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Martin Lechner

Kleine Kassa

Roman

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www.residenzverlag.at

© 2014 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4454-1

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1622-7

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

I.

Auch wenn es falsch war, falsch, nichts als falsch, rannte er mit dem Koffer die Böschung hinab. Schon versank er in der Wiese. Er müsste sich bloß fallen lassen und kein Mensch mehr, weder von der Straße aus, noch vom Wald, der dort hinten aufragte, grün und schwarz, könnte ihn sehen. Still war es jetzt. Bis auf seine Schritte in den flüsternden Gräsern. Still und warm. Er öffnete das Jackett, prüfte das Hemd. Als würde er bluten, so dunkel waren die Flecken in den Achseln. Er fummelte die drei obersten Knöpfe auf, pustete sich auf die Brust, bis ihm schwindelig wurde. Am liebsten hätte er sich den klebrigen Lappen von der Haut gerissen. Er sah auf die Uhr. Nur dreißig Minuten noch? Er begann zu laufen, stieß die Knie durch die verbüschelten Gräser. Den Koffer zog er hinter sich her über trocken knisternde Wellen. Nach fünfzig Schritten blieb er stehen, beugte sich keuchend vornüber.

Als der Atem sich beruhigt hatte, leckte er sich über die Hand und strich den verwüsteten Scheitel wieder glatt. Wo sollte er hin? Er sah zurück. Hinter der Böschung ragte das Schild empor, die Bushaltestelle, auch das Plakat war noch zu sehen, die Werbung mit dem Mädchen und den vor lauter Sonne fast vollends verblichenen Hotels. Aber wo war die Straße? Er reckte sich, doch die Böschung versperrte den Blick. Kurz entschlossen stellte er den Koffer auf den Boden, die niedergezwungenen Gräser ragten in alle Himmelsrichtungen unter ihm hervor. Er setzte einen Fuß neben den Griff, stemmte sich behutsam in die Höhe, setzte den anderen daneben, und da erblickte er noch einmal den Asphalt, die Strecke nach Niedergellersen und zurück nach Linderstedt. Dunkel abgehoben gegen die Felder durchlief sie in Kurven das Land. Trotz der milchigen Wolken stach ihm das Licht in die Augen. Er spürte die Sicherheitsschlösser, die durch die Schuhsohlen drückten.

Plötzlich, kaum einen Kilometer entfernt, sah er einen Wagen. Totenstill kam er herangeschossen. Ein hellblauer Kleinbus, von dessen erhöhtem Sitz man einen besonders guten, besonders weiten Blick haben musste. Er packte den Koffer und rannte. Gräser, Halme, Blumen, rot und blau und gelb, wischten ihm durchs Gesicht. Weit nach vorn gebeugt, sodass nur sein Rücken noch zu sehen war und er mit Glück als Tier durchgehen würde, jagte er in Richtung Wald. Der Atem stampfte im Hals. Blitzartig sah er auf. Vielleicht hundert Meter noch, dann hätte der Wald ihn verschluckt. Doch als die Motorengeräusche, die zunächst nur schnurrend eingedrungen waren in das Geraschel seiner Flucht, anschwollen zu einem prasselnden Lärm, da warf er sich auf die Erde, lag flach, lag still, presste seine Lider zu. Bis wieder nur das Gras zu hören war, die Wiese mit all ihren wispernden, zirpenden Wiesengeräuschen, und sein Herz, das gegen den Koffer klopfte.

Beim Aufstehen zwang er sich, ja keinen Blick auf die Kleidung zu werfen, eventuelle Flecken, schmierige Erdbrocken, zerquetschte Schnecken, alles kalt zu ignorieren und weiterzulaufen, einfach weiter, den Blick stur auf den Wald geheftet, dessen Stämme, aus der Ferne zu einer Wand verschmolzen, nun langsam auseinanderrückten und seinen Blick hineinließen in einen riesenhaften, von staubigen Lichtbahnen schräg durchfahrenen Raum.

Noch einmal sah er zurück, betete, dass ein Wind die Spur der niedergetrampelten Gräser bald verwischt haben würde, dann betrat er den Wald. Kühl strömte die Luft über seinen nassgeschwitzten Oberkörper. Um sich zu wärmen, raffte er das Jackett zusammen und stiefelte weiter, so schnell er nur konnte. Da allerdings kaum abzuschätzen war, was unter den Blättern alles auf der Lauer lag, Scherben oder Äste oder Igel womöglich, versuchte er, möglichst achtsam aufzutreten. Hatte man sich nämlich den ersten Kratzer zugezogen, konnte man die schönsten Lederschuhe, einerlei, was für wild gewordene Summen man einmal dafür hingeblättert hatte, gleich aus dem Fenster werfen. Wie durch ein Wunder hatten sie den Galopp durch die Wiese unbeschadet überstanden. Doch trotz aller Achtsamkeit, mit der er seine Schritte setzte, war es nicht zu verhindern, dass er immer wieder jählings knöcheltief im Laub versank. Als er das dritte Mal stehen geblieben war, um sich die muffigen Lappen vom Schuh zu zupfen, bemerkte er, dass, bis auf sein eigenes Geraschel, nichts zu hören war. Dabei hatte er in der Wiese noch gehofft, dass seine Schritte hier zur Gänze untergehen würden in einer Art Brandungsrauschen, das durch die Wipfel rollt, im blätterwirbelnden Gehusche der Rehe, im Spechtsgeratter und so weiter und so fort, doch sobald er sich nicht mehr bewegte, wurde es still.

Eilig ging er weiter, kletterte über vermooste, von Blitzen gefällte Riesen, griff versehentlich in bläulich gepickelte Pilze, schüttelte sich den Brei von der Hand, dass es spritzte, trat nach Efeuranken, die seine Knöchel umwickelten, als wollten sie ihm die Beine aus dem Rumpf reißen, versank erneut im Boden, einem unappetitlich schmatzenden Morast, schrie vor Wut über das zweite kotbraune Hosenbein, wienerte wie wild über den Schuh und stapfte weiter durch das langsam erstickende Licht.

