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Gudrun
Seidenauer

Der Kunstmann

Roman

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www.residenzverlag.at

© 2005 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien

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Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4428-2

ISBN mobi:
978-3-7017-4429-9

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1402-9

1

Kleiner sah er aus in dem voluminösen Ohrensessel. Als ihm etwas Kuchen vom Teller rutschte, war es mir peinlich, als wäre es mir passiert. Er trank den Tee in kleinen Schlucken, schob den Kopf echsenhaft langsam an die Tasse heran, wobei seine Anzugjacke breite Querfalten im Nacken schlug. In den Gesprächspausen flatterte sein Blick weg. Dieses Haus macht ihn alt, dachte ich, als ich ihm nun auf dem messingfarbenen Sofa mit den genau einen Ton dunkleren Samtkissen gegenübersaß. Ein hoher Raum, karg möbliert, vollgestellte Regale, die bis zur Decke reichten. Bücher hatten ihn sonst immer größer gemacht, wenn er über sie sprach. Oft schien es, als führte er Dialoge mit ihnen wie mit lebendigen Gesprächspartnern. Jetzt halfen die Bücher nicht, waren stummes Dekor eines sehr bürgerlichen Wohnzimmers, dessen Perfektion mich unruhig machte. Eisners Konturen verschwammen in den weichen Gelb- und Orangetönen des Zimmers. Ein Stich frischer Farbe lag im Kaffee- und Kuchengeruch.

»Schön hier draußen, durchaus«, sagte Eisner. »Und jede Menge Natur rundherum, süddeutscher Nadelwald fast bis ins Wohnzimmer.« Er lachte auf, wieder fiel ihm Kuchen aufs Fauteuil, den er einfach auf den Teppich fegte.

»Sie wissen ja, was mir Natur bedeutet. Nichts, rein gar nichts. Der Blick der Menschen hat sie mir verdorben. Schade, nicht?«

»Nicht unbedingt«, antwortete ich. »Naturliebhaber und -schützer gibt es doch ohnehin genug.«

»Jetzt erkenne ich Sie wieder, Herr Klement.« Eisner grinste und zeigte mit der Gabel auf mich.

Als ob ich es wäre, der sich verändert hatte. Dabei war es Eisner, der nun erst allmählich wiedererkennbar wurde: Die Stimme, die mühelos große Räume gefüllt hatte. Die knappen Sätze mit der Stille dazwischen, die ich liebte.

Vor beinah einem Jahr hatte er einen Vortrag am Germanistischen Institut der Universität gehalten, an der er zuletzt Gastprofessor gewesen war und ich Assistent mit halber Stelle. Er wolle jetzt endlich seine in den USA lebende Tochter besuchen, hatte er mir erzählt. Ich hatte darauf gewartet, dass er mir seine Adresse gäbe. Oder etwas anderes, ein Versprechen oder nur eine Andeutung, irgendetwas, das das Besondere zwischen uns bestätigte. Dann sein Anruf, schon nicht mehr erwartet.

Ich hatte Frau Eisner nicht kommen hören. Klirrend schlug mein Kaffeelöffel an die Tasse. Frau Eisner trug ihr Standardlächeln, das immer eine Spur zu lang im Gesicht hängen blieb. Deshalb hatte ich sie anfangs auch nicht gemocht. Ich machte ihr ein Kompliment für den Kuchen, und sie lächelte, so wie sie immer gelächelt hatte, wenn sie mit dem alten schwarzen BMW vor dem Institut vorgefahren war, um Eisner abzuholen, der keinen Führerschein besaß. Zumeist zehn, fünfzehn Minuten vor Vorlesungsschluss war sie in die letzte Reihe des Hörsaals geglitten. Eisner und sie waren stets Arm in Arm die zwei Stockwerke hinuntergegangen, sehr aufrecht alle beide und schmal, die Blicke auf die Treppen geheftet, stets bemüht, sich die Konzentration, die das rasche Gehen erforderte, nicht anmerken zu lassen. Frau Eisner war Sportlehrerin gewesen, und ihre energischen, etwas eckigen Bewegungen hätten immer noch gut in einen Turnsaal gepasst, zur Spannung im Körper bei einem Radschlag oder einem eleganten Felgaufschwung.

Eisners Blick verlor sich schon wieder in den lachsfarbenen Vorhängen, die sich in üppigen Rüschen um die Fenster bauschten. Beinah synchron hoben wir alle drei die Kaffeetassen.

An der gegenüberliegenden Wand hingen Handstudien Albrecht Dürers in schmalen Goldrahmen, scharfe und doch weiche Striche mit viel Weiß rundherum, die aus der Ferne wie vereinzelte, in der Bewegung erstarrte Flügel aussahen. Die gespreizten Finger einer kräftigen, bäuerlichen Hand, kurze Kinderfinger, die einen Stoffzipfel hielten, und eine locker geöffnete, beringte Frauenhand mit spitz gefeilten Nägeln, eine Hand mit wie vor Anstrengung hervortretenden Fingerknöcheln, die eine Art Griffel umklammert. An Buchrücken lehnten Fotos: Eisner und seine Frau im Gespräch mit verschiedenen Schriftstellern. Die junge H. auf einem Schwarzweißbild, daneben Eisner, höchstens fünfzig, in der Linken ein Glas in gefährlicher Schräglage. Da am Foto war der vertraute, wachsame Blick, der langsam aus dieser pastellfarbenen Idylle wieder zurückkehrte. Er lag auf dem breiten Lachmund der Dichterin. Für mich war es immer schwierig gewesen, aus Eisners Blick wieder herauszufinden.

