebende Mitverschwörer, Freunde, Schulkameraden und politische Kampfgefährten der Attentäter, Ermittlungsrichter, Polizisten und selbst ein Henker haben ihre Erinnerungen als Bücher veröffentlicht oder Zeithistorikern und Journalisten in die Feder diktiert.

Allein: An harten Quellen liegt nicht viel vor. Das liegt auch in der Natur der Sache. Zu den Grundregeln der Konspiration gehört es, Spuren möglichst zu verwischen. Die Hintermänner in Belgrad, der eigengesetzliche Militärgeheimdienstchef Dragutin Dimitrijević-Apis und seine Clique, vermieden es tunlichst, irgendetwas schriftlich festzuhalten. Die serbische Regierung, die das Attentat nicht aufzuhalten vermochte, war schließlich an maximaler Vertuschung interessiert, als das Malheur nun schon einmal in der Welt war.

Und dennoch: Princip und seine Gesinnungsgenossen in Sarajevo waren hochpolitische junge Leute. Sie hatten eine – wenn auch nicht besonders ausgereifte – Ideologie und sie besaßen die Leidenschaft, sie offensiv zu vertreten. Ihre Darstellungen, Schilderungen und Einschätzungen, die sie in Briefen, Gedichten, Zeitschriftenbeiträgen und schließlich in ihren Plädoyers im großen Strafprozess nach dem Attentat der Nachwelt hinterlassen haben, sind von immensem zeitdokumentarischen Wert – nicht unbedingt als letzte Weisheiten bei der Annäherung an eine wie auch immer geartete historische Wahrheit, sondern als Reflexionen, Rechtfertigungen und Psychogramme, die ein Schlaglicht auf ihre Intentionen und Motive werfen. Die uns etwas von der brodelnden Atmosphäre erahnen lassen, wie sie diese revolutionäre Schuljugend in ihrer von der Großmacht Österreich-Ungarn okkupierten Heimat erlebte – und miterzeugte.

Unter den schriftlich fixierten mündlichen Überlieferungen ragt für mich ein Dokument ganz besonders heraus. Es sind dies die Notate des Wiener Nervenarztes Dr. Martin Pappenheim, die dieser im Jahr 1916 nach vier Gesprächen mit dem todkranken, an der Knochentuberkulose leidenden Häftling Gavrilo Princip im Festungskerker von Theresienstadt anfertigte und zehn Jahre später als Druckschrift veröffentlichte. Die stenografisch knapp gehaltenen und zugleich erschütternden Aufzeichnungen Pappenheims haben mich dazu inspiriert, mir die Begegnungen zwischen dem Arzt und dem todgeweihten Attentäter vorzustellen. Im ersten Kapitel habe ich die Szenerie ausgemalt, die Situation gewissermaßen historisch rekonstruiert. Ein spekulatives Wagnis, gewiss, aber vielleicht doch eine plausible Annäherung an das, was gewesen sein könnte.

Auch in den weiteren Kapiteln versuche ich, den Beweggründen der Verschwörer nachzuspüren. Mich interessiert ihre geistige Entwicklung: wie sie sich für die Literatur der Avantgarde begeisterten – einer von ihnen, Ivo Andrić, sollte Jahrzehnte später den Literaturnobelpreis erhalten – und wie sie sich unter den Bedingungen der Okkupation radikalisierten. Wie ein harter Kern von Schulabbrechern aus Sarajevo um Gavrilo Princip in den großserbischen Milieus von Belgrad relativ umstandslos die Tatwaffen und logistische Unterstützung für den Mordanschlag auf den Thronfolger erhalten konnte. Den Begriff des failed state, des Staates, der seine Militärs und Milizen nicht wirklich kontrolliert, gab es damals freilich noch nicht.

