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David Schalko

Braunschlag

Die Drehbücher

Inhalt

VORWORT

Meine Großmutter war sehr dick und hatte einen blutroten Schädel. Sie strich uns Semmeln mit einer dicken Butterschicht. Sie hatte vierzig Katzen, die alle Mitzi hießen. Sie schliefen auf den Schäferhunden. Und wenn wir aßen, mussten wir unser Essen gegen diese verteidigen.

Mein Großvater war ein Stricker. In der Strickerei spielten wir sonntags Raumschiffabenteuer nach. Im Winter trugen wir die Schießfäustlinge, die er für das Bundesheer herstellte. Diese machten aus fünf Fingern drei, damit der Soldat sein Schießgerät besser halten konnte. Mit seinen dicken Augenbrauen sah Großvater aus wie Breschnew. Ein lachender Breschnew.

Er trank sehr viel, denn »er hatte halt einen Durscht«. Wenn man nach Großvater fragt, haben sich alle auf den gleichen Satz geeinigt: »Er war ein lebensfroher Mensch«. Eines Nachts kam er bei einem Autounfall ums Leben. Er war Beifahrer. Das ist uns sehr wichtig.

Als ich fünf war, starb meine Großmutter an einem Schlaganfall. Sie saß mit wirrem Haar in ihrem Krankenbett und erkannte niemanden. Bei mir lächelte sie und nahm meine Hand. So habe ich es als Erinnerung beschlossen. Als sie starb, bellten die Hunde wie verrückt. Mein Lieblingshund Bauxi lief weg und wurde nicht wieder gefunden.

Ein paar Kilometer weiter lebten die anderen Großeltern. Sie tranken nicht gerne. Gründeten keine Strickereien. Und hielten sich sehr selten im Wirtshaus auf. Mein Großvater war Sockenvertreter. Wir trugen im Winter Schießfäustlinge und Nylonsocken. Ich las mit ihm ein Buch über die französische Revolution und den Feldzug gegen Polen. Er hasste Ungerechtigkeiten. Eigentlich wollte er Missionar werden. Im Krieg war er Flieger. Kurz vor Kriegsende holte er Großmutter mit dem Flugzeug ab. In ihrer Küche steht ein Foto, auf dem er eine Stufe über ihr steht, damit der Größenunterschied nicht ins Auge fällt. Heute ist es verblasst, und in ein paar Jahren wird man die Gesichter nicht mehr erkennen. Daneben stehen die Fotos der Enkel und Urenkel.

Als ich diesen Text schreibe, ist meine Großmutter 93 Jahre alt. Ihre Augen sind strahlend blau und wenn man sie zum Lachen bringt, blitzen sie zwischen den Falten auf, als gäbe es das Altern nicht. Sie hat zwei Schwestern. Zusammen sind sie 270 Jahre alt. Manchmal sitzen sie zu dritt im Auto. Eine von ihnen hat noch einen Führerschein. Zu Ostern kniet meine Großmutter vor dem Fernseher, wenn der Papst den »Urbi et Orbi« spricht. Sie glaubt daran, dass die Gläubigen immer mehr Glück im Leben haben als die Ungläubigen. Als Kind schlief ich zwischen meinen Großeltern. Mein Großvater starb neben mir, während ich schlief. Ich merkte es nicht. Ich hatte ihn am Vorabend im Domino besiegt. Aber wahrscheinlich hat er mich wie immer gewinnen lassen.

Ich habe Braunschlag, die TV-Serie, die in der gleichnamigen Waldviertler Ortschaft spielt, geschrieben, weil ich all diese Menschen viel zu wenig kannte. Weil das Erinnerungsvermögen sich aufgebraucht hatte. Und das Gefühl für einen Ort, an dem ich Kind war, verloschen war. Ein Jahr Schreibarbeit und fünf Monate Dreh sollten mir diesen Ort wieder fühlbar machen, mir wieder die eigenen Wurzeln in die Herkunft schlagen.

Mein Braunschlag, das ist der Drehort Eisgarn, ein Vorort von Litschau. Ich wusste nicht, dass dieser aufgrund eines katholischen Skandals in die Schlagzeilen geraten war. So gesehen war Eisgarn das perfekte Braunschlag, denn auch hier ging es um Katholizismus und Skandale. Als schriebe sich diese Geschichte von selbst aus einem vorhandenen Unbewussten heraus. Als hätten meine Braunschlager darauf gewartet, mit den anderen Waldviertlern zusammengeführt zu werden. Und so ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass sich gleich mehrere Schauspieler mit Waldviertler Verwurzelung am Set einfanden. Robert Palfrader, leidenschaftlicher Wahlwaldviertler, außerdem Nicholas Ofzcarek oder Nina Proll, die aus Haugschlag stammt und als Jugendliche die gleiche Diskothek besuchte, in der sich meine Eltern kennenlernten. Sie schloss vor fünfzehn Jahren. Nicht wegen mangelnden Erfolgs, sondern aufgrund von Anrainerbeschwerden. In Braunschlag wird sie wieder zum Leben erweckt.

Es ist ein sonniger Wintertag. Das Licht ist weiß und kalt. Und der Förster trägt einen Bundesheerpullover wie mein Großvater sie strickte, einen Schnauzer und eine Sonnenbrille. Er sagt, manchmal lege er sich nachts zwischen die Energiesteine im Wald. Andere könnten da nicht schlafen, aber ihm ginge es genau umgekehrt. Er schlafe wie ein Baby. Viele hier haben Ufos gesehen. Viele hier sind lebensfrohe Menschen. Aber wenn es irgendwo Ufos gibt, dann hier im Norden an der tschechischen Grenze.