Ich kehrte zu Dürers Handskizzen zurück. Wie sie sich bei richtigem Licht zu bewegen begännen. Am Parkettboden tanzten Sonnenkringel. Frau Eisner schwärmte vom Seeblick, erzählte von der Tochter in Amerika und wie sie das Haus gefunden hätten, in dem sie nun seit drei Monaten wohnten.

Vor dem hohen Fenster der See, eine silbriggrüne erstarrte Fläche. Keine Bewegung, nirgendwo. Ich griff mir an den Hals, lockerte den Kragen. Eisner folgte meinem Blick, schlug vor, spazieren zu gehen. Wohin war das Leichte, Fließende, oft Sprühende unserer Gespräche von früher verschwunden, das verlässliche und doch oft überraschende Weiterspinnen eines Gedankens, den der andere begonnen hatte? Sie schienen auf den vertrauten 60er-Jahre-Plattenbau des Instituts angewiesen zu sein, auf die winzigen, mit Büchern und Aktenordnern vollgestopften Büros, auf die kahlen, neonbeleuchteten Gänge, wo wir uns nicht zu verabreden brauchten, wo man nur den Finger auf eine Seite legen, das Buch unter den Arm nehmen und vier Türen weiter anzuklopfen brauchte, wo man sich den dünnen, süßlichen Kaffee vom Automaten holte, den Becher am Fensterbrett abstellte und ihn manchmal vergaß, bis er kalt war. Und jetzt? Ich war schon lange nicht mehr Eisners Student, auch nicht mehr der »junge Kollege«, wie er mich seit meiner Dissertation vorzustellen pflegte, was mich meist mit angenehmer Verlegenheit erfüllt hatte. War ich sein Freund? Er war dreiundvierzig Jahre älter als ich. Vielleicht hatte es deshalb nie die Entspanntheit gegeben, die für eine Freundschaft nötig ist, auch wegen seines uneinholbaren Vorsprungs an Lektüre und Wissen.

Das Seeufer lag vielleicht hundert Meter entfernt. Ich erinnere mich an den breiten Silberrand um die Eisfläche und an die taubenblauen Streifen aus Schilf und gestutzten Weiden. Die Kälte biss sich in Armen und Beinen fest. Am gegenüberliegenden Ufer kroch eine Kette aus glitzernden Fahrzeugen den Berg hinauf. Ich erinnere mich an den Rauch, der uns in dünnen Fäden vom Land her nachtrieb, und an Eisners Gesicht im Profil mit den tiefen Kerben zwischen Nase und Mundwinkel. Er trug das Haar nun länger, es klebte in dicken weißen Strähnen am Schal. Hier draußen war die Stille zwischen uns leichter. Wir würden den See überqueren und am gegenüberliegenden Ufer ein Glas Wein trinken. Ich dachte an den Blick über den Fluss bei unseren Institutsgesprächen, dessen Farben sich mit Wetter, Jahreszeit und Tageslicht veränderten und die ich allmählich genau kennen gelernt hatte, während ich viele Male mit Eisner redend am Gang zwischen unseren Büros gestanden war. Motoren und Henry Moore, Tänze, Südengland, Orte und Züge, Flüsse und Kino, Maler, vor allem aber Bücher. Nichts eigentlich Privates, niemals. Und niemals ein Wort über einen Kollegen. Diese so genannten persönlichen Gespräche seien in Wahrheit doch das Unpersönlichste, das es gäbe, nichts als heimliche Versicherungen, dass man denselben Konventionen huldige, hatte Eisner einmal gemeint, und ich hatte ihm zugestimmt. Und beinah immer war er es, der unsere halb arrangierten, halb zufälligen Begegnungen beendete. Ich versuchte nie, das zu ändern. Hin und wieder hatte ich in meinem Fach einen Zettel vorgefunden, die unbeschriebene Rückseite einer alten Skriptumseite: Wenn Sie Zeit finden, möchten Sie doch auf einen Sprung in mein Bureau kommen, so schrieb er es stets, mit Datum und Uhrzeit versehen, reines Kokettieren mit seinem Alter, hatte er einmal achselzuckend gesagt, als ich ihn auf die antiquierte Schreibweise ansprach.

