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Alois
Brandstetter

Zu Lasten
der Briefträger

Roman

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ISBN ePub:
978-3-7017-4300-1

ISBN Printausgabe:
3-7017-1376-6

Posthalter, Conducteurs, Postillone, Wagenmeister, Packer, wie überhaupt das ganze Hochfürstlich Thurn- und Taxische Personal, gehen bei ihrem Geschäft mit solcher Bedächtigkeit zu Werke, daß man wohl sieht, es sind gute, ruhige Bürger die Deutschen, die nichts Gewagtes unternehmen.

Ludwig Börne
»Monographie der deutschen Postschnecke. Beitrag zur Naturgeschichte der Mollusken und Testaceen«

(1821)

MEIN LIEBER ÜRDINGER, habe ich gesagt, heute bist du aber wieder einmal sehr spät dran. Oh, ich versäume nichts, hat Ürdinger gesagt. Ich bin ja froh, daß du überhaupt da bist, habe ich gesagt, manchmal kommst du ja leider gar nicht. Es ist nicht jeder Tag gleich, hat Ürdinger gesagt. Dann hat er auf Wiederschaun gesagt, und ich habe erwidert: gute Nacht.

Oft bringt Ürdinger die Post etlicher Tage auf einmal, Postmeister. Heute habe ich einen größeren Posten, sagt er dann. Der Postmeister sagt, sagt er, du, Postmeister, sagst laut Ürdinger, daß ihr zusammenfassen und rationalisieren müßt. Ich kann meine guten Leute nicht wegen einer einzigen dünnen Korrespondenzkarte kilometerweit ins Land hinausjagen, sagst du. Und weil das so ist, weil die Post zusammenfaßt und rationalisiert und weil es sich angeblich nicht rentiert und auszahlt, den Briefträger wegen einer hauchdünnen Korrespondenzkarte meilenweit laufen zu lassen, deshalb und darum sehen wir, die wir draußen an der Verwertung wohnen, den Briefträger nur sehr selten. Zu uns kommt er praktisch nur alle heiligen Zeiten.

Aber eine Sendung, Postmeister, kann man bezüglich ihrer Bedeutung nicht äußerlich nach Gewicht und Umfang bewerten. Wenn man es rein quantitativ und gewichtsmäßig ansieht, dann besteht natürlich zwischen dem schweren und massigen Ürdinger und einem federleichten Luftpostbrief auf Seidenpapier eine gewisse Diskrepanz. Wenn man es von dieser Seite betrachtet, dann kann es einem schon als eine arge Unverhältnismäßigkeit und als ökonomisch widersinnig erscheinen, daß man wegen eines gerade nur hingehauchten ätherischen Liebesbriefes auf Japanpapier einen zentnerschweren und infolgedessen nicht eben sehr mobilen Menschen vom Schlage Ürdingers in Bewegung setzen und auf die Reise schicken soll. Aber so kann man es eben nicht ansehen, Postmeister, die rein materialistische Anschauungsweise ist hier völlig fehl am Platz und führt unweigerlich in die Sackgasse! Ein korpulenter Briefträger ist nämlich kein Argument gegen die leichte Brief- und Kartenpost, sondern ein Argument gegen die Personalpolitik der Oberpostdirektion, und zwar ein schwerwiegendes und gravierendes, Postmeister! Die Direktion sollte die Kräftigen bei der Kraftpost einsetzen, aber nicht als Boten.

Deine schwerfälligen Briefträger verfahren mit dem leichten Postgut, zumal wenn es für abgelegene Häuser bestimmt ist, sehr leichtfertig und geringschätzig. Unter einem Briefträger stelle ich mir einen flinken, leichtfüßigen und wendigen Menschen vor, ähnlich dem Götterboten Hermes, aber keinen feisten Dickwanst wie den Biertrinker Ürdinger mit der Statur des Falstaff oder des Buddha. Die dicken Menschen sind gemütlich, Postmeister, das ist bekannt, ich weiß es. Aber mir ist auch bekannt und ich weiß auch, daß die dicken Menschen oft auf Kosten und zu Lasten anderer gemütlich sind.

Bist du aber nervös, sagt Ürdinger, wenn ich ärgerlich werde und mich beschwere, weil ich tagelang keine Post und dann alles zusammen und zu spät bekommen habe. So nervös, sagt er und wundert sich. Ich glaube, du solltest dich einmal untersuchen lassen, sagt er, wegen deiner Nervosität. Hau ab, sage ich, und komm so schnell nicht wieder! Das nimmt er ziemlich wörtlich.

