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Karl Blecha
Andreas Khol

Christa Chorherr

Fressen die Alten
den Kuchen weg?

Das Alter neu denken

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Um die Lesbarkeit nicht zu beeinträchtigen, werden in diesem Buch personenbezogene Bezeichnungen in der männlichen Form durchgängig für beide Geschlechter verwendet.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
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im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4316-2

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-3281-4

Inhalt

Vorwort

Zielsetzung

1    DER ALTE MENSCH IN DER GESELLSCHAFT

Der demographische Wandel – eine Chance?

Die neue Kultur des Alterns

Altern und Zukunft

Altern will vorbereitet werden

Arbeitsleid oder Freude an der Arbeit?

Altersgerechte Arbeit – Aufgaben des Arbeitgebers

Frauen haben andere Probleme

Auch Migranten werden alt

Das Ungleichgewicht der Generationen

2    DAS ÖSTERREICHISCHE PENSIONSSYSTEM

Die gesetzliche Pensionsversicherung

Das tatsächliche Pensionsantrittsalter muss steigen!

Die sogenannte zweite und dritte Säule

Die vertrackte Pensionssituation der Migranten

Das unterschiedliche Frauenpensionsantrittsalter

Vorschläge für Maßnahmen zur Sicherung der Nachhaltigkeit der Pensionen

3    GESUNDHEIT, KRANKHEIT, PFLEGE

Gesund alt werden: „3 L“ und „3 F“

Pflege – die Herausforderung der Zukunft

Verschränkung von Medizin und Pflege

Patientenverfügung und Testament

4    LEBENSBEGLEITENDES LERNEN

Lernen verlängert das Leben

5    TÄTIG BLEIBEN

Die Notwendigkeit, im Alter gebraucht zu werden

Gut ausgebildete Ältere

Freiwilligenarbeit

Wie wird derzeit im Alter gearbeitet?

6    FEHLEINSTELLUNGEN DER GESELLSCHAFT ZU IHREN ÄLTEREN

Das falsche Altersbild und die Selbstwahrnehmung der Alten

Ältere als Kunden und Zielgruppe der (Werbe-) Wirtschaft

Fehlende Infrastrukturmaßnahmen

Forderungen an die Wirtschaft

Noch fehlende Alter(n)sforschung

7    TEILHABE AN DER BÜRGERGESELLSCHAFT – MITBESTIMMUNG

Indirekte Teilhabe an der Bürgergesellschaft

Literatur

Wichtige Links

Sachregister

Vorwort

Fressen die Alten den Kuchen weg? Eine schwierige Frage – oder? Eine Frage freilich, die ebenso leicht wie kurz zu beantworten ist: Nein! Jede andere Erwiderung hieße, den Generationenkonflikt zu provozieren, von dem in diesem Buch die Rede sein wird. Nicht nur, aber auch. Es gibt noch viele andere wesentliche Fragen über das Altern: demographische, medizinische, soziologische, wirtschaftliche.

Kaum jemand weiß über diese Probleme besser Bescheid als die beiden Präsidenten des Seniorenrats, Karl Blecha und Andreas Khol. Sie verfolgen weitgehend die gleichen Ziele. Sie wollen den derzeitigen, aber auch den künftigen Pensionisten angemessene, den Lebensstandard sichernde Pensionen garantieren und ein Altern in Würde ermöglichen.

Ich habe die Gedanken, Pläne und Ideen der beiden Experten nach einer Reihe von Gesprächen aufgezeichnet. Den Seniorenratspräsidenten ist bewusst, dass sich die Altersproblematik in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt hat. Diese Entwicklung wird weitergehen. Es gilt nun, Vorurteile der Gesellschaft, die das Älterwerden betreffen, vor allem aber auch die Abwehrhaltung der Jüngeren abzubauen.

Denn die Jungen haben Angst. Sie fürchten, dass die Älteren das Geschehen in der Gesellschaft maßgeblich bestimmen werden. Aber die alternde Bevölkerung stellt keineswegs eine Bedrohung dar, sondern vielmehr eine Chance für alle. Die Alten verfügen über das Wissen und die Erfahrung, die zum Nutzen der Gesellschaft einzusetzen sind.

Dieses Buch schildert, was nach Meinung der Seniorenratspräsidenten zu unternehmen ist, um ein erfolgreiches Miteinander der Generationen zu sichern. Karl Blecha und Andreas Khol kommen zwar aus verschiedenen politischen Lagern, ihre Absicht ist aber die gleiche: das Bestmögliche für die Alten zu erzielen und dabei das Wohl aller Staatsbürger, ob Jung oder Alt, zu erreichen. Gemeinsam werden die geplanten Maßnahmen diskutiert, in den jeweiligen politischen Gremien vertreten und dann als eine gemeinsame Forderung präsentiert. Ich, als Staatsbürgerin, erwarte mir diese Vorgangsweise auch von der Bundespolitik der Republik Österreich. Denn weder wollen noch werden die Alten den Kuchen wegfressen.

Christa Chorherr

Zielsetzung

Das Alter ist ein eigener Lebensabschnitt geworden, der gleich lang und sogar zunehmend länger dauert als die Jugend. Für diesen Lebensabschnitt altersgerechte Maßnahmen zu finden, fällt der Gesellschaft nicht leicht. Wege dahin werden in diesem Buch aufgezeichnet.

Die Seniorinnen und Senioren haben sich in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt, und es ist davon auszugehen, dass sie sich auch in den nächsten Jahrzehnten weiterhin ändern werden. Diesem Wandel wurde und wird nicht immer und nicht überall ausreichend Rechnung getragen. Viele Jüngere meinen noch immer, dass die Alten so wären wie vor 30 Jahren. Sie können die Partizipation der älteren Generation – einer immer größer werdenden Gruppe – an der Entwicklung der Gesellschaft noch nicht akzeptieren. Die Jüngeren befürchten, und diesbezüglich wird ihnen auch Angst gemacht, dass die Alten maßgeblich das Geschehen in der Gesellschaft bestimmen werden.

