my_cover_image

Petrus Stockinger

Innere
Inventur

Innehalten
Bilanz ziehen
Kraft schöpfen

Residenz Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliograie; detaillierte bibliograische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.residenzverlag.at

© 2013 Residenz Verlag

im Niederösterreichischen Pressehaus

Druck- und Verlagsgesellschaft mbH

St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:

978-3-7017-4393-3

ISBN Printausgabe:

978-3-7017-3307-1

Für meine Mutter Ingrid
und meinen viel zu früh verstorbenen Vater Rudolf

Für Bertram, Josef und Martin

Für Sr. Katharina OP, Sabine und Ulli

Für Felix, Jakob und Maximilian

Stellvertretend für die vielen,
die den Gedanken in diesem Buch Pate stehen.

Dank an Roswitha Wonka vom Residenz Verlag
und an meine Lektorin Bärbel Schaller:
Für das Vertrauen und die Geduld –
für die Zeit = Aufmerksamkeit, die sie mir geschenkt haben.

 

Die Inventur (von lateinisch invenire = etwas finden bzw. auf
etwas stoßen) ist die Erfassung aller vorhandenen Bestände.

Durch die Inventur werden Vermögenswerte und Schulden eines

Unternehmens zu einem bestimmten Stichtag ermittelt und
schriftlich niedergelegt. Das Ergebnis einer Inventur ist das Inventar,
ein Bestandsverzeichnis, das alle Vermögensteile und Schulden nach
Art, Menge und Wert aufführt.

Stellt die Inventur Abweichungen zwischen Soll- und Istbestand
fest, führt dies zu einer Berichtigung des Sollbestandes. Inventur-
differenzen fließen voll erfolgswirksam in die Gewinn- und
Verlustrechnung ein.

(Geschöpft aus einer Quelle mit Offenbarungsanspruch: Wikipedia)

Inhalt

Zeit und Ort

Der Soll-Stand

Wertberichtigung

Literaturnachweis

Zeit und Ort

Gott, lass meine Gedanken sich sammeln zu Dir.

Bei Dir ist das Licht, Du vergisst mich nicht.

Bei Dir ist die Hilfe, bei Dir ist die Geduld.

Ich verstehe Deine Wege nicht,

aber Du weißt den Weg für mich.

(Gesang aus Taizé, nach Dietrich Bonhoeffer; deutsch gesungen)

Du redest so viel

hältst es für wichtig

immer wieder

hört dir jemand zu

Du chattest stundenlang

wichtige Themen

obwohl

danach

alles vergessen

Du liest ein Buch

hunderte Seiten

und weißt am Ende nicht

seinen Inhalt

Du lehnst Fernsehen ab

das macht dich intellektuell

zumindest vor dir selbst

hörst lieber Radio

den Sender der bildet

er bemüht sich

stündlich

vergeblich

Aber ein Vorwurf

ginge ins Leere:

Wenn einer sagte

du würdest nicht an Gnade glauben

Darum schreibst du ein Buch

von dem du hoffst

dass es jemand liest

dass es jemandem hilft

dass dich jemand versteht

»Da dachte ich: Hätte ich doch Flügel wie eine Taube, dann flöge ich davon und käme zur Ruhe! Weit fort möchte ich fliehen, die Nacht verbringen in der Wüste.« (Ps 55,8)

Psalmen sind im Kloster der Grundton, auf dem der Tag erklingt. Wenn einer meiner Mitbrüder diesen Satz liest, wird er süffisant lächeln. Er wird sagen: »Dass genau du das schreibst – Du bist ja nie da beim gemeinsamen Chorgebet!« – und damit hätte der Mitbruder recht. Zumindest teilweise. Natürlich ist das »Nie« eine Übertreibung, die dem subjektiv Gefühlten entspringt.

