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Kurt Palm

Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini

Kein Spaghetti-Western

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im Niederösterreichischen Pressehaus
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St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4453-4

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1604-3

Inhalt

Der Sturm

Heydman’s Hotel and Trading Store

Hansel und Bretzel

The Bank of New York

Whip Fletcher

The Massacre Opera House

Pizzeria da Ponte

Anna Guidarini

Der Bund der Maisstrohgesichter

Die Herrnhuter Brüderschaft

God bless you, dear Sheriff

Myra Henderson

E-we-tone-my

Rondo alla Turca

Kamalesh

Mister Kamasutra

Un vento materiale

Lucie Pearl

Ringgold

Virginia

The Friends of the Truth

The Underground Railroad

Red Locust

Laughing Gas

Fletchers Finte

Big Thunder

Wild Turkey

Der Auftrag

Devil’s Weed

Die Abreibung

Bad News

The Blind Pig Saloon

Tote Schafe blöken nicht

La Fiesta

High Noon

Addio Poplar Bluff

Für meine Sattelgefährten

Wenn du merkst, dass du auf einem toten Pferd reitest, steig ab.
SPRICHWORT DER DAKOTA-INDIANER

Der Sturm

Der Dreimaster hieß Helvetia und lag vor dem Hafen von New York auf Reede. Dreiundvierzig Tage zuvor war das Schiff mit 212 Auswanderern an Bord von Le Havre aus in See gestochen und hatte für die 5665 Kilometer lange Route nur zwei Tage länger gebraucht als ursprünglich vorgesehen. Grund für die Verzögerung war ein gewaltiger Sturm gewesen, der das Schiff beinahe zum Kentern gebracht hätte. Kein Wunder also, dass sich die meisten Passagiere bei ihrer Ankunft in New York fühlten, als hätten sie während ihrer Überfahrt einen Abstecher in die Hölle gemacht. Oder zumindest ins Fegefeuer. Jetzt warteten die Auswanderer auf die Abfertigung durch die Zoll- und Gesundheitsbehörden, was ihre Geduld ein weiteres Mal auf eine harte Probe stellte. Gioachino Rossini kauerte in seinem Holzverschlag und ließ die Ereignisse der letzten Tage noch einmal Revue passieren.

»Der Sturm wird stärker!«, schrie ein Matrose, der die Passagiere im Zwischendeck aufforderte, ihre Kisten und anderen Habseligkeiten mit Tauen festzubinden. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Reisenden allerdings schon längst nicht mehr in der Lage, der Aufforderung des Matrosen nachzukommen.

»Was hat er gesagt?«, fragte Rossini den neben ihm liegenden Franzosen.

»La tempête est plus forte!«, antwortete dieser mit gepresster Stimme und schaffte es gerade noch, sich außerhalb des Bretterverschlags zu übergeben. Sofort näherte sich ein Schiffsjunge und streute Sägespäne über das Erbrochene. Aus den Augenwinkeln sah Rossini, wie der Junge leichtfüßig zum nächsten Seekranken eilte.

Während Rossini versuchte, seine Liegeposition zu verändern, spürte er, wie das Schiff von einer gewaltigen Welle in die Höhe geschleudert wurde. Wie auf ein Kommando hin begannen die Passagiere wild durcheinanderzuschreien. Es war ein vielstimmiger Chor aus Hilferufen, Gebeten und Flüchen. »Maman, ouvre l’écoutille!«, rief ein alter Mann, dessen Mutter sicher schon längst tot war. Und ein Auswanderer aus Schwaben jammerte: »Muddrr, Muddrr, i han di älleweil gernghet!« In Augenblicken wie diesen wurden Männer zu Kindern.

Wie durch Geisterhand kam das Schiff am Gipfelpunkt der Welle für ein paar Sekunden zum Stillstand und Rossini musste an eine Passage aus seinem Stabat Mater denken:

»Durch die Seele voller Trauer,

Seufzend unter Todesschauer,

Jetzt das Schwert des Leidens ging.«

Rossini konnte sich nicht erinnern, wann er sich zuletzt so elend gefühlt hatte. Dabei hatte der Sturm seine volle Stärke noch gar nicht erreicht. Er schloss die Augen und versuchte, an etwas Schönes zu denken. An einen heißen Sommertag in Polverigi, zum Beispiel, oder an ein Bootspicknick in Venedig. Als ihm dabei aber der getrüffelte Truthahn einfiel, den ein ungeschickter Gondoliere im Canale Grande versenkt hatte, wurde ihm so übel, dass ihm beinahe das Mittagessen hochkam. Und das hatte – wie jeden Mittwoch in den vergangenen fünfeinhalb Wochen – aus geräuchertem Speck, Sauerkraut und Kartoffeln bestanden.

Als das Schiff im freien Fall ins Wellental stürzte, klammerte sich Rossini an der Matratze fest und wünschte sich zu sterben. Dabei hatte er panische Angst vor dem Tod. Er erinnerte sich, dass er als kleines Kind beim Schaukeln einmal unfreiwillig einen Überschlag gemacht hatte und überrascht war, als er wenig später unverletzt wieder neben der Schaukel stand. Ähnlich erging es ihm jetzt, als er nach dem Aufprall des Schiffes begriff, dass er nicht gestorben war. Er war aber offenbar nicht der Einzige, der die Sturmattacke überlebt hatte, denn auch der links neben ihm liegende Scherenschleifer und Zuhälter Adam Kaltenbacher wimmerte wie ein kleines Kind. Unter anderen Umständen hätte sich Rossini über Kaltenbachers missliche Lage gefreut, aber jetzt tröstete es ihn nur wenig, dass es diesem unausstehlichen Menschen genauso schlecht erging wie ihm.

Während es im Gebälk bedrohlich knirschte und krachte, drang durch eine der Deckluken Wasser ein. Diese Luken, die das Zwischendeck eigentlich mit Frischluft versorgen sollten, waren in den letzten Tagen wegen des hohen Seegangs nur noch sporadisch geöffnet worden. Der Gestank hier unten war fast unerträglich. Es roch nach Fäkalien, verdorbenen Lebensmitteln und menschlichen Ausdünstungen.

