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Fritz von Herzmanovsky-Orlando

Ausgewählte Werke

Scoglio Pomo oder
Rout am Fliegenden Holländer

Prosa. Erzählungen und Skizzen

Das Maskenspiel der Genien

Der Gaulschreck im Rosennetz

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ISBN ePub:

978-3-7017-4363-6

ISBN mobi:

978-2-7017-4406-0

ISBN Printausgabe:

978-3-7017-1619-7

Fritz von Herzmanovsky-Orlando

Scoglio Pomo

oder

Rout am Fliegenden Holländer

Roman

Herausgegeben von
Klaralinda Ma-Kircher

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1

Prunkvolles Sonnenlicht lagerte über Dalmatien. Wie ein Riesenspiegel von Saphir blaute die wogende See, beryllfarbig die Säume an den Küsten, in langen Zügen von schwanenweißen Schaumkronen durchfurcht. Wie goldfarbene Marmorschnitzereien erhoben sich da und dort Inseln mit purpurnen Schatten der Berge und Klüfte, vom Opalgeäder der Brandung eingefasst.

Des Meeres poseidonischer Duft war leicht vermischt mit den Wohlgerüchen des Rosmarins und der würzigen Kräuter, die auf den Inseln und den steilen Alpenmassen wuchsen, die hinter dem Küstensaum leuchteten.

Verwunderlich ist’s, dass ein so betriebsamer Kontinent wie Europa solch ein märchenhaft verträumtes Küstenland überhaupt haben kann. Nirgends spürt man das Verglühen Venedigs, ja, des antiken Rom und der Turbanzeit so stark wie hier.

Einen der sonderbarsten Punkte dieses Landes bewohnte die Familie Treo, venezianischer Provinzadel, eine Familie, die San Marco unzählige Kapitäne, perückengeschmückte Proveditori, liebreizende Donzellen und scharfmodellierte Matronen gegeben hatte.

Ihre Geschichte war wie durchweht von Teerduft und Pulverdampf, von Moder und orientalischen Essenzen, und so mancher Vorfahr war in prunkvollen Gemächern der Pest erlegen, auf brennenden Galeeren qualvoll verendet oder als Rudersklave der Türken elend verkommen. Denn so waren die Schicksale der Zeit zwischen dem Tode von Byzanz und dem wogenden Prunkreigen der Barocke, die das sinnverwirrende Märchenschloss ihrer Schönheit fast zu den Göttern emporzutürmen schien. Bis die Französische Revolution die trüben, krätzhalsigen Nachtvögel des Dämons der Finsternis losließ und eine Woge von Kommissknöpfen und Proletariern gebar, die dem Zaubermärchen ein Ende machten und schwere Dissonanzen schufen, die heute noch auf Europa lasten.

Damals verarmten die Treos vollkommen und hausten jetzt in einem verfallenen venezianischen Prachtbau, der sich in Porto Palazzo erhob, einem kleinen Hafen, welcher wiederum in den Trümmern einer weitläufigen römischen Palastanlage eingebaut ist.

In diesem Hause ging es seltsam her.

Feconda, die Ahne, verwendete, sparsam wie sie war, tagsüber statt der Haube eine Dogenkappe, die ihrem Vorfahr mütterlicherseits, dem großen Dandolo, gehört hatte, und wenn sie bei brennendem Sonnenglast in den golddurchfluteten Garten ging, wo starkduftende Suppenkräuter zwischen zerfallenen Marmorgöttern, Seeungeheuern und edlen Vasentrümmern wuchsen, trug sie einen verblichenen, breitkrempigen Kardinalshut aus weißlich gewordenem Purpur.

In diesem Feengarten, der überwuchert war von Rosen und Pelargonien, huschten Lazerten, die aussahen wie Juwelierarbeiten eines Circignani oder Benoni, durch das violette Dämmern der Schatten und führten glitzernde Tänze auf, so hold, dass man meinte, jeden Moment das Lachen der Nymphen zu hören. Doch die erschienen nicht, noch auch bockfüßige, feistbackige Panisken mit frivolem Lächeln, sondern bloß die Schar der ewig hungrigen Enkel, große und kleine. Da waren die Mädchen Kallirhoë und Tetis, Fillide, Gioconda, Omphale, Roxane, Pannychia, Argentina, Polyxena, Praxedis und die Rotte der Buben Triptolem, Triton, Polifemo und Triphon, Adamanto, Simeone, Hasdrubal und Giacinto.

Sie vollführten einen maßlosen Lärm, fraßen, was reif und unreif war, Blumen und Früchte, Meerspinnen und lebende Schnecken, schreiende Geckos und Tausendfüße, die kleine Kallirhoë sogar einmal etwas Dynamit, das Retirato, der alte, einäugige Chioggiot, zum Fischen in fremden Gewässern gebrauchte. Das leichtsinnige Kind wurde während der Inkubationszeit wie ein rohes Ei behandelt. Niemand durfte es stoßen, geschweige denn schlagen. Es war Kallirhoës überseligste Zeit. Nur das beeinträchtigte ihr Glück etwas, dass sie allein im Garten schlafen musste. Denn der Umstand, dass sie häufig aus dem Bette fiel, ließ ihren Aufenthalt in der baufälligen Palastruine nicht angängig erscheinen.

Die Kinder lernten blutwenig, war es doch mit dem Schulwesen auf der Insel gar elend bestellt. Dafür trieben sie sich umso mehr in den Wäldern voll Zedern, Zypressen und knorrigen Rieseneichen herum oder tauchten wie glänzende Fische durch die azurblaue Flut bis auf den antiken Marmorboden, der sich am Grund des Hafenbeckens befand. So floss ihr Leben sorglos dahin, während immer öfter graue Sorgen die Eltern und Feconda beschlichen. Was sollte aus ihnen werden, wenn das Schreckgespenst der modernen Zivilisation ihre Idylle mehr und mehr bedrohte?

Abends versammelte man sich zur gemeinsamen Mahlzeit, die aus großen Kupferkesseln im Saale des Palastes eingenommen wurde. Da gab es köstliche Speisen aus Meerkrebsen und Polypen, goldgelb in Öl gebacken, oder Gerichte aus Melanzanen und Kalbskaldaunen, reich mit Käse gewürzt. Buntes Obst und Honigwaben krönten das Mahl. Herber Rotwein brachte das erregte Lärmen bei Tisch zu immer tollerem Crescendo.

Unbekümmert um das menschliche Treiben blickten Götterbilder, große verwitterte Gemälde, auf die Nachkommen derer herab, die die Meisterwerke einst in den Glanztagen der Renaissance erwarben.