Wenn ich ein Buch über meinen bisherigen Glaubensweg schreibe, dann soll das keine Biografie sein. Das käme mir mit 30 Lebensjahren stark verfrüht vor. Es ist der Versuch einer »inneren Inventur«. Ein solches Unterfangen ist riskant: Bei der Inventur gibt’s nichts zu verstecken und zu beschönigen. Ich erhebe den Ist-Stand und merke, dass das Soll ein ganz anderes ist. Es drängt sich die Frage nach den Wertberichtigungen auf. »Betrachten Sie alles, was Ihnen im Leben etwas wert ist, einmal inflationsbereinigt!« – so sagte eine geistliche Schwester einmal zu uns, einer Gruppe junger Ordensleute, bei einer Tagung. Wertberichtigung? Von Idealen abgehen? Nur ungern. Ich bin im Alter von 18 Jahren ins Kloster eingetreten – weil ich ein brennendes Herz für das hatte, was mir dort geboten wurde. Ich hatte mir zuvor viele Fragen des Glaubens und des Lebens gestellt, wurde damit von vielen Mitschülerinnen und Mitschülern, ja selbst Professorinnen und Professoren der Mittelschule nicht ernst genommen. Ich kam in Kontakt mit Biografie und Gedankenwelt des heiligen Augustinus. Auf einmal gab es Worte für vieles von dem, was ich bisher nur zaghaft gedacht hatte. An diesem Punkt konstituierten sich innere Ideale – zweifellos sehr hoch angesiedelt. Ich habe diese Ideale immer noch. Versuche, sie zu wahren – und neige dennoch dazu, sie im Alltag zu vergessen. Dem Mitbruder möchte ich antworten: »Ich möchte ja mehr beim Gebet sein!« – Ich weiß, dass ich die Ordnung halten muss, die mich hält. Es ist mir bewusst, dass ich außerhalb meines Mittelpunktes lebe, dass ich eigentlich ganz anders sein möchte, als ich bin. Daher kann ich auch die theologische Zufriedenheitsliteratur nicht ausstehen, die allerorten, sogar in unserem eigenen Klosterladen (für den ich zuständig bin) zu finden ist. »Es ist gut, wie du bist.« – Nein, das ist es eben nicht. Denn wie du bist, ist meilenweit von dem entfernt, wie du sein möchtest. Gleichzeitig weiß ich: Inventur ist kein Konkursverfahren und keine Abschlussbilanz. Sie ist eine Momentaufnahme, ein Zwischenstand – das passt zu mir und meinem Lebensalter, wie mir scheint.

Augustinus, mein Ordensvater, beschreibt den Menschen als ein Wesen der Heimkehr. Ich mag dieses Bild. Denn daheim in mir selbst, in meinem innersten Kern, in meiner Seele wartet ER, Gott, schon auf mich. Ich habe Sehnsucht nach ihm. Sie ist es, die mich ins Kloster gebracht hat. Nicht ahnend, dass der Weg selbstgewählter Einsamkeit zur harten Konfrontation mit mir selbst führen wird. Ob ich es mit mir allein aushalte – das weiß ich immer noch nicht. Vielleicht bin ich deshalb »nie da«?

Umso größer ist meine Dankbarkeit dafür, dass ER es mit mir aushält. Wenn ich Theologie richtig verstanden habe, dann ist das Christentum die Zusage, dass Gott es mit mir in Liebe gerne aushält. Er ist mit mir zufrieden – daher darf ich mit ihm zufrieden sein. Ich sollte in diesem Satz nur nichts verwechseln. Das Buch ist Suche und Vergewisserung des Vertrauens – in Gott, die Welt und in mich selbst.

Auf diese Spur will ich mich, gemeinsam mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, begeben und – wie der eingangs zitierte Satz aus Psalm 55 nahelegt – einen Ort und eine Zeit der Ruhe suchen.

