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BERNHARD FLIEHER
WEIT, WEIT WEG

BERNHARD FLIEHER

WEIT, WEIT WEG

DIE WELT DES

Hubert von Goisern

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über .

FÜR MIA

»Wenn man eine Tradition nicht hinterfragt,
den sich verändernden Gegebenheiten nicht anpasst,
dann verliert die Tradition letztendlich ihren Sinn.«
Ilija Trojanow
(in: »Zu den heiligen Quellen des Islam«)

»But I was so much older then/I’m young than that now.«
Bob Dylan
(in: »My Baimg Pages«)

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Abfahren/Ankommen

Ein Vorwort

Wer reist, verlässt unentwegt vertraute Orte. Diese verlassenen Orte nenne ich Heimat. Es sind Orte, die nichts zu tun haben mit Staatsbürgerschaft oder Meldezettel. Stattdessen definieren sich solche Orte durch die an ihnen empfundene Geborgenheit. An solchen Orten werde ich beherbergt von Zuneigung und Liebe, Offenheit und Verständnis, und freilich auch von Erinnerungen und der aus diesen Erinnerungen wachsenden Sentimentalität. Einzelne Menschen können für mich solche Orte bilden. Aber auch Städte oder Landschaften können das sein – oder Häuser und Wohnungen. Aber auch aus Melodien und Textzeilen, Geschichten und Geschichte entwickelt sich meine heimatliche Geborgenheit, lässt sich eine vertraute Umgebung schaffen.

Wer nun aufbricht, lässt eben diese Vertrautheit – zumindest zeitweise – mit voller Absicht zurück. Darin liegt der Sinn des Reisens: Die Vertrautheit wird gebrochen. Sie begegnet neuen Erfahrungen, wird konfrontiert mit der Ungewissheit, aufgelöst in fremder Umgebung und trifft auf Anderes. Die Vertrautheit mit Orten und Emotionen erlebt in der Fremde ihre Bewährungsprobe. Und die überwältigende Macht der Gewohnheit büßt jene Kraft ein, die ohnehin nur Trägheit und Bequemlichkeit erzeugt. »Wenn ich hier von Reisen spreche, denke ich natürlich nicht an touristische Abenteuer. Für uns Reporter ist die Reise eine Herausforderung und Anstrengung, Mühsal und Opfer, eine schwierige Aufgabe, ein ambitioniertes Projekt, das wir verwirklichen wollen«, definiert der polnische Journalist Ryszard Kapuściński den Weg, auf dem man sich idealerweise bewegt, wenn Zeugnis gegeben werden soll von der angeblichen Fremde. Wo sich gewohnte Blicke, bekannte Gerüche oder übliche Lebensweisen messen müssen mit neuen Ansichten und neuen Tönen, entstehen neue Welten.

Wenn das passiert, wenn sich – möglichst vorurteilsfrei und mit so wenigen Erwartungen wie möglich – der Schritt in eine neue Welt ereignet, hat der Reisende sein Ziel erreicht. Um an solche Orte der Auflösung zu gelangen, muss niemand rundum die Welt reisen. Es reicht dafür auch eine Einladung nach Hallstatt. Er werde sich dort einen Wunsch zu seinem Geburtstag erfüllen, erzählte Hubert von Goisern bei einem zufälligen Treffen im Frühherbst 2002 im Salzburger Café Bazar. Im Hallstätter Café Polreich werde er zu seinem Fünfziger mit ein paar Musikanten aus der Region aufspielen. Ein paar junge werden da sein, aber auch ein paar legendäre.

Das Polreich sieht aus, als hätte sich hier in den vergangenen paar Jahrzehnten wenig verändert. Sogar eine Tafel mit Schillingpreisen wurde in der Stube hängen gelassen. In diesem Café mit hölzerner Terrasse direkt über dem Hallstättersee und einem Blick über das unheimlich dunkle Wasser auf das mächtige Dachsteinmassiv stand schon vor Jahrzehnten eine Musikbox. In den 1960er Jahren drückten sich aus dieser Musikbox Jugendliche der Umgebung einen neuen Soundtrack für ihr Leben. Hier trafen im Leben von Hubert von Goisern die Beatles und die Rolling Stones auf die Blasmusik, in der er Flügelhorn lernte. Im Takt der Rock’n’Roll Music wuchsen im Tal die Träume von der weiten Welt. Nun, zum Fünfziger, dampft die kleine Stube. Von draußen haben die Gäste die Novemberkälte mitgenommen. Es ist stickig. Es wird gejodelt. Zwiefache und Polkas jagen einander. Hubert von Goisern, der Star, muss hier keine Erwartungshaltung erfüllen. Man kennt einander seit einer Ewigkeit. Man schätzt einander, und es gibt auch ein paar Sticheleien, ob es denn tatsächlich notwendig gewesen sei, dass er die Volksmusik elektrifizieren musste. Alles passiert freundschaftlich, aber nicht gänzlich ohne Ernsthaftigkeit. Und jeder Ton klingt, wie das nur dort passiert, wo man sich geborgen fühlt, wo Vertrautheit herrscht.

Ein paar Monate zuvor war Hubert von Goisern von seiner ersten Tournee in Afrika heimgekehrt. Ich war dieser Tour auf die Kapverdischen Inseln, in den Senegal und nach Burkina Faso als Berichterstatter für die Salzburger Nachrichten gefolgt. In der dampfenden Stube des Polreich tauchten die Erinnerungen an die Hitze von Dakar und Ouagadougou, an afrikanischen Rhythmus und europäische Ungeduld wieder auf.

