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SIBYLLE HAMANN

SAUBERE DIENSTE

SIBYLLE HAMANN

Saubere Dienste

EIN REPORT

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Dank an: Fahime D., Krisztina A., Katarzyna M., Kristina Č. und Maciej S., ohne deren Arbeit meine Arbeit nicht möglich wäre

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

© 2012 Residenz Verlag

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INHALT

PROLOG

Franziska, 7 Euro:
Ein Selbstversuch

Es ist halb acht Uhr morgens, über die Hauptverkehrsstraße donnert der Frühverkehr. Dreispurig in die eine Richtung, vierspurig in die andere. Die Sonne kämpft sich langsam durch den Smog. Bauarbeiter, Kinder mit Schulranzen, Lieferanten. Vor der U-Bahn-Station werden die Boxen mit Gratiszeitungen neu befüllt. Ich kenne die Gegend gut, aber um diese Zeit war ich noch nie hier. Alles fühlt sich fremd an. Ein entfernter Bekannter zieht zwei Kinder hinter sich her über den Zebrastreifen. Ich erschrecke, drehe mich weg, er schaut kurz durch mich hindurch. Er hat mich nicht erkannt.

Ich sehe anders aus als sonst. Trage Turnschuhe und Jogginghosen. Die ausgebeulten, von ganz hinten aus dem Schrank. Die Haare sind unter einem geblümten Tuch versteckt. Ich habe nur einen Straßenbahnfahrschein dabei, ein am Vortag gekauftes Wertkartenhandy und 10 Euro in bar. Keine Handtasche, keine Wimperntusche, keinen Terminkalender, keine Bankomatkarte, kein Smartphone, nichts, was mich verraten könnte. Heute heiße ich Franziska.

Ich bin viel zu früh dran. Beim Lebensmitteldiscounter kaufe ich noch eine in Plastikfolie eingeschweißte Brezel. Wer weiß, wann ich etwas zum Essen bekomme. Drücke mich in den Hauseingang gleich neben dem Pornokino und starre abwechselnd auf das Klingelbrett und auf die Autokolonne, die eben durchdringend zu hupen begonnen hat. Noch zehn Minuten. Zu früh sollte ich nicht läuten. Zu lange sollte ich allerdings auch nicht im Hauseingang herumstehen. Was, wenn mich jemand anspricht? Ich bin nervös. Es ist mein erster Job.

Zwei Stunden später stehe ich zwei Stockwerke über dem brausenden Verkehr, einen Fuß auf dem Fensterbrett, eine dunkelgraue Brühe rinnt mir den Unterarm herunter, und alle Angst ist verflogen. Sprühen, wischen, sprühen, wischen, siebenmal hintereinander, ein achtes Mal auch noch, die Brühe rinnt in den Ärmel hinein, aber dann, endlich, hat man den Ruß besiegt. Der Rahmen ist sauber, durch die klare Scheibe strahlt die Vormittagssonne. Ich wische mir mit dem geblümten Tuch den Schweiß von der Stirn und begutachte mein Werk. Ich bin Putzfrau. Ich bin gut. Ich bin stolz auf mich.

»Franziska, 7 Euro« stand in der Annonce, die mich in diese Wohnung, auf dieses Fensterbrett gebracht hat. Es ging sehr schnell. Alles, was man braucht, um in fremder Menschen Leben einzudringen, sind ein Vorname und eine Handynummer. Dann kann man in einer Gratiszeitung inserieren oder sich auf einer der zahlreichen Online-Plattformen durch die Annoncen klicken. Die Rubriken heißen »Dienstleistungen«, »Privat« oder »Haushalt«. Soll man jedoch unter »Angebot« suchen? Oder unter »Nachfrage«? Mit dieser Begriffsunsicherheit ist man, wie die Inserate zeigen, nicht allein; schließlich bietet der Arbeitgeber einen Job an und die Arbeitnehmerin ihre Arbeitskraft.

Andere Begriffsunschärfen sind schneller durchschaut. »Offenheit für mehr« ist ein ziemlich eindeutiges Codewort; ebenso, wenn eine Frau gesucht wird, »die mich und meine Wohnung verwöhnt«. Misstrauen ist angebracht, wenn der angebotene Stundenlohn über 10 Euro liegt, und ebenso, wenn betont wird, wie wenig zu tun sei. Man wird in »eine kaum benützte kleine Zweitwohnung« bestellt, die »gar nicht viel Arbeit macht«? Was soll man dann dort?

Vertrauensbildend ist hingegen, wenn man einen Nachnamen liest. Wenn die Art der Arbeit genau beschrieben wird (Hemden bügeln; das Kind donnerstags aus der Schule abholen; Essen kochen, aber bitte glutenfrei). Vertrauensbildend ist, wenn ein Arbeitgeber viel von sich und seiner Lebenssituation preisgibt (»Wir sind Chaoten und suchen jemanden, der die Wohnung jeden Freitag in einen besuchsfähigen Zustand bringt – kein Putzen, nur Aufräumen!«; »Wir haben eine lebhafte Zweijährige, demnächst kommt das zweite Kind«; »Ich sitze im Rollstuhl, bin 90 Kilo schwer und brauche Assistenz beim Waschen«).

Ein paar Stunden, ein paar Tage vielleicht braucht es, um sich auf diesen Tonfall, diese Terminologie einzustimmen. Sich die vielen möglichen Begegnungen vorzustellen und zu überlegen, auf welche davon man sich einlassen will. Man fasst Mut; man beginnt, das Telefon abzuheben, wenn es klingelt; man ruft wildfremde Menschen an und staunt, wie rasch man ihnen näherkommt.