»Innere Inventur« – das ist kein Buchtitel, den der Verlag aus Marketinggründen vorgeschlagen hat. Sie findet tatsächlich statt. Für mich immer zum gleichen Zeitpunkt: Seit einigen Jahren fahre ich jeden Sommer für eine Woche nach Frankreich, ins burgundische Taizé. Ich schätze den Ort, weil ich dort meine Ruhe habe. Meine innere Ruhe. Dass das unter ca. 4.000 Jugendlichen funktioniert, halte ich immer wieder für ein Wunder. Ich beschreibe jetzt keine Seligkeit brennender Kerzen und endloser Gesänge, darum geht es mir in Taizé nicht. Das alles ist tausend Mal beschrieben worden und füllt unzählige jener von mir kritisierten Bücher, deren Inhalt oft nur wenig befriedigen kann. Vielleicht ist mein Buch eine Anleitung zur theologischen Unzufriedenheit, eine Anregung, aufzubrechen und Neues zu suchen. Der Versuch eines Gegenpols zur »spirituellen Wellness«, überzeugt vom biblischen Befund, dass Jesus nicht lieb ist. Aber liebend ist er. Das ist ein großer Unterschied: Eltern, die nur lieb sind zu ihren Kindern, sind unfähig, sie zu erziehen. Liebende Eltern aber wollen das Beste für ihr Kind, auch (und gerade) wenn dies dann und wann in einem »Nein« bestehen muss. Jesus ist nicht lieb – er ist wortgewaltig, kompromisslos, Entscheidung fordernd. Mit einem alttestamentarischen Sprachbild bezeichnete man ihn als den »Löwen von Juda« – und längst haben wir ihn, um eine sprachliche Erweiterung des Bildes zu gebrauchen (die leider nicht von mir stammt), zum kastrierten Hauskater gemacht – Jesus, unser streichelweicher Bruder, eine Art spiritueller Robin Hood. Da wundern wir uns, dass der Glaube Kraft verloren hat?

Systematisches Vorgehen ist bei der Inventur ebenso wichtig wie der Zeitpunkt. Das Buch ist für sich alleine lesbar, von vorne bis hinten. Es schadet aber nicht, eine Bibel in Griffweite zu haben. Das Buch enthält Einbettungen von Bibelstellen, die so ausreichend zitiert werden, dass man sie nicht in voller Länge im Original lesen muss, um das hier Geschriebene zu verstehen. Aber es schadet nicht! Vielleicht ist mancher Text ein »Appetizer«, die Bibel zur Hand zu nehmen. Sie ist die Ur-Kunde von Gott!

De noche iremos, de noche
que para encontrar la fuente,
solo la sed nos alumbra.

In die Nacht wollen wir ziehen, in die Nacht,
um Quellen lebendigen Wassers zu finden,
nur unser Durst wird uns leuchten.

(Gesang aus Taizé, aus dem Spanischen)

Die Zitate im Buch stammen aus der Heiligen Schrift, aus der Literatur oder von Gesängen aus Taizé – dem Ort der Inventur. Die Gesänge aus Taizé habe ich in der jeweiligen Sprache angegeben, in der sie dort gesungen werden – wer neugierig ist, kann die Neuen Medien bemühen, um deren einprägsame Vertonungen kennenzulernen. Um die Lesbarkeit des Buches zu fördern, habe ich auf jede Form von Fuß- oder Endnoten verzichtet. Auf der letzten Seite des Buches finden sich entsprechende Quellen, soweit relevant.

Haben Ich habe eine feststehende Zeit und einen heimatlichen Ort gefunden für meine Inventur – einen Freiraum geschaffen von allem, was sich in meinem Leben wichtig macht. Daher nehme ich jährlich die stundenlange Fahrt nach Frankreich auf mich, um eine Woche in der Sommerhitze zu verbringen – gerne opfere ich kostbare Urlaubstage dafür.

