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Evelyn Grill

Der Sammler

Roman

Residenz Verlag

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© 2006 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4380-3

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1442-8

Inhaltsverzeichnis

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Für Joachim

Das Sammeln geht den Wissenschaften immer voraus.

Adalbert Stifter, Der Nachsommer

1

Im La Grotta flackerten Kerzen in Rokoko-Kandelabern. Ihr unruhiges Licht fiel auf die Gesichter der Gäste an den gedeckten Tischen und warf weiße Flammen auf das Tonnengewölbe. Irgang blieb in der Nähe des Eingangs stehen, bis sich seine Augen an das dürftige Licht gewöhnt hatten. Die Kellner flitzten an der schmächtigen Gestalt vorüber, als wäre sie unsichtbar. Endlich zwängte sich der Mann zwischen den tafelnden Gästen hindurch, nervös gefolgt von einem Kellner, der sich wegen der umfangreichen Bagage des Neuankömmlings um die gedeckten Tische sorgte.

Im Laufe der Zeit hatte sich das La Grotta von einem lärmigen Studentenlokal zu einem Restaurant der gehobenen Mittelklasse entwickelt. Hier traf sich seit zwanzig Jahren Professor Gregor Voss jeden Freitag nach seinem philosophischen Seminar mit Freunden. Für die meisten Studenten war das Lokal zu teuer geworden, trotzdem hielt er daran fest, denn er war nicht nur Philosoph, sondern auch Historiker und besaß ein Gefühl für Tradition.

Er hatte sich seinem Sitznachbarn, dem Anglisten Otto Unlauter, zugewandt, und die Schriftstellerin Dora Stein spießte gerade ein Artischockenherz auf die Gabel, als Brigitte Schneider, die blonde Studentin der Germanistik im achten Semester, Alfred Irgang ankündigte.

Na endlich! rief Uta Aufbau, studierte Sozialpädagogin und ausübende Bewährungshelferin. Sie wandte sich um. Aber da stand der Mann schon an ihrem Tisch, begrüßte die Anwesenden mit beinahe anmutigem Neigen des Kopfes und dem feinen Lächeln des Weltmannes, das in auffälligem Gegensatz zu seinem heruntergekommenen Äußeren stand, zwängte sich schließlich mit seinen prallgefüllten Plastiktaschen hinter den Stühlen der Schriftstellerin und der Studentin vorbei an den für ihn freigehaltenen Platz an der Wand. Bis er ihn eingenommen hatte, verstummten die Gespräche. Irgang verstaute seine voluminösen Taschen, verschob dadurch das weiße Damasttischtuch, rasch griff man nach den Gläsern, Uta Aufbau bewahrte den Kerzenleuchter vor dem Umfallen.

Alfred, sagte Voss zum Ankömmling, als der sich endlich gesetzt hatte und das Tischtuch wieder zurechtgerückt war, ich war gerade dabei, vom Philologenkongreß in Amherst zu erzählen, schade, daß du so spät kommst.

Irgang antwortete nicht, und die Bewährungshelferin betrachtete ihn kritisch: Hast du wieder abgenommen? Finden Sie nicht auch, daß er schlecht aussieht? Dora Stein, an die sie sich wandte, zuckte mit den Schultern: Vielleicht ist das die Beleuchtung. Er sollte sich rasieren. So ein Dreitagebart sieht nur bei jungen Männern gut aus, die Anzüge von Armani oder Versace tragen.

Kann ich auch bei jungen Männern nicht leiden, sagte Brigitte, die eine rosige, leicht reizbare Haut hatte, entweder ein richtiger Bart oder gar keiner. Aber wenn schon Bart, dann auch gepflegt.

Otto Unlauter lächelte und strich über seinen rötlichen Kinnbart.

Irgang machte eine müde, abwehrende Handbewegung: Entschuldige, Gregor, entschuldigen Sie alle, bitte, mein Zuspätkommen, ich hatte keine Zeit, mich zu rasieren.

Die Sozialpädagogin schaute mit einem unschönen Lächeln in die Runde.

Keine Zeit? Die Augenbrauen des Professors hoben sich. Was hast du denn zu tun?

Ach, sagte Irgang und wischte mit den Händen über das Tischtuch, ich will gar nicht davon anfangen. Die Hausverwaltung, das Gesundheitsamt, das Ordnungsamt, das ist ja Hausfriedensbruch.

Ist es wieder einmal soweit? fragte Uta Aufbau vorwurfsvoll.

Die Wohnung ist unverletzlich! Irgang schlug mit der Faust auf den Tisch.

Ich bitte dich, nimm dich zusammen! mahnte der Professor.

Zuletzt kam auch noch der Heizkostenableser. Vor allem der Heizkostenableser. Ich habe keine Heizkosten, deshalb brauche ich auch keinen Ableser. Wir leben hier in einem Überwachungsstaat. In der DDR kann es auch nicht schlimmer gewesen sein. Nicht einmal die Wohnung ist dem Staat heilig.

Das meinst du doch nicht im Ernst, sagte der Professor.

Ganz im Ernst, aber ich möchte gar nicht davon reden.

