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Dimitré Dinev

Barmherzigkeit

UNRUHE BEWAHREN

Residenz Verlag

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im Niederösterreichischen Pressehaus
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St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4395-7

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-3147-3

Inhalt

Die Brücke der Ungenannten

Das Rasiermesser

Freche Spatzen

Wie sicher ist der Frieden in Europa?

Die Brücke der Ungenannten

Warum ist es so schwer, über Barmherzigkeit zu sprechen? Wenn man den Begriff Barmherzigkeit bei Google eingibt, stellt man rasch fest, dass es ein völlig aus der Zeit gekommener Begriff ist: Es finden sich nur ganz wenige Einträge, die vor allem aus dem theologischen Umfeld stammen.

Begriffe haben immer mit einer bestimmten Geschichte zu tun. Sie haben immer mit Ideologie zu tun, mit einer Geschichte der Ideologie, mit einer Geschichte der Macht. Begriffe haben immer mit Macht zu tun. Was für eine Rolle sie spielen, wie lange sie gebraucht und wann sie wieder vergessen werden, entscheidet die Macht. Wenn eine politische Macht einen Begriff nicht mehr braucht, um sich zu konstituieren, um sich zu bestätigen, dann verschwindet er.

Barmherzigkeit ist so ein Begriff. Auf ihm lässt sich keine Wahlkampagne aufbauen, geschweige denn gewinnen. Man kann ihn nicht so abstrakt behandeln wie andere Begriffe, weil er etwas absolut Konkretes verkörpert. Die Barmherzigkeit kann nie eine Gesellschaft charakterisieren, sie ist ein Privileg des Individuums. Eine Gesellschaft kann sozial, solidarisch und vieles andere sein, aber niemals barmherzig. Solidarität hat oft mit ideologischen Anschauungen zu tun, die Barmherzigkeit dagegen steht jenseits der Ideologie. Solidarisch sein mit jemandem heißt einen Dritten ausschließen (zum Beispiel den Aggressor). Die Barmherzigkeit ist genau das Gegenteil. Bei ihr ist kein Ausschlussverfahren möglich. Sie steht jedem zu.

Die Gesellschaft, der Staat haben dieses Ausschlussverfahren schon in ihrem Gründungsmoment. Sie schaffen die Grenzen: Hier sind die Eigenen, dort die Fremden. Und wo es Grenzen gibt, gibt es auch Ausgrenzung. Jede Staatsgründung ist ein Gewaltakt, es kommt immer zu Verletzungen, zu Anhäufung von Schuld. Die Barmherzigkeit dagegen verkörpert den Verzicht auf Gewalt, sie ist oft blind, nicht steuerbar und jeglicher Logik enthoben. Durch sie lässt sich kein Staat, keine Gesellschaft, kein politisches System manifestieren, und trotzdem ist sie eine Macht. Sie ist die Macht, die jedem Einzelnen zur Verfügung steht. Sie ist die Macht des Einzelnen.

Obwohl aus der Zeit gekommen und in den gegenwärtigen politischen Diskursen und Programmen nicht wirklich verwendbar, hat die Barmherzigkeit eine politische Dimension, die über die Jahrhunderte kaum an Aktualität eingebüßt hat, die beinahe universal ist. Barmherzigkeit hat, egal wo sie in Erscheinung tritt, sofort einen politischen Aspekt, ohne dass sie danach verlangt. Der Akt der Barmherzigkeit stellt unmittelbar die Frage, wie gerecht ein System ist. Die Barmherzigkeit ist ein Korrektiv, das vom eigenen Land, von der eigenen Regierung Gerechtigkeit fordert. (Die Barmherzigkeit muss selbst nicht unbedingt gerecht sein. Sie kann ganz verschwenderisch sein. Sie kann auch jemanden treffen, der es nicht »verdient«, aber das ist auch das Besondere und Großartige an ihr, dass sie niemanden ausschließt.)