Soll Ich lebe zwar in einem Kloster, bin dort aber offensichtlich nicht in der Lage, Ruhe zu finden. Das ist ebenso bedauerlich wie wahr. Ich will mich bemühen, ein »kleines Taizé« in meinem Alltag zu verwirklichen: Dort, wo ich lebe, ebenso zur Ruhe zu kommen. Dass ich dazu zu beschäftigt sei, ist wohl eine Schutzbehauptung – ein Davonlaufen vor dem, wo ich daheim bin …

Was soll sich ändern?

»Ich will so bleiben, wie ich bin …« – »Du darfst!«

Dieser alte Werbeslogan für einen gesunden morgendlichen Brotaufstrich stört mich nicht erst, seit ich aus dem Chemieunterricht weiß, dass an Margarine so gut wie kein Bestandteil bleiben darf, wie er ist, sondern durch endlose chemische Prozesse geführt wird, um genießbar, haltbar, streichfähig und stabil zu bleiben. Mein Misstrauen gegenüber diesem Satz geht tiefer: Wenn alle nach Veränderung und Dynamik rufen, wenn hektische Ziellosigkeit als Mut zum Neuen verkauft wird, dann stellt sich die Frage nach dem Wahren, nach dem Echten, dem Bleibenden in fundamentaler Weise. Im Grunde meines Herzens kenne ich die Wahrheit längst: Der, der sich ändern soll, bin ich. Ich kenne mich gut. Wer ins Kloster geht, wählt die Einsamkeit. Freiwillig. Darin besteht der Unterschied zur Vereinsamung, die aus einem erzwungenen Mangel von Beziehung entsteht. Einsamkeit im Kloster: Aus innerer Notwendigkeit heraus die Konfrontation mit sich selbst wagen. Ohne Ablenkung. Hoffentlich. Vielleicht aus einer gewissen Form der Selbstliebe: Ich will mich kennenlernen, weil ich mich für interessant halte. Irgendwas muss es ja sein, was Gott an mir mag – und genau das möchte ich kennenlernen. Ich möchte es verbessern, hervorheben, herausstreichen – und alles verkleinern, loswerden, was mich davon trennt. Natürliche Reaktion eines Liebenden?

Ich will eben nicht so bleiben, wie ich bin. Weil ich es bei aller Romantik verliebter Pärchen nicht glauben kann, wenn jemand sagt: »Ich liebe seine/ihre Fehler« – sondern daran glaube, dass ich immer trotz meiner Fehler geliebt werde, entsprechend dem Satz: Ich liebe seine/ihre Fehler nicht, aber sie gehören dazu. Was aber eben gerade nicht heißt, dass ich mich nicht um die Korrektur meiner Fehler bemühen soll!

Ich soll mich ändern. Weil ich mich kenne und vieles an mir eine Zumutung ist.

Es gibt nicht wenige Menschen, denen das Leben mit dem Kirchenjahr langweilig geworden ist. Das mag viele Gründe haben. Einer davon lautet, dass es »immer das Gleiche« ist. Ein anderer, dass der kirchliche Jahreskreis gar nicht mehr als Zyklus erkannt wird, sondern sich das Weihnachtsfest isoliert hat, Ostern als Glaubensfest kaum mehr vorkommt und man mit Pfingsten wenig anzufangen weiß. Der ersten Begründung liegt wohl genau jener Denkfehler zugrunde, der sich aus der Margarinewerbung ableitet: Wenn ich so bleiben darf, wie ich bin, dann ist klar, dass ich dafür an alles andere, zum Beispiel an die Feste, mit einem Veränderungsanspruch herangehen muss, um nicht zu erstarren. Vielleicht schaffe ich es, die Richtung meines Denkens zu ändern: Dann wird die Kontinuität der Feste eine willkommene rettende Insel mit der eingeschlossenen Frage an mich bieten: Was hat sich vom letzten Weihnachtsfest zum diesjährigen in mir verändert? Habe ich es geschafft, das, was wir gefeiert haben, auch umzusetzen? »Trahe me post te« – heißt es in einer Strophe des Liedes »In dulci iubilo« in etwas grob geschmiedetem Latein: »Ziehe mich Dir nach!« – was im Weihnachtslied so süßlich-tänzerisch daherkommt, ist eine Bitte um die Hilfe zur Richtungsänderung …

Mane nobiscum, Domine Jesu Christe!
Bleibe bei uns, Herr Jesus Christus!

