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Zdenka Becker

Die Töchter der
Róza Bukovská

Roman

Residenz Verlag

Der vorliegende Roman wurde durch Arbeitsstipendien
vom Bundeskanzleramt und von der Kulturabteilung
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© 2006 Residenz Verlag

im Niederösterreichischen Pressehaus
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St. Pölten – Salzburg – Wien

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Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:

978-3-7017-4350-6

ISBN Printausgabe:

978-3-7017-1459-9

In Erinnerung an meine Großeltern

Prolog

Sie stand mit gesenktem Kopf an der Brüstung der Terrasse und hielt sich an der halbhohen Mauer fest. Ihre Augen, der Realität entrückt, suchten nach Halt. Auf dem Dach wehte der Wind durch die Antennen und Satellitenschüsseln, denen er ein schmerzvolles Ächzen und Knarren entlockte.

Dort, wo sie stand, ging es steil hinunter. Siebenundzwanzig Stockwerke unter ihr pulsierte in grauer Anonymität die Stadt und simulierte Lebendigkeit durch lautes Hupen und Rattern der Abgasrohre. Obwohl der Herbst laut Kalender noch nicht begonnen hatte, war der Wind besonders stark. Er riss an ihrem Kleid und zerzauste ihr Haar. Mit der linken Hand strich sie die Strähnen aus ihrem Gesicht, schob sie hinters Ohr und erhob den Kopf. Für einen kurzen Moment nahm sie die Welt rund um sich wahr. Vor ihr floss die Donau, die den Osten mit dem Westen verband. Der graue Fluss sieht wie eine Hautfalte aus, schoss es ihr durch den Kopf. Wie eine tiefe Narbe im Gesicht einer namenlosen Landschaft. Wir hier und die anderen dort. Die Tochter und die Schwester sind drüben, die Mutter und ich hier. Noch. Die älteste Schwester … mein Gott, wo ist sie eigentlich? Und Viktor … Der Gedanke an ihren verstorbenen Mann tat weh.

Die Caféteria und die Dachterrasse im letzten Stock, die ihr früher Unbehagen bereitet hatten, waren zu ihrem Lieblingsplatz geworden. Hier fühlte sie sich auf einmal wohl und frei. Wann immer sie ein bisschen Zeit hatte, stieg sie in den Aufzug, drückte den Knopf mit der Zahl 27 und fuhr ganz hinauf. Und noch etwas tat sie neuerdings, was sie zuvor dreißig Jahre lang nicht getan hatte: Sie kaufte sich Zigaretten und rauchte. Damals, als sie noch jung gewesen war, hatte sie es probiert, wie es alle probierten, aber die »Spartas«, die alle rauchten, waren zu rau und stanken ihr zu viel, so hörte sie damit auf. Später konnte sie sich bessere Marken leisten und rauchte Marlborough, Camel, Dunhill und Benson & Hedges, die ihr endlich das gaben, wonach sie suchte: Entspannung und Vergessen.

Sie griff in ihre Handtasche, die an ihrer rechten Schulter hing, und zog ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug heraus. Mit zitternder Hand versuchte sie sich die letzte Zigarette, die sie fand, anzuzünden, beim dritten Versuch gelang es ihr. Gierig zog sie den Rauch in sich hinein. Dann legte sie die leere Schachtel auf die Mauer vor ihr. Der Wind griff sofort nach der blauen Packung und begann damit zu spielen. Er schob sie vor sich her, drehte und rollte und dann, fast unerwartet, hob er sie und riss sie an sich.

In den Armen des Windes war das Rascheln des Papiers nicht zu hören. Die Schachtel schwebte beinah schwerelos nach unten. Kamila beugte sich nach vorn und sah ihr nach. Wie einfach es ist, dachte sie.

»Frau Kováčová«, riss sie eine Stimme aus ihren Gedanken. »Sie sollten hinein gehen. Es ist kalt, Sie werden sich noch verkühlen.« Die Frau aus der Caféteria stand dicht hinter ihr, und als ob sie wirkliche Angst um sie hätte, nahm sie sie um die Schulter, zog sie an sich und wärmte sie mit ihrem runden Körper.

»Sie haben recht«, sagte Kamila und schritt, von der Frau begleitet, ins Hausinnere.

»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte die Frau.
»Ja, bitte.«

Sie gingen gemeinsam in die Caféteria. Kamila dämpfte ihre Zigarette in einem der Aschenbecher aus, die auf den Tischen standen, und setzte sich. Die Serviererin brachte ihr einen Espresso. »Vielleicht einen Kuchen?«, fragte sie. »Wir haben einen frischen mit Heidelbeeren.«

Kamila antwortete nicht. Sie saß mit dem Blick zur Terrassentür und starrte, beobachtet von den Frauen aus der Küche, die nicht verstehen konnten, warum sie da war, vor sich hin. Dann stand sie, wie von einer magischen Kraft angezogen auf und ging entschieden zurück auf die Terrasse. Sie trat an die Brüstung und streckte ihr Gesicht der Septembersonne entgegen. Sie lehnte sich an die kalte Mauer an und ließ den Wind noch einmal mit ihrem Haar spielen. Dann kletterte sie auf die Brüstung und sprang in die Tiefe.

1.

Noch bevor Mária Frau wurde, einige Monate bevor sie ihre erste Blutung bekam, heiratete sie als Sechzehnjährige Ján Koren und gebar ihm im Laufe von sieben Jahren fünf Kinder. Ján, Pavol, Erna, Jozefa. Als Letzte kam Róza, Kamilas Mutter, zur Welt – drei Monate nachdem ihr Vater mit einigen Männern aus dem Dorf nach Argentinien aufgebrochen war. Man schrieb das Jahr 1923. Die Weltwirtschaftskrise machte sich bis in die kleinsten Winkel der Slowakei bemerkbar. Männer im besten Alter, Familienväter, fuhren mit Lastschiffen nach Südamerika, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Viele kamen noch im ersten Jahr zurück, weil sie keine »richtige« Arbeit gefunden hatten, andere brachen den Kontakt zu ihrer Familie ab und bauten sich in Südamerika eine neue Existenz auf. Ján Koren arbeitete in einem Sägewerk, verdiente für slowakische Verhältnisse viel und schickte alle paar Monate ein paar Banknoten nach Hause. Trotz der finanziellen Hilfe, auf die sie angewiesen war, wollte Mária ihn bei sich und den Kindern haben.

Ján war schon seit sechs Jahren in Argentinien, hatte sich an die Menschen dort und an das Klima gewöhnt, beherrschte die Sprache und konnte sich vorstellen, für immer in Buenos Aires zu bleiben. Irgendwann schrieb er Mária: »Verkaufe das Haus und die Felder, packe die Kinder zusammen und kommt zu mir.«

Das passte Mária überhaupt nicht. Sie sollte ihr Dorf verlassen? Das Haus und die schmalen Feldstreifen, auf denen sie Tag für Tag ihren jungen Körper geschunden hatte, verkaufen? Sie sollte in der Fremde leben? Ohne Familie, ohne Wurzeln, ohne die Sprache, die für sie so wichtig war? Das alles hatte sie Ján geschrieben und ihn aufgefordert, so bald wie möglich nach Hause zu kommen. »Es wird Zeit, wir brauchen dich.« Aber statt eine Schiffskarte zu kaufen, meldete sich Ján Koren nicht mehr. Er antwortete nicht auf Márias vorwurfsvolle Briefe. Weitere vier Jahre vergingen.

