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Jochen Schimmang

Christian Morgenstern
Eine Biografie

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

www.residenzverlag.at

© 2013 Residenz Verlag

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

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Inhalt

Vorwort

Die Urszene: Ein Ausflug auf den Galgenberg

Prolog: »Meine Harmonie ist nur Balance«

Der Kindheit erster Teil: »Sehr viel einsam und stillfroh«

Der Kindheit zweiter Teil: »Ich möchte an Dir Freude erleben«

Jugendjahre: »Alles Ulkige gefiel«

Der Lebensfreund: »So folge diesem Drange«

Gefühlte Berufung: »Mich meinem wirklichen und
einzigen Lebensberufe zuzuwenden«

Exkurs 1
MAXIMILIAN HARDEN, PUBLIZIST DER WILHELMINISCHEN ÄRA

Start in Berlin: »Nicht wie einen Ochsen einspannen«

Exkurs 2
BERLIN UM 1900. WILHELM ZWO, PICKELHAUBE, AVANTGARDE

Exkurs 3
MORGENSTERN ALS JÜNGER (1): NIETZSCHE

Norwegen: Dagny und Ibsen

Höhenluft: »Mir geht’s innerlich verschieden«

Exkurs 4
MORGENSTERN ALS JÜNGER (2): PAUL DE LAGARDE

Der Süden:
»Ein Stück Erde, zu dem man unbedingt Ja sagt«

Doch nicht alles Theater

Exkurs 5
DIE CASSIRERS

Großes Haupt- und Herzstück:
Galgenlieder, Gingganz, Palmström, Korf und Kunkel

Exkurs 6
DAS GEFRÄSSIGE GESCHLECHT

»Nichts als Lallen des Deliriums«:
Zur Rezeption der Galgenlieder

Exkurs 7
GALLOW SONGS AND OTHER POEMS. EIN MEISTERSTÜCK DER ÜBERSETZUNGSKUNST

1906: »Auf einem Punkte, wo der Mensch mit
Gott zusammenfällt«

Obermais: »Vor allem, wenn’s dämmert …«

Exkurs 8
DER LEKTOR UND SEIN AUTOR: CHRISTIAN MORGENSTERN UND ROBERT WALSER

Exkurs 9
ZEITGENOSSE MORGENSTERN

»Als Geschenk der Natur war ich meinem
Vater willkommen«

»Geliebtes, geliebtestes Herz«: Margareta

Intermezzo: Hommage an Klaus Burrmann

»Wenn ich mein Reglement strikte befolge«

Steiner oder Die zur Wahrheit wandern

»Alles war so harmonisch, wie wir es uns nur
wünschen konnten«

Exkurs 10
REINHARD PIPER UND CHRISTIAN MORGENSTERN

»Diesseits des Grabes«:
Arosa, Davos, Portorose. Letzte Begegnungen

Exkurs 11
SPÄTE FREUNDSCHAFT: MICHAEL BAUER

Letzte Wanderungen:
Auf der Suche nach einem Ort zum Sterben

Nachleben I:
Das Zeugnis des Freundes

Nachleben II:
Der posthume Erfolg des Werkes

Intermezzo: Spekulationen

»Staunend liest’s der anbetroffne Chef«:
Ein letzter Blick

Statt einer Wirkungsgeschichte: Zeugnisse

Anmerkungen

Literatur

Personenregister

Vorwort

Das Werk Christian Morgensterns, dessen Todestag sich am 31. März 2014 zum hundertsten Mal jährt, hat schon zu Lebzeiten und erst recht nach diesem frühen Tod ein sehr wechselhaftes Schicksal erfahren. Am leichtesten zu überblicken ist noch die Reihe der Gedichtbände, die zwischen 1895 und 1914 publiziert wurden, wobei einige von ihnen in mehrfach modifizierten Ausgaben erschienen, was vor allem die Galgenlieder betrifft, aber nicht ausschließlich. Viele Gedichte, Epigramme, Notizen, Szenen und anderes, das vereinzelt in Zeitschriften oder aber noch gar nicht veröffentlicht worden war, erschien dann in verschiedensten Ausgaben aus dem Nachlass. Hier ist besonders auch der Band Stufen zu nennen, jene Aphorismen und Tagebuchnotizen (eingeschlossen das Tagebuch eines Mystikers), die zuerst 1918 bei Piper herauskamen.

Des Weiteren lagen Briefe Morgensterns (und die Briefe an ihn) lange Zeit nur in der Auswahl vor, die 1952 unter dem Titel Christian Morgenstern. Ein Leben in Briefen von Margareta Morgenstern im Insel Verlag herausgegeben wurde. Diese umfasste aber nur einen Bruchteil der unzähligen Briefe, die der überaus produktive Korrespondent Morgenstern im Lauf seines kurzen Lebens geschrieben oder erhalten hat, zum Teil auch deshalb, weil viele dieser Briefe erst später aufgetaucht sind.

Trotz des enormen Erfolgs vor allem der Galgenpoesie (Galgenlieder, Gingganz, Palmström, Palma Kunkel), die bis heute in den verschiedensten Ausgaben verfügbar war, ist es deshalb bis vor kurzem ziemlich schwierig gewesen, einen wirklichen Überblick über das Werk zu gewinnen und dies aus heutiger Sicht zu bewerten. Dasselbe gilt für das Leben des Dichters, das zwar nur eine Spanne von etwas mehr als vier Jahrzehnten umfasste, durch Morgensterns ruhelose Ortswechsel von früh an aber sehr schwer nachzuzeichnen ist.

Seit 1987 erscheint nun im Verlag Urachhaus die von Reinhardt Habel betreute, auf neun Bände angelegte Stuttgarter Ausgabe der Werke und Briefe Christian Morgensterns, von der bisher acht Bände erschienen sind. Erst auf Basis dieser Ausgabe, in der hinsichtlich vieler Teile des Werkes erstmals eine gesicherte Textgestalt vorliegt und deren einzelne Bände hervorragend und sehr detailliert kommentiert sind, ist es möglich, das Werk Morgensterns neu zu bewerten und zugleich sein Leben zu erzählen und anschaulicher zu machen. Leider liegt der letzte Band der Ausgabe, der die Briefe von 1909 bis 1914 umfassen wird, noch nicht vor, so dass ich für diesen Zeitraum weiterhin auf die schon erwähnte Briefauswahl von Margareta Morgenstern angewiesen war.