Wir sind unterbesetzt, sagt Ürdinger, unser Pracher Amt leidet an einem katastrophalen Personalmangel, wir haben leider zu wenig Planstellen. Wir sind nur ein Viererposten, die Direktion gibt uns nur die Ziffer 4, wir müßten aber vom Postaufkommen her ein Dreierposten sein, wenn kein Zweierposten, ein Dreierposten unbedingt. Die Vier bedeutet eine totale Unterschätzung und Unterbewertung, die Vier ist eine groteske Mißachtung der Pracher Realität, ein Hohn ist die Vier, sagt Ürdinger. Unser Amt befindet sich permanent im Notstand, sagt er. Der Postmeister, Blumauer, Deuth und ich, sagt Ürdinger, sind dem Notstand nur gewachsen, wenn wir uns vom Einholen über das Abstempeln, das Sortieren bis zum Journaldienst am Schalter und bis zum Austragen jeden Handgriff und jeden Schritt dreimal überlegen, bevor wir ihn tun.

Wenn mir Ferdinand Ürdinger die Geschichte vom Viererposten erzählt und unsere niederbayrische Land-Post vom Postaufkommen und vom Arbeitsanfall her zu einem großstädtischen Zentral- und Hauptpostamt hochlizitiert, wenn er mir die Legende von den fehlenden Planstellen und den Notstandsmaßnahmen vorsetzt, dann sage ich halt! Halt, Ürdinger, sage ich. Und dann gebe ich ihm Bescheid, so wie ich auch dir jetzt Bescheid gebe, mein Postmeister. Das mit dem Überbeschäftigtsein, sage ich, das mit dem Unterbesetztsein, von wegen Vierer- und Dreierposten et cetera, das alles ist ein Unfug, Ferdinand, eine Komödie ist das, was du mir hier vorspielst und vorspiegelst. Ihr seid ein Viererposten, sage ich, und damit basta. Die Postdirektion taxiert euch nicht umsonst nicht als Dreierposten, und sie weiß hier einmal ausnahmsweise, was sie tut. Über die Zwei aber brauchen wir uns gar nicht erst zu unterhalten. Lieber Ürdinger, sage ich, wenn ihr mit der Post nicht fertig werdet und nicht zu Rande kommt, wenn euch die Post über den Kopf wächst, dann liegt das nicht an der angeblich hohen Anzahl der Poststücke und an der angeblich niedrigen Anzahl der Briefträger und Postboten, und es liegt nicht am verzweigten und großen Rayon, es liegt auch nicht an den langen Wegen, mit denen du immer daherkommst. Auch das kontinentale Klima, mit dem der wetterfühlige und föhnempfindliche Deuth als Ausrede aufwartet, kann nichts dafür. Wenn ihr nicht Manns genug seid, wenn euch die Post angeblich übermannt und eure Kräfte übersteigt, dann liegt es nicht am Einholen und nicht am Sortieren und nicht am Austragen, sondern es liegt am Lesen der Post. Mit dem Lesen der Post, sage ich, verstehst du mich, Ürdinger, MIT DEM LESEN werdet ihr nicht und nicht fertig. Ihr haltet euch beim Lesen der Post zu lange auf, das ist das Problem, sage ich, es handelt sich um sonst nichts als um eine Frage der Lektüre.

Und damit meine ich nicht und dabei denke ich nicht an die Adressen oder nur die Adressen, ihr lest nämlich mehr als die Adressen, ihr lest vielmehr sehr viele Briefe und Karten, den Text vieler Briefe und Karten lest ihr. Die offenen Karten lest ihr sowieso, warum sind es Karten, sagt ihr. Wer eine Karte schreibt, wer eine offene Karte schreibt, bekundet bereits damit, daß er eine Karte und offen schreibt, ein gewisses öffentliches Interesse. Dem Verfasser einer offenen Karte, sei es jetzt eine Ansichtskarte, eine Korrespondenzkarte oder sonst eine Art offener Karte, dem Verfasser einer solchen offenen Post liegt ganz offensichtlich an einer gewissen begrenzten Öffentlichkeit, er scheint, wie ohneweiters ersichtlich, ein gewisses Interesse an Publizität zu haben, ein solcher Absender möchte sich über den engen Kreis des Adressaten hinaus mitteilen. So versteht ihr das, sage ich zu Ürdinger, so, Postmeister, sehen deine drei die Sache an. Der Verfasser einer offenen Karte, sagt Deuth, der Intellektuelle unter deinen Gehilfen, ist für mich ein Schriftsteller, und eine Karte ist die unterste Art einer Publikation, eine offene Karte ist eine Veröffentlichung im Selbstverlag. Der Verfasser will auf sich aufmerksam machen. Es wäre eine Unachtsamkeit, es wäre eine Lieblosigkeit, sagt Deuth, wenn wir die offene Post nicht auch lesen und uns ein wenig ansehen würden.