Róza war inzwischen zehn Jahre alt geworden und kannte ihren Vater nur aus Erzählungen. Und von Fotos, die er in den ersten Jahren geschickt hatte. Und dann kam der Tag, der ihr bis heute unvergessen blieb. Sie war gerade mit der Mutter und ihren Geschwistern auf dem Feld Kartoffeln klauben, da kam Mišo aus ihrer Klasse angerannt und schrie wie besessen: »Euer Vater ist da! Euer Vater ist da!« Alle hoben den Kopf und schauten Mišo ungläubig an. Mária wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff nach ihrem schmerzenden Kreuz. »Rede keinen Unsinn«, sagte sie seufzend. »Unser Vater kommt nicht zurück.« – »Er ist da! Er ist da!«, schrie Mišo. »Und mit ihm auch der Herceg und der Polanský. Und auch Zigula ist da. Sie sind im Wirtshaus an der Bushaltestelle.«

Der Bub rannte zurück ins Dorf. Róza lief mit. »Du bleibst da«, schrie ihr die Mutter nach, was Róza aber nicht mehr hörte. Besessen von dem Gedanken, endlich ihren Vater zu sehen, hatte sie nur ein Ziel: das Wirtshaus an der Bushaltestelle. Als sie es keuchend erreichte und die Tür öffnete, erkannte sie ihn sofort. Er stand an der Theke in einem hellen Anzug und mit Strohhut und prostete seinen Kameraden zu. Er sah genauso aus wie auf den Fotos, die er aus Buenos Aires geschickt hatte – groß, schlank, für einen Bauern viel zu elegant, mit einem Oberlippenbärtchen wie ein Schauspieler. Oder ein Minister. Róza lief auf ihn zu und blieb kurz vor ihm stehen. Sie starrte ihn aus ihren weit geöffneten Augen an, bis Ján Koren sie auch bemerkte. Er beugte sich zu ihr und sagte: »Du kannst nur Róza sein.« Ab dem Zeitpunkt konnte Róza nichts mehr halten. Sie umarmte ihn um die Mitte und drückte ihn so fest an sich, wie sie nur konnte. Der Vater hob sie in die Höhe und küsste sie auf die Stirn. »Mein kleines Mädchen ist schon so groß geworden«, murmelte er ihr ins Ohr. Sein seit ein paar Tagen unrasiertes Gesicht rieb er an ihren Wangen, und sie genoss das kratzende Gefühl und seinen Geruch der Ferne.

Damit sie ihren Vater kennen lernen konnte, gab ihr die Lehrerin eine Woche schulfrei, was die beiden zu ausgiebigen Besuchen bei den Verwandten nutzten. Jáns Erzählungen hörten alle gebannt zu. Róza war überglücklich. Endlich war er da. Ihr Vater gefiel ihr. Vor allem seine Art und Persönlichkeit, aber auch seine revolutionären Ideen, neue Ideale und die Fähigkeit, andere zu begeistern.

Ende 1933 gründete Ján Koren mit seinen heimkehrenden Freunden aus Übersee die Bezirksstelle der kommunistischen Partei. Als Antwort auf den aufkommenden Nationalsozialismus, der sich auch in der Tschechoslowakei bemerkbar machte. Sie trugen Dokumente zusammen, organisierten Treffen, vergruben Protokolle der geheimen Absprachen im Heu, im Mist oder versenkten sie im nahen Fischteich. Róza war die Botin. Sie brachte die Papiere von einem Funktionär zum anderen, sie versteckte sie unter ihren Schulsachen, wenn Polizei ins Haus kam. Und sie war unheimlich stolz auf ihren Vater.

Anton Bukovský, Kamilas Vater, war das älteste von sieben Kindern, als seine 34-jährige Mutter Apolonia im Sterben lag. Ihre Schwester Bernardina kam zu ihr, rüttelte sie an den Schultern und schrie: »Steh auf! Du darfst nicht sterben, deine Kinder brauchen dich!«

Tatsächlich machte Apolonia, die seit Tagen in einem todesähnlichen Schlaf lag, die Augen auf und sagte müde: »Berna, du hast recht, ich darf nicht sterben.« Sie stand auf, kochte ein Abendessen und säuberte das Haus. Sie wusch die Wäsche, hängte sie im Hof auf, legte die Kleinsten nieder und sang ihnen ein Lied. »Ein Wunder ist geschehen«, sagten die Verwandten, beteten noch inniger zu Gott, der sie viel zu oft enttäuschte, und gingen zufrieden zu Bett. Die Tuberkulose raffte die junge Mutter, die zu dem Zeitpunkt im dritten Monat schwanger war, noch in der gleichen Nacht dahin, zwei Wochen später starben die zwei jüngsten Kinder, einige Jahre danach zwei beinah erwachsene Töchter.

Um die Kinder versorgt zu wissen, heiratete Antons Vater Karol noch vor dem Ablauf der einjährigen Trauerzeit zum zweiten Mal. Seine neue Frau war nur einige Jahre älter als sein ältester Sohn, gesund, stark, aber vor allem gebärfähig. Jedes Jahr brachte sie ein Kind zur Welt, und je mehr eigene Kinder sie hatte, desto vergesslicher wurde sie, wenn es um ihre Stiefkinder ging.

Seit dem Tod seiner Mutter musste Anton arbeiten – als Knecht, Feldarbeiter, Gehilfe auf Baustellen. Das verdiente Geld sah er aber nie, denn sein Vater, das Familienoberhaupt, holte es jedes Mal ab und gab es nach eigenem Ermessen aus. Als Anton 1939 zur Armee ging, verrauchte und vertrank er nicht wie andere Soldaten seinen kargen Sold, sondern schickte die paar Kronen nach Hause, weil die Familie, wie ihm der Vater immer schrieb, Hunger litt.

Und als der Krieg ausbrach und die Bauern verzweifelte Briefe an die Regierung schrieben, damit ihre Söhne, die sie auf den Feldern brauchten, nicht einrücken mussten, sagte Karol Bukovský seinem Sohn, der auch keine Ambitionen hatte, mit Hitler gegen Russland zu ziehen: »Kommt nicht in Frage. Du bleibst in der Armee und basta. Dort bist du versorgt und bekommst ein schönes Geld, das wir alle brauchen können. Du kannst doch nicht so egoistisch sein und uns alle im Stich lassen.«

Nicht einmal fünf Jahre waren seit seiner zweiten Hochzeit vergangen, als Bukovský Senior starb. Zurück blieb seine junge, von einer Schar Kinder umgebene Witwe, die mit den Großen nur auf eine einzige Art kommunizierte: Sie erwartete von ihnen Hilfe und verlangte Geld.

Róza und Anton hatten sich schon als Kinder gekannt, wie sich Kinder eben kennen – vom Spiel und im Vorbeigehen –, aber richtig wahrgenommen hatten sie einander erst als Erwachsene. Anton, ein Soldat der Slowakischen Armee, die sich nach dem Kampf um Stalingrad von Hitler abgewandt hatte und in Richtung Berlin gezogen war, kam auf Heimaturlaub in sein Dorf. Die Soldaten, die die paar freien Tage vor allem mit ihren Freundinnen verbringen wollten, wurden im Dorf wie Helden begrüßt. Es wurde gefeiert, als ob es kein Morgen geben sollte.