Da war Pluto, der auf üppigem Lager Proserpina umarmt. Zwei Amoretten halten den heftig bellenden Cerberus, aus dessen Mund ein Spruchband flattert: „SE VUOI CHE ENTRI NEL LETTO PLUTO MIO“. Auf einem anderen Bild sah Juno aus geteilten Wolken zu, wie Jupiter die Jo in Gestalt einer Kuh karessierte, einen Silbereimer mit dem Kampf der Lapithen und Kentauern in der Hand. Dieses Bild schmückte die zürnende Inschrift: „IO TI VEGGIO MARITO MI RIBALDO!“ Dort wieder küssen sich auf vergoldetem Prunkbett Mars und Venus auf lüsternste Weise. Der Amor mit Pfeil und Bogen steht dabei und spricht scherzend: „DEH CORCATEVI QUI MATRE MIA BELLA!“ In einer finstren Ecke endlich hing ein düstres Gemälde: Da fraß Saturn ein Stück einer Statue des Ulysses. Die holde Calypso reicht dem offenbar sehr Hungrigen den üppigen Busen zur Ablenkung, den er unfreundlich ablehnt. „VUOI INGOIARE SIFFATO QUESTO PARIDE MARMO“ stand darunter geschrieben.

Ja, die Treos waren einst reich, sehr reich gewesen. Was hatte allein die Brosche mit dem Jüngsten Gericht gekostet, die der berühmte Goldschmied Burcellono Scanabecchi, genannt Pozzoserrato, für die schöne Dichterin Zuzzeri, Dalmatiens Elektra, eine der Vorfahrinnen der Familie, vor Jahrhunderten gemacht hatte! Die Engel waren da aus blassen Korallen gebildet, der Heilige Geist ein Spinell, die Seelen der Verdammten hingegen aus schwarzem Achat.

Aber jetzt war all ihr Reichtum dahin. Nach dem Sturz der Republik waren ihre letzten Schiffe vermodert, ihre Besitzungen in der Levante enteignet worden, und bloß etwas war ihnen geblieben: der Scoglio Pomo, den sie vom großen Dandolo während des vierten Kreuzzuges zum Lehen bekommen hatten. Aber wo lag der? Unglücklicherweise waren alle Aufzeichnungen darüber verschwunden.

Umsonst durchstöberte man die Tagebücher venezianischer Marineure aus verflossenen Tagen und die alten Seekarten der Familie, wo eine Meernixe einen ertrinkenden Admiral notzüchtigte, ein Bild, das die Kinder immer mit glänzenden Augen verschlangen.

Nichts kam heraus! Auch Bonaventura Zemonico und Laus Deo Pakor, verwitterte Kapitäne und langerprobte Freunde der Familie, wussten nicht zu helfen. Freilich behaupteten böse Mäuler, dass die beiden sich auf hoher See nie recht ausgekannt hätten und oft wochenlang herumgekreuzt seien, ehe sie selbst Triest gefunden hätten.

Nun war auch im engsten Kreise der Familie Treo ein tüchtiger Nautiker gewesen, der Onkel Lazzaro, ein Bruder Fecondas. Zum Unglück war auf den Wackeren nicht recht zu zählen, weil ihn ein harter Schicksalsschlag seinem eigentlichen Berufe entfremdet hatte und sogar seinen Lebensabend in ein recht schiefes Licht tauchte.

Er, der einstmals im Karneval zu Neapel seine einzigen Zivilkleider in einer Maskenleihanstalt als Pfand gegen das Kostüm eines Skaramuzz gelassen, hatte das Malheur gehabt, nach durchschwärmter Nacht das Lokal von Banditen glatt ausgeraubt zu finden. Was blieb ihm andres übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sein Leben fortan als Skaramuzz schlecht und recht weiter zu fristen.

Jahrelang war seine auf ihre Reputation bedachte Familie deshalb mit ihm entzweit und heute, wo die Zeit Gras über die Wunden hatte wachsen lassen und man ihn sogar um seinen Rat anging, war er beruflich so verblödet, und seine vielleicht sachlich gemeinten Auskünfte so skaramuzzesk verzerrt, dass man den stark nach Käse duftenden, mit wilden Schriftzügen und sonderbaren Zerrbildern bedeckten Brief seufzend wegwerfen musste.

Ach, die vielen unversorgten Kinder! Was sollte nur aus denen werden! Ja früher, da kam alle paar Jahre die Pest, oder wurden wenigstens die Mädchen gerne von den Barbaresken geraubt, wenn sie sich nach dem Bade nackt in den Lorbeerhainen tummelten. Aber heute!

Noch zwei Onkel, Salvator Baucolich und Spiridion Papadachi, ebenfalls pensionierte Kapitäne, kramten bereitwilligst im reichen Schatze ihrer maritimen Erinnerungen, ohne je ein greifbares Resultat zu finden. Wie gerne hätten sie der Familie Treo geholfen, zumal die Großmutter, Proserpina Papadachi, deren Mann ein nicht übel gehendes Geschäft mit Fliegenklappen sein Eigen nannte, sehr gerne eine Verbindung ihres Enkels Chameleon Papadachi mit der drittjüngsten Tochter des Hauses Treo, Klytemnestra, gesehen hätte. Es war aber der krumme Papadachi, nicht sein Bruder, der sogenannte Adonis von Křevopolie, der später als zahmer Gorilla verkleidet einen förmlichen Siegeszug durch die Pariser Salons angetreten hatte und fast Präsident der Republik geworden wäre. Jedoch Locusta Bunjevac, die intimste Freundin der alten Feconda, redete ab, weil das Geschäft nicht standesgemäß sei. Onkel Baucolich wiederum, der eine kleine, leider nicht zum Besten gehende Fensterputzanstalt in Orsera betrieb, gedachte nach seinem Tode dem jungen Paar damit unter die Arme zu greifen. Die stolze Großmutter Treo war auch dagegen und behauptete, dass es in dem verfallenen Ruinenstädtchen überhaupt keine Fenster gebe, und sie hatte nicht Unrecht.

Überhaupt, Ehen mit Geschäftsmännern! Auch sie könnte heute eine reiche Frau sein, mit Equipage und Leibabbate, wenn sie seinerzeit den Werbungen des reichen Gemüsehändlers aus Girgenti, des bürgerlich-ordinären Giuseppe Peperoni nachgegeben hätte, oder des Großspediteurs Elephante aus Tarent mit dem blauen Frack und den geräumigen Nankinghosen um die kurzen Beine, der Nacht für Nacht vermittelst eines mauleselgezogenen Orchestrions ihr Ständchen gebracht hatte.

