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Gudrun Seidenauer

Aufgetrennte Tage

Roman

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www.residenzverlag.at

© 2009 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4426-8

ISBN mobi:
978-3-7017-4427-5

1 Was wissen die

Die Maschen fallen von den Nadeln, eine nach der anderen. Noch wissen die Hände, wie man sie wieder auffängt, der Wollfaden gleitet zweimal um den Zeigefinger der Linken wie zehntausende Male zuvor und strafft sich, so fest, dass eine spiralige rote Spur auf der Haut zurückbleibt. Halbpatentmuster, ihr Leben lang kennt sie es, sie mag das leicht Füllige daran und die klaren Linien. Ihr Leben lang strickt sie schon, abends, Westen, Schals, Pullover. Lieber für andere als für sich selbst. Sie bevorzugt feinere, maschingestrickte Gewebe. Handgestricktes trägt auf, sie sieht darin dicker aus, findet sie. Sie streicht über ihre Hüften, die in der Miederhose stecken, und seufzt. Ein weichlicher Fleischring über dem Bund war da immer, seit sie denken kann. Jetzt ist er weg, aber sie kann ihn noch fühlen. Es ist einerlei, jetzt. Neulich war sie einkaufen, und als sie nach Hause kommt, bemerkt sie, dass sie nur die Strumpfhose unter dem Wintermantel trägt. Sie hat dann lange gebraucht zum Anziehen und das Mittagessen vergessen, egal. Seit er weg ist, braucht ja sie nicht mehr zu kochen. Noch einmal gleiten die Hände über die Hüften, auf und ab, aber sie bemerkt es nicht. Sie strickt schön, nicht zu locker, nicht zu fest. Die Finger prüfen die fertigen zwei Handbreit. Ein Schal, lilagrau meliert. Für ein Mädchen, eine Frau. Ein Schal für wen? Der Kopf sticht. Wieder die tiefen Röhren, die direkt aus dem Blick zu wachsen scheinen. Enger. Es ist dunkel und flimmert an den Rändern. Vom Zimmer bleiben münzgroße Lichtpunkte, die sie fixiert, als käme es darauf an, diesen Rest an Helligkeit festzuhalten. Die Finger krampfen, der Schmerz schießt von beiden Händen heiß in die Schultergelenke, verknotet sich im Nacken. Die Augen irren umher. Atmen. Ein, aus, ein. Die Lichtscheiben werden wieder größer. Da das Foto der Tochter auf dem Beistelltischchen. Für die Tochter, freilich! Für die Kleine. Das Fotolächeln wird den Schmerz auflösen, nicht gleich, aber sie spürt es schon. Sie steht nicht auf, lässt das Strickzeug nicht los. Ein Blick genügt. Jetzt sind wieder alle Maschen auf den Nadeln. Es ist noch früh heute, erst zwei, und sie wundert sich plötzlich, warum sie um diese Zeit schon strickt. Abends, sie hat doch immer abends gestrickt. Nur in den Jahren nach dem Krieg, als sie mit der Mama in der kleinen Wohnung am Hauptplatz in Kaltern gewohnt hat, wurde auch tagsüber gestrickt, für den Kurzwaren-Morandell. In grauen Kartons, die sich im Vorzimmer, unter der Schlafcouch, unter dem Küchentisch stapelten, lagen die Wollknäuel und wurden nicht weniger. Wo man ging und stand, stieß man mit den Füßen dagegen. Auch die Wolle war grau, dunkelblau, tannengrün oder braun, manchmal schwarz, die schwarze nahm dann immer sie, weil sie die besseren Augen hatte, die brannten aber trotzdem nach den langen Samstagnachmittagen und verregneten Sonntagen. Die Finger wurden steif vom Stricken und die Schultern taten weh. Aber anders weh als jetzt, das weiß sie, ohne den Unterschied benennen zu können. Wenigstens war es neue Wolle, nicht die aufgetrennte aus den Kriegsjahren, die sich immer so kräuselte und nie ein wirklich gleichmäßiges Gewebe ergab, egal, wie schön man strickte. Socken, Socken, Socken. In Zopfmuster. Helle Kniestrümpfe. Sie kramt einen Zettel aus der Kitteltasche, schreibt, faltet ihn sorgfältig zusammen. Und sie hat schön gestrickt, ja. Wie maschingestrickt, Fräulein Mariann, sagte der alte Morandell, wenn er mit seinen breiten gichtigen Händen über die Socken fuhr und mit der Zunge in den Mundwinkel, sie angrinste und ihr einen Schritt zu nah kam, sodass sie die Kante der Küchenkredenz im Kreuz spürte. Er roch säuerlich, nach Weinkeller und Pfeife, und die Kartons mit der Wolle rochen genauso. Sie meinte, auch an der Wolle selber hafte dieses Dumpfe, Gierige, und sie wusch sich immer die Hände nach dem Stricken, ließ das kalte Wasser minutenlang rinnen und schrubbte, bis die Mutter kopfschüttelnd den Hahn zudrehte.