Noch vor dem Krieg verliebte sich Anton in Jozefa, Rózas ältere Schwester, wobei verliebt zuviel gesagt wäre. Sagen wir, sie gefiel ihm wie keine andere. Und sie waren sich sofort einig. Er war ihr Freund, ein Verehrer, mit dem sie tanzen und Hand in Hand durchs Dorf ging. Sie war neunzehn Jahre alt, schlank und größer als alle anderen Mädchen und sah aus wie »eine aus der Stadt«. Dass ihre Eltern Tóno wegen seiner ärmlichen Herkunft als Schwiegersohn nicht akzeptieren wollten, ignorierte sie zunächst, womit sie sich Vaters Schläge einhandelte. Aber mehr als die Schläge würde die Trennung von ihrem Liebsten schmerzen. Es wird sich mit der Zeit noch geben, dachte sie. Um die Eltern nicht zu provozieren, traf sie Tóno von nun an heimlich.

Eines nachts schien der Mond so hell, dass Róza nicht schlafen konnte. Sie stand auf und sah ihre älteste Schwester Erna, wie sie in ihrem Bett zur Wand gedreht lag und leise atmete. Jozefas Bett war leer. Die Uhr zeigte einige Minuten nach Mitternacht. Wenn der Vater darauf kommt, dass Jozefa noch nicht zu Hause ist, wird es wieder Ärger geben, dachte sie. Róza schlüpfte in ihre Schuhe und ging in den Hof, um ihrer Schwester entgegen zu gehen und ihr, falls notwendig, ein Alibi zu geben. Aus dem Obstgarten hinter dem Haus hörte sie ein verdächtiges Geräusch. Sie kam näher. Jozefa wälzte sich mit einem Mann im Gras und das, was sie mit ihm tat, bereitete ihr viel Vergnügen. Sie stöhnte leise im Rhythmus der gemeinsamen Bewegung. Róza sah im Mondschein den nackten Rücken des Mannes über ihre Schwester gebeugt, seine angespannten Muskeln, den geneigten Nacken und den Kopf, der zwischen Jozefas Hals und ihre linke Schulter gepresst war.

Róza lauschte den Geräuschen und wusste nicht, ob sie ihr gefallen oder ob sie sich angeekelt fühlen sollte. Als sie noch klein war und von einer Freundin erfuhr, wie es ein Mann mit einer Frau tut, schwor sie sich, dass sie so etwas nie im Leben mit sich machen lassen würde. Sie wollte keinem Mann erlauben, sie zu durchbohren und für solche unmoralischen Sachen zu missbrauchen. Doch als sie im Obstgarten stand und die verhaltenen Lustschreie ihrer Schwester hörte, spürte sie in sich eine Regung, eine Neugier, ein Prickeln. Als ob es ihr gerade auf den Rücken gesprungen wäre und sie gefangen hielt. Ein bittersüßes Gefühl, das stärker war als sie.

Ab nun stand sie Nacht für Nacht im Schutz der Obstbäume und hörte gebannt dem leisen Stöhnen zu. Sie war aber nicht die Einzige, die das Liebesnest im Obstgarten entdeckt hatte. Als sie wieder einmal da stand und die gewohnte Szene beobachtete, roch sie Vaters Tabak. In der Sekunde hat sie verstanden, dass es ein Drama geben würde, sie konnte das herannahende Unheil aber nicht mehr abwenden. Das, was sich abspielte, ging viel zu schnell. Der Vater schrie aus vollem Hals, es gab ein Handgemenge, bald darauf einen Riesenkrach. Tóno lief, seine Kleidung sammelnd, davon, Ján Koren ging, seine Tochter Jozefa am Zopf ziehend, wütend ins Haus. Róza bemerkte niemand. Tóno nicht und zum Glück auch der Vater nicht. Wie hätte sie auch erklären können, was sie hier in der Nacht gesucht hatte?

Mária und Ján Koren machten Jozefa die Hölle heiß. Sie schrieen sie an, schlugen und nannten sie Hure. Jozefa weinte und verzog sich in ihre Kammer, die sie mit ihren beiden Schwestern teilte. Sie schlief in dieser Nacht nicht. Und Róza fand nicht den Mut, ihre Schwester zu trösten.

Am nächsten Tag waren die Soldaten weg, der Alltag kehrte ein ins Dorf. Mária rannte zum Pfarrer beichten und schickte auch Jozefa zu ihm, um sich von ihren Sünden zu reinigen.

»Bist du verrückt geworden?!«, schrie Ján Koren seine Frau an. »Weißt du nicht, dass der Pfarrer alles an die Gestapo weitergibt?«

»Was hat die Unschuld unserer Tochter mit der Gestapo zu tun?«, verteidigte sich Mária und wischte sich dabei den Schweiß aus ihrer Stirn. Sie kochte gerade das Mittagessen für die ganze Familie. Wütend bückte sie sich und legte im Herd nach.

Koren, der dicht hinter ihr stand, war außer sich. »Dass du so blöd sein kannst«, sagte er. »Vor einer Woche war Bubová beim Pfarrer und …«

»Spionierst du schon den Frauen nach?«

»Nein, nur man hört so manches. Die Buberin hat ihm gesagt, dass ihr Sohn Fero ein Partisan ist und dass er jeden Freitag das Essen für ihn und die an deren holt. Und dann wurde er am nächsten Freitag verhaftet.«

»Dafür kann der Herr Hochwürden nichts. Das kann nur ein Zufall sein.«

»Zufall?! Für dich ist es nur ein Zufall, dass, seit wir eine Pfarrerrepublik haben, alle Beichtgeheimnisse an die SS gehen? Der Tiso hat es ihnen allen eingeredet, meine Liebe. Der Oberpfaff der Republik.«

»Mann, das ist eine Gotteslästerung. Versündige dich nicht.«

»Nein«, sagte er ein bisschen ruhiger. »Es ist eine demokratische Kritik an einem System, das sich eines Tages selbst zerstören wird.« Koren verließ die Küche. Im Hof zündete er sich seine Pfeife an und dachte nach.

Um zu verhindern, dass Jozefa Tóno bei seinem nächsten Heimaturlaub traf, schickten sie die Eltern zu Verwandten, die sie einer reichen Apothekerfamilie als Dienstmädchen vermittelten. Die Ehre ihrer Tochter war damit gerettet. Womit sie aber nicht gerechnet hatten, war Tónos Geschmack, wenn es um die Koren-Töchter ging. Sie gefielen ihm alle, auch wenn sie grundsätzlich verschieden waren. Man konnte nicht sagen, dass er wählerisch gewesen wäre. Und bei seinem nächsten Urlaub war es auch schon passiert. Er traf Róza auf einer Dorftanzerei, fragte nach Jozefa, und als er hörte, dass sie fort war, tanzte er den ganzen Abend mit ihrer jüngeren Schwester.

Sie waren ein schönes Paar. Anton in seiner grünen Uniform, Róza in der westslowakischen Tracht mit reichlich bestickter Bluse, »Lajblík« aus bunten Brokatteilen, dessen Hauptschmuck bunte Glasknöpfe waren und mit einer schwarzen, am Rand mit Blumen verzierten Schürze. Sie stahl ihm beim Tanzen aus Spaß einen Silberring mit einem Totenkopf, er lief ihr nach und küsste sie draußen im Schatten der Linde vor dem Wirtshaus. Sie ließ es geschehen, weil sie wissen wollte, wie es ist, wenn ein Mann eine Frau küsst, wie es sich anfühlt, wenn er sie berührt.

