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Verena Moritz
Julia Köstenberger
Aleksandr Vatlin
Hannes Leidinger
Karin Moser

Gegenwelten

Aspekte der österreichisch-sowjetischen
Beziehungen 1918–1938

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Zum Geleit

Begleitet man ein Forschungsprojekt von Anfang an aktiv und vor allem mit größtem Interesse, so freut es doppelt, wenn eine ausgezeichnete Arbeit vorliegt.

Die Recherchen zur Thematik waren nicht immer einfach, aber es fanden sich Wege, die Schwierigkeiten zu überwinden, und dafür sei der allgemeine Dank ausgesprochen. Es handelte sich bei diesem Projekt um erstmalige Einblicke in ein sehr wesentliches Kapitel der österreichischen Geschichte in ihren Beziehungen zur Sowjetunion. Beide Staaten befanden sich im behandelten Zeitraum in einer Um- und Neustrukturierung, beobachteten einander sehr intensiv. Die vorliegende Publikation arbeitet präzise sowie informativ auch die Hintergründe des bilateralen Verhältnisses aus und gibt dadurch erstmalig Einblicke in bislang eher weniger beachtete Bereiche.

Es geht in der Geschichtsforschung/-schreibung nicht immer um die großen Ereignisse, mit denen Geschäft gemacht werden kann. Die kleinen Bausteine zum Ganzen finden sich durch Forschungsarbeiten wie die, deren Ergebnisse nun in Form dieser Publikation vorliegen und die weiterhin von möglichst vielen Stellen gefördert werden sollten.

Daher darf diesem Buch ein breitester Leserinnen- und Leserkreis gewünscht werden, der den Autorinnen und Autoren zeigen möge, wie hoch geschätzt ihre Arbeit wird.

Dank und Gratulation sowie viel Kraft und Vergnügen bei den weiteren Forschungsarbeiten, nicht nur in dieser Richtung.

Hon.-Prof. Dr. Lorenz Mikoletzky

Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs i. R.

Vorwort

Die Forschungen zu den österreichisch-russischen / sowjetischen Beziehungen haben seit der partiellen Öffnung der russischen Archive zu Beginn der 1990er Jahre einen großen Aufschwung erlebt: thematisch, methodisch und organisatorisch. Erstmals wurde es möglich, an Akten und Materialien in russischen Archiven heranzukommen, die als unauffindbar galten, unter Dauerverschluss waren (»aufbewahren auf ewig!«) oder bis dahin als Tabu geltende Thematiken darstellten.

Verwiesen sei insbesondere auf die großen Forschungsprojekte zu den österreichischen Kriegsgefangenen und Internierten in sowjetischer Hand, auf die Edition und schließlich Restitution der umfassenden österreichischen Bestände im Moskauer Sonderarchiv, die dort als »Beute-Dokumente« des Krieges gesammelt waren, auf die Bearbeitung der politischen Emigration in die Sowjetunion, auf die gemeinsame Bearbeitung des komplexen Themas der Roten Armee in Österreich oder auf den Gipfel Kennedy-Chruščëv in Wien. 2012 konnte überdies von Verena Moritz und Hannes Leidinger der größte Spionagefall Österreichs vor dem Ersten Weltkrieg, jener von Oberst Alfred Redl, auf Basis nunmehr zugänglicher russischer Akten neu bewertet werden.

Seit 2008 wurde die kooperative Zusammenarbeit von russischen und österreichischen Historikern auch bilateral institutionalisiert. Die Außenminister Ursula Plassnik und Sergej Lavrov richteten eine österreichisch-russische Historikerkommission ein mit dem Ziel, die wissenschaftlichen Projekte durch Kontakte und Erfahrungen von Kommissionsmitgliedern zu befördern, neue zu initiieren und laufenden Projekten Impulse zu geben.

Auch das vorliegende Buch, das das Ergebnis eines vom FWF geförderten Forschungsprojektes ist, entstand im breiten Bereich der Kommission, wofür insbesondere den Autoren und Autorinnen ein besonderer Dank gebührt. Sie behandeln unter dem Buchtitel »Gegenwelten« wichtige Aspekte der österreichisch-sowjetischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit: den Beginn der diplomatischen Beziehungen mit dem jungen Sowjetstaat, den Umgang mit Kriegsfolgen, wenn die Fragen um die Kriegsgefangenen des Weltkrieges auf der Agenda standen, ideologische Fragen sowie Spezialthemen der Kultur und Wissenschaft. Dabei werden gegenseitige Feindbilder und Propagandavorwürfe nicht ausgespart, sondern in den historischen Kontext gestellt – insgesamt Themenkomplexe, die bislang nur unzureichend belichtet werden konnten und deren erste Aufarbeitung nunmehr mit diesem Buch vorliegt.

Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner

Co-Vorsitzender der Österreichisch-Russischen Historikerkommission

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung und Ausblick: Zu den Themen und zur Gliederung (Verena Moritz)

Teil 1: Skizzen einer »Diplomatiegeschichte« 1918–1933/34

Von Brest-Litowsk bis Kopenhagen – Die Anfänge der bilateralen Beziehungen 1918–1920 (Verena Moritz)

Die »Ära Pohl« – Von der Kriegsgefangenenmission in der RSFSR bis zur Abberufung des ersten österreichischen Gesandten in der UdSSR 1920–1927 (Verena Moritz)

Krisen und Diskrepanzen – Die bilateralen Beziehungen in den Jahren 1928–1932/33 (Verena Moritz)

Teil 2: Raumkonzepte

Österreich und Mitteleuropa in internationalen Spannungsfeldern – Unter besonderer Berücksichtigung der Sowjetunion 1918–1938 (Verena Moritz / Hannes Leidinger)

Teil 3: Weltanschauungskämpfe

Die Alpenrepublik als »Lernort« der Kommunistischen Internationale (Hannes Leidinger)

Teil 4: Kultur und Wissenschaft

Österreichisch-sowjetische Kulturkontakte im Überblick (Julia Köstenberger)

Fallbeispiele:

1. »Bolschewikeneinbruch in die Salzburger Festspiele« – das Leningrader Opernstudio in der Mozartstadt 1928 (Julia Köstenberger)

2. »Ich bin glücklich alles gesehen zu haben ...« – Stefan Zweig bei den Tolstoj-Feierlichkeiten in der UdSSR 1928 (Julia Köstenberger)

3. Otto Neuraths »Wiener Methode« im Dienste der sowjetischen Propaganda (Julia Köstenberger)

»Rotes Kino«: Die Rezeption der »Sowjetfilme« in Österreich (Verena Moritz / Karin Moser)