Neuerlich wurde die Helvetia nach unten gedrückt und schlug hart auf dem Wasser auf. Es dröhnte, als wäre sie auf einen Felsen aufgelaufen. Aber merkwürdigerweise hatte das Schiff noch immer keine Schlagseite bekommen, und als das Geschrei der Frauen, Kinder und Männer im Rhythmus der Wellenbewegungen zu- und wieder abnahm, wurde Rossini bewusst, dass der Sturm wohl noch länger andauern würde.

Natürlich hatte Rossini damit gerechnet, dass das Wetter während der Überfahrt auch unfreundlich werden könnte, aber dass ein Sturm derart heftige Schmerzen auslösen könnte, hätte er nie für möglich gehalten. In seinem Kopf stach es, in den Ohren rauschte es, im Bauch rumorte es, und seine Knochen fühlten sich an, als wären sie in einen Schraubstock eingespannt. Als Adam Kaltenbacher in Tränen ausbrach und wimmernd nach seiner Hedwig rief, kam Rossini eine Szene seiner Oper Wilhelm Tell in den Sinn, in der Tells Frau Hedwig vom Ufer des Vierwaldstättersees aus mit ansehen muss, wie ihr Mann in einem peitschenden Sturm fast ums Leben kommt:

»Im Sturm die Berge rund erbeben!

Alles wankt, ich zittre für sein teures Leben,

Er schaut nicht mehr den Tag!«

Der Lärm hinderte Rossini, sich die Musik zu dieser Stelle in Erinnerung zu rufen, aber er war sich sicher, dass sie nicht im Entferntesten dem entsprach, was er jetzt gerade durchmachte.

Als es Rossini kurz einmal gelang, den Kopf zu heben, bot sich ihm ein chaotisches Bild. Der Inhalt zahlreicher Gepäckstücke lag verstreut in einem Gemisch aus Erbrochenem, Sägespänen und Asche auf dem nassen Boden und war mit unappetitlichen Schlieren überzogen. Neben einem Kleiderbündel in einer Wasserlache entdeckte er ein Buch, das er vom Titel her kannte. Es hieß Uncle Tom’s Cabin or Life among the Lowly, und er erinnerte sich, dass er in der Zeitschrift La Gazette kurz vor seiner Abfahrt sogar eine Rezension darüber gelesen hatte.

Rossini wollte gerade wieder die Augen schließen, als er einen Mann auf dem Boden knien sah, der seine Hände zum Himmel hob und schrie: »Ich aber sage euch, Leviathan lässt das Meer brodeln, und erschrecken werden selbst die Starken. Aus seinem Maul fahren brennende Fackeln, feurige Funken schießen hervor. Rauch dampft aus seinen Nüstern, wie aus einem kochenden, heißen Topf.«

Rossini erkannte in dem Mann den Prediger Kasimir Steinmetz, der als »Gesandter Gottes« in Amerika eine Weltuntergangssekte gründen wollte. So wie es aussah, war es durchaus möglich, dass sich seine Prophezeiungen bereits während der Überfahrt erfüllten. Mit seinen wirren Predigten hatte sich Steinmetz auf dem Schiff wenig Freunde gemacht, und auch jetzt forderten ihn die Reisenden auf, ruhig zu sein. »Ta gueule!«, riefen die einen und »Halt’s Maul!« die anderen. Aber Steinmetz ließ sich nicht beirren und fuhr fort: »Ihr Frevler, Gott kennt eure Taten! Kein Dunkel gibt es, keine Finsternis, wo ihr Übeltäter euch verstecken könnt.«

Plötzlich wurde es still, und Rossini spürte, wie der Sturm zu einer neuen Attacke gegen das Schiff ansetzte. Sein Herz raste und er war sich sicher, dass die Helvetia in den nächsten Sekunden in den Tiefen des Meeres versinken würde. Hatte der verrückte Prediger mit seinen Prophezeiungen also doch recht?

Aber wieder entkam das Schiff auf unerklärliche Weise den anstürmenden Wassermassen. Was auf dem Deck vor sich ging und wie es die Besatzung unter diesen Umständen überhaupt schaffte, das Schiff nicht nur über Wasser, sondern auch auf Kurs zu halten, war Rossini ein Rätsel. Ein flüchtiger Blick auf seine Taschenuhr zeigte ihm, dass seit dem Beginn des Sturms gerade einmal dreißig Minuten vergangen waren. Er ahnte, dass ihm wohl eine Nacht bevorstand, in der die Zeit so langsam dahinkriechen würde wie bei jenen Krankheiten, bei denen man im Halbschlaf dahindämmerte und sich nichts sehnlicher wünschte, als einzuschlafen, um irgendwann gesund wieder aufzuwachen.

In einem kurzen Augenblick der Ruhe überlegte Rossini, ob er sich auf den Bauch drehen sollte, aber noch während er darüber nachdachte, brach unter den Reisenden neuerlich Lärm los. Nach einem heftigen Aufprall wurden Tische und Stühle aus ihren Verankerungen gerissen, und Rossini sah im fahlen Licht der Öllampen, wie einige Passagiere von herumfliegenden Teilen getroffen wurden. Nicht genug damit, war auch noch ein Krautfass umgekippt, dessen stinkender Inhalt sich gurgelnd über den Boden ergoss. Mitten im Kraut trieb eine tote Ratte von der Größe einer Katze, und Rossini traute seinen Augen nicht, als der Prediger nach dem aufgeblähten Kadaver griff und ihn triumphierend in die Höhe hielt. Wegen des Lärms konnte Rossini nicht verstehen, was der Verrückte brüllte, aber er glaubte, die Worte »Gericht« und »Verderben« gehört zu haben.

Trotz des herrschenden Chaos versuchten die im Zwischendeck arbeitenden Matrosen und Schiffsjungen die Tische und Stühle wieder in den Seitenhecken zu vertäuen, was ihnen aber nicht gelang.

