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Ingolf Wöll
FRISCH – FROMM – FRÖHLICH – FREI
Geschichte(n) der christlichen
Turn- und Sportbewegung Österreichs
Band 1 – von den Anfängen bis 1938

Ingolf Wöll

FRISCH
FROMM
FRÖHLICH
FREI

Geschichte(n) der christlichen Turn- und Sportbewegung Österreichs
Band 1 – von den Anfängen bis 1938

Herausgegeben von der SPORTUNION Österreich

INHALT

Vorwort

Geschichte(n) der Christlich-deutschen Turnerschaft Österreich (CDTÖ)

Das Wort FROMM im Turnerwahlspruch

Mit Gott für Volk und Vaterland

Friedrich Ludwig Jahn und seine »Kinder«

Antisemitismus an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert

Frauen treiben Sport

Waffen tragende Turner

Der lange Weg der CDTÖ ins internationale Sportgeschehen

Kolpings-Turnerschaft

Die Sportvereinigung des Reichsbundes der katholischen deutschen Jugend Österreichs

Zurückgeschaut

Literaturverzeichnis

Der Autor

Impressum

VORWORT

Liebe Leserinnen und Leser!

Im Jahr des 70-jährigen Jubiläums der SPORTUNION blicken wir zurück auf die Wurzeln unseres Verbandes. Diese liegen schon weit vor der eigentlichen Gründung der SPORTUNION am 2. Mai 1945.

Dieses E-Book beschäftigt sich daher mit der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der christlichen Turn- und Sportbewegung vom späten 19. Jahrhundert bis ins Jahr 1938 und ermöglicht einen Gesamtblick auf die verschiedenen Turnbewegungen in Österreich in diesem Zeitraum.

Die vorliegenden »Geschichte(n)« wurden von Ingolf Wöll in jahrelanger, ehrenamtlicher Arbeit gesichtet und niedergeschrieben. Sie vermitteln ein sehr gutes Bild der gesellschaftlichen und politischen Landschaft im damaligen Weltreich Österreich in turbulenten Zeiten.

Die Fortsetzung der Geschichte der christlichen Sportbewegung, beginnend im Jahr 1945, ist in dem Buch »Wir bewegen Menschen. 70 Jahre SPORTUNION« nachzulesen, das als Printausgabe erhältlich und in engem inhaltlichen Zusammenhang mit dem ersten Band zu verstehen ist.

Wir bedanken uns bei Ingolf Wöll für seine Arbeit und das vorliegende Werk und wünschen allen Lesern spannende Momente bei der Lektüre!

Mit sportlichen Grüßen

Hartwig LögerMag. Rainer Rößlhuber
PräsidentGeneralsekretär

GESCHICHTE(N) DER CHRISTLICH-DEUTSCHEN TURNERSCHAFT ÖSTERREICH (CDTÖ)

»Wer sich bemüht, seinen Leib zu straffen und dessen Bewegung zu beherrschen, hat Gelegenheit genug, auch seine Seele und seinen Willen zu meistern.« (Die Schmiede, 282)

Christen müssen artig sein …

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentrierte sich die deutschsprachige historische Forschung im Bereich Turnen vorrangig auf die liberale und deutschnationale Turnbewegung. Insofern verständlich, als die »Deutsche Turnerschaft« bis zum Ersten Weltkrieg die größte Leibesübungen treibende Bewegung der Erde war. (Gasch 1920, 101) Dagegen fand die Christliche Turnbewegung wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit.

Große Nachschlagewerke beschäftigen sich erst wesentlich später mit den Zusammenhängen zwischen Religion, Kirche und Sport. Die historischen Wurzeln der fast 2000-jährigen Beziehung zwischen Christentum und Körperübungen analysiert vor allem der Sportwissenschafter Dr. Willi Schwank in der Schriftenreihe »Christentum und Sport« (1999–2005).1

Der Sporthistoriker Prof. Dr. Erwin Mehl hält im »Grundriss des deutschen Turnens«, (1923, 23) einem Leitfaden für Turnwarte und angehende Sportlehrer, fest, »dass das aufkommende und weltentsagende Christentum den Leib (das ›Fleisch‹) als beschwerendes Anhängsel für die Seele und als Mittel der Sünde sah«. So ähnlich lautet 90 Jahre später, witzig formuliert, ein Songtext des hessischen Comedy-Duos »superzwei«: »Christen müssen artig sein, keine Party, keinen Wein. Ein Bein, das sich zum Tanze regt, das wird im Himmel abgesägt.« Auch im 21. Jahrhundert ist die oft zitierte »Leibfeindlichkeit« des Christentums noch ein Gesprächsthema. Dr. Alois Koch, Autor zahlreicher Beiträge zur Geschichte der Leibesübungen, bestätigt, »dass die leibentwertenden Strömungen innerhalb des frühen und frühmittelalterlichen Christentums zweifellos vorhanden und zeitweise sogar sehr stark gewesen sind«, betont aber, »dass die Wurzel dieser Tendenz nicht in der christlichen Lehre liegt, wie sie uns im Neuen Testament (in der Sprache der Griechen geschrieben) begegnet, sondern in der hellenistischen Umwelt, in die das Christentum hineingewachsen ist«. 2

Die Stellungnahmen der Kirche in späteren Epochen bis zur Gegenwart zeigen eine zunehmend positive Einstellung zu Bewegung und Sport, ohne dabei auch auf Gefahren des Sports und bedrohliche Entwicklungen hinzuweisen. (Schwank 1998, 84)

Ursprung und erste Anfänge der Leibesübungen müssen im urgeschichtlichen Zeitraum gesucht werden. So beginnt der bekannte deutsche Sportfunktionär und Sportwissenschafter Carl Diem (1882–1962) seine Aufzeichnungen über die »Weltgeschichte des Sports« mit der Feststellung: »Alle Leibesübung war ursprünglich kultisch«. (Strohmeyer 1999, 169) Ein exaktes Festhalten, wann die christliche Bewegungskultur in Österreich im Sinne von »Leibesübungen« genau ihren Anfang zeigt, ist ein schwieriges Unterfangen und wird von Historikern unterschiedlich gedeutet. Von Volksvergnügungen wie Brauchtum, Jagd, Tanz, Ringen, Klettern, Kegelschieben über verschiedene Spiel- und Wettbewerbsformen der Bauern und Bürger, über Wandern bis hin zu »Turnen und Sport« spannt sich der Bogen jedenfalls über mehrere Jahrhunderte. Bis ins späte 18. Jahrhundert hatte »Sport« als Leibesübung3 keine eigenständige Bedeutung. Die Kirche tolerierte die Körperkultur der höfischen Gesellschaft, wandte sich jedoch gegen die an kirchlichen Festtagen veranstalteten Volksspiele. (Langenfeld, 318)