Teil 5: Perspektiven: Bewertungen, Feindbilder, Propaganda

»Die Karausche im Rahm« – Österreichbilder in der sowjetischen Propaganda (Aleksandr Vatlin, Übersetzung: Verena Moritz)

»So sympathisch uns natürlich eine Diskreditierung Russlands wäre ...«: Antisowjetische Propaganda im »Ständestaat« – mit Staatsräson (Julia Köstenberger)

Teil 6: »Im Schatten des Faschismus«: Österreich und die Sowjetunion 1933/34–1938

»Wir haben es mit sehr gutem Menschenmaterial zu tun«. Die Schutzbundemigranten in der Sowjetunion (Aleksandr Vatlin unter Mitarbeit von Verena Moritz, Übersetzung: Verena Moritz / Julia Köstenberger)

Die österreichisch-sowjetischen Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der »Anschluss«-Problematik 1933/34–1938 (Julia Köstenberger)

Kurzbiografien historischer Akteure

Diplomatische Vertreter in Österreich und in Sowjetrussland bzw. in der UdSSR sowie die betreffenden Volkskommissare und Staatssekretäre / Bundesminister zwischen 1918 und 1938

Österreichisch-sowjetische Kulturbeziehungen: Liste der wichtigsten Veranstaltungen / »Österreichische Gesellschaft zur Förderung der geistigen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der UdSSR«

Abkürzungsverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis

Die Autorinnen und Autoren

Personenregister

Einleitung und Ausblick:
Zu den Themen und zur Gliederung

 

In den letzten Jahren kamen auch im deutschsprachigen Raum Diskussionen über die Art und Weise, wie eine Geschichte der internationalen Beziehungen, aber auch »Geschichten« einer jeweils »nationalen« Außenpolitik oder aber bilateraler Beziehungen zu schreiben seien, in Schwung. Davon ausgehend ergaben sich wichtige Impulse für eine Historiografie, die als theoriefern und methodenarm gescholten sowie ganz allgemein als verstaubt vorgeführt wurde. Während manch einer die »Standpauke« an die HistorikerInnen, die sich mit Außenpolitik im weitesten Sinne beschäftig(t)en, mitunter für überholt hielt, stellte sich den Kritikern die bisher betriebene »Diplomatiegeschichte« beziehungsweise Geschichte der internationalen Beziehungen als ein oftmals und weitgehend analysefreies Kompilieren beziehungsweise Reproduzieren von Dokumenten aus verschiedenen Archiven dar. Moniert wurde insbesondere, dass außenpolitisches Handeln und vorangegangene Entscheidungsfindungsprozesse fernab gesellschaftlicher Einflüsse und verschiedentlich gelagerter Interdependenzen und Interaktionen politischer, wirtschaftlicher, aber auch kultureller Natur präsentiert worden waren. Zu wenig Augenmerk sei aber auch auf die »Akteure« der Außenpolitik gelegt worden, ihre weltanschaulichen Haltungen oder ihren Handlungsspielraum. Im Gegensatz dazu habe man sich vielmehr auf ein mehr oder weniger abstraktes »Kollektiv« entscheidungsbefugter »Eliten« konzentriert, ohne ihr Tun entsprechend zu hinterfragen. Die Vielfalt an Faktoren, die Außenpolitik und Diplomatie beeinflussen, so der Tenor, sei demgemäß oft ausgeblendet oder zumindest vernachlässigt worden.1

Es ist nicht nur ein »freundliches Nicken nach allen Seiten«, wenn hier betont wird, dass für die vorliegende Publikation der Versuch unternommen wurde, Anregungen zur »Modernisierung« einer Geschichte zwischenstaatlicher Beziehungen zu reflektieren und gegebenenfalls aufzugreifen. Die Einschränkung »gegebenenfalls« ist deshalb anzubringen, weil sich zum Beispiel in Anbetracht der Verfügbarkeit, aber auch Abwesenheit von Quellenmaterialien nicht alles, was an »Ratschlägen« vorhanden war, als anwendbar erwiesen hat. Tatsächlich erlauben die eingesehenen Archivdokumente, so sehr sie auch mit Materialien anderer Provenienz abgeglichen wurden und so sehr den AutorInnen auch daran gelegen war, die Komplexität und die Verschränkungen außenpolitischen Handelns und diplomatischer Realität aufzuzeigen, des Öfteren nur vorsichtige Aussagen über Entscheidungsfindungsprozesse. Ungeachtet der heute teilweise noch sehr eingeschränkten Zugänglichkeit von außenpolitischen Dokumenten sowjetischer Herkunft insbesondere aus den 1930er Jahren2 beweist die diesbezügliche Aktenlage selbst des an Materialien reichen und ohne Beschränkungen zu »beforschenden« Österreichischen Staatsarchivs, dass bestimmte »Wege« der Entscheidungsfindung nicht schriftlich dokumentiert sind. Schon aus diesem Grund war es freilich unumgänglich, Informationen aus einer Reihe unterschiedlicher Materialien heranzuziehen. Sowohl für Österreich als auch die Sowjetunion haben sich diesbezüglich Dokumente mit prima vista vor allem wirtschafts- bzw. handelspolitischem Inhalt als wichtiges ergänzendes, aber auch »substituierendes« Material bewährt, um fehlende Informationen zu Fragen der bilateralen Beziehungen auf politischdiplomatischer Ebene zu kompensieren. Die Auswertung der relevanten Presseberichterstattung hat vor diesem Hintergrund ebenfalls keine geringe Rolle gespielt, wenngleich keineswegs vergessen wurde, dass weder in Moskau noch in Wien die »veröffentlichte Meinung« dem entsprechen musste, was »behördenintern« diskutiert wurde.