Zugleich ist dies aber kein Buch über die Kriegsschuldfrage, und es ist auch keine Abhandlung, die mit einer neuen These über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aufwarten würde. Es ist ein Werk, das sich aus den Erfahrungen und Obsessionen speist, die ich in einer mehr als 20-jährigen Tätigkeit als Korrespondent im zerfallen(d)en Jugoslawien und im Nahen Osten in mir akkumuliert habe. Es ist ein Versuch, das Attentat, das zum Anlass des Weltkriegs wurde, aus dem Umfeld seiner Urheber heraus zu beschreiben. Möglicherweise bin ich nicht unbefangen. Die Tragödie Sarajevos, die Zerstörung Bosniens im jugoslawischen Nachfolgekrieg der 1990er-Jahre ging mir sehr nahe. Seit 2001 in Belgrad lebend, bestätigte sich für mich, dass diese jüngste Katastrophe von der dortigen politischen Machtelite ausgegangen war, wofür die serbische Gesellschaft bis heute einen hohen Preis bezahlt. In Bagdad, wo ich von 2003 bis 2005 stationiert war, erlebte ich wiederum sehr unmittelbar, wie sich Okkupation anfühlt. Als ich am 9. April 2003 mit meinem irakischen Freund und Mitarbeiter Ziad Haris am Firdaus-Platz stand und die ersten amerikanischen Panzer an uns vorbeirasselten, meinte Ziad, der den gestürzten Diktator Saddam Hussein von ganzem Herzen hasste: »Ich weiß nicht, ob ich lachen oder ob ich weinen soll.«

Terrorismus, fremde Besatzung, gescheiterte Staaten, unsichere und intransparente internationale Verhältnisse: Immer wieder stieß ich bei den Recherchen zu diesem Buch auf Phänomene, die 100 Jahre später beunruhigende Assoziationen zu Gegenwartserscheinungen wecken. Aber vielleicht hat die Menschheit inzwischen doch etwas dazugelernt.

Gregor Mayer

Belgrad, im Dezember 2013

Erstes Kapitel

THERESIENSTADT – IM VORHOF DES TODES

Ein ungewöhnlicher Besuch

Mit einem rostigen Quietschen fiel die Zellentür hinter Dr. Martin Pappenheim ins Schloss. In der Dunkelheit des Kasemattenlochs konnten seine Augen nichts wahrnehmen. »Princip, Besuch für dich!«, hallte das gebrüllte Kommando des Aufsehers in seinen Ohren nach. Durch die vergitterte Luke oberhalb der Zellentür drang kaum etwas von dem gedämpften Licht aus dem Gefängnisgang. Pappenheims Augen folgten dem schwachen Schein, hinein ins Halbdunkel des Zelleninneren. Eine fast körperlose, in sich gekrümmte Gestalt richtete sich unter anhaltendem Husten auf der Holzpritsche auf, die ihr als Liegestatt diente – es war Gavrilo Princip, den der Besucher in diesem elenden Zustand antraf.

»Gestatten Sie, ich bin Dr. Martin Pappenheim, Privatdozent für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien«, sprach der Besucher den überraschten Häftling mit dem leicht nasalen Ton des österreichischen Akademikers an. Pappenheim stand leicht gebeugt da, und selbst in diesem Halbdunkel blieb Princip die feine Physiognomie des unverhofften Besuchers nicht verborgen. »Herr Princip, ich habe die Erlaubnis, mit Ihnen zu sprechen«, fuhr Pappenheim fort. »Über Sie, über Ihr Leben, über Ihre Motive für das Attentat.« Der Gefangene hatte seit seiner Überführung nach Theresienstadt mehr als ein Jahr lang in strikter Isolationshaft gelebt und war deshalb dem Sprechen entwöhnt. Er rang um Worte, die ihm – noch dazu in der für ihn fremden deutschen Sprache – schwer über die Lippen kamen. »Sie, Sie, Sie m-m-m-mechten m-m-m-mich aus-aushorchen!«, entgegnete er.