(Gesang aus Taizé, Lk 24,29; aus dem Lateinischen)

»Du musst dein Ändern leben!« – so sagte der amerikanische Kardinal Fulton Sheen. Seine Biografie gibt keine Auskunft darüber, ob er jemals Margarine gegessen hat.

Haben Ich denke, Mut zur Veränderung zu haben – obwohl ich mich selbst gerne als konservativ bezeichne und von anderen so gesehen werde –, keine Scheu davor, mit neuen Situationen umzugehen und diese einschätzen zu können.

Soll Mehr Mut zur Veränderung, gerade wenn es mich selbst betrifft – gleichzeitig sollte ich mehr mitbedenken, was meine Änderungen oder mein Beharren für andere bedeuten. Also: Weder verändern noch festhalten um jeden Preis!

Wenn wir schon beim Essen sind …

5% der Menschen, die Du kennst, magst Du gern,

10% magst Du in gewissen Zusammenhängen,

20% magst Du, wenn Du etwas brauchst.

Bei 20% bist Du froh, wenn Du sie nicht siehst,

auf 10% reagierst Du allergisch,

35% sind Dir eigentlich egal.

Schlechte Bilanz für Dein brennendes Herz …

Zu 5% magst Du Gott echt gern, zu 10% dann, wenn er Dir gibt, was Du willst. Zu 20% betest Du dann, wenn es Dir in den Kram passt. Bei weiteren 20% Deiner Tätigkeit wäre es Dir recht, wenn er es nicht bemerken würde. Zu 10% haderst Du mit ihm – und zu 35% tust Du, als wäre er Dir ohnehin egal.

… nie aber würdest Du Orangensaft kaufen, in dem nur 5% echte Orange sind. Kritisch liest Du daher das Kleingedruckte auf dem Etikett. Lauter Chemie. Nichts Echtes.

Ist ja widerlich!

Genug der Selbstanklage. Ich bin kein besonderer Freund des geistlichen Sado-Maso-Spieles, das für nicht wenige fromme Zeitgenossen darin zu bestehen scheint, sich selbst kleinzureden und vor Gott ein Nichts zu werden. Ich bin eben kein sündiger Schmutzkübel, vor dem Gott graut, keiner, der sich möglichst kleinmachen muss, um von Gott nur ja nicht entdeckt und bestraft zu werden. Die Mystiker des Mittelalters wussten da gut zu unterscheiden: Zwar sprechen manche von ihnen von der faszinierenden Vorstellung der »Selbstvernichtung vor dem Absoluten« – aber als eine letzte Stufe des Gedankens, sich von Gott ganz in Dienst nehmen zu lassen. Er soll alles Trennende wegnehmen, damit das Ich noch besser das werden kann, was es ist: Kind Gottes – so wie der Erwachsene nach einer geglückten Kindheit auf seine Eltern blicken kann: Ein Verständnis für die Notwendigkeiten, große Bewunderung für die viele Geduld und unendlicher Dank für die Liebe. Das Wissen, sich nicht selbst gemacht zu haben, Klarheit darüber, dass die wesentlichen Dinge im Leben Geschenk waren und sind. Ein Urvertrauen eben, ein Grundton der Dankbarkeit, Freude am Leben. Jeder Mensch hat einen Ruf Gottes, noch viel mehr: Jeder Mensch ist ein Ruf Gottes. Wer die Frage danach, warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts, mit einem dahinterstehenden großen Masterplan beantwortet, wird diesen Masterplan folglich ebenso für die kleinen Strukturen annehmen dürfen bzw. sogar müssen und damit auch für das eigene Leben. Daher wird es mich nie zufriedenstellen, die Frage nach Gott damit zu beantworten, dass es schon »irgendetwas« geben wird. Wenn ich mich in eine Speisekarte vertiefe (Sie merken: ich esse gerne …), ist es für mich durchaus von Bedeutung, zu wissen, was ich da serviert bekommen werde. Ich möchte nichts Undefinierbares essen – noch weniger möchte ich Undefiniertes glauben. Wenn die Menübeschreibung mehr Poesie als Inhalt verrät, dann quäle ich das Gastronomiepersonal so lange, bis ich mich informiert fühle. Ich danke an dieser Stelle den vielen theologischen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern dafür, mir »Gott« nach Kräften erklärt zu haben und es immer wieder zu tun. Glauben darf ich jetzt selbst.

