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Susanne Scholl

Emma schweigt

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www.residenzverlag.at

© 2013 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4456-5

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1623-4

Für meine tschetschenischen
Freundinnen, die nie aufgeben

Inhalt

Stille

Nacht

Einkaufen

Morgen

Die Begegnung

Lisa

Türkenbankert

Saremas Traum

Keine Hochzeit

Verschwinden

Suche

Flucht

Der Unfall

Besuch

Kochen

Warten

Lernen

Geburt

Georg

Begräbnis

Sommer

Markt

Erlebnisse

Wohin

Entscheidungen

Epilog

Stille

Es ist so still, denkt Emma und schaltet die Nachttischlampe ein. Sie hat Herzklopfen. Das kennt sie schon, das kommt manchmal vor. Der Arzt hat gesagt, das ist nicht schlimm, das sind nur die Nerven. Aber eigentlich ist sie doch ganz ruhig. Hat sie was geträumt? Sie kann sich an nichts erinnern. Aber irgendwie ist es zu still. Es ist ja auch drei Uhr früh. Da fährt der Autobus nur selten und Autos sind auch keine unterwegs. Zum Glück. Und die besoffenen Jugendlichen, die so gern laut grölen in der Nacht, scheinen heute auch zu Hause geblieben zu sein. Oder vielleicht doch nicht? Wahrscheinlich haben die sie mit ihrer Pöbelei aufgeweckt und sie hat’s nur nicht gleich bemerkt. Jedenfalls ist es jetzt still. Sie hört Mitzi im Wohnzimmer schnarchen. Wahrscheinlich liegt sie wieder auf dem Lehnsessel mit der weißen Decke, auf dem sie nicht liegen soll. Sicher sogar. Das Vieh ist einfach unerziehbar.

Natürlich, hat ja auch Georg mit nach Hause gebracht. Damals, kurz vor Hansis 40er. Ein Geschenk für die Mama, hat Georg gesagt und die Schachtel aufgemacht. Und drin saß Mitzi – ganz schwarz. Und ziemlich klein. Herzig war sie ja schon, aber eigentlich wollte Emma nie ein Haustier haben. Macht nur Arbeit und man ist angebunden, hat sie immer gesagt. Solange Hansi klein war und sie noch gearbeitet hat beim Notar Wiesel, hätte Georg sich nie erlaubt, ein Vieh nach Hause zu bringen. Aber kurz vor Hansis 40er hat sie ja schon nur mehr halbtags gearbeitet – und der Wiesel hatte schon so Andeutungen gemacht, dass sie doch eigentlich langsam ans Aufhören denken könnte. Dass sie doch noch das Leben genießen sollte mit ihrem lieben Georg. Und kurz danach hat der liebe Georg die Mitzi mitgebracht – für die Mama, hat er gesagt. Wie sie das gehasst hat, wenn Georg sie Mama genannt hat. Als ob sie seine Mutter wäre und nicht seine Frau. Sie hat es gehasst, aber Georg hat sich nicht davon abbringen lassen. Bald danach ist er gegangen, der Georg, den sie unbedingt hat haben müssen damals, als sie jung war und eigentlich nicht wusste, was sie aus ihrem Leben machen sollte, und ihre Freundinnen so geschwärmt haben von diesem Pierringer, der Student war und im Sommer Badewaschel im Stadionbad. Fesch war er damals schon, der Georg. Braun gebrannt und mit Muskeln an den richtigen Stellen. Und sie war stolz, weil er sie beachtet hat. Ja – und dann war sie plötzlich schwanger und der Georg ein kleiner Ingenieur. Die Muskeln sind verschwunden und haben einem kleinen, soliden Bierbauch Platz gemacht, und das Geld, das er nach Hause gebracht hat, war zu wenig, um den Hansi studieren zu lassen, also hat sie sich den Job beim Notar Wiesel gesucht. Jeden Tag hat sie sich schikanieren lassen von ihm und den anderen im Büro, die alle studiert hatten – nur sie nicht, weil Hansi kam, bevor sie mit der Schule fertig war, und die Eltern meinten, Mutter sei auch ein Beruf. Zum Glück hat Georg ihr wenigstens einen Maschinschreib- und Stenografie-Kurs gezahlt, quasi als Hochzeitsgeschenk. Das hat geholfen, sogar, als der Notar Computer angeschafft hat und sie umlernen musste. Eigentlich war es ganz nett beim Notar Wiesel. Vor allem später, als sie älter wurde und sich nicht mehr über die spitzen Bemerkungen der Kollegen geärgert hat, wenn sie wieder einmal einen Akt verlegt oder einen Namen falsch geschrieben hatte. Immerhin wusste sie da schon so viel über alle, dass die ihr nicht mehr gefährlich werden konnten. Irgendwann war sie so etwas wie das Herz des Büros geworden – kein besonders weiches Herz, das wusste sie. Aber am Ende hat sie zum Inventar gehört – und man ließ sie in Frieden. Und mit Georg hatte sie sich auch abgefunden, mit einem Georg, der sie Mama nannte und gar nicht mehr so fesch war und ihr eigentlich auch schon langweilig geworden war. Aber nie im Leben hätte sie sich vorstellen können, ihn zu verlassen. Das tut man nicht, fand Emma. Er war ja auch nicht schlecht zu ihr – er behandelte sie eben immer öfter als Mama und immer seltener so wie damals in jenem Sommer im Stadionbad, wo er ihr verliebte Blicke zugeworfen und kleine Zettel in ihrem Kästchen hinterlassen hatte. Sie hat sich jedenfalls mit ihm abgefunden gehabt, mit ihm und seinem Bierbauch. Und dann ist er plötzlich gegangen. Hat sie verlassen. Unglaublich eigentlich, hat sie gedacht. Da hat sie schon das Schreiben wegen ihrem vorzeitigen Pensionsantritt auf dem Tisch liegen gehabt, der Hansi hatte ihr gerade eröffnet, dass er sich jetzt von Gisela scheiden lässt, und Georg hat gemeint, er brauche neue Herausforderungen.

