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Verena Moritz
Hannes Leidinger
Gerhard Jagschitz

IM ZENTRUM DER MACHT

DIE VIELEN GESICHTER DES GEHEIMDIENSTCHEFS

MAXIMILIAN RONGE

Residenz Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.residenzverlag.at

© 2007 Residenz Verlag

im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:

978-3-7017-4352-0

ISBN Printausgabe:

978-3-7017-3038-4

INHALT

Erkundungen

Erste Spuren

Verena Moritz und Hannes Leidinger

Die viele Gesichter des Maximilian Ronge
oder die Suche nach dem Großvater

Gerhard Jagschitz

Ermittlungsergebnisse

Der Weg nach oben

Verena Moritz

Spione am Werk

Verena Moritz

Krieg

Verena Moritz

Im Zeichen der Revolution

Hannes Leidinger

Vor und hinter den Kulissen

Hannes Leidinger

Büro Ronge

Hannes Leidinger

Terror

Verena Moritz

Schatten der Vergangenheit

Hannes Leidinger

Der letzte Auftrag

Hannes Leidinger

Datenauswertung

Abschlussbericht

Hannes Leidinger und Verena Moritz

Im Irrgarten der Erinnerung

Gerhard Jagschitz

Aus den Fotoalben Max Ronges

Stationen im Leben eines Spionageexperten

Wir danken…

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Personenregister

ERKUNDUNGEN

Erste Spuren

Kontaktaufnahme

Zerlumpt, ausgehungert, mit einem Wort „Elendsgestalten“ kamen zu Tausenden und schließlich zu Hunderttausenden an die Demarkationslinie. Man schrieb das Jahr 1918. An der Grenze zwischen dem Herrschaftsgebiet der entstehenden Sowjetunion und dem Machtbereich deutscher und österreichisch-ungarischer Armeen trafen Männer ein, die sich jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft befunden hatten. Zurückkehrend aus den Weiten des Zarenreiches, das die Revolution hinweg gefegt hatte, klopften sie an die Türen des krisengeschüttelten „Vaterlandes“. Heimkehrer, wie sie Joseph Roth in seinen Romanen verewigte, symbolisierten eine Welt, die aus den Fugen geraten war. Entwurzelte und Orientierungslose sahen den Untergang der alten Ordnung. Deren Beschützer versuchten das Schlimmste zu verhindern. Das Herz Europas musste vor dem anbrandenden Bolschewismus gerettet werden. Gegen die ehemaligen Gefangenen und Zeugen von Lenins Oktoberrevolution errichtete man eine „Abwehrlinie“. Geistige Quarantäne sollte den Bazillus des Umsturzes und des Aufruhrs ausmerzen.

Architekt der ideologischen Verteidigungsbastionen war unter anderen der letzte Geheimdienstchef der Habsburgerarmee, Maximilian Ronge. Als Kriegsgefangenenforscher begegneten wir ihm erstmals, um bald festzustellen, dass er von nun an regelmäßig unsere Wege kreuzen sollte. Er koordinierte und exekutierte die Aufträge der Regierenden, war vielleicht sogar Mitgestalter der österreichischen Gesellschaft. So wurden wir im Zuge unserer Forschungen immer wieder mit Ronge konfrontiert – wenn sich auch die Hinweise auf seine Tätigkeit meist nur im Anmerkungsteil wissenschaftlicher Arbeiten fanden oder in vielen Archivalien zunächst lediglich vereinzelt Spuren seines Wirkens ausmachen ließen.

War das „Fußnoten-Gespenst“ überhaupt fassbar? Es wurde rasch klar, dass wir uns auf schwierigem Terrain bewegten. Noch dazu galten Biografien lange Zeit unter Historikern regelrecht als verpönt. Man hatte sich den langfristigen Entwicklungen, ganzen Gesellschaftsschichten und Strukturen zugewandt. Als wir uns trotzdem entschlossen, Partei für Ereignis und Individuum zu ergreifen, standen wir freilich nicht mehr alleine da. In verwandelter Form waren die kleinsten Einheiten der „großen Erzählungen“ in die Geschichtsschreibung zurückgekehrt, umgeben von langsamer Veränderung und „fast stationärer Zeit“.

An Vorbehalten fehlte es dennoch nicht. Eine Biografie schreiben, ist das eine. Das Leben eines Spionagefachmannes erforschen, das andere. Die Erkenntnis des Historikers endet mit dem Horizont seiner Dokumente. Lücken quälen alle Forscher, egal, welchen Themen sie sich zuwenden. Aber ist es nicht nahezu aussichtslos, an eine Figur heranzukommen, die von Berufs wegen im Verborgenen arbeitet, Verschwiegenheit einfordert, Akten vernichtet, Halb- und Unwahrheiten aus taktischen Gründen in Umlauf bringt? Wie also sieht es mit der notwendigen Quellenbasis aus? „Agenten“ lassen sich nicht gerne in die Karten blicken – erst recht nicht, wenn sie bis zu ihrem Ableben im Dienst bleiben. Was sie festhalten oder gar veröffentlichen – Ronge schrieb zwei Bücher –, kann eine bewusste Irreführung sein.

Wir hatten den k.u.k. Spionagechef im Visier, aber wir hielten ihn auf Distanz. Noch konnten wir nicht wissen, dass er sich uns von einer anderen Seite näherte. Gerhard Jagschitz, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien, betreute unsere Diplom- und Doktorarbeiten. Er ist der Enkel von Max Ronge.

Fährtensuche

Recherchen zu unseren Doktorarbeiten sowie zu nachfolgenden Wissenschaftsprojekten führten uns nach Moskau. In russischen Zentralarchiven, betonte Gerhard Jagschitz, sei unter anderem auf Dokumente zu achten, die der österreichischen Zeitgeschichtsforschung zugänglich gemacht werden sollten. Wir gingen an die Arbeit. Im Nachhinein überrascht es kaum, dass Ronge erneut zum Vorschein kam. In Kaderakten von KP-Funktionären im Moskauer Parteiarchiv, das sich heute „Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte“ nennt, fanden sich Unterlagen, die verdeutlichen, dass der letzte Leiter des k.u.k. Militärgeheimdienstes den „Weltrevolutionären“ ein Begriff war.

