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Evelyn Grill

Das Antwerpener
Testament

Roman

Residenz Verlag

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im Niederösterreichischen Pressehaus
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St. Pölten – Salzburg – Wien

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ISBN ePub:
978-3-7017-4351-3

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1566-4

Für Beatrice Newman

Inhalt

1. Kapitel – Worthing Seafront 1983 – Der arme Harry

2. Kapitel – New York 1951 – Lilly

3. Kapitel – Worthing 1950 – Ann

4. Kapitel – New York 1953 – Lilly

5. Kapitel – London 1954 – Hotel Savoy

6. Kapitel – Antwerpen 1954 – Henriette Stanley

7. Kapitel – Worthing / Schwarzwald 1975 – David

8. Kapitel – Worthing 1984 – Ulrich

1. Kapitel

Worthing Seafront 1983
Der arme Harry

Henriette Stanleys Begräbnis fand an einem Märztag bei strömendem Regen und heftigen Windböen statt, wie sie an der Seafront nichts Ungewöhnliches sind. Auf dem Friedhof, der sich über ein weites, baum- und strauch-loses Feld erstreckte, von dem aus man einen Blick auf die Downs und auf das Meer hatte, das sich heute im Dunst verbarg, verlor sich beinahe das kleine Häuflein Trauernder, über deren Köpfen kreischende Möwen lärmten, ein Geräusch, das in Ulrich Breuer ein Unbehagen hervorrief. Zwischen den grauen, teilweise bemoosten Grabplatten hatte er sich auf den schlammigen Wegen mit den übrigen Konduktteilnehmern an die ausgehobene Grube heran bewegt und wartete auf das Eintreffen des Sargs, des Pfarrers und der Ministranten. Er war mit seinen drei Kindern erst gestern aus Karlsruhe angereist, während Ann,seine Frau, schon zwei Wochen zuvor im Krankenhaus in Brighton dem Sterben ihrer Mutter beigewohnt hatte. Der arme Harry, wie er in der Familie genannt wurde, der in seinem abgetragenen Burberry vor Kälte zitterte und eine gestrickte, bunte Wollmütze tief in die Stirn gezogen hatte,stand neben ihm. Als Ulrich seinen Schirm auch über ihn halten wollte, rückte er weiter von ihm ab. Kümmere dich um meinen Bruder, hatte Ann ihn gebeten, man weiß nicht,wie er reagieren wird. Alle, außer Harry, trugen langstielige, gelbe Rosen, Blumen, die die Verstorbene besonders geliebt hatte. Auch der Arzt, Dr. Crack, ein rotgesichtiger Ire, der die alte Dame die letzten Jahre betreut hatte, und einige ehemalige Schülerinnen der Verstorbenen, distinguierte Damen mit bläulich oder rosa gefärbten Löckchen und fein gepuderten Gesichtern, wollten ihrer einstigen Lehrerin das letzte Geleit geben; sie warteten in zweiter Reihe,steckten gelegentlich ihre Köpfe unter den Regenschirmen zusammen und flüsterten miteinander. Ulrich hatte sie im Laufe der Jahre alle kennengelernt, aber seit langem nicht mehr wiedergesehen. Natürlich erkannte er auch Molly,die Putzfrau der Verstorbenen, die sich wegen ihrer arthritischen Gelenke auf einen Stock stützte und in der freien Hand eine langstielige Teerose trug. Sie hatte Ann und ihn begrüßt und sich dann hinter die ältlichen Damen zurückgezogen. Betty Brown, eine enge Freundin seiner Frau aus Kinder- und Jugendtagen, war sogar aus Liverpool angereist.

Das Requiem fand in der kleinen, römisch-katholischen,aus rotem Sandstein in neugotischem Stil erbauten Kirche statt. Die beiden Freundinnen trafen an der Kirchentür zusammen, Ann ging auf Betty zu, sie hatte sie sofort wiedererkannt, obwohl sie sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, und fiel ihr zu Tränen gerührt in die Arme. Betty, die ebenfalls sichtlich bewegt war, drückte sie fest an sich und strich ihr sanft über den Kopf. Da verschob sich Anns kastanienbraunes Haar, und sie machte sich von der Freundin los und rückte es hastig zurecht wie einen verrutschten Hut. Ulrich hielt sich etwas abseits und beobachtete die Frauen. Bettys Gesicht spiegelte das Erschrecken über Anns verändertes Aussehen wider; das war kein Wunder, denn sie war die Schönste auf dem College gewesen und demzufolge sehr umschwärmt, aber unnahbar. Diese Aura der Unnahbarkeit hatte sie noch umgeben, als Ulrich ihr zum ersten Mal begegnet war. Er erinnerte sich an ihre leicht schräg gestellten, grünen Augen und an ihren zarten Teint, der ihn an Gainsboroughs Ladies denken ließ, der manche Britinnen auszeichnete und der jeder Kosmetikfirma zur Werbung für ihre Produkte hätte dienen können. Doch jetzt schaute man in ein müdes, erschöpftes, ja verhärmtes Gesicht, in dem Betty Brown nur mit Mühe die Züge ihrer Freundin wiederentdeckte. An ihrem bestürzten Gesichtsausdruck erkannte Ulrich, daß er mit seiner Wahrnehmung recht hatte, und es war ihm, als müßte er seine Frau davor in Schutz nehmen.

Ann winkte ihn herbei, denn er hatte sich abseits gehalten, und machte ihn mit ihrer Freundin bekannt. Dann präsentierte sie ihre Kinder, den erstgeborenen, 28jährigen David, der ihrer Freundin erst nach Aufforderung der Mutter die Hand hinstreckte, jedoch seinen Kopf abgewandt hielt, aber die wohlgeratenen, achtzehnjährigen Zwillinge Greg und Maud begrüßten Betty mit einem höflichen Lächeln. Kurz darauf läuteten die Glocken, und man betrat die Kirche. Das Gebäude war, entsprechend der kleinen Gemeinde römischer Katholiken, nicht viel größer als eine Marienkapelle auf dem Kontinent. Der alte Pfarrer, der heute die Seelenmesse lesen würde, hatte schon Ann und Harry getauft. Und auch Anns und Ulrichs Kinder hatte er über das bronzene Taufbecken gehalten. Damals hatte noch die Verstorbene, als stolze Großmutter, der Zeremonie beigewohnt. Inzwischen war der Pfarrer krumm und zittrig geworden, er würde sich bald aus seinem Amt,vielleicht sogar aus der Welt zurückziehen müssen, aber er hatte es sich nicht nehmen lassen, seine frömmste Katholikin, der er an Jahren voraus war, einzusegnen.