Róza war stolz, anziehend auf ihn zu wirken. Jetzt gab er ihr den Vorrang. Sie, die Jüngere, hatte gesiegt. Sie konnte den Mann, der noch vor ein paar Wochen verrückt nach ihrer Schwester gewesen war, dazu bringen, dass er nun verrückt nach ihr war. Sie war jünger, manche sagten sogar hübscher, sie war quirliger und verspielter. Das alles ging ihr durch den Sinn, nur nicht, dass Tóno vielleicht auch mit ihr nur ein Spiel trieb. Nach der Plage in der Armee, nach Entbehrungen, Hunger, Kälte und Angst, sein junges Leben, noch bevor es richtig begonnen hatte, zu verlieren, sehnte er sich nach einer warmen Umarmung, egal, wem diese Arme gehörten.

Mit ihren achtzehn Jahren hatte Róza sich ihrer Körperlichkeit geschämt, hatte ihre Weiblichkeit unter ihrer Bluse und dem breiten Trachtenrock versteckt, den sie nicht einmal beim Baden im Bach auszog, und ihre Beine mit dicken, wollenen Strümpfen bedeckt. Und dann kam Tóno, und sie gab ihre Schüchternheit auf und ließ zu, dass er seine Hand unter den bunten Rock führte, sie streichelte und berührte.

Im Heustadel machte er sie zur Frau. Unter brennendem Schmerz und mit seinem heißen Atem trug er sich in ihr Stammbuch ein. Es dauerte nur einige Minuten, die Rózas ganzes Leben bestimmen sollten.

Tagelang spürte sie sein Geschlecht in ihrer Mitte, mächtig und grob, sie spürte ein Brennen, das nicht im Einklang stand mit ihrer Vorstellung, eine Frau zu sein. In der Nacht wusch sie sich heimlich am Brunnen, und je mehr klares Wasser sie auf ihren Körper spritzte, desto mehr erinnerte sie sich an seinen Geruch, der an ihr klebte. Sie ging ihrer täglichen Arbeit im Haus und auf dem Feld nach, doch ihre Gedanken kreisten um das, was geschehen war und was sie gern rückgängig gemacht hätte.

Erst als in ihrem Bauch ein neues Leben zu keimen begann, bekam Róza einen klaren Kopf und gleichzeitig Panik. Tóno war an der Front, die Slowakische Armee zog nach der Schlacht um Stalingrad mit den Russen und den Alliierten Richtung Berlin. Tóno konnte überall sein: auf dem Balkan oder in Italien. Jetzt ging es darum, ob er überhaupt noch am Leben war. Und ob er sich zu ihr bekennen würde.

»Milý Tonko«, schrieb Róza auf ein Stück Papier, das sie in der Kredenzlade gefunden hatte, »komm bitte so schnell wie möglich heim. Es ist etwas passiert, Du kannst Dir denken was. Ich traue mich nicht, es der Mama zu sagen. Aber wenn Du kommst, gehen wir gemeinsam zum Pfarrer, und wenn das Aufgebot bestellt ist, kann auch die Mama nichts dagegen haben. Pass auf Dich auf, ich denke an Dich. Deine Róza.«

Sie steckte den Brief in einen Umschlag und brachte ihn ins Gasthaus, wo jeden Freitag die Post der ganzen Woche abgeholt und in die Stadt gebracht wurde. Tóno meldete sich nicht, dafür aber Jozefa, die vom Dienst nach Hause kam, weil ihre Herrschaften, die Juden waren, ins Ausland zu Verwandten geflohen waren. Sie sprach viel von Vlado, mit dem sie oft tanzen ging und der ihr anscheinend den Hof machte, fragte aber auch nach Anton. Róza verspürte einen Hauch von schlechtem Gewissen. Aber nur einen Hauch. Jozefas neuer Verehrer machte die Sache für sie erträglicher. Jozefa hatte jetzt einen anderen und sie den Tóno. So hatte alles seine Ordnung.

Nach drei Monaten voller Angst, dass ihre Schande bald zu sehen sein würde, meldete sich Tóno. Aber er suchte nicht Róza, sondern Jozefa. Ein Soldat, der gerade auf Urlaub war, sagte es einem anderen, dass sie wieder im Dorf sei, und der wiederum einem anderen, sie bildeten eine Kette aus Nachrichten, die im Krieg fast so lückenlos funktionierte wie das Telefon, jedenfalls lückenloser als die Feldpost. Als Tóno hörte, dass Jozefa zu Hause war, eilte er sofort heim und bekam Róza geschenkt. Für immer und ewig. Bis dass der Tod sie schied.

Ende März, mitten in der Fastenzeit, gab es eine Doppelhochzeit – zusammen mit Jozefa, die zum Leidwesen der Eltern ihren Vlado, einen Protestanten aus den Bergen heiratete. »Doppeltes Unglück«, kommentierte Mária die Partnerwahl ihrer Töchter. »Ein Lutheraner und ein Nichtsnutz. Und das alles in einem Aufwaschen.«

Jozefas Brautkleid war weiß, wie sie es in der Stadt, wo sie als Dienstmädchen gearbeitet hat, öfter gesehen hatte. Das Kleid borgte ihr eine Freundin, die es für ihre eigene Hochzeit aus Altartüchern genäht hatte, die ihre Großmutter, die einst Pfarrersköchin war, als eine Art Abfertigung bekommen hatte. Die Farbe Weiß war Jozefa sehr wichtig. Sie symbolisierte die Unschuld, die sie nach außen hin tragen wollte. Sie war ja nicht wie Róza schwanger und daher eines weißen Kleides würdig.

Róza heiratete, wie es die Mutter für ihre gefallene Tochter verlangte, in ihrer Tracht, an der sie ein ganzes Jahr lang gestickt hatte. Für den schönsten Tag in ihrem Leben machte sie sich besonders hübsch. Am schönsten war die Parta, eine Krone aus Blumen, Kornähren und bunten Schleifen, die die Mädchen nur einmal in ihrem Leben tragen durften. Tóno war sein Äußeres nicht so wichtig. Er wusch sich gründlicher als sonst und rasierte sich. Das musste reichen. Dass er keinen neuen Anzug hatte, nahm Róza hin, weil er arm war, aber dass seine Ferse aus dem Socken ragte, sollte sie ihm nie verzeihen.

Jozefa und Vlado zogen bald nach der Hochzeit in Vlados Heimatdorf und bauten dort in den frühen Nachkriegsjahren ein kleines Haus. Róza und Tóno blieben auf dem elterlichen Bauernhof. Aber nichts blieb so, wie es einmal war. Mária konnte ihrer Jüngsten den Fall nicht verzeihen und strafte sie dafür, wo sie nur konnte. Mit mehr Arbeit im Haus und Stall, mit weniger Essen, mit eisiger Miene. Sie, die als Jungfrau in die Ehe gegangen war, schämte sich ihrer Tochter, weil sie nicht nur Schande über die Familie, sondern auch einen unerwünschten Schwiegersohn ins Haus gebracht hatte.