Nachts hatte es aufs Eis geschneit, und der Schnee war wieder gefroren, sodass die Oberfläche des Sees körnig war. Eisner ging ziemlich schnell, holte mit den Armen aus, streifte mich mehrmals, ohne es zu bemerken. Ein Schwarm Möwen stürzte quer ins Blickfeld, einzelne Vögel traktierten einander mit Schnabelhieben und durchstießen immer wieder eine moorbraun glänzende Öffnung im Eis. Ich erinnere mich an die kahlen Pappeln und die wenigen Spaziergänger, die wie bewegliche Buchstaben im bläulich leuchtenden Schnee aussahen. Wie ein unmerklich in Bewegung geratenes Bild von Breughel, das von zwei Figuren durchquert wird, ein langer, schweigsamer Gang übers Eis. Aber nein: Da sind Eisners Mundbewegungen und seine ausladenden, von der Winterkleidung etwas gebremsten Gesten. Ich habe vergessen, worüber wir uns unterhielten, während alles Sichtbare in der Erinnerung überdeutlich gespeichert ist. Wir liefen über die breiten, weißsilbernen Streifen, die am Ende in funkelnde Schlieren zerliefen, und mir taten die Augen sogar hinter den dunklen Gläsern weh. Ich wunderte mich über Eisner, der brillenlos und ohne zu blinzeln ins Helle starrte. Weit draußen hielten Kinder einander an den Schultern fest, legten sich in die Kurven und gravierten Schlangenlinien ins Eis. Ich dachte daran, die nächste Geschichte für Kai so beginnen zu lassen: Kinder schreiben ein riesiges Wort aufs Eis, eine Botschaft für jemanden, der aus großer Höhe herunterblickt, für einen Engel oder einen geheimnisvollen Piloten, einen Außerirdischen. Nichts, das ich Eisner gegenüber erwähnt hätte. Er wusste von meinem Sohn, und ich wusste von seiner schon lange in Iowa lebenden Tochter. Thema waren sie nie, und ich war froh darüber. Schließlich liebte ich diese Gang- und Büro-Gespräche mit Eisner gerade auch deshalb, weil sie Ulrike und sogar Kai für eine kleine Weile zum Verschwinden brachten. Ich liebte sie, weil Eisner mit dem sprach, der ich hätte sein können, ohne Ulrike, ohne Kai, ohne unbezahlte Rechnungen, ohne Magendrücken vor den Seminaren, ohne Schuld, ohne all das, was sich immer wieder wie eine Glasglocke über mein Leben stülpte und mich fern hielt, ich wusste nicht einmal genau, wovon. Ulrike war mittlerweile fort. Kai lag jedes zweite Wochenende zusammengerollt mit einem Stoffkamel auf meiner Wohnzimmercouch und forderte selbsterfundene Geschichten. Seitdem merkte ich mir Menschen und Dinge, mit denen sie beginnen könnten. Ich notierte mir die Eis laufenden Kinder im Geist als Anfang fürs nächste Mal. Das war leicht: der Alte, der immer samstags in der Fußgängerzone auf einem ungestülpten Eimer trommelt, der dicke, hustende Fellner von gegenüber mit seinem dicken, gelben, hustenden Hund, oder einfach Wolken in einer bestimmten Form, eine Festung, eine geheime Stadt, egal. Die Anfänge waren immer wahr, dann aber konnten verschiedenste Richtungen eingeschlagen werden, ich war jedes Mal selbst neugierig, wohin sie führten. Seit kurzem fehlte das Kamel. Doch die Geschichte musste sein.

Aber Eisner. Wie soll man eine Geschichte erzählen von einem, der als jener, der zu sein er vorgab, gar keine Geschichte hat? Ich suche den Anfang, komme aber immer beim vorläufigen Ende an, am See auf dem Eis: Da sind zusammengekniffene Augen, da ist das blendende Weiß, auf das wir zugehen. Da sind sich in der Erinnerung lautlos bewegende Münder. Da sind die Kälte und das Gefühl des Verlusts, schon als ich mit Eisner über den See ging. Und wieder Eisners Gesicht im Profil, die sich um den Schal wickelnden weißen Strähnen, sein gerader Rücken, seine anthrazitfarbenen Strickfäustlinge.

Ich lese die Nachricht nur einmal. Renommierter Germanist als hochrangiger SS-Mann enttarnt. So die Schlagzeile. Darunter Eisners Name mit Foto und sein früherer: Dr. Josef Engler. Dann streife ich die Zeitung glatt, sodass sie wie unberührt aussieht, und lege sie auf den Küchentisch. Es würde ein ruhiger Tag werden. Lina war schon gestern Abend zu ihrer Mutter gefahren. Arbeiten korrigieren, lesen, schlafen, lange und ungesund frühstücken, niemanden treffen, das ist der Plan. Ich räume das Frühstücksgeschirr ab, sammle die Brotkrümel ein und deponiere sie vor dem Fenster. Ich wische den Tisch. Ich würde ohne mich zu rühren sitzen bleiben, bis ein Vogel das Futter entdeckt. Wie früher, als Kind: etwas finden, worauf man warten konnte. Hielt man es ohne zu sprechen und ohne sich zu bewegen aus, dann wurde alles gut. Zum Beispiel ruhig am Fenster sitzen bleiben, bis Frau Lazarus wieder eine neue Kiste Rotwein auf ihrem Waffenrad durch unsere Gasse schob. Darauf wartete ich, wenn etwas besonders Schwieriges nötig war, um einen Wunsch zu erfüllen oder eine Gefahr abzuwehren. Frau Lazarus war Bessarabierin und hieß eigentlich anders. Aber jeder nannte sie so, weil sie im Krieg angeblich nach zehn Tagen aus einem eingestürzten Haus gezogen worden war und weil sie verrückt war. Und Verrückte kann man nennen, wie man will. Sie haben kein Recht auf einen Namen. Eisner, der Engler war, hatte sich einen Namen genommen. Falsch: Engler war es, der in einen neuen, tadellosen Namen geschlüpft war wie in einen frisch gebügelten Anzug. Eisner: Den es vorher nicht gab, der vorher nicht gebraucht worden wäre. Ein Humanist, ein Demokrat.