Franziska heißt in Wirklichkeit nicht Franziska, aber sie will niemanden betrügen und niemandem das Leben schwermachen. Viele Jobs kommen daher nicht infrage. Für Assistenzdienste bei Behinderten werden in der Regel Helfer gesucht, die Zahlungsbestätigungen ausstellen – das geht unter falscher Identität nicht. Für die Altenpflege fehlen Franziska die Erfahrung und medizinische Grundkenntnisse. Babysitten kann sie zwar – doch irgendwie hat sie ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, gestresste Jungeltern, die auf der Suche nach einer längerfristigen Vertrauensperson sind, nach ein, zwei Besuchen wieder sitzenzulassen.

Bleibt also das Putzen. Zum Beispiel bei Frau D. In einem schmucken Einfamilienhaus im Villenviertel, einem gutbürgerlichen Haushalt mit einem Messie-Problem.

Zwei feuchte Hundeschnauzen haben Franziska begrüßt, und Frau D. hat sie eingewiesen, wie sie wahrscheinlich schon viele Haushaltshilfen eingewiesen hat. Hier sind die Schwämmchen, dort die Putzmittel, »die Küche wischen«, lautet ihr erster Auftrag. Doch in dieser Küche ist nichts frei, was man wischen könnte. Da liegen Teedosen, Wecker, Ziermagnete, Ersatzbatterien, Müsli-Probepackungen, Seidenblumen, Werbegeschenke, Ladegeräte, Plastikfiguren, Teile von Küchengeräten, jahrealte Gewürzmischungen und Styroporverpackungen, alles nach keinem erkennbaren System zu komplexen Landschaften ineinandergeschlichtet. Frau D. drückt mir eine Sellerieknolle in die Hand, ehe sie die Küche verlässt. Ich versuche, die Knolle irgendwo abzulegen, aber es gelingt mir nicht: auf dem Fensterbrett, auf und in den beiden Kühlschränken, in den Nischen über der Kaffeemaschine, alles voll. Ich lege die Knolle auf den Boden und beginne, die festgebackenen Türme zu entwirren, um die Flächen darunter freizulegen.

Es dauert nicht lange, bis ich begreife, dass die Falle zugeschnappt ist. Hat man nämlich erst einmal alles aus einer Ecke herausgezerrt, kriegt man es niemals mit demselben Volumen wieder in dieselbe Ecke zurück. Dass die Flächen, die darunterliegen, jetzt gewischt sind, wird niemals jemand wahrnehmen. Dafür schaut die Küche jetzt noch chaotischer aus als vorher.

Nach einer Stunde bin ich erschöpft und verzweifelt, meine Arbeitgeberin ist ungehalten. »Sie müssen noch viel lernen«, sagt sie und nimmt mir vorwurfsvoll das Schwämmchen aus der Hand. Etwas in mir will sich verteidigen. Will sagen, dass nicht ich das Problem in dieser Küche bin, sondern alles andere. Aber wer bin ich, dass ich mir ein Urteil über diese Ordnung, diesen Haushalt, dieses Leben anmaße? Ich bin Franziska, 7 Euro. Ich nicke bloß.

Während ich die Badewanne putze, purzeln mir vom Badewannenrand Dutzende verstaubte Shampoo-Probefläschchen entgegen – soll ich die tatsächlich alle einzeln abwischen? Ich entleere mit den Fingern alle Abfalleimer, ohne die darin befindlichen Plastiksäcke wegzuwerfen, denn die werden, wie mir Frau D. eingeschärft hat, wiederverwendet, »wegen dem Umweltschutz«. Ich arbeite mich mit dem Staubsaugerrohr um Stapel alter Zeitungen herum, da liegt auch eine Ausgabe mit meinem Kolumnenbild, ich platziere zur Sicherheit eines der vielen herumliegenden Gutscheinhefte oben drauf. Ich beziehe das Ehebett frisch, inzwischen kleben schon ganze Büschel von Hundehaaren an meinen Socken. Und irgendwann stehe ich vor einer Dampfbügelstation und schäme mich.

Ich hatte am Telefon behauptet, ich könne bügeln. Doch schon an der ersten Dirndlbluse scheitere ich; der Kragen, die Fältchen, die schwierigen Puffärmel. Ich weiß, dass Frau D. mit ihrem missbilligenden Blick recht hat, doch je mehr Tipps sie mir gibt, desto verstockter werde ich. Ich schicke trotzige Dampfstöße und will sagen: Ich kann das hier nicht, dafür kann ich etwas anderes. Aber das darf ich nicht sagen, und es täte hier, an der Dampfbügelstation, auch nichts zur Sache. Schließlich ziehe ich den Kopf zwischen die Schultern und trolle mich davon, schuld-bewusst, mit 40 Euro in der Tasche. Frau D. war nicht sehr zufrieden mit mir.

Noch tagelang werde ich Hundehaare an meinen Kleidern finden, noch tagelang wird das Gefühl an mir nagen, ich hätte versagt. Und noch tagelang beschäftigt mich die Frage: Wie hätte sich die Demütigung angefühlt, wäre Franziska keine recherchierende Journalistin gewesen, sondern »echt«? Schlimmer? Weniger schlimm? Andererseits: Was macht die »echte« Haushaltshilfe eigentlich aus, und was unterscheidet sie von mir?