Mit einer Boxbewegung ruckte er die Uhr aus dem Ärmel, schaltete die Ziffernblattbeleuchtung ein. Nur neunzig Sekunden noch! Das dritte, das zweite und sogar das erste Mal, als er sich noch bewähren musste, hatte er den Koffer exakt zur richtigen Zeit übergeben. Schon beim zweiten Mal durfte er in das große grüne Sofa sacken, bevor er ihn über den Tisch schob zu Herrn Kraus, dem, wie der Chef immer wieder erklärt hatte, einzig vertrauenswürdigen Menschen, den es in Verwahrungsangelegenheiten gebe in diesem sonst so verkommenen Heidekreis. Herr Kraus, im Sessel auf der anderen Seite des Tisches, hatte den Kofferdeckel hochgeklappt, die kleine Schreibtischlampe, das einzige Licht in diesem mit altersschwach ächzenden Möbeln rammeldichtgestopften Raum, knarrend über den Inhalt gebogen und war für Sekunden unter dem glühenden Deckelrand verschwunden. Als er endlich wieder auftauchte, jetzt von unten angestrahlt und das Gesicht von Kinn- und Nasenschatten schwarz durchschnitten, zeigte er die Schneidezähne und schien hocherfreut über die von Georg herbeigeschleppte Fracht. Oder hatte er bloß die Koffergröße geprüft, weil er selbst etwas hineinlegen wollte? So schwer war der Koffer schließlich gar nicht gewesen, im Gegenteil, und auch gerüttelt hatte nichts darin. Aber wahrscheinlich war die heikle Fracht gut festgezurrt. Jetzt klappte Herr Kraus den Koffer zu, begann eine kleine Melodie zu summen und ging ins Hinterzimmer, den sogenannten Schalterraum. Beim Öffnen der Tür strahlte ein bläulich kühles Licht hervor, ein Schrank war zu sehen, der bis zu seinem Kopf aufragte, ein Tresor vielleicht, vielleicht auch ein Laborschrank, so genau war es nicht zu erkennen, in jedem Fall handelte es sich wohl um jenes Meisterwerk der Verwahrungstechnik, von dem Herr Spick so oft gesprochen hatte und das durch nichts und niemanden zu knacken sei, weder durch ein blitzartig hereingetrampeltes Polizeikommando noch durch ein im Innern versehentlich gezündetes Paket Sprengstoff. Was auch immer es sein mochte, das Georg transportiert hatte oder gleich transportieren würde, wenn sie ihm nichts darüber verraten wollten, dann wollte er auch lieber nichts darüber wissen. Komisch nur, dass Herr Kraus, trotz der Geheimniskrämerei, die Tür zum Schalterraum bloß zur Hälfte geschlossen hatte und jetzt so lautstark mit Herrn Spick telefonierte und dessen Lehrling als fleischgewordene Zuverlässigkeit und großartig zu entlohnende Hilfsperson lobte, dass es nicht zu überhören war.

Das war alles vorbei. Zuckend wanderte der Zeiger durch den Kreis. In weniger als achtunddreißig Sekunden würde er, Georg, der Lehrling von Oskar Spick, durch die Welt laufen, nichts anderes mehr als einer dieser Bettler und Verbrecher, denen der Chef die ausgestreckten Hände am liebsten an den Kopf nageln würde. Die Uhr dicht vor den Augen, rannte er durch das Dickicht. Dreißig Sekunden noch. Er preschte durch ein Gebüsch, verhakte sich, stürzte, riss sich frei und jagte über eine Lichtung wellenartig wogender Farne. Noch zehn Sekunden, noch neun, noch acht, sieben, sechs, fünf, vier. Plötzlich verlor er den Halt und rutschte auf einem Teppich öliger Blätter kreischend ins Nichts. Er krachte gegen einen Baumstamm. Benommen kam er auf die Beine, wollte weitersprinten, egal wohin, nur weg, nur fort. Da stockte er. Wenige Schritte voraus. Kalkweiß. Da guckte etwas aus dem Grün. Kalt strömte ihm die Luft den Hals hinab. Er trat näher. Vorsichtig schob er die Blätter auseinander, ließ sie erschrocken wieder los. Rücklings auf den Boden geschmettert, Blut über das Hemd gesprengt, eine dunkelbraune Wunde auf der Stirn, lag dort ein Junge, die Pupillen an die oberen Lidränder gerollt, starrte er schräg in die Höhe. Hektisch sah Georg sich um, ob vielleicht, doch nein, hier war kein Mensch. Erneut schob er die Farne auseinander. Er hatte schon tausende Tote gesehen, auf das Widerlichste in Stücke gesägte Leiber, von Maschinengewehrsalven durchlöcherte Brustkörbe, nach Jahren aus blubbernden Tümpeln geborgene Körperklumpen, die irgendein zerknitterter Fernsehkommissar sogleich fachmännisch betastete, aber er hatte noch niemals eine Leiche gesehen, einen echten Toten, geschweige denn berührt. Er streckte einen Zeigefinger aus und führte ihn, zögernd zunächst, da er nicht wusste, ob ihn im nächsten Augenblick nicht doch die Übelkeit durchzucken würde, das Grauen, die Angst, ruckartig hinab auf die fremde Stirn. Immer hatte er geglaubt, diese erste Berührung würde ihn dermaßen zusammenstauchen, dass ihm, wenn er nach dem ersten Krampf die Augen wieder aufschlug, die hochgewürgten Därme aus dem Mund baumelten. Aber er war ruhig, ganz ruhig war er jetzt. Wo schaust du hin, mein Freund? Er folgte dem Blick, der unter seiner Hand hervorstarrte bis in das lichtdurchstoßene Wipfeldach, spürte unter seiner Fingerspitze den verkrusteten Rand der Wunde. Nur ein Klopfen soll man spüren, heißt es, wenn eine Kugel in den Schädel schlägt. Da fiel sein Blick in den Mund. Im Dunkeln lag die Zunge. Ein violetter, weißlich gepunkteter Lappen. Der sich zu strecken schien!

Schreiend sprang er auf, raste los, Äste schrammten ihm durchs Gesicht, Pfützen spritzten unter seinen Schritten hoch, er hechtete über Blätterhaufen und schlingenhaftes Wurzelwerk, verhedderte sich, krachte ins Gehölz, und rannte, rannte, rannte, bis er ein letztes Gebüsch durchbrach und hinausfliehen konnte auf das knochentrockene, im späten Sonnenlicht kühl und atemlos daliegende Feld. Plötzlich stolperte er und rammte Kopf voran in eine Ackerfurche.