Eine präzise Abgrenzung zwischen wildem und organisiertem »Turnen« und »Sporttreiben« kann ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts wahrgenommen werden und geht auf Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) zurück. Er eröffnete 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz in Berlin auf der Hasenheide. Jahn griff dabei auch auf das Gedankengut von Guts Muths (1759–1839) und Vieth (1763–1836) zurück. (Mehl 1923, 28–29)

Fest steht, dass nach der Gründung der ersten Turnvereine in Österreich, Mitte des 19. Jahrhunderts, ein beachtlicher Teil der Mitglieder christlichen Religionen angehört haben muss, da es im Jahre 1900 in Österreich, auf das heutige Staatsgebiet bezogen, 91,6 % Katholiken gegeben hat. (Statistik Austria) Genaue Aufzeichnungen, die konfessionelle Gliederung der Vereine betreffend, konnten jedoch nicht gefunden werden. Es darf angenommen werden, dass im 19. Jahrhundert durch aufgeschlossene Priester und christliche Arbeitervereine, durch liberale Turnvereine und nicht zuletzt durch Privatschulen4 und die k. k. Militär-Erziehungs- und Bildungsanstalten Impulse für ein gesundheitsorientiertes Bewegen in christliche Familien hineingetragen wurden.

Vom Kampf gegen die katholische Kirche

Gegen Ende des 19. sowie am Beginn des 20. Jahrhunderts gab es im Habsburgerreich auf politischer Ebene Nationalitätenrivalität zwischen den Deutschen Österreichs (1910: 12 Millionen) und den zahlenmäßig überlegenen Nichtdeutschen (39 Millionen), die auf eine Eigenstaatlichkeit hindrängten. Diese Auseinandersetzung nach politischer Freiheit war begleitet vom Streben nach »Geistesfreiheit«, die auch zu Differenzen mit dem Christentum führen musste. (Jahn, R. Hg. Domesle, 298) Es waren die Deutschnationalen, vor allem Georg Schönerer (1842–1921) und sein ursprünglicher Mitstreiter Karl Hermann Wolf (1862–1941), die als Mittel des Kampfes für das Deutschtum den Kampf gegen die katholische Kirche und den katholischen Glauben proklamierten. »Los von Rom!« und »Hoch die Hohenzoller!« ertönte es im österreichischen Parlament. Die Zeitschrift »Unverfälschte deutsche Worte« Schönerers und die »Ostdeutsche Rundschau« – sie war das Organ des deutschradikalen Abgeordneten Wolf, der in der Studentenschaft über einen großen Anhang verfügte – richteten sich global gegen die katholische Kirche und den österreichischen Staatsgedanken. Eine solche Entwicklung musste zwangsläufig auf Widerstand bei der katholischen Bevölkerung Österreichs stoßen. (zit. n. VTZ 1925, 93–94)

Aus der Gründerzeit der christlichen Turnbewegung

»Wisst ihr denn nicht, dass euer Körper der Tempel des heiligen Geistes ist?«

(Paulus, 1 Kor 6,19)

Weit mehr als 100 Jahre sind vergangen, seit der erste »Christlich-deutsche Turnverein« gegründet wurde. Um zu verstehen, warum es notwendig geworden war, eigene christliche Turnvereine zu gründen, muss auf die politischen Verhältnisse jener Zeit näher eingegangen werden, und es müssen Vergleiche zu den bestehenden Turnvereinigungen hergestellt werden.

Der Politiker Rudolf Solterer (1875–1961) – er war von 1914 bis 1921 Reichsobmann der CDTÖ (Recla, 48) – schildert anschaulich in der Verbandszeitung, warum es zur Gründung der christlichen Turnbewegung in Österreich kommen musste: »Die von Schönerer geprägten katholikenfeindlichen Äußerungen, die sich anfangs nur auf parteipolitischer Ebene abspielten, griffen nach und nach auf die Jugend in den Mittelschulen, auf Studentenkreise und schließlich auch auf die bestehenden Turnvereine über. Einen bedeutenden Agitationsherd bildeten ganz besonders die Vereine des Deutschen Turnerbundes 1889.« (VTZ 1925, 93) – Durch das Hineinzerren der »Los von Rom!«-Bewegung in die Turnvereine und die einseitige katholikenfeindliche Gesinnung, andauerndes Schimpfen auf Klerikale und Geistliche sowie durch Lächerlichmachen der Turner, die ihren religiösen Pflichten nachkamen, wurde vielen Mitgliedern der Aufenthalt in den bestehenden Turnvereinen unmöglich gemacht. (TZ 1910, 96)

In kirchenfeindlichen Turnzeitungen wurden christliche Turner verspottet, und es war zu lesen, dass zu ihren Übungen vor allem das »Beugen« und »Unterducken« gehörte. Vom Aufputz des Turnsaales mit Weihwedel, Palmkatzerln, Rosenkränzen und Opferstöcken wurde gefaselt, und katholische Turner wurden schlichtweg als männliche »Kerzelweiber« bezeichnet. (TZ 1910, 82) Dass eine derartige feindselige Gesinnung zu Unstimmigkeiten und Spannungen führen musste, liegt auf der Hand. Da nützte auch Solterers Frieden stiftende Meinung nichts, wenn er sagte, »dass Jahn nie und nimmer seine Turner für ›Los von Rom‹ [ ] begeistern wollte und dass das Jahnsche Turnen jedem Deutschen, ganz gleich welcher Sippe und Konfession er angehört, zugängig sein müsse«. Solterer, der zu den Jahn-Verehrern zählte und die Turnvereine als »Stätte der Erziehung« sah, in denen die künftigen »Säulen des Staates«, die »Leuchten der Kirche« und die »Führer des Vaterlandes« heranwachsen sollten, (zit. n. TZ 1910, 82–83) gehörte lange Zeit zu den Befürwortern einer geeinten Turnbewegung, aber nicht mit diesen Feindseligkeiten.

EINBLICK

Jahn und die katholische Kirche

»Die Turnbewegung war in ihren Anfängen protestantisch geprägt. Jahn stand als Sohn eines evangelischen Dorfpastors der katholischen Kirche mit Vorbehalten gegenüber, und seine Berliner Turner waren begeisterte Anhänger des zeitgenössischen evangelischen Theologen Schleiermacher. Die bis 1820 eingerichteten Turnplätze befanden sich fast ausschließlich in evangelischen Gebieten. So war die Ablehnung der katholischen Kirche vorprogrammiert. Selbst als die Deutsche Turnerschaft (DT) seit den 1860er-Jahren einen betont überkonfessionellen Kurs mit christlichen Akzenten verfolgte, bedurfte es noch vieler Jahre, bis sich die Turnbewegung auch in den katholischen deutschen Gebieten ausbreitete.« (Langenfeld, 319)

Der Erzprotestant Jahn engagierte sich in seinen letzten Lebensjahren in der freireligiösen Bewegung der »Protestantischen Freunde«, im Volksmund auch als »Lichtfreunde« bekannt. (Bartmuß, Ulfkotte, 147)

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren in Österreich die meisten deutschnationalen Turnvereine in die »Los von Rom!«-Bewegung eingebunden, und es gab kaum Turnvereine, die sich dem Christentum gegenüber aufgeschlossen zeigten. Solterer nannte die österreichische »Turnverbindung Habsburg« im 10. Wiener Gemeindebezirk, und der Langzeitobmann der CDTÖ, Dr. Josef Pultar (1879–1959), ergänzte, dass Turnen und Wandern in der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie anfänglich auch in den katholischen Gesellen-, Jünglings- und Arbeitervereinen gepflegt wurden. (VTZ 1936, F. 6, 2) Auch das Radfahren im »Verband christlicher Radfahrer Österreichs« darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden.