Der Hobbytierpräparator, der zwischen tausenden ausgestopften Tieren lebt. Der braungebrannte Sonnenanbeter, der uns mit einem Zauberstab den Regen vertreibt. Die Diskothek mit dem »Adolf Hitler«-Wein. All der selbstgebrannte Schnaps. Das Restaurant im ehemaligen Flieger der tschechischen Regierung. Wir sind sehr vielem begegnet in diesen Monaten. Vor allem aber hilfsbereiten Menschen, die nicht vom Geld verdorben waren. Vielmehr schienen sie durch ewig leere Brieftaschen auf zwischenmenschliche Währung geeicht zu sein. Das Waldviertel ist eine arme Gegend, in der man selten junge Menschen sieht. Noch seltener ist der Anblick einer Fabrik, die sich in Betrieb befindet. Wir durften Gast sein in einem Teil von Österreich, den man im Fernsehen selten sieht. Aber am Ende hat das Waldviertel trotz allem seine Geheimnisse behalten. Zum Beispiel, warum die Häuser in gar so grellen Farben gestrichen sind. Knalliges Gelb, schreiendes Rot, schneidendes Türkis und giftiges Grün. Eine interessante Theorie führt es auf regionalen Vitaminmangel und defizitäre UV-Strahlung zurück. Erst bei den sonntäglichen Rückfahrten von den Dreharbeiten registrierte ich im Morgengrauen, dass ganz Niederösterreich aus diesen grellen Tupfen besteht. Als ob sich ein ganzes Bundesland einem somniferen Sog zu widersetzen versucht.

In Braunschlag geht es nicht um das Waldviertel. Es geht um Niederösterreich. Oder besser um eine Art Welt-Niederösterreich, wenn man Musil dafür strapazieren will. Denn Braunschlag ist wie Kakanien und Niederösterreich wie Musils Weltösterreich, das als Sinnbild für zeitgemäße Zustände gilt, die hier nur als Labor für das Überall dienen. Auch, wenn eine Geschichte in einem Milieu verortet ist.

1. EIN HEILIGES WUNDER

STRASSE ÜBER LAND ZU UFO-LANDEPLATZ - TAG

Tschach fährt mit seinem Pickup über die Lande. Wir hören den Titeltrack von Braunschlag. Er fährt über einen holprigen Feldweg.

SCHILD: „LANDEPLATZ FÜR UNBEKANNTE FLUGOBJEKTE“

Er bleibt stehen.

UFO-LANDEPLATZ - TAG

Reinhard Matussek sitzt mit Vollbart und fischerartiger Kleidung (Bundesheerpullover und Schießhandschuhe) auf einem Sessel. Wir erkennen den kreisrunden Beton des Landeplatzes. Er schaut ins Leere und wartet. Eine kleine triste Imbisshütte, in der eine ältere Frau steht, bietet diverse Waldviertler Spezialitäten feil. Aus dem Hintergrund kommt Tschach ins Bild.

TSCHACH: Na, ob des nu wos wird.

MATUSSEK: Es ist keine Frage ob, es ist eine Frage wann.

Tschach bietet ihm eine Zigarette an. Matusseks Blick fällt auf die Packung.

MATUSSEK: Oje.

TSCHACH: Was?

MATUSSEK: Es heißt nie was Gutes, wenn mir jemand eine Zigarette anbietet.

TSCHACH: Blödsinn! Huarch. Es ist aus. Braunschlag ist pleite - ich dreh dir die Hüttn zua.

MATUSSEK: Das passt zu dir - so kurz vor dem Ziel.

TSCHACH: Glaub mir, es ist mir wuarscht, ob die Ufos irgendwann kommen, aber inzwischen kommen nicht amal mehr die depperten Japaner.

MATUSSEK: Vielleicht ist ihnen dein Karpfensushi am Oarsch gangen.

TSCHACH: Das ist eine Rarität. Auch für den Japaner.

MATUSSEK: Raritäten gehen eben nicht. Deswegen haßens a so.

Tschach seufzt.

TSCHACH: Nimm jetzt eine Tschick, dann geht’s mir besser.

Er hält ihm das Packerl hin. Matussek ignoriert es.

TSCHACH: Vielleicht kannst ja deinen Alten überreden…

MATUSSEK (distanziert): Genau. Servas, Bürgermeister.

Indianisch blickt er in die andere Richtung. Tschach geht verlegen ab.

STRASSE ÜBER LAND (AUTO TSCHACH) - TAG

Tschach fährt mit seinem Pickup durch die Landschaft und telefoniert mit Mucki.

TSCHACH: Servas Mucki. Woar was?

RATHAUS, SEKRETARIAT TSCHACH - TAG

Mucki schaut auf einen Zettel neben dem Telefon.

MUCKI: Wart. Der Apfelthaler vom Laientheater lasst dir ausrichten, dass du ein Mordstrumm Oarschloch bist, die Jäger ham die vom Stammtisch ausgladen und der Tennisverein hat alle Fotos mit dir entfernt.

TSCHACH: Versteh. Und sonst.

MUCKI: Sonst war nix.

HAUS TSCHACH, STRASSE - TAG

Mittagszeit. Er fährt in einer Reihenhaussiedlung vor. Beim Hineingehen grüßt er Frau Berner, die wie immer traurig ihre noch traurigeren Blumen pflegt.

HAUS TSCHACH, WOHNZIMMER - TAG

Ein klaustrophober Essbereich. Einbaukästen. Der Fernseher läuft daneben. Tschachs Frau Herta stellt ihm schweigend Essen hin. Es handelt sich offensichtlich um Tiefkühlkost.

HERTA: Und?

TSCHACH: Der Regen schaut zuwe, aber ich glaub, der Westen nimmt ihn uns weg.