»Meine Mutter ist schlimmer als der Teufel«, beklagte sich Róza bei ihrer Tante Aloisia. »Ich glaube, sie würde mich lieber tot als glücklich sehen.« Aloisia bekreuzigte sich, verbeugte sich vor dem Allmächtigen und ermahnte Róza: »Versündige dich nicht, mein Kind. Nimm es an, was deine Mutter dir antut. Es ist Gottes Wille.«

Fünf Monate nach der Hochzeit kam das Kind auf die Welt, mitten in der Erntezeit, drei Wochen zu früh. Den ganzen Nachmittag hörte man in der Luft deutsche und russische Flieger, die Front rückte immer näher. In der Nacht fielen die ersten Bomben. Róza lag in Wehen im Keller, in dem sich nicht nur ihre Familie, sondern auch einige Nachbarn vor dem Angriff versteckt hielten. Ihre Mutter richtete ihr zwischen Kartoffelkisten ein Lager aus Stroh und Fetzen ein und hielt einen Eimer mit Wasser und eine Schere bereit. Róza empfand eine unendliche Scham, hier hilflos mit ausgebreiteten Beinen ihren Schmerz aus dem Leib zu schreien, aber es gab keine andere Möglichkeit und so war sie heilfroh, als sie nach endlosen Stunden ein Bündel Mensch in den Armen halten konnte. Der Schmerz ließ abrupt nach, die Bomben schienen in der Morgendämmerung weniger geworden zu sein.

In der Früh übersiedelten alle ins Haus, um am Abend erneut den Keller aufzusuchen. Es war die Zeit des Slowakischen Nationalaufstands, die Zeit der Partisanen und der blutigen Kämpfe in den Bergen, es war die Zeit der Wende im Zweiten Weltkrieg. Die Armeen rückten immer näher. Die nächtliche Bombardierung des Dorfes, in dem sich Deserteure beider Seiten versteckt hielten, war nur ein kurzes Zwischenspiel im Weltgeschehen.

Nach einer Woche war alles vorbei. Die Flugzeuge zogen gegen Westen. Im Dorf blieben nur die Reservisten der russischen und der deutschen Armeen. Sie wurden auf alle Häuser verteilt. Bei Korens wohnten gleich zwei – Ilja und Heinz. Ein Russe und ein Deutscher. Zwei Männer wie Tag und Nacht. Und beide waren in das Neugeborene vernarrt und trugen es ständig herum. So kam es, dass der Säugling tagsüber am Arm friedlich schlief und die Nächte durchschrie.

Anton gehörte nicht zu den Deserteuren, er verweigerte den Krieg auf seine eigene Art. Irgendwo in der Ukraine schoss er sich mit seinem Gewehr den linken Unterarm durch. Dabei machte er sich keine Mühe sich selbst, geschweige denn anderen klar zu machen, dass er es getan hatte, weil er keinen töten wollte und im Grunde seiner Seele ein glühender Pazifist war. Im Gegenteil. Er war stolz auf sich, weil er den Mut gehabt hatte, die anderen auszutricksen und dadurch seine eigene Haut zu retten. Er hatte keine Lust, dem Vaterland zu dienen. Er hatte keine Lust, ein Held zu sein.

Mit einer blutenden Wunde kam er ins Lazarett und wurde dort, trotz seiner relativ leichten Verletzung, operiert und einige Wochen gepflegt. Weil es ihm gelang, eine Lähmung der Hand glaubhaft vorzutäuschen, bekam er einen Genesungsurlaub, den er so lange ausdehnte, bis Berlin gefallen war.

Anton und Koren gingen das Kind anmelden. Noch vor dem Gang zum Standesamt begossen sie das freudige Ereignis mit einigen Freunden im Wirtshaus, und erst bei der Frage der mittrinkenden Kumpels, wie das Kind heißen solle, wurde ihnen bewusst, dass der Name in der Familie nicht bestimmt und nicht einmal diskutiert worden war. Die Kleine wurde bis dahin nur »die Kleine« genannt. Anton wünschte sich für das Mädchen einen Blumennamen, aber Róza war mit ihrem eigenen Namen nicht einverstanden, und ein anderer Blumenname fiel ihr nicht ein. Nein, kein Blumenname. Als gläubige Katholikin nahm sie an, dass auch Anton sich einen biblischen Namen für den Nachwuchs wünschte, egal welchen. Das war schon lange vor der Geburt für sie festgestanden, ohne dass sie mit Anton darüber gesprochen hätte.

Irgendwann zwischen dem vierten und dem fünften Glas schlug der Großvater den Namen Iris vor. Seine Augen glänzten, er dachte an seine argentinischen Jahre, an eine Frau, die diesen Namen trug und die ihm damals die Wärme gab, die er in der Fremde gebraucht hatte.

Als die zwei mit der Geburtsurkunde angetorkelt kamen, fielen Mária und Róza fast in Ohnmacht.

»Iris Bukovská. Wie klingt denn das? Die ganze Welt wird uns auslachen«, schrie Róza ihren Mann an, obwohl sie wusste, dass jetzt nichts mehr zu machen war. Zu allem Übel stimmte auch das Datum auf der Geburtsurkunde nicht. Die erste Tochter wurde nicht am 28., wie sie es eintragen ließen, sondern am 29. August 1944 geboren. Was erwartete dieses Kind noch im Leben?

Ilja und Heinz vertrieben sich die Zeit des Wartens jeder auf seine Weise. Während Heinz sich stundenlang wusch, seine Uniform bürstete und die Stiefeln polierte, widmete Ilja seine ganze Aufmerksamkeit der Küche. Er saß auf der Eckbank unter dem Fenster und sah Mária zu, wie sie Teig walkte, Nudeln schnitt oder Haferbrei kochte. Vor allem Kuchen jeder Art hatten es ihm angetan. Mohnstrudel, Nussstrudel, Apfelstrudel. Er nahm die Kuchen Stück für Stück und schob sie in den Mund. An einem Nachmittag war er imstande zwei ganze Strudel zu verdrücken. Nur manchmal wurde er nachdenklich, betrachtete die Windungen des Mohns im Teig und fragte Mária: »Babuschka, kudy on tam poschol?«1

Heinz und Ilja spielten mit ihren Freunden täglich Karten im Hof. Vor allem Heinz hatte eine glückliche Hand und gewann fast jedes Mal eine Menge Geld. Sie spielten um slowakische Kronen, die sie als Sold bekommen, im Dorf aber kaum gebraucht hatten. Und als der Befehl kam, nach Deutschland weiterzuziehen, schenkte Heinz der kleinen Iris eine Tasche voll Geld. Auch Ilja hinterließ eine Visitenkarte. Seit er nicht mehr da war, fehlte auch die Armbanduhr, die Ján Koren aus Argentinien mitgebracht hatte.

Noch vor dem Ende des Krieges gebar Róza einen toten Buben, was Mária und die Tanten zu umfangreichen Kommentaren veranlasste. »Róza und Tóno vermehren sich wie die Karnickel«, hieß es und »Sie stürzen die Familie in Hungersnot.« Zu allem Überfluss fiel auch das im Kartenspiel gewonnene Geld von Heinz der Inflation zum Opfer und war von einem Tag auf den anderen nicht einmal das Papier wert, auf dem es gedruckt war.

