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Ilija Trojanow

Der überflüssige Mensch

Aus der Reihe »UNRUHE BEWAHREN« Residenz Verlag

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ISBN ePub: 978-3-7017-4358-2

ISBN mobi: 978-3-7017-4404-6

ISBN Printausgabe: 978-3-7017-1613-5

Inhalt


Impressum


Auf Sie können wir verzichten

La Méduse

Zu viel, zu viele

Von Milliardären, Elchjägern und anderen Malthusianern

Schuld haben immer nur die anderen

Mensch und Müll

Prekär, der Prekäre, das Prekariat

Ein Sprungbrett nach unten

Die Ein-Euro-Reservisten

Die Oligarchen sind unter uns

Die Rache des Kellners

Stigmatisiert, selbstoptimiert

Lohnarbeit ade

Die Segnung der Maschinen

Apokalypse soon

Auswege


Bibliografische Hinweise

Auf Sie können wir verzichten

Kein Mensch kein Problem.

Josef Wissarionowitsch Stalin

Sind Sie überflüssig? Natürlich nicht. Ihre Kinder? Nein, keineswegs. Ihre Verwandten, Ihre Freunde? Geradezu eine unverschämte Frage, ich weiß. Ehrlich gesagt empfinde ich mich selbst auch nicht als überflüssig. Wer tut das schon? Höchstens an ganz schlechten Tagen. Und doch gelten viele Menschen auf Erden als überflüssig, aus Sicht von Ökonomen, internationalen Organisationen, global agierenden Eliten. Wer nichts produziert und – schlimmer noch – nichts konsumiert, existiert gemäß den herrschenden volkswirtschaftlichen Bilanzen nicht. Wer keinen Besitz sein Eigentum nennt, ist kein vollwertiger Bürger. »Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein«, lautet die allgegenwärtige Werbung des Drogerieprimus dm. Das Sein ist ersetzt worden durch das Konsumieren. Mit anderen Worten auf den spätkapitalistischen Punkt gebracht: Die Gesetze des Marktes markieren die Grenzen der Freiheit.

Der Subsistenzbauer gilt als Anachronismus, als Bremse der entfesselten Entwicklung, weswegen er enteignet und vertrieben wird. Der Langzeitarbeitslose gilt als Belastung für die Gesellschaft, weswegen er schikaniert und verachtet wird. Der Kleinbauer und der landlose Landarbeiter gehören nicht nur zu den ärmsten Menschen auf Erden, sie werden zudem in dem Maße als Ressource wertlos, in dem sich die industrielle Agrarwirtschaft weltweit ausbreitet. Wo sollen sie unterkommen, wovon sollen sie zukünftig leben? In den Städten wachsen zwar die Slums, die Zahl der gesicherten Arbeitsplätze in der Produktion nimmt hingegen ab, eine Entwicklung, die angesichts der rasant fortschreitenden Automatisierung der Prozesse in einem System entschiedener Konkurrenz unaufhaltsam ist. Der Dienstleistungssektor, ein Euphemismus für niedrig bezahlte und stupide bis erniedrigende Arbeiten, hat die wachsende Zahl überflüssig werdender Menschen teilweise auffangen können (allein McDonald’s hat weltweit 1,7 Millionen Angestellte), doch das kann nur ein vorübergehender Trend sein.

Unser Planet sei voll, übervoll, wird immer wieder gewarnt, und dies schon seit Längerem. Wie viele Besatzungsmitglieder das Raumschiff Erde im besten aller Fälle tragen kann, ist eine spekulative und strittige Frage, die in diesem Zusammenhang keine Rolle spielt. Schwer wird sich ein Kompromiss finden lassen zwischen einem eingefleischten Optimisten, der selbst bei zwölf Milliarden Menschen keinen ökologischen Zusammenbruch vorhersieht, und einem in der Wolle gefärbten Misanthropen, der den Menschen als »Virus, von dem der Planet sich heilen muss« (James Lovelock) begreift. Entscheidend ist die Formulierung des Problems. Wenn sich vermeintlich zu viele Menschen auf einem Floß zusammendrängen, gelten keineswegs alle als überzählig, sondern nur einige von ihnen, wie uns die dramatischen Ereignisse nach Schiffbrüchen in früheren Jahrhunderten vorgeführt haben.