Sie riecht am Strickzeug. Da ist es wieder: sauer, schwer, gierig, süß. Sie erschrickt, sieht auf die Uhr. Drei. Die Hände bewegen sich, fassen aber keine Maschen auf. Die Nadeln kleben. Die Hände bewegen sich weiter. Für Capellini hat sie lieber gestrickt. Die feine Mohair- und Merinowolle, die sie aus Florenz kommen ließen. Die Farben. Sie schließt die Augen. Farben vergisst man nicht. Es durften keine Fehler in den cremefarbenen, senfgelben oder bordeauxroten Bolerojäckchen sein. Die taubenblauen Dreieckstücher mit den Lochmustern. Wolle-Seide-Gemisch. Die machte sie am liebsten. Wann war das? Die Mutter hat ihr geholfen, die Brille ist ihr immer heruntergerutscht, und sie hat sie ihr an der Schürze geputzt, drei, vier Mal am Abend. Die Krägen an den Jäckchen waren schwierig, aber sie hat nie einen Fehler gemacht. Die Capellinis mochten sie, vielleicht, weil sie so gut italienisch sprach. Molto bene per una tedesca. Senza accento proprio. Das Proprio hat sie ein wenig gekränkt, trotzdem. Sie sieht ihren Händen zu wie fremden Tieren, die in ihrem Schoß spielen. Den Faden vor die linke Nadel, dahinter, davor, dahinter. Wie große, bleiche Spinnen bewegen sie sich. Ekel steigt in ihr hoch. Schöne, schmale Hände mit langen Fingern hatte sie. Jetzt hat die Tochter ihre Hände. Sie reißt am Faden, mit dem Herzschlag steigt ihr Zorn in den Kopf. Das ist nicht gut, das weiß sie. Den Faden, der davorliegt, mit abheben, glatt. Verkehrt. Was macht die rechte Nadel? Wieder fällt eine Masche. Davor oder dahinter? Der Herzschlag im Kopf. Sie kann es nicht mehr. Ihr Leben lang strickt sie Halbpatent, Westen, Schals, Pullover. Patent, Halbpatent, falsches Patent, Netzpatent. Lochmuster, Zopfmuster. Die feinen Strickdeckchen mit fünf Nadeln, die die Signora Capellini immer so gelobt hat. Che lavoraccio, cara! Das silbergerahmte Foto des Sohnes in der schwarzen Uniform am Kamin der Capellinis. Ein schöner Mann. Hohe Stirn, Augen wie Rudolfo Valentino. Ob er ihr gefalle, hat die Signora einmal gefragt, als sie bei ihr im Wohnzimmer saß. Neben dem Foto des Sohnes, Lorenzo hieß er und er war in Rom stationiert, stand das eines vielleicht achtzehnjährigen Mädchens. Das Mädchen trug eine Perlenkette und war hübsch. Ein wenig rund um die Wangen vielleicht. Sie hielt den Kopf ein bisschen schräg und schaute wissend. Nostra figlia, Chiara. È morta a vent’anni. Sonst sagte die Signora nichts, und sie hätte nicht zu fragen gewagt. Das hätte die Signora nicht gewollt, Marianne konnte es hören. Sie war immer gut im Hören. Sie wusste, was die Leute meinten, auch wenn sie es nicht sagten. Deswegen mochten sie sie auch in den Geschäften, in denen sie arbeitete. Marianne dachte damals oft an Chiara, auch daran erinnert sie sich. Weil sie auf dem Foto so schaute, als wisse sie, dass sie nicht alt werden würde. Dumme Gedanken waren das. Aber sie konnte nicht aufhören, an Chiara zu denken, vor allem, wenn sie strickte. Wie sie wohl geredet und gelacht hatte? Ob sie auch so geschickt war wie Marianne? Vielleicht war sie bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben. Je öfter Marianne das dachte, desto mehr glaubte sie es. An Lorenzo dachte sie auch. Ob er ihr gefalle! Was der Signora einfiel. Nicht auszudenken. Ein Italiener. An Lorenzo und Chiara dachte sie immer in Italienisch. Das war sicherer. Wie dumm sie damals war. Die eckige, schrumpfende, vergessliche Marianne mit dem verhedderten Strickzeug auf den Knien lacht die junge, geschickte, plumpe Marianne aus. Die dickliche, junge Marianne mit ihren fünf dünnen Klappernadeln im Schoß. Die junge, kirschäugige Marianne, die keine Kinder wollte, nie, aber immer zwei sagte, wenn jemand fragte. Wie blöd sie immer fragten. Wann sie heiraten wolle, und Kinder, wie viele. Die junge, lebende Marianne, die einer toten, jungen Frau erzählt, wie blöd die sind mit ihren blöden Fragen. Was es da zu denken gab. An eine Tote und an einen Italiener, der in Rom stationiert war, in Rom, von wo die sich ausbreiteten, herauf in ihre Häuser zogen, ihren Dörfern idiotische neue Namen erfanden und sich sogar auf ihren Friedhöfen breitmachten mit ihren lächerlichen steinernen Schubladen. Die ihnen die Sprache wegnahmen und alles andere auch. Die in die hässlichen, eilig herausgestampften Mietskasernen am nördlichen Stadtrand zogen, ihren Wein soffen und manchmal Hühner in der Badewanne hielten, wie man erzählte. Die waren nicht wie die Capellinis, die meisten nicht.

Auch die Capellinis sprachen kein Deutsch. Aber Marianne störte das nicht. Das Italienischreden war leicht. Die Signora trank nachmittags gern ein Gläschen Likör zum Espresso. Wenn Marianne die fertigen Stücke ins Geschäft brachte, nahm die Signora sie meistens am Ellbogen, schob sie vor sich her in den ersten Stock, hinauf in die Wohnung, und nötigte sie, mit ihr Kaffee zu trinken. Sie erinnert sich an die enge, immer gut gewachste dunkle Holzstiege, an die plötzliche wohltuende Kühle im Treppenhaus, an den Geruch der Signora, Lavendel und Wäschestärke, an ihren sanft murmelnden Redeschwall: Venga, venga pure, Signorina Marianna, solo un attimino, venga, mi fa piacere, sa, venga pure!