Tu sei sorgente viva, tu sei fuoco, sei caritä.
Vieni Spirito Santo, vieni Spirito Santo.

Du bist die Quelle des Lebens, bist Feuer, bist Liebe.
Komm, Heiliger Geist, komm, Heiliger Geist.

(Gesang aus Taizé, aus dem Italienischen)

Bei manchem Dogma fühle ich mich aber wie beim Chinesen ums Eck: Bei einer dreizeiligen, nur mit Mühe verständlichen Beschreibung des Gerichtes, die ich bei der Bestellung nicht wiedergeben könnte, bin ich froh, einfach sagen zu dürfen: Ich esse M22.

Die lächelnde Kellnerin nickt.

Ich bin froh, als das Erhoffte vor mir steht. Ich hatte längst vergessen, wie es sich definiert.

Die Frage nach der Zeit …

Es ist absehbar, was jemand zu dem Thema schreiben wird, der mit dem heiligen Augustinus vertraut ist: Von gefühlter Zeit und gemessener Zeit, nachzulesen in dessen Autobiografie, den »Confessiones«.

Vertane Lebenszeit nervt. Sie kommt nie wieder. Aus dieser Erkenntnis wächst Unzufriedenheit. Zu Beginn hat sie mich in Hektik versetzt. Und in Ungehaltenheit. Der erste Fehlschluss lautet: Es gilt, jede Minute mit Aktivität zu füllen, Effizienzsteigerung ist angesagt. Doch das ist damit nicht gemeint. Ein Abend mit Freunden ist keine vertane Lebenszeit. Zwei Stunden Schlaf am Nachmittag ebenso wenig. Ein verkaterter Vormittag schon eher. Ungehalten war ich früher (und ich kann es noch immer sein, bin eben von der Vollkommenheit noch weit entfernt), wenn andere Menschen mit meiner Lebenszeit sorglos umgehen: Eine Sitzung, in der schon alles gesagt wurde, aber noch nicht von jedem. Eine Veranstaltung, die unpünktlich beginnt und daher ebenso endet. Wenn mich jemand auf sich warten lässt. Da kann und will ich mich nicht trösten mit dem Gedanken, »da werden mir jetzt drei freie Minuten geschenkt«.

Zeit = Aufmerksamkeit. Es hat sich bisher für mich kein Grund gefunden, diese Gleichung zu widerrufen. Ganz im Gegenteil: Sie tritt immer deutlicher hervor. So lange ich Aufmerksamkeit schenken kann und will, ist Lebenszeit nicht vertan. Ebenso, wenn ich sie bekomme. Vor Jahren hörte ich einen Vortragenden zu Beginn des Abends sagen, dass er für das, was er zu sagen gedenke, die ungeteilte Aufmerksamkeit wünsche. Er wolle keine Störung haben, die Kellnerin solle nach einer letzten Bestellung für eine Stunde nicht mehr erscheinen, sonst würde die Fragerunde im Anschluss an den Vortrag eine Wiederholung des bereits Gesagten und nur oberflächlich Gehörten – es sei seine Lebenszeit, die er dafür nicht zu opfern gedenke.

Bendigo al Señor porque escucha mi voz,
el Senior es mi fuerza, confia mi corazón.