Davon abgesehen war auch der Umstand zu beachten, dass sich das österreichisch-sowjetische Verhältnis nicht auf allen Ebenen gleichwertig »deklinieren« lässt. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern erschöpfen sich im Wesentlichen in dem Befund, dass sich als Folge der Zäsur 1917/18 zwei Staatswesen gegenüberstanden, die, wenngleich auf unterschiedliche Art und Weise, die wirkmächtige Vergangenheit von über Jahrhunderte bestehenden Monarchien hinter sich ließen oder lassen mussten. Bereits der Vergleich zwischen der Größe der Territorien hebt jedoch die Unterschiede hervor. In diesem Zusammenhang ist aber nicht nur das Bild vom »Riesen« (UdSSR) auf der einen und vom »Zwerg« (Österreich) auf der anderen zu bemühen. Die unterschiedlichen »systemimmanenten« Arten, Außenpolitik zu verstehen und zu gestalten, bedingen beispielsweise eine jeweils andere Berücksichtigung der »Gesellschaft(en)« als »Agenten« oder »Adressaten« außenpolitischen Handelns. Darüber hinaus wird bereits beim ersten Blick auf die diplomatischen Vertretungen der jeweiligen Seite klar, dass sich auch in personeller Hinsicht Phänomene wie Kontinuität und Fluktuation nicht deckten: Drei diplomatischen bzw. quasidiplomatischen Repräsentanten Österreichs in Sowjetrussland bzw. in der UdSSR zwischen 1920 und 1938 stehen neun Sowjetgesandte in Österreich gegenüber und drei sowjetrussischen bzw. sowjetischen Volkskommissaren für Äußeres zwanzig österreichische Staatssekretäre bzw. Bundesminister für Äußeres.

Bei alldem stellt sich immer wieder die Frage, was die Heranziehung neuer Aktenbestände für die Geschichtsschreibung bewirkt. Gerade in Bezug auf die Materialien russischer Archive wurde seit deren Öffnung ab den 1990er Jahren viel über das Auseinanderdriften von Erwartungshaltungen und tatsächlichem Aussagewert neuer Dokumente sinniert. Nicht wenige HistorikerInnen warnten vor einem »more of the same«-Effekt und attestierten bzw. prophezeiten vor allem den in Russland überaus beliebten Dokumentenbänden einen geringen Erkenntniswert.3 Den AutorInnen vorliegender Publikation war bewusst, dass es in Bezug auf die Erforschung der österreichisch-sowjetischen Beziehungen weniger um die Masse, als vor allem um eine entsprechende Analyse und Kontextualisierung der betreffenden Akten gehen würde. Andererseits stand am Anfang der diesbezüglichen Recherchen nicht zuletzt das Wissen um ein bisheriges weitgehendes Fehlen von sowjetischen Dokumenten für die Aufarbeitung des Themas.4 Schon aus diesem Grund sollten die Recherchen ohne Beschränkungen erfolgen. Gesammelt wurde also viel – mehr als erwartet werden durfte. Nur infolge einer breit angelegten Recherche war es möglich, die vorliegenden Darstellungen mit einer bislang so nicht gekannten sowjetischen Sichtweise auf das bilaterale Verhältnis und Österreich insgesamt zu bereichern und andererseits, die österreichischen Materialien auf damit in Verbindung stehende neue Aspekte hin zu untersuchen. Gleichzeitig ergaben sich zusätzliche Fragen an das Material, die – teilweise als Ergebnis der eingangs erwähnten Anregungen zur Historiografie diplomatischer Beziehungen – eine Erweiterung der zu bearbeitenden Themen erforderlich machten. Forciert wurde unter diesen Vorzeichen nicht zuletzt der Versuch, die »Österreichfrage« der Zwischenkriegszeit als »transnationales Problem« zu begreifen, als einen Teil der Diskussionen rund um das Schicksal Mitteleuropas, dem wiederum in allen außenpolitischen Kanzleien insbesondere auf dem europäischen Kontinent ein prioritärer Stellenwert zukam. So betrachtet ging es also nicht nur darum, die Beziehungen zwischen Moskau und Wien im Auge zu behalten, sondern dieses Verhältnis ebenso wie die Österreichfrage in den 1920er und 1930er Jahren an sich als Faktor für eine »transnational« wirksame Außenpolitik zu berücksichtigen.

Darüber hinaus war es auch das Ziel, dem gesamten Themenkomplex Aussagen in Bezug auf die sowjetische Außenpolitik der Zwischenkriegszeit abzugewinnen. Tatsächlich erhärten die diesbezüglichen Ergebnisse das Bild von einer Moskauer Politik der »freien Hände«, die weltrevolutionäre Konzepte nur vordergründig aufgab und die »kollektive Sicherheit« vornehmlich als Instrument des eigenen Sekuritätsbedürfnisses verstand. Dass dieser »Egoismus« dämonisiert und solcherart »emotionalisiert« wurde, erscheint angesichts nachmaliger Entwicklungen und schließlich unter dem Einfluss des »Kalten Krieges« erklärbar, aber in Anbetracht der Außenpolitik anderer europäischer Staaten als keineswegs singulär. Deutlich wird anhand verschiedener Äußerungen der Sowjetdiplomatie zur »Österreichproblematik« außerdem, dass Moskaus Realpolitik des Öfteren stark von den eigenen »Propagandaansagen« abwich. Des Weiteren wird man bei Betrachtung der sowjetischen Österreichpolitik ab dem Beginn der 1930er Jahre auch zu dem Schluss kommen dürfen, dass sich bereits vor dem März 1933 eine nicht zuletzt auf Verunsicherung fußende Neuorientierung in der sowjetischen Außenpolitik vollzog. Diese Befunde sind zwar nicht ganz neu, können nun aber in Bezug auf die Österreichpolitik um zusätzliche Nuancen bereichert werden.

Keineswegs alle der nichtsdestoweniger neuen Felder und Zugänge sowie Interpretationen und Kontextualisierungen, die sich im Zuge des Sammelns und Auswertens der gesammelten Materialien ergaben beziehungsweise aufdrängten, konnten hier Berücksichtigung finden. Des Weiteren wurde der Versuchung widerstanden, in extenso aus Archivdokumenten zu zitieren – eine Selbstbeschränkung, die einzuhalten in Anbetracht inhaltlich wie sprachlich oft überaus attraktiver Texte nicht immer leicht fiel. Das vorliegende Buch ist demnach ein Zugeständnis an die Notwendigkeit, Bände in einem Umfang zu produzieren, der finanziellen Rahmenbedingungen ebenso Rechnung tragen muss als auch den Arbeitsplänen eines zeitlich limitierten Forschungsprojektes. Die aus diesen Gründen vorzunehmende Begrenzung auf eine Auswahl von Themen schlägt sich auch im Untertitel nieder, in dem von »Aspekten« die Rede ist. Tatsächlich liegen in den Schubladen der AutorInnen dieses Bandes noch einige zusätzliche Texte, welche die österreichisch-sowjetischen Beziehungen 1918–1938 betreffen, aus Platzmangel und mit Rücksicht auf die Stimmigkeit der nunmehrigen Publikation aber im Zuge anderweitiger Veröffentlichungen präsentiert werden müssen.