Sie erinnert sich, dass sie sich immer umblickte im Geschäft, wenn die Signora auf sie einplauderte, ob sie nicht etwa jemand Bekannter sah. Sie erinnert sich, dass es ihr peinlich war, schrecklich peinlich: Wenn sie jemand gesehen hätte. Wenn die Signora bemerkt hätte, dass es ihr peinlich war. Sie erinnert sich, dass sie sich immer plump und grob vorkam in der Wohnung der Signora, und dass die Signora etwas an sich hatte, was sie in der folgenden halben Stunde ihre Plumpheit vergessen ließ. Sie erinnert sich an den süßen Mandelgeschmack des Likörs, an die trockenen Biscotti dazu. Sie erinnert sich sogar an die kleinen hellbraunen Espressotassen aus dünnem Porzellan. Sie erinnert sich, dass sie sich immer gut fühlte, wenn sie wieder ging. Leichter, bedeutender, sogar ein wenig schöner. Vielleicht war es der Amaretto. Wo sie doch nie Alkohol trank. Ohne den Amaretto hätte sie das Foto nicht so lange angeschaut, so lange war es bestimmt nicht, aber lange genug, dass die Signora es bemerkt hatte. Sie erinnert sich doch an alles! Es tat ihr leid, als sie das Geschäft aufgaben und wieder zurück nach Urbino gingen. Feine Leute waren das. Als sie fragte warum – es war ihr herausgerutscht, sie hatte sich so geschämt –, hatte der Signore nur sanft den Kopf geschüttelt, freundlich, molto gentile, immer war er freundlich, höflich, immer, hatte ihr die Hand auf den Unterarm gelegt und gesagt: Non è Italia, questa terra qua, e non la diventerà mai, Lei lo sa, cara Signorina Marianna, e lo sappiamo anche noi.

Daheim hat sie geweint. Aber die sollen doch endlich hingehen, wo sie hergekommen sind, haben sie gesagt, und sie hat es dann auch gesagt. Weil es richtig war. Walsche, in den Dreißigern angesiedelt in ihrer Stadt, zu Tausenden. Wie sie die Gassen erfüllten mit ihrer lauten Selbstsicherheit, mit ihrer Sprache, die schön war, ja, wie Singen bei manchen, wie Musik, bei den besseren Leuten zumindest. Aber doch: die Sprache der anderen. Genug Gesindel dabei. Aber nicht die Capellinis. Marianna, das hat dann niemand mehr zu ihr gesagt. Knopflöcher, Krägen, Raglanärmel. Fingerlinge, zweifädig. Fersen und Spitzen. Die Nadeln kleben. Die Hände bewegen sich im Rhythmus des Herzschlags. Die Knie zittern, obwohl sie sitzt. Der Geruch nach Weinkeller. Die Kartons überall. Die Wolle wird nicht weniger. Grau. Wo ist das Lila? Sie setzt sich auf die Hände, die unter dem Gesäß heiß kribbeln, nicht stillhalten.

Als sie in die Küche zurückkommt, liegt das Strickzeug auf dem Boden. Es tropft, ihr Gesicht ist nass. Das Wasser, sie hat den Hahn nicht zugedreht! Vor dem Badezimmerspiegel hält sie den Blick gesenkt. So geht es. Wasser hilft, auf Wasser ist Verlass. Acqua. Wasser. Sie steht vor dem Waschbecken, sieht nicht auf, zerkaut die Silben im Mund. Wasser. Acqua. Das deutsche Wort passt zu fließendem, aus dem Hahn strömendem Wasser, das italienische zu stillstehendem. Zu einem See, einem Teich. Seen mag sie. Wenn sie nicht zu groß sind und zu tief. Wasser. Die Tochter, warum ruft sie nicht an? Nie ruft sie an. Sie weiß, dass das nicht stimmt. Aber es stimmt doch: Nie ruft sie an. Sie würde verstehen, dass Wasser fließt und Acqua ruht. Aber sie wird es ihr nicht erzählen. Weil sie nie anruft.

Sie seufzt. Der Blick in das saubere Waschbecken tut gut. Seit er weg ist, ist das Waschbecken immer sauber und der Spiegel auch. Ohne dass sie es ihnen befohlen hat, wischen die Hände das Becken trocken. Immer hat sie die dreckigen Tropfen weggewischt, zehntausende Male. In der Küche hebt sie das Strickzeug auf. Jetzt wissen die Hände wieder, was zu tun ist. Sie strickt Reihe um Reihe, bis das Knäuel zu Ende ist und die Dämmerung das Schauen mühsam macht. Halbpatent, das könnte sie sogar im Finsteren stricken. Tickt die Küchenuhr leiser, seit sie nicht mehr aufgezogen werden muss? Sie beobachtet den Lichtstreifen, der auf ihre Zehen zuwandert und verblasst, bevor er sie erreicht. Die Abendsonne noch einmal zwischen den dichten Wolken. Na also. Sie zieht das angelehnte Küchenfenster weit auf, wirft einen Blick in den Garten, bevor sie sich ans Fensterbrett lehnt, den Haufen Äste betrachtet, die ihr der Nachbar von den Apfel- und Zwetschkenbäumen geschnitten und ordentlich aufgeschichtet hat. Dieses Obst. Überall, wie die Wolle in den grauen Kartons. Die Äpfel, säuerlich und wurmig. Die Finger werden rot vom Schälen und die Haut von der Fruchtsäure dünn. Alle Kübel voll mit Zwetschken, die hier klein bleiben und in manchen Jahren so sauer sind, dass es einem die Mundschleimhaut zusammenzieht, wenn man hineinbeißt. Anders als daheim. Und keine Rosenmarillen. Die werden hier gar nicht. Keine Feigen, keine Trauben, keine Pfirsiche. Keine Williamsbirnen. Keine Gravensteiner Äpfel. Sie kann ja gar nicht aufzählen, was hier alles nicht wächst. In den wenigen heißen Sommern wurden die Zwetschken dann süß und wurmig, im ganzen Haus roch es faulig nach gärendem Obst, obwohl sie tagelang einkochte und Dutzende Kilo Gelierzucker nach Hause trug, rührte und schleppte, rührte und schleppte. Als sie einmal zu ihm sagte, dass ihr die Arme weh täten, hat er nur verächtlich mit den Schultern gezuckt. Später fragte er dann einmal, wieso sie immer in das weiter entfernte Geschäft ging, wo es doch ein näheres gab. Diese Fragen immer. Nach längerem Schweigen, so aus dem Nichts heraus. Das kannte sie. Das war dann gefährlich. Bestenfalls fand sie dann schnell eine Antwort, die er mit einem Schulterzucken quittierte. Schlechtestenfalls, nein, daran kann sie nicht denken. Wenn sie keine Antwort fand oder die falsche. Wenn sie einmal mit den Achseln zuckte. Wenn sie etwas sagte und ihre Hände zu laut und zu schnell mitredeten. Nicht daran denken. Dann war es wieder einmal zu spät, und was dann kam. Wenn sie daran denkt, bekommt sie wieder das Herzklopfen und die Röhren vor den Augen.