In den Augen von Frau D. ist Franziska eine ganz normale, nicht besonders talentierte Österreicherin, die einfach Pech im Leben gehabt hat. Dass ich Mitte 40 bin, zwei schulpflichtige Kinder habe und keine feste Anstellung, musste ich ihr gegenüber nicht erfinden, das entspricht den Tatsachen. Dass Franziska in Trennung lebt und Schulden hat, war zwar gelogen – aber absurd weit weg von meiner möglichen Wirklichkeit wäre es nicht. Wäre Franziska Moldauerin oder Tadschikin – sie könnte sogar mein Politikwissenschaftsstudium, meinen Universitätsabschluss oder meine 20 Jahre Berufspraxis als Journalistin erwähnen, ohne deswegen unglaubwürdig zu werden. Als illegale Ausländerin könnte Franziska genau die sein, die ich bin, Ausbildung, Ambitionen und Familiengeschichte inklusive, und dennoch – oder gerade deswegen – genau jetzt bei Frau D. an der Bügelstation stehen.

Frau S. meldet sich auf mein Inserat, mit einer jungen, lebhaften Stimme. Sie wundert sich, dass Franziska akzentfrei deutsch spricht. Ich hatte gemeint, das würde meine Chancen auf einen Job erhöhen. Aber das Gegenteil ist der Fall, zumindest bei Frau S. Wir stehen in ihrer geräumigen Altbauwohnung in der Nähe der Innenstadt, doch meiner potenziellen Arbeitgeberin kommen bereits Zweifel. Eine Österreicherin zu beschäftigen, käme ihr irgendwie seltsam vor, sagt sie. »Sie werden doch auch mein Klo putzen müssen.« Das sei mir bewusst, sage ich. Ihr aber wäre es unangenehm, sagt sie, lieber wäre ihr für solch intime Verrichtungen »eine richtige Putzfrau, eine Polin zum Beispiel«. Was kann eine Polin, was Franziska nicht kann? Wo müsste ich herkommen, damit ich ihr Klo putzen darf, ohne ihr Gewissen zu belasten? Wir scherzen ein bisschen. Wir sind einander nicht unsympathisch. Es hilft nichts, dass ich beteuere, wie dringend ich Geld brauche. Frau S. schickt Franziska weg.

»Cleaning, babysitter, I help in house, 7 Euro«, inseriere ich also beim nächsten Mal. Ab jetzt soll Franziska eine Frau sein, die gar kein Deutsch versteht. Gerade erst ist sie in Wien angekommen, kennt hier niemanden, spricht nur ein paar unbeholfene Brocken Englisch. Denn mit glaubwürdigem Akzent deutsch zu reden, traue ich mir nicht zu.

Ich rechne nicht mit großem Widerhall. Doch wieder habe ich mich geirrt. Das Telefon klingelt diesmal sofort, kaum, dass die Annonce online geht. Noch spätabends um zehn und morgens wieder ab sieben Uhr. Die Freundlichkeit der Anrufer überrascht. Gleich mehrere umwerben Franziska, mit sanften Stimmen, gedrechselten Komplimenten, die meisten in bemühtem Schulenglisch, ein anderer auf Französisch, einer quält sich sogar ein paar nette Sätze auf Russisch ab. Nein, nein, die Sprache sei überhaupt kein Thema, versichern sie. »I come cleaning, yes?«, stottert Franziska und bekommt dafür sogleich das Angebot, dem Anrufer privaten Englischunterricht zu geben. Franziska sei doch so intelligent, sie könne mehr verdienen als 7 Euro in der Stunde. Ob sie sich denn nicht für Kunst interessiere, für Fotografie? Ein Model könne sie werden, man könne sie ganz groß rausbringen, doch, doch, dafür sei sie ganz sicher hübsch genug, sie wisse es bloß noch nicht. Einer bietet an, sie könne gleich bei ihm einziehen und am nächsten Tag schon Kleider kaufen gehen. Nur für »ein bisschen Massage, ab und zu«.

Es muss, so lassen diese seltsamen Telefonate vermuten, eine Dutzendschaft von Männern geben, die dort draußen, in den Weiten des Internets, den ganzen Tag Annoncen screenen und sofort zuschlagen, wenn sie auf dem Marktplatz Frischfleisch wittern.

Herr K. ist anders, das hört man sofort. Geschäftsmäßiger, nüchterner. Er habe vor dem Winter einiges im Haushalt zu erledigen, das er mit seinem kaputten Bein nicht schaffe, sagt er: die Gardinen abnehmen, waschen und wieder aufhängen, die Ventilatoren reinigen und oben im Kasten verstauen. Franziskas Alter interessiert ihn ausschließlich aus technischen Gründen. Ob Franziska fit genug sei, um auf Leitern zu steigen? »Yes, I can«, sagt sie.

Herr K. öffnet die Tür im Unterhemd, mit einem Handtuch über den Schultern. Hinter ihm eine klassische Wiener Substandard-Wohnung, die offenbar in jahrelanger eigenhändiger Bastelarbeit bewohnbar gemacht wurde. Herr K. ist ein stämmiger Mann von etwa 60 Jahren, in seinem Wohnzimmer stehen Turnbänke mit Hanteln, er scheint eben trainiert zu haben. Dennoch wirkt nichts an ihm bedrohlich. Er geht am Stock. Warum, das wird er Franziska im Lauf des Tages noch genauer erzählen.