Ürdinger, Deuth und Blumauer, lieber Postmeister, lesen aber auch verschlossene Briefe, ja die kuvertierte Post lesen sie sogar am liebsten. Die verschlossenen Briefe sind am informativsten, sagen sie. Da steckt Musik drin, heißt es. Die offene Post ist in der Regel sehr langweilig und uninteressant. Oft sind Ansichtskarten darunter, die irgendwelche Ausflügler ihren daheimgebliebenen Angehörigen senden. Wenn ein Verein oder eine Gruppe irgendwohin einen Ausflug oder eine Wallfahrt macht, dann kommen an einem Tag nicht selten bis zu hundert Ansichtskarten mit immer denselben Formulierungen von dort nach Prach zurück. Das können wir dann höchstens noch ein wenig überfliegen, sagen deine Briefträger, kein Mensch kann da eine penible Lektüre und Dienst nach Vorschrift erwarten, sagt Deuth. Es ist wirklich kein Vergnügen, auf -zig Karten immer wieder lesen zu müssen, daß am Tegernsee wunderschönes Wetter herrscht oder daß das Münchner Bier gut schmeckt. Das halte ich nicht aus, sagt Ürdinger, der Biertrinker, das wird mir zuviel, sagt er. Viele beneiden uns, sagt Blumauer, weil sie meinen, wir hätten an der Post immer ein wenig Kurzweil und seien ständig auf dem neuesten Stand, was das Nachrichtenwesen betrifft. An dieser offenen Post, sagt er, kann einem aber die Lust vergehen. Bei der Lektüre dieser Trivialliteratur komme ich mir oft eher wie die Frauenärzte vor, die ja auch von vielen Männern um ihren Beruf beneidet werden, in Wahrheit aber haben sie es hauptsächlich mit älteren und kranken Frauen zu tun und sind schon ganz unlustig und lustlos bei ihrer Arbeit und abgestumpft. Im Grunde, Postmeister, interessieren sich deine Leute nur für verschlossene Post.

Ein Brief, sagt Ürdinger, kann gar nicht so verschlossen sein, daß er sich bei entsprechender Behandlung nicht von selbst öffnet. Ich sage nicht, sagt er, daß jeder jeden Brief aufmachen kann. Aufmachen schon, aufmachen vielleicht, sagt er, aber nicht mehr zumachen und verschließen, ohne daß man ihm die Behandlung anmerkt. Einen Brief mit Gewalt behandeln ist wirklich kein Kunststück. Ihn so zu behandeln, daß man ihn nicht nur nicht beschädigt, weil man ihn brutal erbricht, sondern daß man ihn ohne eine Spur von Gewaltanwendung auch wieder verschließen kann, ist etwas anderes. Öffnen ist nicht Öffnen, sagt er, Öffnen und Öffnen sind zweierlei.

Jeder, sagt Ürdinger manchmal bei der Tante Pepi oder in der Kantine der Verwertung oder in sonst einem Lokal, jeder hat seine eigene Art, mit der Post umzugehen. Jeder von uns dreien schwört auf seine eigene Methode, der Deuth macht es auf diese, der Blumauer auf jene und ich selbst wieder auf meine eigene, spezielle Art und Weise. In jedem Fall aber, ob bei meinem oder bei Deuths oder bei Blumauers Verfahren, ist natürlich ein Trick dabei. Ein Außenstehender, der uns hantieren sieht, glaubt an Hexerei, ob er nun dem Deuth oder ob er dem Blumauer oder ob er mir zuschaut. Wenn uns jemand manipulieren sehen könnte, müßte er ehrlich an Zauberei glauben. In Wahrheit ist keine Zauberei und keine Hexerei und kein Hokuspokus dahinter, es geht mit rein natürlichen Dingen zu. Es handelt sich nicht um Hexerei und Magie, wie ein unbeteiligter Außenstehender vielleicht meinen könnte, sondern schlicht und einfach um eine Handfertigkeit und um eine Geschicklichkeit. Und das gilt für mich genausogut wie für den Blumauer, wie für den Deuth, wenn auch für jeden in seiner eigenen Methode.