Aufschlussreiche Berichte fielen uns in die Hände. Ein Spitzel, offenbar mit Lenins Gefolgsleuten in Verbindung, hatte sich bei den Habsburgern in ihrem Schweizer Exil eingeschlichen. Er erzählte von monarchistischen Geheimzirkeln in Wien. In Österreich und Ungarn plane man die Rückkehr des Kaisers und Königs. Wir reisten nach Budapest. Dort, genauer gesagt im Nationalarchiv, erhärtete sich ein Verdacht: Max Ronge war involviert. Eigentlich hatten wir uns mit der Kommunistischen Internationale, kurz Komintern, und ihren Untergrundaktivitäten zu befassen. Dass Ronge nun nicht bloß als Vertreter der Staatsmacht in der Bolschewismusbekämpfung auftauchte, sondern gegen alle „Linken“ vorzugehen schien, dass er darüber hinaus im Dunkel der Illegalität für den entthronten Habsburgerherrscher konspirierte, brachte uns endgültig auf seine Fährte. Im deutschen Bundesarchiv, in Berlin und Freiburg im Breisgau, stießen wir erneut auf ihn. Nationalsozialistische Parteistellen, Militär und Außenpolitik des „Dritten Reichs“ warfen ein Auge auf den Wiener Spionagefachmann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es dann offensichtlich die Amerikaner, die sich mit ihm beschäftigten. Das belegt unter anderem ein US-Geheimdienstbericht. Der Enkel begann sich indes für unsere Entdeckungen zu interessieren. Ganz überraschend kamen sie für Jagschitz nicht. Immer wieder wurde er beispielsweise im Zusammenhang mit dem berühmten Spion Alfred Redl auf den Großvater angesprochen. Max Ronge hatte nämlich bei dessen Entlarvung keine geringe Rolle gespielt. Untätig blieb der Geheimdienstmann aber selbst in den folgenden Jahren nicht. Er mischte mit, in der Monarchie und in der Republik, über die Epochen hinweg.

Kontinuitäten sind überdies in einer ganz anderen Hinsicht vorhanden: Heute noch leben Gerhard Jagschitz und sein Bruder Wolfgang in der Messerschmidtgasse 28 im 18. Wiener Gemeindebezirk, wo Max Ronge mehr als vier Jahrzehnte, bis zu seinem Tod 1953, wohnte. Ab dem Jahr 2000 waren wir häufig bei Jagschitz zu Gast – und damit gewissermaßen bei Großvater Ronge. Unsere Begeisterung für die Sache spornte auch den Enkel an. Zusammen wollten wir uns an die Fersen des „Meisterspions“ heften. Von nun an waren es systematische „Ermittlungen“ gegen einen berufsmäßigen Ermittler, Kundschafter und Ausspäher. Aus dem Hochschullehrer Gerhard Jagschitz wurde ein väterlicher Freund. Keinen Abend mit ihm und seinem Lebensmenschen, Gisi Kerbler, möchten wir missen. Ein wenig beschämt blicken wir auf die außerordentliche Gastfreundschaft in der Messerschmidtgasse zurück, wo wir intensiv und offen über Max Ronge diskutierten. Das Tonband lief mit. Das gemeinsame Thema, die Biografie, stand immer im Zentrum unserer Gespräche. Und der Mann, der uns zusammengeführt hatte, schien auf besondere Weise präsent zu sein. In einer Sommernacht stolperten wir, den Lichtschalter vergeblich suchend, durch die dunkle Wohnung in der Messerschmidtgasse, um schließlich mit einem Teil der Einrichtung zu Boden zu gehen. Was da klirrte und schepperte, war der in einem Schirmständer verstaute Säbel des „Meisterspions“. Wir scherzten: Drohte uns Ronge mit der blanken Waffe, weil wir selbst die dunkelsten Momente seiner Biografie ausleuchten wollten? Schonen, so viel war klar, konnten wir ihn nicht. Es sollte eine kritische Annäherung werden, keine Verehrung des „lieben Opapa“.

Gerhard Jagschitz legte Fotos, Briefe, Berichte, Konfidentenmappen, Aktenstücke und Tagebuchnotizen auf den Tisch. Wir fingen an, den in der Messerschmidtgasse verbliebenen Nachlass zu sichten, zu ordnen und mit den Beständen des Kriegsarchivs im Österreichischen Staatsarchiv in Wien-Erdberg zu vergleichen. Jahrzehntelang getrenntes Material wurde, wenigstens in Form von Kopien, wieder zusammengeführt.

Soweit es sich um die Vervielfältigung des von Jagschitz verwahrten Nachlasses handelte, half uns dabei Jürgen Kremb, kurzfristig Wiener Korrespondent des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Kremb verstärkte das „Ermittlungsteam“. Hinzu kam Christoph Ronge, Pressesprecher des Wiener Bürgermeisters, den unsere „Erkundungen“ aus familiengeschichtlichen Gründen interessierten. Wertvolle Hinweise gehen zudem auf Aussagen von Stefanie Lahousen von Vivremont zurück. Ihr Mann, Erwin Lahousen, war Schüler und Freund Max Ronges gewesen. Im „Dritten Reich“ führender Mitarbeiter des militärischen Nachrichtendienstes unter Admiral Wilhelm Canaris, beteiligte er sich am Widerstand, der innerdeutschen Opposition gegen Adolf Hitler. Wir verdanken Frau Lahousen, die sich zu persönlichen Unterredungen bereit erklärte, wichtige Unterlagen über die letzten Lebensjahre Ronges.

Einen bedeutenden Beitrag zur Darstellung der Dreißigerjahre leisteten wiederum österreichische Staatsarchivare. Bei unseren Untersuchungen erwiesen sie sich als ebenso hilfsbereit und aufmerksam wie der Moskauer Universitätsprofessor Alexander Vatlin während der früheren Forschungen in Russland. Vatlin, unter anderem ein Spezialist für österreichische Geschichte, lieferte aussagekräftiges Kontextmaterial, während Mitarbeiter des Archivs der Republik in Erdberg, allen voran Rudolf Jerˇábek und Heinz Placz, mitwirkten, Max Ronge, das „Hausgespenst des Bundeskanzleramtes“, dingfest zu machen.

Parallel dazu werteten wir die eingefahrene Ernte aus. Das Bild wurde komplexer. Neue Fragen tauchten auf. Wieder wurde in der Messerschmidtgasse beraten. Und wieder schienen wir schicksalhaft mit dem Thema unserer Ermittlungen verbunden. Tagebuchaufzeichnungen ließen keinen Zweifel aufkommen. Max Ronge kannte einen „Herrn Leidinger“ aus der von Thomas Bernhard literarisch verewigten „Reindlmühle“, nahe dem oberösterreichischen Gmunden. Und dieser Herr Leidinger, so viel ist sicher, war niemand anderer als der Urgroßvater von Hannes Leidinger.

Machte Ronge im Salzkammergut lediglich Urlaub? Jedenfalls traf er sich damals, während des Sommers 1923, in der Region mit Geheimdienstleuten und allerhand zwielichtigen Gestalten antimarxistischer Verschwörungen. Stellte sich ihnen „Herr Leidinger“ nur als Ortskundiger zur Verfügung? Oder war er am Ende ein Eingeweihter? – Wie zum Beispiel „Putzi-Onkel“ alias Wilhelm Preissler, der Freund der Jagschitz- und Ronge-Familie, der, so viel wussten wir schon, zwar kein Onkel, aber ein Spion war.