Im Lebensmittelgeschäft, in das sie geht, trifft sie immer zwei, drei Frauen von daheim, die in der ehemaligen Barackensiedlung für Flüchtlinge hängen geblieben sind. Keine Freundinnen, sie bleiben beim Sie, jahrzehntelang, wie es bei ihr daheim üblich war. Bei ihr daheim sagen sie nicht zu jedem du, wie hier am Land bei den Bauern. Und der Chef ist ein feiner Mensch, der ihr die Sachen in die Tasche schlichtet, wenn er an der Kassa steht. Er nennt sie immer beim Namen. Das ist alles. Und der Klang der Frauen beim Reden. Obwohl, es ist nichts Persönliches, ein paar Sätze über das Wetter, die Kinder. Der Klang ist es, und das hätte der Mann nicht verstanden, schlimmer noch, er wäre zornig geworden. Wahrscheinlich. Deswegen sicher: Weil sie sich zusammenkratzt, was von Daheim noch zu haben ist. Die Stimmen der Frauen gehören dazu, und dass sie sich nicht duzen. Das hätte sie dem Mann nicht erklären können, sie hätte gar keine Wörter dafür gewusst, die er verstanden hätte. Vielleicht gab es auch keine. Sie weiß nicht mehr, wann sie aufgehört hat, nach den Wörtern zu suchen, die er verstanden hätte. Es wird kühl jetzt. Die Farben weichen schon zurück, die rotgestreiften Vorhänge werden samtig grau. Sie mag diese Zeit, kurz bevor man das Licht aufdrehen muss. Sauber ist die Küche. Alles ist an seinem Platz, seit er nicht mehr da ist. Ein Unfall, es war ein Unfall. Sie tastet nach dem Zettel in der Kitteltasche: Ich habe gestrickt: Socken, Kniestrümpfe in Zopfmuster. Tracht, steht da. Blödsinnig, so etwas. Sie wird den anderen Zettel suchen, das ist der falsche. Der Zettel, auf dem steht: Unfall, Hermann, 21. Mai 1992, 16.32. UNFALL, in Blocksschrift hat sie es hingeschrieben.

Das Zettelschreiben hat er ihr noch beigebracht. Es ist nützlich. Weil sie viel vergisst. Immer helfen die Zettel nicht und dann findet sie auch welche, bei denen sie sich gar nicht erinnert, sie geschrieben zu haben. Die wirft sie dann gleich weg. Es tauchen aber immer wieder neue Zettel auf. Sie erkennt ihre Schrift und schämt sich. Es ist dieselbe Schrift wie immer, nur größer, flacher. Als ob die Buchstaben aufweichen würden. Das mag sie nicht. Dann reißt sie sich zusammen, und die Buchstaben sehen für eine Weile wieder wie früher aus. Es ist wie mit dem Gesicht, aber umgekehrt: Das Gesicht wird eckiger und zieht sich zusammen. Irgendetwas ist auch mit den Augen. Sie sollte lieber nicht so viel in den Spiegel schauen. Man darf sich nicht gehen lassen. Jetzt muss sie aber das Licht einschalten. Es blendet für einen Moment, aber das macht nichts. Sie sieht auf die Uhr. Es ist schon sieben! Schon wieder hat sie ganze Stunden verloren. Was hat sie getan den ganzen Nachmittag? Gestrickt, sie hat gestrickt. Zu früh angefangen hat sie heute, warum denn nur? Sie hebt das Strickzeug hoch. Schön. Eine elegante Farbe. Lilagrau. Wird ihr gut stehen, der Kleinen. Sie hat wieder nicht angerufen. Nie ruft sie an, nie. Sieben. Einen Moment steht sie noch in der Küche. Der Fernseher. Sie nimmt die Wollstola, die dort liegt, wo sie hingehört. Um sieben ist Österreich-Bild. Sie streckt die Beine aus, gut ist das. Jetzt sitzt sie da, wo er immer gesessen ist. Jetzt ist Österreich-Bild. Jetzt kann ihr gar nichts mehr passieren.