Strenge Gesetzgebung für Radfahrer anno 1896:

»In geschlossenen Orten ist langsam zu fahren [ ]. Außerhalb derselben ist das Fahren auf den ausschließlich für Fußgänger bestimmten Wegen nur in der Weise gestattet, dass der Radfahrer dem Fußgänger auf mindestens zehn Meter Entfernung auszuweichen hat.«

»Werden Tiere infolge des Anblicks des Fahrzeuges unruhig, so hat der Radfahrer die Fahrgeschwindigkeit ganz zu verlangsamen und nach Erfordernis abzusteigen.«

»Das mutwillige Wettfahren mit fremden Wagen oder Reiternist verboten.«

»Bei Begegnungen beziehungsweise Überholen von Fuhrwerk und Reitern muss stets einzeln und mit aller Vorsicht in möglichst langsamem Tempo gefahren werden. In der Regel ist links auszuweichen und rechts vorzufahren.«

»Von dem Glockensignal ist beim Begegnen eines Wagens oder einer Person und bei Straßenkreuzungen oder scharfen Straßenbiegungen in geschlossenen Orten auf mindestens zehn Meter Entfernung Gebrauch zu machen.«

(Auszug aus der Verordnung der k. k. Bezirkshauptmannschaft St. Pölten)

Erlaubnisschein für Radfahrer

Sammlung I. Wöll

In etlichen Publikationen, die sich mit der Geschichte christlicher Turnvereine beschäftigen, wird die »Stunde null« für die christliche Turnbewegung mit dem Jahr 1900 angesetzt. Es gab aber bereits 1876, im sechsten Wiener Bezirk, eine Turngruppe im katholischen Gesellenverein. (VTZ 1936, F. 10, 2) Ein Kolpings-Turnverein existierte in Innsbruck seit dem Jahr 1894. (TZ 1911, F. 3, 28) In Linz wurde seit 1896 geturnt, und nach einem Zusammenschluss mit bestehenden Turngruppen aus Steyr (1898) und Sierning wurde am 27. Mai 1900 die »Kolpings-Turnerschaft der Katholischen Gesellenvereine Österreich-Deutschlands« gegründet. Zum Verbandsobmann wurde der Linzer Rudolf Dewagner gewählt. (VTZ 1936, F. 10, 2) Auch in Graz war 1900 ein nach Adolf Kolping (1813–1865) benannter Turnverein aktiv. (VTZ 1925, 156) 1896 entstand im Wiener Außenbezirk Floridsdorf – die Eingliederung in die Stadt Wien erfolgte erst 1904 – ein nach dem späteren Wiener Bürgermeister (1897–1910) »Doktor Karl Lueger« benannter christlich-deutscher Turnverein. Laut Angabe von Dr. Pultar soll dieser bis 1899 sehr aktiv gewesen sein, (VTZ 1936, F. 6, 2) und es ist verbrieft, dass er bis 1912 im NÖ Amtskalender aufschien. (NÖ Amtskalender 1912, 993)

Viele Möglichkeiten für praktizierende Katholiken, die ungehindert und nicht angefeindet turnen wollten, gab es am Anfang des 20. Jahrhunderts jedenfalls nicht. Auf der einen Seite war es die 1892 gegründete, sozialdemokratisch geführte Turnbewegung mit ihrer Nähe zu Marxismus und Freidenkertum, die dies verhinderte. Auf der anderen Seite kam das deutschnationale Turnwesen wegen seiner Sympathien für die »Los von Rom!«-Bewegung und die Vorliebe für das heidnische Germanentum nicht infrage. (Strohmeyer 1998, 221) Von den 83 Turnvereinen, die im Amtskalender 1900 angeführt waren, findet man nur einen einzigen mit positiv christlichem Charakter. (Reichspost 1900, 28. März, 9)

Leserbrief vom 1. Oktober 1899

Ein »zielbewusster Christlich-Socialer« Leser, wie er sich selbst bezeichnet, lancierte in der »Reichspost « vom 1. Oktober 1899 auf Seite 9 einen Aufruf, »christlich-sociale Turnvereine« zu gründen.

Der Schreiber kritisierte, dass »unsere heranwachsende Jugend der sogenannten Schönererpartei so getreue Gefolgschaft leistet, so dass selbst Söhne von christlich-socialen Eltern, sobald sie ein gewisses »reifes, unreifes« Alter erreicht haben, anfangen für Schönerer, Wolf und deren »Heilopolitik« zu schwärmen. [ ] »Die ›Heilopartei‹ weiß eben recht gut, dass die Jugend sich am meisten dahin gezogen fühlt, wo ihr die Gelegenheit geboten wird, den ihr eigenen Kraftüberschuss abzugeben, oder wo dieser nicht vorhanden ist, durch systematisches Turnen einen gesunden und geschmeidigen Körper zu erlangen. [ ] Die Schöneraner wissen, dass in einer Zeit, die es speziell auf ›Turnung des Geistes‹ abgesehen hat, eine Ausbildung des Körpers von doppelter Wichtigkeit ist.«

Der Autor bestand darauf, als Gegensatz zu den bereits bestehenden deutschnationalen, »christlich-sociale Turnvereine« zu gründen. »Nicht bescheidene Pflänzchen, die im Verborgenen blühen, nein Schöpfungen im großen Stile, wo die jungen Männer unter Gleichgesinnten auch für die gute christlich-sociale Idee und Politik sozusagen gesprächsweise gewonnen werden können.«