Dieses Buch analysiert die derzeitige Situation und zeigt den Änderungsbedarf des Denkens und gerechten Handelns im Hinblick auf „Älterwerden“ auf. Es gilt, Vorurteile in der Gesellschaft und die Abwehrhaltung der Jüngeren abzubauen, die meinen, in Zukunft keine ausreichenden Pensionen mehr zu erhalten. Die heute im Arbeitsprozess Stehenden fürchten, den Alten gegenüber zu „verlieren“, ganz nach dem Motto „Die Alten fressen den Jungen den Kuchen weg“. Die alternde Bevölkerung stellt jedoch keineswegs eine Bedrohung, sondern eher eine Chance für alle dar. Denn es gibt eine völlig neue Generation, die so gewonnen wird. Die Alten haben das Wissen und die Erfahrung, die zum Nutzen der Gesellschaft einzusetzen sind, auch wenn man heute davon noch nicht allzu viel wissen will.

Die Teilhabe der Alten ist parallel zu jener der jetzt noch Jungen auf allen Gebieten auszuweiten, auch politisch. Entsprechende Mitbestimmungsformen müssen ausgebaut werden. Vor allem aber ist die Freiwilligenarbeit der Alten zu verstärken.

Die erforderlichen Änderungen, die auch gesetzmäßig verankert werden müssen, werden alle betreffen – jene, die bereits ihre Pension „genießen“, aber auch jene, die hoffen, dereinst eine Pension zu erhalten, die ihre Lebensqualität und ihren Lebensstandard sichert. Aber es bedarf auch einer Änderung im Kopf aller Mitmenschen: Ältere haben eine Kapazität zum Arbeiten, die eine gut organisierte Gesellschaft braucht. Alles muss genutzt werden: die Arbeitskraft, die gebraucht wird, weil es weniger Kinder gibt, sowie das Wissen und die Erfahrung. Um dies einsetzen zu können, muss das lebensbegleitende Lernen verstärkt werden. Und die Beseitigung jeglicher Altersdiskriminierung muss ein Anliegen aller sein.

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Der alte Mensch in der Gesellschaft

Der römische Philosoph Seneca meinte schon vor rund 2000 Jahren: „Bereiten wir dem Alter einen freudigen Empfang, lieben wir es; es ist reich an Annehmlichkeiten, wenn man es zu nutzen weiß.“

DER DEMOGRAPHISCHE WANDEL – EINE CHANCE?

Angst (voreinander) besteht in jeder Generation: Die Älteren haben Angst vor dem Alter, aber auch vor den Jüngeren, die Jungen fürchten sich vor der Zukunft, aber auch vor den Alten. Ist aber der demographische Wandel nicht als Bedrohung, sondern eher als eine Chance für die Gesellschaft in den Industriestaaten zu sehen? Wenn dem so sein soll, dann bedarf es vor allem einer verstärkten Aufklärung in punkto Alter, besonders um die Diskrepanzen in den verschiedenen Auffassungen auszuräumen. Alte Vorstellungen – wie die zukünftige „Unfinanzierbarkeit“ des Pensionssystems, des Gesundheitswesens und der Pflege – müssen korrigiert werden, um damit den Gedanken an einen drohenden Zusammenbruch der Staatsfinanzen zu widerlegen.

Eine der Chancen für die Gesellschaft besteht darin, dass z. B. Firmen ihre gesellschaftliche Verantwortung verstärkt wahrnehmen und dazu veranlasst werden, ältere Mitarbeiter einzubeziehen, denn ihre Kompetenz ist unverzichtbar. Wie aber soll der Arbeitsmarkt diese Veränderungen verkraften? Um diese Ziele zu erreichen, müssen Anreize geschaffen werden – sowohl für die älteren Arbeitnehmer wie auch für die Firmen. Denn eines ist klar: Ältere Mitarbeiter sind aufgrund des noch verbreiteten automatischen Vorrückungssystems oder der leistungsunabhängigen, regelmäßigen Gehaltserhöhungen, unabhängig von kollektivvertraglichen Erhöhungen – die ja auch die Inflation abgelten sollen –, teurer als (gleichwertige) junge.

In den nächsten zwei Jahrzehnten gehen die sogenannten Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge von ca. 1955 bis 1965, in Pension, und damit wird eine große Gruppe ausfallen, die derzeit die Sozialsysteme stützt. In exportorientierten Ländern – wie z. B. Deutschland, aber auch Österreich – droht laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) eine Schwächung des Wachstums durch die rapide Alterung der Bevölkerung. Denn es fehlen (qualifizierte) Arbeitskräfte. Wie kann hier gegengesteuert werden? Kann eine gesteigerte Frauenerwerbsquote die „Kinderlücke“ allein ausfüllen? Eine möglichst ausgewogene Generationenpyramide bedeutet, Vorsorge zu treffen, dass die Menschen willens sind, wieder Kinder zu bekommen bzw. auch großzuziehen. Damit bedarf es eines Klimas, das Bedingungen für mehr Kinder schafft. Die österreichische Familienpolitik war lange Zeit auf einen Ausgleich der Nachteile durch finanzielle Mittel bedacht. Sie war auch ideologisiert, der Standpunkt der ÖVP lautete: Die Frau bleibt beim Kind. Und jener der SPÖ hieß: Die Frau steht voll im Erwerbsleben. Beide Meinungen haben nicht zu mehr, sondern zu weniger Kindern geführt. Das Beispiel diesbezüglich erfolgreicher Länder zeigt, dass es entscheidend ist, den werdenden Eltern Zeitsouveränität anzubieten, sie ihre Arbeits- und Freizeit möglichst frei wählen zu lassen. Das bedeutet eine Stärkung der Familien, die Ermöglichung qualifizierter, auch karrierestützender Teilzeitarbeit und ausreichende Entlastung durch entsprechende Betreuung der Kinder (Modell nordische Länder, Frankreich), und zwar Ganztagsbetreuung, die den Bedürfnissen der Eltern gerecht wird – z. B. auch während der Ferien –, ab dem Kindergartenalter bzw. später in der Schule.