Die neuen Herausforderungen haben zuerst sehr kurz Sabine und dann Judith geheißen und waren gut 20 Jahre jünger als Emma. Judith ist dann eine ziemlich hartnäckige Herausforderung geworden – Georg hat sich scheiden lassen und sie geheiratet. Hat ihm auch nichts geholfen, kurz nach der Hochzeit hat er einen Schlaganfall gehabt – und die Herausforderung hat ihn ins Pflegeheim gegeben und genießt jetzt ihr junges Leben mit einem Anton, der zehn Jahre jünger ist als sie. Und Emma darf Georg im Pflegeheim besuchen und trösten. Macht sie auch, ist ja irgendwie selbstverständlich, schließlich ist er ja der Vater ihres Sohnes. Obwohl – verzeihen wird sie ihm nie, bis ans Ende nicht. Und eigentlich gönnt sie ihm, was ihm da passiert ist …

Jedenfalls war sie plötzlich allein. Nur mit Mitzi, die sich nicht erziehen lassen wollte und immer auf der weißen Decke gelegen ist, so oft Emma sie auch wegzujagen versucht hat.

Dass das mit Gisela nicht lange gut gehen würde, hat Emma übrigens gleich gewusst. Schon als Hansi sie ihr das erste Mal vorgestellt hat. Da hatte ihn Luise gerade verlassen. Wegen eines Italieners ist sie mit Sack und Pack und Luzie nach Turin gezogen. Luzie. So ein blöder Name für so ein süßes Mädel. Jetzt ist sie ein junges Mädchen, ein Girlie, sagt Hansi immer und lacht so blöd, als ob das was Gutes wäre. Nichts kann man mehr anfangen mit der Luzie. Sie wohnt jetzt mit Luise und dem Neuen in Turin, und wenn sie nach Wien kommt, besucht sie Emma auch nur unter Zwang. Weil ihr langweilig ist mit dieser Oma, die dauernd was auszusetzen hat an allem und jedem – sagt sie. Dabei hat Emma nur gesagt, dass Luzie ruhig öfter nach Wien kommen könnte – und dass sie die tiefen Blusenausschnitte irgendwie ordinär findet und die viel zu engen Hosen und die viel zu kurzen Röcke. Sind sie ja auch – aber Luzie ist so ein verwöhnter Fratz, nichts darf man sagen, gleich ist sie beleidigt, verdreht die Augen und sagt, dass Luigis Mutter nie solche Sachen sagt. Auch eine Kombination. Luise hat sich ausgerechnet einen Luigi gesucht, wo sie eh schon eine Tochter namens Luzie hat. Obwohl Emma schon ziemlich gelacht hat, als Hansi ihr das erzählt hat. Aber natürlich erst, als Hansi schon gegangen war – gekichert hat sie, um genau zu sein, richtig gekichert. Eigentlich ist Luzie ja ganz hübsch – aber so italienisch ist sie geworden, seit sie mit ihrer Mutter nach Turin gezogen ist. Redet mit den Händen und schmeißt die Haare, wie diese halbseidenen Mädeln im italienischen Fernsehen. Das schaut Emma jetzt manchmal an, auch wenn sie nicht versteht, was die reden, weil doch Luzie dort lebt und Emma wissen will, wie es dort so ist. Besucht hat sie ihre Enkelin nie in Turin, obwohl Luise sie eingeladen hat und Luigi sogar etwas auf Italienisch auf den Einladungsbrief dazugeschrieben hat. Luise hat es ihr übersetzt: dass er sich freuen würde, wenn Emma sie besuchen käme, aber Emma hat gefunden, dass das nicht geht. Sie kann Luise und ihren Luigi doch nicht besuchen fahren, wo