Wir schlossen Kompromisse. Nicht alle Fragen waren zu beantworten. Dass Puzzle fügte sich immerhin aber soweit zusammen, um Konturen zu erkennen und den „Mut zur Lücke“ zu finden. Schließlich gab es wichtigere Zusammenhänge zu berücksichtigen als das kleine Reindlmühler Tete-à-tete. Dass allerdings der Jagschitz-Großvater und der Leidinger-Urgroßvater in einer Schlucht unweit des Traunsees miteinander zu tun hatten, hielt das Biografenkollektiv dann doch für eine „Schicksalsfügung“.

„Höhere Mächte“ drängten zur Selbstvergewisserung, zur abschließenden Arbeit. Es wurde ein wenig esoterisch. Ganz unserem Wesen fremd und sehr zu unserem Missfallen. Denn mittlerweile wurden wir sogar in unseren Träumen von Max Ronge behelligt. Wir waren in ein Metier des Argwohns und der Paranoia eingedrungen. Ronge verfolgte uns, wir verfolgten ihn. Mit zunehmendem Wissen und der Anhäufung von Datenbergen schien es an der Zeit, den Spionagechef loszuwerden. Das Buch musste geschrieben werden.

Die vielen Gesichter des Maximilian Ronge
oder
die Suche nach dem Großvater

In der aktuellen Diskussion über die Erinnerungskultur in der Geschichte ist ein modischer Zweig die Auseinandersetzung der Söhne mit ihren nationalsozialistischen Vätern. Doch in meinem Fall ist es etwas anders. Ich suche die Bewertung meines Großvaters, also einer Person, die für eine relativ kurze Zeit einen wesentlichen Teil meiner Kindheit geprägt und darüber hinaus mein Weltbild, vielleicht auch meine charakterlichen und beruflichen Fähigkeiten beeinflusst hat, ohne es zu wissen und nur gelegentlich zu wollen. Was aber diese Suche so schwierig macht, ist der Dualismus: er ist Mitglied familiärer Intimität und gleichzeitig eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte, die großen Einfluss im politischen Hintergrund der österreichischen und mitunter auch mitteleuropäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausübte. Er war Teil meines persönlichen Beziehungssystems, er war gleichzeitig aber auch jemand ganz anderer. Mein Interesse ist es also, einen Menschen in seiner beruflichen und privaten Komplexität zu verstehen, den ich nur in der familiären Nähe intensiv erlebt habe. Im Gegensatz zu dem durch den Nationalsozialismus bestimmten Väter-Söhne-Konflikt gibt es in meinem Fall keine historischen Lasten und politischen Korrektheiten, keine Negativismen und öffentlich mit Wohlwollen begleiteten Distanzierungen, keine Klischees und keine Rechtfertigungen. Im Gegenteil: In einem allgemein noch nostalgisch verklärten Bild der österreichisch-ungarischen Monarchie wäre mein Großvater eine positiv besetzte Figur, ein strammer Offizier und treuer Diener seines Kaisers und später hoher Beamter im Dienste der Republik. Ich habe also keinen Akt der Befreiung zu setzen.

Und dennoch sind die Fragen ähnlich: Rechtfertigt ein System jedes Handeln oder ist ein darüber hinausgehendes persönliches Gewissen die oberste Instanz ? Wird ein System, das Diener verlangt, nicht in jedem Fall zum Zwangssystem, dem man sich nur durch eine kritische Haltung gegen die Obrigkeit entziehen kann? Sind öffentliche Personen, die sich einer dynastischen oder parteilichen Loyalität, einer Autorität oder einer Staatsräson verpflichtet fühlen und deswegen in ihrem Handeln glauben, auch Grenzen überschreiten zu müssen, noch normale Menschen mit normalen menschlichen Fundamenten, Empfindungen und Beziehungen? Kann ein einheitlicher Charakter noch bestehen, wenn die vermeintliche Erfüllung von Pflichten einen immer größer werdenden Widerspruch zu sozialen Werten und allgemeinen Grundregeln des Zusammenlebens bewirkt? Erfasst berufliches Täuschen, Verschleiern, Verstellen und Verschweigen auch die private Welt? Kann man eine Ethik der Pflicht und eine Ethik des Privaten trennen? Oder werden diese Personen zum personifizierten Zwiespalt, zu ständigen Grenzgängern zwischen zwei Parallelwelten, die in der Illusion leben, deren unüberbrückbare Gegensätze doch irgendwie vereinen zu können?

Auch um den Bereich des Nachrichtendienstes ranken sich üppig wuchernde Klischees und Vorurteile. Dem tollkühnen Agenten, der mit einer einzigen Tat den Lauf der Weltgeschichte beeinflusst, steht der nüchterne Zahlen- und Faktensammler der nachrichtendienstlichen Routine gegenüber. Gelten für Mitarbeiter der „Intelligence“-Berufe eigene Maßstäbe, sind sie andere Menschen? Kann man als Historiker Nachrichtendienst überhaupt zum Gegenstand der Forschung machen oder entzieht sich dieses Thema den klassischen historiographischen Zugängen? Kann man zwischen den Aufschneidern und den großen Schweigern historische Wahrheit finden, oder ist aus Mutmaßungen, Erfindungen und Möglichkeiten, aus Mangel an traditionellen Quellen und wegen der professionellen Verschleierungen der Akteure nur pseudowissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen? Sind aber nicht, wenn man tief genug gräbt, doch noch die Fußabdrücke im Sand zu erkennen? Besteht bei den berufsmäßigen Mitarbeitern der Nachrichtendienste nicht die Gefahr, dass der ständige Umgang mit vermeintlichen und echten Geheimnissen die klare Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt aufhebt? Verleitet diese Arbeit nicht dazu, sich aus den Zwängen aller Normen zu befreien und sich aus der Macht des Wissens über den Staat und seine Grundprinzipien zu erheben? Wo in der Geschichte des Nachrichtendienstes ist der Platz meines Großvaters? Was waren die Motive seines beruflichen Interesses und wofür arbeitete er? War er vielleicht ein Vorläufer von James Bond?