Welch evident positiver Zusammenhang zwischen dem Ausbau der Kinderbetreuung und einem nachhaltigen Beitrag zum Budget der öffentlichen Haushalte bzw. zur Budgetkonsolidierung besteht, belegen neue Modellberechnungen der Arbeiterkammer Wien aus dem Jahr 2012. Durch den schrittweisen Ausbau des Kinderbetreuungsangebots bis zum Jahr 2017 können 35.000 zusätzliche Betreuungsplätze für Kleinkinder geschaffen bzw. die Öffnungszeiten bei 70.000 bestehenden Plätzen verlängert werden. Die Nettokosten (Gesamtkosten minus Rückflüsse) dieses Ausbaus (Personalkosten und Bauinvestitionen) erreichen im Jahr 2015 mit 60 Millionen Euro pro Jahr ihren Höchststand, sie sinken 2016 bereits deutlich und „drehen“ ab 2017 sogar in ein Plus für die öffentliche Hand (100 Millionen Euro Überschussertrag gegenüber den Investitionskosten).

Frauen müssen also – um die Kinderlücke zu füllen – verstärkt in den Arbeitsprozess eingebunden werden, unfreiwillige Teilzeit muss auf Vollzeit erweitert werden können und freiwillige attraktiver gemacht werden. Und verstärkt sollten auch „die Alten“ länger arbeiten (können). Diese Maßnahmen sind aber erst längerfristig wirksam, und sie sind teuer. Aber unabhängig von den Kosten fehlen bereits heute deutschsprachige Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen. Hier liegt also schon die erste Chance, dass Ältere länger arbeiten könnten. In einer altersgerechten Gesellschaft könnten z. B. pensionierte Lehrerinnen eine Teilzeitverpflichtung annehmen und nachmittags der Schule ein paar Stunden pro Woche zur Verfügung stehen. Das schließt eine Arbeitskräftelücke. Und hilft der Gesellschaft.

Jedenfalls soll betont werden, dass in Österreich bereits in einigen Kollektivverträgen eine Flexibilisierung des Arbeitslebens durch gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit ermöglicht wurde. Dadurch können es sich junge Frauen aussuchen, ob sie zwei Tage in der Woche außer Haus arbeiten oder einen halben Tag – eben Teilzeit. Aber gilt nicht gerade Teilzeit als Karrierehindernis? Der Anteil der akademisch gebildeten Frauen ist unter den Teilzeitbeschäftigten überproportional hoch. Es sind also gerade die gebildeteren Frauen, die dieses Angebot nutzen. Und die haben zum Teil schon Karriere gemacht. Dennoch, Teilzeitbeschäftigte steigen (noch?) nicht ins Topmanagement auf. Und gerade ihnen fehlen diese letzten fünf Jahre zwischen 60 und 65, in denen sie noch voll arbeiten könnten, wenn es die entsprechenden Jobs dafür gäbe. Das hätte auch eine höhere Pension zur Folge. Aber das ist ein später behandeltes Reizthema.

Das Problem der Familieninstabilität wird wahrscheinlich auch die Pflegesituation beeinflussen: Es wird heutzutage wenig, und wenn dann spät geheiratet, die Ehen dauern durchschnittlich nicht lange, es gibt also immer mehr Singles, Kinder kommen spät bis gar nicht. Auch das bietet die Chance für Ältere, länger zu arbeiten, egal ob erwerbsmäßig oder freiwillig.

Wenn man davon ausgeht, dass ein Teil der Lücke von Migranten gefüllt werden soll, ist besonders auf die erforderlichen Qualifikationen Wert zu legen. Entweder werden mehr qualifizierte Einwanderer dazukommen müssen, oder man setzt auf die bessere Integration bereits hier lebender Migranten, z. B. durch die rasche und unproblematische Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Diplome. Viele hier lebende Migranten mit hohen Qualifikationen arbeiten in Jobs mit geringen Anforderungen.

DIE NEUE KULTUR DES ALTERNS

Die traditionellen Altersbilder, welche die späteren Lebensphasen mit Abbau und Krankheit gleichsetzen, sind überholt. Angesagt ist eine neue Kultur des Alterns, die dann auch im Alltag umzusetzen ist. Statt Ruhestand und Rückzug sind künftig Engagement und Mitverantwortung gefragt.

Das Ziel: Aktives Altern

Seit 1840 steigt die Lebenserwartung in den entwickelten Ländern laufend an. Daher muss das Alter als eine eigenständige und aktive Lebensphase anerkannt werden, die eigene Herausforderungen mit sich bringt. Die Alten müssen in erster Linie selbst versuchen, ihre Funktionstüchtigkeit möglichst zu erhalten, aber sie benötigen auch das Gefühl, noch immer eine Aufgabe zu haben. Alte Menschen wünschen sich, in ihrer angestammten Umgebung bleiben zu können, wobei liebevolle familiäre Betreuung sehr hilfreich ist. Auch Freundschaften müssen gepflegt werden. Natürlich spielen auch die guten Anlagen des Menschen eine gewichtige Rolle; Forscher schätzen ihren Einfluss auf ein langes Leben auf 25 Prozent. Aber Ältere bilden dennoch keine einheitliche Gruppe. Wer sich 20 Jahre lang nur „ausruhen“ will, der wird mit Sicherheit unglücklich werden. Wer nicht mehr gebraucht wird, wird zunehmend gesellschaftlich isoliert und weiß in schwierigen Lebenslagen oft nicht mehr weiter.

Daher muss nach der Erwerbsarbeit ein neues Selbstverständnis gesucht werden. Aber die alten Rollenbilder, die dem Alter wenig Entwicklungsmöglichkeit zutrauen, sind nicht über Nacht zu bannen. Noch ist es ungewöhnlich, wenn jemand mit 60 eine neue Karriere startet – statt in Frühpension zu gehen. Denn gängig ist noch immer: keine Weiterbildung nach 50, Frühpensionierungen als bevorzugte Maßnahme bei einem Stellenabbau, kaum Chancen auf einen neuen Job nach 55. Überall, auch in der Politik, gibt es festgeschriebene, aber auch „gewohnheitsrechtliche“ Alterslimits. Wenn ältere Menschen (noch) einmal für ein politisches Amt kandidieren wollen, kommen sie aufgrund ihres Alters nicht mehr zum Zug. Aber Achtung: Ein immer größer werdender Prozentsatz der Wähler kommt aus gerade dieser Altersgruppe. Eine alternde Gesellschaft wird es sich in Zukunft nicht leisten können, diese ganze Generation von Alten ins politische Abseits zu drängen. Umgekehrt können sich die Bejahrten nicht länger vor der politischen und gesellschaftlichen Verantwortung drücken – die Pension ist kein Freipass fürs Nichtstun bzw. für ein Nicht-Engagement, wie sie allerdings nur von wenigen gesehen wird.