Blick auf das eher lieblose Gericht.

TSCHACH: Was ist das?

HERTA: Essen. Hast dir die Händ gwaschn?

TSCHACH: Jo.

Lieblos kostet Tschach, Herta seufzt verletzt.

Pause.

HERTA: Und?

TSCHACH: Was und?

HERTA: Was mach ma jetzt?

TSCHACH: I werd schon was machen.

HERTA: Soll ich ein Charity organisieren?

TSCHACH: Hör mir auf mit dem Dreck.

Sie seufzt wieder verletzt und beginnt Lottoscheine auszufüllen.

HERTA: Die Babs kommt morgen. Sie will reden mit uns.

TSCHACH: A Geld wills.

HERTA: Das Studium kost halt.

Im Hintergrund ein Bild von der blonden Babs.

HERTA (zu sich selbst): So einfache Zahlen wären des gwesn… (sie sieht auf) Wieso isstn nix?

Er schiebt den Teller weg.

TSCHACH: Des ist kalt.

HERTA: Jo, weilst nix gessn hast.

Sie nimmt den Teller und trägt ihn in die Küche. Tschachs Blick fällt auf einen Reisekatalog, der aufgeklappt auf dem Tisch liegt.

Seufzend steht er auf.

In der Küchentür bleibt er stehen.

TSCHACH: I muass wieder.

HERTA: Bist am Abend daham?

TSCHACH: Na.

Er geht. Ein paar Sekunden später erscheint er wieder in der Tür.

TSCHACH: Ajo - Mauritius ist gestrichen.

Sie ist entsetzt.

HERTA: Spinnst. Jetzt hab ich des scho allen erzählt.

TSCHACH: Dann habts jetzt was Neues zum Redn.

HERTA: Geh Gerri, das wäre so gut für uns.

TSCHACH: Eben. Wie tätatn des ausschaun?

Er geht.

HOF MUTTER TSCHACH, STRASSE - TAG

Er fährt mit seinem Pickup beim Vierkanthof der Mutter vor.

HOF MUTTER TSCHACH, KÜCHE - TAG

Sie sitzt mit dem afrikanischen Priester zusammen, der Tisch ist mehr als reichlich gedeckt, es tummeln sich 40 Katzen, die alle Mitzi heißen.

MUTTER TSCHACH: Wenn sie wenigstens bügeln könnt, aber nix…

TSCHACH: Geh Mama, das ist heutzutage nimma so. Wir Männer waschen, kochen,…

MUTTER TSCHACH: Und warum bist dann dauernd da?

TSCHACH: Na wegen dir.

MUTTER TSCHACH (zum Priester): Das wird er beichten müssen.

Der dunkelhäutige Pfarrer lächelt nur. Wir sind nicht sicher, ob er sie versteht.

MUTTER TSCHACH: Wann warst du überhaupt das letzte Mal in der Kirche?

TSCHACH: Im Toskanaurlaub. Der Mailänder Dom ist wirklich schön.

MUTTER TSCHACH: Wenn du ein bisserl glauben tätast, wär das alles nicht passiert.

TSCHACH: I glaub eh.

MUTTER TSCHACH: Was du glaubst!

TSCHACH: Dass nix is. Des muass ma a glaubn. Soll ich dir die Hendln füttern?

MUTTER TSCHACH: Des macht grad die Silke. Siehst du nicht, dass die Gläubigen immer mehr Glück im Leben haben als die Ungläubigen?

TSCHACH: Silke?

MUTTER TSCHACH: Mei Neiche. Die Deutschn sand jetzt billiger als die Tschechen.

Sie steht auf und räumt das Geschirr weg.

PFARRER: Kann ich Ihne kurze behelfe?

Tschach versteht kein Wort.

MUTTER TSCHACH: Vielen Dank, Herr Pfarrer, aber ich schaff das schon. Jetzt wo ich die Silke hab… (zum Pfarrer, sehr deutlich) Wissen Sie, mein Sohn hat Braunschlag zu einem zweiten Griechenland gemacht.

PFARRER (nickt lächelnd): Schön.

MUTTER TSCHACH: Nix schön. Krise.

Pfarrer nickt ernst.

TSCHACH: Für die Krise kann ich nix. Das ist die Welt.

MUTTER TSCHACH (zum Pfarrer): Die Welt ist schuld.

TSCHACH: Na, dein Glaube hält die Gläubiger a net fern, so viel is sicher.

Der Pfarrer nimmt Tschachs Hand und lächelt beruhigend.

PFARRER: Jede Gasse Sack sucht Loch.

TSCHACH: Was?

PFARRER: Jede Gasse Sack sucht Loch.

MUTTER TSCHACH: Genau. Nur graben muss man es selbst.

PFARRER: Oft gebrauchte Wunder.

Er nickt sich selbst zustimmend zu. Tschach schaut ratlos.

MUTTER TSCHACH: Stimmt. Jetzt hilft nur mehr ein Wunder. (zum Pfarrer) Kennan’S da net was machen? Mit Ihrem Draht nach oben!

Pfarrer zuckt skeptisch die Achseln.

TSCHACH (zum Pfarrer, scherzhaft): Nach Braunschlag kommt man nur, wenn man im Jenseits eine Wette verloren hat.

Er lacht als einziger und zündet sich eine Zigarette an.

MUTTER TSCHACH: Versündig dich nicht. Wollen’S noch an Pudding, Herr Pfarrer?

PFARRER: Oft.

STRASSE ÜBER LAND (AUTO TSCHACH) - TAG

Der Pickup von Tschach fährt durch die Landschaft. Im Radio läuft ein Radio Niederösterreich-Beitrag über Medjugorje.