Schade, sagte Dora Stein, das würde mich interessieren. Ich glaube, ich werde einmal über Sie schreiben. Hätten Sie etwas dagegen?

Irgang kicherte. Er bestellte sich eine Tomatencremesuppe mit Croutons.

Ja, wirklich, wissen Sie, wie Sie mir vorkommen? Wie so ein moderner Don Quichotte.

Don Quichotte? wiederholte er. Darauf wäre ich nicht gekommen. Daß ihm der Vergleich trotzdem schmeichelte, war von seinem Gesicht abzulesen.

Nein, meine Liebe, sagte Gregor Voss, unser Alfred ist ein moderner Sisyphos und deshalb ein glücklicher Mensch.

Das trifft es auch ganz und gar nicht, sagte die Sozialpädagogin entschieden und wandte sich der Freundin des Professors zu, und glücklich? Sehen so glückliche Menschen aus? Nein, Alfred Irgang ist ein ausgesprochenes Unikat. Sie müssen schon eine ganz neue Figur erfinden, da hilft Ihnen weder die griechische noch die römische Mythologie, auch nicht die Weltliteratur. Alfred ist ein fleischgewordener Appell an Ihre Imaginationskraft.

Der blickte amüsiert von Dora Stein zu Uta Aufbau und begann ein Lachen, das wie ein Niesanfall klang und seinen schmächtigen Körper schüttelte.

Du solltest dir endlich deine Zähne richten lassen, dann könntest du auch wieder einmal etwas Ordentliches essen. Ein Steak vielleicht, oder so eine schöne saftige Saltimbocca, wie ich sie mir bestellt habe, sagte der Professor, der sich kürzlich Schneidezähne hatte implantieren lassen.

Laß ihn, sagte Dora, er ist doch erwachsen. Wenn er nicht zum Zahnarzt gehen will, dann ist das allein seine Entscheidung.

Du sähest viel besser aus, wenn du Zähne im Mund hättest, fuhr Voss fort, nicht so hohlwangig.

Ja, ja, ich weiß. Er lächelte zustimmend. Aber ich muß ja nicht gefallen. Ich sollte auch zum Augenarzt und zum Dermatologen, fügte er trotzig hinzu.

Gut, daß du es einsiehst, sagte Voss.

Augenarzt? Was ist denn mit deinen Augen los? Uta Aufbau starrte ihm ins Gesicht. Du zuckst fort während mit den Lidern. Wenn du das meinst, da brauchst du keinen Augenarzt, da brauchst du einen Neurologen. Das ist entweder harmlos oder ein Gehirntumor. Würde ich schleunigst abklären lassen.

Das Zucken mit den Lidern könnte auch für eine Bindehautentzündung sprechen, warf Brigitte ein, hatte ich auch mal.

Laßt ihn zufrieden. Die Schriftstellerin legte das Besteck zur Seite und lehnte sich zurück. Das ist doch langweilig. Jeder Mensch hat die Freiheit, sich zugrunde zu richten, wenn er es will. Das ist das mindeste, was man jemandem zubilligen muß. Aber Sie sollten mehr von sich erzählen, ich kann sonst nicht über Sie schreiben.

Ich kann dir jede Menge von ihm erzählen, fiel ihr der Professor ins Wort.

Entschuldige, sagte Irgang, daß ich dich bei deinem Bericht unterbrochen habe.

Bitte, bitte! Ich wiederhole: Du solltest in Zukunft rechtzeitig kommen. Du weißt doch, daß wir uns immer um sieben Uhr hier treffen, und jetzt ist es fast neun. Wir müssen bald zur Bahn.

Ich für meinen Teil, widersprach die Sozialpädagogin, finde nicht, daß man einem Menschen einfach zuschauen soll, wenn er sich zugrunde richtet.

Wer richtet sich denn zugrunde? fragte Irgang.

Du, mein Lieber, und ich fühle mich schuldig an deinem Untergang, wenn ich dich sehenden Auges auf den Abgrund zugehen sehe.

Ich finde, jeder Mensch hat ein Recht auf seinen jeweils eigenen Untergang, bemerkte die Schriftstellerin mit Nachdruck.

Das finde ich ganz und gar nicht. Ich habe außerdem seiner Mutter in die Hand versprochen, auf dem Totenbett habe ich es seiner Mutter, der guten Betty, hoch und heilig versichert, mich um ihren einzigen Sohn zu kümmern und ihn nicht zugrunde gehen zu lassen.

Das nenne ich ein schönes Pathos. Sowas hört man heutzutage selten: ein Versprechen am Totenbett, sagte Otto Unlauter. Läßt mich an Charles Dickens oder an die Schwestern Brontë denken. Die Studentin fühlte sich an Novalis erinnert, fragte dann aber doch beinahe bestürzt:

Ja, brauchen Sie denn Hilfe? Das müssen Sie nur sagen.

Wenn Sie Hilfe brauchen, können Sie selbstverständlich auch auf mich zählen, versicherte der Anglist rasch.

Ihm kann nicht geholfen werden, sagte Uta Aufbau nachdrücklich. Ich mache ihm laufend Angebote. Ich, aber auch Kyra, sie konnte heute leider nicht kommen, läßt Sie aber alle herzlich grüßen, habe ihm schon oft aus der Bredouille geholfen, aber ihm ist letztlich nicht zu helfen.

