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Reinhard P. Gruber

Aus dem Leben Hödlmosers

Reinhard P.
Gruber

Aus dem Leben
Hödlmosers

Ein steirischer Roman mit Regie

Mit Zeichnungen
von Pepsch Gottscheber

Residenz Verlag

www.residenzverlag.at

© 1973 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien

Neuauflage 2004

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4280-6

ISBN Printausgabe:
3-7017-1377-4

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steirer

teil I

zur steiermark als voraussetzung des steirers

geografisch gesehen ist die steiermark als bundesland österreichs geografischer bestandteil österreichs.

der bestand österreichs hängt von seinen teilen ab, die seine bestandteile bilden.

DIE STEIERMARK IST EIN BESTANDTEIL ÖSTERREICHS.

sollte der fall eintreten, daß ein teil österreichs zerfällt, so ist damit, weil dieser teil bestandteil ist, notwendigerweise auch der zerfall des bestandes österreichs gegeben; denn:

DER BESTAND HÄNGT VON SEINEN TEILEN AB, DIE SEINE BESTANDTEILE BILDEN.

es gibt also kein bestehen eines bestandes ohne die bestehenden teile, die den bestand ausmachen.

excurs 1 über den zerfall der steiermark

wenn die steiermark zerfällt, zerfällt österreich.

excursende

excurs 2 über die schlüssigkeit von rückschlüssen

die abhängigkeit des bestandes des ganzen = österreichs von seinen teilen = bundesländern läßt scheinbar den rückschluß auf die abhängigkeit der teile = bundesländer vom ganzen = österreich zu.

dieser rückschluß darf jedoch NICHT als schlüssig betrachtet werden.

zwar ruiniert der zerfall der steiermark den bestand österreichs, nicht jedoch zerfällt die steiermark durch den ruin österreichs. SO ERWEIST SICH DER BESTAND DER TEILE ÖSTERREICHS DEM ZERFALL GEGENÜBER RESISTENTER ALS DER BESTAND ÖSTERREICHS SELBST.

die steiermark zerfällt aus zufälligkeit, österreich aus notwendigkeit.

die resistenz der teile ermöglicht die labilität des ganzen.

das ganze existiert nur als labiles ganzes.

steiermark, das ist die resistenz.

österreich, das ist die labilität.

excursende

weil wir steirer vor allem bauern sind, sind wir natürliche menschen.

wir sind so wie die natur, die uns umgibt, unsere landschaft. und deswegen sind wir herrliche menschen, weil »UNS STEIRERN HAT DER HERRGOTT EIN HERRLICHES LAND GESCHENKT«, wie unser landesvater gesagt hat in der steirischen akademie 1966, seite 11. deswegen sind wir steirer ganz natürlich herrliche menschen, weil wir so natürlich wie unser land sind, das auch herrlich ist.

excurs 3 über die voraussetzungen der herrlichkeit

wenn unser steirisches land nicht herrlich wäre, könnten auch wir steirer nicht herrliche menschen sein.

excursende

ist der steirer herrlich, weil seine landschaft herrlich ist, so wird die steirische landschaftsidentifikation vorausgesetzt. DIE LANDSCHAFTSIDENTIFIKATION IST DIE VORAUSSETZUNG FÜR EIN URTÜMLICHES, D. H. NATÜRLICHES MENSCHENTUM.

weil sich der steirer mit seiner landschaft identifiziert, ist der steirer ein urtümlicher, d.h. natürlicher mensch.

die landschaftsidentifikation ist nur dann günstig, wenn eine günstige landschaft vorhanden ist, z.b. eine herrliche.

die steiermark ist eine überaus günstige landschaft.

excurs 4 über blut und boden

das sein der steiermark fußt auf dem steirertum.

das steirertum entsteht aus der identifikation von steirischer landschaft und steirischem menschen.

die steirische landschaft entsteht aus dem steirischen boden, der steirische mensch aus dem steirischen bodenverbundenen menschen.

wenn die landschaft aus boden und der mensch aus blut besteht und in der steiermark eine menschliche landschaftsidentifikation besteht, dann blutet der steirische boden, wenn der steirische mensch blutet.

und wenn sich die steirische landschaft verletzt, verletzt sich der steirische mensch.

wenn das HERZ des STEIRISCHEN menschen bei einer steirischen BODENverletzung zu bluten beginnt, so beginnt also auch der STEIRISCHE BODEN ZU BLUTEN.

blut ist das innerste des steirischen menschen, wie boden das innerste der steirischen landschaft ist.

deswegen sind steirisches blut und steirischer boden identisch.

excursende

teil II

zur typologie des steirermenschen

der herrliche steirer kann nach gesagtem nicht mehr, wie bisher, in der herkömmlichen geografie, nach rassistischen gesichtspunkten eingeteilt werden, weil wir steirer eine einzige große familie sind. die UNTERSCHIEDE der insgesamt herrlichen steirischen menschen ergeben sich NATÜRLICH durch die steirische boden- und landschaftsidentifikation.