Während Ann durch die Erinnerung an die Taufe ihrer drei Kinder von melancholischen und wehmütigen Gefühlen bewegt wurde, wie er von ihrem Gesicht ablesen konnte, waren Ulrichs Reminiszenzen düster und bitter. Er dachte an David, ihr Sorgenkind, der bei der Taufe kein Geschrei gemacht, nicht einmal die Augen geöffnet hatte, weshalb der Pfarrer immer nur jolly good gemurmelt hatte, während er ihm das geweihte Wasser über den Kopf hatte rieseln lassen. Die Zwillinge hingegen hatten ein markerschütterndes Gebrüll ausgestoßen, und die Patin, Mrs. Worthing, eine Freundin und Schülerin von Henriette, hatte hilflos die kleinen Bündel an sich gedrückt, bis sie sich in den Armen der Mutter beruhigten. Er hatte Ann immer bewundert,mit welcher Geschicklichkeit sie es fertiggebracht hatte,beide Babies in den Armen zu halten. Das Geplärr aus den kleinen Mündern war Ann peinlich gewesen, da sie sich für die Unruhe verantwortlich fühlte; sie erinnerte sich lieber an die Taufe von David, die in den Anekdotenschatz der Familie eingegangen war.

Das war Ulrich in den Sinn gekommen, und er konnte ein schmerzliches Lächeln nicht unterdrücken, als er endlich den Pfarrer mit zwei Ministranten, gefolgt vom Leichenwagen, einem schwarzen Rover, über das Feld kommen sah. Der Wind peitschte die Gewänder des Geistlichen und der Ministranten, das gab dem Zug etwas Theatralisches. Ulrich faßte die Hand seiner Frau, die sie ihm mit einem dankbaren Blick überließ. Sie war so wund, so aufgerieben von den letzten Wochen, in denen sie am Sterbebett der Mutter gesessen war und auf eine klärende Aussprache über die dunklen Punkte in der Familiengeschichte gehofft hatte. Doch die Mutter hatte nicht daran gedacht, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Sterbende blicken nicht zurück, sie, die keine Zukunft mehr vor sich haben. Am Sterbelager, warnte Ulrich, lassen sich keine Rätsel mehr lösen. Nun machte sich Ann insgeheim Vorwürfe,daß sie nicht früher auf ein Gespräch gedrängt, wie Ulrich es immer angeregt hatte. Das hatte zwischen ihnen zu Auseinandersetzungen geführt, die mit den Jahren an Heftigkeit zunahmen und die jetzt, da die Mutter tot war und ihr Geheimnis mit ins Grab genommen hatte, ein bitteres Gefühl der Vergeblichkeit in ihnen aufkommen ließ. Ann erwiderte den Druck seiner Hand und senkte den Kopf.

Ulrich wunderte sich nicht, daß der Kondukt so spärlich ausgefallen war, denn Henriette Stanley, die jahrzehntelang in der kleinen Stadt an der Seafront eine prominente und begehrte Privatlehrerin für Französisch gewesen war, lebte seit dem Ausbruch und dem unaufhaltsamen Fortschreiten ihrer Krankheit vor mehr als zehn Jahren zurückgezogen mit ihrem Sohn in einem der hier typischen semi-detached houses. In ihrem kleinen Vorgarten wucherte duftender Lavendel und spreizten sich üppige Hortensienbüsche, die im Sommer ihre lilafarbenen Köpfe den Eintretenden schon an der Pforte entgegenstreckten, eine Bepflanzung, die dem Haus etwas Verwunschenes gab und eine Idylle vortäuschte.

Da durch die Krankheit Henriettes Sprechen leise, vor allem aber undeutlich geworden war, hatte sie, immerhin erst als Siebzigjährige, ihren Sprachunterricht aufgegeben. Das war ihr trotz des Alters nicht leicht gefallen, und es war auch nicht ganz freiwillig geschehen. Erst als sich ihre Schülerinnen allmählich, zum Teil unter durchsichtigen Entschuldigungen, von ihr zurückzogen und sich keine neuen Schüler mehr finden ließen, war es unabwendbar geworden.

Ihre Lektionen waren durch die unkonventionelle und lebendige Methode sehr beliebt gewesen. In ihrem hellen Salon, einem großen Raum mit einem schönen Erker, in dem ein schwarzer Steinway-Flügel seinen Platz hatte,hielt sie ihre Stunden ab. Vor dem Chippendale-Glasschrank aus Mahagoni war ein langer ovaler Tisch plaziert,an dem, wenn er ausgezogen war, gut und gerne achtzehn Personen sitzen konnten. Zu Henriettes Klientel gehörten vor allem Damen der upper middle class im Alter von dreißig bis sechzig Jahren, die den nicht unbeträchtlichen Kurs-Beitrag gerne entrichteten. Die Beziehung Henriette Stanleys zu ihren Schülerinnen ging über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis hinaus. Mit den Jahren wurden familiäre und gesundheitliche Probleme auf französisch abgehandelt,wodurch auch drückendste Schwierigkeiten, wenigstens für kurze Zeit, von den Bedrängten abrückten; denn daß es ihnen gelang, ihre Sorgen auf französisch zu schildern, und daß darüber diskutiert und nach Auswegen gesucht wurde,gab ihnen durch die Bewältigung der ungewohnten Syntax und des fremden Vokabulars das Gefühl, auch Herr über ihre Probleme werden zu können. Durch die Überführung ihrer Sorgen in eine fremde Sprache schien es manchen von ihnen sogar, als erzählten sie nicht die eigenen Kümmernisse, sondern die anderer, von denen sie nur gehört hatten. Die Betroffenen gingen fürs erste getröstet von dannen; alle aber freuten sich über ihre sprachliche Kompetenz, die sie in komplizierten Fragen des Lebens bewiesen hatten. Ganz besonders genoß man den five o’clock tea, der von Henriette persönlich in einem dünnwandigen Wedgwood-Service serviert wurde.

Irgendwann, die Schülerinnen konnten sich an das Jahr nicht mehr erinnern, übernahm diese Aufgabe der arme Harry, der plötzlich aus Glasgow, wo er nach einem abgeschlossenen Universitätsstudium ein Praktikum an einem physikalischen Institut absolviert hatte, wieder ins Haus der Mutter zurückgekehrt war. Seine Rückkehr geschah in Intervallen, manchmal nur für eine oder zwei Wochen, danach verschwand er wieder für eine Weile. Seine abwechselnden An- und Abwesenheiten zogen sich mehrere Jahre hin. Allmählich, beinahe unmerklich, wurden seine Anwesenheiten immer länger. Die Damen gewöhnten sich an sein Hiersein und vermißten ihn, wenn er wieder einmal abwesend war. Sie nahmen die Präsenz des stillen Sohnes, zu der von Henriette keinerlei Kommentar abgegeben wurde, nicht nur hin; nach und nach empfanden sie sogar eine gewisse Zuneigung oder ein unbestimmtes Mitleid für ihn. Harry war eben eines Tages da und blieb, und bald war es den Schülerinnen, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, daß ein junger Mann in den Dreißigern nichts anderes zu tun hatte, als einmal wöchentlich Tee und Muffins zu reichen.