Am Morgen läuft der Fernseher, als sie das Wohnzimmer betritt, aber sie erschrickt nicht. Wenn sie die Tür zur Küche schließt, ist es, als wäre jemand da, aber niemand, der einem plötzlich in den Weg tritt und gefährliche Fragen stellt. Jemand, der weiß, dass man Distanz wahrt und nicht jeden duzt. Sie hat schon Kaffee getrunken, alles weggeräumt, einen Einkaufszettel geschrieben. Heute sind die Buchstaben gelungen, die kleine, runde, zarte Schrift, die sie in den wenigen Büchern findet, die sie auf der Flucht aus Mährisch-Ostrau mitgenommen haben, in alten Reisepässen und im handgeschriebenen Kochbuch. Ihre Adresse: Marianne Comploi, Adolf-Hitler-Platz 4, Ostsudeten. Überall hat Marianne damals diese neue Adresse hineingeschrieben wie eine Beschwörungsformel: Dass sie endlich einmal auch wo bleiben könnten. Daheim, dieses ewige Herumgetriebenwerden. Alle paar Jahre eine neue Pacht. Eine andere Backstube, ein anderer Laden, andere Gesichter. Und sonst: immer dasselbe. Es war aber daheim, immerhin. Ihr Land, ihre Leute waren das. Aber nicht genug, fand der Vater, und die Mutter auch, glaubt sie. Was versteht denn die Kleine davon mit ihren frechen Fragen. Den Ton hat sie sich von Hermann abgehorcht. Das Leise, Gefährliche. Als hätte Marianne den Tschechen persönlich das Haus weggenommen. Sie haben doch bezahlt dafür. Vorher, ganz rechtmäßig. Und dann sowieso. Womit kann man mehr bezahlen als mit allem, was man hat?

Damals konnte sie die Dialekte von daheim gut unterscheiden, die feinen Abweichungen zwei, drei Ortschaften weiter. Sie hat immer erraten, wer woher kommt. Daheim, das war vor allem ein Klang.

Marianne schrieb keine Kurrentschrift mehr. In der Schule durfte man sich ohnehin nicht dabei erwischen lassen. Nicht ein Sterbenswort. Und nicht Deutsch reden untereinander. Natürlich taten sie es trotzdem, das war Ehrensache. Manchmal vergaß sie es aber ganz, die italienischen Wörter kamen auch in den Pausen einfach von selber, glitten ihr von den Lippen. Und dann war sie eine Verräterin, ein walscher Fack, ein fetter, walscher Fack. Bis zur letzten Kurve, die sie keuchend rannte, aber das Singen der Kinder holte sie immer ein.

Sie mochte die runde Schrift, die die Maestra an die Tafel malte, ohnehin lieber. Die glänzende blaue Blechfederschachtel, die dünnen Federn mit dem Schildpattfederhalter. Und die zwei aus lackiertem Edelholz, schwarz und weinrot. Die unterschiedlichen Strichstärken, je nachdem, wie man die Feder hielt und wie viel Druck man ausübte. Der süße, leicht giftige Geruch der Tinte. Immer hat sie ihre Federn ordentlich ausgewaschen und abgetupft, nie sind klebrige, vertrocknete Patzen daran zurückgeblieben wie bei den Geschwistern. Und das Papier! Die feinen gelblichen Fasern im Haushaltsbuch. Die fast seidige, trockene Glätte des teureren, hauchleichten Briefpapiers. Die Bleistifte, mit denen Brotbestellungen auf die Rückseiten alter Kalender geschrieben wurden, waren bei ihr immer gespitzt. Der Kleine, mit dem sie in Freiberg dann schreiben geübt hat, der immer ein bisschen nach Schweinestall roch. Er konnte es, obwohl er mit seinen klobigen Kinderpatschhändchen und seinen geflickten Pullovern aussah, als ob er jeden Bleistift in Stücke brechen würde. Wie er die Zunge zwischen die Lippen klemmte, wenn er die Schlingen nachmachte, die sie ihm mit dem weichen Zweierbleistift vorgezeichnet hatte. Da sitzt er, der Kleine, hin und wieder schlägt er mit den Füßen gegen ihre Schienbeine, so aufgeregt ist er. Immerhin waren die Pullover geflickt. Schön geflickt sogar, mit ganz feinen Stichen. Sie hätte es nicht besser gekonnt. Da hat sie gewusst, dass das mit dem Schreiben auch gehen wird. Wenn seine Mutter solche Stiche machen konnte. Marianne war nicht nur im Hören gut, schauen konnte sie auch. Und sich die tschechischen Wörter merken. Sie hat auf etwas gezeigt, der Kleine hat ihr das Wort gesagt, und sie hat es sich gemerkt. Eine hässliche Sprache, haben sie gesagt. Für sie war keine Sprache hässlich. Sie war vielmehr ein Rätsel, das man löste.

Jetzt sitzt sie am Frühstückstisch und sieht nicht, dass die Kaffeemaschine noch eingeschaltet ist, obwohl die Kanne leer ist. Sie sieht nicht, dass es in der Küche schon drei Tage hummerroter Sonntag ist: Sie hat die Kalenderblätter nicht abgerissen. Sie sieht die toten Fliegen zwischen den Fenstern nicht. Denn sie schaut anderswohin, dorthin, wo alles deutlich ist und seine Ordnung hat, weil es sich nicht mehr ändern kann. Dorthin, wo die Zeit klar bleibt und das, was geschehen ist, unverwischbar, wie in Bernstein. Wenn sie aber zu lange hinschaut. Dann. Marianne hat immer gewusst, wie sie hinschauen muss, damit sie das Richtige sieht. In die Zukunft hat sie auch geschaut, früher. Und auch da hat sie das Richtige gesehen, da gibt es keinen Zweifel. Dass es anders geworden ist, anders und falsch, das liegt an den anderen. Marianne staunt, wie einfach es ist. Ja, die anderen. Die, was wissen die. Jetzt ist ihr wieder heiß. Sie taucht den Löffel ins Marmeladeglas und schleckt ihn ab. Das hilft, wenn ihr heiß wird vor Zorn.