Die Stuttgarter Ausgabe war die textliche Basis, auf die ich mich gestützt habe. Sekundärliteratur und weiterführende Literatur finden sich im Literaturverzeichnis. Persönlich gilt mein Dank vor allem Reinhardt Habel und Ernst Kretschmer, die mir auf jede meiner zum Teil höchst entlegenen Fragen bereitwillig und schnell geantwortet haben, soweit es in ihren Möglichkeiten lag. Ich danke außerdem allen Freunden und Bekannten, die mir wertvolle Hinweise gegeben haben. Ich danke den Öffentlichen Versicherungen Oldenburg für die finanzielle Unterstützung meiner Recherchen. Und schließlich danke ich der Villa Concordia in Bamberg für elf Monate nachgerade fürstlicher Arbeitsbedingungen, wie sie sich Christian Morgenstern den Großteil seines kurzen Lebens nur erträumen konnte.

Oldenburg, im April 2013

Die Urszene
Ein Ausflug auf den Galgenberg

Ein Sonntag im April 1895. Der Zug aus Berlin kommt auf dem Bahnhof des Örtchens Werder an der Havel an, westlich von Potsdam gelegen. Scharen von Berlinern steigen aus und strömen kurz darauf zu einer gut 70 Meter hohen Anhöhe, die als ehemalige mittelalterliche Richtstätte den prägnanten Namen Galgenberg trägt. Galgenberge gab und gibt es noch immer viele in Deutschland, und es trifft sich, dass auch der Verfasser dieser Biographie an einem Galgenberg (in Niedersachsen) geboren ist und seine ersten zwei Lebensjahre dort verbracht hat. Der Galgenberg in Werder wird später Bismarckhöhe heißen, zu DDR-Zeiten Jugendhöhe, heute wieder Bismarckhöhe. In der DDR baut man das ganze Terrain ab 1980 zu einem Stadtteil von Werder aus.

Dieser Galgenberg ist im Jahr 1895 trotz seines Namens ein beliebtes Ausflugsziel für den geplagten Berliner Großstädter, zumal, seitdem Herr Gustav Altenkirch, ein Werderaner Obstzüchter und Fruchtsafthersteller, dort das Restaurant Galgenberg eröffnet hat. Der Bau steht heute immer noch, leider etwas verwaist. Allerdings sind einzelne Räumlichkeiten für Veranstaltungen zugänglich. Ein Freundeskreis Bismarckhöhe bemüht sich seit 2004 darum, dass hier auch wieder Gastronomie einzieht, bisher offensichtlich ohne Erfolg. Als ich an einem sehr grauen Novembertag 2012 dort ankomme, hat das Gebäude eher etwas von einer furchteinflößenden Trutzburg. Eins ist allerdings wie früher: Von hier oben hat man einen herrlichen Ausblick, ein Genuss.

Dem Genuss hat sich diese Gegend schon damals gewidmet, weil sie auf verschiedene Art und Weise von ihm lebt. Der Weinbau hat hier eine jahrhundertelange Tradition, Brauereien gibt es mehrere, und eine bedeutende Rolle spielt der Obstbau.

Unter den Ausflüglern aus Berlin befindet sich an diesem Tag auch eine Gruppe junger Künstler aus den verschiedensten Sparten, alle noch in ihren Anfängen und nicht mit Reichtümern gesegnet, Berliner Boheme also. Dazu zählt auch ein Dichter, der schon für Zeitungen und Zeitschriften schreibt und dessen erster Gedichtband wenige Wochen später erscheinen wird. Offenbar übt der Name der Anhöhe und zugleich des Lokals große Anziehungskraft auf sie alle aus. Jedenfalls beschließen sie nach ihrer Rückkehr nach Berlin, eine Vereinigung zu gründen, die sich Galgenbund nennt und deren Mitglieder »Galgenbrüder« heißen. Viele sind es nicht, zuerst sechs, etwas später kommen noch zwei weitere hinzu.

Sie treffen sich einmal wöchentlich in den engen Wohnungen der Mitglieder oder in einer Kneipe. Dort wird dann tatsächlich eine Urteilsvollstreckung gespielt. Jemand wird »erhängt« und der ganze Ritus von gleichsam liturgischen Gesängen begleitet. Alle Mitglieder des Bundes tragen einen oder mehrere Spitznamen. Im Einzelnen handelt es sich um »Schuhu«, mit bürgerlichem Namen Julius Hirschfeld, Kaufmann mit musikalischer Begabung, der oft spontan vor Ort die Musik zu den Texten schreibt. Sein Bruder, der Schriftsteller Georg Hirschfeld, ist als das »Verreckerle« dabei und reicht das Henkersmahl. »Veitstanz«, auch »der Glöckner« genannt, zieht den Strang, heißt mit bürgerlichem Namen Franz Schäfer und ist Schauspieler. »Gurgeljochem« schneidet den Lebensfaden durch, ist ebenfalls Schauspieler und heißt Friedrich Kayssler. »Spinna, das Gespenst«, schlägt zwölf, ist ein unendlich langer Kerl und heißt Paul Körner. Der »Stumme Hannes« oder auch »der Büchner«, der Fisches Nachtgesang singt, ist der Maler Fritz Beblo, der sich später vor allem als Architekt und als Stadtplaner in Straßburg und München einen Namen machen wird. »Faherüggh«, mit Beinamen »der Unselm«, kann das Simmaleins. Das ist Robert Wernicke, ein Medizinstudent, dessen Lebensspur sich später im Ungewissen verliert. Bleibt noch einer, der dem Ganzen präsidiert und die Texte der Lieder schreibt. Gut zehn Jahre später, als sie zum ersten Mal gedruckt erscheinen, wird er mit ihnen populär, ja berühmt. Noch heute können viele im deutschen Sprachraum einzelne Zeilen oder ganze Gedichte von ihm zitieren, vielfach ohne zu wissen, wer ihr Verfasser war. Sein Galgenbrudername ist »Rabenaas«. Bürgerlich heißt er Christian Morgenstern.

Prolog
»Meine Harmonie ist nur Balance«

Wer war Christian Morgenstern? Eben das wissen wir nicht. Der Mann, von dem manche Zeilen gleichsam kulturelles Gemeineigentum geworden sind – allen voran die, dass »nicht sein kann, was nicht sein darf« und dass die Möwen alle aussehen, »als ob sie Emma hießen« – und dessen Nasobēm es bis ins Lexikon geschafft hat und in der Folge die Zoologie sogar zur Kreation einer neuen Gattung anregte (Bau und Leben der Rhinogradentia von »Professor Harald Stümpke«1), ist merkwürdig schwer zu fassen. Von seinem engsten Freund Friedrich Kayssler haben wir eine recht plastische Beschreibung, wie er sich bewegte, dass er groß war, sportlich wirkte und den Kopf hoch trug (im buchstäblichen, nicht im übertragenen Sinne), sonst aber erscheint Morgenstern oft als hochvergeistigtes, fast ätherisches Wesen, auch wenn Kayssler sich in seinen Erinnerungen ausdrücklich gegen dieses Adjektiv verwahrt. Von Morgensterns Sexualität etwa wissen wir wenig und nichts Genaues. Über seine späte Ehe mit Margareta Gosebruch von Liechtenstern heißt es, sie sei »eine Geistesfreundschaft vor allem anderen« gewesen, wobei wir über »alles andere« im Unklaren gelassen werden. Natürlich kommt die Tatsache, dass er seit dem 23. Lebensjahr an der klassischen Künstlerkrankheit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts litt, der Tuberkulose, dem ätherischen Bild entgegen. Viele Fotos, die wir von ihm haben, zeigen schon einen Kranken.