Als ein Motorengeräusch ihn weckte, dämmerte es schon. Im Augenwinkel sah er einen Mann, der auf einem röchelnden Mofa über den Acker herankurvte. Er wagte nicht, den Kopf zu drehen, geschweige denn davonzurennen, obwohl er es sicher geschafft hätte, wieder in den Wald zu entwischen, doch bei der geringsten Bewegung schwang ein gusseiserner Glockenklöppel durch seinen Schädel, schlug donnernd gegen die Wände. Es blieb nur zu hoffen, dass der Mann, dessen Helm in den Wolken des aufgewirbelten Staubs alarmrot leuchtete, einfach vorüberfahren würde. Doch der Mann kam geradewegs auf ihn zu. Als er schließlich stoppte, keine zehn Meter entfernt, drang der Heidefunk heran. Ein Radio war an den Lenker geschnürt. Georg schloss die Augen. Vielleicht dachte der Mann, dass er schliefe, und würde ihn einfach in Ruhe liegen lassen. Bevor das Radio verstummte, ließ der Moderator seine Stimme anschwellen wie ein Ringrichter und kündigte ein rasend unwahrscheinliches Wochenende an, Entschuldigung, ein unwahrscheinlich rasendes, ja, ein regelrechtes Hochgeschwindigkeitswochenende erwarte den Hörer hier bei uns im Heidekreis. Dann war nur noch der leise rasselnde Motor zu hören und die Schritte des Mannes, der langsam nähertrat.

Schon klopfte es an Georgs Brust, eine Hand umfasste seinen Hals, drückte gegen den Kehlkopf, eine Sekunde bloß, doch der Würgereiz war angeruckt. Verbissen versuchte er zu verhindern, dass ihm ein Erstickungskrächzer aus dem Rachen krachte, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, zählte er, um sich besser zu konzentrieren, doch ohne Erfolg. Ach, wie viel lieber hätte er, während die Schmerzen verpochten, reglos hinaufgeschaut in das zügig verdunkelnde Blau, statt sich jetzt durch irgendein dämliches Fragespiel zu wursteln. Aber als er die Augen aufschlug, bemerkte er, dass der Mann noch immer seinen Helm trug und ihn gar nicht gehört hatte. Mit feuchtgehecheltem Visier lauschte er an Georgs Hosenstall. Bevor er den Reißverschluss, den er bereits ergriffen hatte, herunterzerren und nach Verletzungen wühlen konnte, die es gar nicht gab, klopfte Georg gegen die rote Plastikschale. Erschrocken schnellte der Mann in die Höhe. Starr stand er da, die Finger weit gespreizt. Bis er Georg plötzlich am Kragen packte und über den Acker schleifte wie eine abzustechende Sau.

»Ich habe geschlafen!«, schrie Georg und versuchte strampelnd auf die Beine zu kommen. Aber keine Chance. Als er schon fürchtete, er würde so lang herumgeschleift, bis ihm der Kopf zerplatzte, ließ der Mann ihn fallen und blickte stumm auf ihn herab. Georg krabbelte zwischen den pfeilerdicken Beinen hervor und rappelte sich auf.

»Ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt«, sagte er. Statt einer Antwort zerrte sich der Mann den Helm vom Kopf und schüttelte seine weichen, dunkel durchbluteten Wangen. Georg drückte die Brust heraus. Also gut, obwohl es in seinem Schädel weiterhin unbarmherzig klopfte, und obwohl die Schleiferei eine Unzahl fransiger Löcher in seinen Anzug geschmirgelt hatte, und obwohl er sich am liebsten in Luft aufgelöst hätte und unsichtbar davongewabert wäre, wollte er trotzdem höflich sein und sich bedanken, denn wer sich höflich bedankte, zumal bei so einem Untier in Hochwasserhosen, der hinterließ einen harmlosen Eindruck, und wer einen harmlosen Eindruck hinterließ, den hatte man schnell vergessen. Doch bevor er ein Wort herausgebracht hatte, legte ihm der Mann seine warmgeschwitzte Pranke in den Nacken.

»Na, na«, sagte er und begann zu kneten. Offenbar glaubte er, Georg würde weinen. Dabei war ihm bloß ein bisschen Staub ins Auge geweht. Aber sollte er glauben, was er wollte. Die Kneterei war so wunderbar, dass sich Georg liebend gern ein bisschen Zwiebelsaft ins Auge gespritzt hätte, wenn der Kerl nur weitermachte.

»Alles in Ordnung«, sagte er schließlich und tupfte sich die Tränen fort. Er wusste selber nicht wieso, aber jetzt musste er daran denken, wie er manchmal an dem kleinen Pult gehockt hatte, oberhalb der Treppe, wo sonst nur der Chef persönlich saß und von wo aus der schmale, sich schlauchartig bis zum Schaufenster hinziehende Laden fast vollständig zu überblicken war. Hier hatte er die Listen zu studieren, die Schraubenlisten, die Werkzeuglisten, die Messerlisten, und war gleich zu Beginn der Lehre schon tief miteinbezogen worden in die Organisation und Sicherung des Geschäftsstandes. Das war schon etwas anderes, als lediglich gähnend an der Kasse zu hocken oder im Keller die Messer zu polieren. Sobald sein Kopf vor lauter Zahlen so sehr schwirrte, dass er Gefahr lief, einen Fehler zu machen, sah er auf und betrachtete Herrn Spick. Meist marschierte sein Chef, die Arme auf den Rücken gelegt, die Reihen der Regale ab. Hin und wieder zog er die Träger seines Blaumanns stramm. Umso erstaunlicher war es jedes Mal, wie elegant und geradezu tänzerisch er sich bewegen konnte, wenn Kundschaft kam. Beispielsweise, wenn er einen widerspenstigen Käufer durch leichten Druck ins Kreuz von seinem bereits eingeschlagenen Weg nach draußen unmerklich umzulenken verstand vor das Regal mit den frisch geschliffenen Küchenmessern. Oder wenn er Handhabe und Wesen einer Axt demonstrierte, dem Kunden beiläufig ins Gedächtnis rief, dass dieses Hauwerkzeug zum Fällen, Entasten und Entrinden von Bäumen oder zum Spalten, Behauen und Zurichten von Holz, im Unterschied zum gewöhnlichen Beil, beidhändig am Stiel, auch Holm genannt, zu fassen sei.

Jetzt hatte der Mofamann jegliche Bewegung eingestellt und blickte stumm hinaus in die Landschaft, so versunken, dass Georg ihn nur ungern stören wollte. Auch wenn er leider vergessen hatte, die Hand aus seinem Nacken zu entfernen. Gerade wollte Georg zur Seite stolpern, so, als sei ihm kurz schwarz vor den Augen geworden, das kam vor, wenn man so verrückt herumgeschleift und dann abrupt in die Höhe gerissen wurde, da löste der Mann die Hand von selbst und schwang sie über das gesamte, am Horizont bereits von der Dämmerung verschlungene Land.

»Hier überall sehe ich nach dem Rechten«, sein Gesicht hob sich rot ab von der Front des eingedunkelten Waldes. Georg nickte und ließ einen Augenblick verstreichen.