Die paar Felder, die Ján Koren mit dem in Argentinien verdienten Geld dazukaufte, konnten die große Familie nicht ernähren. Dazu kam, dass das Familienoberhaupt von den Söhnen und Schwiegersöhnen erwartete, dass sie um vier Uhr in der Früh aufstanden und die Stallarbeit verrichteten. Er selbst blieb bis sieben im Bett liegen, begann den Tag mit seiner obligatorischen Pfeife und aß zum Frühstück zwei Eier mit Speck. Von so einem fürstlichen Frühstück konnte der Rest der Familie nur träumen. Für die Jungen blieb nur Haferbrei, trockenes Brot und Feigenkaffee übrig.

Es kochte in der Familie, es kochte im Land. Die Befreiung im Mai 1945 war gleichzeitig ein Startschuss für einen neuen Anfang. Wer konnte, lief davon. In die Städte, ins Ausland, hinter den Ozean. Die, die geblieben waren, griffen nach jedem Strohhalm, der sich ihnen bot.

Die russische Idee verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es sollen Kolchosen gegründet werden, landwirtschaftliche Genossenschaften, die Felder verstaatlicht und ihre ehemaligen Besitzer als Landarbeiter beschäftigt werden. Es gab Proteste und auch Widerstand, es nutzte aber nichts. Die Kleinbauern und Kleinhäusler wehrten sich, keiner wollte seine schmalen Erdstreifen aus der Hand lassen. Keiner, außer Ján Koren. Infiziert von der Arbeiterbewegung in Argentinien, als einer der Gründer der Bezirksorganisation der Kommunistischen Partei, trat er den Kolchosen bei, übergab alle seine Felder und absolvierte als erster einen Traktorkurs.

Die technische Revolution erfasste das Dorf. Die wenigen Bauern, die freiwillig ihre Felder abgegeben hatten, bearbeiteten die großen Flächen mit Maschinen, die anderen schauten ihnen trotzig, aber auch mit einer gehörigen Portion Neid nach. Die Kolchosen wuchsen, die einigen wenigen, die sich bis zum bitteren Ende beharrlich weigerten, beizutreten, wurden enteignet.

Die Familie zerfiel. Korens Söhne fanden Arbeit in benachbarten Fabriken und nahmen ihre Frauen und Kinder mit. Jozefa wohnte seit über einem Jahr mit ihrem Vlado in seinem Heimatdorf in den Bergen, ihre Schwester Erna und deren Mann arbeiteten in der Kolchose, Anton fuhr nach Prag, um dort sein Glück zu versuchen. Er fand eine Anstellung in einer Maschinenbaufirma, in der er in kürzester Zeit zum Schlosser ausgebildet wurde.

Als sie 1946 Tóno nach Prag folgte, konnte sich Róza an der Großstadt nicht sattsehen. Die hohen Häuser, asphaltierte Straßen und die Straßenbahn faszinierten sie so sehr, dass sie die Kriegsschäden rundherum kaum sah. Und erst die Menschen. Wie selbstbewusst sie waren, verglichen mit ihr! Und hübsch angezogen. Viel hübscher als die Frau des Kaufmanns in ihrem heimatlichen Dorf, die sie seit der Kindheit wegen zwei Dingen beneidet hatte: weil sie dick war, was davon zeugte, dass sie niemals Hunger leiden musste, und weil sie schöne Kleider trug. Gleich am ersten Tag in Prag kaufte sich Rosa ein »städtisches« Kleid aus einem hellgrauen Wollstoff, geschmückt mit einem weißen Spitzenkragen und einem roten Lackgürtel. Beim Friseur um die Ecke ließ sie sich ihre Zöpfe abschneiden und eine modische Kurzhaarfrisur machen.

»Schneiden Sie mir die Haare so, wie sie die Dame auf dem Bild trägt«, sagte sie der Friseurin und zeigte auf ein Plakat, auf dem Marlene Dietrich in einer langen Robe an der Wand lehnt und eine Zigarette auf einem Spitz raucht. Róza wusste nicht, wer die Frau auf dem Plakat war, spürte aber ihre besondere Ausstrahlung. Zu Hause, in einem winzigen Zimmer im Stadtteil Podolí angekommen, versteckte sie ihre Trachtenkleider in einem Koffer, den sie unter das Ehebett schob, und zog sie nie wieder an.

Auch Róza fand Arbeit. Tagsüber gab sie Iris in eine Krabbelstube und arbeitete am Fließband in einer Fabrik für Fotoapparate. Als Wohnung diente ihnen ein 12 m² großer Raum im Hinterhof einer grauen Hausanlage mit Wasser am Gang und einer Toilette im Hof. Zwei Gehälter, wenn auch sehr bescheiden, machten sich bemerkbar, Róza und Tóno waren zufrieden. Jeden Freitag gingen sie ins Kino, samstags tanzen. Die Familie war weit weg, keine Bedrohung ihrer Zweisamkeit weit und breit. Und vor allem keine Jozefa.

Eines Tages erfuhr Tóno, dass im ehemaligen Sudetenland junge Männer für die Polizei angeheuert wurden. Damals war er neunundzwanzig Jahre alt. Er meldete sich und wurde aufgenommen. Die Folge war eine Übersiedlung nach Eger nahe der deutschen Grenze.

Dort wurde ein Teil einer Villa, die früher einem Fabrikanten gehört hatte, das neue Zuhause der Bukovskýs. Obwohl der Krieg schon seit drei Jahren zu Ende war, waren manche Fenster des Hauses zugebrettert, weil es kein Glas gab. Das Stiegengeländer war ausgerissen, die elektrischen Leitungen und die Wasser- und Gasinstallationen beschädigt. Es wurde improvisiert, aber es fehlte den Bukovskýs nicht an Mut und Kraft.

Noch bevor Tóno die Polizeischule verließ, schenkte Róza einem zweiten Mädchen das Leben. Diesmal im Krankenhaus. Es war ganz neu, die Geburtenstation war erst seit einigen Tagen geöffnet. Das Kind erhielt den Namen Jasmine. »Wenn schon kein Sohn, dann vergrößern wir unseren Blumenstrauß«, argumentierte Anton. Róza, Iris, Jasmine.

Der Dompfarrer konnte es nicht fassen, dass jemand seine Tochter auf den Namen Jasmine taufen wollte, führte die Taufe aber in der Krankenhauskapelle mit vielen anderen Babys durch. Als Taufpatin sprang eine Nachbarin ein, eingetragen aber wurde Rózas beste Freundin aus ihrem Heimatdorf, die, als sie selbst Mutter von zwei Mädchen wurde, den Kontakt zu den Bukovskýs abgebrochen hatte. Zu beiden sollte Jasmine kein inniges Verhältnis bekommen: Die eine wohnte weit weg, die andere sah ihre christliche Pflicht dem Täufling gegenüber darin erschöpft, dass sie ihm zur Taufe goldene Ohrringe mit einem Kunstopal geschenkt hatte.

Und schon wieder stand eine Übersiedlung auf dem Plan. Diesmal zurück in die Slowakei, nach Bratislava, wohin Anton als ausgebildeter Polizist versetzt wurde. Bei der Übersiedlung fiel ein großer Vorzimmerspiegel auf den Boden und zerbrach. Doch statt des Glücks, das die Scherben bringen sollten, geschah ein Unglück. Neun Monate später, auf den Tag genau, gebar Róza ihre dritte Tochter. Dass sie nach dem Wunsch von Tóno auf den Namen Kamila getauft werden sollte, trug sie mit Fassung. Wenn schon ein Blumenstrauß, dann ein ordentlicher.

1 Großmütterchen, wie ist er (der Mohn) hineingekommen?

2.