Doch zunächst geht es an die Arbeit. Herr K. drückt mir 50 Euro in die Hand und schickt mich zum Drogeriemarkt, Scheuerpulver und Bleichmittel kaufen. Er schreibt alles genau auf einen Zettel. Den soll ich der Kassiererin zeigen, wenn ich die grüne Plastikflasche im Regal nicht finde. »Sie sollten ein bisschen Deutsch lernen«, ermahnt er mich, »das ist wichtig, sonst betrügt man Sie.« Die Idee, Franziska könne mit dem Geld abhauen und ihn mit der Hausarbeit sitzen lassen, ist ihm gar nicht gekommen. Auch das Wechselgeld zählt er nicht nach, als ich stolz mit der grünen Flasche zurückkomme.

Bleichmittel ist wichtig in diesem Haushalt, denn Herr K. hat es mit der Hygiene. »Immer die doppelte Menge nehmen«, erklärt er, während er mir zeigt, wie die Waschmaschine funktioniert. »Die doppelte Menge« gilt beim Waschpulver, beim Weichspüler, beim Geschirrspülmittel und auch bei der Küchenrolle. Frau D. hatte mir das Putzen mit Küchenrolle noch verboten, »wegen dem Umweltschutz«, und mir verwaschene graue Stofflappen aus alten T-Shirts und zerrissenen Bettbezügen in die Hand gedrückt. Herr K. hingegen beobachtet meine Sparsamkeit mit Belustigung. »Mehr nehmen, doppelt!«, ermuntert er mich.

Während ich in den kommenden Stunden Möbel wische, die frisch gewaschenen Gardinen aufhänge und eine dicke Schmutzschicht von den Rotorblättern des Ventilators kratze, lerne ich Herrn K. ein bisschen kennen. Das Bild an der Wand zeigt eine Straßenszene aus Bagdad, dort ist er geboren. Der Klapptisch mit der kunstvoll gehämmerten Kupferplatte stammt aus dem Iran, von dort stammt seine Frau. Sie heirateten in Wien, als der Iran-Irak-Krieg ausbrach.

Die Journalistin würde sich für diese Geschichte spätestens jetzt zu interessieren beginnen. Doch Franziska, 7 Euro, muss ihre Neugier zähmen, damit sie sich nicht verrät. Herr K. will nicht aufdringlich sein. Er schaut Nachrichten auf ntv. Einige der Meldungen übersetzt er für Franziska, um sie bei der Arbeit zu unterhalten; er nimmt an, dass sie sich weniger für den Aufstand in Syrien und mehr für die Miss-World-Wahl und für intelligente Hunde interessiert. Ab und zu erkundigt er sich nach ein paar Eckdaten aus ihrem Leben (der Mann in Italien, die zwei Kinder bei der Oma in Moldau, der Rest ist Lüge und Improvisation) und gibt im Gegenzug ein paar aus seinem eigenen preis.

Seit 30 Jahren arbeitet Herr K. als Taxifahrer. Vor 15 Jahren fuhr ihm eine junge Frau auf der Kreuzung mitten ins Auto, es war zwei Uhr in der Nacht, sie hatte Rot, sie war betrunken, sie wollte sich umbringen. Das gelang ihr. Doch auch bei Herrn K. hinterließ der Unfall einen Nervenschaden. Das Bein gehorche ihm seither nicht mehr richtig, sagt er. Es sei schwierig gewesen in den Jahren nach dem Unfall. Drei kleine Kinder, Geldsorgen, Schmerzen, Schuldgefühle, immer öfter gab es mit der Ehefrau Streit. Bis sie eines Tages wegging, nach Amerika, die Scheidung einreichte und ihn mit den drei Buben zurückließ, der jüngste war gerade einmal fünf.

Er habe kochen lernen müssen, grinst er, und richtet für Franziska ein Frühstück her. Er habe sich durchgebissen in all den Jahren, er habe sich bemüht, seine Kinder seinen Stress nicht spüren zu lassen und ein guter Vater zu sein; und er sehe schon, so ähnlich gehe es Franziska momentan auch. »Sie sollten die Kinder nicht zu lange allein lassen«, rät er. »Sie sollten schauen, dass sie hier in Wien in die Schule gehen und etwas lernen.« Wien sei eine gute, sichere Stadt. Ob ich mich schon erkundigt hätte, wegen Möglichkeiten, sie nachzuholen? Als ich »visa« stammle, »illegal« und »passport«, nickt er besorgt. Herr K. kennt sich aus mit Begriffen wie Arbeitsgenehmigung und Fremdenpolizei. Schließlich war er auch einmal »Ausländer«.

Franziska braust noch die Seidenblumengestecke in der Badewanne ab, zupft die Häkeldeckchen zurecht, wischt die Putzkübel aus und verstaut die Trittleiter. Sie hat hart gearbeitet, das Handgelenk schmerzt schon. Herr K. winkt sie neben sich aufs Sofa, es gibt noch etwas, das er ihr zeigen will. Ein Zeitungsausschnitt, »das ist das Blatt für die gescheiten Leute«, erklärt er, mit einem Bild von seinem älteren Sohn. Der hat in siebeneinhalb Semestern sein Medizinstudium geschafft und damit den österreichischen Rekord aufgestellt. Heute ist er Neurologe an einem bekannten Wiener Spital. Der zweite Sohn, sagt Herr K., sei Wirtschaftsinformatiker, der jüngste – er zeigt auf die Tür zum Nebenzimmer – Musiker, der wohnt noch hier.