Aber der SS-Mann Dr. Josef Engler wurde gebraucht, in Berlin, in Hamburg, in München, wo er als nationalsozialistischer Germanist, Völkerkundler und Ahnenerbe-Mitarbeiter tätig gewesen sein soll, wie dem Artikel zu entnehmen war. Er habe Literaturkritiken geschrieben, Aufsätze über die Wurzeln »germanisch-arischer Kulturkreise«, über arische Tänze, arische Bäume, arische Dichtkunst. Er habe Texte für Schullesebücher verfasst, die im gesamten Dritten Reich verbreitet waren. Er habe Rundbriefe, Zeitungsartikel, Empfehlungen für Buchhandlungen und Büchereien abgefasst. Nicht nur Empfehlungen, auch Befehle und Verbote. Er habe über deutsche und undeutsche Kunst geschrieben und Manuskripte für den Rundfunk verfasst: deutsche Kultur im Osten, im Westen, in den germanischen Grenzländern. Ende April 1945 war Dr. Josef Engler verschwunden, um, wie sich jetzt herausgestellt hatte, als lediger, ausgebombter Buchhändler Johann Eisner, einfacher Wehrmachtssoldat und niemals Mitglied einer politischen Partei und schon gar nicht der NSDAP, wieder aufzuerstehen. Wie war er auf den Namen Eisner gekommen? Eisner wie Eisen, Eisner wie Eis, fiel mir ein. Dachte er etwa, er würde metallische Härte benötigen in seinem neuen Leben oder die Kälte von Eis? Meine Gedanken sprangen wieder zurück zu Frau Lazarus. Je größer die Angst, desto schwieriger musste die Warteaufgabe sein. Ich stand auf, der Stuhl hinter mir kippte weg. Deutlich erinnerte ich mich jetzt an Frau Lazarus’ entgleistes Alkoholikerinnengesicht, dazwischen blinkten Eisners Gesicht und das seiner Frau hinter meiner Stirn an und aus wie verrückt gewordene Ampelsignale. Ich musste es stoppen, bevor es richtig losging. Ich rückte die Sessel zurecht, die Kissen, die Blumen. Das Ticken der Küchenuhr schwoll an, ich zwang es mit flachem Atem wieder auf seine übliche Lautstärke zurück. Nur langsam. Bis die Zeit zurückläuft an den Punkt, an dem noch nichts zerbrochen ist. Eisner war Eisner und nicht irgendein junger glattgesichtiger Kerl in SS-Uniform. Ich holte mir die Zeitung. Trotz der über fünfzig Jahre, die zwischen den Aufnahmen lagen, erkannte ich seine Augen sofort: Schlupflider, das linke eine Spur hängend. Die Kopfhaltung. Der Winkel zwischen den schrägen Brauen. Die kurze Kerbe genau in der Mitte des Kinns. Ich glaubte dem Foto sofort. Ich deckte den Text unter dem Bild ab, rückte den Tisch näher ans Fenster. Der Mann, der einmal Eisner werden würde, hatte etwas in der Haltung und im Blick, das den Brustkorb dehnt, etwas, das aufrichtet. Eine Spannung, ein Leuchten. War es der Glaube von damals, Englers Glaube an Deutschland, an die eigene Überlegenheit, an den Führer? Ehrgeiz vielleicht oder bloß das Jungsein? Ich würde ihn anrufen. Später. Montags, vom Institut aus. Wissen es die anderen? Die Buchstaben tanzten, für ein oder zwei Minuten kam ich nicht von dem Bild los. Dann las ich weiter:

Bei Universitätsprofessor Dr. Johann Eisner, geboren 1912 in E., Hessen, scheint es sich allem Anschein nach um Dr. Josef Engler, geboren 1910 in F., Sachsen, zu handeln. Engler scheint in der Mitgliederliste des NSDAP bereits seit 1928 auf, ab 1935 als SS-Sturmbann-Führer, Mitglied der Reichsführer SS, dann hochrangiger Mitarbeiter in der Unterabteilung SS-Ahnenerbe. Engler soll unter anderem für die Erforschung so genannten blutsverwandten Brauchtums zuständig gewesen sein. Direkte Beteiligung an Verbrechen konnten dem Verdächtigten bisher nicht nachgewiesen werden. Wie erst jetzt bekannt wurde, war Professor Eisner seit mindestens drei Jahren erpresst worden und erstattete daraufhin jetzt, Ende Mai d. J., Selbstanzeige. Seine Ehrentitel, unter anderem das Bundesverdienstkreuz zweiter Klasse und einen Doktor h.c. der Universität von R., hatte er zugleich zurückgelegt.

Selbstanzeige. Also blieb kein Zweifel, der Aufschub gewähren würde. Aber: andere vielleicht. Nicht Eisner. Es gab doch genug von denen, die die gewissen Sätze und Wendungen stets auf der Zunge trugen, abgeschwächt vielleicht, verschoben, von den Juden zu den Türken, von den Roten zu den Arbeitslosen. Wenn man nur genau hinhörte. Hatten wir je über den Krieg gesprochen, Eisner und ich? Ich dachte an Eisner und mich auf dem Eis vor drei Monaten. Das Verstummte zwischen uns, das ich mir nicht hatte erklären können. Hatte es damit zu tun gehabt? Wäre da nicht das Foto gewesen, ich hätte ihn sofort angerufen. Ein Missverständnis. Eine Intrige, irgendeine alte Rechnung? Aber das Foto.