Zur ätherisch-ästhetischen Stilisierung der Person trägt sicher auch bei, dass Christian Morgenstern einer Künstlerfamilie entstammte, ja, geradezu einer Dynastie von Landschaftsmalern, und als Kind selber ebenfalls Landschaftsmaler werden wollte. »Christian Morgenstern, zukünftiger Landschafts-Maler«, ist der erste Brief des Siebenjährigen unterschrieben. Diese kindliche Vorstellung fiel jedoch in eine Zeit, in der gewissermaßen das Ende der Landschaftsmalerei schon eingeleitet worden war. Denn die Eckdaten von Morgensterns Leben sind so symbolisch aufgeladen wie bei vermutlich niemand anderem seiner Generation. Geboren im Jahr 1871, also im Jahr der Gründung des Deutschen Reiches, gestorben 1914, wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs und dem Anfang vom Ende des Kaiserreichs. Demnach lebte er einerseits in einer der bis dahin längsten europäischen Friedensperioden, andererseits war er Zeitzeuge und Betroffener einer Ära des Aufbruchs, des rasanten technischen Wandels, der Industrialisierung, des Fortschrittsoptimismus und der Erstarkung des Bürgertums selbst in deutschen Landen, trotz der herausragenden Rolle, die das ostelbische Junkertum und das Militär im wilhelminischen Deutschland bis zum bitteren Ende spielten.

Es war also nicht mehr die Zeit der Landschaftsmalerei. Sie hatte aufgrund der Urbanisierung ihren Stellenwert verloren. Und Christian Morgenstern, im noch eher beschaulichen, aber durchaus schon großstädtischen München geboren, ging schon mit 23 Jahren nach Berlin, wo ihm die Folgen dieser Urbanisierung nicht verborgen blieben. Dessen Einwohnerzahl hatte sich zwischen dem Jahr von Morgensterns Geburt und dem seines Zuzugs etwas mehr als verdoppelt und strebte langsam auf die Zweimillionengrenze zu. Die Folgen von Urbanisierung und Industrialisierung waren dem ehemals zukünftigen Landschaftsmaler keineswegs gleichgültig, wie wir aus einigen seiner Briefe wissen. Zu einer Identifikation mit einer der Spielarten des Sozialismus mochte er sich allerdings doch nicht durchringen.

In Berlin machte er zugleich Bekanntschaft mit der künstlerischen Moderne, die im kulturellen Geschehen eine immer größere Rolle spielte. Schließlich hat sich in der kulturgeschichtlichen Forschung für die Zeit um 1900 der Begriff vom »Epochenumbruch« in Europa durchgesetzt, mit den drei mitteleuropäischen Zentren Berlin, Wien und Prag. Ob Christian Morgenstern selbst zur Moderne gehört oder ob er gleichsam etwas ängstlich an ihrer Schwelle stehen geblieben ist, ist eine der Fragen, die diese Biographie stellen möchte, ohne sich sicher zu sein, sie wirklich beantworten zu können. Zu Morgensterns Generationsgenossen, um nur einige Namen zu nennen, gehören George, Rilke, Hofmannsthal, Thomas Mann, Robert Walser, Paul Valéry und Marcel Proust, aber auch zum Beispiel C. G. Jung und Rosa Luxemburg. In den Jahren seiner Jugend erschienen Nietzsches Genealogie der Moral und die Götzen-Dämmerung, im Jahr 1900 Freuds Traumdeutung. Epochenumbrüche reißen mit und machen Angst; das durchaus stolze Bewusstsein, Zeitgenosse rasanter Veränderungen zu sein, kann mit der Furcht vor ihnen einhergehen und die Sehnsucht nach einer untergegangenen Welt und nach alten Werten befördern. Die überladenen Wohnstuben der damaligen Zeit mit ihrem Plüsch und mit den gestickten Sinnsprüchen an den Wänden zeugen ebenso davon wie die steife Herrenmode. Morgensterns Werk reagiert in seiner merkwürdigen Vielfalt und Zerrissenheit auf diese Ambivalenz und ist ihr Ausdruck.

Solche Ambivalenz ist jedoch ebenso in der Person Morgensterns selbst zu finden, der lebensgeschichtlich ein früh Entwurzelter und Spross eines Phänomens war, das es massenhaft erst sehr viel später gab: der Patchworkfamilie. Da war zum einen der frühe Tod der Mutter, zum anderen die Tatsache, dass sein Vater ihn anschließend praktisch abgeschoben und verlassen, ihm dabei aber später auch noch Steine in den Weg gelegt hat, was in den wenigen vorliegenden Biographien eher verschämt erwähnt wird, als sei das in Künstlerfamilien nichts Außergewöhnliches und habe nur eine untergeordnete Bedeutung. Stattdessen ist sogar hier und da von einem »guten« Verhältnis zum Vater die Rede, wo es sich doch schon sehr früh eher um ein Nichtverhältnis handelte, mit einzelnen hilflosen Versuchen des Vaters, das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. Zur Legende vom guten Verhältnis hat der Sohn allerdings in manchen brieflichen Äußerungen auch selbst beigetragen.

Es ist deshalb nicht abwegig, wenn man davon ausgeht, dass Morgenstern von früh an immer auch auf der Suche nach einem Ersatzvater war, nach einem Leitstern. Er war der prädestinierte Schwärmer und Jünger, worauf bereits Ernst Kretschmer hingewiesen hat. Das begann für kurze Zeit schon mit Werner Sombart, dann aber vor allem – bis zum Epigonalen, was in diesem Lebensalter häufig vorkommt – mit Nietzsche, dem er seinen ersten Gedichtband widmete, sieben Jahre nach dem Turiner Zusammenbruch des Verehrten. Es folgte der imperialistisch-antisemitische Kulturphilosoph Paul de Lagarde alias Paul Anton Bötticher (1827–1891), Ordinarius für Orientalistik in Göttingen, dessen wirres, zusammengestoppeltes Weltbild auch heute noch eine wahre Fundgrube für deutsche und pangermanische Rechtspopulisten wäre. Noch 1912 hat sich Morgenstern zu dem entschiedenen Antimodernisten Lagarde bekannt, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahren einen neuen Leitstern in der Person Rudolf Steiners gefunden hatte, mit dem ihn im Gegensatz zu den beiden Vorgenannten ab 1908 auch persönliche Bekanntschaft verband und dem er trotz des fortgeschrittenen Stadiums seiner Krankheit auf der Spur seiner Vorträge durch halb Europa folgte, wie Jünger das zu tun pflegen.