»Jetzt muss ich mich verabschieden«, sagte er dann und setzte sich, indem er leise in die Hände klatschte, in Bewegung, »vielen Dank für das Wecken.«

Er war bereits einige Schritte gegangen, als der Mann mit einer kraftvollen und vermutlich bis weit über die umliegenden Äcker hin hörbaren Stimme fragte: »So eilig musst du fort?«

»Leider!«, rief Georg, und statt sich herumzudrehen und anzudeuten, dass er sich vielleicht doch zu einem Schwätzchen überreden ließe, bei dem man ihm vielleicht doch sein ganzes Leben aus der Nase ziehen könnte, blickte er, den Arm gut sichtbar zur Seite gewinkelt, damit der Kerl seine Eile auch begriff, auf die Uhr. Punkt sechs war es jetzt. Ihm schien, als verpuffe der Boden unter jedem seiner Schritte. Längst würde Herr Spick mit Herrn Kraus telefoniert haben. Vielleicht saß er schon im Wagen und raste die ganze Strecke ab. Vielleicht war er längst auf der anderen Seite des Walds, hatte seine durch die Wiese gewühlte Spur bereits entdeckt, pirschte schon durchs Unterholz, bewaffnet mit einer kräftigen Taschenlampe, deren langer weißer Finger sich tief ins Waldesdunkel bohrte. Schlagartig, als hätte er in eine Steckdose gefasst, blieb Georg stehen. Das konnte ja nicht wahr sein! Doch kaum hatte er sich herumgeworfen, um nach der Stelle zu suchen, an der er aus dem Wald gekommen war, nach seiner Spur, die zurückführte zu dem aufgerissenen Mund, der zitternden Zunge, den Farnen und, verdammt noch mal, dem Koffer, da trat ihm der Mann entgegen.

»Eine schöne Uhr hat er da«, sagte er und senkte sein Gesicht herab.

»Lassen Sie mich!«, Georg wich zur Seite.

»Wie bitte, ich soll dich fassen?«, der Mann lächelte.

»Nein, ich muss fort«, sagte Georg und marschierte, bevor der Mann ihn wieder durch den Dreck schleifte, schnurstracks davon. Das Beste würde sein, wenn er diesen Kerl möglichst schnell abhängte und erst später zurückkehrte.

»Was sind das eigentlich für Menschen«, schallte es über die Landschaft, »die tagsüber auf einem Acker schlafen?«

»Ich habe mich ausgeruht.«

»Ausgeruht hat er sich!«, rief der Mann und lief mit unvorhersehbar leichten Schritten an ihm vorbei, »ich habe schon einiges gesehen, aber dass sich einer ausruht, in einer Ackerfurche, noch dazu am Abend, wenn es langsam kalt wird und dunkel und feucht, das ist doch sonderbar, höchst sonderbar.«

»Es wird nicht wieder vorkommen«, erklärte Georg schnell und überlegte, ob es nicht vielleicht ein geschickter und selbst von Herrn Spick so schnell nicht zu durchschauender Schachzug wäre, wenn er den Koffer dort ließe, wo er ihn verloren hatte, nämlich neben der Leiche im Wald. Er nahm die Uhr vom Gelenk und reichte sie dem Mann.

»Für das Mofa«, sagte er und nickte in Richtung des leise tuckernden Gefährts. Der Mann aber war sofort so gefangen genommen vom Anblick dieser wunderbaren Uhr, dass er sich nicht mehr rührte. Gleich vom ersten Gehalt hatte Georg sie gekauft, um seinem Wunsch, immer pünktlich zu sein, sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Und Herr Spick, auch wenn er ihn morgens meist mit einem Blick zu der stets zwei Minuten schnelleren Geschäftsuhr begrüßte, wusste das Vorhaben seines Lehrlings wohl zu schätzen.

»Für das Mofa«, wiederholte er.

»Dienstfahrzeug«, erklärte der Mann und ließ die Uhr in seine Hosentasche gleiten. Georg lächelte über den kleinen Scherz und wartete, dass er die Uhr zurückbekam. Doch der Mann hob bloß seine leeren Hände und spreizte die Finger.

»Sie geben mir augenblicklich meine Uhr zurück«, sagte Georg und trat sicherheitshalber einen Schritt nach hinten.

»Aha, und wie soll ich ohne Dienstfahrzeug meinen Dienst erfüllen?«, fragte der Mann laut, »siehst du, das weißt du nicht!«

»Ich habe Ihnen was gesagt.«

»Jetzt sage ich dir mal etwas«, erwiderte der andere mit einer sich plötzlich scharf zwischen die Augen senkenden Falte, »wenn einer halb tot in der Landschaft liegt und behauptet, er ruhe sich aus, dann fragt man sich: Hat dieser Mensch kein Bett? Hat dieser Mensch keine Wohnung? Und wovon ruht er sich eigentlich aus?«

Kurz wusste Georg keine Antwort.

»Das ist ja Blödsinn«, sagte er dann.

»Landstreicherei ist kein Blödsinn«, der Mann zeigte auf Georgs Stirn, »sondern strafbar.«

Statt noch einmal um die Uhr zu betteln, stemmte Georg die Fäuste in die Hüften und kehrte dann lächelnd seine Schokoladenseite hervor.

»Bitteschön, was sehen Sie?«, fragte er.

»Nun«, der Mann hustete und spie aus, »eine aufgerissene Schulter sehe ich, eine blutig geschrammte Stirn, ein Hemd, an dem, warte mal, drei, vier, fünf Hasenköttel kleben, eine käsebleiche Visage, einen …«

»Aber das kann man doch in Ordnung bringen!«, rief Georg und drückte das halb herausgerissene, lächerlich aufragende Schulterpolster wieder zurück in seine Höhle. Natürlich sah der Anzug augenblicklich ziemlich übel aus und natürlich müsste die Nähmaschine hier und da mal rüberrattern, aber grundsätzlich stellte er noch immer jene tüchtige Anlage dar, mit der man Eindruck machen konnte, und zwar auf die Kunden, vor allem auf die Weiber, auch dann noch, wenn man darüber den Arbeitskittel trug, meinetwegen aufgeknöpft, aber ohne den Arbeitskittel kommst du mir nicht ins Geschäft.