Als der Sarg aus dem Auto gehoben und an die Grube getragen wurde und der alte Pfarrer mit brüchiger Stimme zu einer Trauerrede ansetzte, merkte Ulrich, daß Harry mehr als zuvor, da man das Zittern noch der Kälte zuschreiben konnte, bebte, daß schließlich sein Körper wie von einem Krampf geschüttelt wurde. Beinahe gleichzeitig begann Harry in sich hineinzukichern, dann legte er seinen Kopf in den Nacken und lachte laut mit weit geöffnetem Mund, was in Ulrich die Vorstellung eines Schakals heraufrief, der den Mond anheult; eine Szene, die er in einem Film gesehen haben mußte. Die Trauergäste erstarrten. Ann schaute ihren Mann hilfeflehend an, die Zwillinge grinsten verstohlen, er würde sie hinterher deswegen zur Rede stellen. Er versuchte besänftigend auf Harry einzureden. Aber der ließ sich nicht beruhigen, und Ulrich merkte, daß er mit seinen erfolglosen Versuchen keine gute Figur abgab. Erst als die Trauerrede,in der sich der Pfarrer glücklicherweise nicht beirren ließ,zumal er schon ziemlich taub war, mit einem Pater Noster und Ave Maria endete, wurde Harry still, senkte den Kopf,faltete seine Hände wie ein Kind und betete laut mit.

Die Verstorbene hatte sich als höhere Tochter zwar das Klavierspielen und feine Tischsitten angeeignet, konnte einen anspruchsvollen Haushalt führen, Gäste empfangen und sie gewandt unterhalten, hatte aber keinen richtigen Beruf erlernt. Deshalb war Henriette als Lehrerin nur eine, allerdings begabte Autodidaktin, was wahrscheinlich ihren Unterrichtsstunden den Charme verlieh, den die erwachsenen, weiblichen Schüler so schätzten. Henriettes Sprachkurse endeten nie. Die Schülerinnen blieben ihr jahrzehnte lang treu, alterten mit ihrer Lehrerin. Nur selten mußte man sich von einer Teilnehmerin verabschieden, weil sie in eine andere Stadt zog; manchmal waren es gesundheitliche Probleme, die die Trennung verursachten, dann wurde sehr schnell Ersatz gefunden. Erst der Ausbruch von Henriettes Krankheit brachte es mit sich, daß sich schließlich auch ihre ergebensten Schülerinnen verliefen. Ann erreichten in jener Zeit Briefe der ehemaligen Kursteilnehmerinnen, die über den bedauernswerten Gesundheitszustand ihrer Mutter berichteten, von denen sie überaus beunruhigt wurde. Ulrichs Frau erwog damals sogar, die Mutter zu sich nach Karlsruhe zu holen. In ihrer schönen Gründerzeitwohnung hätte es nicht an Platz gemangelt. Allerdings verhinderte die unbeantwortete Frage, was dann mit dem zurück bleibenden Harry geschehen sollte, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

Die Teerosensträuße, die von den ehemaligen Schülerinnen verläßlich zu Henriettes Geburtstagen an der Tür abgegeben und von Harry entgegengenommen wurden,steckte er in eine der schönen Gallé-Vasen, die Henriette einem Antwerpener Kunsthaus verdankte, stellte sie auf das Intarsientischchen indischer Herkunft, wo Henriette sie teils beglückt, teils wehmütig betrachtete. Der kleine, mit Perlmutt und exotischen Hölzern ausgelegte Tisch, den Henriette liebte mit einem Blumenstrauß zu schmücken, stammte vermutlich von einer der Reisen des verstorbenen Mister Alan Stanley, der vor seiner Heirat einige Zeit in Indien verbracht haben dürfte. Das hatte sich Ann zusammengereimt, da sie als junges Mädchen zufällig auf der Unterseite des Möbels den Namen ihres Vaters und eine Adresse in Delhi entdeckte. Daraus entnahm sie nicht nur die Provenienz des Tischchens, sie vermutete sogar einen jahrelangen Aufenthalt ihres Vaters in Indien, was zu jener Zeit für Angehörige seiner Gesellschaftsschicht nichts Ungewöhnliches war. Diese Vorstellung beschäftigte sie eine Zeitlang, und sie stellte sich ihren Vater als einen großen,schlanken Offizier des Britischen Empire vor, der, mit Tropenhelm ausgestattet, irgendeine wichtige Mission auf dem Subkontinent zu erfüllen hatte. Die Entdeckung und ihre Träume hatte sie gegenüber jedem, natürlich auch gegenüber ihrer Mutter, verschwiegen. Insgeheim aber betrachtete sie das achteckige Tischchen, das zusammenklappbar war, als Träger eines Familiengeheimnisses, das sie nicht enträtseln konnte.

Mit dem armen Harry hatte es eine eigene Bewandtnis. Auch Ulrich erfuhr nichts, abgesehen von der Tatsache, daß er eines Tages in Glasgow einen Nervenzusammenbruch erlitten habe und von diesem Tage an nicht mehr derselbe war. Daß Ulrich annahm, seine Schwiegermutter könnte an dem Kollaps ihres Sohnes nicht unschuldig sein, lag daran,daß er sie als Verursacherin von allem Verschwiegenen und Unaufgeklärten betrachtete, das auf der Familie seiner Frau lastete. Molly, die gichtgeplagte, ergebene Reinigungsfrau,die, seit Henriette in der Portslade Garden Street wohnte, im Haus putzte, hatte sich an Harrys Eigenarten gewöhnt. Obwohl sie sich im Laufe der Jahre verstärkten, fand sie daran nichts Ungewöhnliches mehr, wie man den langsamen Verfall eines Möbelstücks nicht mehr wahrnimmt. So fiel ihr auch nicht auf, daß ihm die Pflege seiner von Schüttellähmung geplagten Mutter, die zuletzt nicht mehr ohne Unterstützung ihren Lehnsessel verlassen konnte,kaum noch möglich war. Molly, die selbst nicht nur von Gicht, sondern auch von Asthma gepeinigt wurde, konnte der Verwahrlosung im Haus während der vier Stunden, die sie pro Woche für die Reinigung engagiert war, nicht richtig Einhalt gebieten. Henriette beklagte oft ihrer Tochter gegenüber, daß es ihre prekäre finanzielle Situation nicht erlaube, Molly länger und öfter zu beschäftigen. Es lag allerdings nicht nur an den vier Stunden wöchentlich, die für eine gründliche Putzarbeit nicht ausreichten, sondern auch und vor allem daran, daß Molly im Reinigungsdienst nicht ihre wirkliche Aufgabe sah; insgeheim war sie zu der Überzeugung gelangt, daß es wichtiger war, weniger für Sauberkeit, als vielmehr mehr für Gespräche, also social contacts, an denen es Henriette Stanley und ihrem Sohn offensichtlich mangelte, Sorge zu tragen. Also rollte die Frau mit dem Staubsauger über die fleckigen, abgetretenen Teppichböden, in denen sich im Laufe der Zeit ein lebhaftes Gewusel von Motten und anderem Ungeziefer eingenistet hatte, und spülte oberflächlich das Geschirr, das sich in der kleinen Küche im Laufe der Woche angesammelt hatte. Doch die meiste Zeit verbrachte Molly damit, sich von der alten Dame mit ihrer leisen, immer verwaschener klingenden Stimme Geschichten aus ihrem vergangenen Leben, das einmal glanzvoll gewesen sein mußte, erzählen zu lassen. Obgleich sich die Erzählungen des öfteren wiederholten, lauschte Molly ihnen hingebungsvoll. Sie hörte Episoden aus einer Welt, die sie, obgleich fremd,faszinierte, aus einem Land, das sie nie bereist hatte, einer Gesellschaft, die sie nur aus Romanen oder Illustrierten kannte, mit Dienstboten in weißen Handschuhen und in Livrée, mit Kristalleuchtern, festlichen Diners, Theaterbesuchen, glanzvollen Bällen und eleganten Herren, die schönen Damen mit Perlencolliers den Hof machten, einer Welt, der offensichtlich auch Henriette Stanley einmal angehört hatte. Henriette selbst ließ sich darin nicht vorkommen, sie erwähnte zwar ihre Schwestern und Brüder, nannte sie beim Namen, häufig tauchte ihr älterer Bruder Frans auf, angeblich der größte Reeder Antwerpens, der in seinem Stadtpalais opulente Feste zu veranstalten pflegte,bei denen sich die Hautevolee Antwerpens vergnügte; doch ihren Part an dem schillernden Geschehen verschwieg sie. Insgesamt schilderte sie die Familiensituation ziemlich unübersichtlich, doch die Atmosphäre des Wohlstands, ja des Reichtums und des gesellschaftlichen Glanzes wurde in allen Farben ausgemalt. Molly schien es, als würde dabei sogar die Aussprache der Kranken verständlicher, auch ihr maskenhaftes Gesicht schien sich zu beleben, einen heiteren Ausdruck zu bekommen, und ihre sonst trüben Augen begannen zu strahlen. Während Molly der gebrechlichen Alten zuhörte, träumte sie sich in eine Welt der Reichen und Schönen, vergaß darüber die unwirtliche Umgebung und ihre Gicht, sodaß sie sich auf dem Heimweg noch in einer sanften Hochstimmung befand.