Bei der einsamen nächtlichen Heimfahrt auf eisglatten Straßen schwirrt ein Gedanke durchs Hirn: Wie gehen der Klang der Heimat, die Töne des Vertrauten zusammen mit dem Klang der Ferne, dem Sound der Fremde?

Aus dieser Frage über den Klang der Welt entstand schließlich die einige Zeit lose herumirrende Idee zu diesem Buch. Den letzen Impuls, der Idee die schreibende Tat folgen zu lassen, gab ein nebenbei gesagter Satz. Bei einem der Besuche auf der »Wallsee«, dem Schiff, auf dem Hubert von Goisern in den vergangenen beiden Jahren während seiner »LinzEuropaTour« unterwegs war, fiel im Juli 2007 dieser Satz. »So etwas werde ich mir nicht mehr antun«, sagte Hubert von Goisern. Und da fragt man freilich nach. Wie: »Nicht mehr antun«? Nie mehr? Und was genau eigentlich? »Das ist schon eine enorme Anstrengung. Ich glaub, das wird meine letzte große Tour sein«.

Womöglich die letzte Tour auf fremdem Terrain, die letzte Tour unter den vielen Abenteuern eines Rastlosen, die menschliche Begegnungen ermöglichten. Vor allem aber waren es Expeditionen, bei denen sich musikalische Grenzwanderungen und Grenzüberschreitungen ereigneten.

Hubert von Goisern veränderte mit solch einer Grenzüberschreitung die Musiklandschaft Österreichs. Mehr noch: Er veränderte den Umgang des Landes mit seiner (musikalischen) Tradition. Er riss ein Fenster auf, das in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg fest verschlossen war. Als erfolgreichster Protagonist der sogenannten »Neuen Volksmusik« hinterlässt er seit den frühen 1990er Jahren markante Spuren. Nicht immer liegen sie so leicht erkennbar an der Oberfläche wie beim Hit »Koa Hiatamadl«. Selten werden sie vom Mainstream wahrgenommen. Dort, wo die Bedeutung dieser Musik nachhaltig ihre Spuren hinterließ, im Untergrund, in fernen Ländern, aber auch gleich ums Eck im Café Polreich, wurden die Geschichten für dieses Buch notiert.

»Entdecktes Reisen, Lesen und Reflexion«, das erzeuge seine Texte, berichtete Ryszard Kapuściński. Bei der überwältigenden Qualität von Kapuścińskis Arbeit lässt sich bedenkenlos zugeben, dass man sich diese Arbeitsweise abgeschaut hat. Bei der Berichterstattung von den Reisen mit Hubert von Goisern kommt noch ein viertes Element dazu: Intensives Hören von Musik.

Manche der hier veröffentlichten Texte gab es – zumindest in fragmentarischer Form – schon, als die Idee für dieses Buch wuchs. Diese Texte wurden nun nach Lektüre der alten Notizbücher überarbeitet und ergänzt. Manche der Texte folgen Reportagen, die in den vergangenen zehn Jahren schon in den Salzburger Nachrichten von den diversen Musikreisen mit Hubert von Goisern veröffentlicht wurden. Die Reportage aus New York wurde im Anschluss an diese Reise recherchiert.

Keine Biografie eines musizierenden, weltreisenden Künstlers soll hier entstehen. Wer in den Texten bisher verschwiegene private Anekdoten sucht, wird nichts finden. Nichts erhebt den Anspruch auf historische Vollständigkeit, weil es stets durch den subjektiven Filter des beobachtenden Schreibers wiedergegeben wird. Vielmehr geht es, immer mit Musik im Ohr als Ausgangsbasis, um die Deutung und Erläuterung eines Phänomens vor dem Hintergrund politischer Situationen, gesellschaftlicher Wandlungen, anderer musikalischer Strömungen und Einflüsse sowie der Suche eines jeden aufmerksam Reisenden nach etwas, das man spürt, aber niemals endgültig beschreiben kann.

Salzburg, Dezember 2008

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KAPITEL EINS

»Solide Alm«

Fluss aus Erinnerung

Vukovar, Castle Park – 9. Juli 2007

Ein Atemzug. Nur einer noch. Breit walzen sich bis dahin die ersten taktlosen Töne aus der Ziehharmonika einem Rhythmus entgegen. Ein Atemzug noch. Eineinhalb Minuten des Liedes sind vorbei.

In diesen einen Schnaufer hinein, in diesen Atemzug nach knapp der Hälfte des Liedes beginnt die Snaredrum den Takt mitzuwippen. Vorsichtig pirscht sie sich aus dem Hintergrund heran. Die Ungeduld ihres Drängens, ihr Sound, ein leicht nervöses, metallisches Klirren, kommt einem Versprechen gleich: Hier wird etwas passieren. Noch aber heißt es warten, noch deutet nichts hin auf die Erfüllung des Versprechens. Es wird nur mit jedem Takt dringlicher. Noch bleibt das Fenster fest geschlossen, das am Ende der Geschichte dieses Liedes weit aufgerissen sein wird. Wir werden aus dem Fenster hinausschauen über das Dorf zum Taleingang, hinter dem wir einen Horizont erkennen, von dem sich nur eines mit Gewissheit sagen lässt: Dahinter muss noch etwas sein, dort muss noch etwas existieren, etwas Aufregendes womöglich, etwas Bereicherndes. Jedenfalls etwas Unbekanntes. Wie sonst wäre die Lust zu erklären, mit der wir dorthin ins Fremde aufbrechen wollen?