Brief ist nicht Brief, sagt Ürdinger, das kommt noch hinzu, jeder Brief ist anders, jeder Brief gibt eigene Rätsel auf. Das Material spielt eine wichtige Rolle, das Papier des Kuverts, das Format, die Gummierung, ob gefütterter oder ungefütterter Umschlag, ob Feuchtgummierung oder Selbstkleber et cetera, die Frage nach eventuellen Siegeln. Wo sitzt ein Stempel? et cetera, et cetera. Ich muß mir den Brief genau anschauen, bevor ich ihn bearbeite. Ich halte ihn gegen das Licht, ich fahre mit dem Daumenballen über die Kanten. Erst dann bearbeite ich ihn. Der Deuth macht es wieder anders, der Blumauer macht es noch einmal anders. Aber in jedem Fall ist ein Vorteil dabei. Der Vorteil treibt das Handwerk, heißt ein Sprichwort.

Jeder Berufsstand hat seine eigenen Techniken und Verfahrensweisen, die Kraft macht es nicht. Mit Gewalt geht es nicht, mit Gewalt kann man in der Regel gar nichts ausrichten. Wenn beispielsweise ein Müller die schweren Säcke einfach so mit der nackten und rohen Gewalt schultern möchte, wäre er bald erledigt, da wäre er bald mit seiner Kraft am Ende. Ein Müller, der sich ohne seinen Vorteil die schweren Mehl- und Getreidesäcke auf die Schulter heben würde, wäre bald erschöpft und hätte sich ein Bruchleiden zugezogen oder sonst etwas. Da springt der sogenannte Vorteil ein, der besondere Griff. Mit dem speziellen Trick geht es mühelos. Ein eher schwächlicher und schmächtiger Mensch, der über den sogenannten Vorteil verfügt, ist einem kräftigen und schweren Menschen, der über den sogenannten Vorteil nicht verfügt und der die besonderen Tricks und Techniken und Methoden nicht kennt, haushoch überlegen. Ein sogenannter keuscher Mensch, ein kleiner und zierlicher Mensch kann einen technikenlosen und rohen und klobigen Muskelprotz spielend in die Tasche stecken, so schnell kann der Dicke gar nicht schauen, da liegt er auch schon auf den Brettern. Wer eine schwere körperliche Aufgabe mit Kraft, mit der reinen Muskelkraft bewältigen und meistern will, holt sich meistens kalte Füße oder einen Bruch. Es hat sich nicht erst einer einen Bruch gehoben. Von drei Männern, die hierzulande irgendwo beisammenstehen, haben mindestens zwei einen Bruch, sagt Ürdinger. Das spricht nicht für dieses Land, das spricht nicht für die Intelligenz der Bewohner unserer lieben Heimat. Hierzulande wimmelt es von Leisten- und Hodenbrüchen. Wenn irgendwo in diesem Land drei Männer beisammenstehen, dann verbürge ich mich dafür, daß zwei von ihnen einen Bruch haben. Er hat einen Leibschaden wie ein Schneiderhaus, heißt eins unserer bayrischen Sprichwörter. Und es sind nicht wenige, die einen solchen Leibschaden wie ein Schneiderhaus haben. Das alles kommt daher, sagt Ürdinger, daß viele vor lauter Eifer irgendwo zupacken, bevor sie denken und sich’s überlegen. Es fehlt wirklich nicht an Eifer und Fleiß bei unseren Landsleuten, an Fleiß und am guten Willen und an der Kraft und an der Energie fehlt es sicherlich nicht. Daran leidet’s keinen Mangel. Aber an der nüchternen Überlegung fehlt es, an der Planung hapert es. An der Planung und sachlich kühlen Kalkulation hapert es gewaltig. So wird aufgehoben, angerissen oder gedrückt, gestemmt oder gezogen, bevor der Verstand überhaupt eingeschaltet und in Betrieb genommen wird. Wen wundert’s jetzt, wenn’s in die Hose geht. Was an Gehirnsubstanz gespart wird, geht auf Kosten des Bauchfells und des Netzes, was man nicht im Kopf hat, muß man in den Beinen haben, heißt ein Sprichwort. Was man nicht im Kopf hat, wird man bald am Bein haben, müßte es heißen, so müßte es eigentlich heißen. Beherrsche ich den Vorteil und überlege ich mir meine Handlungsweise vorher, dann ist alles einfach. Jetzt ist alles ein Kinderspiel. Das ist beim Bäumefällen nicht anders als beim Postsortieren, sagt Ürdinger. Und beim Briefelesen, sagt er manchmal, wenn er betrunken ist, und beim Briefeöffnen und Briefelesen, sagt er manchmal beim Paulus oder bei der Pepitante oder in der Kantine der Verwertung, ist es auch nicht viel anders. Sicher kann sich ein Ungeschickter dabei nicht überheben, aber auf die Nase fallen kann er auch, wenn er den Vorteil nicht beachtet. Das Postlesen, lieber Postmeister, hält auch auf, mit dem Postlesen habt ihr immer so lange zu tun, daß ihr oft kaum noch zum Zustellen kommt. Deine Post, lieber Postmeister, ist ein Lektorat, deine Post ist das reinste Lektorat. Mit dem Sortieren hättet ihr nie so lange zu tun, das Lesen der Post braucht seine Zeit. Und noch etwas, lieber Postmeister, nicht nur das Lesen an sich hält euch so lange auf, nicht das Lesen an sich blockiert den gesamten Postbetrieb in eurer Viererpost, sondern vor allem das Vorlesen, das Vorlesen der Briefe verschlingt die meiste Zeit. Denn die interessanten Poststücke, die pikanten und delikaten Briefe lest ihr euch ja gegenseitig vor. Wir sind ein Team, sagen der Ürdinger und der Deuth und der Blumauer, wir arbeiten zusammen. Und darum weiß einer um die Post des anderen, wir haben keine Postgeheimnisse voreinander, jeder, sagen der Ürdinger und der Deuth und der Blumauer, ist über den Rayon des anderen informiert, jeder hat einen Überblick über das Ganze und nicht nur einen Ausschnitt, nicht nur über seinen Teil. So kann jeder für jeden notfalls einspringen. Wir gehen nach dem Prinzip der Subsidiarität, sagt der Lateiner Deuth.