Luise doch den Hansi verlassen hat. Der hat sich zwar so schnell getröstet mit der Gisela, so schnell hat sie nicht einmal schauen können, aber trotzdem war das nicht schön, vor allem weil sie Luzie einfach mitgenommen hat. Weg aus Wien, weg vom Hansi, weg von Emma. Hansi hat zwar gesagt, er hat sich das alles mit Luise ausgemacht und er sieht Luzie oft genug, aber Emma fährt trotzdem nicht nach Turin. Fremd würde sie sich fühlen, weil sie die Sprache nicht kann und ja eigentlich bei dieser neuen Familie auch nichts verloren hat.

Luzie geht dem Hansi natürlich ab, das weiß Emma. Manchmal hat er es sogar laut und vor Gisela zugegeben, die dann gleich einen ganz schmalen Mund gemacht hat. So einen verbissenen. Eifersüchtig wird sie sein, hat Emma gedacht und das Hansi auch gesagt. Gisela hat sich mit Luzie nämlich überhaupt nicht vertragen, das hat man gemerkt, wenn die Luzie zu Weihnachten oder Ostern auf Besuch da war. Kaum dass sie mit ihr geredet hat, dafür ist sie dem Hansi dauernd um den Hals gefallen – und Emma hat das genau beobachtet – das hat Gisela nur gemacht, wenn Luzie da war. Sonst war sie gar nicht so anhänglich und zärtlich. Jo hat sie den Hansi genannt, Jo von Johannes, hat sie Emma erklärt, als die sich gewundert hat über den neuen Namen. Hansi sei ein Name für kleine Kinder, hat Gisela noch spitz erklärt, ihr Mann heiße Jo. Emma hat trotzdem weiter Hansi gesagt. Eigentlich war er damals gar nicht nett zu ihr. Er hat sich Emmas Bemerkungen über Giselas Eifersucht sogar ausdrücklich verbeten und gesagt, sie solle sich mit ihrer Küchenpsychologie da nicht einmischen. Und ihr den Mund verboten. Das war schon kränkend, auch wenn er sich am nächsten Sonntag entschuldigt hat, beim Mittagessen im Jägerhaus im Prater. Dorthin führt er sie ein paar Mal im Jahr aus, ihr Herr Sohn, zum Geburtstag und zum Muttertag und wenn er sich für etwas entschuldigen will. Jedenfalls hat Emma dann nur noch über Gisela geredet, wenn sie mit Luzie allein war. Luzie hat Gisela auch nicht gemocht und dafür Luigi immer in den höchsten Tönen gelobt. Vor allem, als er ihr zum 16. Geburtstag eine Vespa geschenkt hat – was das ist, hat Luzie Emma erst erklären müssen. Sie hat die Oma ziemlich ausgelacht, weil die zuerst nicht gewusst hat, dass eine Vespa ein Moped ist und dann, weil sie ganz blass geworden ist bei dem Gedanken, dass ihre Luzie da mitten in Italien mit einem Moped zwischen den Autos herumfährt. Richtig schlecht ist ihr bei dem Gedanken geworden, aber da hat Luzie noch mehr gelacht und gesagt, dass sie einen Helm trägt und dass alle ihre Schulfreundinnen auch eine Vespa haben und dass das das schnellste Fortbewegungsmittel in Turin sei und dass Emma eben auf Besuch kommen soll, damit sie sieht, dass da gar nichts dabei ist. Aber nachdem Luzie von der Vespa erzählt hat, hat Emma erst recht beschlossen, dass sie auf keinen Fall nach Turin fahren wird, weil sie nicht auch noch mitansehen will, wie Luzie auf diesem klapprigen Gestell im Verkehr herumsaust.