»Den ganzen Tag am Boden lungern, eingesaut, abgerissen, ohne Bewusstsein, vollgepumpt mit irgendeiner Schweinerei, die den Verstand zerfrisst«, murmelnd durchwühlte der Mann seine Taschen, »doch wehe, man wagt es, nachzufragen, ob alles seine Ordnung hat, dann hagelt es Lügen, Lügen, immer nur Lügen!«

»Aber nein, ich bin Lehrling, ehrlich, kaufmännischer Lehrling, in einem Eisenwarenhandel, in Linderstedt, bei …«, am liebsten hätte er sich die Zunge aus dem Mund gerissen und in Stücke gehackt! Doch der Mann, statt ihn fragend zu fixieren, fuhr bloß brummelnd fort, seine Taschen rauszuzupfen, bis lauter schmuddelige Zipfelmützen an ihm herunterbaumelten, allesamt leer, bloß eine kleine Taschenlampe hatte er hervorgekramt und sogleich wieder verstaut. Mürrisch krempelte er den linken Ärmel hoch.

»Zum Kuckuck«, sagte er, als er einen ölig schillernden Unterarm freigelegt hatte, »hast du kein Papier dabei?«

»Leider nicht«, sagte Georg, erleichtert, dass der Mann auf sein Geschwätz nicht eingegangen war, »wozu?«

»Ich habe meinen Block vergessen«, sagte er und knöpfte sein Jackett auf. Prall, als wüchse ein außerirdisches Ungeheuer darin, das jeden Augenblick ans Licht platzen wollte, so schwoll der nackte Bauch hervor. Der Mann nickte einmal, dann suchte er in seiner Innentasche. Offenbar war sie zerlöchert, sodass er sich mit der Hand bis zum Saum hinuntergraben musste. Als er sich dabei so weit zur Seite lehnte, dass es ein Wunder war, dass er nicht umkippte, setzte Georg warnend eine Fingerspitze gegen die mondweiße Bauchkugel, bereit, den Mann zu stützen, falls er stürzte, spürte den Widerstand des Körpers, die cremig glatte Haut, die Wärme dahinter und die Kälte im eigenen Leib. Ja, nach dem warmen Nachmittag war es jetzt kalt geworden, und wenn der Mann nicht so ein verschwitztes Ekel wäre, hätte Georg ihn gerne fest umarmt und sich ein wenig aufgewärmt. Mit einem Klaps entfernte der Mann den fremden Finger und zog, wohl um zu prüfen, ob der mühselig hervorgekämpfte Kugelschreiber überhaupt noch schrieb, eine Linie über seinen Bauch.

»Mann, Mann, Mann«, sagte er, als die bläuliche Spur nach wenigen Zentimetern wieder zerfloss.

»Ich möchte jetzt gehen«, erklärte Georg, aufatmend, da sich der Schmerz in den Schläfen langsam zu einem hellen Surren verdünnte.

»Eine Minute wirst du warten können«, sagte der andere und marschierte zu seinem in der Dämmerung leise bibbernden Mofa. Am liebsten wäre Georg einfach davongerannt. Doch was immer der Mann noch für Mätzchen im Sinn hatte, je weniger Widerstand er dagegen leistete, desto schneller würde er entlassen und dann vergessen sein. Also wartete er. Auch wenn es eine Schande war, dass er sich die Uhr so einfach hatte abnehmen lassen. Zumal es ihm vorkam, als ob die Zeit dadurch noch schneller liefe. Am liebsten hätte er auf sein Handy geschaut, um das Gefühl zu überprüfen. Doch die Gefahr, dass ihm der Mann auch das noch entriss, war zu hoch. Er sah zum Himmel auf. Ein kleines Weilchen noch, dann war auch das letzte Blau verflogen und er würde geradewegs in den Weltraum hinausblicken.

Ächzend hievte der Mann einen Fuß auf den Gepäckträger und zottelte das Hosenbein hinauf. Er hatte den Stift schon schreibbereit auf das gelbe, zitternde Wadenfleisch gesetzt, als er sich herumdrehte und laut fragte, ob er sich erst mit seinem nackten Hintern auf Georgs Gesicht setzen müsse oder ob er freiwillig ausspucken wolle, wie sein Name laute und warum er auf dem Acker gelungert habe und wo und bei wem und seit wann er seine sogenannte Lehre in Linderstedt absolviere.

»Wenn Sie es so genau wissen wollen«, begann Georg langsam, während er nähertrat, den Kopf gesenkt und seine widerlich zerkratzten Schuhe im Blick, »dann muss ich Ihnen erst einmal erklären, was unser Geschäft von der Vielzahl ähnlicher Geschäfte, vor allem aber von der Metallwarenabteilung des Kaufhauses, unterscheidet. Es ist nämlich so, dass …«

»Den Namen will ich wissen!«, rief der Mann und kritzelte, bevor er das Gleichgewicht verlor, irgendwas auf seine Wade, Lehre in Linderstedt vermutlich. Sollte er doch. Den Namen des Chefs verrate ich dir im Leben nicht: Oskar Spick! Schon sah er ihn die Tür abriegeln. Das Tastfeld schützend mit der Hand umschirmt, tippte er den Alarmcode ein. Dann warf er sich in seinen Wagen und jagte los. Herr Spick war ein grimmig entschlossener Mensch. Niemals würde er die Polizei rufen und dort um Schutz und Hilfe betteln, zumal nicht in Fragen des Koffers. Derlei Dinge konnte er mit seinen eigenen zwei Händen erledigen. Einerlei, ob er noch jemanden anrief und in Gang setzte, er würde noch im Augenblick des Hörerniederlegens eben diesen angerufenen und in Gang gesetzten Personen gleich wieder misstrauen und die Sache selbst in Angriff nehmen. Diese Art, das eigene Denken und Handeln durch niemanden infrage stellen, geschweige denn ersetzen zu lassen, erst Recht nicht durch einen Affenstall von Polizeirevier, das war, wie Georg schon früh herausgefunden hatte, eine der hervorstechendsten Eigenschaften seines Chefs. Jetzt fraßen seine Scheinwerfer die Mittelstreifen. Jetzt quietschte das frisch bezogene Lederlenkrad in seinem Griff, und neben ihm, auf dem Beifahrersitz, lag die doppelläufige Bockbüchsflinte, sein Lieblingsgewehr, das stets blank geputzt über dem kleinen Pult hing. Nach dem Wochenende erzählte er manchmal von seinem letzten Jagdausflug und dem anschließenden Verspeisen des Wildes, wie er es gelegentlich mit dem Rauchwarenhändler Zack zusammen unternahm. Aufgrund der wiederholten und detailreichen Schilderungen dieser Jagd- und Wildverspeiseunternehmung hatte Georg eine sehr klare Vorstellung von seinem Chef und Herrn Zack, wie sie, von hechelnden Hunden umstrichen, durch den Wald pirschten, vom Schuss und von der Knochensäge, vom Aufbrechen des Tieres, vom Ausdrücken der Blase, damit das Fleisch nicht verstinkert, vom Rausziehen der Gurgel mit diesen beiden Händen hier, oder wie sie später in einem Esszimmer saßen, Herr Zack und Herr Spick, vor sich auf den Tellern einen mit dunklen Soßen übergossenen, jäh aus dem Lauf geknallten Hasen.