Das alles entnahm Ann den Gesprächen, die sie bei ihren alljährlichen zweimonatigen Aufenthalten im Sommer bei ihrer Mutter mit Molly führte. Die Geschichten kannte Ann. Aus diesen Geschichten erfuhr sie nichts über ihre Mutter, nur daß sie wohlbehütet und im Reichtum aufgewachsen war und daß sie ihre Kinder später in bescheidensten Verhältnissen großziehen mußte. Ann wollte diese Ballgeschichten nicht mehr hören. Die Erinnerungen an ihre Kindheit in Antwerpen waren weniger erfreulich. Sie hatte sich nicht wohl gefühlt in den düsteren, prunkvollen Räumen, in denen sie sich schwer zurechtfand, mit den strengen Onkeln und Tanten, die vor allem auf gute Manieren und, besonders die Tanten, auf täglichen Kirchgang achteten. Aber diese Erinnerungen waren undeutlich, sodaß sie manchmal glaubte, sie entstammten einem Alptraum.

Da die Kranke unter Schweißausbrüchen und Atemnot litt, bat sie Molly, noch bevor sie mit dem Erzählen anfing,sogar an frostigen Wintertagen die vier Erkerfenster weit zu öffnen und die elektrische Heizung abzustellen. Sie ließ sich dann mit ihrem Rollstuhl ans Fenster schieben, atmete mehrmals tief ein und aus. Unter diesen Gepflogenheiten war es ein Wunder, daß sich die Kranke erst Jahre später eine Lungenentzündung zuzog und daran verstarb.

Während Henriette in den Erinnerungen ihrer frühen Mädchenzeit kramte, stand Harry wie eine Wache neben dem Rollstuhl, schlotterte vor Kälte und rieb mit seinem Zeigefinger, der durch einen spitzen Fingernagel unnatürlich lang und dünn erschien, den Nasenrücken entlang. Ob er der Erzählung seiner Mutter folgte, war ihm nicht anzusehen, denn er blickte starr geradeaus und verzog keine Miene.

Luft, sagte sie schwer atmend, ich brauche Luft. Hier ist es zum Ersticken.

Daß Sie sich nur nicht erkälten, Madam, warnte Molly jedesmal; darf ich Ihnen Ihren Pelz bringen? Molly hätte gerne das Fuchscape aus dem Schrank geholt und es der Kranken um die Schultern gelegt; das hätte Henriette Stanley vielleicht etwas von dem mondänen Aussehen gegeben, das Molly gerne an ihrer gnädigen Frau wiederbelebt hätte.

Nein, um Gottes willen, keinen Pelz, ich ersticke sonst, wehrte die Kranke heftig ab. Sie verlangte ihren schwarzen, mit Spitzen und Glitzer besetzten Fächer, den sie sich von Ann, die vor Jahren mit ihrem Mann nach Spanien gereist war, als Mitbringsel erbeten hatte. Mit ihm fächelte sie sich Kühle zu, während sie nach Luft schnappte. Es war ein kostbarer Fächer, den Ann für ihre Mutter in Granada keineswegs in einem Souvenirladen, sondern in einem Juweliergeschäft erstanden hatte, einer, den die feinen spanischen Damen in der Stierkampfarena oder im Theater bei sich führten, wenn sie entsprechend festliche Kleidung trugen. Ulrich wagte leise einzuwenden, daß ein so kostbares Utensil für Anns im Rollstuhl sitzende Mutter wohl kaum passend und sie sicher mit einem einfacheren besser bedient sei. Daraufhin hatten sie eine Auseinandersetzung,an die er sich ungern erinnerte. Es hatte einige Mühe seinerseits gebraucht, Ann wieder zu versöhnen.

Die Kranke blieb am geöffneten Fenster sitzen, solange die Putzfrau in der Wohnung werkte oder der Erzählerin lauschte. Sobald sie jedoch das Haus verlassen hatte, schloß der kälteempfindliche Harry, die wütenden Proteste seiner Mutter nicht beachtend oder sie nicht einmal wahrnehmend, eilig die Fenster und drehte die Heizung wieder auf die höchste Stufe. Beglückt legte er danach seine Hände an die rasch sich erwärmenden Heizkörper, lächelte seine Mutter an, die ohnmächtig in ihrem Rollstuhl verharren mußte. Das verzweifelte Fächeln mit dem wertvollen spanischen Souvenir mochte ihr ein bißchen Erleichterung verschaffen.

Als der Priester vom Grab zurückgetreten war, kamen Ann und Ulrich mit den Kindern an die Grube, in die der Sarg hinabgelassen war. Es schwindelte Ann, als sie den Schrein,in dem sie sich den Körper ihrer Mutter vorstellen mußte,in der Tiefe sah, und sie hatte plötzlich Angst, irgendeine Macht, der sie nicht widerstehen konnte, würde sie auf das helle Holz mit dem Bukett aus gelben Rosen hinunterstoßen. Später erzählte sie ihrem Mann von diesen Ängsten;er hatte bemerkt, wie sie wankte und sich an seinen Arm klammerte. Er führte sie behutsam weg. Die Kinder folgten ihnen. Harry stand lange mit gesenktem Kopf am Grab,gestikulierte, murmelte, es klang wie Verwünschungen, und rieb den Zeigefinder am Nasenrücken auf und ab. Endlich trat er zur Seite, und die Konduktteilnehmer kamen einzeln heran, bekreuzigten sich und ließen ihre Rosensträuße in die Tiefe fallen. Jetzt erst fiel eine großgewachsene, nicht mehr junge Dame auf, deren breitkrempiger, dunkelblauer Filzhut ihr Gesicht beschattete. Sie trat rasch an das Grab heran, senkte den Kopf, starrte in die Grube, ohne sich zu bekreuzigen, und wandte sich wieder zum Gehen, ohne die Trauergemeinde zu beachten. Ulrich folgte der Gestalt mit seinen Blicken, bis sie in ein Taxi stieg, das vor dem Friedhofstor auf sie gewartet hatte. Den heftiger gewordenen Regen peitschte ein böiger Wind über die Fläche,trotzdem harrte Ann mit Mann und Kindern noch aus, um die wenigen Beileidsbekundungen entgegenzunehmen. Ulrich, der immer noch Anns Hand hielt, merkte, wie sie zusammenzuckte, als sie, gleichzeitig mit ihm, die Unbekannte wahrnahm, die, ohne an sie heranzutreten, wieder verschwand. Als er später seine Frau fragte, ob sie die Person erkannt habe, schüttelte sie den Kopf. Sie muß deine Mutter gekannt haben, überlegte er, sonst wäre sie nicht an das Grab gekommen. Vielleicht eine Verrückte, sagte Ann,es soll hier eine Frau geben, die zu jedem Begräbnis geht, in die Grube schaut und dann wieder verschwindet. Wir hätten sie ansprechen sollen, sagte Ulrich, den Anns Erklärung nicht überzeugte. Ann schüttelte den Kopf.