In seinem Verschlag kauernd, verfluchte Rossini den Tag, an dem er sich entschlossen hatte, für die Überfahrt ein Segelschiff und nicht ein Dampfschiff zu nehmen. Hätte er doch bloß nicht die Zeitungsberichte über den Untergang der Amazon und der Birkenhead gelesen, dann befände er sich schon längst in New York und müsste nicht leiden wie ein Hund.

Der Raddampfer Amazon war im Januar 1852 auf seiner Jungfernfahrt im Nordatlantik explodiert und hatte 104 Passagiere und Besatzungsmitglieder mit in den Tod gerissen. Viele Reisende waren in ihren Kabinen verbrannt, andere, die in ihrer Panik auf die Schaufelräder geklettert waren, waren von diesen erdrückt oder ins Meer geschleudert worden. Sechs Wochen später starben beim Untergang des Dampfschiffes Birkenhead vor der Küste Südafrikas 445 Menschen, von denen einige von Haifischen angefallen wurden. Rossini hatte damals kurz überlegt, eine Oper über einen menschenfressenden Hai zu schreiben, hatte die Idee aber wieder verworfen.

Auch der in Paris ansässige Reiseagent Washington Finlay hatte Rossini in seiner Entscheidung bestärkt, mit dem Segelschiff von Le Havre nach New York zu fahren. Da die Reise mit einem Dreimaster wie der Helvetia im Durchschnitt sechs Wochen dauerte, konnte Finlay dafür natürlich mehr Geld verlangen als für eine bloß fünfzehn Tage dauernde Überfahrt mit dem Dampfschiff. Außerdem bot Finlay die Überfahrt als Pauschalreise an, was bedeutete, dass er sich nicht nur um das Ticket, sondern auch um den Aufenthalt in Le Havre und um die Verpflegung auf dem Schiff kümmerte. Und sogar eine Reisegepäcksversicherung war im Preis eingeschlossen.

Bereits bei seiner Ankunft in Le Havre musste Rossini dann aber feststellen, dass es Finlays Agentur mit den vertraglich zugesicherten Leistungen nicht allzu genau nahm. Finlay war damit aber nicht der Einzige, da in Le Havre jeder Agent, Hotelbesitzer oder Wirt vom Massenandrang der Auswanderer zu profitieren versuchte. So geschah es nicht selten, dass ein Schiff mit tagelanger Verspätung auslief, sodass die Reisenden gezwungen waren, während der Wartezeit an Land die horrenden Preise für Kost und Logis zu bezahlen. Auch gab es Fälle, in denen das gebuchte Schiff gar nicht existierte.

Rossini konnte sich also glücklich schätzen, dass er im Hotel Les Gens De Mer überhaupt einen Schlafplatz bekam. Das von ihm bezahlte Einzelzimmer gab es nämlich nicht, stattdessen musste er sich ein Zimmer mit sechs schwäbischen Auswanderern teilen. Diese entpuppten sich zu allem Überfluss auch noch als Saufkumpane, die stundenlang deutsche Volkslieder sangen. Da war es für ihn auch nur ein schwacher Trost, dass sie für die Überfahrt nach New York die Gallia und nicht die Helvetia nahmen.

Nicht weiter überrascht war Rossini von der Verpflegung im Hotel, die in keinster Weise den vertraglichen Vereinbarungen entsprach. Das Essen, das den Gästen in einem großspurig als Salle à manger bezeichneten Kabuff vorgesetzt wurde, bestand im Wesentlichen aus Resten, die man einfach auf einen Haufen geworfen hatte. Als Rossini sah, wie sich Männer und Frauen um Fleischstücke, halbgare Kartoffeln und abgenagte Knochen stritten, suchte er das Weite und kaufte sich am Hafen einen völlig überteuerten Salade de viande exotique, was nichts anderes als ein ordinärer Wurstsalat war, und une petite baguette, das seinem Namen alle Ehre machte.

In der Nacht vor der Abfahrt hatte sich Rossini in der Nähe des Bassin de la Barre auf eine Bank gesetzt und sich gefragt, ob er überhaupt die richtige Entscheidung getroffen hatte. Aber tief in seinem Inneren sagte ihm eine Stimme, dass er bei seinem Entschluss bleiben und sich auf das Abenteuer einlassen sollte. Was konnte er denn schon verlieren? In Florenz, wohin er nach den politischen Unruhen in Bologna vier Jahre zuvor geflohen war, langweilte er sich zu Tode, und seine Frau Olympe hatte nach seinen vielen überstandenen Krankheiten nichts dagegen, einmal für längere Zeit alleine zu sein. Die Mitteilung, dass er von seinem Onkel Tommaso Guidarini in Missouri einen Saloon und ein großes Stück Weideland geerbt hatte, kam also gerade zur rechten Zeit. Und dass er diesen Brief ausgerechnet am 29. Februar, an seinem 60. Geburtstag, erhalten hatte, betrachtete Rossini als Wink des Schicksals. La forza del destino. Alles in allem würde die Reise ein dreiviertel Jahr dauern, dann würde er weitersehen.

Musik aus einem nahe gelegenen Gasthaus riss ihn aus seinen Gedanken. Rossini stand auf und horchte. Das Stück klang wie ein Walzer, der von einer betrunkenen Kapelle gespielt wurde. Vielleicht sollte ich in Zukunft nur noch solche Stücke schreiben, dachte er. Wie würde ich eine solche Komposition nennen? Gefolterter Walzer? Als zwei Männer an ihm vorbeitorkelten und ausgiebig husteten, kam Rossini eine weitere Idee für einen Titel: Asthmatische Etüde. Er ging zurück zum Hotel, wo ihn seine deutschen Zimmergenossen bereits mit dem Lied »Es geht ein dunkle Wolk herein, mich deucht, es wird ein Regen sein« erwarteten.