Das Wissen um die Ungewissheit der Möglichkeiten, die sich hinter dem Horizont auftun, kommt dem Gefühl einer Schifffahrt auf einem breiten Fluss, der sich durch eine Ebene wälzt, gleich. Wer sich solcherart auf einem Fluss bewegt, ohne Karte, ohne Wegweiser, eben nur, um den Fluss zu befahren, um zu sehen, wo er hinführt, dem gibt nichts auf der Strecke Anhaltspunkte für den nächsten Teil des Weges.

Kilometerangaben, kleine Lichtungen am Ufer, umgestürzte Bäume, morsche Stämme, Grün in allen Schattierungen – und darüber ein zum Greifen naher Himmel. Dass wir nicht verloren gehen, darauf lassen uns nur kleine menschliche Rückstände vertrauen. Die hölzerne, schiefe Bank eines Fischers. Plastikfetzen, die das letzte Hochwasser an die oberen Äste eines Strauchs gespült hat. Stromleitungen, die über die dichten Uferwälder irgendwohin laufen als Erinnerung an eine jenseits des Flusses liegende Zivilisation.

Die kroatische Aulandschaft, dort, wo die Drau in die Donau mündet, schützt Fluss und Schiff. Die Sonne geht an diesem Morgen direkt in der Verlängerung des Flusses auf. Zunächst bricht sich ihr mattes Licht noch im Nebel, der – erzeugt vom Temperaturunterschied zwischen Luft und Wasser am frühen Tag – wie schwebender, halbdurchsichtiger Tüll knapp über dem Fluss wabert. Aus dem Licht des roten Sonnenballs strömt die Wärme nur mühevoll. Mit den ersten Strahlen, die sich durch den Nebel bis auf die Haut kämpfen, beginnt die Erwartungshaltung zu steigen. Mit der Erwartung aber schleichen sich auch die Vorurteile aus den hinteren Teilen des Hirns wieder an die Gedankenoberfläche. Frühmorgendliche Schwärmerei und romantische Idealisierung unterliegen gegen die Logik und Erfahrung.

Loslassen. Was denn? Kennen lernen. Wen denn? Mit der Unberechenbarkeit des Wassers leben. Hinter der nächsten Biegung des Flusses ein offenes Herz erwarten. Schöne Ideen. Große Herausforderungen. Aber wer beherrscht das schon, ein Wandern ganz ohne Ziel, ganz ohne jenen Rucksack, auf dem ein großes »Ich« steht?

Wenn die Ziehharmonika, die Steirische, den ersten Schnaufer in das Lied hinein tut, bewegt sie sich wie ein Wanderer während der ersten Schritte, bei einer Bergtour, die ihm unbekannt ist. Bedächtig und respektvoll nähert sich, wer bei einer solchen Tour nicht nur den Gipfel erreichen, sondern auch heil wieder zurückkommen will. Die Ziehharmonika tut mit ihren Atemzügen die ersten Schritte langsam auf den Berg zu.

Es ist der Berg, aus dem sie selbst gewachsen ist. Ein mächtiges Massiv aus Vergangenheit türmt sich auf. Wer es zu bewältigen sucht, indem er es seinen gegenwärtigen Schritten unterordnen will, tut gut daran, seine Kräfte nicht bei den ersten Atemzügen zu verschwenden. Verführerisch bietet sich das Losstürmen an. Wer diesem Werben, der viel versprechenden Aussicht auf einen raschen Erfolg nachgibt, der endet in atemloser Erschöpfung.

In den eineinhalb Minuten, bevor die Snaredrum als Versprechen auftaucht, türmen sich im Klang der Ziehharmonika Geschichte und Geschichtsmissbrauch auf, Klischees und jene bitteren Wahrheiten, die diese Klischees erst ermöglichen. In den Tönen der Ziehharmonika schwingt mit, was im deutschen Sprachraum »Volkskultur«, »Volksgut«, »Volkslied« genannt wird – und was allein des historischen Umgangs mit den Worten und wegen einer daraus resultierenden Überfrachtung mit Deutungen schon etwas grundsätzlich anderes, etwas weit schwerer zu Fassendes, weit schwieriger zu Bestimmendes und nur mühsam theoretisch Einzugrenzendes ist, als das, was die Anglophilen musikalisch simpel unter »Folk« subsumieren.

»Volks«-Irgendwas wird weithin so genannt, weil es dafür keine besseren, im deutschsprachigen Kulturkreis vor allem aber keine unbelasteteren Vokabeln gibt. Ein Geröllfeld von Missverständnissen und Missachtung, von politischem Missbrauch erhebt sich vor uns. Manifest wird dieser Missbrauch gewachsener Traditionen in der Ideologie der Nazis ebenso wie im Wirken zeitgenössischer Brauchtumswächter oder durch die ablenkende Verkitschung der Reproduzenten einer Heile-Welt-Lüge in den volkstümlichen Unterhaltungsfabriken.

Auf diesem gefährlichen Geröll aus erfundener Reinheit und leicht verkäuflicher Idylle rutscht man schnell ab, saust talwärts, wo die ewigen Bewahrer der ausgedachten Reinheit ihr Quartier genauso aufgeschlagen haben wie jene, denen alles nicht weit genug von ihrem geografischen Daheim und den damit verbundenen historischen und sozialen Verwerfungen entfernt sein kann, damit sie es überhaupt gut finden können.

Nähe ist ganz pfui, die Ferne eine überwältigend verlockende Schönheit. Und beim schweifenden, so weltgewandten Blick in diese Ferne entsteht die Mystifizierung – allein schon aus Unkenntnis – leicht. Wer aber hier auf dem Hausberg abrutscht, der bleibt mit gebrochenem Genick liegen. Ein gefährliches Terrain ist die Heimat, wo ernsthaft mit ihr gespielt wird.