Und über all dem steht groß: POSTGEHEIMNIS. Deine Leute haben ein eigenartiges Verhältnis zum Postgeheimnis. Ürdinger, Blumauer und Deuth haben ein recht eigentümliches und schleierhaftes Verständnis vom Brief- und Postgeheimnis. Was die Post mit der Post macht, ist allein ihre Sache und ausschließlich ihre Angelegenheit, das ist ihr eigenes Geheimnis, sagen sie. Das Postgeheimnis ist im Grundgesetz garantiert, sagen sie. Und genauso verhält es sich nach Ürdingers Aussage auch mit dem Fernsprechgeheimnis. Die Post, sagt er, hat in unserem freiheitlichen Rechtsstaat das Fernsprechmonopol, die Post allein ist für das Telephon zuständig. Was das Telephon betrifft, sagt er, so hat hier niemand als die Post etwas zu melden, keiner kann ihr ins Telephon dreinreden. Und kein Mensch darf in Leitungen hineinhören, wenn es die Post nicht erlaubt, auch nicht der Verfassungsschutz. Wenn sich die Post auf die Hinterbeine stellt, kann der Verfassungsschutz kopfstehen, es kommt kein Sterbenswörtlein heraus. Wenn die Post nicht will, nützt das gar nichts. Da kann der Verfassungsschutz zehnmal mit den Sicherheitsinteressen des Staates auffahren, wenn die Post nicht will, heißt es immer wieder ganz kühl: Kein Anschluß unter dieser Nummer, auch nicht auf Nummer Sicherheit.

Ansonsten, sagt Ürdinger, ist aber das Verhältnis zwischen Post und Verfassungsschutz gut und von gegenseitigem Vertrauen gekennzeichnet.

Ich bin keine wichtige Person, Postmeister, aber wenn ich telephoniere, begrüße ich sicherheitshalber immer auch die Mithörer von Post und Verfassungsschutz. Grüß Gott, sage ich, meine Herren. Wenn es plötzlich ein wenig knackt, dann weiß ich, daß schon wieder der Wurm in der Leitung ist, der Gewissenswurm, der Ohrwurm der Obrigkeit. Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurer Verbindung der dritte, sage ich dann. Oder: Aufhören mit dem Abhören, sage ich und lege auf. Und wenn ich einen Brief schreibe, dann bringe ich oft für die mitlesenden Briefträger noch ein Postskriptum an. Liebe Briefträger, schreibe ich meinetwegen, ich bitte, diese Mitteilungen vertraulich zu behandeln. Oder ich schreibe: Ich bitte um gezielte Verbreitung dieser Indiskretionen.