SPRECHERIN (OFF): Noch immer strömen jedes Jahr hunderttausende Pilger nach Medjugorje. Längst ist das Geschäft mit dem Wunder zur Haupteinnahmequelle des kleinen Ortes…

DISKOTHEK - NACHT

Kleine Diskothek mit Beisl und Kegelbahn. Richard Pfeisinger stellt Tschach noch ein Schnapsglas hin. Es ist schon Sperrstunde, das Lokal ist leer (vielleicht war es auch nie voller). Beide sind nicht mehr ganz nüchtern.

PFEISINGER: Und wie hast dir das vorgestellt?

TSCHACH: Na, ein Wunder eben. Da gibt’s ja net so viele Möglichkeiten, oder? Marienerscheinung geht am besten, des hab ich recherchiert.

Sie trinken ihr Stamperl auf Ex aus.

PFEISINGER: Das Wunder von Braunschlag. Klingt eh super.

TSCHACH: Na, weil Medjugorje so super klingt.

PFEISINGER: Das is doch der nächste Schas.

Er schenkt sich noch ein Stamperl ein.

TSCHACH: Nix Schas. Da kummatn Leit. Das bedeutet Tourismus, Richard. Und: Wir verdienen uns deppert, Heilige Maria Menü, Holy Marys, die Möglichkeiten sind endlos…

Pfeisinger sieht ihn an, als wär er deppert.

TSCHACH: Richard, wenn das funktioniert, bin ich der größte Bürgermeister, den Braunschlag je hatte.

PFEISINGER: Im Augenblick eher der katastrophalste.

TSCHACH: Jo. Dank dir.

PFEISINGER: Ah, jetzt bin ich schuld.

TSCHACH: Na. Weltwirtschaftskrise.

PFEISINGER: Sehr gscheit. Und was macht die Welt in Braunschlag?

TSCHACH: Leider nicht Urlaub.

PFEISINGER: Krise klingt auf jeden Fall besser als a Russngschäft in der Tschechei.

TSCHACH: Eben. So ein Schas. Aber des Wunder könnt uns da aussereißn, Richard.

PFEISINGER: So. Letzte Runde.

TSCHACH: Wieso, es ist doch eh keiner mehr da.

PFEISINGER: Eben.

TSCHACH: Die Elfi schlaft eh scho.

PFEISINGER: Eben net.

Sein Telefon auf der Theke vibriert. Er geht ran.

PFEISINGER: Jo. Na, es san nu Leit do.

HAUS PFEISINGER - NACHT

Pfeisinger wankt betrunken heim. Er hat Mühe beim Ausziehen. Plötzlich erschreckt er sich. Seine Frau steht wie eine Erscheinung im Halblicht am Ende des Vorzimmers.

PFEISINGER: Ahhh! Du bist es!

ELFI (angefressen): Na die Jungfrau Maria.

Er sieht sie ernst an.

PFEISINGER: Warum sagst du das?

ELFI: Du bist schon wieder besoffen.

PFEISINGER: Morgen is eh Ruhetag.

ELFI: Ein Tag ohne den Gerri. Ob du des schaffst.

PFEISINGER: Morgen bin i do.

ELFI: Zum Schlafen.

PFEISINGER: Am besten es gabat mich gar net! Oder? Warum bist du überhaupt noch wach?

ELFI: Ich wollt mit dir reden, aber egal. Gute Nacht.

PFEISINGER: Wart Elfi, tut mir leid. Was gibt’s denn?

ELFI: Es interessiert dich doch eh nicht.

Er versucht sie zu berühren.

PFEISINGER: Doch, alles an dir interessiert mich.

ELFI: Lass mi.

PFEISINGER: Wirklich. Sogar deine depperten Meerschweindln, auf die ich allergisch bin.

ELFI: Die san wenigstens do und stinkn net nach billigem Parfum.

PFEISINGER: Geh Elfi. Warum sollt ich mich für andere interessieren, wenn ich so eine wie dich daheim hab.

Er klopft ihr machoid auf die Hüfte.

ELFI: Eben, da muss ma schon ganz schön deppert sein.

Sie gibt ein wenig nach, aber nicht ganz.

PFEISINGER: Was is jetzt? Sag schon.

ELFI (euphorisch): Richard.

Sie dreht sich zu ihm.

ELFI: Diesmal hat’s funktioniert. Ich bin schwanger.

Sie reicht ihm den Teststreifen. Er starrt darauf, kann aber nichts sehen.

PFEISINGER: Aber da ist nix.

ELFI: Du musst genau hinschauen.

Er schaut genau.

PFEISINGER: Da is sicher nix.

ELFI: Richard, mach das jetzt nicht kaputt. Ich warne dich.

Er runzelt die Stirn.

PFEISINGER (flehend): Elfi.

ELFI (drohend): Richard.

PFEISINGER (kalte Wut): Bitte. Ich gratuliere.

ELFI: Es ist auch dein Kind, du Oarschloch.

Sie geht ab und knallt die Türe zu.

PFEISINGER: Oida!

Betrunken betritt er ein wahnsinnig kitschig eingerichtetes Kinderzimmer. Die Ordnung verrät, dass hier kein Kind wohnt. Er beginnt sich auszuziehen.

HAUS TSCHACH, WOHNZIMMER - MORGEN

Es läuft der Fernseher. Ein verkaterter Tschach trinkt Kaffee und raucht. Das Telefon läutet.

TSCHACH: Tschach.

BÜRO KATZLBRUNNER - MORGEN

Am anderen Ende ein Politiker mit niederösterreichischem Trachtenjanker.

KATZLBRUNNER: St. Pölten.

TSCHACH: Die rechte Hand des Teufels. Persönlich.

KATZLBRUNNER: Spar dir die Frechheiten. Man hört nur das Schlimmste aus Braunschlag. Was ist los da oben?