Dieser ausgeprägte Hang zur Schwärmerei, dieser Wille zur Verehrung lässt sich nun nicht ohne Weiteres mit jenem Morgenstern in Zusammenhang bringen, der der Berliner Boheme angehörte und über Jahre, auch nach seiner Hinwendung zur Anthroposophie noch, die Galgenlieder und die absurd-subversive Poesie um Palmström, Korf, Palma Kunkel und den Gingganz schuf. Entspringt Morgensterns Jüngertum der Sehnsucht nach einem wie auch immer gearteten runden Weltbild und nach einer Harmonie, die er spätestens seit dem Tod der Mutter lebensgeschichtlich nicht mehr erfahren hat, dann ist derjenige Teil seines Werkes, der bis heute lebendig geblieben ist, Ausdruck der »ganz normalen« realen Zerrissenheit seines Lebens, dessen Kennzeichen die durch die Krankheit bedingte Ruhelosigkeit einerseits und die lebenslange wirtschaftliche Unsicherheit andererseits waren. Während man den Großvater väterlicherseits noch beinahe als Malerfürsten bezeichnen kann und der Vater später eine Professur in Breslau innehatte, war Morgenstern zumindest in seiner Eigenschaft als freier Literaturproduzent ganz und gar in der Moderne angekommen. Er übernahm alle möglichen Aufträge, gab Zeitschriften heraus, die kurz danach eingestellt wurden, übte freie Lektorentätigkeiten aus und glänzte als Übersetzer Ibsens aus dem Norwegischen – einer Sprache, die er, nachdem er den Auftrag angenommen hatte, erst lernen musste! Morgenstern ist ein Paradebeispiel dafür, wie kontingent der Hintergrund der Arbeiten und Publikationen moderner Autoren ist, die später in der Rezeption und der Literaturwissenschaft dann zu einem runden »Werk« zurechtgebogen und zurechtgelogen werden. Denn nur wenige Autoren haben ja das Glück, eine Katia Pringsheim heiraten zu können. Und die heutige Ochsentour, in der pro Generation eine auserwählte Schar von Autoren und Autorinnen von Preis zu Preis gereicht wird, bis sie beim Büchnerpreis angekommen ist, gab es damals noch nicht. Morgenstern hat immerhin in späten Jahren eine Ehrengabe der Schillerstiftung erhalten, oftmals die typische Auszeichnung für Autoren, die am Rande des Existenzminimums leben.

Aus den verschiedensten Gründen also war er schon ein Prototyp des von Richard Sennett knapp hundert Jahre später analysierten »flexiblen Menschen«. »Mein Wohnungsideal ist das Zelt«, notierte er einmal. Dass Morgenstern es trotz verschiedener Romanpläne nie auch nur zum Ansatz eines erzählerischen, geschweige denn epischen Werkes gebracht hat, ist daher zum einen sicherlich eine Temperamentsfrage gewesen. Morgenstern war ein lyrisches Temperament, in seinen dauerhaftesten Schöpfungen auch ein sprachphilosophisch-sprachkritisches, für einen Erzähler oder gar Epiker zu unsinnlich (für einen Landschaftsmaler vermutlich ebenfalls, aber die Probe aufs Exempel wurde nie gemacht). Jedoch sind gewiss auch äußere Lebensumstände mitbestimmend für die Abwesenheit des Erzählerischen und die Dominanz nicht nur des Lyrischen, sondern auch des Fragments.

Umso erstaunlicher, zu welchen Resultaten Teile der bisherigen Morgenstern-Biographik, wenn man überhaupt von einer solchen sprechen kann, gekommen sind. In der von Michael Bauer begonnenen und später von Margareta Morgenstern unter Mithilfe von Rudolf Meyer weitergeführten Biographie Christian Morgensterns heißt es: »Durch das Leben Christian Morgensterns geht ein wundervoll folgerechter Zug. Wer immer ernsthaft eine Überschau dieses Lebens und Werks versucht, wird dahin gelangen, den stillen sinnvollen inneren Fortgang zu sehen.«2 Das ist nun allerdings von einem Anthroposophen geschrieben, der nach zeitgenössischen Schilderungen selbst durchaus etwas von einem Guru hatte und für den es sicher nur »folgerecht« war, dass jemand irgendwann bei der Anthroposophie ankommt. Aber noch 1964 trifft Martin Beheim-Schwarzbach in seiner Rowohlt-Monographie die erstaunliche Feststellung, dass es Morgenstern »an allem gebricht, was heute gefragt wird, an Zerrissenheit, Desperation und Obszönität«.3 Für Letztere mag das zutreffen. Ansonsten bleibt es von heute aus gesehen aber mehr als rätselhaft, wie man die ungeheure Zerrissenheit und Kontingenz, das Disparate nicht nur in Morgensterns Leben, sondern auch in seinem Werk übersehen und aus beidem ein Inbild von Harmonie machen kann. Der Verdacht muss aufkommen, dass in diesen frühen Biographien, die eher Hagiographien sind, nach dem schon benannten Palmström’schen Motto verfahren wurde, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Dabei hatte Morgenstern selbst für die Grundkonditionen seines Lebens einen wesentlich klareren und illusionsloseren Blick. 1906 notiert er: »Eines kann ich wohl als Merkwort über all mein Leben und seine Erfahrungen schreiben: Fast alles, was ich geworden bin, verdanke ich mir selber, einigen Privatpersonen und dem Zufall.«4 Und 1907: »Ich bin wie einer, der ohne Führer, nur so nach Karten und gelegentlicher Auskunft von Hirten und Wanderern ins Hochgebirge hineinsteigt.«5