Ich stellte die Kaffeetasse in die Abwasch, öffnete das Fenster. Die Wärme von draußen fuhr angenehm in die Brust. Am Glas klebte Blütenstaub. Ich malte Zickzacklinien und Kreise an die Scheibe. Der Hof war leer bis auf zwei Burschen auf Rollerblades, die sich mit Holzschwertern verbissen und schweigend bekämpften. Das weiche Frühsommerblau des Himmels verschärfte sich allmählich. Es wurde Mittag. Ich holte mir ein Bier ans Fenster, schoss den Verschluss in den Hof hinunter und las den Artikel noch einmal. Das Gesicht des einen Jungen leuchtete blass und hart herauf. Er rief immer wieder ein Schimpfwort, das ich nicht verstand. Der andere schwang ein Spielzeugschwert hoch über den Kopf und hieb auf die Deckel der Mülltonnen und die Äste des blühenden Apfelbaums neben den Containern ein, sodass eine Wolke Blütenblätter um die beiden wirbelte.

Im Institut steht die Stille beinah greifbar in den Gängen. Konferenz um 16.00 ist auf dem Deckblatt der Unterlagen zu lesen, direkt unter der Überschrift »Fall Eisner«. Die Sekretärin, Frau Stix, brachte sie. Ich höre das näher kommende Klopfen an den Türen der Büros in circa einminütigem Abstand. Zwei, drei hin- und hergereichte Sätze. »Und was sagen Sie zu der Sache?« Ich zucke mit den Schultern. Frau Stix wartet einen Augenblick und schiebt die heruntergerutschte Brille hoch. Sie richtet ihre kleinen, wasserhellen Augen auf mich. »Sie sind doch befreundet, oder?«

Mahlmann sehr früh diesen Morgen, wie er mir mit einer kantigen Armbewegung winkt: eher Fernhaltegeste als Gruß. Der abgewinkelte Arm bleibt einen Moment in der Luft stecken, dann zieht er ihn abrupt vor Gesicht und Oberkörper herunter. Neben mir tritt Liemer aus seiner Tür, Mahlmann erwidert dessen Gruß auf die gleiche mechanische Art. Als wolle er sich selber wegwischen. Die Blicke rutschen aneinander ab. Recheis im anderen Nebenzimmer, dauertelefonierend. Gleichbleibender Druck auf der Stimme, die immer wieder vom Pfeifen des Faxgeräts unterbrochen wird. Ich nicke nach links und rechts, verschwinde in mein Büro. Mein Plakat von Pasolini in Schwarzweiß. Unter dem nach links oben (nach Utopia, hatte Eisner einmal gesagt) blickenden Mann steht: La disperata passione di essere nel mondo – Die verzweifelte Leidenschaft, auf der Welt zu sein. Ich starre das Bild an und sehe auf die Uhr. Noch drei Stunden bis zum Treffen mit den anderen.

Als mich das Institut damals davon verständigt hatte, dass ich die halbe Assistentenstelle erhalten sollte, da wusste ich es schon. Nicht dass Eisner etwas gesagt hätte: Institutspolitik, interne Regeln für interne Deals. Eisner war diskret. Aber er war es, der mich zur Bewerbung gedrängt hatte, die ich im Chaos meines sich gerade formierenden und schon wieder auflösenden Familienlebens tatsächlich verschlampt hätte. Jetzt, Herr Kollege, jetzt! Wann denn? Vor allem: War ich gut? Gut genug? Er war von mir überzeugt, und die Freude darüber trug mich durch den Sommer voller Zweifel und ließ mich Ulrikes Verwandlung in eine müde, blässliche Person im Schlafrock, die mir mit Vorwürfen auflauerte, übersehen. Ich konnte arbeiten, trotz allem, bewarb mich und wurde genommen. Einige Tage nach Ende der Bewerbungsfrist traf ich Eisner in der Bibliothek, er nickte mir zu, sein Blick hielt mich einen Moment fest. »Dann bis zum Herbst, Herr Kollege.« Aha. Ich stürzte nach draußen, sprang unter einem grauen, kühlen Regenhimmel über die Fahrradständer, ich sah mich nach Eisner um, er war verschwunden, ich musste lachen, weil er mir wie ein Bote erschienen war, ein professoraler Engel im Anzug, ich rannte bis zum Taxistand zwei Straßen weiter, wo ich einen Freund zu treffen hoffte, schüttelte die Nässe aus der Jacke, kaufte Prosecco, den ich dann mit anderen aus der Flasche trank. Etwas hatte sich geöffnet mit Eisner, und es war nicht das erste Mal.

Was wusste ich damals überhaupt von ihm, außer dass er eine Art Voraussetzung für mich geworden war? Was interessierte mich? Eisners Nähe machte mich größer, klüger, wacher. Das allein war wichtig. Es gab andere junge Kollegen, die mir keineswegs unfähiger vorkamen und nicht weniger bereit zum gut getarnten Gehorsam, einer immer noch unumgänglichen Bedingung für die Karriere in der Institution. Aus welchem Grund Eisner mich vorzog, fragte ich mich nie. Einige fanden Eisner zu kühl. Ich fand, dass er Abstand halten konnte. Auch im Denken. Er versuchte nie, einen in seines hineinzuziehen, wie andere, die sich vergrößerten, indem sie ihren Studenten ihre Art, Fragen zu stellen und Schlüsse zu ziehen, aufnötigten. Er mochte es nicht, wenn man ihn imitierte.