TSCHACH: Sag deinem Onkel, er braucht sich keine Sorgen machen.

KATZLBRUNNER: Wir machen uns keine Sorgen. Du machst uns Sorgen.

TSCHACH: Ich mach des scho.

KATZLBRUNNER: Und wie?

TSCHACH: Ich schick euch eine PowerPoint-Präsentation.

KATZLBRUNNER: Jetzt pass einmal auf, du Mohnzuzler, wir haben keine Lust ein zweites Kärnten zu werden. Also beweg deinen Kartoffeloarsch owe, dann sagen wir dir, was du machst.

TSCHACH: Wir schaffen das schon, Katzlbrunner, aber danke. Es ist schön zu wissen, dass die Partei so knapp hinter mir steht.

KATZLBRUNNER: Huarch Tschach. Wir bauen dir ein Asylantenheim und ihr da oben könnts schon alle Tschetschenisch lernen. Morgen bist gstellt, is des kloar!?

TSCHACH: Morgen ist schlecht.

KATZLBRUNNER: Bis morgen.

Er legt auf. Tschach seufzt tief durch. Frau Tschach kommt herein.

TSCHACH: Was ist?

HERTA (schüchtern): Nix.

TSCHACH: Was?

Sie lächelt.

HERTA: Ich hab einen Dreier im Lotto.

Er seufzt genervt.

ARZTPRAXIS FEIST - TAG

Richard Pfeisinger und seine Frau Elfi sitzen bei Dr. Feist und seinem Sohn. Der Vater ist schon sehr betagt, der Junge so um die 40. Er steht noch immer unter der Fuchtel des Alten.

FEIST JR.: Und seit wann ist Ihre Menstruation ausgeblieben, Frau Pfeisinger?

ELFI: Seit 6 Wochen, Herr Doktor.

FEIST SEN.: Sie lügen.

ELFI: Wie bitte?

FEIST SEN.: Sie erzählen uns einen Schas.

FEIST JR.: Papa, bitte. Liebe Frau Pfeisinger, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, aber es handelt sich wahrscheinlich um eine so genannte Scheinschwangerschaft.

Elfi greift sich auf den Bauch.

ELFI: Aha, und warum kann ich es dann schon spüren?

FEIST JR.: Das kann vieles sein, vielleicht…

FEIST SEN.: Flatulenzen.

ELFI: Was?

FEIST JR.: Mein Vater meint Blähungen.

ELFI: Sie wollen sagen, mein Kind ist in Wahrheit ein Schas?

PFEISINGER (beruhigend): Elfi, schau, wenn der Doktor sagt, dass…

ELFI: Ich verlange ein Ultraschall.

FEIST SEN.: Ha!

FEIST JR.: Also, wenn Sie darauf bestehen, kann ich selbstverständlich eine Überweisung…

ELFI: Ich bestehe darauf.

FEIST SEN.: Kommt nicht in Frage.

ELFI (zu Pfeisinger): Dann fahren wir nach Horn.

FEIST JR.: Man soll ja immer eine zweite Meinung hören, aber in diesem Fall…

FEIST SEN.: Ich bin die zweite Meinung.

ELFI: Sie sind längst in Pension.

FEIST SEN.: Ha!

Sie steht auf.

ELFI: Komm Richard.

FEIST JR. (zu Pfeisinger): Dürfte ich - wir - Sie noch einen Moment sprechen, Herr Pfeisinger?

PFEISINGER (verunsichert): Ja, gern.

Irritierter Blick von Elfi.

ELFI: Ich warte draußen.

Sie knallt die Tür hinter sich zu. Betretene Stille.

PFEISINGER: Tut mir leid, wegen…

FEIST JR.: Kein Problem.

FEIST SEN.: So eine Schastrommel.

FEIST JR.: Sei jetzt endlich ruhig. Mit tut es auch leid.

PFEISINGER: Was gibt’s?

FEIST JR.: Wir haben die Ergebnisse von Ihrem Spermatest und da ich weiß, dass Sie nicht wollten, dass Ihre Frau das weiß…

PFEISINGER: Und?

FEIST SEN.: Impotent!

PFEISINGER: Was?

FEIST JR.: Infertil. Unfruchtbar.

FEIST SEN.: Ihr Sperma ist tot!

PFEISINGER: Unmöglich. Also ich habe doch erst gestern… egal. Was heißt das?

FEIST SEN.: Adoptieren’S halt! Ein Negerbaby.

FEIST JR.: Jetzt reicht’s. Halt’s endlich zsamm. Er meint es nicht so.

FEIST SEN.: So werd ich dir die Praxis nie überschreiben.

FEIST JR.: Ich glaube nicht, dass das den Herrn Pfeisinger interessiert. Wenn Sie eine zweite Meinung hören wollen - also eine dritte, dann verstehe ich das natürlich.

PFEISINGER (seufzt enttäuscht): Kann man da irgendwas machen?

FEIST JR.: Leider.

Betretene Stille.

FEIST JR.: Schaun’S, wenigstens brauchen Sie nie wieder einen Gummi.

STRASSE ZUM ALTEN MATUSSEK (AUTO ÖSTERR.) - TAG

Richard und Elfi Pfeisinger sitzen im Auto. Sie ist in Rage.

ELFI: Und hast meine Entmündigung schon unterschrieben?

PFEISINGER: Geh Elfi.

ELFI: Die können sich was anhören bei der Ärztekammer.

PFEISINGER: Ich hab dir schon gesagt, dass es nicht um dich gegangen ist.

ELFI: Wegen einer Tischreservierung schickt der mich doch nicht raus!

PFEISINGER: Es soll eine Überraschung sein.