Eine Aporie? warf Unlauter ein.

Uta beachtete den Einwurf nicht: Wir sind vor lauter Helfen krank geworden. Ich bekam einen regelrechten Bandscheibenvorfall und Kyra eine Sehnenscheidenentzündung, als wir ihm bei seinem zweiten Umzug halfen, den Kruscht aus seiner Mietwohnung in die Eigentumswohnung zu bringen. Kyra konnte einen Monat lang keinen Pinsel halten.

Irgang senkte den Kopf und schwieg. Als ihm der Kellner die Tomatensuppe servierte, krümmte er sich unter den Tisch, verschob dabei das Tischtuch; Uta kniff ihre Lippen zusammen, daß sie schmal wie ein Strich wurden, und schüttelte mißbilligend den Kopf. Die Studentin rettete die Suppentasse vor dem Herunterfallen, während Irgang kopfunter in seinen Taschen stöberte. Schließlich brachte er einen Packen mit Hochglanzbroschüren und anderes bedrucktes und bekritzeltes Papier hervor und türmte alles neben die Suppenschale auf den Tisch.

Ach du liebe Zeit, rief Dora, was haben Sie denn wieder angeschleppt! Wo haben Sie das verdreckte Zeug gefunden?

Es riecht nach Schimmel, und ich bin gegen Schimmelpilze allergisch. Die Studentin hielt sich ein Taschentuch vor die Nase.

So? Wie äußert sich denn das? fragte der Privatgelehrte voll Anteilnahme.

Ich bekomme Quaddeln im Gesicht.

Wie peinlich! Hörst du? Uta wandte sich vorwurfsvoll an Alfred. Deine Objekte sind gesundheitsgefährdend.

Unlauter fand die Quaddeln interessant, denn er habe einen Schwager, der bekomme Asthmaanfälle, wenn er mit Schimmelpilzsporen in Berührung gerate.

Irgang hatte nicht zugehört. Schade, daß Kyra, unsere Künstlerin – er tauchte mit rotem Kopf unter dem Tisch auf –, heute nicht hier ist. Für sie hätte ich einige erstaunliche Dinge gefunden. Jetzt, wo sie sich auf Installationen und Kästchenbilder, glaube ich, spezialisiert hat. Es ist auch etwas für Sie dabei, sagte er dann zu Dora Stein, Sie brauchen doch Material für Ihren Roman? Er reichte ihr ein Papierbündel. Alles Briefe, handgeschrieben, sagte er. Die Frau ergriff sie mit spitzen Fingern.

Wo haben Sie das denn her? Der Mann kicherte. Lesen Sie doch, sagte er und begann endlich seine Suppe zu löffeln.

Sie sollten nichts annehmen, das haben wir doch verabredet, mahnte die Sozialpädagogin, wir müssen da ganz strikt sein und zusammenhalten, sonst gewöhnt er sich das nie ab. Schon das geringste Interesse, das wir seinen Fundstücken zeigen, konterkariert alle meine erzieherischen Intentionen.

Dora entfaltete ein Blatt Papier. O Gott! sagte sie indigniert.

Lesen Sie doch! forderte sie auch der Anglist auf.

Es ist nicht ganz salonfähig, aber wenn Sie unbedingt wollen. Also hier steht: Mein allerliebster Galgenvogel – schlechte Schrift, schwer zu lesen – habe gestern wieder umsonst auf Dich gewartet. Warum hast Du mich wieder sitzenlassen … Nein, das kann ich hier nicht vorlesen.

Doch, insistierte Uta Aufbau, das ist soziologisch interessant. Ah, frohlockte Irgang.

Also gut, wenn Sie darauf bestehen. Kein Datum. Mein allerliebster Galgenvogel, wenn Du heute wieder nicht kommst, fick ich mit dem Bruno, der winselt schon seit Tagen vor meiner Tür. Antworte mir sofort, ob Du mich noch liebst, sonst leck mich am Arsch …

Das genügt, sagte Voss angeekelt zu Irgang, vom Romanschreiben hast du wohl wenig Ahnung. Ich muß sagen, es ist unappetitlich und indiskret. Du solltest dich schämen. (Und er dachte an seine Mülltonne und erstmals daran, sich einen Shredder anzuschaffen.)

Ganz meine Meinung, sagte die Bewährungshelferin, geben Sie ihm den Schrieb nur gleich wieder zurück.

Immerhin »Galgenvogel«, sann der Dozent dem Gehörten nach, das ist doch heutzutage ein selten gebrauchtes Wort. Das hat Poesie. Wahrscheinlich von einer reifen Frau geschrieben.

Ironisch, gab die Studentin zu bedenken, »Allerliebster« in Verbindung mit »Galgenvogel« sei doch hochironisch. Für eine einfache Frau sei ihr das zu raffiniert.

Das ist gut: von einer Frau! Dora grinste. Der Brief ist mit: Dein geiler Franz gezeichnet.

Oh, sagte der Dozent.

Die Studentin errötete und sagte: Na, dann!