Was die Barmherzigkeit so unbequem und ungeeignet für Politiker und ihre Programme macht, ist, dass sie sich nicht verallgemeinern, vorankündigen, versprechen lässt. Sie ist immer konkret objektivierbar. Sie ist eine Handlung, eine Tat, ein Werk und deswegen vollendet (und sie kennt nur eine Zeit, die Gegenwart), und dieser ihr Aspekt der Vollendung lässt sie in jeder Gesellschaftsform als eine oppositionelle Kraft fungieren, fremd und unassimilierbar bleiben. Die Barmherzigkeit lässt sich nicht leicht instrumentalisieren, denn ihre Zeit ist die Gegenwart und ihr Ort das Gewissen. Um es radikaler auszudrücken: Sie ist die oppositionelle Kraft schlechthin. Denn würde ihre Notwendigkeit verschwinden, dann wäre die perfekte Gesellschaft errichtet, es wäre der paradiesische Zustand erreicht.

Die Barmherzigkeit lässt sich nicht versprechen, vielleicht weil sie selber die Sprache ermöglicht, weil sie selber in ihrer ursprünglichen Intention Sprache ist, vielleicht weil sie selbst der Ursprung der Sprache ist, jene erste Geste der Zuwendung, die den anderen von seiner Einsamkeit erlöst, die das Neugeborene an die eigene Haut drückt und es nach dem ersten Schreck des Seins tröstet.

Bei jedem Versuch, sich dem Begriff der Barmherzigkeit zu nähern, bleibt man allein, allein mit seiner Verantwortung. Der Akt der Barmherzigkeit hingegen ist immer ein Dialog, ein Zu-zweit-, Zu-mehrt-Sein.

Ich habe vorhin die Barmherzigkeit als die Macht des Einzelnen beschrieben und als Privileg des Individuums. Sie ist aber auch jene Eigenschaft, die uns unverwechselbar macht. Barmherzigkeit ist niemals anonym. Man kennt den Menschen, der uns Gutes getan hat, man kann ihn identifizieren. Die Barmherzigkeit ist der Zugang zu den anderen, dein Bezug zu anderen Menschen. Sobald ich barmherzig zu anderen Menschen bin, entdecken sie mich, machen mich als Person fest. Die Barmherzigkeit charakterisiert mich, weil sie die Frage nach der Verantwortung stellt, unmittelbar und unausweichlich. Und ich denke mit Levinas, dass unsere Individualität sich dadurch erschließt, inwieweit wir bereit sind, Verantwortung für andere zu übernehmen.

Im Deutschen ist es so schön, dass im Wort Verantwortung die Antwort steckt. Die Anwesenheit eines anderen ist immer auch eine Frage, und ich verfüge über die Mittel, ihm Antworten zu geben, egal um welche Form der Zuwendung es dabei geht. Es ist keine Pflicht, es ist unser Wesen. Wir werden gefordert, Antworten zu geben, und wir verfügen über die Mittel. Wir müssen sie nicht erwerben. Das Leben stellt sie uns zur Verfügung, und in dem Maße, wie wir antworten, erschließt sich unsere Individualität. Die Barmherzigkeit mag aus der Fähigkeit des Mitleids und Mitgefühls entstehen, doch erst in der Verantwortung, in der Tat mache ich mich erkennbar.

Vor dem Antlitz eines bettelnden Kindes ist diese Verantwortung am deutlichsten festzumachen. In seiner Erscheinung kommt alles zusammen: Botschaft, Ruf, Vorwurf, Ohnmacht. Es beschäftigt und beunruhigt uns sofort, weil es unausweichlich die Frage nach unserer Verantwortung stellt, und egal was wir denken oder tun, es wird uns weiter beschäftigen. Ein Bettelkind ist wie die erste Frage schlechthin.

Das Gesicht eines anderen ist immer eine Frage an mich. Die Barmherzigkeit ist die Antwort. Jene Antwort, die das Leben erträglich macht.