ELFI: Des kannst deine Trutscherln erzählen, aber net mir.

PFEISINGER: Jetzt hör endlich auf mit dem Schas.

ELFI: Ich hab dir meine besten Jahre gschenkt. Jeden hätt ich haben können.

PFEISINGER: Dann hättst halt auf deinen Vater ghört.

ELFI: Mein Vater liegt im Sterben. Also reiß dich gefälligst zsamm.

PFEISINGER: Dein Vater liegt seit Jahren im Sterben. Die wievielte Ölung ist das jetzt?

ELFI: Irgendwann ist es die letzte und dann wird’s dir leid tun.

PFEISINGER: Mir tut’s leid um den Benzin, den ich jedes Mal verfahr.

ELFI: Soll ich jetzt deswegen auch noch den Führerschein machen?

PFEISINGER: Das zahlt sich ja hoffentlich nimma aus.

Er bleibt vor einem mächtigen Haus stehen.

Elfi atmet tief durch.

PFEISINGER: Geh Elfi.

Er will sie berühren.

ELFI: Lass mich.

PFEISINGER: Er wird schon nicht sterben.

ELFI (weint): Wahrscheinlich.

PFEISINGER: Wir brauchen doch ka Kind, wir ham ja uns.

ELFI: Genau.

Sie steigt wütend aus.

PFEISINGER: Soll ich warten?

Elfi knallt nur die Türe zu. Keine Antwort.

PFEISINGER: Funsn.

HAUS ALTER MATUSSEK, SCHLAFZIMMER - TAG

Der afrikanische Pfarrer und Elfis Bruder Reinhard Matussek warten bereits im abgedunkelten Zimmer. Der Pfarrer betet. Reinhard lauscht dem Monolog des totkranken Sockentycoons Leopold Matussek.

DER ALTE (sehr leise): Die Albaner haben nix zum Fressen gehabt, aber die Socken haben sie uns aus der Hand gerissen. Wir haben ihnen natürlich nicht gesagt, dass sie aus Nylon sind. (er lacht hustend)

Reinhard Matussek, der einen Bundesheerstrickpullover trägt, lauscht. Er schaut auf, als Elfi den Raum betritt.

MATUSSEK: Die Elfi ist da.

DER ALTE: Elfi, komm, es ist soweit.

Sie tritt vorsichtig näher.

DER ALTE: Elfi.

Sie kommt näher.

DER ALTE: Elfi, wo bist du?

MATUSSEK: Er ist schon ganz schwach.

Sie ist ganz nahe an seinem Gesicht.

ELFI: Ich bin da, Papa.

Sie nimmt seine Hand.

DER ALTE: Elfi, mein Schatz, wenn du dich von diesem Kretin scheiden lässt, vererbe ich dir alles.

MATUSSEK: Es schaut schlecht aus.

DER ALTE: Es könnte alles dir gehören. Alles.

MATUSSEK: Er ist nicht mehr zurechnungsfähig.

DER ALTE: 40 Millionen.

MATUSSEK: Euro?

DER ALTE: Schilling.

Elfi steht vor dem Bett.

ELFI (sorgenvoll zum Pfarrer): Wie sieht’s denn aus?

Pfarrer hält kurz inne.

PFARRER: Er sterbe seit Stunde.

DER ALTE: Ich verstehe ihn nicht.

ELFI (beruhigend): Es weiß doch eh jeder, was in der Bibel steht.

MATUSSEK (flüstert): Der Feist hat gesagt, dass er nur kommt, um den Sterbeschein auszufüllen.

ELFI: Der Feist ist ein Trottel.

DER ALTE: Wenn du dich nicht scheiden lässt, dann will ich mit meinem gesamten Geld verbrannt werden. Am Marktplatz.

Matussek presst wütend seine Lippen zusammen.

ELFI: Papa, mir ist dein Geld wuarscht.

MATUSSEK: Mir a. Aber des glaubt er mir net.

DER ALTE: Reinhard. Komm her. Näher.

Matussek hält sein Ohr an seinen Mund.

DER ALTE: Fütter den Hund!

Matussek fährt wütend hoch und verlässt das Zimmer.

ELFI: Papa, was soll das?

DER ALTE (plötzlich laut): Sogar der Bauxi ist ihm weggrennt. Wahrscheinlich hat ihn längst der Jäger geholt.

Reinhard kommt zurück mit einer fiktiven Schüssel in der Hand.

MATUSSEK (widerwillig mitspielend): Komm Bauxi, Futter gibts.

DER ALTE: Ich kann nicht sterben, bevor wir den Bauxi nicht gefunden haben…

ELFI: Das ist 3 Jahre her.

Der Pfarrer seufzt und packt sich zusammen.

ELFI: Was machen Sie?

PFARRER: Feierabend.

HAUS PFEISINGER, GARAGE - TAG

Wir sehen das Gesicht einer Mutter Gottes. Es ertönt das Ave Maria. Plötzlich beginnt die Statue Blut zu weinen. Langsam löst sich der erste Tropfen. Es folgt ein zweiter. Ein dritter. Immer mehr Blut dringt aus der Statue. Es quillt über. Es spritzt. Bis die Düse explodiert und Tschach das Experiment abbricht.

TSCHACH: Aus. So ein Schas. Das funktioniert nicht!

Pfeisinger und Tschach erscheinen hinter der Statue. Einer hält eine Fernsteuerung in der Hand, wie wir sie von Modellautos kennen.

PFEISINGER: Sowas muasst händisch machen. Der Motor is für die Fisch.

TSCHACH: Na, ein super Wunder wird des, wenn man mit dem Schläuchl dahinter steht.

PFEISINGER: Vielleicht findet man ja was im Internet.

Tschach sieht ihn verdutzt an.