Hansi war das mit der Vespa auch nicht recht, das hat Emma genau gesehen. Ganz kleine Augen hat er gemacht, wie Luzie das zu Ostern erzählt hat. Sie waren wieder mal im Jägerhaus und Luzie hat plötzlich gesagt, jetzt wäre es toll, mit der Vespa die Hauptallee rauf und runter zu brausen. So haben Hansi und Emma erfahren, dass Luzie ein Moped hat. Und Hansi hätte sicher einen Krach gemacht, wenn er da nicht gerade Gisela verlassen hätte, was er genau an diesem Sonntag im Jägerhaus Luzie und Emma mitgeteilt hat. Der Feigling hat sich gedacht, es ist leichter, wenn er es ihnen gleichzeitig sagt, dann muss er sich nicht zweimal dieselben Szenen anhören, sondern erledigt das in einem Aufwaschen. Warum er sich so angestellt hat, haben weder Emma noch Luzie verstanden – die konnten Gisela ohnehin nicht leiden. Luzie störte vor allem der Name, Emma die verkniffenen Lippen und dass Gisela jedes Mal nach fünf Minuten angerufen hat, wenn Hansi seine Mutter einmal allein besucht hat. Um mit Mitzi zu spielen, hat er immer gesagt und dabei gelacht, aber eigentlich ist er ja vor allem wegen Emmas Schweinsbraten mit Semmelknödeln gekommen, die sie ihm immer gemacht hat, wenn er sich angekündigt hat. Gisela wiederum war eine Gesundheitsfanatikerin und hat dauernd gejammert, dass Hansi zu dick wird, und ihm nur Salat und Vollkornzeug zu essen erlaubt. Nicht, dass Hansi da wirklich mitgemacht hätte, der ist manchmal nach dem Abendessen noch heimlich zum Würstelstand um die Ecke spaziert und hat sich eine Käsekrainer gegönnt. Das hat er Emma gestanden, weil die sich einmal laut darüber gewundert hat, dass er nicht abnimmt, trotz der strengen Gisela-Diät. Na und die Schaumrollen … Die hat er immer selbst mitgebracht, wenn er Emma besuchen gekommen ist. Ein Geschenk für die Mama, hat er gesagt, aber aufgegessen hat er sie dann immer alle selbst. Schaumrollen im Sommer und Faschingskrapfen im Winter. Emma hat das gefreut. Es war ein schönes Gefühl, eine Heimlichkeit mit ihrem Sohn zu haben, vor allem jetzt, wo Georg bei seinen Herausforderungen war, und sie mit Mitzi allein gelassen hatte. Und der Notar Wiesel sie in die Pension expediert hat, obwohl sie das gar nicht wollte, weil sie Angst hatte, dass ihr die Decke auf den Kopf fallen wird. Aber dann war’s gar nicht so schlimm. Kurz nachdem die Herausforderung Nummer zwei den kranken Georg ins Pflegeheim abgeschoben hatte, hat sie sich vom Notar Wiesel und den anderen verabschiedet. Und festgestellt, dass man auch ohne Notar ganz gut leben konnte. Zwei Mal in der Woche ist sie ins Pflegeheim zum Georg gefahren. Gesagt hat sie natürlich nichts, aber er hat schon verstanden, was sie von der ganzen Sache denkt. Ich weiß schon, hat er sogar einmal gesagt – also eher gestammelt, weil er nach dem Schlaganfall nicht mehr so gut reden konnte –, ich weiß schon, du denkst dir, das geschieht mir recht. Aber ein bisserl lieb hast du mich ja doch noch, und ich freu mich so, dass du mich immer besuchen kommst …