Franziska lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen, fällt erschöpft in den Sitz der Straßenbahn, nimmt das geblümte Tuch vom Kopf und massiert sich das Handgelenk. Franziska, 7 Euro, freut sich über die 10 Euro Trinkgeld. Ich hingegen, ich schäme mich ein bisschen.

KAPITEL 1

Die hier sind

Die schwachen Momente. Die Takte der Arbeitswelt und der Familie. Und die Sollbruchstellen dazwischen

Beginnen wir diese Geschichte mit den schwachen Momenten im Leben. Mit jenen, in denen man Hilfe braucht.

Einer von diesen Momenten bricht über jeden Menschen herein, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Männer und Frauen, die bis dahin ganz selbstverständlich über ihre Zeit verfügten und einer Arbeit außer Haus nachgingen, müssen sich plötzlich zwischen drei Optionen entscheiden: Sie können sich den Säugling entweder auf den Rücken schnallen und zur Arbeit mitnehmen. Sie können mit dem Säugling zu Hause bleiben und auf ihr bisheriges Einkommen verzichten. Oder sie können beide weiterarbeiten und den Säugling einem anderen Menschen anvertrauen.

Wenn der Nachwuchs größer wird, wird alles anders, aber nicht zwingend einfacher. Zwar gehen die Kinder dann in die Schule, doch die Schul- sind mit den Arbeitszeiten der Eltern nur selten deckungsgleich. Kinder haben nachmittags frei, bekommen in der Schule kein Mittagessen serviert, haben Ferien. Eltern arbeiten nachmittags, abends, nachts, am Wochenende oder an einem anderen Ort. Es gibt Schulwege, Wege zum Arbeitsplatz, Wege zum Taekwondo-Kurs, zum Kindergeburtstag, zur Oma, und nicht immer fügen sich alle diese Wege und Verpflichtungen geschmeidig ineinander.

Krankheiten sind die nächste Problemzone. Zunächst die üblichen, vorübergehenden Unpässlichkeiten, die jede familiäre Routine aus dem Tritt bringen. Es gibt jedoch auch Kinder mit chronischen Beschwerden, mit Behinderungen oder speziellen Defiziten, die permanent jemanden an ihrer Seite brauchen. Und es gibt kranke Eltern, die nicht leisten können, was sie leisten müssten, weil sie selbst nicht hundertprozentig fit sind.

Irgendwann kommt schließlich, für die Gesunden ebenso wie für die Kranken, das Alter. Und mit ihm kommen unterschiedliche Ausprägungen von körperlicher Gebrechlichkeit, Bettlägrigkeit, geistiger Einschränkung oder Demenz. Ähnlich wie bei Babys kann das bedeuten, dass man einen Menschen keine Minute aus den Augen lassen kann. Doch anders als bei Babys wird dieser Betreuungsaufwand mit der Zeit nicht weniger, sondern tendenziell mehr. Anders als bei Babys kann man nicht verlässlich damit rechnen, wie es weitergehen wird. Man kann die nächsten zwei, drei Jahre nicht vorausplanen. Und man weiß nie, wie lange es dauern wird, bis es zu Ende ist.

Alle Menschen sind in ihrem Leben zeitweilig abhängig und nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen: Das ist eine menschheitsgeschichtliche Konstante. Die Wissenschaft dazu heißt »Care economy«. Sie stellt die Frage »Who cares?«, »wer kümmert sich?«. Gesellschaften entwickeln nämlich sehr unterschiedliche Strategien, um mit schwachen Momenten umzugehen. Wie gut sie das schaffen, ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebensstandards.

In vorindustriellen Gesellschaften war und ist es die erweiterte Großfamilie, die Betreuungaufgaben abfängt. »It takes a village« heißt das afrikanische Sprichwort, das dazu gern zitiert wird, Hillary Clinton hat diesen Satz populär gemacht. Die Sorge um nicht-produktive Familienmitglieder ist auch in einem afrikanischen Dorf keine konfliktfreie Idylle. Aber Arbeit und Leben spielen sich in bäuerlichen Gesellschaften normalerweise an ein und demselben Ort ab, in einem Tempo, das je nach Bedarf angepasst werden kann. Das macht es leichter.

Sobald man jedoch nicht mehr mit der Großfamilie unter einem Dach lebt und außer Haus erwerbstätig ist, fallen zwei Lebensbereiche physisch auseinander. Auf der einen Seite das Draußen, die reguläre, geachtete, bezahlte, weithin sichtbare und allseits anerkannte Arbeit – jene Arbeit, die wir »Lohnarbeit« nennen, die Wohlstand stiftet und sehr häufig auch Status und Sinn. Auf der anderen Seite jene zweite, unbezahlte Art von Arbeit, die in der Wissenschaft »Reproduktionsarbeit« genannt wird. Damit sind jene Tätigkeiten gemeint, die notwendig sind, damit alle Mitglieder einer Gesellschaft satt, sauber, zufrieden und emotional ausgeglichen sind. Die ist weniger sichtbar, wird oft nicht als »richtige Arbeit« anerkannt, und ist meistens unbezahlt.

Teile dieser Arbeit sind im Zuge der Industrialisierung weniger geworden. Seit wir fließendes Wasser im Haus haben, statt zum Brunnen gehen zu müssen; seit wir nicht mehr Brennholz sammeln und unsere Kleider selber nähen; seit es Waschmaschinen und Pizza-Service gibt; seit wir nicht mehr vier oder fünf Kinder zu versorgen haben, sondern nur eins oder zwei. Wurden 1965 jede Woche noch 30 Stunden »klassische« Hausarbeit verrichtet, waren es 30 Jahre später nur noch 17,5. In vielen Haushaltsbereichen haben sich die Standards gelockert, gestärkte Bettwäsche erwartet sich kaum jemand mehr.