PFEISINGER: Na, wenn’s Bombenanleitungen gibt, vielleicht…

TSCHACH: Du bist so ein Trottel.

PFEISINGER: Es war deine Idee. Also bist du der Trottel. 400 Euro für nix.

TSCHACH: Des wird scho.

PFEISINGER: So sicher net. Wir brauchen einen Techniker.

TSCHACH: Genau. Am besten wir annoncieren’s in der Zeitung.

PFEISINGER: Das glaubt uns doch nie wer.

TSCHACH: Du brauchst nur einen Trottel, der es glaubt, glaub mir.

PFEISINGER: Aha, und wen?

TSCHACH: Macht der Reinhard eigentlich nu immer seine Runde?

PFEISINGER: Scho. Warum?

Pfeisinger gießt ihm Schnaps in einen billigen Plastikbecher, er nimmt ihn direkt aus dem blauen Plastikfass.

PILGERSTÄTTE - NACHT

Reinhard Matussek geht durch den Wald. In der Hand hält er eine Wodkaflasche. Er ruft nach seinem Hund.

MATUSSEK: Bauxi! Bauxi!

Plötzlich ein starkes Gegenlicht. An durchsichtigen Seilen ziehen Tschach und Pfeisinger die Marienstatue hoch. Alles wirkt ein bisschen linkisch, aber Reinhard bleibt wie eingefroren stehen.

MATUSSEK: Jetzt kommen sie.

DIE HEILIGE MARIA (die mit der Stimme von Pfeisinger durch einen Lautsprecher spricht): Bist du Reinhard Matussek?

Reinhard schaut ins Licht. Er formt seine Finger zum Vulkanischen Gruß, was mit den dreifingrigen Schießhandschuhen nicht funktioniert.

MATUSSEK: Entschuldigung.

Er zieht die Handschuhe aus. Aber jetzt.

MATUSSEK: Willkommen auf der Erde!

DIE HEILIGE MARIA: Knie dich hin, Reinhard. Ich komme, um dich zu erlösen.

MATUSSEK: Heißt das, ich darf mitkommen?

DIE HEILIGE MARIA: Ich komme, um dir eine Nachricht zu bringen.

MATUSSEK: Eine Nachricht? Kommt ihr nicht, um die Welt zu beherrschen?

DIE HEILIGE MARIA: Ich komme, um dir und vielen anderen Heil zu bringen.

MATUSSEK: Ich bin heil. Ich will nur weg.

Tschach und Pfeisinger hinter dem Stein.

PFEISINGER: Der glaubt, wir sind Außerirdische.

Tschach nimmt ihm das Mikro aus der Hand. Maria spricht jetzt zur Verwunderung von Matussek mit einer anderen Stimme.

DIE HEILIGE MARIA: Glaubst du an Gott, Reinhard?

MATUSSEK: Ja. Nur ist er grad woanders.

DIE HEILIGE MARIA: Du brauchst keine Angst zu haben. Jetzt wird alles gut. Ich bin ein Wunder.

MATUSSEK: Aha.

DIE HEILIGE MARIA: Ich bin die heilige Maria, Reinhard, verstehst du? Weißt du, wer die heilige Maria ist?

MATUSSEK (verängstigt): Ja.

DIE HEILIGE MARIA: Wer ist denn die heilige Maria?

MATUSSEK: Die Mutter Gottes und von Jesus.

DIE HEILIGE MARIA: Von beiden?

Tschach und Pfeisinger sehen sich fragend an.

MATUSSEK: Ich glaub schon.

DIE HEILIGE MARIA: Reinhard Matussek. Merke dir diesen Ort. Das ist ganz wichtig. An diesem Ort werden noch viele Wunder geschehen. Hier können Menschen geheilt werden. Hier werde ich wieder erscheinen. Hast du dir das gemerkt, Reinhard?

MATUSSEK: Ja.

DIE HEILIGE MARIA: Jetzt laufe und verkünde das Wunder!

MATUSSEK: Ja. Und wem?

DIE HEILIGE MARIA: Lauf!

MATUSSEK: Ja.

Er setzt noch einmal zum Spockgruß an und läuft weg.

Pfeisinger und Tschach schauen sich an.

TSCHACH: Hat er das gfressn?

PFEISINGER: Gfressn schon. Ob er es verstanden hat…

TSCHACH: Wird schon passen. Pack ma zsamm.

STRASSE ÜBER LAND (AUTO RONNIE) - NACHT

Ronnie und Babs im Auto. Ronnie trägt lederne Designerklamotten. Babs hat ihr blondes Haar schwarz gefärbt. Ronnie fährt hoch konzentriert und kämpft mit dem Schlaf.

RONNIE: Ewig grade Straßen und dann plötzlich - zack!

Er dreht das Steuer nach links.

BABS: Soll ich fahren?

RONNIE: Sicher. So eine Schasidee.

Er schüttelt den Kopf, als wäre das sein Todesurteil.

BABS: Die Straßen hat der Hitler gebaut.

RONNIE: Es war net alles guat, was der gmacht hat.

Sie sieht ihn an.

RONNIE: Des war ein Scherz.

Sie schaut wieder nach vorn.

BABS (aufgeregt): Der ist eigentlich schuld, dass sich so viele nach der Disco einbauen.

RONNIE: Vielleicht aber auch der Alkohol.

Er schaut sie an.

BABS: Schau auf die Straßn. Ich hab dir immer gesagt, das ist am Oarsch der Welt.

RONNIE: Das ist aber schon eher der Enddarm.

BABS: Der Dünndarm kommt am Schluss.

RONNIE: Die obergscheite Babs. Deswegen heißt der Enddarm ja auch Enddarm, oder?