Aus dem Leserbrief in der Reichspost geht hervor, dass die Christlichsoziale Partei sich eine Vorfeldorganisation in Form eines Turnvereins wünscht, um auf die Jugend mehr Einfluss zu erlangen. »Es wäre [ ] allergrößte Kurzsichtigkeit gewesen, wenn man damals nur auf dem parteipolitischen Gebiete einen festen Wall gegen die gegnerische Volksunterminierung gezogen, aber auf den Schutz der Jugend vor der roten und blauen Irreführung vergessen hätte«, vermerkt Solterer, anlässlich 25 Jahre CDTÖ, in der Verbandszeitung. (VTZ 1925, 94) Gleichzeitig betont er, dass das Zustandekommen der ersten christlichen Turnvereine nicht von politischen Kreisen aus gesteuert wurde. Es stimmt wohl, dass viele Turnvereine über Jahrzehnte hinweg nach außen hin mit Parteipolitik nichts zu tun haben wollten, was aber keineswegs ausschließt, dass die Gründung der CDTÖ nicht parteipolitisch motiviert war. (Janke, 225)

Mit dem Gedanken, »eine Einrichtung zu schaffen, wo die christliche Jugend ohne Gefährdung ihrer katholischen und vaterländischen Gesinnung turnen konnte«, beschäftigten sich drei Gruppierungen. Wie schon angedeutet, waren es die in den 1890er-Jahren und teilweise schon früher entstandenen katholischen Gesellenvereine. Katholische Studenten an den Hochschulen bildeten eine zweite Gruppe. Vor allem Guido Hösslinger, ein »Alter Herr« der katholisch-deutschen Studentenverbindung »Norica«, hatte es sich in den Kopf gesetzt, einen christlichen Turnverein ins Leben zu rufen. Es fehlte ihm jedoch die praktische Erfahrung und eine Person, die seine Ideen realisierte. Dr. Anton Frey (1871–1916) und seine Mitstreiter bildeten eine weitere Gruppe. Der junge niederösterreichische Landesbeamte Frey, »Alter Herr« der katholisch-deutschen Studentenverbindung »Ferdinandea-Prag«, turnte schon als Gymnasiast im Garten seines Vaterhauses. In Haslau (nach 1945 Hazlov) im böhmischen Egerland sammelte er die christliche Ortsjugend um sich, um dieser das Turnen nahezubringen. Seine Begeisterung für das Turnen wird nicht nur dadurch dokumentiert, dass er sich das Turngerät »Reck« als Couleurnamen aussuchte, sondern auch durch viele Diskussionen in Studentenkreisen, die sich immer wieder mit der Gründung eines christlichen Turnvereins beschäftigten.

Als Dr. Frey nach Vollendung seiner Studien in Prag 1899 nach Wien übersiedelte und beim christlichsozialen Dr. Albert Gessmann im Schulreferat, wo er Lehrerfragen behandelte, tätig wurde, gelang es ihm, katholische Lehrer für seine Idee zu begeistern. Der Turnlehrer Josef Haydn wurde für Frey zu einem wichtigen Mitdenker. Von ihm kamen wesentliche Impulse für die neu zu schaffende Turnbewegung. Weitere Sympathisanten fand Frey in seinem Bürokollegen Eduard Schafranek und vor allem in Rudolf Solterer, der ebenfalls als Landesbeamter, wenige Schritte von Freys Büro entfernt, amtierte. Von besonderer Bedeutung war die Begegnung mit Dr. Guido Hösslinger (1871–1935), der die Statuten der zu gründenden Bewegung ausarbeitete, in denen vorausschauend der Aufbau einer Turnbewegung mit Ortsgruppen und Zweigvereinen vorgesehen war. Er kümmerte sich auch um fixe Zusagen von christlichen Organisationen, die signalisierten, dass bereits in den Anfängen des zu gründenden Vereins mit 60 bis 90 Männern gerechnet werden durfte. (VTZ 1925, 95)

Einladung zur Gründungsversammlung

Im Nachlass von Dr. Guido Hösslinger, verstorben am 15. Dezember 1935, wurde das erste offizielle Schreiben der »Christlich-deutschen Turnbewegung« gefunden:

Jüngst wurde im kleinen Kreise der Gedanke rege, einem längst gefühlten Bedürfnisse entgegen zu kommen und durch Schaffung einer geeigneten Organisation, die Pflege des körperlichen Sports, in erster Linie der so echt deutschen Turnerei fruchtbringend auf christlichen Boden zu verpflanzen. Wir beschreiten damit ein Gebiet, welches bisher fast ausschließlich von Gegnern bebaut wurde und auf welchem sie uns Tausende kampfmutige Herzen entfremdet haben. Wir beschreiten ein Gebiet, welches seiner echten Grundlage nach uns gehört, da die edle Turnerei von ihren Begründern ebenso ›christlich‹5 wie deutsch gedacht war. Wir hoffen und erwarten darum die freudige Mitwirkung aller Gesinnungsgenossen, welchen frische Kraft die Adern füllt, und die Zustimmung und den Beistand aller, welche, wenn sie auch nicht selbst Turner oder Sportsmänner sind, mit uns die Überzeugung haben, dass mit Gott für unser christlich-deutsches Volk Kraft und Freude, Selbstgefühl und Widerstandsfähigkeit aus diesem Werke sprießen kann.

Da eine möglichst umfassende und gestaltungsfähige Organisation geplant wird, hat das vorbereitende Commitee beschlossen, eine vertrauliche Besprechung über den zu gründenden Verein, welcher den Namen »Christlich-deutscher Turnerbund« führen soll, am 20. Jänner 1900, ½ 8 Uhr abends im Restaurant Regensburger Hof, Wien 1., Lugeck (Souterrain) zu veranstalten, und erlaubt sich, Euer Hochwohlgeboren zu derselben herzlichst und dringendst einzuladen.

Wir freuen uns beifügen zu können, dass unsere Idee bereits von Führern der christlichen Bewegung, von erfahrenen Pädagogen, sowie seitens unserer christlichen Studenten und insbesondere unserer christlichen Lehrer aufs wärmste begrüßt wurde.

Für das vorbereitende Commitee:

Dr. Anton Frey n. ö. Landesbeamter. Dr. Guido Hösslinger Advokatus-Concipient.

Zur Beachtung. Man bittet, diese auf Namen lautende Einladung zuverlässig mitzubringen und beim Eintritt vorweisen zu wollen. (VTZ 1936, F. 4, 13)

Dr. Anton Frey

Archiv UNION

Ein »vorbereitendes Komitee« lud am 22. März 1900 zur Gründungsversammlung ein. Im Regensburger Hof, einer Gastwirtschaft in der Wiener Innenstadt, wurden die notwendigen Beschlüsse für die Gründung eines christlichen Turnvereins gefasst.

Es galt, »Deutschtum6, Katholizismus und Leibesübungen« in Einklang zu bringen!