Ob sie ihn wirklich noch lieb hat, weiß Emma nicht so genau, aber sie fühlt sich gut, wenn sie ihn besuchen geht – weil er sie jetzt so braucht.

Nachdem sie also an dem Sonntag im Jägerhaus lang und breit über Luzies Vespa diskutiert haben, hat Hansi ganz nebenbei gesagt, er lässt sich scheiden. Luzie hat große Augen gemacht und dann ganz unverschämt gesagt: »War ja auch Zeit!« Emma hat geschluckt. Wo er denn jetzt wohnen werde, hat sie Hansi gefragt, und der hat so herumgedruckst. Und weil er Luzie zum Flughafen bringen musste, damit sie nach Turin zurückfliegen kann, war dann keine Zeit mehr, um länger darüber zu reden. Emma hätte Hansi gerne angeboten, wieder zu ihr nach Hause zu kommen, aber dazu ist sie nicht mehr gekommen. Dann hat sie eine Woche lang nichts vom Hansi gehört, aber plötzlich hat er angerufen und gesagt, er kommt zu Besuch. Und Emma hat sich hingestellt und Schweinsbraten und Rotkraut und Semmelknödel gemacht, obwohl es schon Mai und ziemlich warm war. Aber das war eben Hansis Lieblingsessen und er war doch arm, weil er schon wieder geschieden war. Und dann steht Hansi bei ihr im Vorzimmer und hinter ihm steht schon wieder eine neue Frau.

Hübsch war sie ja, das muss Emma zugeben. Schlank und mit großen dunklen Augen und glänzendem, kurzem, schwarzem Haar – wie Stacheln hat es ausgeschaut, und Emma hat zuerst gedacht, der Hansi hat zufällig eine Freundin von Luzie auf der Straße getroffen und mitgebracht. So jung hat sie ausgesehen. Und dann hat Hansi gesagt: Mama, das ist Emine, meine ganz große Liebe. Eminé hat er gesagt – mit Betonung auf dem letzten e –, als ob es zwei oder drei e wären.

Emma hat nicht gewusst, was sie sagen soll. Erstens war der Name kein Name, zumindest keiner, den sie schon jemals gehört hat. Und zu fragen traute sie sich auch nicht. Also hat sie dem Mädel einfach die Hand gegeben und ist dann in die Küche gegangen. Und dann sind sie um den Tisch gesessen und diese Emine hat ganz freundlich gesagt, dass sie kein Schwein isst. Und so was hat Hansi mit nach Hause gebracht. Das Rotkraut und die Semmelknödel hat sie schon gegessen und sogar gelobt. Aber kein Stück Fleisch. Hansi hat derweil gefuttert, als ob er seit Wochen nichts gegessen hätte, und Emma hat sich gedacht, jetzt ist er gerade erst Gisela mit ihrem Salat und ihrem Vollkornzeugs losgeworden und jetzt bringt er eine mit, die kein Fleisch isst. Na, das kann wieder was werden! Die Schaumrollen, die Hansi mitgebracht hat, haben Emine aber auch ganz gut geschmeckt, die haben die zwei sich brüderlich geteilt. Und dann hat Emine Emma erzählt, dass ihre Eltern aus der Türkei sind, dass sie aber schon in Wien geboren ist und dass sie gerade mit dem Architekturstudium fertig geworden ist und sich selbst eine Wohnung einrichtet – und der Hansi und noch ein paar Freunde helfen ihr dabei. Und wenn die Wohnung nach ihren Plänen fertig sein wird, wird sie Emma zu einem richtig guten türkischen Essen einladen. Hat Emine gesagt – und Emma hat so getan, als ob sie sich sehr freut. Überhaupt hat diese Emine ganz schön viel geredet – ohne Hansi die Hand zu halten, wie das Gisela immer getan hat. Und sie hat ihn auch nicht Jo genannt, sondern Hans, und das war für Emma ganz in Ordnung. Aber ausgerechnet eine Türkin, hat Emma gedacht, als sie sich an dem Abend vor den Fernseher gesetzt und ihre Kreuzstich-Stickerei hervorgeholt hat.