»Nein, ganz und gar nicht, Herr Princip. Mein Interesse ist ein zutiefst privates. Ich sichere Ihnen umfassende Diskretion zu.« – »W-w-was für ein Interesse?« – »Das wissenschaftliche Interesse. Wir jüngeren Nervenärzte betrachten die psychischen Phänomene nicht mehr isoliert. Uns interessieren die Bedingtheiten durch soziale Milieus, und wir fragen uns, wie wir mit unserem Wissen zur Befreiung der Menschheit von überkommenen Vorstellungen, Gewohnheiten und Traditionen beitragen können. Ich verschweige Ihnen auch nicht, dass die Beweggründe, die Sie zu Ihrer Tat geführt haben, wennzwar sie auch nicht meine Zustimmung finden mögen, so doch einer tiefergehenden Untersuchung wert sind.« Dr. Pappenheim erhitzte sich in dem Redeschwall, sodass sich seine große runde Brille in der eiskalten Zellenluft beschlug und er erneut nichts mehr sah. Sein blasses Gesicht mit den durchgeistigten Zügen verfehlte aber seine Wirkung auf Princip nicht. Noch mehr begann diesen die Aussicht zu verlocken, endlich wieder einmal mit jemandem richtig sprechen zu können. »D-d-der Pro-Profoss bleibt?«, fragte er, seinen gebrochenen Blick auf den Gefangenenaufseher richtend, der sich hinter Pappenheim an die Zellentür drückte. »Das Reglement können wir leider nicht ganz außer Acht lassen«, antwortete Pappenheim und rieb sich die in der Eiseskälte klamm gewordenen Hände.

Wir schreiben den 19. Februar 1916. Der Erste Weltkrieg tobt in seinem zweiten Jahr. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, liegt fast 19 Monate zurück. Der Attentäter, der bosnische Serbe, österreichische Staatsbürger, südslawische Freiheitskämpfer und Terrorist Gavrilo Princip, schmachtet seit 420 Tagen in den Kasematten der Kleinen Festung von Theresienstadt, 417 davon angekettet. Der bald 22-jährige Gefangene ist todkrank. Die barbarischen Haftbedingungen – Unterernährung, Kälte und Feuchtigkeit – haben die Knochentuberkulose, die er sich während eines entbehrungsreichen Studentenlebens in Sarajevo und Belgrad eingehandelt hatte, zum vollen Ausbruch gebracht. Princips Körper ist bis auf die Knochen abgemagert und mit handtellergroßen Geschwüren bedeckt. Den linken Ellbogen hat die Knochen-TBC zerfressen. Der Gefangene kann den betroffenen Arm kaum mehr bewegen. Seine Ärzte warten auf die Genehmigung aus Wien, um ihn zu amputieren.

Dr. Martin Pappenheim ist zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt. Als kriegsverpflichteter Arzt ist er dem Garnisonsspital in Theresienstadt dienstzugeteilt. Dem Sarajevo-Attentäter steht der aufstrebende Neurologe und Psychiater aus der berühmten Wiener Schule und Anhänger linkssozialistischer Ideen zum ersten Mal gegenüber. Die Genehmigung für dieses Gespräch hat er bei der Gefängniskommandantur erwirkt.

Den Mediziner treiben dieselben Fragen um, die sich immer wieder, auch 100 Jahre nach dem folgenschweren Anschlag auf das Leben des Thronfolgerpaares, stellen lassen: Was bringt einen knapp 20-jährigen Mittelschüler – und seine noch jüngeren Mittäter und -verschwörer – dazu, einen politischen Mord zu begehen und dabei auch den eigenen Tod einzukalkulieren? Fanatismus, Freiheitsliebe, Hass auf eine fremde Besatzungsmacht? Spielten psychische Dispositionen wie Minderwertigkeitskomplexe, Vaterhass oder sexuelle Frustrationen eine Rolle? Die Attentäter und ihre Helfer wollten die österreichisch-ungarische Monarchie zerstören, weil diese die südslawischen Völkerschaften in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Dalmatien und Slowenien daran hinderte, sich mit Serbien zu einem südslawischen Staatsverband zu vereinigen. Opferten sie sich für ein legitimes Unabhängigkeitsstreben auf oder handelten sie doch nur als blindwütige Terroristen? Waren sie von hehren Idealen beseelte Helden oder eher nur naive, ferngesteuerte Marionetten des Königreichs Serbien, dessen Eliten im Verdacht standen, unter dem Vorwand der südslawischen Vereinigung eine serbische Hegemonie auf dem Balkan errichten zu wollen?