Noch eine letzte Hoffnung gab’s: den alten halbverschollenen Marinemaler Abraham Casembrot, der vor vielen Jahrzehnten mit einem Rotterdamer Käseschiff bei Messina gestrandet war. Dieser verwitterte Holländer studierte oft mit den alten verkommenen Kapitänen auf den großen Planiglobien herum, die mäusezerfressen und wurmzernagt im Palazzo standen. Sie machten zwar einen Lärm wie bei einem mittleren Seetreffen, aber ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen. Dann starrten die fünf alten Herren meist ein Weilchen trüb vor sich hin, gingen aber dann an den Strand und tanzten als gespenstische Silhouetten nach Bergamasker Art zum Klange der buntfarbigen Lieder, die Papadachi seinem Dudelsack zu entlocken wusste. Oder Baucolich zeigte den jungen Damen den von seinem gottseligen Vater verfassten Taifunkatalog mit den graziösen Schäferszenen in feinstem Kupferstich. Waren die Herren aber recht guter Laune, dann verloren sie sich wohl in langen Seegeschichten. Von den wundertätigen Zoccoli des Heiligen Franziskus wussten sie zu erzählen, die die wildeste See beruhigten, als der heilige Mann von Neapel nach Spanien segelte, so fett waren sie. Oder von der blutigen Seeschlacht bei Paros, wo drei Brüder Pakor aus Zengg den Kapudan Pascha Tahabiti Bey erschlugen, als er gerade seinen schwarzen Kaffee am vergoldeten Heckbalkon des Admiralschiffes schlürfte. Der norwegische Seeheld Kurt Sievertsen führte damals die Venezianer zum Siege; sein Porträt hing noch im Palazzo, und die kleine Kallirhoë war ihm wie aus dem Gesichte geschnitten. Da hörten die Kinder auf zu fressen und hingen gespannt an den Mündern der salzigen Rhapsoden.

2

Nicht weit vom Adriatischen Meere, von diesem nur durch den schmalen Streifen der Grafschaften Görz und Gradiska getrennt, erhebt sich das Herzogtum Krain, ein Land, reich an stolzem Hochgebirg, dunklen Wäldern und unermesslichen Höhlen. Auch anmutige Seen und reiches Obstland mit zahlreichen Wallfahrtskirchen auf den Gipfeln dienen ihm zum Schmuck. Das Volk zeigt in seinen nichtdeutschen Teilen einen manchmal nicht ganz erfreulichen Slawencharakter; doch die germanische Hochkaste ist reich an originellen, ja selbst recht sonderbaren Herren, die nicht recht in das plattfüßige Getrampel der modernen Schwerkultur passen wollen. Es soll ab und zu – allerdings schon recht selten – vorkommen, dass blitzartig Ritter auftauchen, einen Wucherer ins Verlies werfen oder geschwind einen Handlungsreisenden überfallen; sie nehmen ihm wohl nie etwas weg, da sie im Unterbewusstsein nur nach Pfeffersäcken und Nürnberger Tand suchen. Im Gegenteil! Der heftig Gestikulierende wird noch beschenkt für den Schreck und reichlich geatzt. Aber die „werte Burg“ darf er niemals betreten, und diese Vorkommnisse werden dem Ausland gegenüber sorgfältig unterdrückt, da man schon bemerkt zu haben glaubt, dass das Haus Baedeker die feuerroten Ohren spitze. Und die Macht dieses Hauses ist so groß, eine solche, dass man mit ihr selbst dem blutigen Tyrannen Abdul Hamid so drohen konnte, dass er weinend zu Bett ging.

Mitten im wildesten Krain hauste auf einsamer Burg der Vetter Léo Baliol, ein eleganter junger Herr, der zum Smoking mit Vorliebe ein verwittertes Jägerhütel mit der Schneidfeder daran trug.

Öfter im Jahr fuhr er nach Wien, wo er in der Bristolbar zu treffen war, die er dem alten Stadtpalais seiner Tante, der Gräfin von Cilli, vorzog.

Der alten Dame, deren crève-cœur Léo war, machten er und seine zwei Brüder viel Kummer. Dem ältesten, dem Husarenoberleutnant, hatte die Tante des Öfteren seine bedeutenden Schulden gezahlt. Zuletzt nahm er mit den übrigbleibenden 100 Gulden einen Extrazug von Oberlaibach nach Laibach – man bedenke, wegen einer Station! – und war und blieb verschwunden. Dass er sich nach Konstantinopel gewendet habe und heulender Derwisch geworden sei, konnte man der überfrommen chanoinesse natürlich nicht erzählen. Das Nesthäkchen Léo hatte auch einmal eine böse Geschichte angerichtet: Konnte man es vielleicht der alten Dame verübeln, dass sie die „Bockerlfraß“ – eine außerhalb Wiens unbekannte nervöse Erscheinung – bekam, als sie vernahm, dass Léo bei Beginn des Burenkrieges „seiner entarteten Tante von England“ den Fehdehandschuh hinwarf. Als Pair von Schottland und ehemaliger König der Hebriden glaubte er sich zu dieser intimen Ansprache berechtigt. Lord Goschen, der britische Botschafter in Wien, kam damals mit wehendem Trauerflor am hellgrauen Zylinder händeringend zur Tante, da die alte Viktoria zum ersten Mal im Leben ganz ernüchtert sei und dies die bedenklichsten Folgen haben könne.

Léo blieb unerbittlich und exerzierte seine Freischaren Tag für Tag. Endlich steckte man sich hinter seinen intimsten Freund, Dillon des Grieux, der sein Schloss mehr gegen das Steirische zu hatte, und der, ein Deszendent der berühmten Manon Lescaut, Unsummen hinauswarf, um auszuforschen, wie der schurkische Steuerpächter G. M. mit vollem Namen hieß, der seine entzückende Vorfahrin so schändlich ruiniert hatte. Der Wunsch seines Lebens war, G. M.s Rechtsnachfolger im ritterlichen Tjost zu spießen und Manons Seele, die er sich in Guatemala drüben als zierlichen Kolibri dachte, Ruhe zu verschaffen.

Des Grieux lud ihn auf Auerochsen ein, um sich für die Steinbockjagd bei Baliols zu revanchieren, und Léo nahm an. Nach der Saison wurde der aber doch trübsinnig, weil er seine Ritterpflicht, für die Unterdrückten ins Feld zu ziehen, versäumt zu haben glaubte, und fischte in den finstern Felsendomen Grottenolme oder strich in den Steinwüsten des Hochgebirges umher. Dort flehte er in schwärmerischer Verzückung die heilige Jungfrau um Vergebung an, da sie als erhabenste Dame den Rittern fürsteht. Vielleicht könne er irgendein anderes gutes Werk verrichten, um sein Fehl zu büßen. Da geschah es einmal, dass sich zum Zittern der Kälte ein ganz sonderbares, von Léo noch nie gespürtes Gefühl gesellte. Vom Sonnengeflecht ging es aus, ein Gefühl wie Wonne, Jubel und Grauen, ein Gefühl, das man hat, wenn man dem Unfassbaren gegenübersteht. Er warf sich zu Boden und plötzlich kam er sich vor, als ob er in Lichtgarben schwömme. Jubelnde Stimmen ertönten, gleich sanften Fanfaren aus wunderlieblichen Kehlen. Er bebte in wonnigem Schauder, als er das nie Geahnte und doch wie fern Bekannte vernahm. Eine Flut von Gefühlen durchstürmte sein Inneres. Da – ganz deutlich – vernahm er eine Stimme von unbeschreiblichem Wohllaut, die so zu ihm sprach: „Léo! Weil du stets fromm und gut warst, soll deiner Familie geholfen werden.“