Nach zwei Minuten, die Hälfte der Strecke ist erreicht, holt die Ziehharmonika noch einmal tief Luft. So als suchte sie nach einer letzten Chance, in ihrem angestammten Gebiet bleiben zu können. Als wehrte sie sich gegen das Drängen aus dem Hintergrund, von dem sie nun zum Mittel gemacht wurde, mit dem sie gegen ihre eigene Welt anrennen muss. Aber es ist schon zu spät. Sie kann nicht widerstehen. Längst rüttelt von draußen heftiger Wind am Fenster. Der Gitarrist steht bereit für seinen Einsatz. Ein letzter Atemzug noch und dann bekommt der Klang der Ziehharmonika einen neuen Bestimmungsort.

Das Lied, das hier auf den Weg geschickt wird, um sich einen neuen Ort zu suchen, heißt »Solide Alm«. Ein langer Weg ist es, auf den sich dieses Lied begibt. Links und rechts umgeben von Gefahren, muss es reisen.

»Solide Alm« ist eine traditionelle Melodie. Ein Zwiefacher von der Art, die nicht nach vorne drängt, sondern getragene Stimmung verbreitet, fast wie zu einem Walzer kann dazu getanzt werden. Das Lied hat keine Worte, jedenfalls keine, die sich für einen Text geeignet hätten, der zu dieser Melodie geschrieben und gesungen werden könnte. Aber was heißt das schon? Wer hören kann, soll spüren. Das Musizieren entzieht sich, wo es auf offene Ohren trifft, einer endgültigen Bewertung, steht an emotionalen Orten jenseits aller Erkenntniskategorien. Erzählt wird in »Solide Alm« von zwei Welten, die wenig miteinander zu tun haben, als der Song zur Welt kommt.

1988 kam »Solide Alm« in die Welt. Der dritte Song auf einem Album, das »Alpine Lawine« heißt. Das Album wurde unter dem Namen »Alpinkatzen featuring Hubert von Goisern« veröffentlicht, das Krähen eines Hahns und Vogelgezwitscher eröffnen dieses Album. Und in diese dörflichen Weckrufe hinein mischt sich Lärm, wie man ihn in einer Stadt durch ein geöffnetes Fenster von der Straße hören kann. Zu sterilem, beim Zeitpunkt der Albumveröffentlichung längst heillos unmodernem synthetischen Keyboard-Sound der 1980er Jahre wird gereimt: »Alpenglühn in der Straßenbahn/ edelweiße Lust und Jodlerwahn«.

Unausgegoren und ohne Zusammenhalt mäandern nach dieser Eröffnung mit dem Titelsong elf Lieder zwischen Blues, Swing und alpenländischer Volksweise, zwischen Disco und Landler. Warme Töne quetschen sich aus der Ziehharmonika. Hohl klimpert das Keyboard. Steif erinnert die E-Gitarre an jene Zeiten, aus denen ihr Sound nachgespielt wird. Sie alle treten an zum Duell mit trendigen 1980er-Jahre-Beats aus den hohlen Tiefen technischen Geräts und mischen Gassenhauer aus dem Repertoire der Popmusik- und Schlagerkultur.

Am Ende des Albums wird auch noch Leopold Figl, erster Bundeskanzler Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, mit seiner berühmten Weihnachtsansprache des Jahres 1945 zu hören sein: »Ich kann euch nichts geben (…). Ich kann euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich«. Die Zeilen, unterlegt von einem sphärischen Flimmern, gehen über in eine betörend simple Melodie. Wortlos wird der Adventliedklassiker »Es wird scho glei dumpa« geflötet, als fliege er aus weiter Ferne daher, als könne er uns irgendeinen Glauben an irgendwas schenken, nur weil er uns an Wärme und Sehnsucht, an die Geborgenheit der Kindheit und an jene Teile unseres Gehirns erinnert, wo wir versteckt halten, was uns tief berühren kann.

Wo auf diesem Album, dem Debüt von Hubert von Goisern, Text auftaucht, passiert das mal in englischer Sprache, mal in deutscher. Und immer wieder dient – in der Menge behutsam, in der Wortwahl nachdrücklich – der Dialekt als Steinbruch für Wortbrocken.

Es wird in ländlichen, alpenländischen Klischees gekramt. Die Stadt wird gegen das Land ausgespielt und umgekehrt. Das Keyboard nervt durch Hektik. Die Ziehharmonika verzweifelt bei der Suche nach einer eigenen Sprache und wirft sich je nach Laune oder Anweisung des Produzenten auf die Seite der Disco, des Punk und Rock oder des Landlers und des Zwiefachen. Quetschen-Esperanto und E-Gitarrenweitläufigkeit – beides verloren im Labyrinth des Suchens zwischen avantgardistischem Wollen und angestrengtem Tun. Ein erster kaufbarer Daseinsbeleg, der sich archivieren lässt. Mehr nicht.

Nach einer Gesamtspielzeit von knapp 37 Minuten endet alles unentschieden. Wir erleben aber kein glorioses 4:4, keinen Schlagabtausch, bei dem egal ist, dass kein Gewinner mehr auszumachen ist, weil die Wichtigkeit des Ereignisses ohnehin aus seiner Schönheit wuchs, aus der Macht, mit der brilliert wurde. Wir erleben stattdessen eine bittere, ernüchternde Torlosigkeit, in der Ziehharmonika und E-Gitarre, Posaune und Keyboard ihre Territorien, ihre angestammten kulturellen Biotope verteidigen. Losgeschickt wurden sie, um die Lager zu versöhnen, um die Alltagssprache Pop mit der Umgangssprache Volksmusik zu verbinden.