Die Reduktion auf bestimmte Themen bzw. Themenfelder machte es unter anderem erforderlich, einzelne Spezialbereiche zu komprimieren oder aber in andere Erzählstränge einzubinden. Auf diese Weise wurden etwa die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Österreich in die Darstellung der diplomatischen Beziehungen integriert.5 Ungeachtet der Konzentration auf ausgewählte Problemfelder wurde der Versuch unternommen, einerseits einen großen Bogen zu spannen und das bilaterale Verhältnis als eine Art Gesamtskizze zu präsentieren und andererseits Schwerpunktsetzungen vorzunehmen, die zentralen Fragen und / oder bislang noch völlig unerforschten Bereichen gewidmet sind. Eine Sammelmonografie, welche die Arbeitsfelder der betreffenden AutorInnen und den Teamcharakter des durchgeführten Forschungsprojektes zu den österreichisch-sowjetischen Beziehungen widerspiegelt, erschien hierfür als ideale Voraussetzung. An der Verwirklichung der Publikation in dieser Form konnte auch der Umstand nichts ändern, dass Veröffentlichungen dieser Art von RezensentInnen häufig eine »ordnende Hand« ab- und eine allzu dominante Vielstimmigkeit zugesprochen wird. Die »ordnende Hand« ist nichtsdestoweniger spürbar und die Vielstimmigkeit, die sich als Folge eines Wechsels der Perspektiven ergibt, sollte als Vorteil betrachtet werden. Vorgelegt wird also ein Text, der im Spannungsfeld von Überblick und Detailanalyse einzelne Fragestellungen besonders herausgreift und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Dass die Darstellung dadurch an Tiefe gewinnt und sich bestimmte Argumentationslinien und Interpretationen noch klarer analysieren lassen, ist nach Meinung der Verfasser eines der Resultate dieses Konzepts.

Der Band ist in sechs Hauptteile untergliedert, wobei der erste zeitlich die Jahre 1918 bis 1933/34 umfasst und mit Skizzen einer »Diplomatiegeschichte« betitelt ist. Ausgehend von allgemeinen Erläuterungen zur Ausgangslage außenpolitischen Handelns betreffend die beiden Länder und diesbezüglichen »historischen Urteilen« sowie Diskussionen werden hier die Beziehungen auf diplomatischer Ebene umrissen. Das passiert einerseits auf durchaus »klassischer« Ebene6 und andererseits mit einem Fokus auf verschiedene Spezialbereiche, die anderen methodischen und interpretatorischen Zugängen Rechnung tragen. Dazu zu zählen ist unter anderem der Versuch einer Charakterisierung der Amtszeit von Otto Pohl, der von 1920/24 bis 1927 das Verhältnis zwischen Moskau und Wien in hohem Maße gestaltete und dessen Bewertungen der innersowjetischen Entwicklungen als immer noch bemerkenswert zu gelten haben. Ähnliches gilt für das Bemühen, die Sowjetgesandtschaft nicht nur in ihrer »Beziehung« zu offiziellen österreichischen Stellen zu zeigen, sondern auch als »Ort der Begegnung« zwischen Moskaus Gesandten und prominenten österreichischen Sozialdemokraten. Die Darstellung, die sich streckenweise auf völlig neuem Forschungsterrain bewegt, fußt nicht zuletzt auf der Einbeziehung des Aktenmaterials aus dem Archiv der Außenpolitik der Russischen Föderation (AVP RF). Dabei erhellt wird unter anderem auch die Frage, wie sich das sowjetische Österreichbild beginnend mit 1919 entwickelte. Hier wird klar, dass das viel später und in Anbetracht des »Anschlusses« entworfene Bild der Sowjetunion von Österreich als »Opfer« seinen Ursprung in der Beurteilung des Landes als »Leidtragender« des »Versailler Systems« hatte. Dieser Blick auf Österreich als »Opfer« lässt sich ungeachtet der bereits seit der zweiten Hälfte bzw. Ende der 1920er Jahre vorherrschenden Charakterisierung der österreichischen Regierungen als »faschistische« Staatsführungen anhand der Berichte der in Wien tätigen Sowjetgesandten als eine Konstante der Beurteilungen des kleinen Landes nachvollziehen.

Auf der anderen Seite wiederum kann der »Antibolschewismus« der verantwortlichen Entscheidungsträger in Österreich als bestimmender Faktor für die Ausgestaltungen der Beziehungen zu Moskau bezeichnet werden, wenngleich sich hier zum Teil auffällige Diskrepanzen zwischen öffentlichkeitswirksamer sowjetfeindlicher Rhetorik und auf zumindest oberflächliche Verständigung abzielenden diplomatischen Verhaltensweisen auftaten.

Deutlich wird außerdem, dass eine Verschlechterung des bilateralen Verhältnisses bereits vor der Kanzlerschaft unter Engelbert Dollfuß wirksam wurde, obwohl sein strikt antimarxistischer Kurs zweifellos einschneidend für die weitere Entwicklung oder besser Nicht-Entwicklung der zwischenstaatlichen Beziehungen gewesen ist. Eine wesentliche Bedeutung kam hierbei den wirtschaftlichen Kontakten zu, die ab 1932 auf ein Mindestmaß schrumpften und trotzdem Anknüpfungspunkt für ein ansonsten auf Sparflamme kochendes Verhältnis blieben.

In den Raumkonzepten wiederum wird das Schicksal Österreichs in der Zwischenkriegszeit als gesamteuropäisches Problem aufgerollt, eingebettet in Diskussionen über verschiedene Mitteleuropakonzeptionen sowie die Frage der »Habsburgerrestauration«. Herangezogen werden in diesem Zusammenhang Stimmen nicht nur aus Moskau, sondern vor allem auch aus Berlin, London und Paris. Nicht zu kurz kommen freilich auch die Haltungen der »Kleinen Entente«, die insbesondere zur Frage der »Habsburgerrestauration« explizite Positionen einnahm. Eine »Rückkehr« des früheren Herrschergeschlechts beschäftigte aber auch Moskau. Von dort kamen zumindest auf den ersten Blick durchaus verstörende Signale, die einer Restauration keineswegs ablehnend zu begegnen schienen. Insbesondere beachtet wird des Weiteren die Entwicklung von Moskaus Ansichten betreffend den »Anschluss« Österreichs an Deutschland im gesamten Untersuchungszeitraum, wobei vor allem Moskaus Perspektive auf das Zollunionsprojekt zwischen Deutschland und Österreich Aufmerksamkeit geschenkt wird. Entgegen bislang geläufiger Interpretationen zeigt sich in diesem Kapitel unter anderem, dass abseits der sowjetischen Propaganda das Volkskommissariat für auswärtige Angelegenheiten keineswegs eine Haltung einnahm, die sich auf eine Position pro »Anschluss« vor Hitlers Machtergreifung und eine contra »Anschluss« nach dessen Machtantritt reduzieren lässt.