Die bereits erstellte Geschäftsordnung wurde insofern ausgeweitet, als jedes Mitglied bei einer »Angelobung« auf die erarbeiteten Grundsätze verpflichtet wurde. (zit. n. VTZ 1925, 96)

In den ersten Turnrat des Vereins »Christlich-deutscher Turnerbund«, wie er sich zunächst nannte, wurden folgende Herren gewählt: Obmann: Dr. Anton Frey, Obmann-Stellvertreter: Dr. Guido Hösslinger, Schriftführer: Ferdinand Eminger und Eduard Schafranek, Zahlmeister: Rudolf Solterer, Turnwarte: Josef Haydn und Robert Mutschlechner, Beisitzer: Richard Horetzky und Josef Divisek und bald darauf Alois Kraushofer. (VTZ 1925, 96)

Ein Turnsaal im katholischen Lehrerseminar in Wien-Währing diente als erste Begegnungsstätte. Ab dem 3. Mai 1900 konnten die Turnabende in der städtischen Turnhalle in der Bartenstein-Gasse 6 abgehalten werden. »Von dieser Halle aus«, so Rudolf Solterer, »ist so mancher Werbe- und Wanderapostel für die christlich-deutsche Turnvereinsidee hervorgegangen und zur Arbeit ausgeschickt worden. Diese Halle gilt als Wiege und Herz der christlichdeutschen Turnbewegung. Von hier aus wurde das Wort zur Gründung weiterer christlich-deutscher Turnvereine als Samenkorn durch alle Gaue Österreichs gestreut.« (VTZ 1925, 96) Beckmanns Sportlexikon fasst zusammen: »Es steht außer Zweifel, dass die neugeschaffene Turnbewegung, zwischen 1900 und den 1930er-Jahren, den Gedanken der Leibesübungen in katholisch-deutsche Volkskreise hineingetragen hat.« (1933, 575)

EINBLICK

Anders betrachtet

ÖTB-Bundesturnzeitung: (1990, F. 7, 12) Dass es zur Gründung von Turnvereinen auf betont katholischer Grundlage kam, hat mehrere Ursachen. Zur Zeit der Anfänge des Turnens war die Erziehung mit Ausnahme in nur wenigen Anstalten überwiegend dem Geistigen zugewandt. Eine körperliche Ertüchtigung wurde nicht nur gänzlich aus der Acht gelassen, sondern man ging vielfach soweit, im Leib nur das »Gefäß der Sünde« zu sehen. Dazu kam die Befürchtung, dass die Verwirklichung eines vom Volk getragenen deutschen Einheitsstaates, wie dies auch die Turner erstrebten, die bestehende Ordnung gefährden würde – Bedenken die besonders im österreichischen Kaiserstaat, in dem die katholische Kirche eine beherrschende Macht ausübte, auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Misstrauen gegen das Turnen erregte später auch die von den österreichischen Turnern erhobene Forderung nach »Geistesfreiheit« (auf alten Turnfahnen noch eingestickt), die durch keine Dogmen eingeengte Freiheit des Denkens und Forschens.

Als die Notwendigkeit des Turnens in den Schulen anerkannt wurde, zu dem die Turnvereine die Grundlage gelegt hatten, war es die Kirche, die sich anfangs immer wieder dagegenstellte. Noch 1881 wurde das Turnen vom ehemaligen Unterrichtsminister, dem Grafen Leo von Thun-Hohenstein, als eine «unchristliche Sache« bezeichnet. (siehe Jahn, R. 1958, 47)

Alles dies erzeugte Missstimmungen, und als Ministerpräsident Kasimir Graf Badeni im April 1897 eine Sprachverordnung erließ, wonach für Böhmen und Mähren auch in den deutschsprachigen Gebieten die zweisprachige Amtsführung angeordnet und diese im Reichsrat auch von der katholischen Volkspartei befürwortet wurde, entstand die von Schönerer geführte »Los von Rom!«-Bewegung, die verschiedentlich auch in den Turnvereinen Eingang fand. Es kam zu Auseinandersetzungen auch unter den Turnenden. Als Folge davon zogen sich die Turner katholischer Gesinnung zurück und begannen anfangs gesonderte Turnriegen zu bilden, die sich im Jahre 1900 (1914!) zur »Christlich-deutschen Turnerschaft Österreichs«7 verbanden.

Bereits vor der Jahrhundertwende wurden Ansichtskarten als Medium für die Beeinflussung der öffentlichen Meinung genutzt. Politische und ideologisch geprägte Illustrationen wurden gewählt, um hauptsächlich nationales Gedankengut, Spott und kriegspropaganda zu verbreiten.

Propagandakarte 1897 »Hinweg mit der Sprachen-Verordnung!«

Sammlung Abfalter

Turnfestkarte (Ausschnitt) von koloman Moser (1868–1918), Wien

Sammlung Abfalter

Mit Gott für Volk und Vaterland

Mit der Gründung der christlichen Turnbewegung sahen sich die sozialistischen und nationalen Turnverbände in ihrem bisherigen »Turnmonopol« gestört. Ihr Hohn und Spott in der Verbandspresse war groß und das Interesse der christlichen Bevölkerung für die neue Turnbewegung eher klein. »Enttäuschungen im Leben unserer Turnerei« nannte Dr. Frey diese Erfahrungen. (VTZ 1925, 97) »Da glaubten wir, im Nu müssten uns die Herzen unseres deutschen und christlichen Wien zufliegen«, schrieb Solterer in der Turnzeitung. Es stellte sich jedoch heraus, dass die große Masse des Volkes, die Eltern und alle, denen die Sorge um die heranwachsende Jugend oblag, für körperliche Erziehung der Jugend, für das Turnen aber schon gar kein Verständnis aufbrachte. Solterer konnte es nicht begreifen, dass Söhne und Töchter vieler gut christlicher, ja selbst streng katholisch gesinnter Familien die Reihen der gegnerischen Turnvereine, sowohl der »nationalfreiheitlichen« als auch der »schönerianischen alldeutschen« Turnerschaft, vermehrten. Als traurige Tatsache sah er, dass sich selbst christliche Volksvertreter als Förderer der freisinnigen Turnvereinigungen erwiesen und die Christlich-deutsche Turnbewegung bekämpften. (TZ 1910, 106)

Was die Struktur der neu geschaffenen Turnvereine betraf, hatte man sich weitgehend an die bestehenden völkischen Turnvereine, von denen man sich eigentlich abgrenzen wollte, angelehnt. Bezeichnungen wie »Turnwart«, »Turngau«, »Turnbruder« und »Turnschwester« sowie der Turnergruß »Gut Heil!« wurden übernommen. Auch die bei den Arbeiterturnern gebräuchliche Anrede »Turngenosse« wurde vereinzelt bei den christlich-deutschen Turnern verwendet.8 Ab dem Jahr 1923 findet man auch den »Dietwart«, zuständig für die Bildungsarbeit, in der CDTÖ. Ihm oblagen, ähnlich wie im Deutschen Turnerbund, die geistige Ertüchtigung und die völkische Schulung der Mitglieder. Diese unterschied sich in der CDTÖ allerdings von den bestehenden Turnvereinen. Die Rassenlehre, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden war und im »Deutschen Turnerbund 1889« und danach in weiteren Turnverbänden Aufnahme fand, wurde verworfen, »da diese mit dem Christentum nicht im Einklang steht«. (Die Schmiede, 31) »Rassischer Antisemitismus wurde offiziell abgelehnt. Es lassen sich jedoch ohne Schwierigkeiten rassistische Aussagen im verbandseigenen Schrifttum finden.« (Strohmeyer 1998, 229)