Zu den wenigen eher unfreiwilligen Besuchern, die immer noch in der Portslade Garden Street 9 klingelten und die von Harry zu Henriette Stanley geführt wurden, wo sie sie,in ihrem Rollstuhl sitzend, empfing, zählten der Milchmann und der Briefträger, manchmal auch ein Handwerker. Sie alle wurden genötigt, gegenüber dem zuletzt maskenhaft gewordenen Gesicht Platz zu nehmen und der Dame des Hauses ihre Reverenz zu erweisen. Ihnen wurde von Harry auf einen Wink seiner Mutter Tee in nicht immer sauberen Tassen angeboten, den die Besucher vergeblich ablehnten, ihn also eilig tranken und sich, so rasch es ging,verabschiedeten.

Die alte Dame erhielt, abgesehen von Strom- und Telefonrechnungen, regelmäßig Schreiben von Rechtsanwälten und Notaren aus Antwerpen, deren Empfang sie dem Briefträger mit ihrer Unterschrift bestätigen mußte, außerdem wöchentlich Briefe von ihrer Tochter aus Karlsruhe, denen häufig Fotos beigelegt waren. Die Fotos wurden, nachdem Henriette sie ausgiebig betrachtet und kommentiert hatte, von Harry auf dem mantlepiece oberhalb des offenen Kamins plaziert, in dem in der kälteren Jahreszeit ständig elektrisches Feuer flammte. Obwohl die Briefträger häufig wechselten, wußte doch jeder bald, daß die alte Dame besonders die Briefe der Tochter beglückt in Empfang nahm,die ihr Harry mehrmals vorzulesen pflegte, bevor sie sie mit ihrer kleinen, kritzelig und nahezu unleserlich gewordenen Handschrift beantwortete. Sie beantwortete auch die Schreiben der Notare, wofür sie viele Stunden, manchmal Tage brauchte, da durch ihren Tremor das Formen der Buchstaben sehr mühsam geworden war. Außerdem waren es immer komplizierte juristische Sachverhalte, mit denen sie wenig vertraut war, die eine Entscheidung verlangten. Auch mit den Briefen an ihre Tochter verbrachte sie viele Stunden, nickte darüber immer wieder in ihrem Rollstuhl ein; oder sie ließ sich, wenn sie sich erschöpft fühlte, von Harry ein Gläschen Sherry Dry servieren, worauf sie sich jedesmal kräftiger und auch beschwingter fühlte. Sie vergaß nicht, Harry zu erinnern, daß ihm vom Arzt jeder Alkohol verboten war, hatte ihn allerdings in Verdacht, sich nicht immer an das Verbot zu halten; denn manchmal kam er aus der Küche mit rotem, fröhlichem Gesicht, das sich wenig später verfinsterte, erstarrte und das Anrücken einer jener Absencen anzeigte, die seine Mutter so sehr fürchtete.

George, der Milchmann, kassierte wöchentlich die Milch und die Brötchen, die er täglich vor dem Haustor abstellte. Er kannte die alte Dame aus ihren besseren Tagen, als sie, noch gesund und stattlich, eine richtige Lady war, die ihm häufig bis zum Gartentor entgegenkam und freundliche Worte mit ihm wechselte. Es bewegte ihn immer noch, anzusehen, daß sie nun alt und zitternd im Rollstuhl saß, ihn nötigte, auf einem imposanten, aber zerschlissenen, blumengemusterten Chesterfield-Ohrensessel,in dem er fast versank, Platz zu nehmen, um ihm stolz die Fotos zu zeigen, mit denen sich das Anwachsen der Familie und das Gedeihen der Kinder im fernen Deutschland dokumentieren ließen. Er kannte inzwischen alle ihre in Deutschland lebenden Angehörigen, die hübsche Tochter,den gutaussehenden Schwiegersohn, der als Historiker und Lehrer an einem Gymnasium, meist inmitten seiner Bücher, abgebildet war, wurde Zeuge der Geburtstagsfeste, der Schuleintritte und der Erstkommunionsfeiern. Auf letztere Festlichkeiten wies Henriette den Milchmann besonders hin. Sie selbst, die gebürtige Flämin und tiefgläubige Katholikin, fühlte sich in England in der Diaspora.

In unregelmäßigen Abständen und meistens überraschend kam eine Sozialarbeiterin, die sich von Henriette bestätigen ließ, daß sie keine Hilfe außer ihrem Sohn benötige. Die Vertreterin des National Health Service bemerkte zwar die Mängel in der Betreuung; da diese aber in ihrem Rayon keine Seltenheit waren und ihr eine Änderung der Verhältnisse ohnehin nicht möglich war, gab sie sich mit der Auskunft zufrieden und nahm sie zu Protokoll. Auch Miss Dusty gestattete sich meist ein Viertelstündchen, um der Kranken zuzuhören. Ihr erzählte sie immer nur von ihrer fernen Familie, den wohlgeratenen Enkeln; nie äußerte sie sich über ihren Zustand, nie klagte sie über körperliche Beschwerden. Und obwohl die Sprache der Alten immer unverständlicher wurde, imponierte Miss Dusty doch die Lebhaftigkeit und Anschaulichkeit, mit der diese von ihren Angehörigen sprach.

Jeden ersten Sonntag im Monat kam der alte Cannonicus Albert Crew und spendete der Kranken die heilige Kommunion, nachdem er ihr zuvor die Beichte abgenommen hatte. Diesem Tag fieberte Henriette mit freudiger Spannung entgegen. Sie ließ sich von Harry in die weiße,hochgeschlossene Seidenbluse und das dunkelblaue Wollkostüm pressen, zum Schluß legte sie noch ihre lange zweireihige Perlenkette um. Das Anlegen der Kleider, besonders des eng gewordenen Rockes, wurde immer mühsamer; dennoch wollte sie nicht auf die festliche Kleidung verzichten,die sie seit Jahrzehnten an Sonntagen zur heiligen Messe getragen hatte und die dem Anlaß seine besondere Würde gab. Sogar Harry mußte seinen schwarzen Anzug tragen,der ihm knapp geworden war, denn er hatte an Gewicht zugelegt. Die Hose konnte er nicht mehr schließen; diesen Mangel bedeckte das Jackett, das sich noch zuknöpfen ließ, wenngleich es über der Taille spannte und Querfalten warf. Auch Harry legte die Beichte ab und empfing die heilige Kommunion. Nach der heiligen Handlung saß man zu dritt um den gedeckten Teetisch, Harry goß Tee ein und servierte Muffins, zum Schluß gab es noch ein Schlückchen Sherry. Später brachte Harry den Priester an die Tür, der ihm zum Abschied mit dem weihwasserbenetzten Daumen ein Kreuz auf die Stirn zeichnete.