Ich preise den Herrn, denn er hört meine Stimme,
der Herr ist meine Kraft, mein Herz vertraut ihm.

(Gesang aus Taizé, Psalm 8,6–7; aus dem Spanischen)

Den Inhalt des Vortrages kann ich noch heute bis ins Detail wiedergeben. Eingeprägt hat sich mir aber besonders der Umgang mit seiner Lebenszeit, die der Vortragende notwendigerweise, aber nicht schutzlos, in unsere Hände gelegt hat.

Die Frage, wie ich mit meiner Lebenszeit umgehe, stellt sich mir täglich. Nicht nur im Angesicht des Todes. Vor allem im Angesicht des Lebens. Was ich morgen wissen möchte, werde ich heute fragen müssen. Worauf ich morgen vorbereitet sein soll, muss ich heute abschätzen können und nötige Schritte setzen. Als Lehrer weiß ich: Es ist nicht zielführend, von einer Stunde zur nächsten zu unterrichten. »Jahresplanung« heißt es im Amtsjargon. Ich weiß, wie viele Stunden ich im Lauf des Jahres in einer Klasse durchführen werde. Ebenso bekannt ist, was ich laut Lehrplan unterbringen soll. Das braucht Planung, Einsatz, Flexibilität, Zielstrebigkeit. All das ergibt einen Mix, den man Schule nennt – in dem die Gleichung Zeit = Aufmerksamkeit eine neue Bedeutung gewinnt: So aufmerksam zu sein, dass Schülerinnen und Schüler es nicht als vertane Lebenszeit verbuchen, meinen Unterricht besucht zu haben, weil ich eben auf sie eingehen konnte. Vice versa …

Haben Ich bin mir dessen bewusst, dass meine Lebenszeit begrenzt ist. Ich bedaure diesen Umstand nicht, sondern versuche, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und mit meiner Zeit sorgsam umzugehen.

Soll Da ich meine Lebenszeit optimal nützen will, geht dann und wann der Blick auf andere verloren. Gerade hier ist Demut angebracht: Meine Lebenszeit ist nicht mehr und nicht weniger wichtig als die anderer.

Zeit = Aufmerksamkeit. »Chill amal a bisserl!« – geeeenau. Freie Zeit ist Aufmerksamkeit für mich selbst. Habe ich begriffen, dass Zeit nichts mit Aktivität zu tun hat? Dass ich den Zeitbegriff längst auch hier gegen den Aufmerksamkeitsbegriff austauschen sollte? Dass ich, wenn ich müde bin, tatsächlich schlafen gehe und nicht noch irgendein Video anschaue, dem ich ohnehin keine Aufmerksamkeit mehr widmen kann (und nicht einmal will …)?

Wenn ich in den Kalender blicke, sollte ich mir nicht die Frage nach einem freien Termin, sondern die Frage nach meiner Aufmerksamkeitsfähigkeit stellen. Hört sich blöd an: »Nein, da kann ich nicht, da hab ich keine Aufmerksamkeit mehr frei!« – aber es ist wahr. Zumindest sprachlich werde ich also beim »Ich habe keine Zeit!« bleiben. Gedanklich bemühe ich mich, das andere zu realisieren.

Vielleicht fragt Gott mich einmal, ob ich zufrieden war mit der Lebenszeit, die er mir geschenkt hat. Nicht, dass ich ihm dann einen Vortrag darüber halten würde, dass ich manche Zeiten gerne etwas anders gehabt hätte, als sie waren. Wahrscheinlich wüsste ich sowieso nicht, was ich sagen sollte, oder ich hätte nicht den Mut zu einer Antwort. Er wüsste sie ja sowieso. Ich würde mich trotzdem freuen, sollte er mich fragen. Der Ewige nimmt sich Zeit für mich – eine faszinierende Vorstellung. Es wäre sehr aufmerksam von ihm.

Die Frage nach der Ewigkeit …