Der dritte Teil widmet sich unter dem Titel Weltanschauungskämpfe Österreichs Bedeutung als »Lernort« der Kommunistischen Internationale (Komintern, KI). Hier wird aufgezeigt, welche Rolle die Alpenrepublik als Stützpunkt der Komintern und als Exil ausländischer Kommunisten spielte. Nur unter Einbeziehung dieses Themas ist verständlich, warum sich das diplomatische Verhältnis oftmals so friktionsreich gestaltete und warum der Antibolschewismus als eines der wichtigsten Elemente der österreichischen Sowjetunionpolitik zu bezeichnen ist. Gezeigt wird außerdem, dass sich trotz der Heterogenität der »Linken« und insbesondere der eklatanten Gegensätze zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus immer wieder Anknüpfungspunkte für einen »Dialog« ergaben – wenngleich dieser konfliktbehaftet blieb. Klar zu Tage tritt außerdem, dass sich auch innerhalb der »kommunistischen Bewegung« die Einheit, auf die man sich offiziell gerne berief, realiter nicht existierte. Die Situation in Österreich, wo in den 1920er Jahren verschiedene ausländische KP-Organisationen um eine klare Linie rangen, ist hierfür beispielhaft.

Auf fast völlig neuem Terrain bewegt sich anschließend der Teil Kultur und Wissenschaft, für den die im GARF aufbewahrten Aktenbestände der sogenannten VOKS (Gesellschaft für kulturelle Verbindung der UdSSR mit dem Ausland) in Bezug auf das Österreich der Zwischenkriegszeit erstmals detailliert ausgewertet wurden. Auch wenn die Sowjetunion grundsätzlich außerhalb des Aktionskreises der österreichischen Auslandskulturpolitik stand und umgekehrt Österreich als Kleinstaat für Moskau nur geringe Bedeutung hatte, kam es vor allem bis 1931 zu bemerkenswerten Kulturkontakten, über die nun eine Übersicht vorliegt. Die russischen Quellen boten zudem die Basis für die Herausarbeitung der tragenden Strukturen, wichtigsten Akteure und Vernetzungen in diesem vermeintlich »unpolitischen« Bereich, insbesondere der Geschichte des Vereins »Österreichische Gesellschaft zur Förderung geistiger und wirtschaftlicher Beziehungen mit der UdSSR«. Es zeigt sich, dass in Österreich vieles dem Engagement einiger weniger Aktivisten, meist sozialdemokratischer Parteigänger und Sympathisanten, zu verdanken war. Dieser Umstand hinderte aber Moskau nicht daran, den verantwortlichen VOKS-Vertretern in Wien realitätsfremde Weisungen in Bezug auf die personelle Zusammensetzung des Vereins und dessen stärkere politische Exponierung für die UdSSR zukommen zu lassen. Gleichzeitig zeigten in Österreich eine schärfer werdende antimarxistische Politik und die Negativpresse über Kollektivierung, Religionsverfolgung, Schauprozesse und Terror in der Sowjetunion ab Anfang der 1930er Jahre ihre Wirkung. Die – durchaus vielfältigen – Gründe für die beinahe gänzlich zusammengebrochenen Kulturkontakte zwischen den beiden Staaten in den Jahren 1933/34 bis 1938 werden in der Analyse ebenfalls erörtert.

Neben diesem grundlegenden Überblick widmet sich die Studie in diesem Abschnitt gleichsam in »Nahaufnahme« ausgewählten Fallbeispielen, welche die genauen Hintergründe, Abläufe und Ergebnisse der »VOKS-Arbeit« sowie die öffentliche Wirkung einzelner Ereignisse exemplarisch aufzeigen sollen. Symptomatisch für das in Österreich vorherrschende Misstrauen gegenüber dem sowjetischen »Kulturimport« ist das Gastspiel des Leningrader Opernstudios bei den Salzburger Festspielen 1928, welches von einem Teil der heimischen Presse geradezu als »Bolschewikeneinbruch« betrachtet wurde. Mit Stefan Zweigs Eindrücken von seinem Aufenthalt bei der Tolstoj-Feier im Herbst 1928 in der UdSSR wird außerdem ein weiterer wichtiger Aspekt des Sowjetunionbildes in der Zwischenkriegszeit aufgegriffen, als sich nicht zuletzt Künstler und Intellektuelle zur Lage in der UdSSR und der Politik des Kremls zu Wort meldeten. Der berühmte Schriftsteller und »unpolitische« Pazifist trug mit seinen Berichten über die »Reise nach Russland« zu einem »Zerrbild« von der »Sowjetwirklichkeit« bei. Die Detailanalyse zur Mitarbeit des Sozialwissenschaftlers Otto Neurath am Aufbau des Instituts für Bildstatistik »Izostat« in Moskau wiederum bringt einige neue Aspekte hinsichtlich des Zustandekommens und Verwirklichung des »Exports« seiner »Wiener Methode« in die UdSSR ans Licht. Im letzten Kapitel wird das Augenmerk noch auf den künstlerisch so bedeutenden sowjetischen Film gerichtet und gezeigt, welchen Eindruck das »rote Kino« in Österreich hinterließ und welche weltanschaulichen Kämpfe in diesem Zusammenhang ausgetragen wurden.