Nur weil diese Pole zusammengeführt werden, ergeben sie aber noch kein großes Ganzes – oder gar ein ganz Neues. Vielmehr werden auf »Alpine Lawine« eindeutig regional oder sozial zuordenbare Musikingredienzen als Schutzschild einer massiven Abwehrhaltung gegen den jeweils anderen in Stellung gebracht. Wogegen allerdings werden sie aufgeboten? Was verteidigt sein will, bleibt unklar. Und auch, wohin aufgebrochen werden soll, lässt sich auf dem Album nicht erkennen.

Um als Volksmusik im Sinne einer im Alltag verankerten Kunst gelten zu können, fehlt diesen Songs der Massenappeal, die leichte Nachvollziehbarkeit, der Mitsingfaktor. Ein paar griffige Dialektbrocken und da und dort eine bestens bekannte Melodie in neuer Umgebung reichen dafür nicht. Auch Pop sind diese Songs nicht.

Es fehlt ihnen jenes Aufbäumen gegen das Normale, das Popmusik zu einem heldenhaften Abenteuer der Erneuerung macht, zu einem Spielplatz für einen ebenso absurden wie ernst zu nehmenden Weltentwurf, der etwas Besseres verspricht als das, was wir haben.

Ein überlegter Angriff, ein offensives Spiel mit übermenschlichen Kräften muss anders klingen als die hysterische Verkündigung im Titelsong: »Alpine Lawine, sie rollt hinauf/ und nichts hält sie auf.« Weit eher, als dass die Stadt erobert werden möchte, in der Pop von jeher wohnt, bleibt das schale Gefühl einer Bestandsaufnahme von Lebensumständen, deren Wurzeln in die Popmusik und in die heimatliche Musiktradition gleichermaßen ragen.

Hubert von Goisern flog als Jugendlicher aus der heimatlichen Blasmusik – zu lange Haare. Er reiste, war Straßenmusiker, bewegte sich schließlich im Umfeld der Avantgarde-Musik, traf den gleichgesinnten Wolfgang Staribacher und wurde »Alpinkatze«. Nur schemenhaft lässt sich auf ihrem gemeinsamen Werk »Alpine Lawine« erahnen, was aus dieser Doppelwurzel »Pop-Heimat« sprießen soll. In diesem Lieder-Dickicht, in dem jede Übersicht verloren geht, wo es so viele Wegweiser hinein und hinaus gibt, in die Stadt und zur Flucht aus ihr, auf das Land und zum Davonrennen, kann man sich nur verirren.

Wer mit bestehenden Mitteln an neuen Ufern landen will, muss bedeutend behutsamer vorgehen. Annäherungen passieren allmählich. Die Ruhe nimmt dem Manöver dennoch nichts von seiner Kraft, wenn das Manöver überzeugend, ja in positivem Sinn niederschmetternd ist. Die Ruhe macht das Manöver überlegter und sein Ende sicherer. Keine übertriebenen Aktionen, keine Hektik, die der ohnehin vorhandenen Anspannung, der unvermeidlichen Erwartungshaltung und damit auch den nicht auslöschbaren Vorurteilen ihre Kraft nehmen könnte. Wo Neuland betreten wird mit der Absicht, Geschenke zu machen und wahrhaftige Erfahrungen einzupacken, muss das Terrain hin und wieder auch aus der Distanz vorsichtig ausgelotet und vermessen werden.

Es ist Juli 2007. Hubert von Goisern befährt auf seiner LinzEuropaTour mit einem mächtigen Schiffsverband drei Monate lang die Donau von Österreich südostwärts bis zum Schwarzen Meer. Der Kapitän landet den Schiffsverband behutsam, mit ruhiger Hand im kroatischen Vukovar an einer steilen, steinern befestigten Uferpromenade. Das Publikum wird am Abend oben an der Promenade sitzen, im Schlosspark inmitten zerschossener Gebäude.

Fast 20 Jahre ist es her, dass Hubert von Goisern, damals noch mit Wolfgang Staribacher und den Liedern des Debütalbums »Alpine Lawine« durch Clubs tingelt. 1988, das ist das Jahr, in dem die UdSSR ihren Rückzug aus Afghanistan beginnt. KPdSU-Generalsekretär Michail Sergejewitsch Gorbatschow betont, dass jeder sozialistische Staat sein gesellschaftliches System frei wählen könne. George Bush I. wird zum Präsidenten der USA gewählt. Metallica veröffentlichen das epische Album »And Justice For All«. Céline Dion gewinnt den Eurovisions-Songcontest. Rainhard Fendrich dominiert mit »Macho Macho« die österreichische Hitparade. Der österreichische Bundespräsident heißt Kurt Waldheim. Und Vukovar gehört noch zu Jugoslawien.

Die Wunden der Vergangenheit liegen in Vukovar 2007 offen. Wo sie geschlossen sind, entpuppt sich das Verbandzeug als bloße Tarnung. Seit 2006 gibt es in Vukovar wieder eine kleine Fähre über die ein paar hundert Meter breite Donau nach Serbien. Die Fähre schippert nicht nach einem Zeitplan. Sie fährt nach Bedarf. Oft steht sie tagelang ungenutzt am Ufer. Bewacht aber wird sie rund um die Uhr. Ein paar Meter von der Fähranlegestelle flussabwärts liegt der Goisern-Schiffsverband vor Anker.