Weniger klar sah er dagegen, was die Wertigkeit seiner eigenen Schöpfungen anging. Christian Morgenstern ist das – gar nicht einmal so seltene – Beispiel eines Autors, der sein eigenes Werk missversteht. Die von ihm schon selbst vorgenommene und von anderen übernommene Zweiteilung in »Das seriöse Werk« und »Das humoristische Werk« schafft eine Gewichtung und Wertigkeit, die genau umzukehren wäre. Das haben einige seiner Biographen auch entschieden getan, etwa Helmut Gumtau und Ernst Kretschmer, die ihm auf dem Weg in die Anthroposophie nicht gefolgt sind, auch wenn sie ihn als Faktum akzeptiert haben. Was von Morgenstern geblieben ist und bleiben wird, ist – neben dem aphoristischen – eben das sogenannte humoristische Werk, für das ich das Attribut subversiv angemessener fände. Dieser Teil hat, wie schon mehrfach gezeigt wurde, seine Ahnen in der Literaturgeschichte, unter anderem bei den Viktorianern Lewis Carroll und Edward Lear. Nun lässt sich die viktorianische Epoche mit dem Wilhelminismus zwar nur bedingt vergleichen. Zum einen wäre schon die Periodisierung ein Problem: Beginnt das wilhelminische Zeitalter schon 1871 oder erst 1888? Und wie soll man die »verspätete Nation« (verspätet in vielfacher Hinsicht) in Beziehung setzen zur britischen Welt- und Seemacht, wo allein schon die Kolonien für mehr Durchzug und Durchlüftung sorgten, im Kontrast zur Muffigkeit des deutschen Kaiserreichs? Die eigentümliche Verbindung von Fortschrittsgläubigkeit, Pioniergeist, Erfinderphantasie einerseits und konservativem Wertesystem andererseits sowie die doppelte Sexualmoral weisen aber durchaus Parallelen zwischen Viktorias Reich und dem Wilhelms des Zweiten auf, Parallelen, die mit der Verwandtschaft der beiden Throninhaber nicht das Geringste zu tun haben.

Morgensterns subversives Werk hat jedoch nicht nur Ahnen, sondern auch zeitgenössische Mitstreiter und spätere Erben. Jüngere Geistesverwandte unter den Zeitgenossen waren etwa Joachim Ringelnatz, Karl Valentin und Kurt Schwitters (die Ursonate und Das große Lalulā sind vom gleichen Stamm). Die Erben in der Gegenwartsliteratur reichen von Dada über Eugen Gomringer, Franz Mon, Ernst Jandl, Helmut Heißenbüttel und überhaupt der Konkreten Poesie (Fisches Nachtgesang) bis zu Loriot, zu Robert Gernhardt und der »Neuen Frankfurter Schule« insgesamt. Diese Linien sollen aufgezeigt werden, um so Morgenstern aus der mystischen Ecke zu holen, in die er natürlich nicht nur gestellt worden ist, sondern in die er auch selbst gestrebt hat.

Man kann es den Anthroposophen nicht verdenken, dass sie jemanden für sich reklamieren, der in seinen letzten Lebensjahren dem Begründer ihres Weltbildes so bereitwillig gefolgt ist. Einer zeitgemäßen Rezeption Morgensterns tut das allerdings nicht gut. Diese Biographie möchte zum einen ein Künstlerleben zwischen 1871 und 1914 im wilhelminischen Reich erzählen und die seltsam ungreifbar-ätherische Figur Christian Morgenstern vielleicht etwas greifbarer machen. Zum Zweiten möchte sie dazu beitragen, die Staubschicht zu entfernen, die sich inzwischen auch auf dem subversiven Teil seines Werkes angesammelt hat, um diesen Teil wieder einer aufmerksamen – und lustvollen – Rezeption zugänglich zu machen.

Der Kindheit erster Teil
»Sehr viel einsam und stillfroh«

Christian Morgenstern war der Sohn junger Eltern. Als er am 6. Mai 1871, sieben Wochen nach der Wahl Bismarcks zum Kanzler des neu gegründeten Deutschen Reiches, in München das sprichwörtliche Licht der Welt erblickt – wie licht das Wetter an jenem Tag in München war, wissen wir allerdings nicht, stellen uns aber gern einen herrlichen Münchner Maientag vor –, ist sein Vater, der Landschaftsmaler Carl Ernst Morgenstern, 23, seine Mutter, Charlotte Morgenstern, geborene Schertel, gerade mal 20 Jahre alt. Das Paar kennt sich zu diesem Zeitpunkt schon lange, seit der Kindheit nämlich, denn die jeweiligen Väter waren nicht nur Freunde, sondern auch Berufskollegen. Beide waren Landschaftsmaler, und der eine hat den anderen zeitweise unter seine Fittiche genommen. Christian Morgenstern war also schon der Enkel, wenn nicht der Urenkel einer Künstlerfamilie, und Kunst und Musik begleiteten ihn schon in früher Kindheit.

Christian Ernst Bernhard Morgenstern, der Großvater väterlicherseits, wurde 1805 in Hamburg als Sohn eines Krämers und Miniaturenmalers geboren, der früh starb. Christian war das dritte von sechs Kindern und ging in der Grafikwerkstatt der Gebrüder Suhr in die Lehre. Bauer beschreibt das so: »… so nahm sich des neunjährigen, aufgeweckten und zeichnerisch sehr begabten Christian ein Hamburger Maler und Lithograph an: Professor Christoph Suhr, den er von da an auf weite Reisen begleitete, wo ein optisches Panorama vorgeführt wurde. Es waren für ihn ungewöhnlich harte und arbeitsreiche Jugendjahre.«6 Das ist eine etwas euphemistische Sicht der Dinge, unter dem beliebten Motto »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. In Wahrheit handelte es sich mehr oder weniger um Kinderarbeit. Die Allgemeine Deutsche Biographie wird in ihrem Artikel aus dem Jahr 1906 schon deutlicher: »So kam der junge M., der überall, wie ein Knecht beim Aufbau der Bude Hand anlegen, neue Aufnahmen und Packdienste um geringen Lohn bei schlechter Behandlung leisten mußte, in die Welt: er sah Aachen, Köln, Dresden, Berlin und Königsberg. Konnte er doch nebenbei manches zeichnen und malen! Eine neue Kunstreise führte ihn nach Rußland (1822). Sechs Monate weilten sie in Moskau, wo M. confirmiert wurde, eine ähnliche Frist zu Petersburg …«

Vom dilettierenden zum ausgebildeten Maler wurde Morgenstern aber erst nach der Trennung von Suhr im Jahr 1824. Er lernte bei Siegfried Bendixen, der seinerseits Schüler von Jacques-Louis David gewesen war, und fand mit Felix Baron von Rumohr »einen wahren Freund und Protector«, wie die ADB urteilt.7 Er gewann das Averhoff-Stipendium und betrieb Studien in Norwegen, und »mit diesen im Ränzchen kehrte er von langer Wanderung 1827 nach Kopenhagen zurück, um an der Akademie 1828 seine vollständige Ausbildung bei Lundt und Möller zu erreichen«.8 Danach wollte Morgenstern sich eigentlich in Hamburg niederlassen, sein Gönner Rumohr riet ihm jedoch, einen anderen Wohnsitz zu suchen, an dem die Kunst mehr geschätzt würde. Berlin sei zu unmoralisch, Wien zu teuer und Dresden, so urteilte Rumohr, habe »eine Zuckerbäckernatur«, also riet er ihm zu München. »Im Januar 1830«, berichtet uns die ADB, »kam M., wieder das Ränzchen am Rücken, einen hoffnungsvollen Frühling im Herzen und einen ganzen Dukaten in der Tasche, in die von norddeutschen Künstlern so freudig und verheißungsvoll begrüßte bairische Hauptstadt.«9