Der nächste Teil Perspektiven: Bewertungen, Feindbilder, Propaganda stellt die Frage der wechselseitigen Wahrnehmungen ins Zentrum. Hier geht es zunächst darum, die von der Sowjetpresse vermittelten verschiedenen »Österreichbilder« zu betrachten und auch hinter deren Entstehung zu blicken. In der sowjetischen Propaganda erfüllte Österreich eine spezielle Funktion. Es diente als geradezu beliebig oft heranzuziehendes Beispiel für die Bestätigung der Analysen und Prognosen, die die Sowjetbürger vorgesetzt bekamen, um gewissermaßen die Richtigkeit der sowjetischen Politik und ihrer marxistischen Prämissen zu begreifen. Österreich wurde genannt, wenn es um den »räuberischen« Friedensvertrag von Versailles ging, um das »künstliche« System der Staatenwelt, das dieser Frieden hervorgebracht hatte, wenn es um das Schicksal der Arbeiterklasse ging, um das »Absterben« demokratischer Institutionen, den »Verrat« der Sozialdemokraten oder wenn von der faschistischen Bedrohung die Rede war. Dabei spielte es keine Rolle, wie weit die Interpretationen der sowjetischen Propaganda von den tatsächlichen Entwicklungen in der Alpenrepublik entfernt waren. Was zählte, war lediglich der Umstand, dass die Ereignisse in Österreich den Kommentatoren in Moskau alles lieferten, was sie brauchten, um den Weg, den die Sowjetunion eingeschlagen hatte, zu rechtfertigen und die Fehler ihrer Gegner anzuprangern. Allerdings stimmten beispielsweise die Komintern und die Sowjetpropaganda in ihren Darstellungen nicht immer überein. Als die KI aus den Februarkämpfen den Höhepunkt eines demokratischen und antifaschistischen Aufstandes mit antideutschem Einschlag machte, trug die sowjetische Propaganda dieses Bild nicht weiter.

Das Kapitel fußt auf einer umfassenden Auswertung der sowjetischen Österreichberichterstattung, die überdies eine wichtige Ergänzung zum ersten und letzten Teil des Buches darstellt. Eine Zusammenschau dieser Texte macht unter anderem deutlich, dass die Historiografie zu den österreichisch-sowjetischen Beziehungen Politik und Propaganda gleichermaßen zu berücksichtigen hat und darüber hinaus deren Übereinstimmungen und Abweichungen analysieren muss. Der Text befasst sich aber auch mit einzelnen Teilaspekten: mit der »Österreichperzeption« auf Grundlage von Eindrücken, die Diplomaten und Sowjetfunktionäre infolge von Aufenthalten in der Alpenrepublik sammeln konnten oder aber mit der Frage, wie beziehungsweise ob und wann sich die These von der »österreichischen Nation« in der Sowjetpropaganda wiederfand.

Das zweite Kapitel dieses Teils setzt sich mit antisowjetischen Kampagnen im »Ständestaat« auseinander, die öfters Anlass zu Beschwerden und Interventionen von Seiten der Sowjetdiplomaten gaben. So reagierte Moskau sehr empfindlich auf Publikationen und Aktionen in Zusammenhang mit der Hungerkatastrophe in der UdSSR 1933, wie die Initiative Kardinal Theodor Innitzers zu Gunsten der »Hungernden in Russland«, die Broschüre der Vaterländischen Front »Rußland, wie es wirklich ist« 1934 und das in Österreich erschienene Buch des Generalsekretärs des Innitzer-Hilfskomittees Ewald Ammende »Muß Rußland hungern?« 1935. Die genaue Analyse der Akten des österreichischen Außenamts legt dar, dass dieses grundsätzlich bemüht war, Unannehmlichkeiten jeglicher Art mit der UdSSR zu vermeiden und größere antisowjetische Spitzen in der Propaganda und Berichterstattung, jedenfalls in der offiziösen Presse, zu verhindern. Das Regime zeigte sonst jedoch seine abweisende Haltung gegenüber Moskau auf sehr deutliche Art und Weise in regierungsnahen Blättern sowie mit ausnahmsloser Zensur sowjetischer Zeitungen. Es stellt sich dabei die Frage, wie sich der »Ständestaat« hinsichtlich der propagandistischen Verwertung von aus der UdSSR zurückgekehrten ehemaligen Schutzbündlern, aber auch in Sachen der öffentlichen Thematisierung des stalinistischen Terrors gegen Österreicher verhielt. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit der Detailstudie zur Ausweisung des einzigen österreichischen Korrespondenten in Moskau, Nikolaus Basseches, im Juli 1937 aus der UdSSR wegen »antisowjetischer Tendenzen« in seiner Berichterstattung.

Der letzte Teil, der »Im Schatten des Faschismus«: Österreich und die Sowjetunion 1933/34–1938 betitelt ist, greift noch einmal explizit die Schutzbundemigration in die UdSSR auf. Hier geht es vor allem darum, die sowjetische Perspektive auf die österreichischen Exilanten zu zeigen. Dabei wird auch illustriert, wie die Emigranten, die ursprünglich als »Musterexemplare proletarischer Tatkraft« präsentiert wurden, schließlich ihren »Heldenstatus« wieder einbüßten. Stellvertretend für das Schicksal vieler anderer Schutzbündler verweist das Kapitel abschließend auch auf das Los einzelner Personen, die dem stalinistischen Terror zum Opfer fielen.

Zum Schluss widmet sich die Studie dann noch einmal einer der wichtigsten Fragen im österreichisch-sowjetischen Verhältnis: dem »Anschluss«. Immerhin präsentierte sich die UdSSR später gleichsam als einsamer Streiter für die österreichische Unabhängigkeit, die sie auch noch im März 1938 zu bewahren versucht habe. Ein genauerer Blick auf Moskaus Österreichpolitik relativiert allerdings das Engagement für die Souveränität des kleinen Landes. Die nun erstmals in großem Umfang gesichteten und ausgewerteten Berichte der Wiener Sowjetgesandtschaft aus den Jahren 1933 bis 1938 zeichnen sich oft durch klare Analysen der schwierigen innen- und außenpolitischen Lage des »austrofaschistischen« Regimes aus – den »Anschluss« hielten die Sowjetdiplomaten angesichts der Entwicklungen, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Juliabkommen von 1936, für fast unabwendbar. Gleichzeitig blockte Österreich den geringsten Ansatz zur internationalen Diskussion über eine Involvierung der UdSSR zur Unterstützung der staatlichen Unabhängigkeit ohnehin aus antibolschewistischem Prinzip sofort ab, wie die Akten des BKA/AA und die Untersuchung regimenaher Zeitungen belegen. Ein besonderes Augenmerk erhalten schließlich die Ereignisse rund um den »Anschluss« selbst, wobei für die Detailanalyse der Vorgänge auf diplomatischer Ebene vor allem aus den Außenämtern in Berlin und Moskau neue Dokumente sowie unbekannte Materialien des Politbüros herangezogen werden konnten. Überdies ruft das Verhalten der österreichischen Diplomaten in Moskau angesichts der Vorgänge in der Heimat Interesse hervor. Immerhin erwiesen sich einige davon als Anhänger des Nationalsozialismus, deren Karriere auch nach dem »Anschluss« eine Fortsetzung erfuhr. Des Weiteren finden sich bei kritischer Betrachtung der Haltung der UdSSR in der »Anerkennungsfrage« des »Anschlusses« neue Aspekte zur Österreichpolitik des Kremls hinter den Kulissen. Von zentraler Bedeutung ist dabei nicht nur die Kontextualisierung der öffentlichen Reaktionen Außenkommissar Maksim Litvinovs im März und September 1938 mit der allgemeinen Lage in Europa – insbesondere mit der »tschechoslowakischen Krise« –, sondern auch der Ausblick auf die Zeit des Hitler-Stalin-Pakts.