Du bildest dir etwas ein, sagt Ürdinger zu mir, du siehst Gespenster, mir scheint, es gibt bei dir gewisse Ansätze von Verfolgungswahn, sagt er und lacht, daß ihm das Bier bei den Augen herauskommt.

In Wahrheit, Postmeister, ist es ein offenes Geheimnis, was deine Briefträger unter Brief- und Post- und Fernsprechgeheimnis verstehen. Ich bilde mir nämlich nichts ein, Postmeister, ich spreche hier als Augen- und Ohrenzeuge. Realia refero. Hört ihr denn hin und wieder ein wenig zu, frage ich letztens Deuth. Ein bißchen, sagte er und grinste, rein dienstlich. Audiatur et altera pars, sagte er. Bei den modernen Anlagen ist das Abhören keine Affäre mehr, sagte er.

Eigentlich, Postmeister, sind deine Briefträger Geheimnisträger, oder sie sollten kraft Amtes und Eides Geheimnisträger sein. Genaugenommen sind sie aber nur in dem Sinne Geheimnisträger, daß sie die Geheimnisse austragen und verbreiten und ausplaudern. Deine Briefträger sind eigentlich eine Agentur, Ürdinger, Blumauer und Deuth sind eine Nachrichtenagentur. Eine Nachrichten- und Informationsbörse sind Ürdinger, Blumauer und Deuth, deine Briefträger sind Brieföffner und Briefleser, Postmeister. Sicher, räumt Deuth ein, es heißt Postgeheimnis, es heißt Geheimnis, aber mit einem Mysterium hat dieser Begriff nichts zu tun. Man sollte sich hüten, sagt Deuth, den Begriff Postgeheimnis, der ein Fachausdruck und rein für den postinternen Gebrauch bestimmt und geprägt ist, theologisch zu nehmen. Mit Theologie und Metaphysik hat das Postgeheimnis seiner Meinung nach gar nichts zu tun. Man muß den Ausdruck Briefgeheimnis entzaubern, sagt er, man muß diesen Ausdruck entmythologisieren. Und weil ich das nicht tue, sagt er, darum dämonisiere ich die Post und darum sind mir die Briefträger unheimlich. Ich muß noch lernen, sagt er, und zwar muß ich lernen, die Realität zu sehen, nüchtern, sagt er, rational, sagt er. Danke für die Aufklärung, sage ich.

Ihr redet neuerdings recht oft von Rationalisierung, mein Postmeister. Da will ich nicht abseits stehen, sondern auch von mir aus mit einem Rat aushelfen. Ich will dir einmal gratis und franko einen Tip geben und einen Vorschlag machen, wie du die Postzustellung und die Postbeförderung effektiver und schneller und rationeller gestalten kannst. Und die ganze Umstellung kostet nichts, das ist das Attraktive an meinem Rationalisierungsvorschlag, der weder mit datenverarbeitenden Maschinen noch mit Rechenmaschinen etwas zu tun hat. Du brauchst keinen Elektronenrechner und keinen Lochkartensortierer, du brauchst nur neue Briefträger. Mein Rationalisierungsvorschlag geht dahin, daß du einfach die Briefträger auswechselst und neue Postboten einstellst. Die Briefträger, die du jetzt hast, sind nämlich untragbar geworden. Und zwar sind sie deshalb untragbar geworden, weil sie ja nicht mehr austragen, sondern nur noch lesen. Was du brauchst, sind aber Briefträger und nicht Briefleser. Das Motto meiner Rationalisierungsvorschläge heißt deshalb nicht EDV oder Computer, sondern personale Mutation und Regeneration. Das wäre die große Lösung, Postmeister, ich habe aber auch eine kleinere auf Lager. Wenn du schon die alte Garde von Briefträgern behalten willst, wenn du unbedingt bei deiner alten Mannschaft von Brieföffnern bleiben möchtest, dann mußt du sie ein wenig schulen. Du mußt sie umschulen und ihnen beibringen, wie man schneller liest und lesen kann, als sie lesen und lesen können. Deine Leute brauchen einen Lektürekurs, einen Fortbildungskurs für Schnellesen und Diagonallektüre. Denn, Postmeister, wenn deine Leute auch, wie Ürdinger sagt, den Vorteil beherrschen, den sogenannten Vorteil bei der sogenannten Bearbeitung der Post, wenn sie auch, Klartext gesprochen, über todsichere Praktiken für lautloses und klammheimliches Öffnen verfügen, den sogenannten Vorteil des Lesens beherrschen sie leider nicht. Das Lesen ist ihnen eine Anstrengung, daß man meint, sie heben sich einen Bruch. Weil sie es nicht richtig anpacken, Postmeister. Ein Couvert, reimt Deuth, ist ein Ouvert. Aber das Schnellesen ist ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Das gilt vor allem für den Ürdinger und den Blumauer, obwohl man auch bei Deuth mehr Lektürevorteil erwarten möchte, als vorhanden ist. Bis sich Ürdinger, Blumauer und Deuth durch die tägliche Post buchstabiert haben, darüber vergeht eine Ewigkeit. Deshalb und nur aus diesem Grunde kommen sie meiner Meinung nach nicht oder nur sehr wenig zum Zustellen und Austragen.