Mit seinen Landschaftsbildern hatte Christian Morgensterns Großvater dann offenbar Erfolg und am Ende seiner Karriere gewiss mehr als einen ganzen Dukaten in der Tasche. Denn ein Maler konnte schon damals, wenn er Eigenart genug aufwies und zudem auf die richtigen Galerien, Mäzene und Sammler traf, gutes Geld verdienen. Dass dies bei Morgenstern offenkundig der Fall war, verraten uns folgende Sätze aus dem nun schon mehrfach zitierten ADB-Artikel: »Die Kunsthistoriker ließen M. nicht mehr aus den Augen, noch weniger die damals schon blühenden Kunsthandlungen ›Wimmer‹ und ›Bolgiano‹, welche nach Albion und Amerika seine Werke versendeten.« Und: »In den folgenden Jahren verlegte M. […] seine Sommerfrischen nach Murnau, Brannenburg und dem liebgewonnenen Starnbergersee …«, und schließlich: »Alle Galerien wetteiferten um seine Werke.«10

Die hatten Titel wie »Mondaufgang an der Elbe bei Hamburg«, »Landschaft bei Abenddämmerung«, »Hammerschmiede in Tirol«, »Aussicht über den Bodensee bei Bregenz« oder »Ostküste von Helgoland«. Ich habe diese Titel ganz willkürlich herausgegriffen; man kann aus ihnen ersehen, dass Morgenstern erstens viel gereist ist und zweitens ganz und gar Landschaftsmaler war, dessen Stärken, darin ist man sich einig, vor allem in der Darstellung des flachen Landes lagen, auch wenn er ganz und gar Münchner wurde und keinen Wunsch hatte, nach Hamburg zurückzukehren. Schon über seine Ausbildungszeit noch in Hamburg schreibt der Maler Hans Speckter im Jahr 1881: »Hier erschloss sich ihm die Schönheit der Ebene mit den hoch darüber hinziehenden Wolken, die den meisten Menschen bis dahin unbekannt geblieben war und von vielen auch heute noch nicht verstanden wird.«11 Seine Ausbildung vollendete Morgenstern an der Akademie in Kopenhagen und unternahm längere Reisen nach Schweden und Norwegen.

In München hatte er schon mit seinem ersten ausgestellten Bild Erfolg, einem Motiv aus der Lüneburger Heide, über das ein damaliger Kunstkritiker schrieb, »daß uns ein bis dahin unbeachteter Reichtum von Naturschönheiten aufgeschlossen wurde, den wir nur in Felsschluchten, Wasserfällen und im schneeigen Hochgebirge aufgehäuft glaubten«.12 An anderer Stelle kommt Speckter zu dem Urteil, Morgenstern habe das Kind der Ebene nie verleugnen können, und sieht hier seine Stärken, während er bei all seinen Versuchen, das Gebirge darzustellen, »etwas Hervorragendes … doch eigentlich niemals geleistet« habe.13

Eine Reihe seiner Werke kann man heute in der Hamburger Kunsthalle sehen, andere in Münchner Museen wie etwa der Schack-Galerie. 1842 wurde Morgenstern Ehrenmitglied der Münchner Akademie, und im Dezember 1844 heiratete er die ein Jahr ältere Louise von Lüneschloß, die Tochter eines badischen Offiziers, der nach seinem Abschied Herrenchiemsee kaufte, jedoch auf der Reise zu seinem neuen Besitz verstarb. Louise erbte zwar Herrenchiemsee, ihr Vormund, ein Hauptmann Diez, arbeitete jedoch in die eigene Tasche und hatte das Gut heruntergewirtschaftet, als Louise 21 Jahre alt war. Es kam zu einem Prozess, bei dem Louise schließlich eine Abfindung von 10000 Gulden erhielt. Die Königin Karoline von Bayern ließ sie im Königlich-Weiblichen Erziehungsinstitut für Höhere Stände erziehen. Von ihrem Enkel, der sie kaum noch kennen gelernt haben kann, gibt es ein angebliches, nicht gesichertes Satzfragment, sie sei »sehr aristokratisch, sanft, gütig« gewesen. Christian Morgenstern kann diese Charakterisierung eigentlich nur aus den Erzählungen Älterer übernommen haben, denn als seine Großmutter väterlicherseits starb, war er drei Jahre alt, und die Jahre bis dahin dürften auch bei ihm der frühkindlichen Amnesie verfallen sein.

Christian Ernst Bernhard Morgenstern war also ein Aufsteiger und dazu ein sehr attraktiver Mann, wenn man dem Gemälde von Friedrich Dürck glauben darf, das dieser 1842 von ihm angefertigt hat und das ebenfalls in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Aus der Ehe mit Louise, die in allen Quellen übereinstimmend als glücklich oder sogar »überaus glücklich« oder auch »beseeligend« beschrieben wird, ging als einziges Kind Christian Morgensterns Vater Carl Ernst Morgenstern hervor, geboren im September 1847. Der Maler Christian Morgenstern starb im Februar 1867, und Speckter betont, bei seinem Begräbnis habe sich gezeigt, »wie allgemein beliebt Morgenstern war. Selten hat wohl ein Künstler so wenig Feinde und so viele Freunde gehabt wie er«.14

Christian Morgensterns Großvater mütterlicherseits, Josef Schertel, wird in der Allgemeinen Deutschen Biographie deutlich knapper behandelt. Geboren wurde er 1810 in Augsburg als Sohn eines königlich-bayrischen Oberzollinspektors, besuchte Gymnasien in Augsburg und Würzburg, machte eine Lehre bei einem Lithographen und ging 1830 nach München, um sich der Landschaftsmalerei zu widmen. Dort wurde er an Christian Morgenstern empfohlen, der sich seiner annahm. Schertel war laut ADB »kein Bahnbrecher, … aber was er schuf, trug den Stempel innigster Tüchtigkeit und Gediegenheit«.15 Immerhin hat Adalbert Stifter eines seiner Bilder gelobt. Schertel heiratete 1856 Emma Zeitler; aus dieser Ehe ging als einziges Kind Charlotte Schertel hervor. Josef Schertel starb im März 1869 nach längerer Krankheit, sein Werk wurde »schon am 20. Mai 1869 … eiligst versteigert«.16 Sein Enkel hat später in einer Tagebuchnotiz über ihn notiert: »Ein starkes Talent, stärker als mancher berühmter gewordene, aber fast krankhaft gewissenhaft; misstrauisch, überbescheiden sich selbst gegenüber …«17 Diese Züge, so Morgenstern, habe er wohl von seinem Großvater geerbt.