Der Baron erhob seinen Kopf, sah aber nichts mehr als einen Engel von unbeschreiblicher Schönheit, der ihm zuflüsterte: „Pomo, Seekarte XVII 103, Hölders Verlag, Wien“. Dann erfolgte ein Donnerschlag, der alles zerriss, und Léo blieb stundenlang bewusstlos liegen. Wie er wieder nach Hause gekommen war, darüber konnte er sich niemals Rechenschaft ablegen. Er fand sich jedenfalls auf dem großen Bärenfell vor dem Kamin in der Halle vor, mit zerfetztem Smoking und blutigen Lackschuhüberresten. Denn er war die ganze Zeit hindurch in Gesellschaftsdress gekleidet in die Einöden gegangen, weil er eine gewisse Ahnung hatte, dass er unvermutet eine überirdische Begegnung haben könne. Was „Pomo“ sei, war ihm durchaus ein Rätsel. Er fastete und betete acht Tage lang um Erleuchtung und suchte in allen Reisehandbüchern das erwähnte Wort. Die Firma Hölder in Wien, an die er sich telegraphisch wendete, bedeutete ihm, dass erst vorige Woche die fremden Attachés alle Seekarten gekauft hätten und er sich auf unbestimmte Zeit gedulden müsse. Da wandte er sich, wie immer in schweren Fällen, an das einzige reale Mitglied seiner Familie, an den Vetter Michelangelo bei der Landesregierung zu Laibach.

Michelangelo III., Freiherr von Zois, genannt Edelstein, fuhr sofort zu ihm und sprudelte heiser vor Erregung hervor, was für eine eminente Bedeutung der Fund habe. Mit leichter Bitternis ließ er in den Freudenkelch als Wermutstropfen das Wort „vom blinden Adler, der auch einmal eine Wurst aufs Kraut gefunden habe“, einfließen. Aber Léo überhörte das vornehm und bot dem Vetter Zigaretten an, die deshalb so süß schmeckten, weil der Sultan den Tabak mit Odaliskenblut düngen ließ. Sein Bruder, der heulende Derwisch, hatte sie ihm zum Nikolo geschenkt.

Die überglücklichen Treos wurden verständigt, Pomo nach stürmischer Fahrt unschwer gefunden und binnen wenigen Monaten vom eminent praktischen Baron Zois, der sofort in Pension gegangen war, zum schönsten Kurort Südeuropas umgewandelt. Der hatte wieder einmal seinem Prädikat „Edelstein“ Ehre gemacht.

3

Zu dieser Zeit geschah es, dass sich der junge Charles Borromée Howniak auf Reisen begab. Ch. B. H. war eher klein, ein wenig schief gewachsen, rothaarig und sommersprossig. Auch pfiff er beim Sprechen etwas durch die Nase, was den an und für sich fatalen Eindruck seiner Rede noch erhöhte. Er war ganz seiner Mutter nachgeraten, wie dies bei Söhnen nicht selten vorkommt.

Der Vater Howniak hatte nichts zu lachen, denn seine Gemahlin Hekuba war eine nervöse Dame mit stets erregt bebenden Nüstern. Ihr Benehmen war steif, dabei wieder unsicher, wie dies bei Leuten mit dürftiger Kinderstube vorzukommen pflegt. Für ihre kleine Abkunft sprach auch der Umstand Bände, dass sie eifrige Leserin des „Salonblattes“ war. Artikel wie „Sicherem Vernehmen nach hat Ihre Durchlaucht, die Frau Herzogin von Choiseul, schon den siebenten Kapuzineraffen für die Volière auf ihrem Manoir, berühmt durch die reichen Boiserien, gekauft“, konnten die Frau mit andächtiger Begeisterung erfüllen. Und gar die Abbildungen von Bräuten aus der Hocharistokratie, die oft so hässlich waren und so verblödet ausschauten, dass jeder gefühlvolle Mensch aus Verlegenheit für die Dargestellten am liebsten unter den Sesseln durchgekrochen wäre, konnten ihr Freudentränen erpressen.

Der junge Borromée wollte hoch hinaus. Das hatte er von der Mutterseite. Schon als Knabe – man hatte ihn unter unsäglichen Mühen ins exklusivste Institut, das Wiener Theresianum, gebracht – suchte er seinen aristokratischen Kameraden begreiflich zu machen, dass er einer französischen Emigrantenfamilie entstamme. Die Howniaks, ursprünglich Hovnac geschrieben, seien eine Seitenlinie der Ducs de Cognac, der Fezensac und so weiter.

Leider machte der Ordinarius der Klasse, ein gebürtiger Tscheche, wie die Deutschprofessoren in der Regel, dem Traum des jungen Gernegroß ein Ende und riss mit der wahrheitsgetreuen Übersetzung des Familiennamens dem stolzgeblähten kleinen Pfau die schönsten Schweiffedern aus. Sie ist so unschön, dass wir aus ästhetischen Gründen auf eine Wiedergabe verzichten müssen. Nach diesem Debakel litt es den Jüngling nicht länger in dem vornehmen Kolleg und fortan studierte er aus Hochmut überhaupt nichts mehr, was seine Mutter lebhaft unterstützte, da wirkliche Hocharistokraten auch wirklich nie etwas lernen. Dagegen beschloss er, möglichst bald zu heiraten, weil er Ehen in jungen Jahren für standesgemäß hielt. Allerdings dachte er nur an etwas ganz, aber schon ganz Exquisites. Sein Traum war eine Königstochter!

Als seine Jahre es erlaubten, ging er entschlossen auf die Suche. Seine gothaisch orientierte Nase führte ihn an den Traunsee. Dort gab es längs des ganzen Gestades depossedierte Herrscherfamilien in erklecklicher Zahl. Eine Einführung glückte nirgends, so viel Mühe sich der alte Kammerherr Baron Hormusaky, ein Freund von Howniaks Vater, auch gab. Borromée wurde verzagt und ließ die Unterlippe in einer Weise hängen, dass alles den jungen Mann bloß noch schmunzelnd betrachtete. Zu allem Unglück rief Hormusaky, der als Ungar die deutsche Sprache nicht ganz beherrschte, dem immer willensschwächer Werdenden einst vom Fenster zu: „Borromée, werde endlich mannbar!“, womit er natürlich „mannhaft“ meinte. Der laute Zuruf wurde vom promenierenden Publikum vernommen und Howniaks Ansehen der Lächerlichkeit dermaßen preisgegeben, dass er sich um ein anderes Feld der Tätigkeit umschauen musste.

„Rabenseifner ist mein Name. Vertrauen Sie sich mir vollkommen an, ich weiß alles“, sprudelte er hervor. „Professor Sherlock Drummsteak Rabenseifner, Professor of Christian Science“, fügte er mit wahrhaft infernalischem Lachen hinzu. „Haben Sie noch nie von mir gehört? Fall Strahlenberg-Uihazy ... nicht? Wiederhersteller des Familienglückes Dulemba-Vanciorovac ... nicht? Weiß alles! Cognac – Howniak – Fezensac? ... He?“

Jetzt strahlte plötzlich Borromäus und gewann sichtlich Interesse für den fatalen Infernaliker ihm gegenüber.