Jeden Tag um vier Uhr Nachmittag holte Iris Jasmine, ihre jüngere Schwester, aus dem Kindergarten ab. Jasmine spielte schon damals am liebsten mit Eva, ihrer besten Freundin. Damals waren die beiden Mädchen fünf Jahre alt, Iris knappe zwölf. Sie kam ihnen sehr groß und erwachsen vor. Vor allem ihre Akne beeindruckte Eva sehr. Sie wusste, dass man Akne bekommt, wenn man kein Kind mehr ist. So gesehen war Akne ein ersehntes Merkmal, eine Eintrittskarte in die Welt der Erwachsenen. Als sie sie dann tatsächlich bekam, war sie genauso unglücklich wie alle Pubertierenden. Sie machte ein Theater um jeden Pickel, der in der Früh ihre Gesichtshaut verunstaltete, probierte Umschläge, Masken und alle möglichen Hausmittel und durfte irgendwann feststellen, dass sich die Plage ohne ihr Zutun verabschiedet hatte.

Kamila, das Nesthäkchen, war Mamas Liebling. Sie war rund und kuschelig und in ihren ersten Jahren relativ pflegeleicht. Zumindest für Mama Róza. Denn die Arbeit rund um das Kind erledigte Iris. Sie zog es in der Früh an, brachte es in die Krabbelstube, am Nachmittag holte sie es wieder heim. Sie kümmerte sich um ihre kleine Schwester, bis die Mutter aus dem Gasthaus kam, in dem sie an der Ausschank arbeitete. Róza nahm dann ihre Jüngste auf den Schoß und herzte sie, holte sich von dem Kind die Zärtlichkeit, die sie von ihrem Mann nicht bekam.

Jasmine beneidete Kamila um den Platz auf Mamas Schoß. Sie versuchte sie von dem Thron zu stürzen, indem sie an ihren Kleidern riss. Doch Róza stieß sie regelmäßig weg:

»Jasmine, warum bist du schon wieder so schlimm?«, schimpfte sie. »Schämst du dich nicht?«

»Ich will auch bei dir sein«, quengelte Jasmine.

»Du bist aber schon so groß.«

»Ich will bei dir sein.«

»Ich bin müde. Lass mich in Ruhe.«

»Zumindest auf einem Knie.«

»Geh spielen.«

Róza konnte es sich selbst nicht erklären warum, aber immer, wenn sie Jasmine sah, verspürte sie einen Stich in ihrer Brust. Dieses Kind erinnerte sie so sehr an ihre Schwester Jozefa, dass es wehtat. Nicht nur, dass ihr ihre mittlere Tochter beinah aufs Haar glich, sie war auch genauso lebenshungrig wie sie. Jasmine war erst fünf Jahre alt, schien aber zu wissen, was sie wollte: Die Zuneigung und die Liebe der anderen. Und sie bekam sie auch. Die Nachbarn mochten sie sehr, auch die Tanten im Kindergarten, aber vor allem Rózas Eltern zogen Jasmine anderen Enkelkindern vor. Es waren dreizehn, und dieses eine Kind schaffte es, im Mittelpunkt zu stehen. Das empfand Róza als ungerecht. Die Eltern hatten nicht nur – wie ihr schien – Jozefa bevorzugt; nun musste sich auch dieses Kind zwischen sie und ihre Eltern stellen.

Die Ähnlichkeit zwischen Jasmine und Jozefa war verblüffend. Als wären die zwei Mutter und Tochter. Róza betrachtete ihre Mittlere als Strafe Gottes für ihr unkeusches Verhalten, das sie ins Verderben geführt hatte. Dafür, dass sie Tónos Verlangen auf dem Heuboden nachgegeben hatte, musste sie bestraft werden, und sei es mit dem Anblick ihrer eigenen Tochter. Sie dachte überhaupt, dass Gott ihr die drei Töchter zur Strafe geschickt hatte: unermüdlich sollte sie über deren Jungfräulichkeit wachen müssen. Sie war überzeugt, dass drei Söhne zu erziehen viel einfacher gewesen wäre und dass ihre Töchter als Rufzeichen durch ihr Leben gingen. Die Töchter aber liebten sie mit kindlicher Ergebenheit. Und das nicht nur, weil sie ihnen von Zeit zu Zeit ein Eis oder andere Süßigkeit kaufte.

Der Kampf um den Platz auf ihrem Schoß imponierte Róza. Sie war stolz darauf, dass ihre Kinder sie mehr liebten als ihren Mann. Sie genoss vor allem den Sonntagmorgen, wenn die Kinder gleich nach dem Aufwachen und nachdem sie sich mit einem Blick durch das Schlüsselloch überzeugt hatten, dass die Eltern schon wach waren, ins eheliche Bett sprangen. Die Plätze waren festgelegt – Róza überließ nichts dem Zufall –, in der Mitte, zwischen den Eltern, durfte Kamila liegen, am Außenrand rechts, neben der Mutter, Jasmine, die wegen Rózas Schmusens mit Kamila meistens nur den Rücken der Mutter zu spüren bekam, außen links, neben ihrem Vater, Iris.

Iris mochte diesen, ihr von der Mutter zugewiesenen Platz nicht, weil sie sich neben einem Mann, und sei es ihr eigener Vater, zu liegen schämte, aber auch, weil ihre Beziehung zu Tóno nicht besonders gut war. Oft verabscheute sie ihn regelrecht für seine grobe Art, hasste ihn dafür, wie laut er beim Essen schlürfte, rülpste und furzte. Seine tägliche Darmentleerung, die er als ein Ritual vollzog, war ihm wichtiger als alles andere. Weil er unter Platzangst litt, ließ er die Tür der Toilette einen Spalt offen, erledigte sein Geschäft geräuschvoll und ohne Hemmungen, wobei der Erfolg seiner Bemühung bald in der ganzen Wohnung zu riechen war. Tóno dachte nicht daran, an diesen alltäglichen Zeremonien etwas zu ändern, nicht einmal dann, wenn Freundinnen der Töchter auf Besuch waren. An so einem Tag verschwand Iris hinter einer zuknallenden Tür und schrie: »Ich hasse ihn! Ich hasse ihn!« Und sie kam erst viel später heim, als es ihr von der Mutter erlaubt war.

Jasmines Strategie, sich im hintersten Zimmer hinter der lauten Musik zu verschanzen, fand bei den Eltern auch keine Billigung, weil sich diese von dem Krawall gestört fühlten.

Nur Kamila reagierte so, wie Róza es gerne hatte. Sie saß auf ihrem Schoß, tauschte Zärtlichkeiten mit ihr aus und genoss die Zuwendung in der Form von Schokolade, die die störrischen Großen nicht verdient hatten. Ihr fiel an Vaters Verhalten nichts Schlimmes

Róza nahm die Herausforderungen des Lebens an. So lange die Kinder klein waren, wusch und putzte, auf.

kochte und bügelte sie, sah zu, dass ihre Kinder ordentlich angezogen in die Schule gingen.

Einmal wrang sie die Wäsche, die sie Stück für Stück aus der Badewanne nahm. Ihr Mann saß im Wohnzimmer und las in der Zeitung. Róza schmiss das Wäschestück, das sie gerade in der Hand hielt, zurück in die Wanne, wischte ihre geröteten Hände in der Schürze ab und ging rasend ins Wohnzimmer.