200 Besucher sind am Abend in den Schlosspark zum Konzert gekommen. Nein, wird Josip gegen Ende des Konzertes sagen, so eine Musik habe er noch nie gehört. Er schaut von der Rasenfläche vor dem Schloss auf das Bühnenschiff. Und wenn er daran vorbei schaut, sieht er, wie sich in den trägen Wellen des Flusses die beiden Lichter der serbischen Anlegestelle der Fähre am anderen Ufer spiegeln. Nein, sagt Josip, die Fähre habe er noch nie benutzt. Die Frage lautete, wann er zuletzt in Serbien war seit dem Krieg.

Die Größe der Bühne, die aus dem Bauch des Transportschiffs hochgefahren werden muss, und ihre technische Ausstattung mit riesigen Leinwänden erlaubten problemlos die Beschallung eines Openairs mit 10.000 Besuchern. Nein, sagt Josip schon am Nachmittag, nachdem er beobachtet hat, wie aufgebaut wurde, nein, so eine große Bühne habe er noch nie gesehen. Er sitzt im Café Lav am Marktplatz von Vukovar und erzählt von einem Leben mit dem Krieg.

Josip spricht langsam und beginnt seine Antworten oft mit »Nein« auf Fragen, die gar kein »Ja« oder »Nein« verlangt haben. Er spricht gutes Deutsch. In Stuttgart hat er gearbeitet und in Augsburg. Ende der 1980er Jahre war mit dem Lohn, den er dort verdient hatte, das eigene Haus fertig gebaut worden. Das Haus gibt es nicht mehr.

Monatelang war Vukovar 1991 von serbischen Truppen belagert, wurde beschossen. Zunächst hatte sich die Bevölkerung im nahen, serbisch bewohnten Dorf Borovo Selo geweigert, eine kroatische Flagge auf dem Rathaus zu hissen. Kroatische Polizisten rückten aus und gerieten in einen tödlichen Hinterhalt. Das Ereignis gilt als Auslöser des Kroatienkriegs. Mit Gewalt explodierte, was zwischen der ethnisch gemischten Bevölkerung der Region lange schon schwelte im Vielvölkerstaat Jugoslawien.

Im November 1991 war die Belagerung der Stadt Vukovar zu Ende. 84.000 Menschen lebten Anfang 1991 in der Region. Heute sind es knapp 40.000. Josip kennt die Zahlen nicht so genau. Die Plätze der Gräber aber von Freunden und Familienmitgliedern auf dem martialischen Friedhof am Stadtrand, die kann er jedem zeigen.

Immer noch ist Vukovar eine Stadt der Löcher. Kein Gebäude blieb von den Geschossen verschont. Auch im Zentrum, wo viel gebaut wird, klaffen Lücken, wo einst Häuser standen. Aus vielen Dächern wachsen Stauden. Über eingestürzte Stiegenhäuser wuchert Unkraut. Und die Wände der Häuser in den Nebenstraßen sind durchsiebt von Einschüssen. Sechs Millionen Geschosse seien auf die Stadt abgefeuert worden, sagt Josip. Weggehen wollte er nie. »Das ist mein Zuhause«, sagt er. Josip ist 49 Jahre alt. Seit vier Jahren hat er wieder einen Job in einer Schlosserei. Zuvor war er sechs Jahre arbeitslos.

Zwei bauliche Kriegsopfer ließen die Stadtpolitiker als Mahnmale der Belagerung stehen: ein zerstörtes Einkaufszentrum und die verwüstete Schlossanlage. Sie schauen beide von der Donaupromenade über den Grenzfluss nach Serbien hinüber. Sie sind der erste Gruß, den erhält, wer mit der Fähre von Serbien kommend direkt unter dem Schlosspark auf der kroatischen Seite anlegt.

Am Abend wird vor dem Konzertbeginn das durchlöcherte Schlossgebäude vom flimmernden Licht der Leinwände angestrahlt. Bedrohlich werfen ein paar Bäume und Laternenmasten lange Schatten auf die zerschossenen Wände. Knapp vor dem ersten Ton erlischt das Licht der Leinwände, auf denen Videos gezeigt werden über das Ökosystem Donau. In Vukovar wird der Fluss weniger als Naturwunder, denn als Grenze wahrgenommen. Erst recht durch die Annäherung Kroatiens an die Europäische Union.

Aus der Finsternis erheben sich gemächlich, fast majestätisch die ersten Töne. Nur schemenhaft ist Hubert von Goisern zu erkennen. Seine Ziehharmonika atmet tief durch und setzt an: »Solide Alm«. Reservierter Begrüßungsapplaus. Dann, als das Licht auf den Schlagzeuger fällt und er die Snaredrum mitwippen lässt, überraschtes Staunen und erste, sanft tanzende Bewegung bei einigen Besuchern. Der alpine Klang wird langsam zur Weltsprache.

Die Beschaulichkeit, die leichte Melancholie, die im Solospiel der Ziehharmonika zu fühlen ist, wird beschleunigt. Hier, wo Neuland betreten wird, wo niemand kennt, was jetzt passieren wird, lässt sich im Publikum schiere Ungeduld feststellen.

Schon seit der Geburt dieses Songs vor 20 Jahren speist sich die Ungeduld aus dem zittrigen Spiel der Snaredrum und dem ruhelos werdenden Atmen der Ziehharmonika. Dann folgen erste, harte Trommelschläge. Wie der endgültige Auftakt in das wahre, eigentliche Geschehen nach einem abtastenden Vorspiel stoßen diese Schläge das Lied vorwärts.

