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Adolf Holl
Können Priester fliegen?

Adolf Holl

Können Priester fliegen?

Plädoyer für den Wunderglauben

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über abrufbar.

Für J. H.

Inhalt

Verlässliche Augenzeugen

Kardinal Schönborn hat mir erzählt, wie der Padre Pio sich vor einer Gruppe von Diplomaten in die Luft erhob, gegen seinen Willen. Ihm sei das irgendwie peinlich gewesen.

Wenn das stimmt, dann ist das Gerede vom schlechten Zustand der Religion und ihrer Diener, in das ich gelegentlich eingestimmt habe, eher witzlos. Dann ist Religion so munter wie vor zweitausend Jahren, als die Welt voller Götter war, in der Militärdiktatur des römischen Imperiums zur Zeit Christi. Dann wollen und bekommen die Leute ihre Priester, die einen halben Meter über dem Boden schweben. In jedem zweiten Taxi Italiens baumelt der Padre Pio vom Rückspiegel.

Die Priester im Vatikan können nicht fliegen. Deshalb prüfen sie die Geschichten von Wunderpriestern sehr genau, ehe sie dem Papst einen Akt zur Unterschrift vorlegen, der eine Heiligsprechung betrifft. Padre Pio ist 2002 heiliggesprochen worden.

Nicht alle Wunderpriester können fliegen. Dafür sollen manche von ihnen Tote aufgeweckt und Teufel ausgetrieben haben wie Jesus Christus. Hauptsache, ein Priester wirkt Wunder. Wenn er das nicht kann, bekommt er ein Problem. So ist es mir ergangen, und deshalb schreibe ich dieses Buch.

Unter den 25000 approbierten Heiligen der katholischen Kirche gibt es nur einen, der aus eigener Kraft über die Köpfe der Gläubigen hinwegfliegen konnte. Das war Josef von Copertino, gestorben 1603. Vortreffliche Augenzeugen, so Papst Benedikt XIV., berichteten unter Eid von überaus häufigen Levitationen und Flügen dieses ekstatischen Dieners Gottes. In die Physikstunde passt dieser Befund überhaupt nicht.

Eine andere Geschichte, die ich von Kardinal Schönborn habe, spielt vor dem Beichtstuhl des Padre Pio. In der Warteschlange stand ein Mann mit chronischem Schluckauf. Dann war Schluss mit dem Beichten, weil Padre Pio müde war. Er ging die Warteschlange entlang, blieb vor dem Patienten mit dem Schluckauf stehen und gab ihm eine kräftige Ohrfeige. Der Mann war auf Dauer geheilt.

Eine weitere Geschichte vom Padre Pio erzählte mir vor Jahren der ehemalige Sekretär des Prager Erzbischofs František Tomášek. Mit seinem Mitbruder Karol Wojtyla aus Krakau hatte Tomášek 1963 Padre Pio besucht, während einer Sitzungspause des Zweiten Vatikanischen Konzils. In 15 Jahren wirst du Papst sein, habe Padre Pio zu Wojtyla gesagt, und: Ich sehe Blut. Johannes Paul II. wurde im Mai 1981 während einer Generalaudienz auf dem Petersplatz durch Pistolenschüsse lebensgefährlich verletzt. Blut ist immer gut für die Heiligkeit.

Der Kampf geht weiter

Und immer hat der Teufel die Hand mit im Spiel. Simon Petrus, der erste Papst, konnte nicht fliegen. Sein Gegenspieler Simon Magus hingegen soll ein Zauberkünstler ersten Ranges gewesen sein. In Rom wurde erzählt, dass Simon Petrus einen geräucherten Thunfisch zum Zappeln brachte. Da sei Simon Magus aufgetaucht und über die Dächer der Ewigen Stadt geflogen, bis die Gebete Petri ihn zum Abstürzen brachten. Auch Moses und Aron hatten Probleme mit den ägyptischen Zauberern, die ohne Weiteres einen Stecken in eine Schlange verwandeln konnten, wie die Bibel weiß.

Jahrzehntelang trieb es der Teufel im Pfarrhaus von Ars, einem Dorf nördlich von Lyon, wo Jean-Marie Vianney von 1818 bis 1859 wirkte. Er geißelte sich täglich und lebte von Kartoffeln, die er auf Vorrat kochte und kalt verspeiste. Des Nachts hämmerten Schläge durch das Gebäude, Möbel wurden verrückt, ein Gemälde der Mutter Gottes war eines Morgens mit Kacke beschmiert. Das war der grappin, wie Vianney den Teufel nannte. Vianney saß von zwei Uhr in der Früh bis gegen Abend im Beichtstuhl, um anreisenden Aristokraten die Leviten zu lesen und armen Bauern Mut zuzusprechen. Das ärgerte den Teufel.