DIE STEIRISCHE LANDSCHAFT TYPISIERT DEN STEIRISCHEN MENSCHEN. (weil die steiermark das land der vielfalt ist, sind auch wir steirer vielfältige menschen.) weil das steirertum BAUERNTUM ist, das bauerntum sich aber am liebsten auf dem felde aufhält, ist der

feldsteirer

wohl der gängigste steirische typus. örtlich gesehen befinden sich die meisten felder und damit solche typen in ebenen steirischen gebieten (wie: grazer becken, aichfeld, ennstal) sowie an den ausläufern der steirischen berge (wie: murtal).

neben den feldbauern bieten wohl die waldbauern die zweitstärkste gruppe. der

waldsteirer

ist wie kein anderer steirischer typus über das ganze land steiermark verstreut, aber in keiner dichten dichte. NOCH IMMER HAT DIE STEIERMARK WEITAUS MEHR WALD ALS WALDSTEIRER. der bestand des waldsteirers läßt im gegenteil noch mehr nach als der waldbestand!

ihm folgt in sehr knappem abstand schon der

flußsteirer,

der dreigeteilt wird in MURZsteirer, ENNssteirer und MÜRZsteirer. von einem solchen flußbauern spricht man nur dann, wenn der steirische mensch das einen der drei schönen steirischen flüsse unmittelbar berüh rende gebiet entlang des flusses bewohnt und bearbeitet.

eine unterart des flußsteirers, die zahlenmäßig nicht zu unterschätzen ist, bildet der

bachsteirer,

der naturgemäß nicht – wie der flußsteirer – solchen ruhigfließenden, sich schlängelnden, sondern eher einen kleinen, allerdings noch immer herrlichen, manchmal auch mitreißenden charakter besitzt.

dort, wo die wälder der steiermark beginnen, beginnen auch die steirischen berge, oder die wälder sind schon auf den bergen.

dort wohnt der

bergsteirer.

oft haust er in naher verwandtschaft zum waldsteirer, meist aber über dem waldsteirer. der WEITBLICK des bergbauern ist daher auch bekannt. der bergsteirer beherrscht zudem in der regel (IN DER REGEL) auch noch die kunst des bergsteigens.

auch sind mehr berge als bergsteirer vorhanden.

zu den spezifischen unterarten gehören hier der

gebirgssteirer

und dann der ganz EXTREME

alpensteirer.

da die vielfältig herrliche steiermark auch ein begabtes land der steinbrüche ist, steine aber den boden der steirischen landschaft bilden, etc., etc., die steiermark also: ein vielfältiges land der MENSCHENBRÜCHE ist, d. h. mit der höchsten selbstmordrate, spricht man seltsamerweise NICHT vom steirischen steinmenschen oder bruchmenschen oder steinbruchmenschen, sondern vom

steinsteirer, der nicht selten mit dem

kernsteirer verwechselt wird,

der allerdings aus einer ganz anderen, nämlich der obstgegend stammt, die sich weit erstreckt. diesem kernsteirer ist der bekannte moststeirer natürlich viel ähnlicher, da er auch aus der steirischen obstlandschaft stammt.

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ein weiterer bewohner dieser landschaft ist der

weinsteirer

im süden grazens, dessen eher saurer charakter in seinem verzogenen angesichte einen ausdruck fand.

in ÖSTERREICH WURDE der weinsteirer zugleich mit der weinsteuer SEHR BEKANNT.

ein charakteristikum des weinsteirers ist es außerdem, daß er dem steinsteirer sehr zugeneigt ist; so zeugten weinsteirer und steinsteirer wegen der weinsteuer den weinstein. dieses kreuzungsprodukt von weinsteirer und steinsteirer hat inzwischen den siegeszug durch die weinwelt angetreten. auch das sprichwort: »STEIRERBLUT IST KEIN HIMBEERSAFT« kann hier erwähnt werden.

da hier keine erschöpfende steirische typologie geboten werden kann, seien nur noch kurz 2 aus der großen anzahl von seltenen steirischen typen erwähnt. der

höhlensteirer,

oder steirischer höhlenmensch,

konnte sich bis in die heutigen tage trotz genetischer schwierigkeiten in den natürlichen steirischen höhlen, deren es mehrere gut versteckte gibt, herüberretten. der begriff höhlenbauer geriet schon in vergessenheit.

der

bodensteirer oder lochsteirer

hält sich in sogenannten bergwerken auf und nimmt dort seine bäuerlichen verrichtungen vor.

auch bodenbauer oder lochbauer sind kaum noch in gebrauch.