Der Arzt, Dr. Crack, machte vierzehntägig, meist erst in den Abendstunden seinen Kontrollbesuch. Er erkannte wahrscheinlich das nahe Ende der Kranken und sah sich nicht genötigt, weitere therapeutische Maßnahmen einzuleiten. Er überzeugte sich, daß die Patientin ihre Tabletten regelmäßig nahm, und verabreichte Harry die obligate Injektion in den Oberschenkel. Er verabschiedete sich von ihm mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter, den Harry zu erwarten schien und mit beglücktem Grinsen entgegennahm. Für die alte Dame hatte er jedesmal einen Joke auf Lager, der sie amüsierte und sie veranlaßte, ihren Zeigefinger scherzhaft drohend gegen ihn zu erheben.

Jeden Sonntagabend zwischen 9 und 10 Uhr p.m. pflegte Tochter Ann aus Deutschland anzurufen. Seit sich das Tele fon in Griffnähe der alten Dame befand, war sie nicht mehr darauf angewiesen, daß Harry den Hörer abhob und ihr übergab. Zu Zeiten, da Harry wegen einer seiner Absencen für die Außenwelt nicht erreichbar war und ruhelos durch die Zimmer wandelte, hätte ihn auch das lauteste Klingeln nicht aus seiner geistigen Abwesenheit herausgeholt. Dann schlich er unbeirrt durch die Räume; sobald er an verschlossene Türen kam, drückte er einige Male leicht die Klinke, so sanft, als müßte er sich einschleichen, kehrte schließlich mit trippelnden Schritten um und ging denselben Weg wieder zurück, den er gekommen war, um unverrichteter Dinge vor der verschlossenen Tür kehrt zu machen. Nie rüttelte er an der Klinke oder drückte er gegen die Tür. Manchmal machte es den Eindruck, als würde er jemanden begrüßen, als wäre das Drücken der Klinke ein Händeschütteln. So schlurfte er in seinem Bewußtseinskerker stundenlang hin und her und war von keiner Stimme,natürlich auch von keinem Klingeln eines Telefons wachzurütteln. Das führte zwangsläufig zu dramatischen Situationen, wenn Henriette ihn anflehte, das Telefon abzunehmen, das für sie damals noch unerreichbar auf einem Sideboard neben der Eingangstür im engen Korridor stand. Das Gespräch mit der Tochter, das sie mit flatternden Nerven erwartete, war ihr neben den Visitationen des Priesters zu einer Art Lebenselixier geworden; und wenn es ihr durch die mentale Abwesenheit ihres Sohnes vorenthalten wurde, brach sie in ihrem Rollstuhl in einen Weinkrampf aus, der sie einer Ohnmacht nahe brachte. Als diese Vorfälle sich häuften, hatte schließlich auf Veranlassung der fernen Tochter ein Elektriker den Telefonanschluß und das Kabel in den Salon verlegt, sodaß jedenfalls solche Aufregungen nicht mehr zu erwarten waren.

Seit Henriette den Rollstuhl nicht mehr ohne Hilfe verlassen konnte, war sie darauf angewiesen, daß Harry sie zur Toilette schob. In den Zeiten, in denen ihr Sohn unansprechbar war, versuchte sie mit größter Anstrengung,sich mit dem Rollstuhl fortzubewegen, was ihr wegen ihrer kraftlos gewordenen Hände kaum gelang. Manchmal schaffte sie es dennoch, den Stuhl so weit in den Salon vorzurollen, daß sie damit dem Sohn den Weg versperrte. Doch Harry hatte anscheinend ein unterbewußtes Sensorium, das ihn das Hindernis erkennen ließ, er blieb davor kurz stehen, machte einige Schritte zur Seite und ging dann weiter seines Weges. Oft erwischte die Kranke einen Zipfel seines Rocks und zerrte daran. Dann blieb Harry, solange die Mutter daran zog, stehen, ohne den Kopf zu wenden,und ging erst weiter, als sie wieder losließ. Wenn Harry aus seiner Abwesenheit wieder zu sich kam, schob er die Mutter wortlos ins Bad, zerrte sie aus dem Rollstuhl, entkleidete sie mit groben Handgriffen, schleifte sie in die Wanne und duschte sie mit einem scharfen Strahl ab. Henriette, die ihren welken, hinfälligen Körper von und vor ihrem Sohn entblößt sah, war es immer noch nicht gelungen,ihre Scham gänzlich abzulegen. Sie preßte einen Arm über ihre Brüste und legte eine Hand zwischen ihre Schenkel. Erst als Harry ihr ein großes Handtuch umgeworfen hatte,fühlte sie sich wieder sicher, ordnete an, welches Kleid er herbeizuschaffen hatte. Sie bevorzugte zweckmäßigerweise Kittel, die vorne aufzuknöpfen waren und die sie mit wenig Mühe selbst anziehen konnte. Die schmutzige Wäsche warf Harry in einen dafür bereitgehaltenen Behälter, der von Molly regelmäßig in die Waschanstalt gebracht und wieder abgeholt wurde.

Besonders quälend für die Kranke waren die Absencen ihres Sohnes, wenn sie Hunger oder Durst verspürte. Und sie war oft durstig. Deshalb stand auf dem nahen Tischchen immer eine Karaffe mit Wasser. Doch es kam vor, daß die Karaffe leer war. Henriette sollte wegen ihrer Schweißausbrüche auf reichlich Flüssigkeitszufuhr achten, das wurde der Hausarzt nicht müde sie zu ermahnen. Er sprach von der Gefahr der Dehydration, die lebensgefährlich sei. Daran dachte die Verzweifelte, wenn Harry in seiner unzugänglichen Innerlichkeit unterwegs war und um ihren Rollstuhl seine Kreise zog. In ihrer Panik erschreckte sie wieder die Ähnlichkeit mit Alan, seinem Vater; der Sohn wurde zu seinem Doppelgänger, manchmal begann sie in ihrer Verwirrung an eine Reinkarnation ihres Ehemanns zu glauben und in ihrem Sohn ihren längst verstorbenen Gatten zu fürchten, der aus seinem Wellengrab auferstanden war,um von ihr Rechtfertigung zu verlangen oder sich an ihr zu rächen. Einmal glaubte sie in den Händen ihres Sohnes eine Pistole auf sich gerichtet zu sehen; manchmal schien ihr sogar, daß Harry als der personifizierte Geist seines Vaters,der den Sohn als Medium benützte, etwas von ihr fordere oder sie bedrohe. Irgendwann, so fürchtete sie, würde der Geist Alans oder seine Reinkarnation ihr zu Leibe rücken und etwas Schreckliches mit ihr anstellen. Das Schlimmste war, daß sie mit niemandem über ihre Ängste sprechen konnte, die sie in ihrer Wahnhaftigkeit manchmal bis in ihre Träume verfolgten. Erst wenn nach Stunden, in denen Henriette Höllenqualen ausstand, der Unansprechbare wieder zu sich kam, wenn sich ein allmähliches Erwachen ankündigte, dessen erste Zeichen sie registrierte und die sie von ihrem Rollstuhl aus mit Bangen verfolgte, wurde aus dem Gespenst wieder ihr leibhaftiger Sohn, ihr vertrauter Harry. Welch ein grauenhafter Spuk, der mich geängstigt hat, ich müßte mich Dr. Crack anvertrauen, dachte sie manchmal. Einmal hatte sie mit Cannonicus Crew vorsichtig das Gespräch über ihre Heimsuchungen zu führen begonnen; aber als der Pfarrer etwas von Satan murmelte, der manchmal die reinsten Seelen als Werkzeuge für das Böse benütze und den man austreiben müsse, hatte sie die Rede sofort auf anderes gebracht. Trotzdem hatte sich seither die Angst vor dem Satan, der vielleicht in den Stunden seiner Absence von ihrem Sohn Besitz ergriffen haben könnte, eingenistet.