Überlegene Intelligenz lässt sich dem Teufel des Pfarrers von Ars nicht zuschreiben: Getöse und Geplärr, nie ein vernünftiges Wort, wie es einem gefallenen Engel zustünde, wie man es zum Beispiel aus der biblischen Geschichte von den drei Versuchungen Christi in der Wüste kennt.

Der französische Schriftsteller Georges Bernanos hat das gespürt, als er 1926 »Die Sonne Satans« veröffentlichte. Am Ende der Begegnung seines Landpfarrers mit dem Leibhaftigen lässt er Satan sagen: Wir werden mit Klugheit unsere Arbeit an dir tun.

Gemeinsam mit dem gleichfalls katholisierenden Graham Greene (»Die Kraft und die Herrlichkeit«, 1940) bastelte Bernanos an einem realistischen Priesterbild ohne Wunderkräfte und mit einem Gott, der durch Abwesenheit glänzt wie später bei Beckett. Bernanos und Greene habe ich als junger Priester gelesen, auch Gertrud von le Fort, Reinhold Schneider, Evelyn Waugh. In Österreich schrieb Friedrich Heer, mit dem ich befreundet war.

Vorbei. Geblieben ist Beckett, und der benötigte keinen Teufel mehr.

Erzbischof Emmanuel Milingo dagegen, geboren 1930 in Sambia, kann auf eine reiche Erfahrung im Umgang mit gefährlichen Fremdinstanzen zurückblicken. In Lusaka wurde seine Kompetenz im Austreiben von Teufeln in aller Öffentlichkeit legendär, bis ihn der Vatikan 1983 nach Rom abkommandierte, wegen seiner unkonventionellen Auffassungen von priesterlicher Wunderkraft. Gleichwohl blieb er auch in Italien ein Darling des Fernsehens, heiratete 2001 während einer Massentrauung der Vereinigungskirche des Reverend Mun in New York die Akupunkteurin Maria Sung aus Korea, ließ sich von Johannes Paul II. dazu überreden, in der kleinen Gemeinde Zagarolo bei Rom sein Priesteramt wieder auszuüben, bis er 2006 in Washington ein Comeback versuchte und vier verheiratete Priester zu Bischöfen weihte – was ihm die Exkommunikation einbrachte. Für Milingo, der inzwischen wieder mit seiner Gattin in Sambia lebt, ist Satan so real wie Jesus Christus. Der Kampf geht weiter.

Okkulte Kräfte

Was tun? In der Angelegenheit des mit Kacke beschmierten Marienbildes über dem Treppenabsatz seines Pfarrhauses musste Vianney eine Niederlage einstecken und das andächtige Gemälde wegschließen. Es gab namentlich genannte Augenzeugen des Frevels. Dessen Ursache freilich blieb unaufgeklärt. Niemand kam auf die Idee, einen fachkundigen Abstrich von dem fraglichen Stuhlgang machen zu lassen, zum Zweck genauer Prüfung nach den Regeln der Wissenschaft. So blieb die theologisch hochinteressante Frage offen, ob die sakrilegische Substanz biologisch übernatürlich war oder nicht.

Der aus Ars gebürtige Abbé Renard hat ausgesagt, er habe mit eigenen Augen das ekelhaft beschmutzte Gemälde der allerseligsten Jungfrau gesehen; die Gestalt der Maria sei unkenntlich gewesen. Den fraglichen Vorgang hat er nicht beobachtet. Bei Vernachlässigung der Annahme eines eher unwahrscheinlichen Paralleluniversums ohne Wasserstoffatome bleibt nur der arme Vianney übrig, mit seinem grappin in der Stille der Nacht.

Im Jahr 1980 wurde die sogenannte multiple Persönlichkeitsstörung in das diagnostische Handbuch der American Psychiatric Association aufgenommen. Seitdem widmet sich die nervenärztliche Aufmerksamkeit zunehmend einem eher extravaganten Zustandsbild, das mindestens zwei verschiedene Persönlichkeiten abwechselnd auf der Kommandobrücke des Ego zeigt, die voneinander nichts wissen. Wenn die Zweitinstanz negativ kodiert ist, kann die Rolle vom christlichen Teufel besetzt werden, wie im Fall des Pfarrers von Ars. Wir sind Kameraden, meinte Vianney über das Verhältnis zu seinem grappin. Dessen Belästigungen nahmen mit der Zeit ab, wie aus den Akten des Heiligen Stuhls zur Kanonisierung Vianneys hervorgeht. In den letzten Jahren seines Lebens wurde der Pfarrer von Ars vom Teufel in Ruhe gelassen.