»Wie kannst du hier nur so sitzen?«, schrie sie ihn an. »Siehst du nicht, wie ich mich abplage?« Tóno hob den Kopf. »Ich komme gleich«, sagte er und senkte seinen Blick zurück in die Zeitung. Róza zog dampfend ab. Sie wusste, dass jegliche Diskussion mit ihm überflüssig war. »Iris, Jasmine, kommt her! Ich brauche eure Hilfe!«, schrie sie.

Jeden Tag betete sie zu Gott, an den sie nicht mehr glaubte. Sie führte ein Zwiegespräch mit ihm, schrie ihn an, beschuldigte ihn der Grausamkeit, und am Ende des Gebets versöhnte sie sich jedesmal mit ihm, damit sie, falls es ihn doch noch gäbe, am Jüngsten Tag in sein Himmelreich käme. Sie war davon überzeugt, ihr Leben lang nur Gutes getan zu haben. Sollte doch etwas misslungen sein, erwartete sie, dass der Allmächtige ihr verzeihen würde.

Herr Bukovský brachte das Geld heim. Mehr konnte man von ihm nicht verlangen. Pünktlich um halb fünf kam er von der Polizeidirektion, wo er angestellt war, nach Hause. Iris kochte sein Essen. Er aß, kritisierte reichlich die Kochkünste seiner Ältesten und legte sich für ein, zwei Stunden nieder, wobei er vor oder nach dem Schlaf onanierte, was die Töchter durch das Schlüsselloch erspähen konnten.

»Schaut mal, er tut es wieder«, flüsterte Jasmine ihren Schwestern zu.

»Pfui, wie eklig«, sagte Iris.

»Ich will es auch sehen«, winselte Kamila und drängte sich vor das Schlüsselloch.

»Du bist noch zu klein dazu«, sagte Iris und schubste sie weg von der Tür.

»Ich werde es der Mutti sagen, was ihr hier tut«, drohte Kamila, die sich der Bedeutung der Meldung bewusst war.

»Wenn du es nicht tust«, entgegnete Iris listig, »werde ich dir die Nägel lackieren.«

»Mit dem roten Nagellack?«

»Ja, mit dem roten, wenn du willst.«

Iris und Jasmine wussten nicht, wie sie mit dem Thema Vaters Selbstbefriedigung umgehen sollten. War es etwas, das sie der Mutter erzählen sollten, oder wusste sie davon … War es verboten oder taten es alle Erwachsenen? Manchmal hörten sie bei Wortgefechten, dass es auch um Sex ging, und weil es nur im Streit vorkam, entschieden sie, lieber nicht mit der Mutter über das zu sprechen, was der Vater jeden Tag tat. »Essen, Scheißen, Schlafen und Ficken« waren die Worte, die Róza ihm regelmäßig an den Kopf warf.

Sie ging ihrer täglichen Arbeit nach, bediente ihre Gäste im Gasthaus, in dem sie an der Schank arbeitete, freundlich und mit Charme und war stolz, dass sie dort beliebt war. Das Wirtshaus war eine Goldgrube. Hier verkehrten spendierfreudige Taxifahrer, Facharbeiter mit gutem Einkommen, bessere Leute, die im Rahmen eines Abendspaziergangs ein paar Bier mit Schnäpsen tranken und beim Trinkgeld nicht knauserten. Róza verdiente gut. Die Familie musste aber helfen. Jeden Abend kam Tóno oder später, als sie größer waren, eine der Töchter, später auch Eva, aus helfen: Gäste bedienen, Tische aufwischen, immer freundlich sein.

Róza war streng. Sie hasste nichts so sehr wie nicht erfüllte Aufgaben. Wenn sie etwas angeordnet hatte, erwartete sie, dass die Tochter, die es betraf, die Sache zur vollsten Zufriedenheit erledigte. Wenn nicht, gab es Schläge. Für Iris auch dann, wenn die jüngeren Schwestern versagten, denn Iris war die Älteste und damit die Verantwortliche. Mit dieser Regel ersparte sich Róza viel Zeit.

Auf ihre Kinder war sie nicht stolz. Zumindest zeigte sie es nie. Sie waren für sie nicht besonders hübsch, nicht besonders klug und bei weitem nicht so fleißig und zielbewusst, wie sie es in ihren Augen selbst gewesen war.

»Ich bin so froh, dass meine Tochter die Schularbeit so gut geschafft hat«, sagte die Mutter von Jasmines Klassenfreundin.

»Das kann ich von meiner leider nicht behaupten«, sagte Róza. »Jasmine hat die Schularbeit verpatzt.«

»Hat sie einen Fünfer bekommen?«

»Nein, wo denn? Eine Eins minus. Aber sagen Sie, muss das sein?«

»Das Mädchen hat einen Dreier bekommen, und ihre Mutter ist froh darüber. Und du? Du schimpfst mich wegen Eins minus«, warf Jasmine ihrer Mutter vor, als sie ein paar Schritte weitergingen.

»Ich möchte nicht angeben«, sagte Róza wie immer, wenn Iris oder Jasmine sich über ihre Kritiksucht beschwerten. »Ich bin bescheiden. Was ist schlecht daran?«

Eines Tages sollte Iris länger in der Schule bleiben als sonst und bat Jasmine, die damals neun oder zehn Jahre alt war, ihre Verpflichtungen zu übernehmen. Es war mit der Mutter abgesprochen, also konzentrierte Iris sich auf die Prüfung, die ihr bevorstand. Jasmine sollte am Nachmittag die Asche aus dem Ofen räumen, Holz und Kohle aus dem Keller holen und im Ofen einheizen. Sie blieb aber nach der Schule bei einer Freundin und vergaß ihre Pflicht. Erst als sie später nach Hause ging, fiel es ihr wieder ein, und sie begann zu laufen, um die Arbeiten, die man von ihr verlangt hatte, zu erledigen. Es war aber zu spät. Die Mutter war schon zu Hause und tobte. Sie riss Jasmine an den Haaren, schlug auf sie ein und schrie: »Ich kann dich nicht ausstehen!«

Róza roch nach Wein. »Harmonia« hieß ihre Lieblingssorte, die ihr die Kinder öfter im Supermarkt gekauft hatten. Es war der gleiche Weißwein, den sie auch im Gasthaus ihren Gästen servierte und selbst den ganzen Tag mit Mineralwasser aufgespritzt zur »Stärkung« trank. Zu Hause brauchte sie den Wein nur an Waschtagen oder bei einer anderen schweren Arbeit, die sie ihrer Meinung nach viel zu oft zu tun hatte. Wenn »Harmonia« im Spiel war, war mit der Mutter nicht zu spaßen. Wer an so einem Tag in ihre Hände geriet, musste mit blauen Flecken und blutigen Kratzern rechnen.

Endlich ließ Róza von Jasmine ab und ging ins Schlafzimmer, wo ihr Mann sich nach der Arbeit umzog. »Warum schlägst du das Kind?«, fragte er.

»Sie geht mir auf die Nerven.«

»Dir geht alles auf die Nerven.«

»Ich hätte sie gleich nach der Geburt erwürgen sollen.«

»Róza, sie ist dein Kind!«

»Na und? Was ist schon ein Kind? Gar nichts. Mutters Scheiße. Oder noch weniger. Nicht umsonst sagt man, dass bei der Geburt zuerst die Scheiße und erst dann das Kind kommt. Das heißt, dass die Scheiße mehr wert ist als das Kind.«