Die Tat der Mittelschüler aus Sarajevo bildete jedenfalls den willkommenen Anlass für einen schon seit Langem erwogenen Straf- und Vernichtungsfeldzug Österreich-Ungarns gegen das viel kleinere Serbien. Die Kriegserklärung an Belgrad vom 28. Juli 1914 löste wiederum eine Kettenreaktion von bündnisbedingten militärischen Beistandshandlungen aus, die geradewegs in den Großen Krieg führten. Die Attentäter und ihre Helfer waren verhaftet worden; im Oktober 1914 wurden sie von einem österreichischen Gericht in Sarajevo verurteilt. Bis auf eine Ausnahme: den herzegowinisch-muslimischen Revolutionär Muhamed Mehmedbašić, der nach Montenegro und dann Serbien zu fliehen vermochte. Im Februar 1916, zum Zeitpunkt des Besuches Dr. Pappenheims, war nicht nur Princip in Theresienstadt eingekerkert, sondern auch sein Freund und Mitverschwörer Trifko Grabež und die wegen Mitwisserschaft verurteilten Schüler Ivo Kranjčević, Cvijan Stepanović und Lazar Djukić. Nedeljko Čabrinović, ein junger Druckereiarbeiter, war drei Wochen zuvor den Entbehrungen der Theresienstädter Kerkerhaft erlegen. Er hatte kurz vor den Schüssen Princips eine Bombe geworfen, die den Thronfolger knapp verfehlt hatte.

»Seit wann sind Sie hier?«, beginnt Pappenheim das Gespräch, das er auf einem Schreibblock mitstenografiert. »Hierher am 5. Dezember 1914.« – »Immer in Einzelhaft?« – »Ja, immer. Nicht Besuch, nicht Brief, nicht Paket. Immer an Kette. Erst vor drei Tag Kette weg.« Princip hat im Gymnasium leidlich gut Deutsch gelernt, doch ist er in der fremden Sprache ungeübt, zumal sie ihm hier meist nur in den bellenden Kommandos seiner Kerkerschergen begegnet. »Erzählen Sie mir von Ihrem Vater«, sagt Pappenheim. Ein heiserer Hustenanfall, mehr einem Röcheln gleich, schüttelt Princips ausgezehrten Körper. »Mein Vater ist einfach’ Bauer. Beschäftigt sich mit Unternehmungen, nebenbei. Ist ein ruhig’ Mensch, trinkt nicht Alkohol, interessiert nicht fir Politik.« Pappenheim fragt weiter nach den familiären Verhältnissen. »Vater hat vierundfunfzig Jahre, Mutter hat funfundvierzig. Hab’ noch zwei Bruder, ganz gewohnlich’ Menschen, einer ist Kaufmann. Aber waren noch sechs Gschwistern, die alle gestorben, bevor zehn geworden. Bei uns Armut groß in Grahovo, große Armut. So ich war viertes Kind.« Routinemäßig interessiert sich Pappenheim für Kinderkrankheiten und medizinische Auffälligkeiten in der Jugend. Scharlach, kein Bettnässen, Schlafwandeln, aber nur während eines Jahres in der Gymnasialzeit, keine Anfälle von Bewusstlosigkeit. »Wann wurden Sie politisch?« – »Ich wurde erweckt, in 3. Klasse von Gimnasium.«

Das war im Jahr 1910. Kaiser Franz Joseph hatte im Februar ein Landesstatut für die 1878 von Österreich-Ungarn besetzten und seit 1908 annektierten Provinzen Bosnien und Herzegowina erlassen. Ein neu geschaffener Landtag mit begrenzten Kompetenzen diente als politisches Feigenblatt für das herrschende österreichische Militärregime. Am 15. Juni 1910 wurde dieses Scheinparlament vom Landeschef, General Marijan Varešanin, eröffnet. Als der österreichische Statthalter an diesem Tag den Landtag verließ, trat der revolutionäre Student Bogdan Žerajić auf ihn zu und feuerte fünf Schüsse aus einer Pistole ab. Als er sah, dass diese ihr Ziel verfehlt hatten, jagte sich Žerajić die sechste Kugel selbst in den Kopf. Varešanin, so erzählte man sich in Sarajevo, habe den Toten in die Seite getreten und gerufen: »Bringt diesen dreckigen Hund weg!« Ihn, den 15-jährigen Drittklässler im Gymnasium von Tuzla in Nordbosnien, habe das aufgerüttelt, erzählt Princip nun Pappenheim. Wieder zurück in Sarajevo habe er ganze Nächte am anonymen Grab von Žerajić zugebracht, draußen vor der Friedhofsmauer, wo man die Selbstmörder verscharrte.