Für den ständig wachsenden Zustrom von Pilgerscharen aus ganz Frankreich wirkten die Aktionen des Widersachers im Energiefeld Vianneys höchst anziehend. Auf dem Lyoner Bahnhof Perrache wurde ein eigener Schalter für den Fahrkartenverkauf in Richtung Ars eingerichtet.

Vianney schilderte nicht ungern die wilden Streiche seines grappin mit allen Details, zur Freude der Kinder im Katechismusunterricht. Von den Amtsbrüdern in den benachbarten Pfarreien wurde der Mitbruder deswegen ausgelacht – bis der dämonische Kamerad des Pfarrers von Ars auch in einem auswärtigen Pfarrhaus tätig wurde, wo wegen eines Jubiläums mehrere Geistliche übernachteten, gemeinsam mit Vianney. Dessen Bett bewegte sich unter Höllenlärm von der Stelle.

Das war allerdings eine eher bescheidene Leistung im Vergleich zu den Bewirkungen, die in Gegenwart des gebürtigen Schotten Daniel Douglas Home beobachtet wurden, eines Zeitgenossen des Pfarrers von Ars. Im Gegensatz zu Vianney sprach Home nicht vom Teufel, sondern von Geistern (spirits) ohne moralische Bewertung. In Florenz konnte es ohne Weiteres passieren, dass während einer Séance Homes die Klavier spielende Gräfin Orsini mitsamt dem Flügel vom Boden abhob. Während seiner aktiven Jahre von 1850 bis 1870 wurde Home eine in ganz Europa bekannte Respektsperson, die auch von Papst Pius IX. empfangen wurde. Eine Heiligsprechung Homes wurde im Vatikan gleichwohl nicht erwogen. Die fliegende Gräfin hatte gegen die Warteschlange von täglich 300 Personen vor Vianneys Beichtstuhl keine Chance.

Klingenberg

Im Ranking der Wunderkräfte kam das Teufelsaustreiben früher einmal gleich nach dem Totenaufwecken. Der Sohn Gottes galt als Sieger über die Dämonen, deren Frage an ihn eher ängstlich klang: Was willst du von uns?

Wenn sie es nicht mit dem Chef persönlich zu tun haben, sondern mit einem gewöhnlichen Priester aus der Gegenwart, können die Satansboten allerdings sehr unverschämt werden – wie von Ende September 1975 bis Ende Juni 1976 in Klingenberg am Main, Unterfranken. Die Kulturanthropologin Felicitas Goodman (gest. 2005), mit der ich befreundet war, hat 42 Tonbänder abgehört, die während der exorzistischen Vorgänge aufgenommen wurden. Sie endigten mit dem Tod der Pädagogikstudentin Anneliese Michel. Die Befallene stank entsetzlich, trat mit dem Fuß gegen den Exorzisten, biss nach links und rechts, musste von drei Männern gehalten werden, brüllte und tobte, ihr Körper wurde geschüttelt. Felicitas musste öfter das Tonband anhalten, um sich zu beruhigen und ihren Brechreiz zu mildern.

Quot estis? Wie viele seid ihr? Das hatte der Exorzist zu fragen, nach den lateinischen Regeln des Rituale Romanum der katholischen Kirche, die für Frau Michel zuständig war. Erst nach hartnäckigem, stundenlangem Befragen gaben die Besatzer ihre Namen preis: Luzifer, Judas, Nero, Kain, Hitler und ein abtrünniger Priester namens Fleischmann. Die entsprechenden Verlautungen aus dem Mund von Frau Michel dauerten jeweils drei bis vier Sekunden und gehorchten dem für religiöse Trancezustände charakteristischen Muster, das der Anthropologin geläufig war.

Goodmans Befund: Die junge Frau starb an einer Medikamentenvergiftung, ausgelöst durch das ärztlich verschriebene und stark wirksame Mittel Tegretal, welches die Patientin auch während der Zeit des exorzistischen Rituals schluckte.

Der Umgang mit qualvoll Besessenen ist laut Goodman transkulturell bekannt, aufgrund menschheitsalter Erfahrungen mit Geistern und Göttern, Entraffungen und Jenseitsreisen. Das Gericht in Aschaffenburg, zuständig für Klingenberg, war anderer Auffassung und verurteilte die Eltern der Verstorbenen, den kirchlich beauftragten Exorzisten und einen weiteren Geistlichen zu Haftstrafen von je sechs Monaten wegen fahrlässiger Tötung, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Die Verurteilten verzichteten auf Berufung. Für die Papstkirche, welche bis zur Stunde Exorzismen autorisiert, war das nur ein ärgerlicher Zwischenfall.