Ihr Leitspruch »Mit Gott für Volk und Vaterland« zeigte auf, dass die CDTÖ den christlichen Glauben, die Nähe zur katholischen Kirche und die Verbundenheit mit Volk und Vaterland als unbedingte Einheit ansah. Dem christlich-deutschen Turner galt die Glaubenstreue als oberstes Gebot, wie die beiden nachstehenden Zitate aus der Verbandsturnzeitung belegen:

»Wir sehen im Christentum die vollendete ewige Wahrheit, die unser Volk und jeder Volksgenosse notwendig braucht. Ohne Christentum erlahmt die Widerstandskraft unseres Volkstums gegen die rassenfeindlichen Einflüsse, an denen unsere Zeit überreich ist.« (VTZ 1925, 19)

»Ohne Christentum gibt es weder ein echtes Deutschtum noch ein echtes Turnen.« (VTZ 1931, F. 10, 2)

Die Mitglieder der CDTÖ mussten auf ihre Prinzipien einen Eid ablegen, der sie lebenslang verpflichtete, für das deutsche Volkstum und die christlich-katholische Kirche einzutreten.

In der Turnordnung des Deutschen Turnerbundes (1919) hieß es hingegen: »Es kann kein allgemeines ›Weltglaubenstum‹ geben«; auch gewaltsame Anstrengungen, das Christentum in der uns übernommenen Form, sei es katholischer oder protestantischer Färbung, uns zu erhalten, unserem Wesen einzupassen [ ] sind nutzlos.« – »Bleibt euch selbst treu als Deutsche, nicht um Lohn oder Strafe, nicht um Hölle und Himmelreich, nur aus Ehrfurcht vor dem Göttlichen, das in der besonderen Art, die wir als deutsch bezeichnen, in euch gelegt worden ist.« (DTB Turnordnung, 22–24)

Dr. Wilhelm Bock (Linz), Verbandsobmann-Stellvertreter (1923–1938) in der CDTÖ, wehrte sich gegen ein derartiges »Glaubenstum«, wenn er schrieb: »Niemals dürfen solche Einfälle als ›deutsches Volkstum‹ geprägt und verbreitet werden.« (VTZ 1925, 105)

Was die fachliche Arbeit betraf, hatte die christliche Turnbewegung schon in den Anfängen ihr Augenmerk nicht nur auf das Gerätturnen gelegt. »Volkstümliche Wiesenübungen« (Leichtathletik, Spiele), Schwimmen, Wandern u. a. sowie der »deutsche Gesang« wurden fleißig geübt. Die Turnfachleute zeigten Weitblick und brachten auch Verständnis für das Frauen- und Mädchenturnen auf, was am Beginn des 20. Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit war. Mit einer behördlich konzessionierten Turnschule wurde auch das Recht erworben, Kinderabteilungen zu führen. (VTZ 1925, 97)

Die erste »Filiale« in Wien, die im christlich-deutschen Geist errichtet wurde, war die Ortsgruppe Währing (5. November 1901). Am 4. März 1902 folgte die Abteilung Rudolfsheim, die sich später »Christlich-deutscher Turnverein ›Jahn‹-Rudolfsheim« nannte. Weiters wurden 1902 die Männergruppen Wien-Leopoldstadt und Floridsdorf (Arbeiterturnverein Luegerbund) sowie 1903 die »Christlich-deutschen Turnvereine Wien-Margareten und Hernals« ins Leben gerufen. (VTZ 1924, F. 19, 6)

Christliche Turnbewegung in der Provinz

Auf das Staatsgebiet Österreichs bezogen, wie es sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie darstellte, wurde der erste Christlich-deutsche Turnverein außerhalb Wiens in St. Pölten gegründet. Der Beginn der dortigen christlichen Turnbewegung ging von ehemaligen Mitgliedern des Turnvereines St. Pölten 1863 aus. Der Steueramtspraktikant Odo Hahn (1866–1936) trat 1888 in den deutschvölkischen Turnverein St. Pölten 1863 ein. Er brachte es dort zum Turnwart-Stellvertreter und leitete 1897 und 1898 die »Alte-Herren«-Riege. Anlässlich eines Schauturnens am 18. Mai 1898 wurden Hahns Riegenmitglieder beim Einmarsch in den Festsaal wegen ihrer christlichen Gesinnung von jugendlichen Zusehern mit Schimpfworten bedacht. (Hahn-Tagebuch) Da die Belästigung kein Ende nehmen wollte, legte Hahn deshalb sein Vorturneramt am 21. Jänner 1899 nieder und trat mit katholisch gesinnten Männern aus dem Verein aus.

Erst am 16. März des Jahres 1903 nahmen 19 Männer unter Führung von Odo Hahn die Turntätigkeit wieder auf. Trotz heftiger Anfeindung von allen Seiten und teilweiser Verständnislosigkeit aus nahestehenden katholischen Kreisen gelang es Odo Hahn am 13. März 1904, den »Christlich-deutschen Turnverein St. Pölten« zu gründen. (Hahn 1924, Festschrift St. Pölten)

Turnriege mit Vorturner Odo Hahn

Sammlung I. Wöll

Die christlichen Turnpioniere St. Pöltens wählten Professor Martin Spiegel zu ihrem ersten Obmann, und als Turnwart fungierte Odo Hahn (Beamter). Mit Domkurat Anton Rebersky stand auch ein Priester in den Reihen des Vorstandes. Weiters waren zwei Lehrer, ein Kaufmann und drei Handwerker in der Vereinsführung vertreten. (I. Wöll 2007, 36)

Siegelmarke, um 1910

Steins, 26

Bald darauf kam es zu weiteren Vereinsgründungen außerhalb von Wien. In Deutsch-Wagram (11. April 1905), in Tulln (3. Dezember 1905), mit Amtswalter Josef Frank an der Spitze, und am 27. Oktober 1907 folgte die Gründung in Horn (Amtswalter Krist). 1908 waren Stockerau (Prof. Adalbert Slama) (Recla, 51) und Klosterneuburg (Prof. Dr. Ferdinand Hackl) (Recla, 49) an der Reihe. Am 14. Mai 1913 folgte der CDTV-Wr. Neustadt, der sich im Laufe der Jahre mit 959 Mitgliedern vor St. Pölten (716) zum mitgliederstärksten CDTV in NÖ entwickelte. (VTZ 1925, 98)

Mitgliederstärke deutscher Turnverbände, April 1911

1. Deutsche Turnerschaft925.000
2. Arbeiter Turnerbund150.000
3. Turnkreis Deutsch-Österreich86.000
4. Eidgenössischer Turnverein70.000
5. Nordamerikanischer Turnerbund45.000
6. Deutscher Turnerbund 188915.000
7. Christlich-deutsche Turnerschaft6.000

Mit dem Ergebnis einer Analyse, zehn Jahre nach der Gründung des Christlich-deutschen Turnerbundes in Wien, war die christliche Turnbewegung keineswegs zufrieden.