Doch zwangsläufig weniger wird die Versorgungsarbeit deswegen nicht. Je höher der Lebensstandard, umso größer die Wohnungen. Je weniger Kinder wir haben, umso perfekter muss jedes einzelne umsorgt werden. Und je besser es uns geht, desto älter werden wir: Der Anteil der Über-80-Jährigen an der Bevölkerung wird sich in 50 Jahren von heute 5 auf 12 Prozent erhöhen. Selbst wenn die länger fit bleiben als heute – die Zahl der Demenzkranken wird sich in den USA und Europa mindestens verdoppeln. Zwei Millionen pflegebedürftige Menschen gibt es heute schon in Deutschland, drei Viertel davon leben zu Hause und werden von Angehörigen versorgt. Wer sich um einen Demenzkranken kümmert, geht ein 50-prozentiges Risiko ein, selbst depressiv zu werden.

Es ist schwer, die beiden Arten Arbeit, die »produktive« und die »unproduktive«, zusammenzubringen. Richtig kompatibel sind sie nie, schon allein, was ihr Tempo betrifft. Draußen, in der Arbeitswelt, schlägt der Takt der Produktivität, in dem man effizient funktionieren muss. Drinnen, in der Familie, schlägt ein Takt, der sich dem Effizienzgebot radikal verweigert. Babys, Kinder, Kranke, alte Menschen brauchen Anwesenheit, Langsamheit, Ziellosigkeit, Wiederholungen, Rituale.

Wo die beiden Takte zusammenstoßen, gibt es Stress. Wohlstand macht es zwar leichter, diesen Stress zu bewältigen, aber beseitigen kann er ihn nicht. Arbeitende Menschen auf der ganzen Welt erleben ihn jeden Tag, in den entwickelten ebenso wie in den unterentwickelten Ländern, in armen Bevölkerungsschichten ebenso wie in reichen. Er trifft die Sachbearbeiterin in einer deutschen Versicherungsgesellschaft ebenso wie die fliegende Händlerin, die an einem indonesischen Busbahnhof selbst gebackene Snacks verkauft. Fast überall sind es eher Frauen als Männer, die den Stress absorbieren, dämpfen, schlucken. Doch es gibt Sollbruchstellen.

Alles in der Gemeinschaft: Der Kollektivismus und warum wir ihn ablehnen

Der Marxismus versprach einst, den Widerspruch zwischen Produktion und Reproduktion ein für alle Mal zu lösen. Er wollte möglichst viele Versorgungstätigkeiten aus der Familie herauslösen und dem Staat übertragen. Die Kinder kommen in Krippe, Kindergarten und Ganztagsschule, die Alten in Heime, um die Kranken und Pflegebedürftigen kümmern sich spezialisierte Anstalten – und für alle Aufgaben, die dort zu erledigen sind, gibt es staatlich ausgebildete, geprüfte, angestellte und bezahlte Profis. Idealerweise werden auch noch Teile der Hausarbeit ausgelagert, indem man den Familien die Benützung gemeinschaftlicher Küchen, Speisesäle und Wäschereien anbietet.

Im realsozialistischen Ostblock oder in israelischen Kibbuzim konnte man den Kollektivismus einem Realitätscheck unterziehen. Die Arbeitserleichterungen hatten stets einen Preis: die Normierung des Privatlebens. Beseitigt hat allerdings auch der Kollektivismus die Sollbruchstellen zwischen Arbeits- und Familienwelt nicht. In der DDR hatten die Krippen zwar länger offen als in der BRD. Aber hier wie dort waren es meistens die Frauen, die die Kinder abholten und auf dem Rückweg noch schnell Wurst, Brot und Petersilie fürs Abendessen einkauften. Und wenn es irgendwo knirschte im System, wenn ein Kind quengelte, eine Nachbarin krank oder eine Oma grantig wurde, war auch hier zuallererst die Mutter gefragt, sich irgendeine Lösung einfallen zu lassen.

Erfolgreicher war die kollektivistische Idee dort, wo sie demokratisch formuliert und mit einer zweiten Leitidee kombiniert wurde: der Gleichberechtigung der Geschlechter. Diesen Weg gehen die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten. Auch hier gibt es großzügige öffentliche Betreuungseinrichtungen für Kinder, Alte, Pflegebedürftige. Deren Öffnungszeiten sind lang, das Service ist umfassend. Gleichzeitig werden jedoch, mehr als irgendwo anders auf der Welt, beide Geschlechter in die Pflicht genommen, um all das zu erledigen, was an Versorgungsarbeit noch übrigbleibt.

Um Männer an diese neue Rolle zu gewöhnen, war ein bisschen Umerziehung nötig – und staatlicher Zwang. Männer werden mehr oder weniger sanft in den Erziehungsurlaub gedrängt, und wer nach 16 Uhr dienstliche Termine ansetzt, muss mit missbilligenden Blicken rechnen. Mit der Idee vom fürsorglichen Staat, der sich in die Beziehung einmischt und bis in den intimsten Bereich der Familie hineinregiert, konnte man sich außerhalb Skandinaviens allerdings nie so recht anfreunden, speziell im deutschsprachigen Raum. Ein Teil des Misstrauens gegen die staatliche Obrigkeit mag in den Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Umerziehungsprogramm begründet liegen. Ein anderer Teil entstammt sicher der Nachkriegszeit, als sich der Westen demonstrativ von dem realsozialistischen Osten abgrenzen wollte.