Nachher ist man immer gescheiter, sagte sie der Kleinen, die eine Zeit lang immer gefragt hat. Warum? Warum seid ihr dorthin gegangen? Warum habt ihr geglaubt, dass ihr dort bleiben könnt? Warum, warum? Darum! Sie wollte ja nicht. Aber das hat sie damals nicht einmal gedacht. Geschweige denn gesagt. Das Tal, in dem sie sieben Jahre gelebt hatten, war einfach zu eng. Der Stausee vorn, links und rechts Wände aus Stein und Wald. Die Carabinieri, die in den Mehlsäcken stocherten. Das war alles. Und der Zug, immer der Zug, nach Süden, nach Norden. Immerzu fuhren Züge vorbei und ließen einen glauben, dass das Leben anderswo stattfände.

Die Kleine hat nicht ihre Schrift. Eher die seine. Spitz, groß und alle paar Monate anders. Ihre Hefte. Kaum hat sie eines zu Ende geschrieben. Und Seiten hat sie herausgerissen. Nie war etwas ganz, das sie machte, Hefte, Strickzeug, die Serviettensammlung, alles blieb unfertig. Immer hat sie hinter ihr herräumen müssen.

Jetzt bemerkt sie den Kalender. Sie hockt in der Küche schon wieder im falschen Tag. Sie hustet, obwohl sie nicht müsste, wirft mit dem Geräusch einen Anker in die holpernde, kreiselnde Zeit, die aus den Fugen gerät, und dann brechen wieder ganze Stücke weg und verschwinden in einer schlammigen Flut, um an unvermuteten Stellen aufzutauchen wie faulendes Treibholz. Was soll sie anfangen mit diesen Zeitbrocken?

Heute Nacht hat sie wieder vom Fluss geträumt. Es wird Hochwasser geben, sie weiß es, und alle fahren sie vorbei in schmalen Kanus und winken. Sie winkt zurück, aber dann merkt sie, dass sie gar nicht ihr winken, sondern einer Gruppe bunt gekleideter Frauen in Tracht, die da oben auf dem Hügelkamm stehen. Und dann weiß sie es wieder: Dass es kein Wunder ist, dass sie ihr nicht winken, weil sie es gar nicht verdient hat. Wenn sie doch ihre Zunge nicht im Zaum halten kann. Wenn sie redet wie eine Walsche. Wenn sie im Geschäft steht und mit der einen deutsch redet und mit der anderen italienisch, ohne nachzudenken. Wenn sie sich heimlich über dem Strickzeug mit der toten Chiara unterhält. Und der Maestra auf die Schuhspitzen schaut, wenn sie beim Diktat mit ihren schwarzen spiegelblanken Stöckelschuhen zwischen den Bankreihen auf und ab schreitet genau im Rhythmus der Sätze. Eine Königin der singenden Wörter. Wenn kein einziges Wort falsch geschrieben war, weil Marianne es sich gemerkt hat, weil sie die runde Schrift der Maestra angeschaut, den Klang und den Takt der Sätze gehört hat, ohne dass ihre eigene regelmäßige und runde Schrift auch nur einmal gestolpert wäre. Was wissen denn die. Es hilft noch immer, diesen Satz zu denken. Wie die Marmelade hilft es. Nicht immer, aber noch oft genug. Immer wieder kommt jemand Neuer hinzu, an den äußeren Rändern von Mariannes Die-Gemeinschaft. Der Kern ist fest: Der Mann, Hermann, sitzt im Mittelpunkt. Sein Platz ist wie mit dem Zirkel eingestochen. Und seit er tot ist, versteinert er darin. Seltsam, sie kann sich nicht vorstellen, dass er verwest. Sie stellt sich vor, dass er hart wird und grau wie Stein und dass seine Bewegungen, seine raumgreifenden Schritte, die entschiedenen Drehungen seines Oberkörpers allmählich weniger werden, bis er zum Stillstand kommt. Das ist noch nicht geschehen. Manchmal greift er noch nach einem Werkzeug, beugt das Knie, dreht den Kopf, dort unten, ruckartig und ins Leere. Er versteht noch immer nicht, dass es vorbei ist. Das wundert sie nicht. Er hat es ja lange genug geübt, das Nichtverstehen. Von Anfang an hat er es geübt, und in dem, was man lange genug übt, wird man irgendwann gut. Wenn ein entsprechendes Talent vorhanden ist. Sie seufzt, schraubt das Marmeladeglas zu. Seine grünbraune Weste mit den Lederknöpfen hängt noch im Vorzimmer. Die nicht, hat sie gesagt, als die Kleine seine Kleider zusammengepackt und zur Caritas gebracht hat. Schöne Sachen, die sie immer ordentlich instand gehalten hat. Die Kleine hat nicht gefragt warum, das hat sie gewundert. Sie hat schon die Luft angehalten und das Herzklopfen gespürt, wie immer, wenn sie die Warum-Fragen der Kleinen erwartete und diesen Blick dazu, den sie dann immer hatte. Dieser Blick, den hat sie von ihm. Jünger noch, aufgebrachter, unruhiger. Aber doch: sein Blick. Nie hat sie sich das gedacht, dass die Kleine seinen Blick bekommen wird. Was für ein putziges Baby sie war. Wie anhänglich, wie nachgiebig. Was wissen die, wie es ist, wenn die Kleine, die Eine, die Einzige, diesen Blick bekommt und man kann nichts dagegen tun. Man tut und tut und strickt und näht Puppenkleider bis spät in die Nacht, und man kocht, diese verfluchte Kocherei jeden Tag, man räumt hinter ihr her und hinter ihm, und man erzählt ihr, weil man es ja irgendwem erzählen muss, wem denn sonst, damit sie sich wenigstens vorstellen kann, wie das war damals, und dann bekommt sie diesen Blick und sagt einem, das sind doch nur Phrasen, Mama, du erzählst immer das Gleiche, und warum seid ihr dorthin gegangen, und was habt ihr überhaupt verloren dort, und warum habt ihr geglaubt, dass ihr dort bleiben könnt, und habt ihr überhaupt bezahlt für das Haus und wie viel, und wohin sind die gezogen, denen es gehört hat.