»Noch ist der Gedanke von der Notwendigkeit einer christlichen Turnbewegung nicht in die christliche Volksbewegung eingedrungen«, bedauerte Solterer und stellte weiter fest: »Ganz Wien bringt in sieben Vereinen nur 467 Mitglieder auf. Dagegen besitzt Georgswalde mit rund 8.000 Einwohnern 331 Mitglieder. Eine Stadt wie Wien, mit 2,000.000 Einwohnern, bringt nicht mehr christlich-deutsche Turner auf als zwei Gemeinden in Nordböhmen, die in Summe, nicht einmal 15.000 Einwohner besitzen.«

Eine 1911 in der Turnzeitung (28–29) veröffentlichte Untersuchung zeigt auf, dass die christliche Turnbewegung in Österreich auf dem Land fast gar keine Anhänger hatte. Nur 6 bis 10 % der Mitglieder konnten dem Bauernstande zugezählt werden. Ein Großteil der Turner (über 70 %) kam aus der Arbeiterschaft. 15 bis 20 % entfielen auf Kleingewerbebetreiber und Gesellen, die zumeist der Kolpings-Turnerschaft angehörten. Beamte, Angestellte und Studenten waren mit 4 % am schwächsten vertreten. Während akademisch gebildete Stände in Böhmen in den christlichen Vereinen kaum zu finden waren, standen Vereine in Niederösterreich unter Leitung von Akademikern.

Mitgliedererhebung in christlichen Turnvereinen November 1910 inklusive Kolpings-Turnvereine (TZ 1911, 27–29)

MitgliederVereine
Böhmen2.47328
Mähren, Schlesien89117
Niederösterreich, Wien1.09113
Oberösterreich2884
Salzburg351
Steiermark1502
Tirol6635
5.59170

Sieben Vereine davon gehörten der Kolpings-Turnerschaft an.

Die mitgliederstärksten christlichen Turnvereine

Georgswalde331
Innsbruck270
Rumburg214
Linz169
Filippsdorf167
St. Pölten163
Meran (Kolping)148
Schluckenau146
M-Schönberg123
Wien 9120

Zum Sorgenkind der christlichen Turnbewegung wurde der am 2. Februar 1905 gegründete »Verein deutscher Turner Wiens«. Trotz seines anfänglich christlichen Charakters löste er sich von der christlichen Turnerschaft, bildete mit einem zweiten Verein einen »Trutzgau« (TZ 1910, 133) und wechselte 1910 in das Lager des »Turnkreises Deutsch-Österreich« – ein Zeichen dafür, dass es unterschiedliche Strömungen im Bereich der christlichen Turner gegeben hatte. Solterers Urteil in der Turnzeitung: »Die Notwendigkeit christlicher Turnvereine mit felsenfester christlicher Gesinnung ist im Wind verflogen.«

Im Jahr 1905 hatte der christliche Turngedanke in Graz unter Leitung von Franz Monsberger (Recla, 65) Aufnahme gefunden. Ebenso war die Idee nach Oberösterreich gedrungen, wo 1906 in Linz ein Verein ins Leben gerufen werden konnte, der später als Zentrale der oberösterreichischen und Salzburger Vereine fungierte. Unter Führung von Gustav Baumgartner und Hans Telatko entstand 1905 (unterschiedliche Angaben in der VTZ) in Wien 9 ein neuer Verein. Innsbruck folgte 1908 (Franz Thurner), und 1910 konnten mehrere Vereine im Turngau Tirol-Vorarlberg zusammengefasst werden. Aus dem Jahresbericht 1911 geht hervor, dass im Turngau Tirol-Vorarlberg fünf Vereine mit 858 Vereinsangehörigen aktiv waren: Innsbruck (354), »Alpenrose« Hall (161), »Freundsberg« Schwaz (132), Gries (78) und Meran (133).

Gründungsprotokoll des CTV- Innsbruck aus dem Jahr 1908

Archiv UNION Tirol

Spendenmarke des Christlich-deutschen Turnvereins Innsbruck aus dem Jahr 1908

Sammlung Abfalter

Sammlung Zimmermann

TZ 1909, 4

In Wien und Niederösterreich hatten die Vereine derart zugenommen, dass 1907 der »Turngau Niederösterreich« ins Leben gerufen werden konnte. Die Leitung hatte Dr. Frey übernommen. Der St. Pöltener Odo Hahn stand ihm als Turnwart zur Seite.

Christliche Turnerschaft im Sudetenland und in Schlesien

Bald nach der Gründung des ersten christlichen Turnvereins in Wien ergab sich eine Parallelentwicklung in den deutschen Gebieten von Böhmen und Mähren sowie im österreichischen Teil Schlesiens, wo aus katholischen Volks- und Jugendvereinen christliche Turnvereine hervorgegangen waren. In Böhmen wurde in Filippsdorf seit dem 19. Mai 1901 im »TV-Eiche« geturnt. Der »TV-Austria« in Georgswalde und die Turnsektion des katholischen Volksvereins »TV-Turnerlust« in Warnsdorf, Nordböhmen, folgten noch im gleichen Jahr. Zu weiteren Vereinsgründungen kam es in Rumburg (1903), Alt-Ehrenberg (1904) sowie in Schönborn (1905) und Braunau im Jahre 1905. (VTZ 1924, F. 19, 6)

Sammlung I. Wöll

Zum Erstarken der Christlich-deutschen Turnbewegung trug die Hetzpropaganda der »Los von Rom!«-Bewegung wesentlich bei. Sie führte dazu, dass sich katholische Kreise immer mehr zusammenschlossen. Die im Mai 1909 in Warnsdorf geschaffene »Christlich-deutsche Turnzeitung« und der »Turnzeitweiser« (1913) beflügelten die Aufwärtsbewegung. (VTZ 1925, 99)

TZ 1009, 5

TZ 1009, 5

EINBLICK

Die Turnzeitung »Gut Heil!« der Christlich-deutschen Turnerschaft

Mit dem Erscheinen einer eigenen Zeitung ging 1909 ein lang gehegter Wunsch der Christlich-deutschen Turnerschaft in Erfüllung. Im Geleitwort auf der Titelseite wurde stolz darauf hingewiesen, und es ist erstaunlich, was der Autor der nachstehenden Zeilen aus der Grafik alles herauslesen konnte und in einer blumenreichen Sprache festhielt.