Vor mir der Kalender mit Eisners Nummer. Meine Finger liefen über die Tischplatte wie die Beine eines ziellosen Insekts. Das graue, wattige Gefühl in der Brust, das ich so gut kannte, der Schmerzblocker, der für eine gewisse Zeit alles im Inneren entfärbte und genau die ziehenden, pochenden Stellen betäubte, sodass der Rest funktionierte, und man konnte weiterhin Spaghetti kochen, mit dem Kind spielen, telefonieren, während irgendwo ein Schmerz auf Stecknadelgröße zusammengeschrumpft wartete. Jahre könnte man in diesem Aufschub verbringen. Als sich der Anrufbeantworter mit der geschäftsmäßigen Stimme von Eisners Frau meldete, war ich erleichtert. Zur Zeit leider nicht erreichbar. Kein Verweis auf dringende Fälle. Keine Aufforderung, eine Nachricht zu hinterlassen.

2

Vorläufig blieb alles beim Alten. Wir übten das Weitermachen: Wenn wir mit unseren unter den Arm geklemmten Manuskripten in die Hörsäle eilten, einander Grüße und Fragen zuwarfen, unsere Zimmer und Autos auf- und zuschlossen, wenn wir in den Sätzen der Studenten für Ordnung sorgten.

Auf dem Schreibtisch eines jeden der vierzig Institutsmitglieder nun ein mittelstarker Papierstoß zum Abheften unter E wie Eisner, E wie Engler. Am Deckblatt in Fettschrift: Heute 16.15 Konferenz: Fall Eisner. Diskussion und Presseerklärung im Namen des Instituts.

Fall Eisner. Ich setzte mich, schob die Papiere hin und her, sah zu, wie der Rauch im Licht der Schreibtischlampe tanzte. In zwei Stunden würde die Konferenz beginnen, und ich sollte mich an den Entwürfen für die Presseerklärung zum Fall beteiligen. Ich las mir die Überschrift mehrmals halblaut vor. Es hatte etwas Beruhigendes, doch: Ein Fall, gebannt auf Papier, etwas, wofür sich eine Überschrift finden lässt, etwas, das doch, und sei es fragmentarisch, Platz fände in Worten. Vorgestern, als ich stundenlang der blauen Küchenuhr von Linas Großmutter beim Wegticken der Stunden zugehört, dazwischen mehrmals Lina zu erreichen versucht hatte, war mir diese Möglichkeit verloren erschienen: Dass es Sprache, Überschrift, Kapitel, eine abbildbare und mitteilbare Ordnung für das geben würde, was Eisner getan hatte, und dafür, wer er war. Stundenlang das sichere Gefühl, auch ich wäre es, der in einer Lüge lebte, einer Lüge, die so sehr von anderen Lügen umsponnen war, dass ich sie gar nicht greifen konnte, ein Gefühl, das von keinerlei rationalen Beschwichtigungsversuchen berührbar war und das ich schließlich gegen vier Uhr morgens mit einem 5er-Valium erstickt hatte.

Mahlmann und Recheis hatten alle zum Wochenende erschienenen Pressemeldungen gesammelt, dazu einige von Englers Texten aus verschiedenen NSDAP-Druckwerken: Goethe und das Reich. Land im Osten. Nordische Befragung des Weltsinns. Das Erdhafte und Starkblütige. Das Leichte und Wurzellose. Ich blätterte durch seitenlange Texte in gotischer Schrift, verfasst von Dr. Josef Engler. Noch wich ich den Worten aus. Ich betrachtete die kantigen, typisierten Illustrationen: holzschnittartige Gesichter in Schwarzweiß, muskelbepackte Arme, helmartige Frisuren, geometrisch strenge Zöpfe, schwarze Blumensträuße, schwarze Ähren und schwarze Früchte, Räder, Schwerter, Hämmer, Pflüge und schwarze Sonnen, Schattenzeichen in scharfen Linien, die an Lesebuchillustrationen bis weit in die Sechzigerjahre hinein erinnerten. Mahlmann hatte Unterstreichungen und Ergänzungen in Stichworten hinzugefügt, sogar die Zusammenfassung eines Artikels über die SS-Organisation Ahnenerbe, in der Engler tätig gewesen war. Tippfehler, Stakkatosprache, Zeilensprünge, atemlos, trotz aller bemühten Sachlichkeit. Oder war nur ich es? SS-Intellektueller. Ahnenerbe. Germanischer Wissenschaftseinsatz. E wie Engler, E wie Eisner. Der Vorname war gleich geblieben, die Initialen hatte er wohl behalten wollen, sein Geburtsjahr jedoch um zwei Jahre verschoben: Ein Detail, in das ich mich wieder verbiss und das mich im Moment mehr als anderes bitter machte, mehr als all die Mordswörter, die aus Englers Artikeln brüllten.