Noch immer bilden die Alten eine Art „Sondergruppe“, werden nicht als Teil der Gesellschaft betrachtet, obwohl manche versuchen, für sie eine Daseinsbegründung zu finden. Denn noch immer herrscht das Vorurteil: „Alte sind eine Last, sie sind nicht mehr produktiv, sie tragen nichts bei.“ Diese hoffentlich bald überholten Vorstellungen setzen sich aus eingebürgerten Vorurteilen zusammen, erinnern wir uns an das alte Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ oder an „die Alten als große Last des Sozialsystems“.

Viele „Ältere“ wollen heute nicht alt werden, durch Anti-Aging-Produkte wollen sie forever young, also für immer jung, bleiben. Aber es ist auch nicht ganz richtig, alle jüngeren Alten als nur aktiv, geistig mobil, kontaktreich, kommunikativ, gesund, körperlich fit, sportlich und politisch aufmüpfig zu sehen. Jenseits dieser Extreme benötigen ältere Menschen vor allem eins: Selbstvertrauen und Verstand, um sich selbst richtig einschätzen zu können und nicht durch gängige eingebürgerte Vorurteile entmutigen zu lassen.

Der Begriff des bürgergesellschaftlichen Engagements, des freiwilligen und ehrenamtlichen sozialen Handelns, passt besser zur neuen Rolle der künftigen Seniorengeneration. Die Generation 50+, so haben Roland Krüger und Loring Sittler in ihrem Buch „Wir brauchen Euch!“ erkannt, verfügt über die geistigen und finanziellen Mittel, um „Dinge in Bewegung setzen zu können“. Das Alter als eigenen Lebensabschnitt anzuerkennen, bedeutet auch, es als eine wertvolle Phase wahrzunehmen, die aber auch von der Gesellschaft genutzt werden kann. Langlebigkeit bedeutet nicht eine abhängige Lebenssituation, sondern Möglichkeiten der Gestaltung und Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft. Noch immer sind zu wenig Menschen in Vereinen und Organisationen ehrenamtlich tätig, z. B. auch in der Nachbarschaftshilfe.

Seit Ende des 20. Jahrhunderts kommen zunehmend Jahrgänge in die Altersphase, die nicht nur sozial abgesichert sind, sondern auch über eine gute gesundheitliche Konstitution verfügen. Die jetzt alte Generation ist so gesund wie noch keine zuvor. Der Gesundheitszustand hat sich rasant verändert. Deshalb ist der Anteil der zu Pflegenden bis jetzt auch nicht größer geworden, weil eben das Alter, in dem Pflegebedarf entsteht, gestiegen ist. Die heute 70-Jährigen sind meist gesund und nach allen Studien biologisch um sechs Jahre jünger als die Gleichaltrigen vor 30 Jahren, die in diesem Alter schon pflegebedürftig waren. Heute wird Pflege oft erst mit 80 oder 90 benötigt. Das bedingt auch der medizinische Fortschritt – alles ist „ersetzbar“, von den Zähnen über innere Organe bis hin zu den Gliedmaßen.

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts galt ein negativ geprägtes Altersbild: Alter wurde mit fortschreitendem Leistungsabfall und Intelligenzabbau gleichgesetzt. Die Medien verstärkten und verstärken dieses Bild noch immer – mit Tauben fütternden Greisinnen und Greisen auf Parkbänken sowie der Darstellung von gebrechlichen, pflegebedürftigen, unmündigen Hochbetagten.

Heute wird realistischerweise davon ausgegangen, dass die „neuen Alten“ eigentlich jung geblieben sind. Körperlicher Abbau wird zwar zur Kenntnis genommen, aber durch Intelligenz und Souveränität ausgeglichen. Daher muss die Altersdiskriminierung aufgrund überholter Altersbilder beseitigt werden. Gemeinsames Ziel ist es, ein gesundes, selbstbestimmtes Älterwerden der Menschen zu gewährleisten sowie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Generationen zu schaffen. Die Aufgabe der Politiker und Interessenträger wird darin bestehen, die Möglichkeiten für ein aktives Altern im Allgemeinen und insbesondere für ein unabhängiges Leben im Alter zu verbessern. Dabei werden sie sich so unterschiedlichen Bereichen wie Beschäftigung, Gesundheitsversorgung, Sozialdiensten, Erwachsenenbildung, Freiwilligentätigkeit, Wohnungswesen, IT-Dienstleistungen und Verkehr zuwenden müssen.

Wann ist man alt?

„Alle Menschen wollen alt werden, aber niemand möchte alt sein.“ Wie kann dieses Dilemma aufgelöst werden? Hilft dagegen, um ein anderes geflügeltes Wort zu strapazieren, alt werden, aber jung bleiben? Oder sich nach Douglas MacArthurs Worten zu richten: „Man wird nicht alt, weil man eine gewisse Anzahl Jahre gelebt hat: Man wird alt, wenn man seine Ideale aufgibt. Vorurteile, Zweifel, Befürchtungen und Hoffnungslosigkeit sind Feinde, die uns nach und nach zur Erde niederdrücken und uns schon vor dem Tod zu Staub werden lassen. Jung ist, wer noch staunen und sich begeistern kann.“

Zwar wird immer wieder versucht, Klassifikationen des Altwerdens zu erstellen, allgemein anerkannte Bezeichnungen jedoch gibt es keine. Denn Altersgrenzen sind individuell so unterschiedlich, dass Jahresangaben nicht die Wirklichkeit abbilden. Allerdings gibt es eine Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sich als Orientierungshilfe versteht:

• alternde Menschen: 51 bis 60 Jahre

• ältere Menschen: 61 bis 75 Jahre

• alte Menschen: 76 bis 90 Jahre

• hochbetagte Menschen: 91 bis 100 Jahre

• langlebige Menschen: über 100 Jahre

Bei uns eher verbreitet ist die Differenzierung nach Lebensabschnitten, wobei der dritte Lebensabschnitt von 50 bis 75 und der vierte von 75 bis 100 angesetzt werden. Beliebt ist die Bezeichnung „junge Alte“ für gerade in (Früh-)Pension Gegangene, und auch der Ausdruck „Sandwichgeneration“ für die 30- bis 50-Jährigen wird gerne verwendet.