Nach seinem Erwachen bebte Harry am ganzen Leib,das spürte sie, wenn er sie aus dem Rollstuhl hob, so, als müßte er eine grauenhafte Erinnerung abschütteln. Auf ihre Fragen antwortete er nicht oder nur mit einem gequälten Stöhnen.

Später sagte er manchmal: Ich war krank, ich war sehr krank. Es waren immer dieselben Worte, mit denen er seine Abwesenheiten zu erklären suchte. Auch der Arzt, den Henriette früher immer wieder befragt hatte, was in ihrem Sohn vorgehe, konnte es nicht sagen; er beteuerte lediglich,daß die Injektionen, die Harry vierzehntägig von ihm verabreicht bekam, das einzige Mittel seien, seine Anfälle zu dämpfen und die anfallfreien Intervalle zu verlängern.

Schließlich hatte sie aufgehört, sich gegenüber dem Arzt zu beklagen, nur ihrer Tochter erzählte sie davon am Telefon, denn die einfühlsamen Trostworte Anns brauchte sie. Henriette glaubte sie genau zu kennen und war überzeugt,daß die Tochter mit ihr litt.

In den letzten Jahren fand Ulrich seine Frau häufig in verdüsterter Stimmung, gereizt, manchmal in Tränen aufgelöst, manchmal unansprechbar. Dann wußte er, sie hatte wieder mit ihrer Mutter telefoniert. Ann tat ihm leid, wie sie da saß, zusammengekrümmt, ganz klein, als wollte sie sich in einer Höhle verkriechen.

Immerhin hat sie ja Harry, versuchte er sie zu beruhigen,außerdem ist der Health Service in ihrem Fall der richtige Ansprechpartner. Ach, du verstehst nichts!, rief sie dann zornig, sprang auf und verließ das Zimmer.

Ulrich hatte es befremdet, als er von seiner Frau erfuhr, daß sie an ihren Vater keine Erinnerung hatte, daß er nicht mehr als ein Phantom war, ein Name. Harry, dachte er, mußte ihn als Kind gekannt haben. Irgendwann mußte er doch in der Familie noch präsent gewesen sein, um drei Kinder zu zeugen. Irgendwann mußte die Mutter doch von ihm gesprochen haben, denn Ann behauptete, daß er ein schlechter Mensch gewesen sei, ein gambler, der ein Vermögen verzockt und der die Mutter mit drei Kindern zurückgelassen habe, von denen nur noch zwei am Leben waren. Nach dem Mann, der mein Vater war, durften wir nicht fragen, erklärte ihm Ann.

Totgeschwiegen, wunderte er sich, ihr habt euren Vater einfach totgeschwiegen?

Es wäre zu schmerzlich für meine Mutter, sagte Ann,das Thema auch nur anzutippen.

Auch Ulrich hatte an seinen Vater keine Erinnerung. Doch von ihm wurde in seiner Familie oft gesprochen, er war ein bedeutender Kunsthistoriker gewesen, der eine große Karriere vor sich gehabt hatte, wie man ihm erzählte. Er war jung an Tuberkulose gestorben, dagegen gab es damals noch keine Mittel, kein Penicillin. Er hat sich nicht geschont, kannte nur seine Arbeit, hieß es in der Familie. Ulrich hatte viele Fotoalben durchgeblättert, in denen sein Vater zu sehen war, mit seiner schönen Mutter auf Hochzeitsreise in Italien, auf Sizilien, in Rom, am Gardasee, in der Schweiz. Bevor er auf die Welt kam, waren seine Eltern viel gereist, hatten Kunstexkursionen gemacht. Er liebte seinen Vater, den er nie gekannt hatte, er bewunderte ihn,wollte ihm nacheifern, er vermißte ihn. Und wenn jemand aus dem Freundeskreis seines Vaters zu seiner Mutter sagte:Er erinnert mich in seinem Wesen an Martin, dann war er glücklich, nahm das Kompliment als Auftrag.

Wir haben ihn nie vermißt, behauptete Ann, wir haben ihn auch nie gekannt. Man kann nicht jemanden vermissen, den man nicht kennt.

Aber Harry, der muß ihn doch gekannt haben?

Ich bitte dich, nicht daran zu rühren.

Er war befremdet und mußte sich resignierend eingestehen, daß er bei seiner Frau mit seinen Fragen nach Henriette Stanleys Ehemann nicht vorankam. Es gab offenbar ein weiteres Familientabu, an das er nicht rühren durfte, wollte er nicht seine eigene Ehe aufs Spiel setzen. Immerhin steht fest, resümierte er, daß Henriette einmal verheiratet gewesen war, ihr englischer Name zeugte davon, seltsamerweise hatte sie ihn nicht abgelegt. Es war der Name, unter dem er Ann kennengelernt hatte. Alan Stanley, nur als ein Name lebte er in der Familie weiter, in seinem Namen lebte sie weiter. Ich hasse ihn, sagte Ann einmal heftig und, wie ihm schien, ziemlich unmotiviert, er ist jedenfalls tot, schon längst. Dann zuckte sie mit den Schultern, als wäre sie selbst über ihre Gefühle verwundert.

Wann ist er gestorben? Und wo? Und woran? Das wenigstens wirst du doch wissen, forschte Ulrich.

Wie soll ich das wissen? Ich war sechs Jahre alt, als meine Mutter mit uns nach Antwerpen in ihre Familie zurückkehrte. Er hat sich um uns nicht gekümmert, logischerweise kümmern wir uns nicht um ihn. Einmal sagte sie auch mit großer Strenge: Er hätte uns verhungern lassen.

Woher weißt du?, fragte er.

Mum hat es mir erzählt, als ich dich zum ersten Mal erwähnte. Da sagte sie das.

Damit wollte sie wohl sagen, daß ihr ohne sie verhungert wärt.