Zwei Tage später betrat Rossini die Helvetia, und es überraschte ihn nicht mehr, dass »die bequeme innere Schiffsausstattung« nichts anderes als eine Schlafkoje für drei Personen war. Der Verschlag maß etwa zweimal zwei Meter und erinnerte eher an einen Schweinekoben als an eine Kajüte. Dass Rossini laut dem »Schiffs-Contract« nicht nur für die Matratze und die Decke, sondern auch für das Besteck und das Ess- und Trinkgeschirr selbst zu sorgen hatte, hätte ihn eigentlich schon stutzig machen müssen. Auch das Essen an Bord war alles andere als »hinreichend und wohlschmeckend«. Gab es anfangs noch manchmal frisches Obst und Gemüse, wurde den Passagieren ab der zweiten Woche nur noch gesalzenes Ochsen- und Schweinefleisch sowie Speck vorgesetzt. Lediglich freitags gab es Stockfisch, der allerdings genauso scheußlich schmeckte wie das Fleisch. Die Beilagen bestanden aus Kartoffeln, Gerste, Erbsen und Bohnen, die meist als Brei serviert wurden. Die Erbsen und die Bohnen stammten aus Konservendosen. Als einzige Süßspeise gab es sonntags einen Mehlpudding, dessen Konsistenz hart und dessen Geschmack schwer zu bestimmen waren.

Ab der vierten Woche musste dann auch noch das Wasser mit Branntwein und Essig versetzt werden, damit es überhaupt noch genießbar war. Als sich einige Frauen bei der Mannschaft über die schwarze Brühe, in der bereits Würmer schwammen, beschwerten, reagierte man darauf bloß mit Achselzucken. Und selbst als einige Kinder an der Ruhr erkrankten, meinten die Matrosen nur, dass man das Wasser weiterhin gefahrlos trinken könne.

In dieser Situation machten jene Reisenden ein gutes Geschäft, die sich in Le Havre mit Lebensmitteln eingedeckt hatten, die sie jetzt zu Wucherpreisen weiterverkauften. Der größte Gewinn wurde dabei mit alkoholischen Getränken gemacht, die mit Fortdauer der Reise immer teurer wurden. Einer der gerissensten Geschäftemacher an Bord war Adam Kaltenbacher, der vom ersten Tag an ausschließlich über Geld redete. Als sein Bettgenosse hatte Rossini nicht nur erfahren, in welchem Viertel von New York sich Kaltenbacher niederlassen wollte, sondern auch, dass es sein erklärtes Ziel war, als Zuhälter das große Geld zu machen. Dabei war Kaltenbacher kaltschnäuzig genug, die Dienste seiner Frau Hedwig bereits auf dem Schiff einigen Männern anzubieten.

Wieder schlingerte das Schiff, und Rossini spürte, wie es ihm den Magen aushob. Krampfhaft versuchte er, sich abzulenken. Er dachte an die Oper Demetrio e Polibio, die er als Siebzehnjähriger geschrieben hatte, und erinnerte sich, dass er damals in Polverigi von der 27-jährigen Sängerin Emanuela Bertani verführt worden war. Als sie ihm einmal ihre fica zeigte und er fast in Ohnmacht gefallen wäre, war sie von diesem Umstand derart hingerissen gewesen, dass sie Rossini eine Woche lang täglich Unterricht in Liebesdingen gab. Danach musste Emanuela leider abreisen, und die beiden hatten einander nie wieder gesehen.

Jetzt, in seiner Koje liegend, fragte sich Rossini mit einer gewissen Wehmut, weshalb er nie versucht hatte, Emanuela wiederzusehen. Rückblickend war sie die mit Abstand beste Liebhaberin, die er je gehabt hatte. Oder bildete er sich das aus der zeitlichen Distanz von dreiundvierzig Jahren bloß ein? Während Rossini erfolglos versuchte, sich Emanuelas Gesicht vorzustellen, spürte er plötzlich einen Schlag auf den Kopf. Um ihn herum drehte sich alles, und er hatte auf einmal das Gefühl, über Polverigi zu schweben. Im nächsten Augenblick lag er neben der nackten Emanuela im Bett, die ihm gerade zeigte, wo sich ihre clitoride befand. Aber noch bevor er ihre glitzernde Perle berühren konnte, saß er schon im Theater von Polverigi, wo das Orchester die Ouvertüre zu Carl Maria von Webers Oper Peter Schmoll und seine Nachbarn spielte. Empört verließ Rossini den Saal, um sich unversehens in einem Labyrinth aus Gängen wiederzufinden, die im Nirgendwo endeten. Panisch suchte er nach einem Ausgang, wurde zu seiner Beruhigung aber von seiner Mutter am Arm genommen und in die Küche des Sommerhauses geführt. Dort stand seine Großmutter bis zu den Knöcheln in zerstampften Tomaten und wusste nicht so recht, was sie mit dem vielen Sugo anfangen sollte.

Der Geruch, den Rossini wahrnahm, erinnerte ihn an das Zwischendeck der Helvetia, allerdings war er nicht ganz so unangenehm. Auch bildete er sich ein, Stimmen zu hören, die er von irgendwoher kannte. Es war ein Gemisch aus Deutsch und Französisch, aus dem sich langsam einzelne Wörter herausbildeten. Rossini hielt den Atem an, und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er sich in der Schlafkoje befand. Aber weshalb schwankte das Schiff nicht mehr? Und weshalb hatte er so höllische Kopfschmerzen? Rossini wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Er tastete vorsichtig seinen Kopf ab und spürte auf der linken Seite eine große Beule. Er brauchte einige Minuten, um zu begreifen, dass er durch einen Schlag bewusstlos geworden war.

Nachdem er langsam seine Augen geöffnet hatte, bot sich ihm ein Bild, das ihn ungemein beruhigte. Durch die offenen Dachluken drangen Licht und frische Luft in das Zwischendeck, auch sah er, dass der Boden gereinigt worden war. Aber am verblüffendsten war, dass das Schiff ruhig dahinglitt. Der Sturm war offenbar vorbei. Rossini rappelte sich auf und warf einen Blick auf seine Taschenuhr. Es war jetzt acht Uhr morgens, er hatte also den Sturm verschlafen. Auch wenn ihn sein Kopf immer noch schmerzte, hatte es das Schicksal doch gut mit ihm gemeint.