Maximilian Ronge war eingebettet in ein festgefügtes und mit starren Regeln versehenes System des Generalstabs, der geschlossenen militärischen Elite der Habsburger-Monarchie. Er entzog sich nie den dadurch vorgegeben Denk- und Handlungsbahnen und war bedingungslos seiner Sache und dem Kaiser ergeben. Aber diese Haltung verlor den Boden unter den Füßen, als es keinen Kaiser mehr gab und wurde vollends fragwürdig, als er auch sein privates Leben daran orientierte. Er fühlte sich einem Eid verpflichtet, als es den Eidgeber schon längst nicht mehr gab. Wie ein Sportler durchtrainiert ist, war er „durchdiszipliniert“. Mit einer fast genialen Fähigkeit zur Systematisierung, Sammlung und Verknüpfung zu Zusammenhängen verband er ein ausgeprägtes strategisches Denken. Er war, ständig umgeben von einer Aura der Strenge, die lebende Korrektheit und verlor niemals die Kontrolle. Dennoch war in ihm eine starke zeitbedingte Spannung. Verschlungen im Alten, Traditionellen und Formalen war er ein Stockkonservativer und doch gleichzeitig ein Modernist und Inbegriff eines Technokraten, der die neuen technischen Errungenschaften privat und beruflich begierig nützte. Er war aber nicht nur ein wichtiges, anscheinend perfekt funktionierendes Rad in der Militärmaschinerie des Kaiserreiches. Er war auch – nach modernem Begriff – ein Schreibtischtäter, der im Ersten Weltkrieg zahlreiche Menschen, die er der Spionage verdächtigte, ohne Skrupel und ohne eingehende Untersuchung töten ließ, ein Scharfmacher, der überall politische Feinde witterte und sie unbarmherzig verfolgte. Wie ist das mit der Vertrautheit des Ehemanns, der Nähe des Vaters und dem Stolz des Großvaters zu verbinden? Oder war das alles Teil einer fest umrissenen Rolle eines Vertreters der damaligen Elite und bürgerliche Fassade, hinter der sich Gefühlsarmut, Unfähigkeit zu echten Beziehungen und zum Empfinden von Mitleid, verbarg? Kann man vielleicht überhaupt nur durch eine fehlende Gefühlswelt zum Pflichterfüller werden? Mir stellt sich die Frage, ob ich in der doppelten Rolle des Enkels und Historikers Antworten finde, die beiden gerecht werden.

Der Schauspieler Will Quadflieg wurde einmal gefragt, was denn von seiner Kunst bleiben würde und antwortete darauf: In erster Linie die Erinnerung und dann die Erinnerung an die Erinnerung, und am Ende wäre alles verwässert und nichts würde mehr stimmen.1 Eine ähnliche Erfahrung machte ich 1985 bei der Vorbereitung der Ausstellung „Die wilden 50er Jahre“ auf der niederösterreichischen Schallaburg. Die 50er Jahre waren die Jahre meiner Jugend, intensiv erlebt und mit wacher Neugier aufgenommen. Ich war also der Meinung, ich müsse nur meine Erlebnisse und Erfahrungen dem Ausstellungskonzept zugrunde legen und die Zeit wäre so rekonstruierbar. Doch mit fortschreitenden Recherchen verflog diese Illusion, ich merkte, dass die Erinnerung viele Lücken hatte, viele Bereiche gar nicht wahrgenommen hatte, dass Erlebtes und die Geschichte einer Zeit sogar mitunter in Widerspruch standen. Unterschiedliche Menschen erleben dasselbe ganz anders, erinnern ganz Verschiedenes und bewerten es gegensätzlich. Eigenes Erleben erfasst also nur einen kleinen Sektor, es ist nur ein Tropfen in einem großen See.

Historiker sind immer von der Gefahr bedroht, den Zugang zu einer Zeit verschlossen zu finden oder nur simulieren zu können. Die meisten geben das nicht zu, sondern erschaffen als Ersatz Kunstwelten, die sich vernebelnd vor die eigentlichen Realitäten schieben und allmählich zur historischen Wahrheit werden. Auch Personen können so, bisweilen mithilfe eines psychologisierenden Dilettantismus, zu Kunstpersonen werden, weil ihre Vielschichtigkeiten, Widersprüchlichkeiten, Charakterschwächen oder Irrationalismen in der Oberflächlichkeit oder der Banalisierung verschwinden und die tatsächlichen Motive ihres Denkens und Handelns verborgen bleiben. Auf die zusammengetragenen Fakten werden wahllose persönliche Histörchen aufgeklebt und ergeben ein allzu glattes Bild, was bis zu der gegenwärtig so beliebten Vermenschlichung von Tyrannen gehen kann. Biografien gehören ja auch zum schwierigsten Handwerk der Historiker. Doch wie muss man in meinem Fall mit persönlicher Nähe und professioneller Distanz umgehen? Ist Nähe hier nicht eine Falle, die verzerrend und beschönigend, einseitig und entschuldigend wirkt?

Das Bild des Großvaters aus dem persönlichen Erleben und den Erzählungen, im Kauderwelsch zwischen der Macht der Gene und den sozialen Prägungen, ist durchwoben von Gefühlen, Erinnerungsfetzen und Vorstellungen. Aber was fangen Historiker mit Gefühlen, den subjektivsten und unsichersten Bausteinen der Geschichte an? Das enge familiäre Beziehungsgeflecht hat dem Großvater einen festen Platz in der Familiengeschichte zugewiesen. Es ist aber die Frage, ob der persönliche, ganz subjektive Zugang – noch dazu eines Kindes – etwas zum allgemeinen Verständnis einer Person beitragen kann. Und umgekehrt, kann die Kenntnis von in Dokumenten verstreuten Informationen mein Bild des Großvaters verändern? Welche Informationen oder Interpretationen bedürfen der Nähe und sind aus der Distanz eines unbeteiligten Historikers nicht zu finden? Welche persönlichen Bezüge ergänzen und vervollständigen die aus den Akten heraussteigende Persönlichkeit zu einer ganzheitlichen Biografie? Es gibt wohl nur einen Großvater, aber viele Schichten der Persönlichkeit des Maximilian Ronge.

Als in den vielen Gesprächen mit Verena Moritz und Hannes Leidinger zunächst fast spielerisch die Person meines Großvaters auftauchte, der ihnen schon aus ihren Forschungen zur Kriegsgefangenenfrage des Ersten Weltkriegs bekannt war, hatten wir noch keine konkreten Vorstellungen für eine Bearbeitung. Doch bald begann uns die Person und die Möglichkeiten ihrer Darstellung zu faszinieren, wir entwickelten immer üppiger wuchernde Konzepte, ohne dass wir das Wagnis ignoriert hätten, das mit diesem Unternehmen verbunden war. Vor allem interessierte uns, ob wir dem professionellen Spurenverwischer auf die Schliche kommen konnten und ob die Spannung zwischen Ronge als historischer Figur und meinem persönlichen Zugang zum Großvater nicht eine reizvolle Ausgangssituation ergeben könnte.

Als wir uns dann zu einer Arbeit über Maximilan Ronge entschlossen, begann für mich ein persönliches Eintauchen in eine verwirrende Welt von Bekanntem und völlig Unbekanntem. Die Konfrontationen mit dem in meinem Besitz befindlichen Nachlassfragment und dem nach dem Tode des Großvaters von meinem Vater an das Kriegsarchiv übergebenen größeren Nachlassteil – die ich bis dahin niemals angeschaut hatte – ließen eine Fülle neuer Facetten in der Persönlichkeit meines Großvaters entstehen und erweiterten oder präzisierten meine Erinnerungen. Sie ermöglichten es, meine Erinnerungsschichten zu ordnen und eine Unterscheidung zwischen meinen persönlichen Erlebnissen vom Krieg bis zum Tod des Großvaters im Jahr 1953, den Familienerzählungen und einer unkonkreten Ebene von Stimmungen und Atmosphären vorzunehmen. So ist diese Arbeit auch ein ganz persönliches Wagnis, meine in 40 Jahren erworbene Position eines Historikers steht angesichts der Subjektivität auf dem Prüfstand. Doch das Nachdenken als Faszination und das Forschen als Abenteuer machen dieses Vorhaben leicht.