In Österreich und Deutschland hatten Kindergärten, Horte und Ganztagsschulen bis vor einigen Jahren das Image seelenloser Aufbewahrungsstätten, die man nur nützt, wenn man gar keinen anderen Ausweg mehr sieht. Sie wurden nicht als Teil des Bildungssystems wahrgenommen, sondern als Instrumente der Sozialpolitik, als Hilfe für Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hat. Für Alleinerziehende in einer akuten Notsituation eventuell sinnvoll, nicht aber für ein Kind, das einer intakten, glücklichen Beziehung entspringt. Wo bleibt denn da die Liebe, hieß es, die Vertrautheit, die körperliche Nähe der Mutter, die Intimität der familiären Wohnung, die für das Gedeihen eines Kindes doch unersetzbar sind!

31 Prozent der Deutschen – und ein noch wesentlich höherer Anteil der deutschen Männer – sind tatsächlich heute noch der Meinung, der Aufenthalt in einer Krippe sei für ein Kind unter drei Jahren schädlich. Das Vokabular, das bisweilen verwendet wird, trägt zu diesem Misstrauen bei. »Fremdbetreuung« klingt, als habe man das Betreuungspersonal gerade eben nach dem Zufallsprinzip von der Straße aufgelesen. Von »Kinder abgeben« oder »wegorganisieren« sprechen manche konservativen Politiker, das Wort »inhuman« benützte der Augsburger Bischof Walter Mixa.

Diese emotionalen Vorbehalte schlagen sich in der konkreten Politik nieder. In Österreich haben nur 12 Prozent, in Westdeutschland gar nur 7 Prozent aller Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz. Hier wie dort ist die Halbtagsschule, die die Kinder mittags mit leerem Magen auf die Straße entlässt, der Normalfall.

Ein ähnlich schlechtes Image wie öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen haben Alters- und Pflegeheime. Was zum Teil – aber nicht nur – in tatsächlichen Missständen begründet liegt. Tatsache ist, dass der Pflegeberuf für Männer und Frauen denkbar unattraktiv ist. Eine Halbtagsstelle bringt etwa 800 bis 900 Euro ein – Wochenend- und Nachtzuschläge schon mitgerechnet. Belastender Schichtdienst, schlechte Bezahlung, körperliche Schwerarbeit, kaum Chancen zu Aufstieg, Weiterbildung und Spezialisierung – kein Wunder, dass Tausende Stellen unbesetzt bleiben und sich der Personalmangel akut in Betreuungslücken und Stress niederschlägt.

In Großraumschlafsälen zu liegen, medikamentös ruhiggestellt, gefüttert werden am Fließband, gewaschen im Akkord von überfordertem, demotiviertem Personal, das einen derb anfasst, ohne je ein überflüssiges tröstendes Wort zu verlieren, und um 17 Uhr ist Nachtruhe – das ist die kollektive Angstvision einer ganzen Generation, wenn sie ans Alter denkt. »Abgeschoben werden ins Altersheim« klingt in unseren Ohren nicht wie ein Versorgungsversprechen, sondern wie eine gefährliche Drohung. Nein, um Himmels willen, dort will man nicht enden, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt!

Die Eineinhalb-Ernährer-Familie: Bei uns schafft die Mama alles. Fast alles

Wer eine funktionierende Familie hat, braucht keine staatliche Hilfe: Das ist, bis heute, eine wichtige Leitidee der Gesellschaftspolitik in Deutschland und Österreich. Hier hat man in den letzten Jahrzehnten einen ganz speziellen Typus von Familie hervorgebracht, von dem man glaubte, er würde alle Aufgaben, die man ihm überträgt, bewältigen können: die Eineinhalb-Ernährer-Familie.

Wir kennen diese Familie alle. Der Papa arbeitet außer Haus, macht so viele Überstunden wie möglich und treibt tapfer seine Karriere voran, um seiner Rolle als »Hauptverdiener« gerecht zu werden. Die Mama arbeitet halbtags, was man »Zuverdienerin« nennt. Sie verdient dabei allerdings nur die Butter aufs Brot, denn sie muss schauen, dass sie in der restlichen Zeit den Haushalt erledigt. Die Kinder sind bis mittags in Schule oder Kindergarten, und am Wochenende kümmert man sich um den Garten und die Oma. Die Mama mehr, der Papa weniger.

Fast alle politischen und sozialen Institutionen richteten sich nach diesem Familientypus aus. Das Steuerrecht, die Ferienordnung, die Öffnungszeiten von Schulen und Behörden, das Gesundheitswesen und die Altersversorgung: Stets wurde und wird, stillschweigend und selbstverständlich, vorausgesetzt, dass es eine verlässliche, treu sorgende, allzeit bereite Halbtagsmutter gibt, die neben ihrer Lohnarbeit noch unbegrenzt als Versorgerin zur Verfügung steht. Zum Putzdienst in der Spielgruppe und zum Kuchenbacken für den Buchstabentag.