Laut einer Eurobarometer-Umfrage 2012 fühlen sich 31 Prozent der Österreicher jung (in Deutschland sind es nur 27 Prozent). Im Durchschnitt meinen die Europäer, dass man etwa ab dem 64. Lebensjahr als alt und bis zum Alter von 41,6 Jahren als jung anzusehen ist. Für Österreicher hört das Jungsein aber schon knapp unter 40 Jahren auf. Alt ist man im Bewusstsein der Österreicher ab 61, in den Niederlanden erst ab 70. In Österreich gilt man früher als alt als in anderen europäischen Ländern.

Bei der Einschätzung des Alters gibt es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschiedene Etappen. Anfänglich wurde nur der Jugend zugestanden, richtig leben zu können, dem Alter wurde die würdevolle Vorbereitung auf den Tod zugeordnet. Das hat sich in den letzten Jahren verändert, denn heute meint man, dass auch das Alter anzuerkennen sei. Damit sollte den alten Menschen auch ein Platz in der Gesellschaft eingeräumt werden. Dennoch kommt es zumindest sprachlich zu einer nur vordergründig scherzhaften Altersdiskriminierung: Alte werden dann „Kukis von gestern“ (abgeleitet von Kukident benutzenden Trägern von dritten Zähnen), „Gruftis“ (nahe der Gruft am Friedhof, dem Grab) oder gar ganz widerlich „Kompostis“ genannt; es ist auch von der „Pensionistenschwemme“ die Rede, andere meinen, dass es zu einem „Methusalem-Komplott“ kommt. Dabei wäre vielleicht zu bedenken, dass Methusalem gemäß dem Alten Testament 969 Jahre alt wurde. Diese zum Schlagwort gewordene „Verschwörung“ entspricht übrigens nicht dem Inhalt des gleichnamigen Buches von Frank Schirrmacher. Darin wird nämlich propagiert, dass die Alten sich jetzt einmal dagegen wehren müssten, dass man sie an den Rand drängt. Den alten Menschen sollte ein erfülltes Leben möglich gemacht werden, sie sollten Freude am Alter haben. Das ist keineswegs eine Verschwörung, mit der die Alten die Macht übernehmen wollen, oder sonstiges, das mit diesem Spruch verbunden wird, sondern das Gegenteil davon. Es war auch schon zu lesen, dass eine „Vertreibung aus dem Rentnerparadies“ erfolgen solle. Altersdiskriminierung äußert sich aber auch anders und kann früh beginnen: Wenn bereits 40-Jährige am Arbeitsmarkt benachteiligt werden und früher Menschen über 50, heute vielleicht ab 55 nur mehr sehr schwer einen Job finden können.

Diskriminierung zeigt sich auch im Gesundheitswesen: Des Öfteren werden präventive und rehabilitative Leistungen verweigert, weil die Beschwerden als „altersbedingt“ klassifiziert werden. Besonders fällt die Altersdiskriminierung in den Medien auf.

Männer fühlen sich früher arbeitsmüde als Frauen, die mehrheitlich gerne länger im Beruf bleiben möchten. Jeder vierte Österreicher würde nach dem Erreichen des Pensionsalters weiterarbeiten wollen, im restlichen Europa sind das ein Drittel der Menschen. Dieser Standpunkt wird vor allem von jenen Leuten eingenommen, die sich dem Pensionsalter nähern. 60 Prozent der Europäer insgesamt sind gegen eine Erhöhung des Pensionsalters, in Österreich sind es 42 Prozent. Aber wenn das Umfeld stimmt, werden Arbeit nicht als Belastung und die Pension nicht mehr als Paradies empfunden. Das eigene Alter bemerken die Menschen erst, wenn sie ihre Leistungsfähigkeit verlieren und ihre eigene Gebrechlichkeit registrieren, spätestens aber dann, wenn ihre Altersgenossen rundherum sterben. Ihr Pensionsantrittsalter passen die Österreicher diesem ihrem Gefühl allerdings nicht an.

Die Auswirkungen der geänderten Altersverteilung

Das „Europäische Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen 2012“ soll auf die Tatsache aufmerksam machen, dass sich die EU in einem Prozess starker demographischer Alterung befindet. Am stärksten ausgeprägt soll diese Entwicklung – wie bereits erwähnt – im Zeitraum von 2015 bis 2035 werden, wenn die Baby-boom-Generation das Pensionsalter erreichen wird. Wenn nicht rasch entsprechende Maßnahmen ergriffen werden, wird sich laut den Prognosen von Eurostat das Verhältnis zwischen Senioren und Bürgern im erwerbsfähigen Alter bis 2050 halbieren. Jedem Pensionisten werden zukünftig nicht mehr wie bisher vier, sondern nur noch zwei Menschen im erwerbsfähigen Alter gegenüberstehen. Dieser demographische Wandel könnte die Solidarität zwischen den Generationen schwächen. Deshalb fordert die EU ihre Mitgliedstaaten und deren politische Entscheidungsträger auf, die Erwerbsquoten in allen Altersgruppen zu steigern und aktives Altern zu fördern. Denn Europa wird als eine der ersten Regionen altern, auch wenn dieser Trend weltweit besteht. Das kommt auch daher, dass die Kindersterblichkeit zurückgeht, Krankheiten besser behandelt werden können, die Ernährung vernünftiger wird und auch weniger körperlich hart gearbeitet wird. Die Folge ist, dass das Alter, in dem sich tödliche Krankheiten entwickeln, immer weiter nach hinten rückt.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt lassen sich durch längere Lebensarbeitszeit, mehr Frauenerwerbstätigkeit und geringere Arbeitslosigkeit ausgleichen. Mitarbeiter werden heute zu früh als altes Eisen behandelt, für die sich keine Investition mehr lohnt. Früher fühlten sich Menschen mit 50 schon alt, heute stehen sie in den besten Jahren – ein 60-Jähriger wird noch als Best Ager, als Mensch im besten Alter, bezeichnet. Es gibt heute keine numerische Grenze, nach deren Überschreiten man alt ist. Alles ist subjektiv, alles fließt „nach oben“ – mit der steigenden Lebenserwartung und den ständigen Fortschritten in der Medizin. Menschen leben heutzutage immer länger; die Lebenserwartung steigt um ca. 2,5 Jahre pro Jahrzehnt, aber Lebensverlängerung allein reicht nicht, es ist wichtig, die Lebensqualität zu verbessern.