That’s life, sagte Irgang ungerührt und lachte wieder lautlos, während ihm die Suppe durch die Zahnstummeln über das Kinn tropfte.

Der Professor räusperte sich. Wo hast du diesen Wisch gefunden?

Hab ich aus einem Container am Hauptbahnhof gezogen; aber das ist längst nicht alles. Sie müssen auch noch die anderen lesen. Die geben wirklich was her, beschwor er die Schriftstellerin.

Ekelhaft, sagte Uta, e-kel-haft, nehmen Sie nichts, lesen Sie nichts, ich bitte Sie.

Ja, ich finde auch, der Professor wandte sich an seine Freundin, du solltest dich damit nicht weiter befassen. Wer weiß, wer die in Händen gehabt hat, womöglich bekommst du davon einen Hautausschlag oder was Schlimmeres.

Irgang nahm die Briefe ungerührt wieder an sich und bot dem Anglisten die Broschüre des städtischen Kulturprogramms vom vergangenen Monat an, weil darin Vorträge über Lawrence Sterne, dessen Forschungsgebiet, angekündigt waren.

Unlauter blätterte das Heft durch, lächelte ein paar Mal boshaft, als er die Namen der Referenten las. Nicht gerade erste Sahne, sagte er und schob das Programm über den Tisch an Irgangs Suppenteller, außerdem nicht mehr aktuell.

Irgang entgegnete, sobald etwas gedruckt sei, habe es für ihn eine historische Dimension und müsse archiviert werden. Der Historiker kenne im Grunde keine Tempi passati.

Das Gegenteil ist richtig, behauptete Dora Stein, ein Historiker kennt nur Tempi passati.

Ich meine damit, sagte Irgang, daß die Vergangenheit meine Gegenwart ist.

Demnach ist meine Gegenwart Ihre Zukunft, antwortete Dora Stein.

Irgang schaute sie leicht irritiert an und sagte: Ich kenne keine Zukunft.

Die Suppe wird dir schon in der Gegenwart kalt, fuhr der Professor genervt dazwischen.

Ungerührt schob Alfred der Studentin eine umfangreiche Hochglanzbroschüre mit dem Thema Frauenhäuser in der Pfalz inklusive einer Dokumentation über geschlagene und mißbrauchte Frauen in Mannheim und Ludwigshafen über den Tisch zu. Ich dachte, das könnte Sie interessieren, das fällt doch in Ihr Forschungsgebiet? fragte er und löffelte seine Suppe.

Nein, ich glaube nicht, wirklich nicht, antwortete Brigitte pikiert, ich untersuche in meiner Magisterarbeit das Liebesproblem in Adalbert Stifters »Die Mappe meines Urgroßvaters«. Sie rückte die dickleibige Broschüre energisch von sich weg.

Sie können sie trotzdem behalten, forderte er sie auf und schob sie ihr wieder zu.

Die Freundin des Professors begann zu lachen, während die Studentin die Druckschrift neuerlich wegschubste.

Aber vielleicht ist das etwas für dich? Alfred wandte sich an die Bewährungshelferin, Frauenhäuser und geschlagene Frauen …

Ich nehme nichts, ich brauche nichts, wehrte Uta entschieden ab.

Eigentlich möchte ich gerne mit meinem Bericht über Amherst fortfahren, sagte Gregor Voss, aber erzähl doch du zuerst, Alfred, was ist mit den Heizkostenablesern und mit dem Ordnungsamt?

Da gibt es nicht viel zu erzählen. Die standen plötzlich vor meiner Tür, drückten die Klingel heiser, aber ich konnte sie nicht hereinlassen.

Warum konntest du sie nicht hereinlassen? Herrschaft, laß dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!

Ich dachte, du wolltest über Amherst erzählen, sagte Irgang und beugte sich über seine Suppe, das interessiert doch hier viel mehr.

Warum konntest du sie nicht hereinlassen? bohrte Voss weiter.

Ich konnte den Männern keinen Weg bahnen.

Keinen Weg bahnen?

Kaum bekommt man so ein Schreiben: »Sie haben … Sie werden aufgefordert« und so weiter, schon stehen die Männer vor der Tür und wollen in die Wohnung, ich konnte nicht so schnell alles freimachen, aber ich tat mein Bestes, das war dumm von mir, ich hätte es gar nicht probieren sollen, ich werde mich nie mehr so in Eile versetzen und bedrängen lassen, und da ist mir alles eingestürzt …

Eingestürzt, kreischte Uta, ja was denn eingestürzt? Bücher?

Ach, so allerlei, also alles ist auf mich gefallen. Einer der Männer, die in meine Wohnung eindringen wollten, mußte mir eine Stehleiter holen, mußte erst den Hausmeister suchen, damit ihm der eine Stehleiter verschaffte, damit ich über die eingestürzte Mauer hinwegsteigen konnte.

Sowas muß man sich erst einmal vorstellen! rief der Professor und war nahe daran, sich die Haare zu raufen.

Die Mauern von Jericho sind eingestürzt! Unlauter lachte unbändig.

Das ist eine tolle Szene, die muß ich mir notieren, fand Dora Stein. Erzählen Sie weiter!