Als vor mehreren Jahren die Idee zu einem Forschungsprojekt über die österreichisch-sowjetischen Beziehungen geboren wurde, das dann einige Zeit später tatsächlich realisiert werden konnte, hatten die Verfasser des vorliegenden Bandes noch keineswegs an einen diesbezüglich zu beachtenden »Jahrestag« gedacht. Es ist fraglich, ob der Umstand, dass es 2014 90 Jahre sein werden, seitdem Österreich und die mittlerweile von der Landkarte verschwundene UdSSR reguläre diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, abseits der Historikerzunft (und selbst dort wohl nur am Rande) überhaupt registriert werden wird. Vielleicht kann der vorliegende Band dazu beitragen, dass das österreichisch-sowjetische Verhältnis auch abseits fragwürdiger Aktualitätsbezüge als ein Thema betrachtet wird, das viel zum Verständnis der österreichischen ebenso wie der russischen bzw. sowjetischen Geschichte der Zwischenkriegszeit beitragen kann.

Vorangegangen sind dem Schreiben der Texte – wie bereits erwähnt – umfangreiche Recherchen vor allem in österreichischen und russischen Archiven, die im Rahmen eines vom FWF (Austrian Science Fund / Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) finanzierten Forschungsprojektes ermöglicht wurden. Den auf diese Weise bereitgestellten Mitteln ist es auch zu verdanken, dass der vorliegende Band gedruckt werden konnte. Dass Hürden in Bezug auf die Benützung einzelner Quellenbestände in Russland überwunden werden konnten, ist wiederum dem Österreichischen Staatsarchiv als Träger des Forschungsprojektes ebenso zuzuschreiben wie der tatkräftigen Hilfe seitens der Österreichisch-Russischen Historikerkommission. Namentlich zu danken ist dem früheren Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs Hon.-Prof. Dr. Lorenz Mikoletzky, dem nunmehrigen Generaldirektor Univ. Doz. Dr. Wolfgang Maderthaner, den Vorsitzenden der Österreichisch-Russischen Historikerkommission Univ. Prof. Dr. Stefan Karner und Prof. Aleksandr Čubar’jan sowie dem Sekretär der russischen Seite der Kommission, Prof. Viktor Iščenko.

1 Vgl. u. a. Afflerbach, Holger: Die Herausforderung der Diplomatiegeschichte durch das Konzept der Gesellschaftsgeschichte, in: Bericht über den 22. Österreichischen Historikertag in Klagenfurt. Veranstaltet vom Verband Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine in der Zeit vom 4. bis 7. Mai 1999, Klagenfurt 2002, 40–46; Loth, Wilfried / Osterhammel, Jürgen (Hg.): Internationale Geschichte. Themen – Ergebnisse – Aussichten, München 2000; Mergel, Thomas: Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik, in: Geschichte und Gesellschaft Nr. 28, 2002, 574–606; Thiessen, Hillard von / Windler, Christian (Hg.): Akteure der Außenbeziehungen. Netzwerke und Interkulturalität im historischen Wandel, Köln / Weimar / Wien 2010.

2 Zur Problematik der Zugänglichkeit russischer Archivmaterialien siehe: Wehner, Markus: Gescheiterte Revolution. In den russischen Archiven gehen die Uhren rückwärts, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2009, 377–390.

3 Vgl. zu diesen Diskussionen u. a. Creuzberger, Stefan / Lindner, Rainer (Hg.): Russische Archive und Geschichtswissenschaft. Rechtsgrundlagen, Arbeitsbedingungen, Forschungsperspektiven, Frankfurt am Main / Wien / u. a. 2003.

4 Hervorzuheben ist hier die überaus verdienstvolle Arbeit von: Haider, Edgard: Die österreichisch-sowjetischen Beziehungen 1918–1938, Diss. Wien 1975.

5 Die diesbezüglichen Darstellungen profitierten nicht nur von Recherchen des Projektteams im RGAĖ, sondern auch von einer seit 2010 vorliegenden umfang- und detailreichen Dissertation. Siehe Peyravan, Ronald: Zwischen Aufbruch und Abbruch: die Wirtschaftsbeziehungen Österreichs zu der Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit. Unter besonderer Berücksichtigung der österreichischen Arbeitermigration, Diss. Wien 2010.

6 Vgl. dazu Gehler, Michael: Österreichs Außenpolitik der Zweiten Republik. Von der alliierten Besatzung bis zum Europa des 21. Jahrhunderts, Bd. 1, Innsbruck 2005, 15.

Teil 1:

Skizzen einer »Diplomatiegeschichte« 1918–1933/34

 

Von Brest-Litovsk bis Kopenhagen – Die Anfänge der bilateralen Beziehungen 1918–1920