Der Namenswechsel: Nichts Überstürztes, keine momenthafte Eingebung in der Berliner Reichshauptstelle des »Ahnenerbes«, wo Engler laut Eisner beim Verbrennen der Akten vor den heranrückenden Russen bis zur letzten Sekunde die Stellung gehalten hatte, bevor er zuerst mit dem Fahrrad und dann zu Fuß die ihm zuvor unbekannte Adresse in einem außerhalb der Stadtgrenze gelegenen Vorort im Westen aufgesucht habe. Dort habe ein Kamerad schon mit den neuen Dokumenten gewartet. Ich sah den jungen Engler entschlossen in die Pedale eines schwarz lackierten Waffenrads der Marke Steyr treten, hochgekrempelte Hosenbeine, Wollmütze, ein festgezurrter Militär-Koffer am Gepäcksträger, das Ganze in vergilbtem Schwarzweiß wie die meisten Fotografien aus dieser Zeit. Die Umgebung? Andere Flüchtende, müde demoralisierte Gesichter, Pferdewagen? Sonnenschein? Felder? Stand das Getreide schon hoch? Wie in einem Grafik-Programm spielte der Kopf verschiedene Varianten der Szene durch, fügte mal dieses, mal jenes Detail ein, blühenden Flieder, Wolken, einen Regenguss. Menschen, keine Menschen. Ich wollte die Bilder aus dem Kopf schütteln. Nichts wurde begreifbarer durch das unaufhaltsame Auswerfen von Szenen mit harten Schnitten dazwischen, die keine Geschichte ganz werden ließen.

Der Beginn des neuen Lebens musste genau geplant werden, unter chaotischen Umständen vielleicht – Eisner schilderte diese in einem Interview, das ich bis jetzt nur überflogen hatte –, aber doch durchdacht und mit einer gewissen Plausibilität ausgestattet. Ein alternativer Lebenslauf musste her: Wann und wo gearbeitet? Als was? Wo bei der Wehrmacht gewesen? Wohin mit Frau und Kind? Bei all diesen organisatorischen und logistischen Hürden hatte Engler also die strategische Kühle besessen, sich en passant auch noch zwei Lebensjahre anzueignen. Seine Welt war gerade am Zerbrechen, aber das hinderte ihn nicht, die Gunst des Augenblicks zu nützen. War es 1945 denn immer noch seine Welt, die Welt der Blut-und-Boden-Wörter, der großspurigen Beschwörungen und martialischen Formeln? Nach Stalingrad? Flüchtig dachte ich daran, wie viele Lebensjahre es zusammengezählt wären, die man fünfzig Millionen Toten genommen hat, deren nie geborenen Kindern und so fort. Der Gedanke war zu groß, um eine Vorstellung zu erwecken. Ich dachte »ungeheuerlich« und gleich darauf daran, dass Eisner in irgendeinem Ganggespräch einmal gesagt hatte, dieses gehöre zu den verbrauchten Wörtern: abgenutzt, ihrer Aussagekraft beraubt durch schiere Beliebigkeit.