Ürdinger sagt, daß sehr viele Leute sehr unleserlich schreiben. Viele schreiben heute, sagt er, daß es Gott erbarmt. Jeder zweite hat eine Doktor- oder Apothekerschrift. Schludrig und schlampig zu schreiben, sagt er, gilt heutzutage als ein Zeichen von höherer Bildung, die Leute schämen sich, wenn sie eine leserliche Handschrift haben, weil sie fürchten, für ungebildet gehalten zu werden. Wenn einer sauber schreibt, sagt Ürdinger, dann sagen die Leute, der schreibt nicht viel, der hat sicher keinen geistigen Beruf, hier kann es sich nur um einen Handarbeiter, aber nie um einen Geistesarbeiter handeln, dann hätte er nämlich eine ausgeschriebene Schrift. Je ausgeschriebener aber eine Schrift ist, um so mehr Respekt hat das Volk vor dem Besitzer dieser Klaue. Das muß ein studierter Mensch sein, sagen sie, das ist sicher ein Doktor, wenn kein doppelter Doktor, der Schrift nach, sagen sie, handelt es sich hier vermutlich um einen doppelten Doktor oder einen Professor. Das einfache Volk, sagt Ürdinger, hat grundsätzlich nur vor dem Respekt, was es nicht lesen kann und was es nicht versteht. Das kann ja sogar ich lesen, das verstehe ja sogar ich auch, heißt es, also kann es kein Niveau haben, das ist nicht weit her. Und von den unbegabten Schriftstellern, sagt Deuth, ist die Unverständlichkeit und die vorsätzliche Dunkelheit heute bereits zum Prinzip erhoben. Gut ist nur das Unverständliche, das Verständliche ist schlecht, heißt es. Gut ist heute nur das Schlechte, sagt Deuth, das ist eine Sache der Definition. Und die Dichter, die dieses unverständliche Zeug erzeugen, nennen sich auch noch Sozialisten. Da komme ich mit meinem Sozialismusverständnis nicht mit, sagt der Sozialdemokrat Deuth.

Allein die Adressen zu entziffern, sagt Ürdinger, ist heutigentags bereits eine Aufgabe für einen Schriftgelehrten. Ein Postangestellter muß heute bereits Graphologe sein, er braucht unbedingt die Gabe der Schriftdeutung und Schriftauslegung. Heute, sagt der Ürdinger, wird nicht mehr wie in seiner Jugend geschrieben, es ist vorbei mit dem Dünn-auf-dick-ab. Früher hat jeder dünn auf und dick ab geschrieben. Wo findest du denn heute noch einen Haarstrich!, sagt Ürdinger. Deuth sagt, wir haben das Zeitalter der Kalligraphie hinter uns und befinden uns mitten im Zeitalter der Kakographie, der Klauen- und Krähenschriften. Viele schreiben heute dick-auf-dick-ab, sagt Ürdinger, oder sie schreiben dünn-auf-dünn-ab, oder aber, sie stellen die Weltordnung vollständig auf den Kopf und schreiben überhaupt gleich dick auf und dünn ab! Wo schreibt heute noch einer dünn-aufdick-ab! Und viele legen heute die Schrift links hinüber, jeder zweite, sagt Ürdinger, legt heute die Schrift links hinüber, das scheint eine Mode zu werden. Seine Generation, sagt Ürdinger, hat seinerzeit den Winkelmesser angelegt, um die 60 Grad Rechtsneigung zu erreichen, alles war seinerzeit leicht rechtsüber geneigt. Das sah sehr schön und einheitlich aus, sagt er. Und die Unterlängen waren so lang wie die Oberlängen, auch damit hat es heute sein Ende. Und zu einem I-Punkt nimmt sich auch keiner mehr Zeit, oder er setzt ihn irgendwo in den Raum, wo er wirklich nichts verloren hat.