Marianne drückt sich die Fingerknöchel, bis sie knacken. Was habt ihr verloren dort, fragt sie. So etwas fragt sie. Alles, hat sie der Kleinen geantwortet. Wir haben alles verloren, jetzt weißt du es. Mehr als alles, mehr gibt es nicht. Aber die Kleine hat nichts verstanden. Nichts verstehen wollen. Der Blick, der war schon vor den Fragen da. Den Blick, den hatte die Kleine vielleicht seit dem Schulgehen. Nein, vorher schon. Der Blick war jedenfalls vor den Fragen da. Die Fragen hat sie sich dann nur ausgedacht, um den Blick zu rechtfertigen, das weiß Marianne ganz genau. Sie runzelt die Stirn vor Anstrengung. Sie schwitzt. Es ist schwer, vorher und nachher auseinanderzuhalten. Sie hat die Zettel, sie hat die Jahreszahlen. Aber wenn sie nachschaut oder nachdenkt, sind die Zahlen unentzifferbare Hieroglyphen, fremdartige Striche, umso undeutbarer, je näher sie an die Gegenwart heranreichen, und am Ende nichts als flimmernde Schmutzspuren, die sie wegwischen möchte. Sie schaut auf den Kalender. Hat sie genug Blätter abgerissen? Sie wird das Radio einschalten, die Nachrichten hören und um eins das tägliche Opernkonzert. Dann fließt die Zeit für eine Weile wieder so, wie sie soll. Mozart würde sie gerne wieder einmal hören. Die Königin der Nacht. Wie sich das Schönste aus der Verzweiflung emporwindet, Ton für Ton, bis in diese glasklare Höhe. Verdi hört sie auch gern. Heute gibt es Schubert-Lieder, die kennt sie nicht. Aber Schubert tut ihr nicht so gut, daran erinnert sie sich. Ein bisschen heimtückisch, diese Süße, die einen dann ganz plötzlich traurig macht, so dass einem Traurigkeit in den Körper fährt bis in die Fingerspitzen und dann kann man sich kaum mehr rühren. Na also! Sie erinnert sich doch an alles.

Was wissen die mit ihren Ratschlägen, mit ihren Tabletten, mit ihren Zetteln, mit ihren Zahlen. Was wissen die, wie es ist, wenn sich die Zeit im Kopf zusammenklumpt wie Pech. Nein, der Schubert ist nicht so schlecht heute. Traurig, aber besänftigend. Nur zu laut darf es nicht sein. Marianne streckt sich, dreht am Lautstärkeregler des Radios und räumt den Frühstückstisch ab. Heute ist die Zeit freundlich zu ihr. Sie vergeht nicht zu schnell und nicht zu langsam. Es ist erst eine halbe Stunde verstrichen, seit sie sich an den Tisch gesetzt hat, und sie kommt noch rechtzeitig zum Einkaufen, wie jeden zweiten Tag, und dann muss sie zum Arzt. Die hellblauen Tabletten sind fast aus. Auch Hermann in seinem Grab dort unten begreift allmählich, dass da nichts mehr zu machen ist und verhält sich ruhig.

Die Vormittage sind überhaupt immer besser, waren sie immer schon. Wenn sie allein war. Die Kleine in der Schule und er in der Arbeit. Wenn sie sein Rad auf dem Kies gehört hat und die Gartentür und sich dann noch einmal im Bett umdrehen konnte.