Von der »alten« zur »neuen« Diplomatie

Die Mitglieder des diplomatischen Korps hielten sich für eine kosmopolitische, kulturell »homogene europäische Familie«. Sie pflegten eine gemeinsame Form der Konversation, lasen ähnliche Bücher, verteidigten vergleichbare Gesellschaftsmodelle und stimmten in Grundsätzen über die Prinzipien der internationalen Beziehungen überein. 1925, als der englische Publizist James A. Spender solcherart das Selbstverständnis früherer Diplomatengenerationen charakterisierte, die sich für gewöhnlich streng von der Außenwelt abgegrenzt und Demokratisierungstendenzen skeptisch betrachtet hatten, war die »alte Welt« dieser »Auserwählten« bereits untergegangen.7 Schon in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sah sich die Diplomatie mehr und mehr mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Politik vor der Öffentlichkeit, wenn nicht zu rechtfertigen, dann wenigstens zu kommentieren. Nach 1914 war vor dem Hintergrund verschiedener Bemühungen um den Frieden der Wunsch nach Transparenz politischer Entscheidungen noch schneller gewachsen und die Kritik an der »Geheimdiplomatie«, die viele gar als hauptverantwortlich für die Entwicklungen ab dem Sommer 1914 ansahen, stetig größer geworden. In seinen »Vierzehn Punkten« griff Woodrow Wilson Anfang 1918 diese Problematik auf und wandte sich gegen jede »Heimlichkeit« in den zwischenstaatlichen Unterredungen.8 Spätestens ab 1919 ergab sich die Gelegenheit zu zeigen, ob solche Ansagen auch umgesetzt würden. In Frankreich kamen die Vertreter der ehemals Krieg führenden Länder zusammen, um ein neues Europa aus der Taufe zu heben. Eine »neue Diplomatie« vermögen indessen Analysen der Pariser Friedensverhandlungen in nur sehr eingeschränktem Maße zu Tage zu fördern. Die Handlungslogik der »alten Diplomatie« habe sich, lauten heutige Befunde, nicht verändert, das Versprechen von Offenheit und Transparenz sei nur vordergründig eingelöst worden. Der Unmut der »Verliererstaaten«, der sich unter anderem in der bewussten Verletzung von Etikette und Förmlichkeiten geäußert hatte, und die Haltung der Siegerstaaten, die nicht auf Augenhöhe verhandelt und sich gegen eine Kommunikation mit den ehemaligen Kriegsgegnern gesperrt hatten, habe vielmehr einer für den Verlauf des Krieges typischen Eskalation entsprochen. Die Rede ist schließlich vom »Verlust gemeinsamer Handlungsformen diplomatischer Interaktion«.9

Tatsächlich waren wesentliche Entscheidungen weiterhin hinter verschlossenen Türen ausgehandelt worden. Manche Zeitgenossen negierten »diesen Frieden« als einen, »dessen Kulissengeschichten sich von der Öffentlichkeit viel sorgsamer« verbargen, »als die unmittelbare Vorgeschichte des Weltkriegs«.10 An der mangelnden Transparenz hatte auch die umfassende Presseberichterstattung, welche die unmittelbare Beteiligung der Öffentlichkeit am Prozess politischer Entscheidungsfindung unter anderem in Form zahlreicher Fotoreportagen suggerierte, wenig geändert. Das eigentlich »Neue« war so gesehen die überwältigende Präsenz der Medien als Transporteure der Illusion vom Anbruch einer Ära der »neuen Diplomatie« bei gleichzeitiger Anpassung der Entscheidungsträger an die Anforderungen der medialen Performanz: Man gab Interviews, ließ sich fotografieren, lächelte in die Kameras. Als »neu«, wenngleich nicht als Errungenschaft zu bezeichnen, ist des Weiteren das Ende einer »gemeinsamen Sprache« der Diplomaten als Voraussetzung für jedwedes Gelingen von Verhandlungen.11 Was in Versailles, Saint Germain und in anderen Pariser Vororten vonstatten ging, trug den Keim kommender Auseinandersetzungen in sich.

Was immer man unter einer »neuen Diplomatie« verstehen mochte, eines trat unverkennbar zu Tage: Das Bedürfnis nach einschneidenden Veränderungen, die der Selbstherrlichkeit einer elitären Gruppe von Männern, die in der Vergangenheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit das Schicksal ganzer Länder entschieden hatten, ein Ende bereiten sollten, war allerorts vorhanden. An dieser Vorstellung und der Hoffnung nach einem »gerechten Frieden« hielten die Verlierer des Krieges auch dann noch fest, als sich bereits klar abzeichnete, dass sich ihre Erwartungen nicht erfüllen würden. So versprach sich etwa noch im Juli 1919 der österreichische Staatskanzler Karl Renner von der »neuen Diplomatie« Friedensbedingungen, die, anders als die bereits vorgelegten, den »sichere[n] Untergang« seiner Heimat abwenden würden. Der »auswärtige Dienst«, betonte er außerdem, werde »nicht auf äußeren Glanz und auf Repräsentation« und »nicht auf gute Beziehungen zu den obersten Schichten der Nachbarländer« aufbauen, sondern auf »Offenheit und Geradheit gegenüber den Nachbarn«. Er müsse sich »stützen auf den Willen des Volkes selbst, auf die Demokratie, denn er hat keinen anderen Rechtstitel als diese«.12

Vor allem in Russland zeigte man sich entschlossen, der »alten Diplomatie« abzuschwören. Noch bevor Woodrow Wilson seine »Vierzehn Punkte« präsentierte, vollzogen sich dort auf allen Ebenen grundlegende Umwälzungen. Als sich die Bolschewiki unmittelbar nach der Machtergreifung im Oktober beziehungsweise November 1917 mit neuen Perspektiven auf internationale Fragen beschäftigten, subsumierten sie gewissermaßen das bereits allgegenwärtige Unbehagen mit der scheinbaren Allmacht der Diplomaten. Die Radikalität ihres Programms trat dabei von Anfang an anhand der schließlich auch außerhalb des ehemaligen Zarenreichs artikulierten Forderungen nach Frieden zu Tage. Der an alle am Ersten Weltkrieg beteiligten Staaten und vor allem an die Arbeiterschaft in England, Frankreich und Deutschland gerichtete Aufruf, »ohne Annexionen und Entschädigungen« zu einem Ende der Kampfhandlungen zu gelangen, entsprach zwar einer schon früher ausgegebenen Losung der Rätebewegung.13 Allerdings wurde er nun mit größerem Pathos vorgetragen und unter frenetischem Jubel der Anhängerschaft Lenins gleich dazu benutzt, die »bourgeois-imperialistischen Methoden« der Krieg führenden Mächte anzuprangern. Um von der »alten Geheimdiplomatie« abzurücken, entschlossen sich die Bolschewiki überdies zur Freigabe beziehungsweise Edition von Geheimdokumenten aus den zarischen Archiven. Diese Vorgehensweise, die als eindrucksvolle Diskreditierung des »Imperialismus« zu deuten war, erregte augenblicklich das Interesse des Auslands14: Schon im April 1918 erschien die englischsprachige Übersetzung einiger russischer Akten. Bald kam es speziell in Deutschland und Frankreich unter anderem auch aufgrund der publizierten Materialien aus dem früheren Romanowimperium zu lebhaften Debatten über die außenpolitischen Entscheidungen der vergangenen Jahre.15 Nach Kriegsende diente die Publikation geheimer diplomatischer Schriftstücke nicht zuletzt dem Bemühen nach Abgrenzung von den Entscheidungsträgern früherer Regime.

»Neue Diplomatie« zwischen Tradition und Revolution