Junge Eltern also. Geboren ist Christian in der Theresienstraße 12 in der Münchner Maxvorstadt, Ecke Barer Straße. 1879 erhielt das Haus die Nummer 23. Auch unter dieser Nummer aber können wir es heute nicht mehr finden, denn es wurde 1945 bei einem Luftangriff vollständig zerstört. Es gibt eine Bleistiftskizze des Hauses von Morgensterns Vater, der nicht allzu viel zu entnehmen ist, außer der Tatsache, dass dieses Gebiet damals noch keineswegs so dicht bebaut (und bevölkert) war wie heute.

Eine Vorstadt im eigentlichen Sinne war das Viertel jedoch auch nicht mehr. Immerhin standen hier schon die Alte und Neue Pinakothek und die Akademie der Bildenden Künste. Der ganz kleine Christian ist also von Anfang gleichsam von Kunst umzingelt. Zum Zeitpunkt seiner Geburt hat München schon knapp 170000 Einwohner (Berlin: 826000) und nimmt in den folgenden zehn Jahren um 60000 Einwohner auf 230000 zu (Berlin: 1,12 Millionen).

Allerdings war Morgenstern erst zwei Jahre alt, als seine Eltern mit ihm in die Äußere Nymphenburger Straße 23 (heute Nymphenburger Straße 99) in Neuhausen zogen, das erst 1890 nach München eingemeindet wurde. Das Haus, das die Morgensterns bewohnten, ist in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts abgerissen worden. In seiner für den Piper Verlag verfassten Autobiographischen Notiz von 1913 schreibt Morgenstern, er habe in diesem »Hause mit parkartigem Garten glückliche, eindrucksreiche Kinderjahre« verlebt.18 »Meine Eltern reisten viel, zuerst aus Lebenslust, dann aus Rücksicht auf ein beginnendes Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem dritten oder vierten Jahre an überallhin mit. Besonders ist mir eine lange Reise durch Tirol, die Schweiz und das Elsaß in Erinnerung … Dazwischen und später waren es dann die (damals noch ländlichen) bayerischen Seedörfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching, Weßling …, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben unvergeltbar viel Liebes erwiesen.«19 Die Ausflüge an die oberbayrischen Seen waren natürlich vor allem durch die Landschaftsmalerei des Vaters motiviert. Bauer schätzt diesen »regelmäßigen Wechsel zwischen Stadt- und Landleben« als »günstigen Umstand« ein, und man kann ihm wohl zustimmen. Er wird wesentlich dazu beigetragen haben, dass Morgenstern noch 1908 schreibt: »Ich möchte sagen, daß ich immer noch im und vom Sonnenschein meiner Kindheit lebe.«20

Aus dem Wanderleben der Familie resultiert allerdings ein Problem. Ein regelmäßiger Schulbesuch ist unter diesen Umständen kaum möglich, sondern wird durch einen ziemlich regel- und planlosen Privatunterricht ersetzt. Auf Reisen besucht Christian dann manchmal für kurze Zeit die jeweiligen Dorfschulen. Unter diesem Aspekt entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass es heute in Deutschland eine ganze Reihe von Christian-Morgenstern-Schulen gibt. Das Kind Morgenstern jedenfalls konnte zu Gleichaltrigen kaum engere Beziehungen über eine längere Zeit aufbauen, und so blieb ihm oft kaum etwas anderes übrig, als sich, »sehr viel einsam«, mit sich selbst zu beschäftigen und »stillfroh« zu sein.

Man kann ihm das Wort vom »Sonnenschein seiner Kindheit« trotzdem abnehmen. Schließlich genoss er durch die Lebensweise seiner Eltern Freiheiten, die anderen Kindern des frühen Bismarckreichs gewiss verwehrt waren. Ohne in eine zu kurzschlüssige Küchenpsychologie verfallen zu wollen: Wer den sozialen Umgang der Kinderjahre teilweise durch die eigene Phantasietätigkeit ersetzen muss, ist bis zu einem gewissen Grad für eine spätere Künstlertätigkeit prädestiniert.

Der Kindheitssonnenschein endet allerdings recht plötzlich, als seine tuberkulosekranke Mutter am 19. April 1880 in Bad Aibling stirbt. Charlotte Morgenstern wird in den vorliegenden Zeugnissen einstimmig als sehr musikalisch beschrieben, mit einer deutlichen Vorliebe für Mozart. Dieser Tatsache verdankt der Sohn auch seinen vierten Vornamen, denn mit vollem Namen heißt er Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern. Die anderen Vornamen verdankt er in der angegebenen Reihenfolge seinem Großvater väterlicherseits, seinem Hamburger Paten Arnold Otto Meyer, einem Kaufmann, von dem später noch die Rede sein wird, und seinem Großvater mütterlicherseits.

Mozart sollte also gewissermaßen der musikalische Pate Morgensterns werden. Die Mutter war eine ausgezeichnete Klavierspielerin und bildete in der weitläufigen Malerfamilie das musikalische Gegengewicht. Morgenstern hat später bedauert, dass er von ihr keine wirkliche musikalische Ausbildung mehr erhalten konnte. Charlotte Morgenstern »dichtete auch ein bißchen«, wie es im Kommentierten Register des ersten Briefbandes heißt, und dann: »Wegen ihres frühen Todes ist darüber hinaus nicht viel bekannt; M hat sie selbstverständlich geliebt und verehrt; der Gedichtband Einkehr (1910) ist ihrem Andenken gewidmet.«21

Bedenkt man, dass etwa die ersten drei bis vier Lebensjahre der frühkindlichen Amnesie verfallen und Christian knapp neun war, als seine Mutter starb, verwundert es nicht, dass sich in seinen späteren Briefen wenige Erzählungen über sie finden. Wie innig, vielleicht auch zärtlich die Beziehung zwischen Charlotte Morgenstern und ihrem einzigen Sohn war, lässt sich also nicht mehr herausfinden. In den die Autobiographische Notiz vorbereitenden Daten über mein Leben heißt es übrigens: »1881: Tod meiner Mutter«,22 und in der Notiz selbst, indem er über sich in der dritten Person schreibt: »… bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er die Mutter verlor …«23 Charlotte Morgenstern ist jedoch schon 1880 verstorben. Dieser – vielleicht vom Wünschen diktierte – Irrtum Morgensterns, seine Mutter habe noch ein Jahr länger gelebt, ist später hier und da unbesehen in die Sekundärliteratur übernommen worden, so dass bis heute in den Publikationen zwei unterschiedliche Todesjahre auftauchen. In gewisser Hinsicht macht das jedoch kaum einen Unterschied, denn dass für einen gerade Neunjährigen der Tod der Mutter ein tiefer Einschnitt ist, versteht sich von selbst. In diesem Fall war er besonders tief. Fast kann man sagen, dass Christian Morgensterns Kindheit (oder wenigstens ihr »Sonnenschein«) damit beendet war, weil nicht nur die Mutter gegangen war, sondern in gewisser Weise auch der Vater.