Und Princip erzählt, wie sich die Schüler in Sarajevo nach dem Tod von Žerajić in illegalen Clubs und Zellen zu organisieren begannen. Er erzählt von den großen Schülerdemonstrationen zu Beginn des Jahres 1912. Banus Slavko Cuvaj, der ungarische Statthalter in Zagreb, hatte das kroatische Parlament, den Sabor, aufgelöst. »In Sarajevo«, erzählt Princip weiter – und Pappenheim merkt, wie so etwas wie Leben in den Augen der körperlosen Gestalt aufflackert –, »haben wir serbische junge Leut’ erste Mal gemeinsam mit unsere kroatische Brudern gegen diesen Skandal demonstriert. Das war Markstein: Wir haben Solidarität mit de’ kroatischen Brudern manifestiert.« Er sei in der ersten Reihe dabei gewesen. Die berittene österreichische Polizei trieb die Kundgebung mit Säbelhieben auseinander. Auch er selbst sei dabei verletzt worden. Einer der Hauptorganisatoren der Schülerdemonstrationen sei der bosnische Kroate Luka Jukić gewesen, der in Zagreb studierte. Am 8. Juni, führt Princip weiter aus, verübte Jukić ein Attentat auf Banus Cuvaj, das fehlschlug. Die Kugel tötete einen hohen Beamten, der neben dem Statthalter im Wagen saß. Bei der Verfolgungsjagd durch Zagreb erschoss der junge Angreifer noch einen Polizisten. Pappenheim stenografiert hektisch mit, aber die vielen Namen von handelnden Personen und neu gegründeten revolutionären Zellen, die wechselnden Schauplätze und die komplizierten Verhältnisse in Österreichs südlichen Besitzungen insgesamt verwirren ihn. »Bezeichnet das Jahr 1911 als kritisch«, schreibt er auf. Es war dies das Jahr, in dem sich die politisch aktiven okkupationsfeindlichen Schüler in Bosnien zu organisieren begannen.

Dabei war Dr. Martin Pappenheim ein politisch höchst interessierter Mensch. Doch sein Lebensmittelpunkt war Wien. Das Wien der anbrechenden Moderne, das Wien von Hofmannsthal, Sigmund Freud, Karl Kraus, Otto Wagner, Gustav Mahler und Gustav Klimt. Aber auch das Wien des Victor Adler und Otto Bauer, wo eine starke Sozialdemokratie zwischen Reformismus und Radikalismus oszillierte, um am Ende doch den Krieg des Habsburgerreiches zu unterstützen. Pappenheims Schwester Marie war eine der ersten Frauen in Österreich, die ein Medizinstudium absolvierten. Für Arnold Schönberg schrieb sie das Libretto zum Monodram »Erwartung« (op. 17) und wurde nach dem Krieg Kommunistin. Martin Pappenheim und seine Frau Edith besuchten regelmäßig die Konzerte Schönbergs, dieses radikalen Neuerers der Musik, die nicht selten lautstarke Skandale auslösten. Obwohl damals selbst noch kein Psychoanalytiker, besuchte Pappenheim am 6. März 1912 eine Sitzung der von Sigmund Freud geleiteten Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft. Der akademisch-elitäre Kreis diskutierte den Vortrag von Alfred Winterstein über die »Psychoanalyse des Reisens«.

Von diesem Wien der Schönberg-Konzerte und Schönberg-Skandale, der Aufregungen um die tabusprengenden Maler der Secession, der Euphorie um die literarischen Schöpfungen Hofmannsthals war der Balkan denkbar weit entfernt. Bosnien und Herzegowina, die beiden der K.-u.-k.-Monarchie vom Berliner Kongress zugesprochenen Provinzen aus der Hinterlassenschaft des Osmanischen Reichs, waren so etwas wie »Habsburgs kleiner Orient« – eine Ersatzkolonie voller eigenartiger Exotismen, gebändigt durch die »Kulturmission«, mit der die Berliner Kongressmächte Österreich-Ungarn beauftragt hatten. Victor Adler, der sozialdemokratische Übervater, hatte seine Laufbahn in Georg von Schönerers großdeutscher Antisemiten-Partei begonnen. Mit Kritik an Österreichs imperialistischer Politik auf dem Balkan hielt er sich vornehm zurück. Die Sozialdemokratische Partei hatte einen demokratisch-föderalen Staatsverband auf dem Territorium der Monarchie, das sie zusammenzuhalten trachtete, zum Ziel. Der Klassenkampf könne sinnvollerweise nur im gegebenen historischen und staatlichen Rahmen ausgefochten werden, meinte Otto Bauer, der ideologische Vordenker der Sozialdemokratie, 1907 in seiner Schrift »Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie«: »Der Zerfall Österreichs kann innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft nur mehr das Werk des Imperialismus sein. Die Arbeiterschaft kann auf diesen Sieg nicht bauen, weil er ungewiss ist [...], sie kann auf den Sieg des Imperialismus nicht hoffen, weil der Sieg des Imperialismus die Niederlage der Arbeiterklasse im Ausland voraussetzt und den Aufmarsch des Proletariats in Österreich selbst zerreißt.«