Selbstverständlich steckte in diesem Idealtypus immer schon eine ordentliche Portion Wunschdenken. Spätestens seit den 1990er Jahren ist jedoch klar, dass er nicht nur Ideologie ist, sondern auch Illusion. Der »Hauptverdiener« von früher kann seine Familie längst nicht mehr auf Dauer ernähren. Der gesicherte Arbeitsplatz, bei dem man sich schon Jahre im Voraus in die Urlaubslisten eintragen kann, ist heute die Ausnahme. Ob Mann oder Frau – mit Jobverlust ist jederzeit zu rechnen. Gleichzeitig haben sich Arbeitsumgebung und Arbeitstempo radikal verändert. Dass Arbeit an einem fixen Ort außerhalb der eigenen vier Wände stattfindet; dass sie zeitlich klar definiert wird, mit einem Anfang und einem Ende: Diese und viele andere Gewissheiten sind dahin.

Es gibt keine Stechuhr mehr und keinen fix vereinbarten Stundenlohn. Und oft auch keinen Feierabend. Wir arbeiten, wenn Arbeit da ist, und gehen erst heim, wenn sie erledigt ist, egal, wie lange das dauert. Dann nehmen wir den Laptop mit nach Hause und erledigen abends noch den Mailverkehr. Die Geschäfte haben länger offen und brauchen rund um die Uhr Personal, Servicedienste, Gesundheits- und Freizeiteinrichtungen ebenso. Wir müssen kurzfristig einspringen oder uns zumindest bereithalten, falls wir doch noch gebraucht werden. Immer verfügbar, immer auf Abruf.

»Flexibilität« heißt das. Dennoch ist paradoxerweise der Anwesenheitskult am Arbeitsplatz beinahe ungebrochen geblieben. Es gibt ihn ganz oben, bei den Privilegierten: Wer Karriere machen will, muss im Büro permanent Präsenz zeigen. An Ritualen teilnehmen, zu denen endlose Sitzungen ebenso zählen wie nachher das Getränk an der Bar. Denselben Druck gibt es ganz unten, bei der Teilzeitkraft an der Supermarktkassa: Wer seinen Job nicht verlieren will, muss nach Geschäftsschluss noch die Abrechnung machen oder den Boden wischen, ohne Überstunden abzurechnen.

Weder Spitzenverdiener noch Billigjobber können es sich leisten, pünktlich um halb vier Uhr aufzuspringen, um das Kind vom Kindergarten abzuholen. Und wenn mitten in der Dienstzeit die verwirrte Oma anruft, weil sie ihre Schlüssel nicht mehr findet, hat man echt ein Problem.

Irgendwann in den letzten Jahren ist klar geworden, dass das Halbtagsmama-Modell keine Zukunft hat. Volkswirtschaftlich gesehen, ist es eine riesige Verlustrechnung: Denn die Qualifikationen, die Frauen in den letzten 20 Jahren erworben haben, werden dringend gebraucht, und eigentlich kann es sich die Gesellschaft nicht leisten, diese Ressourcen in den schlecht bezahlten Teilzeitnischen am Rand des Arbeitsmarkts zu verschwenden. Frauen drängen in Führungspositionen, vielerorts unterstützt durch Quoten; mittelfristig führt kein Weg daran vorbei, dass sie gleichberechtigt am Lohnarbeitsmarkt teilnehmen.

Gleichzeitig jedoch wächst bei der Versorgungsarbeit der Druck. Beinahe alle europäischen Staaten sind hoch verschuldet. Beinahe überall wird gespart. Und beinahe überall setzt man, wenn das Geld knapp wird, zuallererst bei Sozialprogrammen und kommunalen Einrichtungen den Sparstift an. Zuletzt zu beobachten in Großbritannien, in Spanien oder im krisengebeutelten Griechenland.

Was bleibt, nennt die Wissenschaft eine »Versorgungslücke«. Wenn jeden Tag Arbeit übrigbleibt, die gemacht gehört, gibt es nur noch einen Ausweg: Man holt sich bezahltes Personal zu Hilfe. Babysitter, Pflegerinnen, Putzfrauen. Menschen, die einem physisch notwendige Arbeitsschritte abnehmen, und einen Teil der emotionalen Nähe, die man selbst nicht mehr zustande bringt, gleich dazu: die neuen Dienstboten.

In manchen Weltgegenden tut man das ganz offen und unbefangen. In den USA zum Beispiel sind Hilfskräfte allgegenwärtig. Jede nur denkbare Alltagsaufgabe kann man delegieren: einkaufen, kochen, Kleider kaufen, das Wohnzimmer dekorieren, spazieren gehen mit dem Hund. Es ist nicht einmal ein exklusives Privileg der Reichen. Jeder arbeitende Mensch, der auf einen noch schlechter verdienenden arbeitenden Menschen zurückgreifen kann, kann dieses Gefälle gewinnbringend nützen. Wer um 8 Dollar Stundenlohn eine Dienstleistung kauft, muss in derselben Stunde nur 9 Dollar verdienen, um unter dem Strich positiv auszusteigen. Und hat gleichzeitig das Gefühl, der Hilfskraft etwas Gutes zu tun.

In Europa haben wir gegen diese Art Arbeitsteilung Vorbehalte. Im Norden des Kontinents, dem puritanisch-protestantischen Teil, mehr, im katholischen Südeuropa weniger. Insbesondere im deutschen Sprachraum tun wir uns schwer. Das Zelebrieren von Klassengegensätzen findet man hier widerwärtig. Dem Fürsorgestaat unterwerfen will man sich jedoch ebensowenig. Was bleibt da übrig? Man holt sich ebenfalls bezahltes Personal. Aber man tut es heimlich und geniert sich gleichzeitig dafür.