Der sprang auf, bückte sich blitzschnell nach dem Zylinder und rief, den Hut fahrig schwenkend: „Prinzgemahl Heil! Heil! Hören Sie! Ihre kühnsten, natürlich bloß selbstverständlichen Träume werden sich erfüllen ... garantiere schriftlich für Königstochter aus guter Familie ...“ Howniak glotzte fragend. „Ja, garantiere für fehltrittfreie ... ja, ... keine schwarze, nein europäische Königsfamilie, jawohl, ohne Buckel etc. – keine Balkanware – sofort greifbar, 25 Prozent jetzt, Rest der Vermittlungsgebühr in Akkreditivform bei beliebiger Bank, Gesamtbetrag fr. 100 000 in Gold. So.“ Tief aufatmend lehnte er sich zurück und fletschte mit gelben Zähnen nach dem Heiratslustigen.

„Mir unverständlich, so schnell ...“, murmelte der. „Nicht einmal Balkanware ...“ Auf einmal fuhr er auf und pfiff wie toll durch die Nase. „Ja, Herr, wie können Sie sich unterstehen! Ware! ... eine Kö-Kö... nix, nix ...“ Howniak stotterte vor Wut.

„O Pardon, o bitte tausendmal um Vergebung, o bitte ... Hitze des Gefechts – wollte selbstverständlich ‚Familie‘ sagen, ja, natürlich Balkanfamilie!“

Langsam beruhigte sich Howniak und wollte wissen, wer die „princesse“ denn sei. „Bitte, zuerst – entschuldigen schon – bitte, Geschäftsusance etc. – bitte zuerst bindenden Vorvertrag unterschreiben ... da bitte, nicht oben! Unten – so, danke; also hören bitte: Wir fahren sofort an Übernahmestelle, können, warten Sie, wenn wir den 11 Uhr 20 in Salzburg abgehenden Vliessinger Nachtexpress erwischen, morgen früh um 7 Uhr 12 in Triest sein, und nächsten Morgen, ja, in Pomo, wo Hoheit soeben zum Sommerséjour eingetroffen sind. Nein, noch kein Name – behalte mir angenehme Überraschung vor! ... Bitte auf! Keine Minute zu verlieren!“

Er klingelte und nahm die weitere Expedition in die Hand, den ganz Willenlosen vor sich herschiebend.

4

Übrigens waren Howniak und Rabenseifner nicht die zwei einzigen Reiselustigen, die über Salzburg nach Pomo dampfen wollten. Auch eine gewisse Frau Kličpera mit Fräulein Tochter war dort eingetroffen, um sich vorerst einige Tage in der schönen Mozartstadt von den Reisestrapazen zu erholen und Salzburg und Umgebung zu genießen. Den Vater Kličpera hatte der März desselben Jahres mitgenommen. Ein Schleimschlag hatte den Bedauernswerten jählings dahingerafft, nachdem er ihn schon zweimal vergeblich gestreift.

Er war ein korpulenter, rotgesichtiger Herr gewesen, der es liebte, gehobelten Meerrettich in der Westentasche bei sich zu tragen, um zum Beispiel auch im Theater zu den obligaten Zwischenaktswürsteln mit ordentlicher Ware versorgt zu sein. Gleich ihm hielt seine Familie viel auf Theaterbesuch und Bildung. So verfeinerte Menschen ertrugen natürlich Schicksalsschläge doppelt hart und mussten eine Erholungsreise nach dem Süden antreten, die der Mama Kličpera schon deshalb recht war, um ihre Tochter dem schlechten Einfluss einer Freundin zu entziehen. Diese hieß mit ihrem richtigen Namen Mitzi Pulkrabek, wurde aber wegen ihrer seltenen Niedertracht allgemein Sodomitzi genannt.

In Salzburg machten sie, wie gesagt, die erste Station, und an einem herrlich klaren Frühlingstage wählten sie Hallein als erstes Ausflugsziel.

Mit weißen Hosen angetan sausten sie in schwarze Löcher, rutschten und tschunderten den ganzen Tag im Salzbergwerk herum, um endlich gegen Abend, als das ferne Hohensalzburg nicht anders aussah wie ein herrliches Amethystgeschmeide, in Goldemail gefasst, wieder das Freie zu erreichen. Mama Kličpera platzierte sich in eine Laube, bestellte kühles Bier und ein ländliches Vesperbrot aus Salami und Käse.

Gerade als sie darangingen, sich an den Gaben zu erfreuen, räusperte es sich nebenan sehr vernehmlich: Sänger.

Ein Männerchor hob so mächtig an, dass die Brosamen pickenden Spatzen alle davonflogen. Etliche der Musenfreunde taten sich recht hart und ließen das Holz ihrer Kehlen mit wuchtigem Knarren auf den Altar der Kunst fallen. Aber im Ganzen war der Genuss groß, wenn nicht sogar herrlich. An rührenden Stellen stocherte die Mutter in den Zähnen, wobei sie bestätigend nickte. Die Tochter dagegen, Bébé genannt, saß stumm versunken da. Manchmal machte sie nervöse Hasenaugen, wobei sie unter Stirnrunzeln die Augenbrauen hob und an einem eingebildeten, übergroßen Bissen schluckte.

Frau Kličpera rief die Kellnerin, die in der himbeerfarbenen Abendröte sonderbar unwirklich aussah, und fragte sie, wer die trefflichen Sänger seien. „Die bürgerlichen Arschledererzeuger von Hallein“, war die naive Antwort des wahrheitsliebenden Mädchens. Bébé errötete brennend und bekam sichtlich ein Trauma. Mama machte eine unruhige Rutschbewegung.

Die Kellnerin fuhr schwärmerisch fort: „Der Herr Kapellmeister – der mit dem größten Gamsbart und dem Kropf, der wie a Knöderl immer auf- und abgeht – is gar so viel schön!“ Im selben Moment wurde sie durch eine mächtige Flut süßrotesten Lichtes so verklärt, dass sie, die sehr lichtblond war, aussah wie aus halbzergangenem Marillengefrorenem geformt.

Das Bildhafte dieser Erscheinung war von so zwingender Kraft, dass Phantasiebegabtere als Frau Kličpera unwillkürlich auf die traurige Idee hätten kommen müssen, dass die äußere Hülle dieses quabbligen Idoles dem Durchsickern seines imaginären, aber eisigen Inhaltes nicht mehr lange Widerstand geleistet haben würde und dass man schließlich – wie in einer anders gewendeten Daphnefabel – an Stelle des servierenden Mädchens bloß noch eine süße Lacke gesehen hätte, auf der, etwa gleich einem Gnomenschiff mit geblähtem Segel, eine formengeweitete Barchenthose herumgeschwommen wäre. Wie gesagt, von mythologischer Seherkraft war Frau Kličpera nicht. Sie, die wie alle Frauen des Mittelstandes außergewöhnlichen Erscheinungen mit Bedenken und instinktiver Abwehr gegenüberstand, konnte das Ungewöhnliche der Erscheinung nicht schnell genug in ihre Vorstellungsschätze einreihen – das Hexenlicht gefiel ihr gleichfalls nicht – und so beschloss sie, lieber zu zahlen und zu gehen.