Man kann davon ausgehen, dass Pappenheim als politisch gebildeter Linkssozialist diese Schrift Otto Bauers gelesen hat. Dass er über ihre Schlussfolgerungen im Toben des Großen Krieges, den er wohl als imperialistischen Krieg betrachtete, mehrfach nachgedacht hat. Nun steht er in der Zelle jenes zum Kerkergespenst verkommenen Jünglings, der aus antiimperialistischen Motiven auf die Zerstörung der Monarchie hingearbeitet hat. »Waren Sie je verliebt?«, wechselt Pappenheim das Thema. »Ja, Herr Doktor.« – »Wann war das?« – »Hab sie kenneng’lernt in 4. Klasse.« Ein neuer Hustenanfall überkommt Princip. »Die Liebe verschwand nicht, obwohl ich sie später nicht g’schrieben hab.« – »Fand diese Liebe auch körperliche Erfüllung?« Princip blickt überrascht auf. Seine blauen Augen weiten sich. »Herr Doktor, wo denken Sie hin? Es war ... wie soll ich sagen? ... eine ideale Liebe. Wir haben uns nicht mal geküsst.« – »Will da nicht weiter aus sich heraus«, notiert Pappenheim.

Die Liebe Princips zu Vukosava, der Schwester seines verstorbenen Freundes und Mitgefangenen Nedeljko Čabrinović, war tatsächlich eine platonische. Doch es soll noch eine andere, eindeutigere Episode gegeben haben, in der letzten Nacht vor dem Attentat. In deren Mittelpunkt stand die spätere Lehrerin Jelena Milišić, eine jungbosnische Sympathisantin von betörender Schönheit. Der amerikanische Journalist David DeVoss traf im Jahr 2000 eine damals noch lebende, jüngere Freundin von Jelena, die 97-jährige Ljubica Tuta. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Tuta, Milišić und ihr Ehemann, der Kunsthistoriker Boro Mihačević, Lehrer am Ersten Gymnasium in Sarajevo. In Gesellschaft pflegte Boro, auch er ein ehemaliger Jungbosnier, Jelena mit Princips Schwärmerei für sie aufzuziehen, erzählte Ljubica dem amerikanischen Journalisten. In der besagten Nacht habe Gavrilo die schöne Jelena auf einer Parkbank bestürmt, dass sie sich ihm hingeben möge. Denn am nächsten Morgen würde er sterben. Doch Jelena blieb bei ihrem keuschen Widerstand. Gavro soll so wütend gewesen sein, dass er am nächsten Tag »sogar Gott erschossen hätte«, soll Boro dann in diesen Gesellschaften die Episode lachend abgerundet haben.

Hat auch diesen Krieg eine schöne Frau, eine mythische Helena/Jelena ausgelöst, fragte sich der junge bosnische Schriftsteller und Essayist Muharem Bazdulj, als er DeVoss’ Bericht las: »Die Geschichte des Attentats von Sarajevo, des großen Kriegs, der in Sarajevo begann, reduziert sich auf eine Geschichte von schönen Frauen oder von schönen Helenen. Aus schmutzigen Schlachten werden Zusammenstöße von Helden. Aus dem Purgatorium für entgeisterte und verstümmelte Soldaten wird eine Odyssee über schöne Inseln, bewohnt von wundersamen und lüsternen Schönheiten.« Dabei ist die Quellenlage – und das ist bei so mancher Begebenheit im Zusammenhang mit dem Attentat der Fall – sehr dünn. Ljubicas mündlich wiedergegebene Erinnerung und Boros saftig ausgeschmückte Anekdoten scheinen die einzigen Belege für die Jelena-Episode zu sein.