Georg, die Gummigriffe fest umklammert, röhrte durch eine Ackerfurche. Hinter ihm schrie es. Blitzschnell sah er sich um. Wenige Meter hinter ihm fingen die Hände des Verfolgers schon das Rücklicht. Rot glühende Grabscher. Er drehte das Gas weiter auf. Kiesel spritzten gegen den Tank. Dass er Georg den Bauch aufschneiden würde! Dass er seine Gedärme zwischen Bäume spannen würde! Dass er seinen Kopf abschlagen und anzünden würde, wenn er nicht augenblicklich von der Maschine springe, brüllte der Fettsack. Als wäre diese Schrottkiste mehr wert als die Uhr. Aber wie sehr er auch brüllte und drohte und tobte, kaum dass Georg den Feldweg erreichte und endlich richtig beschleunigen konnte, war nichts mehr zu hören als nur noch das anschwellende Dröhnen des Motors. Noch einmal sah er über die Schulter. Weit hinter ihm, am Ende des Weges, riss ein daumengroßer Zwerg die Arme hoch und schien mit den Fäusten anzukämpfen gegen die Dämmerung, die ihn langsam verschluckte.

Nach einer Weile kam er auf eine Landstraße. In weit ausschwingenden Slalombögen kurvte er um die vergilbten Mittelstreifen. Als er schließlich den Blick wieder hob und die geschorenen Felder unter dem fast erloschenen Tagesblau dahinströmen sah, da war ihm, als durchfahre er diese Landschaft, in der er zu Hause war, seit er denken konnte, zum allerletzten Mal. Bis auf die Klassenfahrten, ein paar Ausflüge an die Elbe und einige schon blass gewordene Ostseeurlaube mit den Eltern hatte er den Heidekreis kaum je verlassen und, abgesehen vom letzten Halbjahr in der Schule, auch nie verlassen wollen. Nach Beginn der Lehre hatte er seine Zeit sogar noch lieber in Linderstedt verbracht als zuvor, wenn auch vor allem in seiner Wohnung und dort am liebsten glotzend in seinem Sitzsack versunken oder in der Küche auf der Küchenbank. Er wusste nicht mehr, wie und wann es angefangen hatte, aber manchmal, wenn das wochentags seit der Frühe dastehende Schmutzgeschirr sich wieder sauber in den Regalen stapelte, ließ er abschließend einen grellgrünen Klecks Spülmittel auf den Grund eines Glases fallen, stürzte Wasser hinein, bis der Schaum sich knisternd über den Rand wölbte, und sackte dann auf die geliebte Küchenbank. Bis vor wenigen Jahren hatte sie noch im Haus von Papas Mama gestanden, auch in der Küche, auch am Fenster, aber mit Blick über den sanft hangabwärts sich neigenden Garten. Dann war die Großmama gestorben und nach einigen trübe im Keller Am Brockwinkler Weg verbrachten Jahren stand die Küchenbank nun hier. Er saß gern darauf, sah hinaus auf die Dächer und den dazwischen hervorblickenden Platz am Sande und wiegte seine Nase in den aufsteigenden Zitrusdüften. Endlich wagte er dann, den manchmal schon seit dem Mittag ersehnten Schluck zu nehmen. Es hatte Tage gegeben, an denen er über eine Viertelstunde durchgehalten hatte, mit Schaumwolken im Mund, die so scharf in seine Zunge bissen, dass er später, wenn Mama ihn nach ihrer Spätschicht anrief, um sich den Tag berichten zu lassen, nicht einmal ans Telefon ging. Und während ihre Stimme aus dem Anrufbeantworter durch den Flur geisterte, sah er weiter hinaus in die sich langsam verdunkelnde und mit aufblinkenden Lichtern wieder belebende Stadt.

Nie zuvor hatte er allein gelebt. Er war nicht einmal länger als sechs Tage von zu Hause fort gewesen. Und doch hatte er sich Wunder wie schnell daran gewöhnt, an alles, an die Stille zwischen den Wänden genauso wie an die hundertsechsundsiebzig Schritte, die er sonntags von der neuen Wohnung hinüber ins Eiscafé auf dem Sande gelaufen war. Im Schatten des großen, in leichter Schieflage in den Himmel sich reckenden Kirchturms löffelte er Spaghettieis. Stündlich schlugen die Glocken über den Platz und verschluckten die Melodie des Spielzeugdrachen, der wackelnd vor dem Café stand und die Kinder mit blinkenden Augen verlockte, auf ihm davonzufliegen, wohin sie nur wollten. Auch Georg hatte sich gelegentlich auf den grünlichen Rücken geschwungen und träge an der Waffel knabbernd die Touristen beobachtet, wie sie in Gruppen über den Sande wieselten und die Giebel der krumm und schief gewachsenen Häuser fotografierten. Oder die Freitagabende! Wie gerne war er, wenn ihn Clemens wieder einmal in die Enge getrieben und endlich lächelnd matt gesetzt hatte, noch eine Runde über den nächtlichen Marktplatz gegangen. Eine Weile stand er still auf den Pflastersteinen und ließ die Niederlage verdampfen und freute sich auf den kommenden Tag. Am Samstag hatte er nämlich weiter nichts zu tun, als sich von Mama, falls sie nicht gerade Frühschicht hatte, bekochen zu lassen, und manchmal, alle vier Wochen bloß, nachmittags zu Papa in den Schrebergarten zu schlendern. Abends sowie den ganzen Sonntag über konnte er sich dann in aller Ruhe dem stundenlangen Studium alter Schocker widmen oder wonach ihm sonst der Sinn stand. Schließlich dachte er an gar nichts mehr und glotzte bloß noch auf die bunten Lichter des Kaufhauses, das Herr Spick am liebsten in die Luft gesprengt hätte.