BABS: Das hat was mit der Fahrtrichtung zu tun. Die orientiert sich am Stuhlgang.

RONNIE: Was haßt des?

BABS: Dass du gerade gegen den Strom fährst, verstehst?

Ronnie sieht sie leer an.

RONNIE: So ein Schas!

BABS: Halt’s zsamm, Ronnie. Du wolltest unbedingt mitkommen.

RONNIE: Na, wenn deine Mama wirklich so ausschaut wie du.

Er lächelt ein bisschen dreckig.

BABS: Ich geh rein, hol die Kohle und dann schleich ma uns wieder. Und kein Wort von de Schweinsohren.

RONNIE: Und du glaubst wirklich, den Germanistikstudenten fressens.

BABS: Fressen tuan’s die sowieso. Hoidst halt ausnahmsweise die Goschn.

Er schaut sie an.

RONNIE: I hoid die Goschn, wann i wü! Und wennst die deppert spülst, dann…

Er würgt sie während dem Fahren.

BABS: Schau auf die Straßn!

STRASSE ÜBER LAND - NACHT

Das Auto von Ronnie und Babs rast in die Nacht.

POLIZEISTATION, STRASSE - NACHT

Die Polizeistation von außen, das Polizeilogo leuchtet in der Nacht.

POLIZEISTATION - NACHT

Ein hagerer Polizist und eine resche Polizistin sitzen Matussek gegenüber. Sie mustern ihn argwöhnisch.

MATUSSEK: Willst du keine Daten aufnehmen?

HANNES: Ich hab’s mir gemerkt. Gerti?

GERTI (ohne den Blick von Reinhard zu nehmen, sehr monoton): I a.

MATUSSEK: Und was passiert jetzt?

HANNES: Du gehst ham und schlafst dein Rausch aus.

MATUSSEK: Und wer macht die Verkündung?

HANNES: Wir sind keine Zeitung, Matussek.

MATUSSEK: Das gehört an oberster Stelle gemeldet.

GERTI: Und die wäre?

MATUSSEK: Keine Ahnung. Ruafts den Bürgermeister an.

HANNES: Der sitzt beim Pfeisinger. (fragender Blick zu Gerti) Du fahrst aber bei uns mit.

INT. DISKOTHEK - NACHT

Pfeisinger und Tschach sitzen quasi allein an der Bar. Die beiden Polizisten betreten gemeinsam mit Matussek das Lokal.

PFEISINGER: Geschlossene Veranstaltung.

HANNES: Zwa Spritzer und ein Wasser fürn Reinhard.

TSCHACH: Was is los? Trink ma im Dienst jetzt scho außerhalb von der Wachstuben?

GERTI: Der Reinhard will was melden.

HANNES: An höchster Stelle. Bitte.

MATUSSEK: Gerri, ich weiß, jeder hoid mi für einen Trottel, aber sie waren do!

Pfeisinger verdreht die Augen.

TSCHACH: Sie?

MATUSSEK: Jo sie, die Außerirdischen!

Tschach schließt genervt die Augen.

TSCHACH: Na sicher. Die Außerirdischen.

PFEISINGER: Wolltens leicht ham telefonieren?

TSCHACH: Sog, wia schaun die eigentlich aus, deine Außerirdischen?

MATUSSEK: Immer anders. Je nachdem.

PFEISINGER (kopfschüttelnd): Immer anders.

TSCHACH: Und da soll noch ana sagn, es gibt kan Tourismus bei uns.

Er lacht laut.

MATUSSEK: Ihr brauchts mi net veroarschen. Dieses Mal is es ernst.

TSCHACH: I merk’s.

MATUSSEK: Weil des Mal woars die Heilige Maria.

Pfeisinger und Tschach sehen sich gespielt ernst an.

TSCHACH: De was?

MATUSSEK: Die Heilige Maria.

PFEISINGER: Die Heilige Maria? Bist dir da sicher?

MATUSSEK: Völlig.

TSCHACH: Weil des is scho was anderes.

PFEISINGER: Scho.

MATUSSEK: Und wieso?

TSCHACH (langsam, erklärend): Da ist schon ein Unterschied, Reinhard. Die heilige Maria gibt es vielleicht und die Außerirdischen gibt es ganz sicher nicht.

MATUSSEK: Aber die Mutter Maria ist auch außerirdisch.

PFEISINGER (genervt): Das ist doch jetzt wuarscht.

HANNES: Und wie hat sie ausgschaut, die Heilige Maria?

TSCHACH: Na wie wird die ausschauen? Wie die Heilige Maria eben.

MATUSSEK: Najo, es woar scho komisch.

PFEISINGER: Wieso komisch?

MATUSSEK: Zuerst hab i mir dacht, die bewegt si jo gar net. Da hat’s ausgschaut wia so a billige Statue aus der Kirchen. Und da war so a deppertes Gegenlicht wie aus der Disco. Aber dann bin i nu amal zruck gangen.

Tschach und Pfeisinger sehen sich verdutzt an.

TSCHACH: Aha. Und was war dann?

MATUSSEK: I hab mi auf den Sta gsetzt, es war auf deiner Wiesn, Richard. Und dann is was Unbeschreibliches passiert. A ganz warmes Gfühl is durch mein Körper. Es war eine Liebe, die kennst du net. I hab plötzlich in allen Menschen nur noch des Guate gsehn. Sogar in eich. Und dann hat sie gredt in mir. Braunschlag braucht Liebe und Freude, hats gsagt. Und dann hat sie mir eine Sternschnuppe übern Himmel gschickt.

Schweigen in der Disco.

PFEISINGER: Das ist doch ein Schas. Das glaubt dir kein Mensch.

HANNES: Najo. Ob ma so was erfinden kann?