In seinen frühen Jahren war »Solide Alm« ein Lied im Rockkostüm, in das ein Traditional gesteckt wurde. Das widerspricht dem Eindruck beim ersten Hören der Originalaufnahme. In dieser Fassung gibt es nämlich nur ein kurzes Zwischen- und Mitspielen, das der E-Gitarre und dem Schlagzeug erlaubt wird. Es bleibt die Ziehharmonika im letzten Drittel des Songs allein zurück und weit hinten, in dem Raum, den sie öffnet, hört man in den letzten, lang gezogenen Ton hinein ganz leichtes Klavierspiel. Es entsteht der Eindruck, als beherrsche die Volksmusik, der alpine Hintergrund des Zwiefachen, den Song.

Obwohl Schlagzeug und Gitarre nicht bis zum Ende dabei sind, bleiben sie die Sieger, weil alles auf sie zuläuft, weil alles auf sie wartet. Da kann die Originalvorlage des Liedes noch so alpin daherkommen, noch so vor ländlicher Herkunft strotzen – hier soll Pop entstehen. Deshalb kracht das Schlagzeug los. Deshalb legt die Gitarre sich mit einem satten Backbeat über die Melodie der Ziehharmonika. Man soll sich nicht vom frühen Abschied von Gitarre und Schlagzeug täuschen lassen. Trotz ihrer Nebenrollen wirkt der Einsatz der beiden nicht, als wären sie dem Song nur als nachdrückliches Mittel der Verstärkung, also auch der Lautstärke, hinzugefügt.

Gitarre und Schlagzeug tun weit mehr, als der Melodie der Steirischen zu folgen, ihre öffentliche Wirkung zu kräftigen, dem Sound mehr Gewicht zu geben. Gitarre und Schlagzeug bemächtigen sich der Nummer. Ihre Macht, entstanden aus ihrem überraschenden Auftauchen im Kontext mit einem Volkslied, nutzen sie zu einem blitzartigen Überfall, zu einem Raubzug. Sie holen sich die traditionelle Weise aus dem Salzkammergut in ihre Welt. Und schon haben wir einen Rocksong, weil wir – heftige Gitarre, brutales Schlagzeug – an eine seit den 1960er Jahren universell gebrauchte Sprache erinnert werden.

Seine rohe Wildheit, seinen Freiheitsdrang, seine Bedeutung als exemplarischer Bastard aller Goisern-Welten, entwickelte das Lied erst mit dem Lauf der Jahre, in denen es in verschiedenen Besetzungen als Eröffnungssong bei Konzerten den Weg weisen musste. In die Trommelschläge hinein atmet die Ziehharmonika in der aktuellen Version auf der Schiffsbühne vor Vukovar noch zwei Mal tief durch und dann prescht die E-Gitarre nach vorne. Hier muss sie sich nicht mehr frühzeitig verabschieden. Nach ein paar heftigen Breitseiten darf sie zum Ende sogar noch ein paar zurückhaltende Signale geben mit hellen, leicht verzerrten Tönen, die ihre Eigenständigkeit untermauern.

Wenn die Gitarre eintritt ins Geschehen, kreischt sie wie ein Hilfesuchender. Das Lied sprengt – wie schon in der Originalversion – genau in diesem Moment seinen engen Kulturkreis. Hier aber, in einer hundertfach erprobten Live-Version, verlässt das Lied seinen Platz nicht mehr. Stattdessen öffnet es sich in alle Richtungen und bleibt so in einer Balance zwischen Erneuerung und Bewahrung. Es plündert nicht mehr den Schatz des Pop und es verkauft auch nicht seine alpenländische Herkunft.

Darin liegt die besondere Macht, die dieses Lied über die Jahre entfaltet hat. Was sich bei der Studioaufnahme bestenfalls schüchtern erahnen lässt, erzeugt in Live-Versionen dieses Songs seine wahre Kraft. Das Lied wird jedem bestimmten Ort entrissen, um überall heimisch werden zu können.

Mit ihrem letzten Solo-Atemzug kämpft die Ziehharmonika auf der Schiffsbühne vor Vukovar nicht mehr ums Überleben. Sie beherrscht die Situation. Sie bestimmt die Annäherung. Sie macht ihre Mitspieler zu Verbündeten. Niemand wird gezwungen, seine Freiheit aufzugeben. Niemals will die Ziehharmonika den anderen althergebrachte Gesetzmäßigkeiten aufzwingen. Nicht die Tradition verlässt das Tal und bricht auf zu einer großen Reise in die Prärie glorioser Rockherrlichkeit oder in einen finsteren urbanen, subkulturellen Untergrund. Umgekehrt stattdessen: Gitarre und Schlagzeug, seit gut einem halben Jahrhundert verstärkte und verzerrte und ungehobelte Heilsbringer der Popkultur, treten nun in die Welt der Ziehharmonika, bereichern sie, ohne sie zu unterwerfen. »Solide Alm« erhebt sich als mächtiges Massiv, in dem beide Welten – das Esperanto des Popuniversums und das regionale Idiom inneralpiner Talschluchten – gleichberechtigt ihren Platz finden.

Das Traditional im Rockkostüm erweist sich nun nicht mehr als die Mogelpackung der frühen Jahre. Es repräsentiert nicht mehr ein zielloses Mäandern durch Stile und Einflüsse. Die Selbstsicherheit, mit der dieser Song bei Konzerten immer wieder gleich zu Beginn die Richtung weist, symbolisiert den Weg des Hubert von Goisern.