Wenn er nur wüsste, ob der Chef außer Herrn Kraus und ihm, dem Lehrling, über andere Vertraute verfügte. Zwar hatte Herr Spick immer wieder erklärt, wenn Frau Röhrs ihn nicht so überaus reizend darum gebeten hätte, ihren Sohn, diese faule Socke, bei sich aufzunehmen, dann würde er den Laden weiterhin alleine schmeißen, was für die rasanten und manchmal radikalen Manöver eines Kaufmanns ohnehin viel besser wäre. Aber wie so viele, wenn nicht die meisten, ja, im Grunde alle Dinge, die die Geschichte, den Umfang und den Zustand des Geschäfts betrafen, so lag auch die Zahl der zusätzlichen Vertrauten, zumindest für den Lehrling, im Dunkeln. Und das war sein Glück, sagte Herr Spick. Denn wenn der Lehrling alle diese Dinge, die als Sorgen im Kopf des Chefs glühten und brannten, kennen würde, dann ginge er vor lauter Verantwortung in Flammen auf. Nein, ein Chef durfte sein Wissen nicht mit einem großen Schwall über dem Lehrling ausschütten. Er musste ihn vielmehr mit aller Vorsicht zunächst nur an die niedrigsten Tätigkeiten heranführen und konnte ihm erst gegen Ende tiefere Einblicke gewähren in die riskante Führung und Verteidigung eines Einzelhandels mit Eisenwaren hier in Linderstedt.

Auch wenn Georg bis zum Ende der Lehre in anderthalb Jahren noch einiges hätte lernen müssen, fast alles, um genau zu sein, so hatte er doch klar vor Augen, was Herr Spick jetzt tun würde. Mögliche Fluchtrouten nachzeichnen, das würde er tun, jeden Winkel und jedes Schlupfloch markieren auf der großen Heidekreiskarte hinten im Büro, ihm nachjagen mit einer grellroten Linie, die sich schnell über die Straßen heranschlängelte bis unter die rasend sich drehenden Reifen des geraubten Mofas.

Ruckartig bremste er und zerrte, noch bevor er voll zum Stillstand gekommen war, das Handy aus der Hose. In jedem noch so stoffelig zusammengestrickten Sonntagabendkrimi wurde ein Verbrecher durch die ahnungslos abgesonderten Funkströme bis auf den Meter genau geortet, aber er gurkte hier durch die Gegend, als wäre er ganz allein auf der Welt! Er presste den Daumen auf den Off-Schalter, als wollte er das Gerät ersticken. Flimmernd erlosch das Display und spiegelte, als es endlich gänzlich schwarz geworden war, sein Gesicht. Da musste er weinen. Blind vor Tränen glitt er vom Sattel, sackte in die Hocke und saß winzig klein am Rand dieser Fläche von Feldern, über die sich die Dunkelheit heranwälzte.

Schließlich, als seine Nase nur noch leise blubberte und ihn keine weitere Tränenwoge mehr aufbäumte und zusammenstauchte, schien es ihm, als könnte er einfach aufstehen und nach Hause gehen. Da glühten am Ende der Straße zwei Autoaugen auf. Bevor das Licht ihn erfasste, den zusammengebrochenen Räuber am Straßenrand, zerrte er das störrische Mofa hinter ein Gebüsch und krallte sich am Boden fest. Was sollte er tun? Das Auto brauste vorüber. Ganz gleich, ob er in dem verwirrendsten Zickzack weiter hin und her jagte oder ob er wimmernd hier liegen bliebe, bis er aufgegriffen wurde, von Herrn Spick oder von der Polizei, seine Wohnung würde er nicht wiedersehen, nein, er würde fliehen müssen, weit über den Heidekreis hinaus, und wenn es sein musste, dann eben auf diesem müde röchelnden Mofa, wenn auch lieber in einem Zug und am liebsten in diesem Nachtzug, von dem Marlies ihm erzählt hatte, so einer dunkelblauen Rakete, die schon eine halbe Stunde, bevor sie losschoss, zischend am Bahnsteig stand, sodass, wer früh genug da wäre, sich gleich ins Abteil verdrücken und auf die Liege werfen konnte, diese schöne, schmale Bahre unter der gewölbten Decke des Waggons, um auf die Geräusche der Fahrgäste zu lauschen, die sich durch den Gang rauften, auf das Gemuffel des Schaffners und auf die ans Glas gehauchten Wiedersehenswünsche, bis endlich alle Türen auf einen Schlag ins Schloss krachen und der Zug sich langsam, so langsam, als führe der Bahnhof ab, in Bewegung setzt, schon über die Elbbrücken rattert und ganze Länder durchquert auf dem Weg zu diesen nackten, grauen Stränden, dorthin, wo niemand mehr brutzelt und kreischt, zu den winterlich leergefegten Promenaden, allein dorthin rast der Zug, das Abteil, unsere Liege, mein Lieber, auf der wir dicht beisammenliegen, mit offenen Mündern und gefalteten Händen, mit offenen Mündern und heimlich wandernden Händen, denn die Hände, sie beginnen zu wandern, hoch zur Stirn wandern sie und von der Stirn hinab in die Nacht.

Wieder auf den Beinen, wusste er nicht, wie viel Zeit vergangen war. Eine halbe Stunde vielleicht. Oder anderthalb? Was machte das für einen Unterschied. Er zog den Kamm aus der Tasche. Zwar würde der Fahrtwind den Scheitel gleich wieder zerwühlen, aber für einen Augenblick wollte er nichts anderes spüren als nur die Zinken des Kamms, die langsam über seinen Schädel fuhren und das wild gewordene Haar in schnurgeraden Linien hervorströmen ließen.

Nachdem er eine Zeit lang weitergefahren war, mal links abbiegend, dann wieder rechts, erreichte er eine kleine Ortschaft, Bieskamp. Auch wenn er nicht begreifen konnte, was für verworrene Wege und Umwege ihn hier hergeführt hatten, so war er doch augenblicklich froh. In Bieskamp würde ihn Herr Spick im Leben nicht vermuten! Denn keine sechs Kilometer weiter und er wäre in der Gellerschen Samtgemeinde, zu der auch, wenn auch als kleinster und heruntergekommenster Teil, Niedergellersen zählte. Dass er sich in einer derartig unverschämten Nähe zur Kleinen Kassa aufzuhalten wagte, in der ersten Nacht nach dem Raub, das würde ihm der Chef nicht zutrauen.

Mit abgestelltem Motor, damit das Geknatter niemanden ans Fenster lockte, rollerte er die Straße hinab. Schwarze Schlaglöcher klafften im Asphalt. Knapp dreihundert Meter voraus leuchtete ein Gaststättenschild. Vielleicht hatte er Glück und bekam noch etwas zu essen. So, wie sein Magen sich gurgelnd ausdehnte und immer wieder wütend zusammenzog, würde er nicht den kleinsten Gedanken fassen können. Die bevorstehende Nacht, ja, schon die nächste Stunde erschien ihm als ein dunkles und haariges, ins Leere sich öffnendes Loch, das ihn mit einem Happs verschlucken könnte. Zur Zerstreuung sah er sich um, studierte die Häuser, mürbe wirkten sie, zusammengestaucht von der Last ihrer Dächer. Von einem Scheunenfirst blickten zwei hölzerne Pferdeköpfe herab.