Im 21. Jahrhundert wird es um die Umverteilung von Arbeit gehen. Ein Zahlenspiel macht dies deutlich: Heute leistet ein 45-Jähriger durchschnittlich 30 Arbeitsstunden pro Woche, ein 60-Jähriger aber nur acht (Arbeitslose und andere Nichterwerbstätige eingerechnet). Wenn die 50- bis 60-Jährigen in Zukunft genauso viel arbeiten wie die 35- bis 49-Jährigen und sich damit die Arbeitszeit der 60- bis 64-Jährigen auf 20 Stunden erhöht, würde die Zahl der insgesamt geleisteten Stunden bis 2025 stabil bleiben. Darüber hinaus – so Modellrechnungen von Forschern des Max-Planck-Instituts – böten sich dann auch Möglichkeiten, die insgesamt geleistete Arbeitszeit über die Altersgruppen hinweg gleichmäßiger zu verteilen: Würde bis zum Alter von 65 auf gleichbleibend hohem Niveau gearbeitet und zudem die Generation 65+ wenigstens zum Teil ins Erwerbsleben eingebunden werden, könnten die 20- bis 40-Jährigen künftig deutlich kürzertreten. Die Berufs- und die Familienphase (die rush hour of life, die Hauptaktivitätszeit im Leben) könnten entzerrt werden. Dass eine derartige Umverteilung von Arbeit möglich ist, zeigt das Beispiel Schweden. Dort sind mehr als zwei Drittel der über 50-Jährigen fest im Berufsleben verankert, und Auszeiten für die Familie bei den 20- bis 40-Jährigen sind gleichzeitig gut etabliert.

Das Pensionsalter darf nicht von vornherein als eine Lebensphase ohne gesellschaftliche Teilhabe oder als reine Freizeit außerhalb der Gesellschaft organisiert werden. Durch eine aktive Teilhabe würde die Gesellschaft auch über gewonnene Jahre verfügen. Die neue Generation der 60- bis 85-Jährigen will ihr Leben selbst bestimmen und will tätig bleiben.

Man bereitet sich nicht auf die Zukunft vor, indem man die Aufmerksamkeit auf das Phänomen der alternden Gesellschaft richtet und Warnungen ausspricht. Dass Menschen älter werden ist auch nicht nur eine Frage, die die Senioren selbst betrifft. Denn diese Veränderungen bieten vielen Menschen neue Chancen, den jungen, aber auch besonders den alten. Weder ist Hysterie noch Euphorie angebracht, sondern es werden intelligente Maßnahmen benötigt, um diese demographische Situation zu nutzen. Die Optionen in der Gesellschaft müssen diskutiert und kluge Anpassungen an die neue gesellschaftliche Situation eingeleitet werden.

Die große Frage lautet: Wie kann dieses längere Leben finanziert werden? Einschnitte ins Pensionssystem allein wären nicht genug, um die Kosten der Alterung unter Kontrolle zu bringen. Denn neben der Tatsache, dass die Menschen immer älter werden und weniger Junge nachkommen, werden auch neue Behandlungsmethoden zur Verteuerung des Gesundheitswesens beitragen bzw. die vielen Hochbetagten das Pflegesystem strapazieren.

Zu keiner Zeit gab es jemals so viele alte Menschen, die materiell so abgesichert, bei so guter Gesundheit, bei so guter Versorgung so lange leben wie die heutige Altengeneration in der reichen Welt. Dennoch gibt es auch in dieser Gesellschaft viele alte Menschen, die effektiv arm sind und deren materielle Sicherstellung gewährleistet werden muss. Altern stellt sich für den einzelnen Menschen sehr unterschiedlich dar, und die Unterschiede nehmen im Alter nicht ab, sondern werden deutlicher. Frauen haben eine wesentlich längere Lebenserwartung als Männer und bleiben daher oft nach jahrzehntelanger Partnerschaft „übrig“. Und sie geraten häufig in die Gefahr der Verarmung (niedere Witwenpensionen, oft noch keine eigene Pension) und der Vereinzelung. Auch in unseren Seniorenorganisationen, dem Pensionistenverband und dem Seniorenbund, gibt es bei den Mitgliedern einen Frauenüberhang, und unsere Mitarbeiter widmen sich diesen Mitmenschen ganz besonders.

Stadien und Rollen im Alter

Es gibt viele „Einteilungen“ und Klassifizierungen des Alterns, dies ist nur eine davon:

• Zeitliches Altern: Viele denken zurück an ihre Kindheit und Jugend, von der Zukunft wird nicht mehr viel erwartet.

• Physisches Altern: Das ist der wahrnehmbare körperliche Verfall, den viele durch Anti-Aging-Maßnahmen zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern suchen.

• Soziales Altern: Der alte Mensch wird von der Wirtschaft nicht mehr gebraucht, staatlicherseits wird er vor allem als Kostenfaktor betrachtet.

• Kulturelles Altern: Der alte Mensch fühlt sich der jetzigen Zeit nicht zugehörig, er kann sich mit den Ausprägungen dieser neuen Zeit nicht wirklich anfreunden.