Das Kreuzstich-Sticken hat sie begonnen, nachdem sie dem Notar Wiesel und den anderen Auf Wiedersehen gesagt hatte. Weil die zwei Besuche pro Woche beim Georg im Pflegeheim nicht wirklich ihr Leben ausfüllen und sie zwar gern fernsieht, aber dabei auch was anderes zu tun haben möchte. Sie hat für Luise und Luzie und Gisela Handtücher und Tischtücher bestickt und sich bisher nicht getraut, Hansi auch eins zu schenken. Jetzt war sie gerade bei einem Polsterüberzug, den Gisela zum Geburtstag hätte kriegen sollen. Aber den muss sie ja jetzt nicht mehr feiern, wo die zwei sich scheiden lassen, hat Emma gedacht und überlegt, wem sie den Polster sonst noch schenken könnte. Vielleicht der Nachbarin aus dem zweiten Stock, der mit dem Dackel, die sie immer so nett grüßt und nach Georg fragt.

Und für Emine wird sie ein Geschirrtuch sticken, dann hat sie ein Geschenk, für die Einladung, hat Emma an dem Abend gedacht, nachdem die beiden gegangen waren und sie vor dem Fernseher gesessen ist. Aber ausgerechnet eine Türkin … Kopftuch trägt sie zwar keines, aber trotzdem. Und wer weiß, wie die Eltern sind. Warum der Hansi sich aber auch immer die falschen Frauen aussuchen muss, hat Emma gedacht und in dem Moment hat das Telefon geläutet. Gisela. Emma war sprachlos. Es war das erste Mal, dass ihre zweite Schwiegertochter sie angerufen hat. Wie es ihr gehe, hat Gisela gefragt, und Emma hat etwas gestottert, weil sie wirklich überrascht war. Und dann hat Gisela plötzlich zu weinen begonnen und auf »diesen Schlampen« zu schimpfen, der ihr ihren Jo weggenommen hat. Und so hat Emma die ganze Geschichte erfahren: Ein Freund von Hansi ist nämlich auch Türke. Komisch, hat Emma gedacht, während sie Gisela zugehört hat, von diesem Mustafa hat Hansi nie was erzählt. Na gut, sonst hat er auch nicht viel erzählt von seinen anderen Freunden. Ein Kümmeltürk halt, hat Gisela gehässig gesagt. Und dieser Mustafa hat eine Schwester – auch eine Kümmeltürkin, hat Gisela noch gehässiger gesagt. Und eines schönen Tages hat die Kümmelschwester dem Kümmelbruder erzählt, dass ihre beste Freundin gerade eine neue Wohnung kriegt und Hilfe braucht, und da ist doch ihr netter Jo glatt mit dem Mustafa, zu der Freundin gefahren, um zu helfen. Und so hat das Elend angefangen, hat Gisela gesagt. Und Emma hat zugehört und manchmal freundlich in den Hörer geschnauft, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Und dann, hat Gisela gesagt und aufgeschluchzt, nach ein paar Monaten hat sie ihren Jo zufällig gesehen. Am Brunnenmarkt. Händchen hat er gehalten mit so einer Kümmeltürkin mit Stachelfrisur direkt vor einem Kebabstand. So einem, wo Gisela einen Riesenbogen darum macht, weil das nur fett und ungesund ist, was man dort kaufen kann. Sie ist immer nur auf den Brunnenmarkt gegangen, um Obst zu kaufen. Und plötzlich sieht sie ihren Jo dort mit einer anderen. Ganz schlecht ist ihr geworden und an dem Abend hat sie ihm gesagt, dass sie ihn gesehen hat, und er hat gesagt, dass er ohnehin mit ihr reden wollte, weil er sich leider ganz unglaublich verliebt hat und deshalb nicht mehr mit ihr, Gisela, leben will. Und dann ist Luzie gekommen und eine Woche lang haben sie so getan, als wäre nichts passiert, und Gisela hat nicht mehr essen können und sich Schlafmittel aus der Apotheke geholt, so schlecht hat sie sich gefühlt und an dem Abend, als Luzie zurückgeflogen ist, ist ihr Jo nicht nach Hause gekommen. Und am nächsten Tag hat er zwei Koffer gepackt und gesagt, Gisela könnte die Wohnung und alles, was drin ist, behalten – nur nicht seine ABBA-Platten. Die gibt sie ihm jetzt aber extra nicht. Soll er sich doch das Gedudel bei seiner Kümmeltürkin anhören. Da hat Emma das erste Mal auch etwas gesagt – dass Gisela ihrem Hansi doch bitte die ABBA-Platten geben soll, wo er die doch immer wie seinen Augapfel gehütet hat. Extra nicht, hat Gisela ins Telefon geschrien und hysterisch zu lachen begonnen – und Emma hat ihr daraufhin ganz höflich Gute Nacht gewünscht und aufgelegt.