Seine weltläufigen Streifzüge durch musikalische Landschaften und aufregende Regionen verdichten sich zu Songs, deren Grundessenz die Freiheit ist. Tief mag die Verwurzeltheit in der eigenen, angeborenen Musiklandschaft sein, niemals aber wird sie als undurchdringliche Vorlage eingesetzt.

Fremdes Terrain wird mit alten Tugenden erkämpft. Neugier und Offenheit heißen sie. Das Heimatliche, an dem das Ferne und Fremde gemessen wird, klingt aber nicht nach verstaubter Erinnerung. Das Rockende, das Tänzelnde, die Grooves, die Hubert von Goisern auf seinen Wegen den Takt gegeben haben, klingen nicht mehr nach zufälligen Zutaten.

»Solide Alm« entwickelte sich im Lauf der Jahre in verschiedenen Besetzungen vom Versuchsobjekt zur programmatischen Offenbarung. Der Song war nie ein Hit. Er konnte leicht überhört werden. Diese Situation der Unbeachtetheit ermöglicht ein großes Eigenleben, schafft Entfaltungsmöglichkeiten. Liedern, die Hits wurden, ist das unmöglich. Sie müssen Erinnerungen aufrechterhalten, weil sie einst, als sie Hits wurden, für jeden, der sie hörte, solche geschaffen haben. Lieder wie »Solide Alm«, die niemals in das Rampenlicht gestoßen wurden, können sich immer aufs Neue hinauswagen in unerforschte Gebiete.

Am Ende von »Solide Alm« dreht sich Hubert von Goisern auf der Schiffsbühne vor Vukovar weg vom Publikum. Hinein in die nur noch düster beleuchtete Bühne spielt er die letzten Akkorde, lässt die Ziehharmonika lange Luft holen. Er geht leicht in die Knie. Es sieht aus, als verlöre er den Boden unter den Füßen. Dann lässt er die Ziehharmonika noch ein letztes Mal tief durchatmen, um, da aller Ballast der Erinnerung abgelegt, alle Bedenken beseitigt sind, endgültig aufbrechen zu können.

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KAPITEL ZWEI

»Wildschütz Räp«

Das Tal hinter Waldheim

Rußbach, Turnhalle der Volksschule – 4. Juli 1992

Anderswo geht dann alles unter. Anderswo reißt blankes Entsetzen solche Gebilde der Täuschung in den Abgrund. Ihre Konstrukteure werden davongejagt, begraben unter einer Lawine von Vorwürfen, aus denen Gewissheit wurde. Hier aber, im kleinen, seligen Land der Wehleidigkeit, zwischen den hohen Bergen und glänzenden Seen bricht die Welle an einer Mauer des Starrsinns und der Selbstverleugnung. Hier schwappt keine Flut der Empörung hinweg über ungeheuerliches Schweigen.

Stattdessen erzeugen Lügen und Verharmlosungen eine Stille, die jeden Aufschrei erstickt. Statt eines reißenden Flusses der Wahrhaftigkeit plätschert nur ein unschuldiges Rinnsal des Unverständnisses durch Österreich und versiegt, weil ja »eh alles nicht so schlimm gewesen sein kann«.

Und weil ja eh alles nicht so schlimm ist, wurde in Österreich ein Mann zum Bundespräsidenten nach einfachen Regeln. Es waren die Regeln, wie sie das ungeschriebene, aber unwidersprochene »Mia san mia«-Gesetzbuch vorsieht. Wir lassen uns nicht dreinreden, heißt es dann. Was glauben denn die anderen, wer wir sind und sein möchten. Draußen, irgendwo in der Ferne, das geht uns nichts an.

»Ein Österreicher, dem die Welt vertraut«, stand auf den ersten Wahlplakaten. Macht was her. Aber im Grunde sind wir uns selbst genug. Und zwar immer schon. Und immer noch, obwohl wir uns jetzt nicht genau daran erinnern können wollen, wie das früher war. Und dann – angekommen in der bitteren Gegenwart – heißt es: »Jetzt erst recht«. Das wird dann großflächig plakatiert. Man kann sich den Spruch als Button anstecken. Oder als Pickerl aufs Auto kleben. In die weißen Streifen einer geschwungenen Österreich-Fahne ist der Slogan gedruckt. Dieses »Jetzt erst recht« wird zum trotzigen Schlachtruf derer, die locker vergessen, was war, um zu beweisen, dass sie es sind, die das Heute beherrschen.

Und auf diese Art konnte Kurt Waldheim 1986 Bundespräsident, also Oberhaupt des Staates Österreich werden, weil dieses Land eher das Unliebsame unter den Teppich kehrt, als zu begreifen, dass jeder Staub irgendwann wieder aufwirbelt.

Während des Prager Frühlings 1968 erteilte Kurt Waldheim als österreichischer Außenminister die Weisung, die Botschaft in der tschechoslowakischen Hauptstadt zu schließen. Botschafter Rudolf Kirchschläger, später Waldheims Vorgänger als Bundespräsident, ignorierte das. 1971 kandidierte Waldheim erstmals für das Amt des Bundespräsidenten. Er unterlag Franz Jonas.

Im gleichen Jahr wurde Waldheim als Generalsekretär an die Spitze der Organisation der Vereinten Nationen gewählt. Dort blieb er bis 1982. Mehr als UNO-Chef geht nicht im diplomatischen Dienst. Er repräsentierte die neutrale Insel der Seligen, allzeit bereit der Welt zu helfen und stets widerwillig die eigene historische Position kritisch zu hinterfragen. Im Bundespräsidenten-Wahlkampf 1986 wurde Waldheims Vergangenheit während des Zweiten Weltkriegs schließlich spektakulär publik.