Die ob des Belederungstraumas von hysterischen Knödeln förmlich geschüttelte Tochter wurde zusammengepackt und zurück nach Salzburg einwaggoniert.

Beim Souper machte man eine interessante Reisebekanntschaft. An einem Nebentisch saß ein Ehepaar. Er war ein aufgeregter, dicker Herr von schlagtrefferischem Aussehen, der jeden Augenblick die Augen wild rollte und mit den Zähnen knirschte. Seine Stirne war der Schauplatz eines nicht alltäglichen Naturschauspieles: In den Momenten höchster Erregung bildeten seine geschwollenen Zornesadern ganz deutlich das inhaltsschwere Wörtchen „WAUWAU“, worauf Bébé die Mutter flüsternd aufmerksam machte.

Die fremde Dame wendete sich entschuldigend zu den Kličperas: „Verzeihen Sie, dass mein Mann, der kaiserliche Rat Dodola aus der Siebensterngasse, so aufgeregt ist. Wissen S’ aber auch, was ihm heut früh passiert ist, wie er in St. Gilgen den Rock hat anziehen wollen? Flattern ihm da nicht zwei Totenköpfe entgegen und summen ihm um die Ohren, dass ihm die Haar vor Schreck zu Berg gestanden sind. Die Ludern haben in den Ärmeln geschlafen ...“

Mama Kličpera presste schwer atmend die Hand aufs Herz, und Bébé, die sich vor Entsetzen Spinat auf die Nase geschmiert hatte, glotzte so, dass man sich an mehreren Tischen flüsternd anstieß.

„Oh, Sie brauchen nicht gleich zu erbleichen! Es waren ja bloß Nachtfalter, aber immerhin, schlimm genug. So was passiert einem im Salzkammergut jeden Tag. ‚Wilhelm, sag ich zu ihm, ‚da ist’s so regnerisch, und die armen Viecherln frieren halt; dann suchen s’ abends ein Obdach in der menschlichen Kleidung, die noch warm ist’ ... als Tierfreund druckt man ein Aug zu ... aber der Mann hat Angst, dass ihm morgen früh wieder was Ähnliches zustößt ... am End sind’s dann gar junge Aasgeier, was weiß man denn! Wenn man nur eine Ahnung hätt, wo man hingehn soll! Mit den Sommerfrischen ist es ein Kreuz! Baden möchte man doch auch, nicht? Es ist ja richtig, der einzige Ort im Salzkammergut, wo man baden kann, ist der Lido, aber dort sind gar so viel, sagen wir, Ungarn! und andere Ausländer! Überhaupt liebt der Dodola die Ausländer nicht.“

Das „WAUWAU“ erschien mit erschreckender Deutlichkeit auf der Stirne des kaiserlichen Rates.

Frau Kličpera riet, nach Pomo zu fahren, das man ihr wärmstens empfohlen habe. Absolut staubfreie Lage, vorzügliche Küche, und von Triest mit eigenen Dampfern bequem zu erreichen. Dodolas entschlossen sich rasch, und schon am nächsten Morgen saß man beim gemeinsamen Frühstück in einem glänzenden Hafencafé in Triest und freute sich am leuchtenden Meer, dem bunten Leben des Hafens und der frischen Salzluft. Da kam der erste Misston. Rat Dodola schnüffelte an der Milch und schob sie mit der Bemerkung zurück, dass dies Weibermilch wäre. Man kenne das! In den Ferien gebe es so viele beschäftigungslose Ammen, und im Süden kämen überhaupt lauter Schweinereien vor. Gleich die Butter da! Wenn die nicht nach Frosch schmecke, wolle er Hans Klachel von Prschelautz heißen ... das käme von dem verdammten Einwickeln in Lattichblätter ... und warum er eine Bedürfnisanstalt für Fliegen am Tisch dulden müsse, – er wies zürnend auf die Zuckerdose – wolle er auch wissen!

Die Gesellschaft, der das Frühstück nicht mehr recht schmeckte, brach bald auf, zumal der Dampfer nach Pomo Punkt neun vom Molo Mandracchio abging.

Als sie das Fahrzeug erblickten, erschraken sie ein wenig. Es war ein seltsames Schiff, das da vor ihnen lag, im strahlenden Morgenlicht, das mit grausamer Schärfe unerwünschte Details zeigte. Den Eindruck traumhafter Verschollenheit betonten die riesigen, grün bemalten Radkästen, jeder mit einem Arion auf vergoldetem Delphin geschmückt, sowie ein ausgezackter Rauchfang, oben aus Messingblech. Aus allen erdenklichen Löchern quoll Dampf, und im Kesselraum rumorte es so, dass das ganze Bauwerk heftig zitterte.

Man stieg über einen Laufsteg an Bord, wo nett uniformierte Stewards das Gepäck in Empfang nahmen und den Passagieren die Kajüten anweisen wollten. Die zogen vor, auf Deck das Schauspiel der Abfahrt zu genießen.

Der Kapitän begab sich auf die Kommandobrücke, der Hafenkommissär und einige Briefträger verließen das Schiff, dessen Taue gelöst wurden; am Molo drängten Polizisten die Schar der Gassenbuben, Sodawasserverkäufer, Bettelmönche und spazierengehenden Pensionisten zurück, Befehle wurden gerufen, der Maschinentelegraph klingelte, im Kesselraum erhob sich ein Getöse wie von einem einstürzenden Haus, aber der alte Kasten wollte nicht in Bewegung kommen.

Endlich, nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen und gräulichem Heulen der Dampfpfeife, das klang wie das Husten eines mutierenden Ichthyosaurus, ging die Fahrt los, möwenbegleitet, hinaus auf die blaue See. Bald ging man unter Deck; dort hatte man Gelegenheit, an den Kabinentüren Gemälde aus Walter Scotts Romanen zu bewundern: einen glotzäugigen Robin Hood im karierten Kittel oder eine Lady Rowena mit glattem, blauschwarzen Scheitel. Denn das Schiff war altschottischen Ursprungs und wohl umgetauft; jetzt hieß es „Maria von Egypten“.

Es waren noch andere Mitreisende da. Einige stellten sich vor, zum Beispiel ein junger Dichter, Meliboeus Hemmbamm, dann zwei funkelbrillige Gelehrte, die Universitätsdozenten Hühnervogt und Fehlwurst, und endlich ein altes Ehepaar, Professor Giekhase und Frau, beide ganz in Jägerwäsche gekleidet. Sogar der Spielhahnstoß am Hütchen war aus demselben Material.

Die See war ruhig, die Fahrt angenehm, man kam ins Plaudern und hatte bald Freundschaft geschlossen.