Ich drückte mir die Daumen auf die Lider, wie ich es als Kind getan hatte, bis ich bunte Schlangenlinien und aufspringende geometrische Figuren sah. Zum ersten Mal, seit ich von Eisners früherer Existenz erfahren hatte, hasste ich ihn: Dafür, dass in seinem Leben noch Spielraum gewesen war für diese Eitelkeit, diesen Griff nach zwei Jahren, die ihm nicht zustanden. Dieser vielleicht lächerliche Hass tat gut, machte wach, hob die Schwere der letzen Tage von der Brust. Ich ignorierte das Klopfen, bis sich die Tür öffnete und ein verschüchterter Student nach einem Besprechungstermin fragte. Zum Seminar des letzten Semesters: »Lesegesellschaften im 18. Jahrhundert. Die Konstituierung bürgerlichen Selbstbewusstseins«. Ich verscheuchte den Studenten mit einem scharfen »Nicht jetzt, bitte«, bemerkte meine Unfreundlichkeit, hatte aber keine Kraft, sie zu korrigieren. Eisner hätte nie einen Studenten so behandelt, fiel mir ein. Ich schlug die Tür zu, mitten ins Gemurmel einiger Vorbeigehender, schloss ab und riss das Fenster auf. Mein Blick sprang über die Autodächer, rechts-links, links-rechts. Ich würde Eisner anrufen, wieder und wieder. Ihn ins Kreuzverhör zwingen, fragen, fragen, fragen. Vor seinem feinen Landhaus würde ich im Auto warten, bis sich die lachsfarbenen Vorhänge beiseite schöben. Ich würde ihn übers Eis jagen mit meinen Fragen. Der Hass wischte meine Verwirrung beiseite, ich genoss ihn, wollte ihn behalten: endlich ein klares Gefühl. Das aber keineswegs etwas klarer machte: Wen hasste ich denn überhaupt? Den alten Mann auf dem Eis? Eine Fotografie? Den Mann, mit dem ich so oft an diesem und anderen Fenstern gestanden war, der mich ermutigt und mir zugehört hatte, der mir gezeigt hatte, wie man die Gedanken losließ und behutsam wieder in neue Verknüpfungen brachte? Den Autor der Nazi-Texte, die ich noch kaum lesen konnte, die mir Angst machten und die ich mit Eisner einfach nicht zusammendenken konnte? Der Wind sauste in den Ohren. Von allen Seiten Eisners Stimme, die Stimme seiner Frau am Anrufbeantworter, Eisners Blick, dazu einen Moment lang das präzise Gefühl, wenn er einen festhielt und dann sanft losließ: nie zu viel, nie zu nah. Die angenehme Einfachheit der Wut wich wieder dem Sperrfeuer im Kopf, dem Springen der Bilder, dem Kreisen und Rennen der Wörter. Ich legte mir ein leeres Blatt hin, schrieb aber kein Wort, sah nach draußen. Die Eisenbahnbrücke warf ein schwankendes Lichtgitter auf die darunter liegende Straße. Ein Zug fuhr vorbei, Richtung Norden. Ich hielt mich hoch, zwang mich, gerade zu sitzen. Ich holte mir die Seite mit Englers Foto aus dem Jahr 1935 aus den Unterlagen, lachte laut heraus, prostete Eisner mit der Kaffeetasse zu. Eisner blickte auf dem Bild ein wenig nach oben, nach links oben, genau wie Pasolini auf meinem Plakat. Die glatte Stirn glänzte. Zwischen Nase und Mundwinkel schon feine Schatten, wo sich später Falten eingraben würden. Trotz dieser besonderen Merkmale auf der gestochen scharfen Fotografie, trotz des geraden Rückens und des leicht erhobenen Kinns sah Eisner leer aus. Englers schmale Schreibhände waren nicht zu sehen. Nach oben hin hellte sich der Hintergrund auf und endete in einem Leuchtstreifen, eine Nachbearbeitung wohl, die den Abgebildeten in ein irreales Licht tauchte, ihn fast ein wenig dem Irdischen entrückte, wäre da nicht die Uniform: Eichenlaub und Rockaufschlag, steifer Kragen und blitzende Knöpfe. Ernst natürlich: Es galt ja nicht, sich in Träumereien und Blicken nach oben zu verlieren. Es galt noch so vieles zu tun. Schreiben. Eine neue Welt bauen und eine alte zerstören. Aber vielleicht war es auch lediglich ein Belichtungsfehler, den ich da zu interpretieren versuchte. Ich legte das Bild weg. Es war ein letztes Abstandhalten zwischen mir und dem, was ich nicht wissen wollte. Jetzt hatte es mich erreicht und formte sich als einfacher und fürchterlicher Satz in meinem Kopf: In gewisser Weise hatte ich Eisner geliebt. Und um dieser enttäuschten Liebe willen würde ich versuchen müssen zu begreifen. Aus keinem anderen Grund, keinem Gebot der persönlichen oder fachlichen Moral.

Ein kurzes betäubendes Aufrauschen der Stimmen, als ziemlich pünktlich die vierzig Institutsmitglieder eintreffen. Gegen seine sonstige Gewohnheit nimmt Mahlmann nicht gleich am Kopfende des Konferenztisches Platz, von dem aus er sonst das Eintreffen der Kollegen zu beobachten pflegt, abschätzend, wie ein Regent das Eintreffen seiner Vasallen. Die typischen, seine Sätze vergrößernden Gesten sind kleiner heute, wir alle wie leiser gestellt. Mahlmann wechselt mit jedem ein paar Sätze. Der Platz des Institutsvorstands bleibt so lange leer, bis alle anderen bereits sitzen. Einige werfen Mahlmann irritierte Blicke zu, auf die er mit einem Abwinken reagiert, sich nun endlich niederlässt und Papierstapel und Aktentasche vor sich aufbaut. Da ist sie wieder, die alte Herrschaftlichkeit aus Gesten, Blicken, Sitzordnungen. Ein eigenes Alphabet, das jeder kennt, der dazu gehört. Als Mahlmann mit dem Kaffeelöffel an die Tasse klopft, ist es augenblicklich still. Ich höre meine Sitznachbarn atmen. Mahlmann zieht die Schultern hoch und begrüßt uns, aus bedauerlichem, ja traurig zu nennendem Anlass, wie er sagt. Zähe Stille im Raum. Mahlmann kramt nach der Tagesordnung und seiner Brille, die er umständlich putzt, bevor er zu sprechen beginnt. Er liest vom Zettel ab: Erster Punkt: Wie und wann hat uns die Nachricht von Eisners wahrer Identität erreicht? Gerüchte sollen schon seit längerem an Eisners Stammuniversität kursiert sein. Nicht jedoch bei uns. Nicht bei uns! Mahlmann stößt beim Sprechen mit der Zunge gegen die obere Zahnreihe, erzeugt dabei einen nassen Schnalzlaut, immer öfter, je länger er redet. Das Zögern von eben schlägt mit einem Mal um in ein Galoppieren, Mahlmann spricht immer schneller, wiederholt in drei oder vier Varianten, erst am Tag vor dem Outing von Eisners Engler-Vorleben erfahren zu haben, als müsse er uns darauf einschwören. Mahlmann ist grau um die Augen, der Blick steckt in der Wand gegenüber fest, fliegt manchmal für Sekunden über unsere Gesichter, um dann wieder in seinen Fixpunkt an der Wand zu stoßen.

Wenn die Blicke erstarren, wenn die Bilder still stehen und doch nicht zusammenpassen, dann sind es Worte, die uns retten, Worte, die weiter wissen: Die schicken wir dann vor uns her, wir richten uns daran