Sehr still ist es in der Wohnung, denkt Emma wieder. Mitzi schnarcht auch nicht mehr. Sehr still. Sie ist ja froh, dass sie jetzt Ruhe hat. Kein Lärm, keine Aufregungen. Aber gar so still müsste es doch nicht sein. Nicht einmal der Eiskasten rührt sich. Der alte hat gerumpelt und geschnauft, als würde er gleich seinen Geist aufgeben. Sie hat den Hansi wochenlang gebeten, mit ihr einen neuen kaufen zu fahren, aber der hat immer was anderes zu tun gehabt. Und nach dem Abendessen bei Emine war er so böse auf sie, dass er zwei Wochen gar nicht mit ihr geredet hat. Später hat er sich zum Glück wieder beruhigt. Und jetzt steht dieses komische, metallisch glänzende Monster in ihrer Küche und macht keinen Mucks mehr – was zwar beruhigend ist, aber das Gerumpel und Geschnaufe von ihrem alten weißen Eiskasten geht ihr schon ab.

Das Abendessen bei Emine war leider ein Reinfall. Dabei hat sich Emma wirklich Mühe gegeben. Sie hat für Emine ein Geschirrtuch gestickt – blaue Blümchen und einen roten Rand. Richtig hübsch. Und hat’s schön mit einem roten Band eingepackt. Sie war richtig stolz auf ihr Geschenk.

Die Wohnung war nett – obwohl sich Emma schon gefragt hat, wozu Emine 200 Quadratmeter braucht. Gut, Hansi wohnt jetzt auch dort, aber sie haben mit Georg und Hansi in 90 Quadratmetern auch ganz gut Platz gehabt.

Emine hat ein riesiges Wohn-Ess-Koch-Arbeitszimmer, in dem ein ziemliches Durcheinander geherrscht hat. Überall sind Zeitungen und Zeitschriften herumgelegen, dazwischen Blumenvasen und irgendwelcher Kleinkram. Auf mindestens drei Sofas waren richtig türkische Teppiche und am Steinboden natürlich auch.

Der Abend hat schon irgendwie falsch begonnen. Emma hat Emine gefragt, wozu sie so eine große Wohnung braucht und ob das nicht furchtbar viel Geld kostet, die zu heizen. Aus dem Augenwinkel hat sie bemerkt, wie Hansi die Augen verdreht, aber Emine hat nur gelacht und gesagt, sie hat eine große Familie und die kommt gern zu Besuch und da muss eben genug Platz sein.