ERMITTLUNGSERGEBNISSE

Der Weg nach oben

Der Musterschüler

Es gibt viele Möglichkeiten, Assoziationen zu jenem Jahr herzustellen, in dem Maximilian Ronge geboren wurde. Einige, wie zum Beispiel die 1874 erfolgte Gründung des „Weltpostvereins“ in Bern oder die Eröffnung des Wiener Zentralfriedhofes, werden zu Recht weit hergeholt und beliebig bis absurd wirken; andere aber offenbaren, wenigstens auf den zweiten Blick, im wörtlichen Sinne merkwürdige Koinzidenzen. So gründeten im April 1874 einige Dutzend Delegierte der österreichischen Arbeiter- und Bildungsvereine in Ungarn die Sozialdemokratische Partei Österreichs. Man traf sich nämlich im damals zur ungarischen Reichshälfte gehörenden kleinen Ort Neudörfl, weil die Zusammenkunft, die ursprünglich auf österreichischem Boden hätte stattfinden sollen, verboten worden war. Da Maximilian Ronge sich im Laufe seines Lebens zu einem vehementen und aktiven Gegner der Sozialdemokratie entwickelte, erscheint es legitim, dieses historische Ereignis im Zusammenhang mit seinem Geburtsjahr anzuführen.

1874 ist aber auch jenes Jahr, in dem zwei Bundeskanzler der Ersten Republik geboren wurden: Johann Schober und Ernst Streer von Streeruwitz. Ihre Lebenswege kreuzten sich später mit jenem Maximilian Ronges. Im Falle Johann Schobers mit durchaus nachhaltigen Folgen.

Mit Ronges Geburt, genau genommen mit seiner Herkunft, kann man noch einen anderen Namen in Verbindung bringen: Wilhelm Canaris. Der spätere Chef des deutschen Militärischen Geheimdienstes erblickte nicht etwa im selben Jahr wie Maximilian Ronge das Licht der Welt. Canaris aber hatte eine Großmutter, die als Katharina Ronge geboren wurde. Diese wiederum war die Schwester des berühmten, vor allem in Deutschland wirkenden katholischen „Kirchenrebellen“ Johannes Ronge, der auch als „Luther des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde.1

Spätestens 1938, als sich Maximilian Ronge diverse Dokumente für seinen „Ariernachweis“ beschaffte, muss er – nolens volens – Interesse für seinen Stammbaum entwickelt haben. Ein Bild des aus Schlesien stammenden und 1887 in Wien verstorbenen Johannes Ronge, das sich im Nachlass Maximilian Ronges fand, könnte Indiz für Vermutungen hinsichtlich einer Verwandtschaft mit dem streitbaren „Reformator“ sein. Immerhin war es nicht nur der gleiche Nachname, der Anlass zu derartigen Spekulationen lieferte. Ebenso wie Johannes Ronge stammten nämlich Maximilians Großvater und Vater aus Schlesien. Während aber Johannes Ronge aus dem im 18. Jahrhundert als Ergebnis der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Maria Theresia und Friedrich II. preußisch gewordenen Teil Schlesiens kam, war Maximilian Ronges Familie väterlicherseits offenbar eine österreichisch-schlesische. So ist mit Odrau zumindest der Geburtsort des Liborius Ronge bekannt, und dieser befand sich im ethnisch äußerst heterogenen k.k. Schlesien, also innerhalb der Grenzen der Habsburgermonarchie. Auszuschließen ist die Verwandtschaft mit dem preußisch-schlesischen Johannes Ronge deswegen nicht. Dasselbe gilt in weiterer Konsequenz für diesbezügliche Verbindungen zwischen Wilhelm Canaris und Maximilian Ronge. So reizvoll aber die Vorstellung ist, dass der eine Geheimdienstchef mit dem anderen verwandt war, so unlauter wäre es, über Vermutungen hinauszugehen. Überdies kann nicht gesagt werden, ob sich auch nur einer von beiden der Möglichkeit gemeinsamer Wurzeln bewusst war. Im Winter 1937/38, als sich die zwei zum ersten Mal trafen, hatten sie jedenfalls kaum Zeit, um sich über Fragen der Genealogie auszutauschen.

Als Maximilian Wilhelm August Ronge am 9. November 1874 in Wien-Gumpendorf zur Welt kam, war sein Vater, Liborius, 48 Jahre alt, seine Mutter, Maria Anna, 30. Das Paar hatte bereits zwei Kinder: den Stammhalter Adolf und seine um drei Jahre jüngere, 1871 geborene Schwester Albertine. Komplett war die Familie erst 1883, als Maria Anna Ronge zum dritten Mal einem Knaben das Leben schenkte. Der Jüngste bekam den Namen des Großvaters, Franz Ronge.

Die Ronges waren gewiss nicht vermögend, aber sie brachten es zu mehr oder weniger bescheidenem Wohlstand. Liborius Ronge war ein k.u.k. Militär-Rechnungsrat, der im Wiener Kriegsministerium arbeitete. Der Familienvater lebte – so drückten es seine Vorgesetzten aus – in finanziell geordneten Verhältnissen.2 Seine beruflichen Fähigkeiten als Mann der Zahlen konnte er offenbar auch im privaten Bereich anwenden. Immerhin war ein paar Jahre nach Geburt des dritten Kindes das Geld beisammen, um ein kleines Haus in Ober St. Veit zu erwerben. Dieser Stadtteil an der Peripherie Wiens zählte nicht zu den ansonsten vielfach proletarisch geprägten Vorstädten mit ihren Fabriken und Elendsvierteln. Heute gehört Ober St. Veit zum so genannten „Nobelbezirk“ Wien-Hietzing.