Richtig, sagte Ann, genau das wollte sie sagen. Und es war gut, daß sie es sagte. Meine Mutter ist eine starke Frau,sie brauchte keinen Ehemann, sagte Ann manchmal, sie hat uns Kinder jahrelang mühsam mit ihrem französischen Sprachunterricht über Wasser gehalten, hat uns sogar eine höhere Schule und ein Universitätsstudium ermöglicht und erwartete, ja, durfte von uns Kindern erwarten, daß wir ihr alles einmal zurückzahlen würden. Nicht in Geld, oder nicht nur, nein, mit unserer Anwesenheit, unserem Dasein, unserem Nahsein, unserer tätigen Liebe. Wir hatten immer das Gefühl, daß wir unserer Mutter die Liebe und die Entbehrungen, die sie für uns auf sich genommen hat, nie würden vergelten können.

Solche Gespräche wurden in den ersten Jahren seiner Ehe mit Ann nicht geführt, da gab es genug anderes zu bewältigen, sie hatten beide keinen leichten Start.

Ich komme ja, sagte Ann ins Telefon, sobald die Sommerferien anfangen, kommen wir, die Kinder freuen sich schon.

Wann?, fragte die Mutter.

Am 13. Juli, antwortete Ann, während sie in ihrem Kalender blätterte.

Wie lange?

Acht Wochen, antwortete Ann, wie jedes Jahr, das weißt du doch, Mum, die ganzen Ferien. Wir werden wieder zwei Monate zusammenbleiben können.

Und Ulrich?

Er wird uns besuchen kommen. Du mußt durchhalten, wir werden für alles eine Lösung finden.

Ich wünschte mir, sagte die Mutter mit einem leichten Seufzer, daß auch Ulrich mehr Zeit mit uns verbringt.

Ulrich wird kommen, sagte Ann, er wird bleiben, solange es seine Arbeiten erlauben.

Manchmal hörte Henriette am Klang ihrer Stimme, daß ihre Tochter mit den Tränen kämpfte, das bewies ihr, daß sie sich die Leiden der Mutter zu eigen gemacht hatte. Da durchbebte die Kranke ein Glücksschub, der sie für Augenblicke ihre Beschwerden vergessen ließ. Sie wurde geliebt und sie liebte, und obwohl sie hilflos an ihren Rollstuhl gefesselt war, spürte sie immer noch die Macht, die sie über die Gefühle der abtrünnigen Tochter besaß. Deshalb dehnte sie die Telefongespräche aus, peinigte die Tochter mit Fragen, warum kommst du nicht früher? Warum nicht schon im April oder im Mai? Für ein paar Tage wenigstens. Mit dem Flugzeug bist du doch ganz schnell hier, ein paar Tage nur.

Es geht nicht, Mum, wirklich nicht.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Wäre ich doch schon tot.

Mit diesen Sätzen, das wußte Henriette, konnte sie ihre Tochter quälen. Solange sie Ann am Telefon hatte, konnte sie die Macht fast körperlich spüren, die sie über sie hatte. Auf das Glücksgefühl, das sie empfand, wenn sie die tränenerstickte, schuldbewußte Stimme ihrer Tochter hörte, glaubte sie ein Anrecht zu haben.

Auf dem Tisch im Salon lag ein weißes, reinleinenes Damast tischtuch. Darauf war das kostbare Teeservice von Wedg wood gedeckt, Teerosensträuße in grün-schimmernden Gallé-Vasen erinnerten an die Lieblingsblumen der Toten. Die den Raum dominierende Fotografie der Verstorbenen im goldenen Rahmen trug einen schwarzen Trau er flor, der schräg über die rechte Seite verlief und die Schulter der Frau streifte, was beinahe kokett aussah. Molly,die treue, unter ihren Gebresten ächzende Bedienerin, hatte sich bereit erklärt, Harry beim Servieren zu helfen. Ann hatte den Pfarrer an ihre linke Seite gebeten, die Freundin Betty war an ihrer rechten Seite plaziert. Gegenüber saß Ulrich mit David und den Zwillingen, und anschließend hatte Doktor Crack mit den zwei ehemaligen Schülerinnen, den einzigen, die der Einladung gefolgt waren, Platz gefunden. Ulrich war froh, daß er nicht gegenüber dem Bild seiner Schwiegermutter postiert war, sondern am Arzt vorbei auf die wenig befahrene Straße, die an die Seafront führte, hinausblicken konnte. Solange das Foto der Schwiegermutter noch den Raum beherrschte, war die Frau für Ulrich nicht wirklich tot. Vielleicht aber würde sie auch ohne die Fotografie immer in ihrer Ehe lebendig bleiben. Erst recht als Tote, fürchtete er. Zu sehr hatte sie ihrem Zusammenleben den Stempel ihrer Persönlichkeit aufgedrückt, es war das Brandzeichen der belgischen Familie,das er und Ann trugen. Er mahnte David, den Tee nicht zu schlürfen. Die Zwillinge stießen sich grinsend unter dem Tisch an, sie beobachteten den alten Pfarrer, der mit zittrigen Händen gierig die Muffins mit whipped cream in den Mund schob und nicht merkte, wie ihm die Schlagsahne unter der Nase hängen blieb. Schließlich machte ihn Ann dezent darauf aufmerksam, und der Cannonicus wischte sich hastig mit der Serviette sauber. Den Zwillingen war anzumerken, daß sie in ihrer Mutter eine Spaßverderberin sahen.

Dr. Crack erhob sich, klopfte mit dem Löffel an sein Glas und erklärte, daß Mrs. Stanley eine tapfere Frau gewesen sei. Er kenne keinen Patienten, der eine so schwere Krankheit mit soviel Haltung und auch Humor ertragen habe. Er schaute in die Runde, dann suchte er Anns Blick, und Ann nickte lächelnd unter Tränen.

Als sich Dr. Crack gesetzt hatte, erhob sich der Pfarrer: Henriette Stanley war eine Heilige, sagte er mit zittriger Greisenstimme und bekreuzigte sich. Ann senkte den Kopf. Die beiden Schülerinnen nickten. Eine von ihnen, Mrs. Arnold, beteuerte, daß sie eine begnadete Lehrerin gewesen sei. Wir alle haben sie geliebt.

Mrs. Drive, die andere, bekannte mit Rührung in der Stimme: Ich habe zehn Jahre bei ihr Französischunterricht genossen. Ich werde sie nie vergessen.

Ann, die aufgestanden war und ihre Hände vor der Brust übereinandergelegt hatte, sagte: Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind. Ich fühle tief in mir, daß meine Mutter noch unter uns ist. Ich bin sicher, sie blickt auf uns mit Wohlwollen. Das ist für uns tröstlich, nicht wahr, Harry? Dabei schaute sie auf das Brustbild. Dann suchte sie mit ihren Blicken nach Harry, der gerade den beiden ehemaligen Schülerinnen Tee nachschenkte. Er schaute auf und grinste.

Sie hatte einen starken Glauben, der sie durch alle Schicksalsschläge trug, sie war sehr fromm, ergänzte der Pfarrer, und mildtätig. Die Frömmste und Mildtätigste in meiner Gemeinde.

Betty Brown behauptete: Sie hatte ein divinatorisches Einfühlungsvermögen. Sie konnte in meiner Seele lesen.