Dann haben sie sich zu Tisch gesetzt und Emine hat lauter kleine Schalen mit Gemüse in verschiedenen Saucen gebracht. Emma hat brav alles gekostet, aber geschmeckt hat es ihr nicht. War alles viel zu scharf, hat sie gefunden. Und dann ist Emine mit einem großen Teller mit Fleisch und Reis dahergekommen. Also isst sie ja doch Fleisch, hat Emma gedacht und sich ziemlich geärgert. Das ist Lamm, hat Emine ganz freundlich gesagt, wir essen kein Schwein, aber Lamm und Rind schon. Das Lamm hat Emma auch nicht geschmeckt, aber sie hat brav ihr Stück hinuntergewürgt, weil Hansi schon ganz zornig geschaut hat. Und dann hat Emine Kaffee gebracht und so klebriges Zeug, Teig in Honig mit Nüssen – klebrig eben. Und Emma hat gesagt, dass sie das leider nicht essen kann und Kaffee am Abend nicht trinkt, weil sie sonst nicht schlafen kann. Und Emine hat gelacht und gesagt, dass sie das versteht, ihre Mutter trinkt nach fünf Uhr nachmittags auch keinen Kaffee mehr, dafür trinkt sie den ganzen Tag welchen. Und Emma hat, ohne vorher viel nachzudenken, gefragt, wieso Emines Eltern überhaupt nach Österreich gekommen sind. Und das war der Augenblick, wo Hansi wirklich zornig geworden ist und Emma verboten hat, weiter blöde Fragen zu stellen. Kurz danach hat er gesagt, dass es spät ist und dass er sie nach Hause bringt. Und Emine hat gesagt, sie soll bald wiederkommen, aber Hansi hat den ganzen Weg zurück im Auto kein Wort geredet und sie zwei Wochen lang nicht angerufen.

Emma schaut auf die Uhr auf ihrem Nachtkästchen. Es ist vier. Seit einer Stunde liegt sie wach. Eigentlich geht es ihr doch gut, denkt sie. Es fehlt ihr an nichts. Morgen geht sie wieder einkaufen. Wie jeden Montag. Das muss sie ja jetzt wieder alleine machen. Ziemlich allein ist sie eigentlich schon. Sehr allein, denkt sie. Aber das ist ja auch ganz gut so. Muss sie sich um niemanden kümmern. Alles ist gut so, wie es ist, denkt Emma. Nur zu still ist es und sie kann nicht schlafen und es ist vier Uhr früh. Und nicht einmal Mitzi kommt, um ihr Gesellschaft zu leisten.

Nacht

Sarema liegt wach. So wie jede Nacht, seit sie wieder in Grosny sind. Sie liegt wach und lauscht auf Schamils gleichmäßige Atemzüge. Der Bub liegt auf einer Matratze neben dem schmalen Feldbett, auf dem sie selbst schläft. Mehr Platz ist nicht in dem Zimmerchen neben dem Tor. Sarema liegt wach und hört Schamil beim Atmen zu und versucht gleichzeitig, die Geräusche aufzunehmen, die von draußen, aus dem Hof, vor den hohen Mauern, die das Haus umgeben, zu ihr dringen. Sie weiß, dass es viel zu früh ist, um aufzustehen. Es ist dunkel und die Hähne haben noch nicht zu krähen begonnen. In der Früh, sehr zeitig in der Früh, wenn Eva sie holen wird, um auf den Markt zu gehen, wird sie müde und kraftlos sein. Auch das weiß sie. Aber sie kann nichts gegen die Schlaflosigkeit tun. Schamil schlägt plötzlich mit dem Arm aus und trifft das Bein ihres Feldbettes, das zu zittern beginnt. Gleich wird er aufschreien, so wie fast jede Nacht, seit sie wieder hier sind, in diesem Zimmerchen neben dem Tor. In dieser Stadt. Seit er in diese Schule geht, die so anders ist. Seit die anderen Kinder ihn immer wieder verspotten, weil sein Tschetschenisch irgendwie falsch klingt.

Sarema liegt wach und versucht, nicht zu denken. Irgendwo in der Mauer, an der ihr schmales Bett steht, rascheln die Mäuse, so wie jede Nacht. Draußen rauschen die Bäume. Wahrscheinlich wird es regnen, denkt Sarema. Wenn es regnet, muss sie morgen früh vielleicht doch nicht zum Markt.