Maximilian besuchte die fünfklassige Volksschule in Ober St. Veit. Der Taferlklassler brachte ausschließlich Noten wie „sehr fleissig“, „sehr gut“ und „vollkommen entsprechend“ nach Hause. Daran änderte sich auch in den folgenden Jahren wenig. Lediglich in den Fächern „Naturlehre“ und „Gesang“ musste er sich immer mal mit einer Zwei zufrieden geben. Ein Klassenfoto zeigt den Neunjährigen als selbstbewusst wirkendes Kind, das seinen Platz, gleich neben dem Lehrer, wahrscheinlich als Ausdruck einer besonderen Auszeichnung zugewiesen bekam. Der kleine Ronge war ein Vorzugsschüler. 1886 wurde ihm ein Abschlusszeugnis „behufs seiner Meldung zum Eintritte in eine Mittelschule“ ausgefolgt. Demzufolge war sein „sittliches Betragen“ und sein „Fortgang“ im Rechnen, „in der Unterrichtssprache“ und „in der Religionslehre“ einmal mehr „vollkommen entsprechend“ beziehungsweise „sehr gut“ gewesen. Der Übertritt in die „Staats-Realschule Sechshaus bei Wien“ bereitete Maximilian keine Schwierigkeiten. Seine Leistungen wurden fast durchweg als „vorzüglich“ oder „lobenswert“ beurteilt. Das galt auch für den Turnunterricht, der sich als eine Art „vormilitärische Ausbildung“ darstellte.3 Die Schüler traten in Reih und Glied an und manche Übung war nicht weit weg vom Exerzieren am Kasernenhof. Militärisches setzte sich aber auch in anderen Unterrichtsgegenständen fest. So hatten die Hausarbeiten, die Maximilian Ronge in den Fächern „Deutsch“, „Geschichte“ und „Englisch“ verfasste, in vielen Fällen mit Schlachten und überhaupt mit kriegerischen Auseinandersetzungen aller Art zu tun. Begriffe wie „Vaterlandsliebe“ oder „Patriotismus“ ließen sich vor diesem Hintergrund gewissermaßen anschaulich vermitteln. Die Geschichte der Antike bot hierbei einen reichen Fundus an Figuren und Ereignissen. Die Aufsätze und Diktate, die Maximilian Ronge niederschrieb, handelten dementsprechend von den Kriegszügen Julius Cäsars und trugen nicht umsonst Überschriften wie „Welche Verdienste hat sich der Grieche Epaminondas um sein Vaterland erworben?“

Der Schriftsteller Stefan Zweig betonte in seinen Erinnerungen das „Kasernenhafte“ der Schule und des Unterrichts dieser Zeit. Mehr noch, er sprach von einem „Kerker“. „Man saß“, schrieb er, „paarweise wie die Sträflinge in ihrer Galeere auf niederen Holzbänken, die einem das Rückgrat krümmten“. „Es war ein stumpfes, ödes Lernen nicht um des Lebens willen, sondern um des Lernens willen, das uns die alte Pädagogik aufzwang.“4 Der Schüler Zweig litt, wie wohl viele andere, unter der Lieblosigkeit und Unpersönlichkeit des damaligen Schulsystems. Und er kritisierte als Erwachsener dessen Zweck und Ziel: „Wir sollten vor allem erzogen werden, überall das Bestehende als das Vollkommene zu respektieren, die Meinung des Lehrers als unfehlbar, das Wort des Vaters als unwidersprechlich, die Einrichtungen des Staates als die absolut und in alle Ewigkeit gültigen“ anzusehen.5

Maximilian Ronge sah im Unterschied zu Stefan Zweig niemals einen Anlass, Kritik an derlei Maximen zu üben. Im Gegenteil. Was der Literat als Behäbigkeit oder Unbeweglichkeit des Systems und als Erziehung zu blindem Gehorsam verurteilte, war in Ronges Denken Ausdruck der Bewahrung des Bewahrenswerten und Respekt gegenüber jenen, die einen höheren Platz in der Hierarchie einnahmen. Zweig erinnerte sich an junge Menschen, deren Wunsch nach radikalen Änderungen als bedenklich eingestuft, deren Vitalität und Neuerungswille unterdrückt wurden. Ronge gehörte nicht zu diesen Ungestümen. Und während sich Zweig an Schulhefte erinnerte, die übersät waren „mit den Korrekturen des Lehrers in roter Tinte“6, blieben die Hefte Maximilian Ronges nahezu „jungfräulich“. Die schriftlichen Kommentare seiner Lehrer beschränkten sich im Wesentlichen auf Bemerkungen wie „vorzüglich“.

Nicht auszuschließen, dass sich der strebsame Gymnasiast den eigenen Vater zum Vorbild nahm. In den so bezeichneten „Qualifikationslisten“ des Liborius Ronge, die Aufschluss über dessen Leistungen und Fähigkeiten im Dienst gaben, finden sich Beurteilungen wie „pflichtgemäß“, „gehorsam“ und „sehr anständig“. Er verfügte, so seine Vorgesetzten, über einen „festen Charakter“ und ein „gutes Gedächtnis“. Erwähnenswert war schließlich auch der Umstand, dass Liborius Ronge nicht nur Deutsch beherrschte, sondern auch „Böhmisch“ sprach.7

Fremdsprachen bereiteten dem Musterschüler Maximilian jedenfalls keine allzu großen Schwierigkeiten. Kleine Schwächen zeigte der Bub aber in Mathematik. Allerdings verhinderte das „befriedigend“ in diesem Fach nicht, dass er bei der Reifeprüfung brillierte. Im Juli 1893 händigte man dem fleißigen Gymnasiasten das „Maturitäts-Zeugnis“ aus. Ein neuer Lebensabschnitt begann.

„Die gute alte Zeit“

Es sind keine Unterlagen vorhanden, die uns Gewissheit darüber geben könnten, ob der junge Ronge während seiner Schulzeit Interesse für das aktuelle politische Geschehen entwickelte. Und doch wird man demzufolge, was man jetzt, an dieser Stelle, bereits über Max Ronge und seine Familie weiß oder zu wissen glaubt, eine Ahnung davon haben können, wie er die folgenden Fragen beantwortet hätte.

Registrierten die Ronges, dass der seit dem Revolutionsjahr 1848 amtierende Kaiser Franz Joseph nach den vielen Schlappen auf den Schlachtfeldern im Norden und Süden des Reiches und angesichts der Masse an ungelösten Problemen im Inneren sich zu einem Monarchen entwickelte, der den Stillstand scheinbar zum Programm machte? Und wie hat man sich Maximilians Bild von der Vergangenheit der Monarchie vorzustellen? Wurde die Niederlage gegen das preußische Heer bei Königgrätz 1866, die den Weg zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs freigemacht und die Stellung des Habsburgerreiches im europäischen Kräftefeld neu definiert hatte, im Elternhaus oder in der Schule thematisiert? Was hielt er vom so bezeichneten „Ausgleich“ 1867, der dem Habsburgerreich den Dualismus bescherte und eine k.u.k. Monarchie schuf, den Staat Österreich-Ungarn, in den er hineingeboren wurde? Gab es in der Familie Ronge Ressentiments gegenüber bestimmten Nationalitäten des Vielvölkerreiches? Pflichtete man den Tschechen oder Südslawen bei, wenn sie nach denselben Rechten riefen, wie sie die Ungarn 1867 bekommen hatten? Was hielten die Ronges von der als Folge des Ausgleichs vollzogenen Dreiteilung der Armee, die neben der k.u.k. Armee eine kaiserlich-königliche Landwehr in Österreich und das Pendant in Ungarn, die Honvéd, entstehen ließ? Wie kommentierte man die dennoch aufrecht gebliebenen Forderungen der Magyaren nach Aufstellung einer unabhängigen Armee? – eine Frage, die im Umfeld des jungen Ronge sicher diskutiert wurde. Was wusste Maximilian über das politische Credo des Deutschnationalen Georg Ritter von Schönerer, der mit seinen radikalen Parolen vor allem die Stimmung des Kleinbürgertums traf und den deutschen Monarchen als „unseren“ Kaiser bezeichnete? Interessierte er sich für die Vorgänge im Parlament, im Reichsrat? Wie reagierte der 1889 fünfzehnjährige Ronge auf die Nachricht vom Tod des Thronfolgers, des Kronprinzen Rudolf? Nahm er Notiz von den aktuellen sozialen Problemen?

