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Christine Nöstlinger

Liebe macht blind –

manche bleiben es



Teil 3 Ein paar Minuten für die Schönheit

Herausgegeben von Hubert Hladej

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Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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im Niederösterreichischen Pressehaus
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St. Pölten – Salzburg – Wien

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Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub (Einzelgeschichte):
978-3-7017-4321-6

ISBN ePub (Gesamtausgabe):
978-3-7017-4302-2

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1600-5

3. Ein paar Minuten für die Schönheit

Reif?

Natürlich gibt es Frauen, die sich täglich mehrmals im Vergrößerungsspiegel derart selbstkritisch betrachten, dass sie den Zustand ihrer Gesichtshaut ganz genau kennen. Aber die meisten Frauen haben Wichtigeres zu tun, als diese Kontrolle regelmäßig auszuüben. Und da kann es eines Tages passieren, dass man heiter, beschwingt, dynamisch, vital und bester Dinge eine Parfümerie betritt und eine Flasche Parfüm ersteht, und die jugendliche Verkäuferin, darauf trainiert, den Absatz zu heben, hält einem, bevor es ans Zahlen geht, einen Cremetopf hin und spricht: „Da gibt es jetzt auch ein ganz neues, wirklich wirksames Produkt für die reife Haut, gnä’ Frau!“

Das kann dann „Gnä’ Frau“ ganz schön aus dem Gleichgewicht bringen, weil sie bis dahin ihre Haut noch immer in alter Gewohnheit als „jugendlich“ eingestuft hat. Sie könnte sich natürlich damit trösten, dass Cremes für „reife Haut“ viel teurer sind als Cremes für junge Haut und die Verkäuferin bestrebt ist, Teures an die Frau zu bringen.

Aber „Gnä’ Frau“ sieht das meistens anders. Ein echter „Profi“, sagt sie sich, hat da ein objektives Urteil gefällt. Und das nagt an „Gnä’ Frau“. Das nagt sogar so sehr, dass sie nach dem Parfümerie-Besuch (den Cremetopf hat sie übrigens nicht gekauft) nicht mehr, wie vorgehabt, in die kleine Boutique geht, um das rosa Kleidchen zu kaufen. Vielleicht, denkt sie, trübe heimtrottend, ist rosa den „Unreifen“ vorbehalten, vielleicht sind auch meine Knie zu „reif, um unter dem kurzen Rockerl rauszuschauen, und ist der Ausschnitt zu groß für eine „reife“ Oberweite!

Und während sie mit ihrer Parfum-Flasche so zweifelnd dahintrabt, fragt sie sich entsetzt: Wie lange, um Himmels willen, bin ich denn eigentlich schon äußerlich „reif“, ohne es selbst gemerkt zu haben? Möglicherweise hat ja deswegen auch der Friseur so komisch geschaut, als ich ihm das Frisuren-Foto in der Zeitschrift gezeigt und gesagt habe, dass ich die Haare gern so geschnitten hätte! Und es war wohl nur Höflichkeit, dass er gesagt hat, mein naturgelocktes Haar würde sich dieser Frisur widersetzen. Wahrscheinlich hat er sich gedacht: Unmöglich, dieser überreifen Dame diese jugendliche Frisur zu verpassen!