»Der turnerische Wahlspruch ›frisch, fromm, froh, frei‹ findet in dieser Zusammenstellung einen bildlichen Ausdruck, der zugleich die Grundsätze unserer Christlich-deutschen Turnerschaft veranschaulicht.

Das von Heinrich Felsing 1844 entworfene Turnerkreuz tritt in leuchtendem Weiß aus den schwarz-rot-goldenen Feldern des deutschen Farbenschildes heraus, hinter welchem sich das Spruchband mit dem Turnergruße »Gut Heil!« entrollt. Ein Eichenkranz bildet den Hintergrund: christlich und deutsch!

Darunter sehen wir in willkürlicher Anordnung turnerische Gerätschaften in einem Lorbeerbusch eingebettet. Auf einem Sprungbrett liegen Ringe und Springschnur, Schwebereck und Stab, Hanteln und Schleuderball und ein Paar Keulen.

Zur rechten Seite steht eine mit schwarz-rot-goldenem Bande umwundene Schaumweinflasche nebst einem Römerglas und einem Trinkbecher in einem Rebenblattgeranke, aus welchem eine blaue und eine weiße Weintraube hervorlugen. Aus der Mitte des Prunkaufsatzes, welcher dieses Trink- und Frühstück trägt, schaut (als Sinnbild der Weisheit) ein kluger Eulenkopf, der im Schnabel einen Ring trägt und ein schwarz-rot-goldenes Band hält. Daran ist ein Kranz von Gerstenehren (sic!) befestigt, der über ein Gewinde von Hopfenblüten und Blättern herunterhängt, das den Sockel ziert: ein Hinweis darauf, das (sic!) Vernunft und Bedachtsamkeit zur richtigen Betätigung des Frohsinns bei Wein und Bier nicht fehlen darf. (sic!)

Ein paar Vöglein daneben, die sich im sorglosem (sic!) Spiele ihres Daseins freuen, bedeuten: die Munterkeit und Frische, die auch jedem Turnersmann zu gönnen ist. Die Seitenteile flankieren einen torbogenartigen Gewölbebau, der die ganze Mitte des Bildes einnimmt. Die Quadern des Gefüges werden durch einen Schlußstein zusammengehalten, in welchem die heraldische Rose eingemeißelt ist: das Sinnbild festen unverbrüchlichen Zusammenhaltens in Freundschaft und Treue.

Unter dem Bogen steht auf erhabenem eisernem Ständer eine Feuerpfanne, aus welcher Flammen emporschlagen, deren lichter Rauch sich nach außen an einem Hain vorüber in die unbegrenzte Ferne verliert, wo Himmel und Meer ineinanderfließen: das unverlöschte Feuer edler Begeisterung für Freiheit, Schönheit und unendliche Ideale. Efeuranken ziehen vom Fuße des Feuerständers aufwärts und schmiegen sich an das Steingewölbe des Torbaues, sie besagen: die Unvergänglichkeit der Geltung dieser Grundsätze, auch wenn ihre derzeitigen Träger das Zeitliche verlassen haben.

In diesem Sinne will auch die Turnzeitung der Christlich-deutschen Turnerschaft aufgenommen werden und verstanden sein.

Christlich-deutsche Turnbrüder! Tretet ein dafür, und das Gelingen ist sicher! Gut Heil!«

Georgswalde-Warnsdorf, 15. Mai 1909. Schriftleitung und Verlag. (TZ 1909, 1)

Kein gutes Verhältnis gab es zwischen den Vereinen der »Christlich-deutschen Turnerschaft« und der 1862 gegründeten national-tschechischen Turnbewegung »Sokol« (Falke). Bis 1914 war diese, mit 1.270 Vereinen und 194.000 Mitgliedern, zu einer beachtlichen Größe herangewachsen. Auch mit der christlich-slawischen Turnorganisation »Orel« (Adler), die sich anlässlich des Eucharistischen Kongresses in Wien (1912) zu einem Reichsverband vereinigte, gab es über Jahre kein gutes Einvernehmen. (TZ 1912, 90)

Der »Orel«, eine gesamtstaatliche Organisation, gegründet 1896, der Angehörige des slawischen Stammes mit christlicher Weltanschauung vereinigt, besteht, nach Unterbrechungen, auch noch im 21. Jahrhundert und ist so wie die UNION Mitglied in der FICEP. 1909 fand das erste Orel-Treffen mit der von Sokol entlehnten Bezeichnung »Slet« (Zusammenflug) statt. Das Verhältnis zum überkonfessionellen »Sokol« war vor dem Ersten Weltkrieg gespannt, da Orel auf dem Boden der Monarchie stand. Nach dem Krieg kam es zu einer Annäherung. 1936 waren bei Orel über 150.000 Mitglieder in 1.350 Vereinen registriert. (VTZ 1936, F. 6, 7, und Jahn R. 1958, 46)

1913 forderte der Christlich-deutsche Turnerbund »Nordgau« seine Mitglieder auf, sich von dieser Organisation fernzuhalten und die Verbreitung der Orel-Zeitschrift »Saat« in den eigenen Reihen zu verhindern. Zu einer Annäherung kam es erst im Jahre 1929, als auch die CDTÖ der »internationalen katholischen Union« beitrat. (VTZ 1930, 170)

In Harmonie mit Kaiser und Kirche

Aus gesundheitlichen und beruflichen Gründen hatte Dr. Anton Frey bereits 1910 alle seine Funktionen niedergelegt. Sein Freund und Mitarbeiter Rudolf Solterer trat seine Nachfolge an. Er hatte sich zur Aufgabe gemacht, auf eine Geschlossenheit der Bewegung hinzuarbeiten. Eine passende Gelegenheit dazu fand sich am 12. September 1912 anlässlich des »Eucharistischen Kongresses« in Wien, bei dem sich christliche Turner aus allen Gauen Österreichs zusammenfanden. (VTZ 1925, 99) Bei dieser internationalen Großveranstaltung zeigte sich ganz besonders die gefestigte Harmonie zwischen dem Kaiser und der katholischen Kirche. (Wolfram, 39) Die Turnerschaft legte durch ihre Teilnahme an der Prozession ein öffentliches Bekenntnis ihres katholischen Glaubens ab. (Die Schmiede, 34)

In einer Besprechung aller österreichischen Turnvertreter konnte Solterer auch den Vizepräsidenten der französisch-katholischen Turner Conte Lapparend aus Paris begrüßen. Dies ist insofern bemerkenswert, als dieser über die Idee eines Zusammenschlusses katholischer Turnvereine auf internationaler Ebene referierte. Für die christlich-deutschen Turnvereine in Österreich war die Zeit dafür jedoch noch nicht reif.

(VTZ 1925, 99)