In Wien jedenfalls hätte er Gelegenheit genug dazu gehabt, denn abseits der seit den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts entstandenen Prachtbauten der Ringstraße war viel Platz für Armut und Elend geblieben. Wie dachte der junge Mann über einen langsam, aber kontinuierlich lauter werdenden Protest der Unterschichten und die Forderungen der Sozialdemokratische Partei, die auf die vielfach ärmlichen und von Mangel geprägten Lebensbedingungen des „Proletariats“ hinwies? Wie erlebte er den 1. Mai 1890, als dieser zum ersten Mal als „Tag der Arbeit“ begangen wurde und sich an die 200.000 Menschen im Prater versammelten? Dieses bei den Wienerinnen und Wienern so beliebte Erholungs- und Vergnügungsareal besuchte auch Ronge häufig. Als Schüler, um dort Spaziergänge zu machen, als Offizier, um auszureiten. Doch der Prater war ebenso wie das restliche Wien gleichsam ein in unsichtbare Zonen eingeteiltes Terrain, wo ein jeder, egal welcher sozialen Gruppe er angehörte, wusste, wann er „fremdes Gebiet“ betrat. Am 1. Mai 1890 „eroberten“ die Arbeiter gleichsam die „Nobelalleen“ des Praters. Die „gute liberale Bürgerschaft“, so schildert es uns Stefan Zweig, reagierte entsetzt. Man hielt es, schreibt er, gar nicht für möglich, „dass diese rote Rotte aus der Vorstadt ihren Marsch durchführen werde, ohne Häuser anzuzünden, Läden zu plündern und alle denkbaren Gewalttaten zu begehen. Eine Art Panik griff um sich. Die Polizei der ganzen Stadt und Umgebung wurde in der Praterstraße postiert, das Militär schussbereit in Reserve gestellt.“8 Eltern hielten ihre Kinder davon ab, auf die Straße zu gehen. Doch die befürchtete Katastrophe fand nicht statt. Es blieb ruhig.

Nicht so im Jahr 1893, als Max Ronge seine Reifeprüfung ablegte. In Prag kam es zu Krawallen. Nationale Gegensätze wurden gewaltsam ausgetragen. Deutsche und Tschechen verprügelten einander. Kaiseradler, die auf öffentlichen Gebäuden angebracht waren, wurden mit Dreck beschmiert. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, eine Verhaftungswelle setzte ein. Doch allmählich beruhigte sich die Lage wieder. Die Gefahr schien gebannt. Wenigstens vorübergehend. Der Konflikt zwischen Deutschen und Tschechen war freilich keineswegs gelöst, und der Ruf nach nationaler Gleichberechtigung verstummte nicht. Schlimmer noch: Immer mehr Tschechen begannen über ein Königreich Böhmen ohne einen König namens Franz Joseph nachzudenken, der sich selbst als „deutscher Fürst“ bezeichnete. Die Vorstellung von einem selbstständigen tschechischen Staat erschien zwar immer noch utopisch, aber nicht abwegig genug, um darüber nachzudenken.

Wenn Unruhen ausbrachen, wurde die Armee zur Unterstützung der Exekutive immer wieder im Rahmen so genannter „Assistenzeinsätze“ beigezogen. Das geschah in den nichtdeutschen Ländern öfter und meist im Zusammenhang mit dem Nationalitätenproblem. In den deutschsprachigen Gebieten dienten solche Machtdemonstrationen vor allem zur Niederhaltung von politischen Parteien und ihren Anhängern. Gegen die Sozialdemokraten wurde am häufigsten vorgegangen.9 Freilich war es nicht so, dass bei den Assistenzeinsätzen das Militär dann tatsächlich immer eingreifen musste. Doch welches Ansehen hatten Streitkräfte, die die Menschen nicht gegen äußere Feinde schützten, sondern die eigenen Leute niederknüppeln sollten?

1878, als die Donaumonarchie, abgesegnet durch den Berliner Kongress, Bosnien-Herzegowina besetzte, war die k.u.k. Armee zum letzten Mal außerhalb der Grenzen des Reiches aktiv geworden. Von nun an bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 boten Manöver und so genannte „Kriegsspiele“ Ersatz für nicht stattfindende militärische Auseinandersetzungen. Nicht alle waren froh darüber.

Den Vorstellungen eines jungen Burschen, der vielleicht von eigenen „Ruhmestaten“ auf dem Schlachtfeld träumte, mag eine Armee, die entweder als Verstärkung für die Sicherheitskräfte agierte oder pompöse Paraden abhielt, wenig entsprochen haben. Max Ronge dachte aber womöglich ganz anders. Ebenso wahrscheinlich sein Vater und sein Bruder. Die Ronges könnten die Bedeutung der Armee und des Kaisers ähnlich beurteilt haben wie dies der ungarische Historiker István Deák beschrieben hat: „Zu einer Zeit, da die Bewohner der Monarchie mit jeder nur denkbaren Art der nationalistischen und sozialen Propaganda überhäuft wurden, da sich die Parlamentsabgeordneten mehr mit handgreiflichen Auseinandersetzungen denn mit der Gesetzgebung befassten, boten die Armee und ihr oberster Kriegsherr, der Kaiser, ein Bild des Friedens, der Ordnung, der Toleranz und der Kontinuität.“10 Diese Kontinuität zu gewährleisten, war eine der zentralen Aufgaben des Offizierskorps der k.u.k. Armee, dem der junge Maximilian Ronge angehören wollte.

Ein „Neustädter“

Die Existenz regelrechter „Militärdynastien“ galt in der Habsburgermonarchie als nichts Ungewöhnliches. Viele, die damals eine Karriere in der k.u.k. Armee anstrebten, waren die Söhne, Enkel und Urenkel von einfachen Soldaten oder von Offizieren. Die Ronges stellten da keine Besonderheit dar. Nicht nur Maximilians Vater war beim Militär. Auch der Großvater, Franz Ronge, hatte der Armee als Kanonier angehört. Selbst in der Verwandtschaft der Mutter, einer geborenen Zeeh, gab es Onkel und Cousins, die sich für eine militärische Laufbahn entschieden hatten. Gerade der mit solch einem familiären Hintergrund gewissermaßen vorbelastete Offiziersnachwuchs der Monarchie entwickelte ein besonders klar abgegrenztes Selbstverständnis. Die Bindung dieser von klein auf militärisch beeinflussten Männer an die zivile Gesellschaft wurde parallel dazu immer brüchiger.11 Die Bereitschaft zum Verständnis für die Lebenswelt der oft abschätzig betrachteten Zivilisten und erst recht für die von Zivilisten gemachte Politik blieb vielfach gering.