Rossini betrachtete seine beschmutzte Kleidung und vergewisserte sich, dass das ins Hemd eingenähte Geld noch da war. Allerdings fehlte das Glücksmedaillon, das ihm seine Frau Olympe vor der Reise geschenkt hatte. Rossini suchte die Matratze ab, konnte aber den Anhänger mit den zwei Fischen nirgends finden. Olympe hatte gemeint, dass ihm sein Sternzeichen auf dem Wasser Glück bringen würde. Vielleicht war das das Opfer, das er bringen musste, um den Sturm zu besänftigen. Er suchte auch auf dem Boden, aber ohne Erfolg. Dabei bemerkte er Adam Kaltenbacher, der sich vor der Nachbarskoje mit zwei Männern unterhielt.

»Ich habe mich genau erkundigt«, sagte der Zuhälter selbstgefällig. »Als Scherenschleifer verdiene ich in New York zwei bis drei Dollar am Tag, wenn ich aber meine Hedwig auf die Straße schicke, verdiene ich das Fünffache.«

»Woher weißt du das so genau?«, wollte einer der Männer wissen.

»Da habe ich schon meine Erfahrungen, das kannst du mir glauben.« Kaltenbacher zündete sich eine Zigarette an und sah, dass Rossini in seine Richtung blickte. Er machte einen Schritt auf ihn zu. »Ah, endlich sind Sie aufgewacht. Ich dachte schon, Sie würden die Reise verschlafen.« Kaltenbacher deutete auf Rossinis Schläfe. »Eine ganz schöne Beule haben Sie da.« Genüsslich zog er an seiner Zigarette und wandte sich wieder den beiden Männern zu.

Rossini ärgerte sich über Kaltenbachers angeberische Art und erwog, den Zuhälter beim Kapitän anzuschwärzen, ließ den Gedanken aber gleich wieder fallen. Irgendwie hatte er nämlich ein wenig Angst vor ihm. Insgeheim hoffte er, dass die Verbindung zwischen Kaltenbacher und seiner Hedwig eine reine Zweckgemeinschaft war und sie den Scherenschleifer nur benutzte, um bei der Einreise keine Schwierigkeiten zu bekommen. Im »Schiffs-Contract« wurde nämlich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass »Frauenzimmer ohne Ehemänner« nicht in die USA einreisen dürften.

Rossini machte sich auf den Weg zu den Abtritten, um endlich seine Blase zu entleeren. Als er das Ende des Zwischendecks erreicht hatte, sah er vor einer Koje eine Gruppe von Frauen, die aufgeregt auf jemanden einredeten.

»Was ist denn hier passiert?«, fragte Rossini einen Mann.

»Ich glaube, ihr Kind ist gestorben«, antwortete der Angesprochene achselzuckend.

Rossini stellte sich auf die Zehenspitzen. Er sah eine weinende Frau auf einem Bett sitzen, die die Wangen eines kleinen Mädchens streichelte, dessen Kopf auf ihrem Schoß lag. Neben ihr kauerte ein Mann, der sein Gesicht in den Händen vergrub. Rossini machte instinktiv einen Schritt zurück, weil er befürchtete, das Mädchen könnte eine ansteckende Krankheit gehabt haben. »Woran ist sie gestorben?«, fragte er den Mann neben sich.

»Vermutlich an der Ruhr. Kein Wunder bei diesem verdreckten Wasser.«

Jetzt war Rossini froh, dass er in den letzten zwei Wochen nur das mit Essig und Branntwein versetzte Wasser getrunken hatte, das zwar scheußlich schmeckte, aber weniger gefährlich als das unbehandelte Wasser war.

Auf der Toilette merkte Rossini zu seinem Schrecken, dass er beim Urinieren leichte Schmerzen hatte. »Madonna mia«, seufzte er. Immer wieder war er in den letzten Jahren von Entzündungen der Blase und der Harnröhre geplagt worden, und obwohl er ein halbes Dutzend Ärzte aufgesucht hatte, hatte ihm keiner wirklich helfen können. Rossini nahm sich vor, sich warm zu halten und bei nächster Gelegenheit unten gründlich zu waschen.

Als er von der Toilette zurückkam, sah er, wie zwei Matrosen das tote Mädchen wegtrugen und sich die Gruppe langsam auflöste. Die weinende Mutter und ihr Mann blieben alleine in ihrer Koje zurück.

»Die Bestattung des Mädchens findet in einer Stunde statt!«, rief ein Schiffsjunge, der hinter den Matrosen herging.

Nach dem Abklingen des Sturms waren viele Passagiere immer noch damit beschäftigt, ihr Hab und Gut zu kontrollieren. Die meiste Arbeit hatten diejenigen, deren Koffer oder Kisten aus den Seitenhecken herausgeschleudert und dabei beschädigt worden waren. Rossini war heilfroh, dass er sich in Paris einen schweren Koffer gekauft hatte, der, von ein paar Dellen abgesehen, kaum etwas abbekommen hatte. Er überlegte, ob er frische Kleider anziehen sollte, ließ es aber sein, da er nicht wusste, ob das Schiff nicht noch einmal in einen Sturm geraten würde. Er überprüfte das Schloss und stellte erleichtert fest, dass es noch intakt war.

