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Christine Nöstlinger

Ganz erstaunliche
Kinder

Eine Frau sein ist kein Sport
Teil 2

herausgegeben von Hubert Hladej

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über abrufbar.

2. Ganz erstaunliche Kinder

Zweierlei Bedürfnisse!

Falls Sie es noch nicht wissen sollten, liebe Leserinnen und Leser: ein Kind hat »Regelbedürfnisse« und »Sonderbedürfnisse«!

In der mehr oder minder intakten Familie, in der das Kind mit Vater und Mutter im gemeinsamen Haushalt lebt, nimmt man den gewaltigen Unterschied zwischen diesen zweierlei Bedürfnissen ja nicht speziell wahr. Liebe Eltern investieren in die Bedürfnisse des Nachwuchses ihren letzten Groschen und fragen nicht viel, ob sie da für einen Regel- oder einen Sonderfall gezahlt haben.

Und weniger liebe Eltern entscheiden gern mit: »Nein, das brauchst du nicht!« zugunsten ihrer eigenen Bedürfnisse, ohne darauf zu achten, ob sie nun einen Regel- oder einen Sonderwunsch des Kindes abschlagen.

Wird aber eine Ehe geschieden und können sich die Eltern nicht selbst gütlich einigen, wer in welchem Ausmaß das Kind zu »finanzieren« habe, wird das Gericht mit dieser Frage befasst, und das hat dann zwischen »Regelbedürfnissen« und »Sonderbedürfnissen« fein säuberlich zu trennen, weil die Alimente eigentlich nur dazu da sind, die »Regelbedürfnisse« wie Essen, Kleidung, Schulkram, Spielzeug und kleinere Anschaffungen zu decken.

Was als »Sonderbedürfnis« gilt und wer dieses von Fall zu Fall – zu bezahlen hat, muss dann vor Gericht ausgestritten werden.

Und wie man so hört, sind die Richter da oft verschiedener Meinung. Einer hält die Kosten des Schulschikurses für ein »Sonderbedürfnis« und meint, der Vater und Alimentezahler habe dafür extra aufzukommen.

Ein anderer meint, die Mutter habe sich von den Alimenten die nötige Summe für den Schikurs zusammenzusparen.

Und dies, obwohl in beiden Fällen die Väter gleich viel verdienen, die Alimente auch gleich hoch (oder niedrig) sind und die Mütter ebenfalls ein etwa gleiches Einkommen haben.

Ebenso unklar ist, ob Klavierunterricht, Urlaubsreisen, Zahnspangen und Reitunterricht zu den »Sonderbedürfnissen«, um die gestritten wird, zählen.

Eines dürfte allerdings klar sein: Ein Kind, das dauernd erleben muss, wie seine lieben Eltern wegen seines Schikurses, seiner Zahnspange, seiner Reitstunden, seiner Ferienreise und etlicher anderer Dinge auch noch zu Gericht gehen und streiten, muss sehr stabil sein, um nicht psychische Schäden zu bekommen, deren sich ein Kinderpsychologe anzunehmen hat.

Und die Kosten für diesen laufen dann garantiert unter »Sonderbedürfnis«!

Wenn der Burli nicht will

Unter einem »Haustyrannen« versteht man üblicherweise das erwachsene männliche Wesen, welches in seiner Funktion als Ehemann und Vater Frau wie Kinder terrorisiert. In der modernen Familie kann es aber durchaus sein, dass ein Winzling diese Rolle perfekt übernimmt.

Ich kenne da etwa einen »Burli«, kaum 90 cm hoch, der hat die gesamte Familie fest in seiner Patschhand. Wenn der Burli nicht will, dann geht gar nichts! Der Burli hat das mit einem einfachen Trick erreicht. Wenn er etwas nicht will, dann brüllt er. Aber nicht bloß ein bisschen. Burli brüllt, dass Trommelfelle kaputtgehen. Und er hat gute Lungenflügel. Die stehen das Irrsinnsgebrüll lang durch. Wie lang, weiß man nicht. Jedenfalls länger, als es anderer Leute Ohren aushalten!

Immer, wenn dem Burli etwas nicht passt, brüllt er los und ist nicht zu stoppen. Weder durch die »sanfte Tour« der Mama noch durch die »strenge Methode« des Papas; auch nicht durch die »brutale Art«, zu der seine Geschwister neigen. Die haben dem Burli sogar schon einmal den Mund mit Leukoplast verklebt. Hat auch nichts genützt. Der Burli ist lediglich zwetschkenblau angelaufen (weil die Nasenlöcher in der Hektik der Handlung unter das Leukoplast gekommen sind), aber nach Entfernung der Klebestreifen hat er in doppelter Fußballstadion-Lautstärke weitergebrüllt!