Adolf Ronge hatte sich 1893, als sein Bruder Maximilian das Gymnasium verließ, bereits für „des Kaisers Rock“ entschieden. Er wurde in weiterer Folge ebenso wie sein Vater Militär-Rechnungsrat, und auch seine Vorgesetzten waren stets voll des Lobes über die Fähigkeiten und Charaktereigenschaften des pflichtbewussten Untergebenen. Die Anlagen des ältesten der Ronge-Brüder überzeugten dermaßen, dass man ihn für immer verantwortungsvollere Positionen vorschlug. Adolf Ronge wandelte also in den Spuren des Vaters, machte aber eine Karriere, die weit über die des Liborius Ronge hinausging.12

Dass Maximilian gleichsam ohne eigene Ambitionen und lediglich der Familientradition wegen die Militärlaufbahn einschlug, kann in Anbetracht seiner späteren Haltung ausgeschlossen werden. Waren es beim schon erwähnten Ernst Ritter von Streeruwitz vor allem pragmatische Erwägungen, die ihn nach Wiener Neustadt, in die traditionsreiche und prestigeträchtige Theresianische Militärakadamie führten, dürften beim jungen Ronge doch auch früh ausgeprägte Überzeugungen beziehungsweise spezifische Interessen eine Rolle gespielt und die Weichen gestellt haben. Ähnlich vielleicht wie im Falle einiger späterer Weggefährten Ronges, die in schon vorgerücktem Alter über die Motive ihrer Berufswahl nachdachten. Sie beschrieben die Hintergründe ihrer Entscheidung für das Militär als einen Mix aus den Vorprägungen durch das Elternhaus und individuellen Neigungen. Theodor Ritter von Zeynek beispielsweise fühlte sich von der Idealisierung einer „kriegerischen Männlichkeit“ angezogen und Julius von Lustig-Prean führte diesbezüglich vor allem das „Erbe“ seines Vaters an: „fanatische Liebe zum Kaiser, zum Soldatentum, offiziersmäßiges Denken und Handeln, ausgeprägtes Interesse für die Armeegeschichte“. Max Csicserics von Bácsány, Sohn eines Offiziers, wollte unbedingt dem Beispiel des Vaters folgen, da, wie er schrieb, „ich stets in einem militärischen Milieu lebte, fast alle meine männlichen Verwandten Offiziere und die weiblichen an Offiziere verheiratet waren“.13

Als Zögling an der Militärakademie in Wiener Neustadt aufgenommen zu werden, war keine Selbstverständlichkeit. Immerhin hatten die Absolventen die besten Aufstiegschancen. Die so genannten „Neustädter“ dominierten die Offizierselite der k.u.k. Armee und übertrumpften dabei die Schüler der Technischen Militärakademie in Wien, die ebenfalls als eine Art Kaderschmiede galt. Entsprechend der Tendenz einer zunehmenden „Verbürgerlichung“ des habsburgischen Offizierskorps stammten die Schüler an den Akademien vornehmlich aus gut situierten Beamtenfamilien. Dabei waren es um die Jahrhundertwende immer noch die militärischen Staatsdiener, deren Söhne den Großteil der Akademie-Kandidaten stellten. Es schadete aber so oder so, also egal ob mit militärischem oder „nur“ zivilem Hintergrund, nicht, wenn die Familie des Zöglings über gute Beziehungen verfügte. Allerdings bekamen auch explizit Begabte, die auf keine einflussreichen Fürsprecher verweisen konnten, einen Studienplatz in Wiener Neustadt zuerkannt. Die Aufnahmeprüfung stellte jedenfalls eine durchaus ernstzunehmende Hürde dar.14

Die „zivile Matura“, so wie sie Maximilian Ronge abgelegt hatte, war keine zwingende Voraussetzung für den Eintritt in die Akademie. In gewisser Weise brachte sie sogar Nachteile, denn die Zöglinge, die ihre Ausbildung in einer Militär-Realschule erhalten hatten, durften die so genannten „Zivilknödel“ befehligen. Sie fungierten als „Rekrutenausbildner“ ihrer gleichaltrigen oder manchmal sogar älteren Kollegen. Während nämlich die Absolventen der Militärschulen bereits militärisch gedrillt waren, mussten die Gymnasiasten, wie Maximilian Ronge einer war, diesbezüglich erst unterwiesen werden. Das lief für gewöhnlich in einer für die „Zivilknödel“ demütigenden Art und Weise ab. „Überhaupt“, erinnerte sich Ernst von Streeruwitz, „waren diese aus den unteren Militärschulen in die Akademie gelangten Kameraden, die zugleich unsere militärischen Abrichter gewesen sind, anfangs etwas hart mit uns Zivilisten […]. Wenn sie uns aus Ärger über Ungeschicklichkeit das schwere Armeegewehr hochstrecken ließen, bis wir blaue Köpfe hatten, oder uns mit Hohnlachen auf längere Dauer in die tiefe Kniebeuge versetzten, so war die Wut stumm, aber grenzenlos.“ Streeruwitz, der im Übrigen ein Jahr vor Maximilian Ronge in die Akademie in Wiener Neustadt aufgenommen worden war, verstand bald, „dass Kritik beim Militär verboten ist“15. Da half auch kein Stöhnen angesichts des Übermaßes an physischer und psychischer Belastung, dem die zirka 150 neuen Zöglinge ausgesetzt wurden. „ Jede freie Stunde bis zum Abend“, hielt ein anderer ehemaliger „Neustädter“ in seinen Lebenserinnerungen fest, „mussten wir exerzieren und wurden gedrillt, manchmal bis zur Erschöpfung geschunden.“16 Hinzu kam ein enormes Lernpensum. In den drei Jahren ihrer Ausbildung an der Akademie wurden die Zöglinge in mehr als drei Dutzend allgemeinbildenden und militärfachlichen Gegenständen unterrichtet. Gewöhnungsbedürftig waren für die Gymnasiasten wahrscheinlich nicht nur Fächer wie „Heeres-Organisation“, „Befestigung und Festungskrieg“ oder „Pferdewesen“. Eine neue Erfahrung bedeutete auch das Schlafen in den großen, nur karg ausgestatteten und meist schlecht beheizbaren Sälen. 50 Betten pro Raum waren die Norm. „Mein Bett“, erinnerte sich Ernst von Streeruwitz noch viele Jahre später, „hatte die Nummer 480“.17

1819