Ein plötzliches Aufschluchzen Bébé Kličperas, auf die niemand geachtet hatte, unterbrach die angeregte Unterhaltung. Heftig weinend hockte das junge Mädchen im Rundbau des Salons, ein Buch aus der Schiffsbibliothek lag ihr zu Füßen. Auf Befragen, was ihr fehle und ob sie Schmerzen habe, deutete sie, nur immer weiter schluchzend, auf den zerlesenen Schmöker zu ihren Füßen.

Professor Fehlwurst bückte sich nach dem verschmutzten Corpus Delicti, setzte eine zweite Brille auf, hielt das Buch weit von sich weg und las mit ernster Stimme: „Der Tänzer von Chislehorst“. Kopfschüttelnd legte er den Band neben das untröstliche Kind und wollte anscheinend etwas sagen. Aber Rat Dodola fuhr erregt dazwischen. „Das kommt von die nichtsnutzigen, dummen Biecher, diesen Liebesgeschichten und so weiter! Schaun S’ nur mich an! Ich hab auch Bücher“, jetzt sprach er aus Achtung Hochdeutsch, „aber, das sind welche! Schaun S’, die verlassen mich nie!“, und stolz packte er zwei abgegriffene Scharteken aus der Rocktasche, den Professoren die nötigen Erklärungen gebend.

„Also, das sind“, begann er, „Band VI und VII aus der kleinen Handbibliothek für Selbstquäler. Da VI, ‚Die gebräuchlichsten Schweinereien im Hotelbetrieb und sonst auf Reisen‘, mit dem Motto ... warten Sie“, und mit dem dicken Zeigefinger die Zeilen nachfahrend, las er: „Da – wendet – sich – der – Gast – mit – Grausen. Jawohl. Es ist zum Staunen, was da drin alles steht, zum Beispiel gleich hier: ‚Triester Spezialität: Pulex infernalis, der sogenannte Goliathfloh, wurde zuerst 1891 daselbst nach dem Kongress des Dantevereines beobachtet.‘ Oder hier für Pilger im gelobten Land: ‚Bei Besuchen von heil. Anachoreten im Peträischen Arabien, die einem bekanntlich Heuschrecken und Honig anbieten, achte man darauf, dass man nicht den gefürchteten Kunsthonig der Ambrosiawerke aus Potschappel in Sachsen und statt der Heuschrecken getrocknete Riesen-Flug-Schwaben (blatta orientalis aquilaformis) vorgesetzt bekommt.‘ – Panzerwanzen: Achtung vor diesen! lächeln bloß bei Hammerschlägen! ... No, und die Weibermilch von heute früh? ... und die geradezu schrecklichen Sachen mit den Odalisken bei Kuren mit Rekonvaleszenten ...“ Dodola verstummte missmutig und ging breitbeinig an Deck, da der Dampfer zu schwanken begann.

Nach dem Essen zogen sich die Herren zum schwarzen Kaffee zurück und Dodola, der sich schon ganz Seemann fühlte, begann das Garn vom Vormittag eifrig weiterzuspinnen. „Hier, meine Herrn! der zweite Band: ‚Der gewitzigte Closetbesucher‘. Sie werden erbleichen, wenn Sie alles gehört haben, jawohl, erbleichen! Was menschliche Niedertracht und die Tücke der Elemente im Schilde führen, das ist alles in leicht verständlichen Warnungen niedergelegt! Passen Sie auf: Hier, die am meisten vorkommenden sieben Haupt- und 21 Nebenunfälle ... Abteilung A ‚Auswahl des Platzes‘ bei Besuchen im Freien: Achtung auf Ameisenhaufen, Igelkobel und Schlangennester, die schon manchen Naturfreund in die Ewigkeit befördert haben. Weiter: Lawinengefahr für Sportfreunde im Winter! Warnung vor plötzlich auftretenden Geisern, Solfataren oder gewöhnlichen heißen Springquellen. Katastrophen durch Brennnesseln! Dies eine kleine Auslese aus den Gefahren der Natur.

Auch Hausflure wähle man nicht in Stunden der Not, da von solchen Orten schon mancher Sasse mit Schmach und Schande verjagt worden sei und an seinem bürgerlichen Ansehen dauernden Schaden gelitten habe. Nun hier: B ‚Das Wirken der menschlichen Verworfenheit‘. Da sei besonders gewarnt vor den jetzt zum Glück stark aus der Mode kommenden sogenannten Juxklosetts – traurige Scherze, die man nicht genug verdammen kann. Man findet sie bisweilen noch auf einsamen Edelsitzen, alten Schlössern oder bei gastlichen Sonderlingen. Da gibt es welche, wo plötzlich eine haarige, schwarze Riesenfaust aus der Öffnung kommt oder ein heftiger Donnerschlag ertönt, während der verwirrte Besucher im Brillantfeuerwerk erstrahlt und sich nach Zerteilen der Wände unvermutet mitten in einer eleganten Tanzunterhaltung befindet.

Andere dieser Instrumente wieder stoßen nach Art großer Schwarzwälderuhren melancholische, aber meilenweit schallende Kuckucksrufe aus, was bei nervösen Sitzgästen sehr störend wirkt. Schließlich werfen sie den Sitzgast mittels starker Sprungfedern ganz unvermutet zur Tür hinaus. Sehr gemein sind auch die Schmirgelpapierkästchen, die sich ungesehen statt der ‚distributeurs permanents‘ einschalten. Man beziehe überhaupt nur Papier, das von der Treuhandgesellschaft Blatt für Blatt geprüft ist.“ Mit diesen Worten schloss der kaiserliche Rat seinen beherzigenswerten Vortrag.

Die Professoren machten sich eifrig Notizen, und eine nachdenkliche Stimmung bemächtigte sich der Reisenden, zumal nichts als eine Wasserwüste und nur der nackte Horizont zu sehen waren.

Beim Jausenkaffee wurden unsere Freunde von einer großen Dampfwolke aufgescheucht, die sich schwer und massig aus den Oberlichten wälzte. Gleichzeitig ertönte rasendes Getrappel aus den Maschinenkorridoren, und das Schiff neigte sich langsam zur Seite.

Alles kreischte durcheinander; nur Rat Dodola blieb ruhig, winkte einen Matrosen herbei und gab ihm fünf Gulden mit dem Bemerken, ihm im Falle einer Katastrophe ganz allein ein Rettungsboot zu reservieren und seiner Frau ja nichts zu sagen. Allmählich beruhigten sich die Passagiere und hatten beim Abendessen ihre gute Laune längst wieder gefunden.

Bloß Meliboeus Hemmbamm, der Dichter, machte die taktlose Bemerkung, dass so mancher illustre Name Englands Glanz und Reichtum solchen Schiffen wie der „Maria“ verdanke, die mit wertloser, aber hochversicherter Ladung regelmäßig verschollen sind. Doch gelte es als äußerst „shocking“, ja geradezu als Gipfel der Taktlosigkeit, in guter Gesellschaft davon zu sprechen, und schließe jede Klubfähigkeit aus.

Er wusste so grausig zu erzählen, dass alle mit einer Gänsehaut in die Kojen krochen und nur mit Mühe und Not einschlafen konnten.