eine dritte art wäre wiederum der

steirische buschmensch, für den selbst schon der begriff buschsteirer abhanden gekommen ist.

sollte eventuell noch die art der sozialisation des steirischen menschen als weiterer einteilungsgrund genommen werden, so ist darauf zu achten, daß nicht ohne vorsicht vom

dorfsteirer

und vom

stadtsteirer

gesprochen wird, denn aufgrund der wieder zu erwähnenden steirischen landschaftsidentifikation besitzt die steiermark keine dorflandschaften oder stadtlandschaften, sondern NUR LANDSCHAFTSDÖRFER UND LANDSCHAFTSSTÄDTE.

soviel zu einem kurzen typologischen abriß, der hier endet.

teil III

kurzexcurse

wie wir steirer leben

was wir steirer sind

was wir steirer wollen

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steirische heimatliebe

wie kein anderes volk liebt das steirervolk seine heimat.

es lebt seine heimat.

es identifiziert sich mit ihr.

es ist SELBST die steiermark.

der bach, der stein, das feld, der fluß, der berg, der wald, die ALPEN, die bäume, der wein, der most, das bier, das obst, das gebirge, die höhlen, der boden, das dorf, die stadt, der busch, die vögel, das tier, der steirer, die kleidung, das eigenartige leben – und die inbrünstige beziehung aller untereinander:

DAS IST DAS STEIRERVOLK.

der steirer, der seine heimat liebt – und es gibt keinen anderen, so sind wir eben – liebt sich selbst, weil er selbst die steiermark ist.

daher diese brunst.

der steireranzug

»an seinem anzug magst du den steirer erkennen.«

peter rosegger

neben anderen merkmalen unterscheidet den steirer vom anderen menschen der steireranzug.

er ist so HERRLICH wie sein land.

der steireranzug hat vor allem für den anderen menschen große bedeutung; an ihm erkennt er den steirer. es ist zwar zuzugeben, daß der steirer seinen siegeszug durch die welt mit dem steireranzug an seinem STEIRISCHEN KöRPER angetreten hat – deswegen hat schließlich auch der steireranzug seinen siegeszug durch die welt angetreten –, doch ist der steireranzug heute schon so profaniert worden, daß er ohne allgemeine rechtsfolgen auch schon von nichtsteirern getragen werden darf. sogar bei der letztjährigen sozialistischen internationale soll er schon gesehen worden sein. vor dem betreten der steiermark durch nichtsteirische typen, deren körper vom steireranzug bedeckt wird, ist jedoch abzuraten.

heute ist ja unsere heilige heimische tradition vor nichts und niemandem mehr sicher; es ist offenkundig, daß die latenten kirchlichen entsakralisierungstendenzen auch schon auf unser steirisches bekleidungswesen übergegriffen haben. doch darf sich der steirer nicht davor fürchten; die VERSTEIRERUNG der welt muß mit sichtbaren zeichen beginnen; sie frißt sich heute schon bis in intimste salons vor. so WIRKSAM ist der steireranzug.

zwar wurde also der siegeszug des steirers mit dem steireranzug begonnen, doch darf man als steirer dazu ruhig bemerken, daß dies nur aus propagandazwecken für die universalität des steirertums geschehen war. alle echten steirer – und es gibt deren noch einige – sind sich daher darüber einig, daß es eine reine einseitigkeit ist, NUR den grauen loden mit grünem revers und hirschknöpfen, mit oder ohne lampas, aber mit steirerhut und gamsbart als »steireranzug« zu bezeichnen.

entgegnung.

richtig ist vielmehr, daß ALLES, WAS EIN STEIRER ANZIEHT, EIN STEIRERANZUG IST.

anhang: der steirische gamsbart

besonders die »MODERNE« abart des steireranzugs, der salonsteirer (-anzug), wird ohne lampas und ohne gamsbart getragen. der echte steirer trägt seinen steireranzug – ob aus loden, leder oder fell – nur MIT gamsbart.

auch wenn er feld- oder steinsteirer ist. (das ist ein hinweis auf die ehemalige vorherrschaft des wald- und gebirgssteirers in der steiermark.)

es kann als gesichert gelten, daß der gamsbart aus den höheren regionen der steiermark, wo gemse, gebirgssteirer und anderes hochwild hausen, stammt.

der steirische gamsbart wird nach wie vor händisch erzeugt, u.zw. durch auszupfen, bündeln und binden des gamsbartes, der sich an bestimmten stellen einer toten steirischen gemse befindet.

der steirische gamsbartbinder steht daher bei uns in der steiermark hoch im ansehen (z.b. stammt die erfindung der gewöhnlichen bartbinde aus der zunft der gamsbartbinder). seine EHRE gleicht der des dorfrichters.

heute ist die seltenheit des gamsbartbinders und des dorfrichters schon fast gleich groß. das bedauern die echten steirer.

VERLUST