Marianne geht die Einkaufsliste noch einmal durch. Ob ihr nicht langweilig ist, immer so allein, hat Frau Lerch, die über ihr in der Mansarde wohnt, neulich gefragt. Langweilig! In ihrem ganzen Leben war ihr nie langweilig. Früher, da hat sie sich halt noch manches gewünscht: Dass er mit ihr in die Generalproben der Konzerte geht, für die sie im Geschäft die billigen Karten bekam, dass er eine Serviette benutzt, dass er ihr nicht immer nur Geld zu Weihnachten schenkt, dass er ihr die Tür aufhält. Das war am Anfang, lange her. Als die Kleine dann endlich da war, hatte sie das Wünschen schon vergessen. Sie hat damals viel Zeit mit dem Wünschen vertan, ist am Fenster gesessen, manchmal sogar ohne Strickzeug, hat gewünscht, und dann musste sie sich beeilen mit der Hausarbeit. Langweilig war ihr aber weder so noch so. Marianne lacht wieder, lacht die jung verheiratete Marianne aus mit ihren tausend Wünschen. Dass er sie küsst in der Früh und am Abend, wenn er heimkommt. Dass er ihren Namen sagt. Dass er das Salatbesteck benutzt. Die junge Marianne hat fast nur aus Wünschen bestanden, über die sie den ganzen Tag nachgedacht hat. Das Nachdenken hat aber nicht geholfen. Natürlich nicht. Das Nachdenken hilft eigentlich nie. Marianne ist jetzt das, was von den Wünschen übrig geblieben ist. Das würde genügen. Wenn nur das mit der Zeit nicht wäre, und wenn die Kleine ab und zu anrufen würde. Sie packt den Einkaufskorb, wirft einen Blick zurück in die Küche. Immer so gehen, dass man sich nicht genieren muss, wenn man nicht zurückkehrt und fremde Leute in die Wohnung kommen. Das hat sie immer so gehalten. Im Gegensatz zu ihm. Als er dann dort unten im Stiegenhaus gelegen ist, war sein Pyjama noch zusammengeknüllt und die schmutzigen Wassertropfen im Waschbecken. Und die verschmierte Brille neben dem Etui auf dem Nachtkästchen. Sie hat dann erst einmal aufgeräumt. Was hätte sie denn sonst tun sollen. Was hast du denn getan, bis die Rettung gekommen ist, hat die Kleine gefragt. Aufgeräumt. Die Kleine hat wieder den Blick gehabt, natürlich. Sie richtet den Vorhang so, dass zu Mittag bei Sonnenschein zwei Lichtstreifen auf den Küchenboden fallen, das sieht schön aus. Sie bleibt dann immer stehen und schaut eine Weile dem Licht zu und wie der Staub darin tanzt. Das ist ihr Geheimnis. Marianne hat viele Geheimnisse. Heute ist das Wetter schön. Heute geht es ihr gut. Gut, danke, wird sie sagen können, wenn der nette Herr Pospichal im Geschäft fragt, wie es ihr heute geht. Und das ist gut so, weil es stimmt. In letzter Zeit hat sie oft nicht mehr die Kraft gehabt, gut, danke, zu sagen und dann hat hin und wieder jemand nachgefragt. Und Ratschläge gegeben, von Zahlen, Zetteln, Tabletten, der frischen Luft und den Leuten geredet, unter die sie gehen sollte. Dann muss sie immer nicken und danke sagen und noch ein paar Sätze, die ihr dann oft nicht recht einfallen wollen. Dann schwitzt sie wieder und es wird anstrengend. Besonders anstrengend ist, dass man im Vorhinein nie weiß, wer wieder zu denen gehören wird. In letzter Zeit werden es immer mehr. Frau Lerch zum Beispiel, mit der sie so gut reden konnte. Frau Lerch hat auch eine Zeit zum Mitschleppen, das weiß sie. Darüber haben sie oft geredet. Neben der dunkelvioletten Magnolie, die Frau Lerch kurz nach ihrem Einzug neben den alten Birnbaum gepflanzt hat. Den Birnbaum mag Marianne ohnehin nicht. Seine äste strecken sich und wachsen wie Tentakel, die Früchte sind groß und hart. Hier wird das Obst einfach nicht süß. Frau Lerch hatte im Garten des Hauses, wo sie zuletzt gewohnt hat, Blumen und Sträucher gesetzt. Als sie dann auszog, grub sie fast alle Pflanzen aus und brachte sie hierher mit. Sie lieh sich eine Scheibtruhe und fuhr sie fast drei Kilometer hierher, vier oder fünf Mal. Das gefiel Marianne: Wie die kleine, drahtige Frau Lerch mit einem im Nacken zusammengeknoteten Tuch am Kopf unermüdlich die Scheibtruhe mit den Pflanzen hin und her fuhr. Wie schnell sie war. Wie ihr der Schweiß über die Stirn lief. Wie sie sich die Hosen hochkrempelte und die Pflanzen einsetzte, bis es dunkel war. Ein paar waren etwas mitgenommen vom Transport, aber Frau Lerch hatte den sogenannten grünen Daumen. Nichts wurde kaputt. Eine Dame war Frau Lerch nicht. Aber Marianne sah ihr gern zu, wie sie mit ihren kleinen eckigen Händen im Garten arbeitete. Oft stand sie eine Weile hinter dem Vorhang im Wohnzimmer und schaute auf sie hinunter: der weiße Ansatz im brünett gefärbten Haar. Ihre flinken Bewegungen, das Gemurmel dazu. Sie lachte viel und redete mit den Pflanzen und mit sich selber. Das kommt vom Alleinsein, sagt sie. Aber sie sagt es so, als hätte sie damit ein Rezept gegen das Alleinsein gefunden. Sie fährt mit einem grün gestrichenen Waffenrad. Sie klappert laut über die Stiegen. Sie hat Hermann nicht einmal gefragt wegen der Pflanzen, sondern Marianne. Auch wegen anderer Dinge, und wenn Marianne dann manchmal meinte, da müsste sie erst ihren Mann fragen, hatte Frau Lerch für einen winzigen Moment so ein Zucken um die Augen, das Marianne gefiel. Die Haare hätte sich Marianne nie gefärbt. Obwohl sie auf die siebzig zugeht, ist ihr Haar nur von grauen Strähnen durchzogen. Frau Lerch ist acht Jahre älter. Sie arbeitet immer noch im Garten und fährt mit dem Fahrrad. Ein wenig langsamer vielleicht. Aber mit denselben leichten und konzentrierten Bewegungen, die Marianne so nicht kennt, nie gekannt hat, und die sie immer noch erstaunt, vielleicht eine Spur bewundernd betrachtet. Frau Lerch ist aus Berlin. Die Eltern hatten ein Restaurant, die Mutter war gestorben, als Frau Lerch sechzehn war. Ausgebombt, brennender Asphalt unter den Füßen, das Kind im Bauch. Ostzone, Russen, Behelfsheim, Kartoffeln pflanzen als Stadtfrau, der Mann weiß Gott wo. Dann die Flucht in den Westen, bevor die Mauer gebaut war. Marianne könnte die Sätze aus Frau Lerchs Geschichten beinah Wort für Wort wiederholen. Besonders die über die Mutter und die über die Flucht. So etwas verbindet mehr, als die sich vorstellen konnten. Sie blieb per Sie mit Frau Lerch. Das ist kein Problem. Auch in Frau Lerchs Berlin duzte nicht jeder jeden wie hier am Land.