Eine Stunde später stand Rossini mit etwa fünfzig anderen Passagieren am Oberdeck und wartete darauf, dass der Kapitän mit der Bestattungszeremonie begann. Trotz des traurigen Anlasses freute sich Rossini, endlich wieder einmal frische Luft atmen zu können. Beim Anblick der ruhigen See konnte er gar nicht glauben, dass noch vor wenigen Stunden ein Sturm die Helvetia fast zum Kentern gebracht hätte. Er sah sich um und wunderte sich, dass der verrückte Prediger nirgends zu sehen war. Der Tod eines jungen, unschuldigen Mädchens musste doch ganz im Sinn seiner Prophezeiungen sein, denn wie heißt es in der Bibel: »Und die Unschuldigen werden verdammt, aber die Schuldigen werden losgesprochen.«

Zwei Matrosen standen an der Reling und hielten den Lukendeckel fest, auf dem der in ein Segeltuch eingenähte Leichnam des Mädchens lag. An ihren Füßen war mit einem Seil ein großer Stein befestigt. Rossini fragte sich, ob jedes Passagierschiff solche Steine mit sich führte.

»Notre Père qui est aux cieux! / Que ton nom soit sanctifié«, murmelte der Kapitän, woraufhin einige das Vaterunser auch in anderen Sprachen mitbeteten. Die Mutter des Mädchens weinte herzzerreißend und sie musste von ihrem Mann gestützt werden. Zwei Kinder klammerten sich an ihre Beine und wussten nicht, was das alles zu bedeuten hatte.

Der Kapitän bekreuzigte sich und gab den beiden Matrosen ein Zeichen. Der Lukendeckel wurde langsam angehoben und der Leichnam verschwand nach wenigen Sekunden im Wasser. Die Mutter des Mädchens beugte sich über die Reling und streckte die Hände nach ihrem Kind aus. Der Kapitän wollte der Frau sein Beileid ausdrücken, diese wandte sich aber demonstrativ von ihm ab. Rossini glaubte, das Wort »Mörder« gehört zu haben. Der Kapitän machte eine Geste des Bedauerns und verließ gemeinsam mit den Matrosen das Deck.

Von einem Mitreisenden erfuhr Rossini, dass das Mädchen am sogenannten »Schiffsfieber« gestorben war, das in erster Linie durch verunreinigtes Trinkwasser verursacht wird.

Es dauerte drei weitere Tage, ehe die Helvetia am Montag, dem 21. Juni 1852, auf der Reede von New York endlich vor Anker ging. Auch wenn man vom Schiff aus die Silhouette des südlichen Teils von Manhattan und die drei vorgelagerten Inseln Bedloe’s Island, Ellis Island und Governor’s Island sehen konnte, bedeutete das noch lange nicht, dass man am Ziel seiner Reise angelangt war. Die Passagiere durften das Schiff nämlich erst verlassen, wenn sie die entsprechenden Kontrollen erfolgreich hinter sich gebracht hatten. Aus diesem Grund gehörten die letzten Stunden an Bord zu den nervenaufreibendsten der ganzen Reise.

»Die Vertreter der Einreisebehörden und die Ärzte kommen erst morgen früh an Bord!«, hörte Rossini einen Matrosen rufen. Sofort brach unter den Passagieren ein Tumult los, was nach dreiundvierzig Tagen auf engstem Raum auch nicht weiter verwunderlich war. Nachdem sich die Gemüter wieder beruhigt hatten, suchte Rossini den Kapitän auf, um zu fragen, ob er die letzte Nacht an Deck verbringen dürfe. Zu Rossinis großer Überraschung lehnte der Kapitän sein Ansinnen aber kategorisch ab, da es Passagieren strengstens verboten sei, in der Nacht das Zwischendeck zu verlassen. Und das gelte selbstverständlich auch für die Zeit, in der das Schiff auf Reede liege.

Enttäuscht setzte sich Rossini an einen der Holztische im Zwischendeck. Er hatte gar nicht gemerkt, dass die Mutter des toten Mädchens und Kaltenbachers Frau dort ebenfalls Platz genommen hatten. Sofort stand Rossini wieder auf und sah, dass ihm Hedwig einen merkwürdigen Blick zuwarf. Der Blick war ängstlich und passte irgendwie nicht zu einer Prostituierten.

Auf dem Weg zu seiner Koje fiel Rossini auf, dass die Stimmung unter den Passagieren noch gereizter war als in den Tagen davor. Die Menschen regten sich über jede Kleinigkeit auf und stießen dabei die wildesten Flüche aus. Auch bemerkte er, dass sich Adam Kaltenbacher und einige seiner Kumpane mit einer Flasche Kognac in eine Koje zurückgezogen hatten, wo sie sich flüsternd miteinander unterhielten. Dabei deutete Kaltenbacher immer wieder in Richtung seiner Frau.

Rossini sperrte seinen Koffer auf und holte den mit dem Reiseagenten Washington Finlay abgeschlossenen »Schiffs-Contract« hervor. Noch einmal las er die Einreisebestimmungen durch, die unter Punkt 9 zusammengefasst waren:

»In Amerika werden nur gesunde, mit keinem körperlichen Gebrechen behaftete, überhaupt nur solche Personen angenommen, welche fähig sind, sich selbst zu ernähren, und haben demnach diejenigen, deren Aufnahme aus diesen Gründen bei den amerikanischen Behörden Schwierigkeiten finden oder welche wegen Gebrechlichkeit, ansteckender Krankheit, Blödsinn oder sonstiger Hilflosigkeit schon hier von der Aufnahme auf das Schiff ausgeschlossen werden müssen, die Folgen davon selbst zu tragen und sind zu keinerlei Ansprüchen berechtigt; ebensowenig als diejenigen, welche die Abfahrt des Schiffes versäumen. Verbrecher und Sträflinge dürfen generell nicht aufgenommen werden.

Darüber hinaus haben die New Yorker Behörden in Bezug auf die Zulassung von Auswanderern verschärfte Maßregeln erlassen, denen zufolge nun auch den folgenden Personen Schwierigkeiten wegen ihrer Aufnahme in New York gemacht werden:

1. Personen, die über 60 Jahre alt sind

2. Witwen mit Familie

3. Frauenzimmer ohne Ehemänner

4. Elternlose Kinder unter 13 Jahren

5. Unbemittelte Personen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie gleich dem Staate zur Last fallen.«

Als Rossini Washington Finlay erzählt hatte, dass er am 29. Februar sechzig Jahre alt geworden sei, hatte ihn der Reiseagent beruhigt und gemeint, dass es in seinem Fall keine Probleme geben werde, zumal Rossini nicht nur über ausreichend Barmittel verfüge, sondern auch den Notariatsakt über seine Erbschaft in Missouri vorweisen könne. Jetzt, so knapp vor seinem Ziel, war er sich allerdings nicht mehr sicher, ob ihm die Behörden nicht doch noch Schwierigkeiten machen würden. Aber wahrscheinlich hing seine Skepsis mit der allgemeinen Erschöpfung zusammen, die sich nach der kräfteraubenden Überfahrt breitgemacht hatte.