Der Kindheit zweiter Teil
»Ich möchte an Dir Freude erleben«

Das Verhältnis zwischen Christian Morgenstern und seinem Vater, später eher ein Nichtverhältnis, ist ein heikles Thema. So heikel offenbar, dass Morgenstern selbst, wenn überhaupt, eher abwiegelnd darüber geschrieben hat und dass auch seine bisherigen Biographen sich dazu nur zurückhaltend äußern. Dabei kann man durchaus davon ausgehen, dass dieses schwierige Verhältnis für Morgensterns spätere Orientierungen mitbestimmend war.

In einem der Entwürfe für die Autobiographische Notiz, teils in der ersten, teils in der dritten Person geschrieben, lesen wir über die Kinderjahre, der Vater sei »zeitweise sein bester Spielkamerad« gewesen. »So verfertigte er ihm [d.h. dem kleinen Christian] einmal zu Weihnachten einen ganzen Ort aus Kartonhäusern mit einer Eisenbahn ringsherum und einem Tunnel von einem Meter Länge oder klebte ein andermal seinen Bleisoldaten allerlei Schiffe aus Papier, die dann lustig mit Wasserfarben bemalt und schließlich aus einer kleinen Messingkanone in Brand geschossen wurden.«24 Unmittelbar nach diesem idyllischen Familienbild schreibt Morgenstern über sich selbst weiter: »Vom Abschluss meiner Gymnasialzeit an begann ein Wanderleben, an dessen Ende ich heute noch nicht angelangt bin.«

Hoppla! Zwischen den zärtlich ausgemalten Bildern aus den Kindheitstagen und dem Abschluss der Gymnasialzeit liegt der nicht ganz unerhebliche Zeitraum von wenigstens zwölf Jahren, die Morgenstern in diesem Entwurf mit Schweigen übergeht. Dabei hatte sein Wanderleben eigentlich schon in dieser Zeit begonnen.

Nach dem Tod seiner Frau gibt Carl Ernst Morgenstern das Münchner Haus auf und zieht nach Starnberg. Dort heiratet er 1881 (nach anderen Quellen 1882) Amalie Petronilla Dall’Armi, später Amélie genannt. Sie war die Tochter aus erster Ehe des Gutsbesitzers Georg August von Dall’Armi, der sich 1864 in Starnberg niedergelassen hatte. Mit Christians Schulbesuch ist es auch nach dieser Heirat nicht zum Besten bestellt. Laut Bauer waren »die Schulverhältnisse in dem damals noch recht kleinen Ort für den Knaben unzulängliche«25 (ein Gymnasium gab es nicht), und der Vater holte eine Erzieherin ins Haus. Der Unterricht dauert jedoch nur kurze Zeit, dann schickt der Vater seinen Sohn zu dessen Taufpaten, dem Hamburger Großkaufmann Arnold Otto Meyer, der sich bereit gezeigt hat, für die weitere Ausbildung und Erziehung Christians zu sorgen.

Christian Morgenstern kommt damit als Zehnjähriger aus der eher lieblichen Welt um die oberbayrischen Seen und aus dem halben Bohemeleben seines Vaters in eine andere Sphäre, die entschieden mehr von der bürgerlichen Aufbruchsstimmung des Bismarckreichs vermittelt. Die Buddenbrooks waren zwar noch nicht geschrieben, aber Arnold Otto Meyer, geboren 1825, wäre durchaus eine Figur für Thomas Manns Roman gewesen. Als junger Mann war er nach Ostasien gegangen und hatte einige Jahre in Singapur gelebt. 1857 gründete er in Hamburg die Firma Arnold Otto Meyer Im- und Export, die er bis 1899 leitete. Wie der Kontakt zu Carl Ernst Morgenstern zustande kam, lässt sich nicht genau sagen. Meyer hatte eine Sammlung von Handzeichnungen geerbt, die er zu erweitern trachtete. Vielleicht ergab sich die Bekanntschaft zu Morgensterns Vater auf diesem Wege. Sie muss jedenfalls eng genug gewesen sein, damit Meyer zu Christian Morgensterns Taufpaten wird, und stabil genug, damit er den Zehnjährigen 1881 aufnimmt und ihn in Hamburg in die Schule schickt.

Mit seiner Frau Luise Caroline hatte Meyer fünf Kinder, von denen allein das jüngste, Meta, noch im Haus gewesen sein wird, als Christian nach Hamburg kam. Meta war fünf Jahre älter als er. Sie dürfte die Erste gewesen sein, in die sich Morgenstern ein bisschen verliebt hat, während sie ihn wohl umgekehrt naturgemäß noch nicht ganz für voll genommen hat. Jedoch scheinen sich die beiden gut verstanden zu haben. Es sind von ihr zwei Briefe an Christian aus den Jahren 1882 und 1883 erhalten. Im ersten redet sie ihn als »kleiner Kold« an, eine Verballhornung von »Kobold«, und bedankt sich »für das ausgezeichnet gelungene Gedicht«26. Im zweiten bescheinigt sie ihm: »Du scheinst sehr große Fortschritte im Briefe schreiben gemacht zu haben.«27 Dann erzählt sie davon, wie sie in Hamburg mit Orchesterbegleitung gespielt hat: »12 Jünglinge kamen mit Pauken und Trompeten, Violinen, Flöten, Cello, Fagott, u. wie die Dinger alle heißen, und trompeteten von links und rechts gegen mich an.«28 Danach habe sie sich gut amüsiert, heißt es, und die zwölf Jünglinge dürften deutlich älter gewesen sein als Christian. Vermutlich hat der beschriebene Auftritt mit der damals üblichen musikalischen Ausbildung einer höheren Tochter zu tun.

In Hamburg besucht Christian die »Höhere Knabenschule, Vorbereitungsanstalt für die mittleren Classen der Gymnasien« von Ernst August Diercks in der Großen Theaterstraße. Zu den Fächern gehören Religion, Weltgeschichte, Geographie, Rechnen, Geometrie, Algebra, Lesen und Deutsch, Englisch, Französisch, Latein. Katharina Breitner, Kommentatorin der Briefe Morgensterns, schränkt jedoch ein: »Dies bezieht sich offenbar auf das ganze Dreijahresprogramm, so dass nicht feststellbar ist, welche Unterrichtsfächer M. nun genau hatte.«29 Sie vermutet aber, dass wenigstens für kurze Zeit Englisch schon dazugehört hatte, darauf deuten auch spätere Briefe Morgensterns hin. Englisch gab es nämlich, der bekannten Hamburger Anglophilie wegen, auch schon in den Hamburger Volksschulen.