Gegen drei Uhr früh ertönten Fanfaren und Gongwirbel, dass die Schlummernden erschreckt auffuhren. Sie wurden an Deck befördert, wo man aus dem wogenden, finsteren Meer eine ungeheure Felswand aufsteigen sah.

Grelle Bogenlampen beleuchteten das Bild der Landung, die mittels Booten vorgenommen wurde und bei wirrem Geschrei und dem Donner der Brandung vor sich ging. Die stark seekranken Giekhases wurden, in Körben verpackt, unter schrillem Gerassel ausgekrant. Bébé Kličpera kugelte schlaftrunken bis zum Fallreep und gab ihre wohlgerundeten Reize vielen Blicken preis, während beiden Professoren die Augengläser ins Nachtreich der Tritonen fielen.

Das Endziel all dieser Abenteuer waren schließlich üppige Hotelzimmer mit breiten südländischen Betten, die die müden Seefahrer zu sanfter Ruhe empfingen.

5

Ein strahlender Morgen zeigte den erstaunten Ankömmlingen Pomo in seiner vollen halbtropischen Schönheit. Das steil ansteigende, bunt zerklüftete Felseneiland stellte ein Stück völlig unberührter Natur dar. Seit der Antike hatte sicher keines Menschen Fuß dieses Felseneiland betreten, das sich grauweiß und rosenrot aus großer, dunkelblauer Tiefe emporhob. Eine marmorne Villeggiatur in nobler Barocke leuchtete aus den schwarzgrünen Myrtenwäldern. Ihre vergoldeten Kuppeldächer, strahlend in der Sonne, betonten den festlichen Reichtum der Anlage. Die hohen, bis zum Fußboden reichenden Bogenfenster ließen die Luft ungehindert in die Zimmer strömen, einen Wohlgeruch, gemischt aus der würzigen Seebrise und dem Duft der verschwenderisch reichen Blumenbeete. Der süße Gesang zahlreicher Singvögel verlieh dem Bild luxuriöser Kultur eine bukolische Note. Zartgefärbte Flamingos stolzierten herum, während Strauße und Affen zum Gaudium der Kinder in vergitterten Waldparzellen gehalten wurden.

Durch Sprengungen war ein amphitheatralisch geformtes Strandbad geschaffen worden, in dem man sich am Vormittag in der blauen Kristallflut ergötzte. Ein vergoldetes Haifischnetz grenzte in einiger Entfernung das Bad für geübte Schwimmer ab. Ober den Badekabinen erhoben sich die weiten Terrassen der Hotelanlage, wo zur Nacht unter dem sternübersäten Himmel an blütenweiß gedeckten Tischen, bei Blumen und buntbeschirmten Lampen festlich gekleidetes Publikum speiste. Zahlreiche elegante Damen und schöne Mädchen entfalteten einen reichen Toilettenluxus.

Die minder dekorativen Sommergäste wurden durch den routinierten Geschäftsführer Grollebier auf unverletzende Weise in Dependancen untergebracht und unter dem Vorwand, dass es auf der großen Hotelterrasse zöge, in „gemütlichen Trinkstübchen“ und dergleichen Exilen unschädlich gemacht.

Bei manchen Dickköpfen verfingen allerdings Grollebiers zarte Manöver nicht; zum Beispiel bei Freund Dodola, der auch bei Sturmesbrausen ruhig soff. Ja, des Rates erste Frage war, ob die Milch zum Kaffee bestimmt nicht zerquirltes Pferdehirn wäre, das bekanntlich sonst im Restaurantbetrieb unverwendbar sei, und warum der andre Dampfer, der im Prospekt stehe, nicht fahre.

Der werde frisch angestrichen und sei noch nicht trocken, lautete die verlegene Antwort.

Dass da ein dunkler Punkt sei, in dem herumzustochern sich lohne, war unserem Freund Dodola sofort klar. Stehenden Fußes suchte er den im Prospekt als Schöpfer des Ganzen genannten Baron Zois auf, störte ihn bei der Toilette und stellte sich ihm als Präsident des Antiautomobilklubs „Owacht!“ vor.

Bald waren die Herren in einem interessanten Gespräch verwickelt, in dessen Verlauf Dodola den leicht schreckhaften Eindruck streifte, den er in Triest von der „Maria von Egypten“ bekommen habe. Er fuhr fort: „Sie verzeihen schon, Herr Baron, wenn ich die Bemerkung nicht unterdrücken kann, dass zwischen den geradezu prachtvollen Hotelanlagen mit ihrem exquisiten Komfort – und ich bin heikel – und dem Dampfer da unten eine gewisse Diskrepanz besteht ... Sie verzeihen schon ...“

„Aber natürlich“, replizierte Baron Zois, sich die Krawatte bindend. „Was Sie da sagen, stimmt vollkommen, hat aber in gewissen Familienverhältnissen seine Ursache. Wissen Sie: ‚Cherchez la femme!’ – in dem Fall richtiger – ‚la chanoinesse‘! Die ‚Maria von Egypten‘ ist nämlich das Schiff, auf dem die Gräfin von Cilli – eine alte Tante von uns – als Kind die Erste-Kommunions-Reise nach der Insel Wight gemacht hat ... 1854 ... Sie hat aus Sentimentalitätsgründen die Einstellung dieses Dampfers so befürwortet ... hat übrigens ein Viechsgeld gekostet, bis man den alten Kasten ausfindig gemacht hat ... als Stationsschiff eines gewissen Lord Dontshiver, der ein passionierter Schlammteifelzüchter ist.“

Dodola fuhr wie von einer Viper gestochen zurück.

„No-no-no“, sagte der Baron, „das sind ganz und gar harmlose Fische.“

„Harmlos ...? ... dass ich nicht lache! Glauben S’, ich kenn die nicht? Oh, mir erzählt man nichts.“ Und wispernd fuhr er fort: „Immer wieder versuchen gewissenlose Fabrikanten, junge, noch zarte Schlammteufel unter die Büchsensardinen einzuschmuggeln. Einmal habe ich sogar einen beim Heringsschmaus in der ‚Schönen Schäferin‘ gefunden.“ Das Schiwazeichen auf des Rates Stirne leuchtete bläulich.

Um ihn abzulenken, erzählte Zois weiter: „Der andere Dampfer, er heißt ‚Harun al Raschid‘, ist weit schöner. 1200 Tonnen, 700 Pferdekräfte!“

„Nun, warum fährt er denn nicht?“

„O, er fährt schon“, erwiderte der Baron Michelangelo sichtlich gedrückt, „er fährt schon ... nur wissen wir momentan nicht genau, wo man ihn suchen soll ... ist schon seit drei Wochen überfällig, mit vielen, darunter sehr netten Passagieren ...“

„Du mein barmherziger Heiland!“, schrie Dodola auf, „die Ärmsten! Also alle tot?“

„O nein, wir haben nicht alle Hoffnung aufgegeben; es sind 40 Passagiere an Bord, meist Ausländer.“ Dodola beruhigte sich sichtlich.