Am nächsten Tag erfuhren die Passagiere um kurz nach zehn, dass das Boot mit den Ärzten und den Behördenvertretern angelegt hatte. Im Zwischendeck herrschte sofort die hellste Aufregung, und alle drängten zum Ausgang, wo der Kapitän hinter einem Tisch Platz genommen hatte. Es wurde geschoben und gestoßen, und erst als der Kapitän erklärte, dass die Passagiere namentlich aufgerufen würden, beruhigte sich die Lage ein wenig.

Die Ärzte hatten weiße Tücher vor Mund und Nase gebunden und sahen in ihren langen, weißen Kitteln wie Gespenster aus. Auch wenn Rossini einsah, dass sie sich wegen der großen Hitze bemühten, ihre Aufgabe so schnell wie möglich zu erledigen, wunderte er sich doch ein wenig, dass sie die Reisenden nur oberflächlich untersuchten. Nach einem kurzen Abhorchen mit dem Stethoskop und einem flüchtigen Blick in den Mund machten sie neben dem Namen ein Kreuz und schickten die jeweilige Person zu den Einreisebehörden auf das Oberdeck. Als der Name Kasimir Steinmetz aufgerufen wurde und sich trotz wiederholter Aufforderungen niemand meldete, wurden zwei Matrosen beauftragt, Ausschau nach dem Vermissten zu halten. Mit einem mulmigen Gefühl dachte Rossini an den Auftritt des verrückten Predigers, und seine innere Stimme sagte ihm, dass Steinmetz wahrscheinlich gar nicht mehr an Bord war.

Nachdem Rossini untersucht worden war, musste er sich auf dem Oberdeck in einer Reihe anstellen. Dabei sah er, dass von einer der Inseln Rauch aufstieg. Es waren Berge von Matratzen, die von Schiffen abgeladen und dort verbrannt wurden.

Als die Reihe an ihn kam, legte Rossini den Notariatsakt über seine Erbschaft in Missouri auf den Tisch. Die Beamten warfen einen kurzen Blick auf das Papier, gaben es ihm aber kommentarlos gleich wieder zurück. Nach einem kurzen »Okay, next« bekam er von einem Matrosen ein Zeichen, und Rossini durfte die Helvetia verlassen. Über eine Holzbrücke betrat er einen Schleppdampfer, der ihn wenig später zum Pier an der Albany Street brachte.

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Heydman’s Hotel and Trading Store

Jetzt, wo er endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, merkte Rossini, wie unglaublich müde er war. Alles um ihn herum drehte sich, und er musste sich auf seinen Koffer setzen, um nicht umzufallen. Ihm war übel und er hatte das dringende Bedürfnis, sich zu übergeben. Er würgte, aber alles, was er heraushustete, war grüner Schleim. Massen von Auswanderern strömten an ihm vorbei, die meisten waren vor Hunger und Krieg aus Europa geflüchtet und hetzten jetzt in der Neuen Welt ihrem Glück entgegen. Rossini war froh, dass er zu den wenigen Privilegierten gehörte, die diese Reise nicht aus Not gemacht hatten, und die Freiheit besaß, nach Europa zurückzukehren, wann immer er wollte. Diese Überfahrt würde er allerdings auf einem Dampfschiff machen, soviel stand fest.

»New Dutch Church, New Dutch Church!«, hörte er einen Mann rufen, der am Pier mit einem Bauchladen herumging.

»Calvinist Reformed Church!« rief ein anderer, der wahllos Flugblätter verteilte und auch Rossini eines in die Hand drückte. Rossini hatte keine Ahnung, was die Slogans auf dem Flugblatt zu bedeuten hatten:

»Total depravity. Unconditional election. Limited atonement. Irresistible grace. Perseverance of the saints.«

Darunter stand die Adresse: »Nassau Street / Maiden Lane.«

Während er das Blatt zerknüllte, hörte er noch weitere Rufe: »German Lutheran Church!«, »Baptist Church!«, »Moravian Church!«, »Presbiterian Church!«, »Methodist Church!«, »Associate Church!«. Rossini kam sich vor wie auf einem Jahrmarkt. Er fragte sich, welcher Kirche sich wohl der Prediger Kasimir Steinmetz anschließen würde. Vorausgesetzt, dass er überhaupt noch am Leben war.

Während sich Rossini mühsam von seinem Koffer erhob, wurde er von hinten an der Schulter angetippt. Er drehte sich um und sah in das Gesicht eines Mannes, dessen Augen nervös flackerten.

»Hello Mister, mein Name ist Frank.« Der Händedruck des Fremden war so stark, dass Rossini kurz aufschrie. »Das ist Jim«, sagte der Mann und deutete auf den Burschen neben sich. »Wenn Sie Hilfe brauchen, stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung.« Trotz der Hitze trug Jim eine dicke Jacke und eine Schiebermütze.

»Los, Jim, nimm dem Gentleman seinen Koffer ab. Sie haben sicher eine anstrengende Reise hinter sich. Woher haben Sie diese Beule am Kopf, Mister? Sind Sie gestürzt?«

Noch ehe Rossini antworten konnte, hatte sich Jim bereits seinen Koffer geschnappt.

»In welchem Hotel wohnen Sie, Mister?«, fragte Frank.

»Äh«, antwortete Rossini verdutzt.