Es gibt nichts mehr zu erzählen. Die sogenannten Beamten zogen wieder ab. Irgang grinste. Unverrichteter Dinge. Ich konnte niemanden hereinlassen, das war offensichtlich; trotzdem hat man mir jetzt eine Strafe angedroht, Vereitelung irgendeiner Amtshandlung wird mir vorgeworfen. Ich muß mir einen Anwalt nehmen.

Der wird Ihnen, wie ich fürchte, auch nicht helfen können, sagte Unlauter, der sich von seinem Lachanfall erholt hatte, Sie müssen den Heizungskostenableser in die Wohnung lassen. Sonst kommt Sie das noch teuer zu stehen. Ich kenne da einen Fall, meine Cousine …

Das regt mich jetzt wirklich auf, sagte Professor Voss: Du läßt den Heizungskostenableser nicht in die Wohnung, gehst nicht zum Augenarzt und läßt dir auch deine Zähne nicht richten. Und die Urne mit der Asche deines Vaters, hast du wenigstens inzwischen die Urne deines Vaters beisetzen lassen? Er wandte sich an die Studentin: Sein Vater ist vor zehn Jahren verstorben, und immer noch steht die Urne irgendwo …

Im Magazin der Friedhofsverwaltung, antwortete Alfred ruhig, da haben sie eine Menge Platz.

Ja, aber da gehört sie nicht hin! Gregor Voss schien verzweifelt. Wenn ich an deinen Vater, diesen feinen, immer eleganten Herrn, Doktor der Physik und der Chemie, denke …

Nein, du hast recht, die Urne gehört nicht dorthin, aber sie gehört auch nicht hierher. Ich dachte, du wolltest von Amherst erzählen, wiederholte Alfred mit einem gewissen Nachdruck, das interessiert doch viel mehr.

Keineswegs, rief Dora Stein, das mit der Urne ist gut, darüber müssen Sie mir noch Näheres erzählen.

Da brauchst du nur mich zu fragen, sagte Voss, ich kenne die Geschichte.

Ich auch, sagte Uta, es ist ein Skandal.

Haben Sie in Amherst auch Herrn Professor Berner getroffen? fragte der Privatdozent, der dem Gespräch eine andere Wendung geben wollte.

Walter Berner? Leider nein, er mußte absagen, wegen Krankheit glaub ich, oder seine Frau bekam ein Kind.

Wirklich schade, sagte Unlauter, ich hätte gerne gewußt, ob er noch den gleichen Unsinn verzapft wie vor vier Jahren, als ich ihn in Innsbruck erleben mußte.

Amherst ist ein einziger Alptraum! rief Dora Stein plötzlich überraschend. Überhaupt Amerika, a genuin nigthmare, dieses gechlorte Wasser mit den Eiswürfeln, das zum Essen serviert wird, die Amerikaner zerbeißen das Eis, daß es zwischen ihren Kiefern knackt. Wenn ich das höre, glaube ich mich von Knochen zermahlenden Hunden umgeben.

Dora liebt es zu übertreiben, lächelte Professor Voss nachsichtig. Aber nun trotzdem zurück zum Kongreß in Amherst.

Ich glaube, du verschiebst deinen Bericht auf das nächste Mal, bemerkte seine Freundin nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr, wir dürfen den Zug nicht verpassen, es ist der letzte.

Auch Irgang schaute auf seine Uhr, zuckte mit den Schultern und beugte sich über seine Suppe. Sie verlangten die Rechnung, Otto Unlauter und die Studentin erhoben sich, nur die Sozialpädagogin zögerte noch, bis auch sie sich zum Aufbruch entschloß.

Alfred hätte seine Mahlzeiten gern in geselliger Runde eingenommen. Da merkte er gar nicht, daß er aß, dennoch breitete sich, wenn sein Magen gefüllt war, ein Wohlgefühl in seinem Körper aus. Alleingelassen, würgte er an der kalten Brühe, denn das Essen war ihm nur eine lästige Notwendigkeit.