Die unleserlichen Schriften, sagen die Briefträger, erschweren ihren Dienst ganz kolossal. Wenn er Postminister wäre, sagt Ürdinger, dann wäre er radikal und würde durchgreifen. Als Postminister brächte ich die Leute schon wieder zum Dünnauf-dick-ab, sagt er. Er würde verlangen, daß entweder schön säuberlich oder aber mit Maschine geschrieben werden muß. Poststücke in unzulänglicher Handbeschriftung mit Hieroglyphen oder in chinesischen Schriftzeichen würde ich ganz einfach nicht bearbeiten und befördern. An den Absender zurück, Adressat unleserlich oder verzogen oder gestorben, Adressat leider tot! Aber den Postminister stört das alles nicht, sagt Ürdinger, er muß sich mit dem Gekritzel und Gekrakel der Leute ja nicht abgeben.

Soweit, Postmeister, ist an den Aussagen und an den Argumenten deiner Leute schon etwas dran. An dem, was Ürdinger und vor allem Deuth über die Schriften und über die Schriftstellerei vorbringen, finde ich vieles richtig, und ich möchte es unterschreiben. Vor allem bin ich natürlich mit dem einverstanden, was Deuth über die sogenannte Kunst von sogenannten Sozialisten sagt, die nicht für, sondern gegen die Menschen schreiben. Aber die ganze Argumentation läuft ja schließlich dann doch wieder in eine Richtung, wo ich nicht mehr folgen kann, sondern umkehren muß.

So sagt Ürdinger, wenn die Leute nicht deutlich und leserlich schreiben, wird die Post das Postgeheimnis bald nicht mehr garantieren können. Und wenn er in Geberlaune ist, sagt er auch, wie er das im einzelnen meint. Wenn ich die Post nicht lese, weil ich sie nicht lesen kann, dann habe ich auch nichts mehr geheimzuhalten. Ich muß wissen, sagt Ürdinger, was im Brief drinsteht, ich muß wissen, was ich geheimhalten muß. Wenn ich nicht weiß, sagt er, was eigentlich im Brief steht, kann ich das Briefgeheimnis natürlich nicht bewahren, das ist selbstverständlich, darüber brauchen wir gar nicht zu reden, sagt er. Das Postgeheimnis ist in diesem Fall hinfällig und gegenstandslos. Gegenstandslos, sagt er. Du hast recht, sagt Deuth, du hast recht, Ferdinand. Auch philosophisch ist die Sache klar, sagt Deuth, der Geheimnisbegriff muß mit Inhalt gefüllt werden, wenn er nicht leer bleiben soll. Philosophisch einwandfrei, sagt Deuth. Das verstehst du besser, Karl, sagt Ürdinger, ich sehe es nur postalisch und soweit halt mein Verstand reicht. Ich muß in die Briefe eingeweiht sein, sagt Ürdinger, ich muß mich einweihen, damit ich den Berufseid einhalten kann. Die Unkenntnis bringt mich andernfalls in Gewissensnot, denn ich bin schließlich vereidigt worden, daß ich das Postgeheimnis bewahre. Er kann es aber nur bewahren und halten, sagt er, wenn leserlich und deutlich und wenn wieder dünn-auf-dick-ab geschrieben wird.

Das Briefschreiben, sagt Deuth, war einstmals eine Kunst, und die Briefe waren in früherer Zeit einmal Kunstwerke. Die Briefe, mit denen wir es heutzutage zu tun haben, sind leider keine Kunstwerke. Heute sind die Briefe keine Kunstwerke und Kunststücke mehr, heute ist es vielmehr ein Kunststück, die Briefe und die Schriften zu lesen und zu entziffern. Laut Deuth fehlt den Briefen heute jede vernünftige Gliederung und jede Einteilung. Früher hatte ein Brief eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluß. Der Briefschreiber von heute fällt aber in der Regel gleich mit der Tür ins Haus, und was in der Einleitung stehen sollte, fehlt überhaupt oder steht irgendwo deplaziert in der Mitte oder am Schluß. Briefe und Briefschreiber sind kopflos und verwirrt. Und weil es keine Briefkunst mehr gibt, sagt Deuth, darum ist das Lesen von Briefen auch kein Kunstgenuß mehr, sondern eine Fron. Die Lateiner sprachen im Altertum von einer Ars, sagt Deuth. Heute ist die Ars im Arsch, sagt er. Ars deficit, ars deficit.