La Méduse

Als das französische Schiff La Méduse 1816 unter der Führung eines unfähigen Kapitäns vor der Küste Senegals auf eine Sandbank auflief, zwang der Mangel an Rettungsbooten 147 Passagiere auf ein Floß, das so seeuntauglich war, dass jene, die es notdürftig zusammengezimmert hatten, sich weigerten, darauf Zuflucht zu nehmen. Der Kapitän versprach vor versammelter Mannschaft, die fünf Rettungsboote würden in einem vertäuten Konvoi das Floß zur Küste ziehen. Die Befehlselite des Schiffes hatte sich selbst sichere Plätze im vordersten Boot zugeteilt. Der als Gouverneur Senegals vorgesehene Julien-Désiré Schmaltz wurde auf einem Sessel zu einem gut ausgerüsteten Kahn hinabgelassen, auf dem nur drei Dutzend seiner Verwandten und Vertrauten Platz finden durften. Um ihr Leben schwimmende Matrosen wurden mit Säbelgewalt daran gehindert, sich auf das Boot zu retten. Das Meer war unruhig, die Wellen hoch, und das Floß stand zur Hälfte unter Wasser. Bald schon erlag Gouverneur Schmaltz der Versuchung, die eigene Last zu verringern; er gab den Befehl, das Rettungsseil zu kappen – ein Akt reiner Feigheit und Selbstsucht. Die Schicksalsgemeinschaft auf dem Floß – zwanzig Matrosen, einige Diener, ein Metzger, ein Bäcker, ein Waffenschmied, ein Fassbinder, ein Hauptmann, ein Sergeant und einige einfache Soldaten sowie Mitglieder der Société Philanthropique – war von nun an sich selbst überlassen, zu trinken hatten sie nicht mehr als zwei Fässer Wein und zwei Fässer Wasser, zu essen nur einen bescheidenen Vorrat an durchweichten Keksen. Als diese nach wenigen Tagen fast aufgezehrt waren, standen unangenehme Entscheidungen an, denn obwohl nicht wenige Schiffbrüchige in der Zwischenzeit gestorben waren (manche hatten sich ins Meer gestürzt, andere waren in Scharmützeln zwischen rivalisierenden Gruppen erdolcht worden), befanden sich weiterhin zu viele Menschen auf dem Floß. Der innere Zirkel der Anführer (die sich ihre aus den Hierarchien der Zivilisation geschöpfte Macht auch in der Wildnis anmaßten) beratschlagte auf einem erhöhten Deck in der Floßmitte, ob die Geschwächten nicht auf halbe Ration gesetzt werden sollten, entschied sich aber schließlich für eine eindeutige Lösung: die Schwächsten würden ins Meer geworfen werden, damit die zur Neige gehenden Vorräte für die Stärkeren übrig blieben. Wir wissen genau über die Beratschlagungen Bescheid, weil mehrere der insgesamt fünfzehn Überlebenden nach ihrer Rettung Berichte verfasst haben, die Aufsehen erregten, vor allem wegen des mit schlechtem Gewissen beschriebenen Kannibalismus. Da auf dem Floß einige frische Leichen herumlagen, musste im Gegensatz zu manch anderer Katastrophe auf hoher See niemand zu Ernährungszwecken geopfert werden. 1766 hatte die Besatzung der havarierten The Tiger einen der transportierten Sklaven getötet und sein Fleisch geräuchert. Nach dem Schiffbruch der amerikanischen Slup Peggy wurde ebenfalls ein Afrikaner zum Wohle der weißen Gemeinschaft durch einen Kopfschuss geopfert und in Salzlake eingelegt, was den Überlebenden für neun weitere Tage Nahrung sicherte. So brutal und bestialisch diese Ereignisse uns erscheinen mögen, sie unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den sozialen und wirtschaftlichen Interdependenzen, die gegenwärtig global vorherrschen, und ihren katastrophalen Folgen.

Die entscheidende Frage bei real oder vermeintlich existierender Überbevölkerung lautet: Auf wen können wir verzichten? Diese Frage wird niemals im Sinne der Gemeinschaft reflektiert, sondern von der Evidenz der Machtverhältnisse beantwortet – die Schwächsten gehen über Bord oder werden aufgefressen. Die Elite hegt keinen Zweifel an der eigenen Unersetzlichkeit, die Reichen zweifeln nicht an ihren gottgegebenen Privilegien, und die Oberschicht glaubt sich per se wertvoller als die Unterschicht. Insofern birgt der oft leichtfertig dahingesagte Satz »es gibt zu viele Menschen« enormen ethischen Sprengstoff.

Zu viel, zu viele

Dank des milden Klimas und fruchtbaren Bodens wäre Irland in der Lage, das Dreifache seiner Einwohnerzahl zu ernähren, und niemand, außer einem Beamten der britischen Regierung, hätte behauptet, dass unter seinen geknechteten Einwohnern kein Anflug von Freiheitsgeist oder kein Lebensfünkchen zu finden sei. Man kann nur hoffen, dass diese schwachsinnigen, tyrannischen Herrscher für immer von irischem Boden vertrieben werden. Wie hübsch die englische Aristokratie doch über die Herrscher Neapels, Dahomeys und anderer Königreiche zu moralisieren weiß. Richtet den Blick auf das eigene Land, richtet den Blick auf London, und seht die Tausenden, deren Gesichter vom Schreckgespenst der Hungersnot gezeichnet sind; seht die einst schönen, tugendhaften und fleißigen Frauen, die nun gezwungen sind, ihren Kindern beim Sterben zuzusehen, weil es an Nahrung fehlt. Richtet den Blick auf die beiden Seiten der Medaille: die Erhabenheit des Rechts und das unendliche Elend eines edlen Volkes.

Die letzten Worte des irischen Freiheitskämpfers Michael O’Brian

Das Konzept der »Überbevölkerung« entwickelte sich mit der Moderne. Die einsetzende Industrialisierung vernichtete große Teile des Kleinbauerntums sowie des ländlichen Handwerks, die entwurzelten Menschen bildeten das Reservoir eines städtischen Proletariats, das als billige Arbeitskraft zwar eine wirtschaftliche Explosion ermöglichte, zugleich aber von beachtlicher revolutionärer Sprengkraft war. Die Lösung lag auf der kolonialen Hand: die vormodernen Regionen dienten als Auffangbecken für die Überbevölkerung der industriell entwickelten Gesellschaften, weswegen die Vorfahren der Bewohner Nordamerikas und Ozeaniens aus unseren Breiten stammen. Während der Great Famine von 1845–49, bei der mehr als eine Million Iren an Unterernährung starb, wanderten über 800000 Männer und Frauen nach Nordamerika aus. Die britische Regierung unternahm keine ernsthaften Bemühungen, die Hungersnot zu lindern oder gar zu überwinden, eine imperiale Politik des Genozids durch Unterlassung, die auch im 19. Jahrhundert Nachahmer fand.