Seit er vor fünf Jahren seine Mietwohnung in Mannheim hatte verlassen müssen und er sich im zehnten Stockwerk eines anonymen Hochhauses in Ludwigshafen eine Eigentumswohnung angeschafft hatte, war sein Weg ins La Grotta länger geworden. Deshalb machte er sich frühzeitig auf den Weg, wanderte durch die Einkaufsstraße, ging blicklos an den Schaufenstern vorbei, nahm direkten Kurs auf die Konrad-Adenauer-Brücke, aber schon bevor er auf ihr ankam, hatte er den ersten seiner Beutel mit Fundsachen vollgestopft. Er fühlte sich von den Dingen geradezu angesprungen, brauchte sich nur nach ihnen zu bücken. Ich bin ein Dinge-Pflücker, dachte er, und dabei fiel ihm Sisyphos ein, ja, er war ein Sisyphos, und er war glücklich. Doch abgesehen vom Auflesen der Stücke von der Straße, stöberte er in den Abfallbehältern, die seinen Weg säumten. Er stellte fest, daß selbst in Zeiten der strikten Mülltrennung in Altpapiercontainern Yoghurtbecher oder Beleuchtungskörper aufzufinden waren. Über diese regelwidrig gelagerten Funde freute er sich. Er nahm sie in die Hände, untersuchte sie, drehte sie hin und her; und wenn er vermutete, was häufig der Fall war, daß er selbst oder irgend jemand aus seinem Bekanntenkreis die Sache noch brauchen könnte, steckte er sie ein. Auf jeden Fall nahm er Kuriosa. Ihnen konnte er nicht widerstehen, z. B. Zahnprothesen oder Dildos. Niemand konnte ahnen, wie viele Zahnprothesen sich schon bei ihm zu Hause angesammelt hatten und wie viele farbenprächtige und vielgestaltige Dildos. Wer entledigte sich solcher Dinge? fragte er sich. So etwas verlor man doch nicht einfach. Hinter diesen aufgegebenen Gegenständen witterte er rätselhafte Schicksale. Kürzlich hatte er eine praktisch neuwertige Packung mit Kondomen auf der Straße gefunden; die war sicher jemandem aus der Tasche gefallen. Er stellte sich den Mann vor, wie er in eine Situation geriet, in der er sie brauchte, seine Taschen durchwühlte, sie umkehrte und die Dinger nicht fand, natürlich nicht, denn er, Alfred, hatte sie ja in Händen. Das stellte eine Beziehung zu dem Unbekannten her. Oder zu einer Unbekannten. Vielleicht hatte die Kondome ein Mädchen verloren, und sie würde nun schwanger werden oder Aids bekommen oder keusch bleiben.

Unermüdlich war Irgang auch im Zusammentragen von Material für die Schriftstellerin, in der Hoffnung, er könnte sie mit seinen Sachen anregen, Geschichten oder gar Romane zu schreiben. Er hoffte auf eine Widmung am Anfang oder am Ende ihres Buches, die etwa lauten sollte: Die Anregung zu diesem Roman danke ich Herrn Alfred Irgang usw. Obwohl sie bisher für keines seiner Stücke mehr als abfällige Worte gefunden hatte, ließ er sich nicht entmutigen, ihr Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Notizen, Fotos, aus denen sich seiner Meinung nach ein Schicksal entwickeln ließe, vorzulegen. Er fühlte sich als Verteiler, als Umverteiler der Dinge. Er mochte die Dinge, und die Dinge zu mögen ist eigentlich wie eine Maschine sein, sagte er zu sich, weil man immer dasselbe tut. Man tut es immer wieder. Man tut es immerfort. Er ertappte sich bei dem Wunsch, wirklich zu einer Maschine zu werden und sich für unbegrenzte Zeit den Automatismen der Bodenlosigkeit ausliefern zu können, obwohl es ausgerechnet diese Automatismen waren, die ihn daran hinderten, rechtzeitig an den Stammtisch zu kommen, wo ihn sein ältester und einziger verbliebener Freund, der Professor, erwartete. Seine Ankunft scheuchte die Tischgesellschaft jedesmal auf, er irritierte sie, das bemerkte er wohl. Aber man interessierte sich auch für sein Tun und versuchte sogar, es zu begreifen. Besonders die Freundin des Professors, die über ihn schreiben zu wollen behauptete, sagte, bevor sie über ihn schreiben könne, einen Roman womöglich, müsse sie ihn verstehen, seine Beweggründe, die ihn dazu brachten, Dinge um sich anzuhäufen. Sie müsse sich in seinen Horror vacui einfühlen können, in seine Messie-Seele, vorher könne sie keine Zeile über ihn zu Papier bringen.

Natürlich verstand ihn niemand, es hatte ihn noch nie jemand verstanden, auch seine Mutter hatte nie das geringste Verständnis für ihn gehabt, geschweige denn sein Vater, und auch die Schriftstellerin würde ihn nicht verstehen. Er war nicht zu verstehen. Er gefiel sich darin, ein Rätsel zu sein, eine enigmatische Existenz. Du bringst mich noch ins Grab, hatte der Vater, seit er Pensionär war, immer wieder zu ihm gesagt. Du bist mein Sargnagel; wenn du dich nicht änderst, bringst du mich ins Grab. Und er war ja dann auch bald gestorben. Aber ins Grab hatte ihn der Sohn noch immer nicht gebracht.

Nein, das Unverständnis der Menschen störte ihn nicht, er brauchte nicht verstanden zu werden, das war keine Kategorie, die ihm etwas bedeutete, aber daß man ihn beachtete, daß seine Tätigkeiten, wenn auch kritisch, erörtert wurden, genoß er. Er liebte es, wenigstens für kurze Zeit im Mittelpunkt zu stehen und Gegenstand unzähliger Mißverständnisse zu sein. Der Professor machte sich offensichtlich Sorgen um seine Gesundheit, das gefiel ihm. Immer wieder forderte er ihn auf, vor allem einen Zahnarzt aufzusuchen. Sicher würde er nie einen Arzt, weder einen Augennoch einen Hautarzt, konsultieren, denn schon nach dem Verlassen des Stammtisches beschäftigte sich sein innerer Mechanismus mit den Dingen, die darauf warteten, von ihm aufgelesen zu werden, auf sie warf er seinen demokratischen Blick, denn alles war ihm gleich wertvoll.