Heute jedenfalls zeigt sich die Phase „Alter“ praktisch zweigeteilt: Es gibt die sogenannten jungen Alten bis ca. 75 und die Hochbetagten, die um die 80 herum beginnen. Dennoch ist die Gruppe der derzeitigen Senioren sehr inhomogen – man kann die Bedürfnisse und Herausforderungen von 60-Jährigen kaum mit jenen der z. B. 85-Jährigen vergleichen. Eine diesbezügliche Differenzierung wird aber in Zukunft erforderlich sein. Und zudem befinden sich die Menschen dieser beiden Altersgruppen auch in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Menschen zwischen 60 und 70 unterscheiden sich heute in vielen Bereichen nicht wesentlich – außer dass die meisten schon in Pension sind – von der jüngeren Erwachsenenbevölkerung. Das betrifft ihre Lebensqualität und auch ihre wirtschaftliche Situation. Schwieriger zeigt sich die Lage ungefähr ab dem 75. Lebensjahr, wenn gesundheitliche Probleme auftreten, die Mobilität geringer wird und möglicherweise finanzielle Sorgen zunehmen. Von diesen Problemen sind besonders die länger lebenden, alleinstehenden Frauen betroffen. Sie sind in dieser Altersgruppe auch am stärksten vertreten, und sie sind es auch, die von der Gefahr der Vereinsamung am stärksten betroffen sind. Die Sozialforschung zeigt, dass ein Viertel der Älteren zurückgezogen lebt, sei es wegen Krankheit, schwerer Pflegebedürftigkeit oder Vereinzelung.

In diesen langen, durch die steigende Lebenserwartung immer längeren Jahrzehnten des Alterns kommt es für viele zu häufigen Rollen- und Positionswechseln, die sich in kritischen Übergangssituationen anhäufen können und verarbeitet werden müssen. Hier müssen neue Ziele gesetzt, neue Wege gefunden werden, denn diese neuen Situationen gehen in ihrer Problematik und Vielschichtigkeit, aber auch in ihrer Unsicherheit weit über das hinaus, was klassische Modelle von im Lebenslauf zu bewältigenden Aufgaben einst bieten konnten. Kurz: Im Alter stellen sich heute neue Herausforderungen. Und hier gilt es, der Verdummung und der Versteinerung den Kampf anzusagen. Es gibt immer Wahlmöglichkeiten: Man kann so leben, dass man andere in Anspruch nimmt, aber man kann auch anders leben, indem man für andere da ist. Damit können Gaben und Fähigkeiten, Wissen und Lebenserfahrung für andere eingesetzt werden. Hilfsbedürftigkeit kann oft erst im Hochbetagtendasein auftreten und möglicherweise die Familie und die Gesellschaft belasten.

Aber nicht nur die Sicht auf die Alten ändert sich – auch die Alten wandeln sich, es wachsen immer mehr Menschen nach, die nach dem Motto „Never give up“ (Gib niemals auf) leben wollen. Sie haben erfasst, dass es auf sie selbst ankommt, wie rasch sie altern. Sie haben noch viele Wünsche und unerfüllte Pläne. Diese Menschen bleiben neugierig und aufnahmebereit.

Das Angebot von Rollen durch die „selbstständige Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung durch ältere Menschen“ jenseits der klassischen, an die Erwerbsarbeit gebundenen, scheint zwar attraktiv, ist aber auch an Voraussetzungen gekoppelt. Denn diese „neue Praxis im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements“ kann nicht einfach darauf bauen, dass „Erfahrungswissen“, dass „Ältersein“ ohne Weiteres von gesellschaftlichem Wert sind (und erst recht so wahrgenommen würden), und das dann gewissermaßen nur „abgerufen“ werden müsste und könnte. Dazu gehört, dass das Erfahrungswissen der Älteren nicht ohne weiteres Lernen bzw. ohne Anpassung an die Gegebenheiten wertvoll ist. Von der Gesellschaft aber ist ein dafür geeignetes Umfeld zu schaffen. Altersdiskriminierung steht diesem Prozess im Weg!

Altsein heute

In Westeuropa geht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit eine Generation in Pension, die weder durch einen Krieg noch durch eine Wirtschaftskrise alles verloren hat. Das allererste Mal bleiben Pensionssysteme mit ihren Ansprüchen über eine komplette Lebensspanne intakt. Das gab es noch nie und nirgendwo. Dazu wird die medizinische Versorgung ständig besser, und die Menschen werden immer älter.

Was kennzeichnet die derzeitigen Senioren? Sie verfügen erstens über Kaufkraft sowie teilweise auch über die Bereitschaft und die Zeit, ihr Geld auszugeben (wenn sie es nicht ihren Kindern und Enkeln zukommen lassen). Und zweitens wünschen sie sich, unabhängig und selbstständig bis ins hohe Alter zu leben. Dabei ist für sie die Sicherheit wesentlich – auf allen Gebieten. Auch wollen sie fit und gesund bleiben, viele haben eine Reihe unterschiedlicher Sozialkontakte – in der Familie, im Freundeskreis. Sie versuchen, die Zeit, in der sie leben, zu verstehen, mitzulernen, um dann auch als Ratgeber für die Jüngeren zur Verfügung zu stehen. Und noch ein wesentlicher Faktor kommt neu dazu: Noch nie haben so viele Generationen gleichzeitig gelebt: bis zu fünf Generationen nebeneinander zur gleichen Zeit – das ist nicht mehr die Ausnahme, sondern zunehmend der Normalfall. Also wird es nur miteinander möglich sein, eine gute Zukunft für alle zu gestalten. Daher ist eine Generationensolidarität unerlässlich.

ALTERN UND ZUKUNFT

Noch leben heute in Österreich nicht wesentlich mehr über 60-Jährige als vor 40 Jahren: Waren 1970 21,8 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt, sind es jetzt ca. 22,5 Prozent. Aber die Hochbetagten werden immer zahlreicher: Gab es 2001 nur 195.000 über 80-Jährige, so waren es am Ende des Jahrzehnts schon 285.000, und diese Zahl wird in Zukunft noch erheblich steigen. Durch die immer länger werdende Pensionsdauer müssen unterschiedliche Maßnahmen gesetzt werden, z. B. die Anhebung des faktischen Pensionsantrittsalters und neue Aufgaben für die jungen Alten. Der Prozentsatz an Hilfs- und Pflegebedürftigen infolge der besseren gesundheitlichen Versorgung der heute Älteren wird aller Voraussicht nach sogar sinken, nicht aber deren Anzahl! Denn mit der unverhältnismäßig steigenden Zahl der Hochbetagten wird auch die reale Zahl der Hilfsbedürftigen wachsen. Daraus kann geschlossen werden, dass die Finanzierung weniger der Pensionen als vielmehr der Pflege und Betreuung hilfsbedürftiger Hochbetagter die Herausforderung der nächsten Jahrzehnte sein wird.