Einige Jahre später wurde Felicitas Goodman an Klingenberg erinnert, im Zusammenhang ihrer Langzeitstudie in einem Maya-Dorf nördlich vom berühmten Chichén Itzá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Gegenstand ihrer teilnehmenden Beobachtungen war eine kleine Gemeinde katholisch getaufter Indios, die ins missionarische Kraftfeld der aus den USA importierten evangelischen Pfingstbewegung geraten waren und damit auch in die Zungenfertigkeit unartikulierten Jubels in Trance, für den sich Goodman interessierte.

Sie horchte auf, als ihr von dem beispiellosen Körpergestank einer Zwölfjährigen aus dem Nachbardorf erzählt wurde, die zwei Jahre lang ihrer Familie schwere Sorgen machte, gepeinigt von etlichen Teufeln, ähnlich wie in Klingenberg. Nach einem halben Jahr ausdauernder Behandlung durch Beten und Vorlesen aus der Bibel suchten sich die Teufel einen anderen Wirkungskreis. Goodman besuchte die Genesene und gewann den Eindruck, dass sie keinerlei Erinnerung an die Details ihrer Zustände hatte. Auch der Gestank blieb verschwunden. Ein kleines Wunder. Die Frage, was ausgetriebene Teufel mit ihrer Freizeit anfangen, bedarf noch der Klärung. Vielleicht operieren sie in der Wall Street, auch während der Nacht.

Exoten

Die Damen und Herren aus dem Fachbereich Kulturanthropologie sind überall dort zu finden, wo öffentliche Verkehrsmittel selten oder nie hingelangen – in abgelegenen Orten des ländlichen Griechenland beispielsweise. Dort kennt man eine Vielzahl von Eindringlingen, die von »draußen« (exo) kommen, die exotica: Die drakoi entführen junge Frauen, die fantasmata sind aus Luft und nehmen die Gestalt von Ziegen oder Eseln an, die neraides tanzen an abgelegenen Orten und treiben die jungen Männer in den Wahnsinn, die gelloudes fressen Babys, die vrykolakas gelten als Wiedergänger und benötigen Blut aus der Halsschlagader, so ähnlich wie die strigla, eine alte Frau in Gestalt einer Eule. Kobolde mit Schwanz und Hörnern werden kallikantzaroi, Riesenweiber mit nur einer Brust monovyza, schöne Mädchen mit Ziegenhörnern lamies genannt. Und seit Menschengedenken erschreckt der allgegenwärtige pan, halb Bock und halb Mensch, die Hirten zur Mittagszeit.

Sie alle entziehen sich den landläufigen Wahrnehmungskriterien. Ob eine Eule eine Eule ist oder womöglich eine strigla, lässt sich auf Anhieb kaum feststellen. Vampire entziehen sich der Einordnung in die Familien der Toten oder Lebendigen. Meerjungfrauen sind weder ganz Fisch noch ganz Fleisch. Und gefährlich sind sie allemal, die Exoten. Sie verkörpern das Unheimliche, nicht nur in abgelegenen Orten Griechenlands.

Wer afrikanisch denkt, wird die Exoten in der Regel unter jenen verstorbenen Verwandten suchen, die es nicht geschafft haben, ganz und gar tot zu sein, also endgültig zu verschwinden. Wenn sie die Macht übernehmen und nicht ausgetrieben werden, sterben die Befallenen. Das gilt jedenfalls in Sambia, der Heimat Erzbischof Milingos. Für ihn sind die untoten Eindringlinge erschreckend real. Er hat gelernt, sie in einem konsistenten Bezugssystem unterzubringen, der römisch-katholischen Glaubenslehre, und spricht daher von »Satan und seinen Leuten«. Sie seien mittlerweile bis ins Herz der Kirche Christi vorgedrungen und machen die Priester glauben, es gebe keinen Teufel und keine Dämonen.

Ähnlich sieht das Roms prominentester Exorzist, Gabriele Amorth. Er schätzt die Zahl der Konsultationen, in denen er um Hilfe gebeten wurde, auf 50 000, von denen knapp hundert teuflisch verursacht gewesen seien.