Ich bin müde, sagte Dora Stein zu ihrem Freund, als sie im ICE Platz genommen hatten.

Wir dürfen aber nicht einschlafen, ich hätte einmal beinahe das Aussteigen verpaßt.

Erzähl mir von Alfred, sagte Dora, vielleicht hält uns das wach.

Wo soll ich beginnen?

Irgendwo, nur nicht bei Adam und Eva, denn das dauert sicher zu lange. Sie gähnte.

Du mußt seine Geschichte aber von Anfang an kennen, damit du über ihn schreiben kannst.

Ich wundere mich, daß immer alle Leute wissen, was ich, wenn ich über etwas oder jemanden schreibe, wissen muß. Ich bin kein Wissenschaftler, ich brauche keine Vollständigkeit der Fakten und der Daten. Erzähl was Kurzweiliges.

Er müsse aber trotzdem weiter ausholen, denn er sei auch Historiker, wie sie wohl wisse, und ein Liebhaber von Geschichten und nicht von Anekdoten.

Dora seufzte, schloß die Augen und beteuerte ganz Ohr zu sein.

Vor mehr als zwanzig Jahren, also lange bevor wir uns kannten, habe ich begonnen, jeden Freitag ein philosophisches Hauptseminar an der Universität abzuhalten. Alfreds Eltern, mit denen meine Eltern, bevor sie nach Hamburg umzogen, freundschaftlich verkehrten, bewohnten eine Villa im französischen Landhausstil. Sie boten mir an, nach meinem Seminar bei ihnen zu übernachten. Alfred studierte damals noch Geschichte in München, er forschte über mittelalterliche Ministerialen in der Pfalz, hieß es, angeblich sollte davon auch seine Doktorarbeit handeln, und ich nächtigte jeden Freitag während des Semesters bei den Irgangs und vertrat ihren abwesenden Sohn. Von den Eltern, besonders der besorgten Mutter, erfuhr ich, daß Alfred auch nach fünfzehn Semestern immer noch am Sammeln, am Zusammentragen der Quellen für seine Dissertation sei. Ich beruhigte sie mit einem Stifter-Wort: Das Sammeln gehe den Wissenschaften immer voraus, obwohl auch ich fand, daß Alfred zum Sammeln doch etwas viel Zeit aufwendete, und auch Eugen Irgang, damals noch Direktor der Landmaschinenfabriks-AG Mannheim, seufzte, wenn von dem schleppenden Fortgang, eigentlich Stillstand, der Studien seines Sohnes die Rede war. Einmal hatte ich einen Vortrag in München zu halten. Alfred wohnte in der Nähe des Odeonsplatzes zur Untermiete. Ich besuchte ihn. Er konnte mir als Sitzgelegenheit nur seinen Schreibtischsessel anbieten und nötigte mich, darauf Platz zu nehmen. Das Zimmer war vollgeräumt mit Mappen und Kartons. Er klagte, daß es schwierig sei, Neues über mittelalterliche Ministerialen in der Pfalz zu finden, es seien kaum unbekannte Dokumente aufzutreiben und die bereits bekannten längst in früheren Doktorarbeiten ausgewertet worden. Trotzdem hoffe er immer noch Beweise für seine These zu finden, die den Ministerialen einen anderen Status als den gemeinhin von der Forschung behaupteten zusprachen. Da er schon der Geschichte seiner mittelalterlichen Ministerialen nur noch schwer habhaft werden könne, sagte er mit einem resignierten Lächeln, versuche er einstweilen seiner eigenen Geschichte nicht verlustig zu gehen. Er lief zwischen den Papierstößen auf und ab, wies auf Journale und machte mich auf seine handschriftlichen Notizen aufmerksam. Die Zeitungen seien chronologisch geschichtet. Regelmäßig kontrolliere er ihre Reihenfolge. Er trage sich mit dem Gedanken, ein Zeitungsarchiv aufzubauen. Als ich ihn fragte, ob er denn bei den geschilderten Schwierigkeiten der Materialsuche für seine Doktorarbeit sich nicht überlege, sich einer anderen Thematik zuzuwenden, antwortete er: Keineswegs, er sei auf bestem Wege, allerdings wolle er sich nicht einengen lassen. Immerhin stoße er auf der Suche nach Originaldokumenten der Ministerialen Ottos III. auf Papiere, die wichtig und interessant seien, die aber im engeren und leider auch im weiteren Sinn nichts mit seiner Forschung zu tun hätten. Doch sollte er sich deshalb vom Gefundenen trennen? Eine solche Engstirnigkeit könne doch niemand von ihm erwarten. Unlängst habe er im Keller seiner Zimmerwirtin Handschriften entdeckt, allerdings nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem 19. Jahrhundert; Briefe, die ein Vorfahre der Zimmerwirtin, der 1812 aus wirtschaftlicher Not nach Amerika ausgewandert war, nach Hause geschrieben habe. Alle noch in der alten Kurrentschrift verfaßt, die er ja noch lesen könne, wohingegen die meisten seiner Kommilitonen dazu nicht mehr fähig seien. Die Briefe seien auch soziologisch äußerst interessant, er wolle sie bei Gelegenheit transkribieren und der einschlägigen Forschung zur Verfügung stellen, falls sich Interessenten fänden und die Zimmerwirtin damit einverstanden sei, mit der er aber im Augenblick nur das Notwendigste spreche. Jedenfalls habe er bereits Kontakte zu einem Heimatmuseum in Schriesheim geknüpft. Einstweilen lagere er die Dokumente bei sich. Der Zimmerwirtin habe er verboten, sein Zimmer zu betreten, da sie anfangs durch ihre Aufräum- und Reinigungswut für ihn wertvolle Dinge, ja, Unersetzliches einfach weggeworfen habe. Auch ihrer Tochter mißtraue er. Sie habe ihn, wenn er ihr im Flur begegnet sei, verheißungsvoll angelächelt, habe ihn sogar einmal eingeladen, mit ihr in der Küche Tee zu trinken. Nun aber gehe ein Gerücht, daß sie schwanger sei, ein Bräutigam sei aber weit und breit nicht in Sicht. Dadurch sei in ihm der Verdacht entstanden, sie wolle ihn verführen. Sie sei von Beruf Krankenschwester, wahrscheinlich habe sie ein Arzt geschwängert, und jetzt suche sie einen Vater für ihr Kind.