Er schob das Mofa in einen Seitenweg, der zwischen zwei Häusern zu den Feldern führte und nur erhellt wurde von dem Mond und den flackernden Sternen in dem inzwischen fast gänzlich freigefegten Himmel über seinem Kopf. Ein Weilchen stand er da und dachte an das irrsinnige Weltraumstudium, dem sein Vater, seit er vor drei oder vier Jahren die Firma verlassen hatte, verfallen war und für das er das gesamte, von Großmama erhaltene Erbe verschleuderte. Als in einem der Gärten eine Lampe aufflammte, lief er geduckt zur Straße zurück. Er rieb und knetete seine Hände, um die Kälte zu vertreiben, die ihm der verfluchte Fahrtwind in die Knöchel gepfiffen hatte. Vor ihm lag der Ginsterhof. Während er die Stufen zum Eingang hinaufstieg, stopfte er sich die verdreckte Jacketthälfte in den Hosenbund, ganz egal, wie vertrottelt es aussah, Hauptsache, er wirkte nicht wie ein arbeitsscheuer Schweinehund, der sein Leben lang am liebsten bettelnd auf der Erde lag.

Von Weitem war lautes Gerede aus den Fenstern gedrungen, Bierseligkeiten von gut und gerne fünfzig Mann, doch kaum dass er die Tür geöffnet hatte, da wehte eine Wolke jäh abgewürgter Stimmen über ihn hinweg und es wurde still im Ginsterhof. Die Männer am Tresen, die ihm die Rücken zukehrten wie Schildkrötenpanzer, kippten langsam die Köpfe in den Nacken, so, als tränken sie gleichzeitig ihre Gläser aus. Tatsächlich aber blickten sie bloß in den länglichen Spiegel über dem Flaschenregal, in dem die Gaststubentür zu sehen war, riesengroß, und er, Georg, der sie mit den Fingerspitzen wieder ins Schloss drückte. Er nickte einmal zur Begrüßung, und als die Mannschaft darauf bloß die Köpfe absenkte und auf den Tresen sah, schlängelte er sich über die peinlich knarrenden Dielen schnell bis ans Ende des Raumes. Geräuschlos setzte er sich an einen Tisch, wagte nicht, den schief stehenden Stuhl heranzurücken, und setzte ein Lächeln auf, damit die Dorftrottel gleich begriffen, dass er kein nervöser Störenfried war oder womöglich noch ein Gangster, sondern bloß ein müder, ganz und gar ungefährlicher Gast. In einer Ecke flüsterte ein ältlicher Fernseher. Eben zeigte der Heideblitz das Kaufhaus am Marktplatz. In einem rosafarbenen Streifen blinkte das Wort Untergang. Gleich neben dem Fernseher, dicht von Stühlen umstellt, befand sich ein Podest, eine tischgroße Fläche abgeschabter Platten, aus deren Mitte eine Eisenstange aufstieg in das Dunkel unter der Decke.

Als nun der Wirt, ein blauweiß gestreifter Schrank, hinter dem Tresen hervorkam und zwischen den leeren Tischen und Stühlen heranmarschierte, da dachte Georg, dass es vielleicht besser gewesen wäre, sich an irgendeiner Tankstelle einen Schokoladenriegel in den Mund zu schieben. Aber zu spät. Schon drückte der Wirt seine Schenkel gegen den Tisch, sah prüfend auf ihn herab. Georg nickte einmal kräftig, zur Begrüßung, aber auch, damit ihm der Scheitel das Gesicht verhängte, und blickte auf die Hände des Wirts, die wie zwei überfressene Seesterne auf der Platte gestrandet waren.

»Ein Bier, ein Hühnchen und für die Wärme einen Schnaps«, sagte Georg so freundlich, als spräche er mit einem besonders zugeknöpften Kunden. Kaum dass er bestellt hatte, kehrte Leben in die Männer am Tresen zurück, wispernd zunächst, doch als ihm der Wirt schließlich ein eisüberzogenes Gläschen vor die Nase stellte, schwollen die Gespräche wieder an. Eilig ließ er sich einen Schluck auf die fangbereite Zunge laufen. Vielleicht sollte er einen Brief schreiben. Er schluckte, schüttelte sich und zückte den Kugelschreiber, setzte den Druckknopf an die Stirn. Nickend stieß er die Mine heraus und herein und suchte einen ersten, am besten auf einen Schlag alles erklärenden Satz. Doch ihm kam nichts anderes in den Sinn als nur der alte Waldschrat, der sich an das Haltestellenschild geklammert hatte und seine Haare erst kürzlich in einen Morast getunkt zu haben schien, sie glänzten schwarz und kleine Stöckchen und Blätter klebten darin. Kaum dass der Bus zum Stillstand gekommen war, mit einem Ächzen und Schütteln, als liefe ihm ein Schauer übers Blech, hatte sich der Landstreicher mit einem Ruck vom Schild gelöst und den Blick freigegeben auf das offenbar schon seit Langem an der Stange hängende Plakat, das Werbung machte für Wohnungen, und zwar mit dem Gesicht von Marlies, seiner Marlies! Urlaub zu Hause stand in stark verblassten Buchstaben auf ihrer Stirn. Er schnellte aus dem Sitz, drängte vorbei an dem kloakig riechenden Kerl, der sich laut hicksend in den Bus geschwungen hatte, und sprang ins Freie. Kaum auf dem Boden, hatte er allerdings feststellen müssen, dass das Plakat nicht Marlies zeigte, sondern bloß ein sehr ähnliches, durch die verschmutzten Busscheiben nicht genau zu erkennendes Mädchen, das lächelnd einlud, sich Im Urlaub zu Hause zu fühlen. Anstatt aber sofort wieder hineinzuspringen, hatte er bloß dagestanden und registriert, wie die Türen ihre Gummifalze schmatzend aneinanderlegten und der Bus dann langsam immer kleiner geworden war auf der in Kurven verlaufenden Landstraße. Bei einem zweiten Blick auf das Plakat hatte er noch bemerkt, dass die Gebäude, die hinter dem Kopf der falschen Marlies in den Himmel stiegen, auch keine Wohnhäuser waren, sondern Hotels, ein paar südliche, vor lauter Sonne fast vollends verblichene Hotels. Aber wie sollte er das Herrn Spick erklären?