Viel ist das nicht. In Europa ist die Angst vor den Exoten so gut wie verschwunden, im Vergleich zu den bösen Jahren des Hexenwahns zwischen 1560 und 1680, der allein im deutschsprachigen Raum 25 000 Menschen das Leben kostete. Mutige Philosophen und gelegentlich auch Geistliche protestierten gegen den behördlich genehmigten Terror, mit Erfolg. Die Obrigkeiten bequemten sich, die Folter abzuschaffen und Schulen zu bauen, die Psychiatrie kümmerte sich um die Geisteskranken. Übrig blieb das unbegriffene Böse, so der Philosoph Ernst Bloch, wie ein Gestank in der Luft, und kein Exorzismus vermochte es auszutreiben, geschweige denn Gott.

Einst und jetzt

Vianney und Padre Pio, die berühmtesten katholischen Priester der Neuzeit, waren nur selten als Exorzisten tätig. Sie verbrachten ihre Arbeitszeit im Beichtstuhl, im Gegensatz zu Jesus Christus, der überhaupt kein Sitzfleisch hatte. Er war rastlos unterwegs, seit er von Johannes dem Täufer erfahren hatte, dass er zum Messias ausgewählt worden war, brachte Totgeglaubte ins Leben zurück, machte Kranke gesund, verwandelte Wasser in Wein und redete, wie nur ein Gott reden kann.

Und er konnte auch zaubern. Eines der Machtworte, die er im Repertoire hatte, ist auf Aramäisch in der Bibel stehen geblieben, im Zusammenhang mit der Heilung eines Taubgeborenen. Jesus nahm ihn beiseite, legte ihm den Finger in die Ohren, berührte seine Zunge mit Speichel, blickte zum Himmel, schluchzte auf und befahl EFATA, das heißt: Tu dich auf. Das Aufschluchzen (stenazein) wird auch in erhalten gebliebenen Anleitungen für berufstätige Wunderheiler im Mittelmeerraum der hellenistischen Antike erwähnt, als heftiges und mehrmaliges Ein- und Ausatmen.

Da staunten die Leute, heißt es weiter im Text, und sagten: Gut hat er es gemacht. Das griechische Wort für staunen (thaumazein) steckt in der Bezeichnung für den Wundertäter (thaumaturgos), der sich um die Fruchtbarkeit der Äcker kümmerte oder um das Erwachen erotischer Leidenschaft.

Er gehörte zur Zunft der Magier (magoi), die sich darauf verstanden, mit Hilfe ihrer Praktiken und Beschwörungen bestimmte Außerirdische zu veranlassen, hilfreich tätig zu werden. Nicht der Zauberer wirkte nach damaliger Auffassung ein Wunder, sondern die Gottheit oder ein Engel, dessen Sympathie er gewonnen hatte. Bei psychosomatischen Störungen funktionierte das in der Regel recht gut und wird immer noch praktiziert, nicht nur in Afrika und Lateinamerika, auch im italienischen Süden.

Die Feindseligkeit der Priesterkasten gegen die volkstümlichen Zauberkundigen ist mindestens so alt wie das Schreiben und Lesen. Die Priester hüteten ihre heiligen Texte vor dem Zugriff Unbefugter, im alten Indien sogar bei Androhung der Todesstrafe. Den Wunderheiler aus Nazareth brachten die Tempelpriester Jerusalems ans Kreuz.

Dass Jesus von den Priestern nichts hielt, wurde mir erst klar, als ich schon längst geweiht und gesalbt war, für den Vollzug der göttlichen Mysterien am Altar während der heiligen Messe. Nach meiner Entfernung aus Amt und Würden dauerte es noch etliche Jahre, bis ich mir eingestand, dass ich im Grunde meiner Seele zum Zauberer berufen war, nicht für das Varieté, sondern für den Umgang mit den jenseitigen Mächten. Hie und da ein kleines Wunder, ist das zu viel verlangt?

Der Padre Pio war Priester und Wundertäter in einer Person. Mit ihm möchte ich mich lieber nicht vergleichen, weil seine magischen Kräfte mit ständigen Schmerzen verknüpft waren, an den Stellen der fünf Wunden des Gekreuzigten, mit denen Padre Pio ausgezeichnet worden war. Musste das sein?

Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, ob der Teufel als Weltregent eingestuft wird oder nicht. Wenn ja, dann bedarf es der äußersten Anstrengung und Leidensbereitschaft, um ihm das Handwerk zu legen. Das ist die ursprünglich christliche Auffassung. Wenn nein, dann genügen das Kreuzzeichen und ein paar Vaterunser, um ihn in die Flucht zu schlagen. Das ist die Praxis in allen Pfarrhäusern dieser Erde, mitsamt dem saftigen Braten nach dem Sonntagsgottesdienst. So hatte ich es gelernt.