30 Jahre in Pension?

Die Menschen werden älter, und bei gleichbleibendem Pensionsantrittsalter wird auch die Zeit, in der sie in Pension sind, immer länger. Aber wird es, besser gesagt, kann das so weitergehen? Dieser Trend könnte vielleicht durch Umweltprobleme und einen Lebensstil, der zu vermehrten Zivilisationskrankheiten führt, abgeflacht werden. Oder durch einen Krieg oder durch häufigeres Auftreten von Naturkatastrophen, die zu hohen Opferzahlen führen könnten. Aber eigentlich rechnet damit wohl niemand, und es wäre auch nicht wünschenswert. Auch ist in unseren Breiten kaum ein drastischer Rückgang der Nahrungsmittelproduktion zu erwarten, allerdings können Infektionskrankheiten, gegen die es keine Mittel gibt, nicht ganz ausgeschlossen werden. Aus all dem kann geschlossen werden, dass die Lebenserwartung wahrscheinlich weiterhin zwischen zwei und drei Jahren pro Jahrzehnt steigen wird.

Es sind daher schon heute gar nicht so wenige, die 25 Jahre lang ihre Pension genießen werden. Die durchschnittliche Pensionsbezugsdauer hat sich bei Männern von ca. 13,5 Jahren im Jahr 1995 auf ca. 16 Jahre im Jahr 2005 entwickelt, bei den Frauen von ca. 18 auf ca. 21 Jahre (Alterspensionen: Männer 1995 13,9 auf 16,7 2005; Frauen 18,1 auf 21,7; Invaliditätspensionen: Männer 12,8 auf 15,1; Frauen 17,4 auf 21 (diese Zahlen beruhen auf einer Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) von Christine Mayerhuber aus dem Jahr 2011). Die längere Bezugsdauer der Frauen resultiert aus dem niedrigeren Pensionsantrittsalter, aus der gestiegenen Erwerbsbeteiligung und aus dem Umstand, dass immer mehr Frauen die Voraussetzungen für eine vorzeitige Alterspension erfüllen.

Noch 1970 gingen die Österreicher im Durchschnitt mit 61,3 Jahren in Pension und konnten den Ruhestand etwas mehr als 15 Jahre lang genießen, denn die Lebenserwartung lag damals bei 76,8 Jahren. Im Jahr 2010 gingen die Menschen mit 58,2 Jahren in Pension, aber sie werden im Durchschnitt rund 80 Jahre alt werden. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie 25 Jahre in Pension sein werden. Das durchschnittliche Zugangsalter ist ein aktueller Wert, der sich aus dem niedrigen Antrittsalter der Invaliditätspensionen, dem niedrigen Antrittsalter diverser Frühpensionsregelungen und dem gleich gebliebenen Antrittsalter der Alterspensionen zusammensetzt. Die Lebenserwartung ist demgegenüber ein Prognosewert.

Wie die WIFO-Auswertung zeigt, ist die Pensionsbezugsdauer in zehn Jahren bei Frauen um 3,6 und bei Männern um 2,5 Jahre gestiegen. Dennoch ist die Frage zulässig, warum es Menschen 1970 zumutbar war, bis 15 Jahre vor ihrem Tod zu arbeiten, und warum 2012 allein das Ansinnen, vielleicht nur 21 Jahre auf Kosten eines schwer angeschlagenen Staates zu leben, für eine Krise sorgt. Andere wieder können nicht verstehen, warum jemand, der einen Hochofen nur von Fotos her kennt und kerngesund ist, als „Hackler“ vorzeitig abschlagsfrei in Pension gehen kann.

Die jetzt alte Generation hat noch Kinder gehabt; seit dem Ende des Babybooms Mitte der 60er-Jahre liegen in Österreich die Kinderzahlen aber unter zwei Kindern pro Frau (derzeit 1,4). Gleichzeitig begann seit den frühen 70er-Jahren die Lebenserwartung weiter anzusteigen. Österreich wurde zu einem Zuwanderungsland, wodurch die Bevölkerungszahl weiter wachsen konnte, obwohl 18 Prozent der in den 60er-Jahren geborenen Mädchen kinderlos geblieben sind. Bei den zehn bis 20 Jahre später geborenen Frauen ist dieser Anteil bereits auf 25 Prozent gestiegen. Dennoch wird ein weiterer Bevölkerungszuwachs erwartet, was dazu führen wird, dass die Bevölkerung zwar altert, aber aufgrund der steigenden Lebenserwartung nicht schrumpft. Denn diese steigt kontinuierlich an und liegt für Frauen derzeit bei 82,9 und für Männer bei 77,62 Jahren. Bei gleichbleibender Entwicklung wird davon ausgegangen, dass sich das Geschlechterverhältnis bei Hochaltrigen ausgleichen wird.

Das heißt aber, dass die jetzt Jüngeren, die oft sogar keine Kinder haben, zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Arbeitsmarkt nur florieren kann, wenn die Alten länger im Erwerbsleben bleiben.

Empfehlungen der EU

Der Anteil der über 65-Jährigen an der Weltbevölkerung liegt derzeit bei sieben Prozent, jener in Europa bei 16 Prozent. Er hat sich seit 1950 verdoppelt. Und damals waren 14 Prozent der älteren Menschen über 80 Jahre alt, heute sind es 22 Prozent. Für 2050 wird ein Anteil an alten Menschen von 28 Prozent prognostiziert, von denen wiederum 35 Prozent zur Gruppe der „Betagten“ zählen werden.

Die EU dokumentiert ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Alter und sicheren, nachhaltigen Pensionen in ihrem „Weißbuch 2012“ und pocht darin auf eine rasche Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen: langfristig angemessene und finanzierbare Pensionen und Renten sowie die Schaffung von Rahmenbedingungen für eine lebenslange hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern und verbesserte Möglichkeiten einer sicheren Zusatzaltersvorsorge. Die EU besitzt keine Zuständigkeit für Pensionen – ihre Vorschläge kann man als eine Empfehlung bezeichnen, die nicht so sehr von der Sorge um die Pensionen motiviert ist, sondern von der Sorge um jene Mitgliedstaaten, die ein unvernünftiges Pensionssystem haben und zu dessen Finanzierung Schulden machen müssen.