Ob Princip dem unverhofften Gast über sein Liebesleben nichts erzählen kann oder nichts erzählen will, ist nicht klar. Der Doktor fragt nach seinen sozialen Kontakten. »Immer viel allein gewesen«, gibt er zurück. »Gelernt fir Prifungen, Externisten-Matura. Viel in Bibliothek. Hab mich melden wollen fir Krieg gegen Tirken, in Herbst 1912, hat man mich aber nicht genommen. Ich wär zu schwach, ham’s g’sagt.«

Pappenheim war sich wohl nicht bewusst, dass Princip, desillusioniert, jeder Hoffnung beraubt, dem Tod schon recht nahe, hier ein zentrales Ereignis ansprach, über das er vor seiner Kerkerhaft, im Besitze seiner ganzen Kräfte, überhaupt nicht gerne geredet hatte. Am Vorabend des Ersten Balkankriegs 1912 war Princip, nach dem Schulabbruch in Sarajevo, schon ein paar Monate in Belgrad. Die Stadt fieberte in Kriegserwartung. In Serbien mobilisierte man nicht nur die königliche Armee für den bevorstehenden Krieg der jungen Balkanstaaten gegen die Türkei, sondern auch die Komitatschi-Truppen. Diese waren Freiwilligen-Verbände, die in Guerilla-Kriegsführung geschult und schon früher in diversen serbischen und bulgarischen Aufständen gegen die Türken hervorgetreten waren. Der Begriff leitete sich von den sogenannten »Komitees« ab, den Freischärlergruppen, die sich in diesen Aufständen gebildet hatten. Die Kriegsbegeisterung des Herbstes 1912 steckte naturgemäß die bosnisch-serbischen Schüler und Studenten in Belgrad an.

Princip und sein Belgrader Freund Simo Miljuš fuhren in das Feldlager der Komitatschis in der südlichen Grenzstadt Prokuplje, wo der legendäre Freischärlerführer Vojin Tankosić das Kommando hatte. »Wenn Du fromm bist, bete zu Gott, wenn nicht, bitte die jungen Frauen, für uns zu beten«, schrieb Miljuš voller Enthusiasmus auf eine Postkarte an den Dichter und Jungbosnier Dragutin Mras in Sarajevo. Princip schrieb an seinen Bruder Nikola: »Prokuplje, der Weg nach Kuršumlija. Zeit, in die Stadt von Dušan [erster serbischer Zar im 14. Jahrhundert, G. M.] zu gehen. Ich werde glücklich sein, wenn sie mich als Freiwilligen nehmen.« Doch so weit kam es nicht. Als Princip und Miljuš ins Lager von Tankosić kamen, verhandelte der »Vojvode« (Heerführer) gerade mit albanischen Aufrührern. Als er Princip erblickte, schüttelte er ihm nur die Hand und sagte: »Du bist zu schwach.« Diese Demütigung bestärkte den damals 17-Jährigen in seinem Entschluss, etwas wirklich Großes zu vollbringen: ein Attentat gegen einen hohen Repräsentanten des österreichischen Regimes.

»Wollte in den Balkankrieg, wurde als zu schwach befunden«, notiert Pappenheim. Aus Princip sprudeln indes die Worte. »Herr Doktor, ich immer nur gelesen. Greßte Qual hier fir mich nicht die Finsternis, nicht die Ketten, nicht Eing’sperrt-Sein, sondern dass nix zu lesen bekomme. Ich schlafe auch nicht viel, maximal vier Stunden. Aber dann, Herr Doktor, träume ich. Es sind schene Träume. Träume vom Leben, von der Liebe, und es gibt ka Angst.« – »Und wenn Sie wach sind, denken Sie über Ihre Tat nach?« – »Oh ja, denke viel, denke immer nur. Denke an mein Vaterland. Hab ja auch vom Krieg g’hert. Sehr traurig. Serbien besteht nicht mehr. Meinem Volk geht’s sehr, sehr schlecht.«