»Sie verstehen doch, was ich sage, oder?«

»Si, also yes –«

»Ah, Sie sind Italiener, sehr gut. Wie heißen Sie, Mister?«

»Rossini.«

»Mister Rossini, falls Sie noch kein Hotel haben, können wir Ihnen ein erstklassiges Haus ganz in der Nähe empfehlen. Heydman’s Hotel. Dort steigen sehr viele Italiener ab. Liegt bloß ein paar Gehminuten von hier entfernt. Aber wenn Sie bereits ein anderes Hotel haben, organisieren wir gerne eine Kutsche für Sie.«

Rossini sah sich hilfesuchend um, fand aber niemanden, an den er sich hätte wenden können. Überall standen Gruppen von Einwanderern, denen Einheimische alle möglichen Dienstleistungen anboten. »Hotel«, »billig«, »Kutsche«, »Restaurant«, »kein Problem« waren die Worte, die in dem babylonischen Stimmengewirr am häufigsten zu hören waren.

»Nein, ich habe noch kein Hotel«, sagte Rossini und bereute im selben Augenblick, dass er das gesagt hatte.

»Sehr gut. Wie lange bleiben Sie in New York, Mister? Oder sind Sie auf der Durchreise?« Während Frank unablässig redete, kümmerte sich Jim um Rossinis Gepäck.

»Äh, ich bleibe ein oder zwei Tage, dann fahre ich weiter.«

»Dann ist Heydman’s Hotel genau das Richtige für Sie. Dort können Sie sich erst einmal ausruhen und anschließend in Heydman’s Trading Store gleich alles Nötige für Ihre Weiterreise kaufen. Heydmans Preise sind unschlagbar. Wohin geht die Reise, wenn ich fragen darf, Mister?«

»He, Frank, was treiben deine Mädchen?«, rief ein rothaariger Bursche aus einiger Entfernung. »Richte Nelly einen schönen Gruß von mir aus.« Der Rothaarige trug zwei Koffer und hatte einen Mann und eine Frau mit drei kleinen Kindern im Schlepptau.

»Kümmere du dich um deinen eigenen Dreck«, antwortete Frank und hob drohend die Faust.

Der Rothaarige lachte höhnisch und verschwand in der Menge.

»Ein irischer Bastard, hören Sie nicht auf ihn«, sagte Frank und deutete seinem Kumpanen weiterzugehen.

Instinktiv tastete Rossini nach den eingenähten Geldscheinen, und er war beruhigt, als er den Wulst unter seinem Hemd spürte. Dass Frank, Jim und auch der Rothaarige zu den sogenannten Runners gehörten, konnte Rossini nicht wissen. Ihre Aufgabe war es, die überforderten Neuankömmlinge in bestimmte Hotels, Gasthäuser oder Geschäfte zu lotsen, von deren Besitzern sie entsprechende Provisionen kassierten. Ihr Name kam daher, dass sie am Hafen von Schiff zu Schiff liefen, um den Einwanderern ihre Dienste anzubieten. Da sich die in Gruppen straff organisierten Runners auch untereinander bekämpften, kam es häufig zu Schlägereien, in die nicht selten auch Passagiere verwickelt waren.

Rossini ärgerte sich, dass er trotz der langen Wartezeit auf dem Schiff nicht daran gedacht hatte, den Stadtplan von New York aus seinem Koffer zu holen. Im Beisein seiner ungebetenen Begleiter wollte er aber den Koffer auf keinen Fall öffnen. »Hören Sie, Mister Frank«, sagte Rossini zaghaft, »ich glaube, ich werde mir besser selbst ein Hotel suchen.«

Frank neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah Rossini mit flackernden Augen an. In Rossinis Magen machte sich ein unangenehmes Gefühl breit. Frank kratzte sich am Ohr und sagte in sachlichem Ton: »Hören Sie, Mister, mein Freund Jim und ich möchten Ihnen nur helfen. Wir sind in drei Minuten bei Heydman’s Hotel, dann können Sie immer noch entscheiden, ob Sie sich lieber ein anderes Quartier suchen. Aber für zwanzig Dollar werden Sie hier in der Gegend kein Einzelzimmer bekommen, das kann ich Ihnen jetzt schon sagen.« Jim, der Rossinis Koffer fest umklammert hielt, nickte gelangweilt.

Erst jetzt sah Rossini, dass Frank einen Revolvergurt umgeschnallt hatte. »Na ja, wenn Sie glauben«, antwortete er unsicher. Vielleicht hatte dieser Frank ja recht, und Rossini ersparte sich auf diese Weise die mühsame Suche nach einem Hotelzimmer. Außerdem wollte er sich endlich waschen und dann schlafen. Schweigend ging Rossini hinter seinen Begleitern die Albany Street entlang, die sich vom Pier, an dem der Schleppdampfer angelegt hatte, über die Thames Street bis zum Broadway erstreckte. Die Straße war vom Lärm fliegender Händler und unzähliger Pferdekutschen erfüllt, und Rossini fühlte sich fast ein wenig an seine Zeit in Paris erinnert.

Nach ein paar Minuten blieben Frank und Jim vor einem dreistöckigen Backsteinbau stehen. Henry Heydman’s Hotel and Trading Store stand auf der Fassade. Rossini folgte den beiden Männern in die Lobby, wo ein ziemliches Durcheinander herrschte. Am Empfangspult stand eine Gruppe von Einwanderern, die in verschiedenen Sprachen auf den Rezeptionisten einredeten. »Non, non, une femme et quatre enfants«, sagte ein aufgebrachter Franzose, dem man ein Zimmer mit nur einem Bett gegeben hatte. Ein Italiener wiederum deutete auf ein altes Paar, das erschöpft in einer Ecke kauerte, und versuchte dem Rezeptionisten klarzumachen, dass seine Eltern unbedingt ein eigenes Zimmer bräuchten. »Sono malati«, sagte er und deutete theatralisch auf seinen Bauch. Der Mann hinter der Theke hob verzweifelt seine Hände und seufzte: »Wäre ich doch bloß in Corpus Christi geblieben.«