Paranoid, stellte Dora gähnend fest, eindeutig paranoid. Oder eine geradezu neurotische Angst vor Nähe.

Wir gingen dann in eine Kneipe. Er sollte schleunigst ausziehen, vertraute er mir dort an, doch mit seinem ganzen Archiv sei es zu schwierig. Das Mädchen war übrigens tatsächlich schwanger, heiratete aber wenige Monate später, allerdings keinen Arzt, sondern einen Handwerker, ich glaube einen Buchbinder, sagte Gregor Voss, der entdecken mußte, daß seine Freundin inzwischen eingeschlafen war.

Das sollte einer ernsthaften Schriftstellerin, der man Material vorlegt, eigentlich nicht passieren, dachte er enttäuscht. Auch er war müde, hielt sich aber mit Anstrengung wach, denn sie würden bald ankommen. Inzwischen betrachtete er Dora, deren Gesicht im Schlaf einen überaus sanften, wenn auch etwas blöden Ausdruck bekommen hatte, mit Zärtlichkeit, denn das Erwachen würde ihren Zügen wieder die Strenge geben, die ihn manchmal irritierte.

Irgang begegnete auf seinem nächtlichen Streifzug an der Ecke Freßgasse/Rathausgasse, die er regelmäßig wegen des meist mit originellem Abfall gefüllten Müllcontainers anpeilte, Rudi Muster, Doktor phil., der früher ein regelmäßiger Teilnehmer am Stammtisch des Professors gewesen war, aber sich dort seit längerem nicht mehr zeigte. Mit seiner tief über die Stirn gezogenen roten Zipfelmütze hätte ihn Irgang beinahe nicht erkannt. Er hatte ihn nicht vermißt, denn es passierte ihm stets, daß seine nächtlichen Begegnungen wechselten, daß manche auftauchten, manche verschwanden, wiederkamen oder nicht mehr wiederkamen.

Waren Sie verreist? fragte Irgang. Ich habe Sie lange nicht gesehen.

Verreist! Der Angesprochene lachte schrill. Verreist, Sie scherzen. Sie wissen doch, daß ich auf Sozialhilfe angewiesen bin. Allerdings, irgendwie haben Sie recht, ich war verreist, unfreiwillig und gratis verreist, jawohl, im Krankenhaus war ich auf Urlaub; er lachte unfroh und hob den rechten Arm, der noch einen Verband trug.

Wie ist denn das passiert? fragte Irgang und lehnte seine Plastiksäcke gegen den Müllcontainer.

Ein Unfall mit einem Hund, sagte Muster, Unterarm gebrochen, ziemlich kompliziert, mußte genagelt werden.

Mit einem Hund? wunderte sich Irgang und bückte sich, um etwas aufzuheben, das sich als Stadtplan von Heidelberg herausstellte, zwar verschmutzt, aber sonst komplett, er steckte ihn in einen seiner Beutel.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, sagte Muster, beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit asiatischen Religionen im weiteren Sinn, im engeren mit dem Lamaismus. Om, sagte er, ooooom. Ich muß endlich dieses verkopfte Universitätsleben aus mir herausstrampeln. Ich muß meine Gefühle zulassen. Meinem Bauch mehr Beachtung schenken, verstehen Sie. Das Om, wenn Sie es richtig aussprechen, kommt direkt aus dem Bauch. Er legte seine Hand an seine Mitte und sagte: Hier, eine Handbreit über dem Nabel, müssen Sie es spüren, wenn Sie Om sagen. Täglich fahre ich mit meinem Fahrrad zu meinem Baum in der Gartenstadt. Es ist eine Ulme, zu ihr bete ich.

Eine Ulme? fragte Irgang sinnend, denn er erinnerte sich an eine mächtige Ulme im Garten seiner Eltern.