So muss sich die Familie halt täglich vor jeglicher Planung von Aktivitäten fragen, ob der Burli damit auch einverstanden ist. Wählt der Papa für den Ausflug ein 80 km entferntes Ziel, plädiert die Mama vorsorglich für ein halb so weit gelegenes, denn nach 40 km im Auto – das weiß sie aus Erfahrung – fängt der Burli zu brüllen an! Und wenn man Mittagessen geht, vergewissert sich die ganze Familie vorher auf der Speisekarte, ob es auch wirklich Spaghetti gibt. Gibt’s die nicht, pilgert man weiter, denn ein brüllender Burli nimmt sich im Restaurant nicht gut aus. Und wenn der Burli im Wohnzimmer Dreirad fahren will, dann muss der große Bruder das Puzzle vom Teppich räumen. Sonst beschwert sich wieder der Nachbar wegen dem Gebrüll beim Hausverwalter!

Aber bald wird es in der Burli-Familie anders werden. Papa, Mama und Geschwister wollen es nicht länger dulden. Schließlich haben sie ja auch gute Lungen! Heute haben sie beschlossen, dass »zurückgebrüllt« wird!

Um das in die Tat umzusetzen, suchen sie nur noch ein Haus in der Einschicht!

Bitte, bitte, nur ein Löfferl!

Mütter, deren Kinder »freudige Fresser« sind, wissen nicht, welch Glück sie haben. Die halten es für normal, dass ein Kind in den Mund schaufelt, was man ihm auf den Teller tut; egal, ob der Teller daheim auf dem Tisch steht oder auf einem Wirtshaustisch im In- oder Ausland. Zugegeben: Mütter besonders freudiger Fresser haben es auch nicht leicht. Sie müssen ewig den zweiten oder dritten Teller verweigern, um das Kind vor Fettsucht zu retten.

Aber das ist leichter getan, als ein unwilliges Kind zu bewegen, ein Minimum an Nahrung aufzunehmen. Das weiß jeder, der einmal mit vollem Löffel vor einem Kind saß, das zusammengekniffenen Mundes dem nahenden Löffel einen Stoß versetzt und die Löffelfracht an die Tapete schleudert.

In böser alter Zeit hat manche Mutter mit der Brutal-Methode gearbeitet: Nase zuhalten, das Kind kommt in Atemnot, reißt den Mund auf, der volle Löffel wird eingeschoben, gegen den Obergaumen geklatscht, ein »Schluckreflex« entsteht, und die Löffelfracht rutscht die Speiseröhre hinunter.

Aber die »Steinzeit der Kindererziehung« ist vorbei, man greift nimmer zur Zwangssättigung, man arbeitet mit Tricks. Der sinnloseste ist der Lock-Trick: »Ham ham, gutes Pappi, hmmm! ...« Dann führt Mami den Löffel zu ihrem Mund und tut, als wolle sie die Köstlichkeit verzehren.

So ein Unfug! Jede »Zezn« fände es nur nett, wenn Mami den Teller leerfuttert, damit das nahrhafte Ungemach endlich aus der Welt ist.

Besser ist der Erzähl-Trick. Aber die Geschichte muss spannend sein. Ist sie es, reißen kleine Kinder nämlich nicht nur die Augen, sondern auch den Mund auf. Wenn man in dem Augenblick den Löffel einführt und den Erzählfluß nicht unterbricht, merkt das gespannt lauschende Kind gar nicht, dass es geschluckt hat!

Ich kenne eine Mutter, die ein nettes Abkommen getroffen hat: zwei Bissen – einmal Hoppe Reiter – zwei Bissen – einmal Hoppe-Reiter ...

Nein, kalt wird der Brei nicht! Da gibt es Teller, in die man heißes Wasser einfüllt, die halten den Brei ewig lang warm.

Da hat halt jede Mama ihren Spezial-Trick! Aber auch Mamas, die keinen finden, sollten nicht verzagen. Ich kenne einen Knaben, der hat als Kleinkind »überhaupt nix« gegessen, man hat ihm einen frühen, magersüchtigen Tod vorausgesagt. Nun, zehn Jahre später, ist er ein durch und durch gesunder »freudiger Fresser«, den seine Mama vor Übergewicht bewahren muss.

Noch viel ärger?

Man hört oft, dass es ein unerhört traurigtristes Los sei, als Einzelkind aufzuwachsen. An dieser Behauptung mag ja wirklich was dran sein, aber »aus bestinformierten Kinderkreisen« wurde mir zugetragen, dass es noch ein wesentlich traurigeres, tristeres Los sei, als Kind von zwei Einzelkindern in die Welt gesetzt zu werden.

Der belesene Laien-Psychologe könnte ja nun wähnen, die Problematik der Kinder von Einzelkindern liege darin, dass ihre Eltern die »häusliche Star-Rolle«, die dem Einzelkind üblicherweise zufällt, bis ins Erwachsenenalter beibehalten, sie nicht einmal als Papa und Mama ablegen und daher zur selbstlosen, aufopfernden Elternschaft nur mangelhaft geeignet seien.

Derb ausgedrückt: Weil sie als Kinder nie gelernt haben, zu teilen und zu verzichten, fressen sie noch als Eltern ihren Kindern den Schoko-Pudding weg!

Nun, solche Eltern mag es hin und wieder geben, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Kinder von Einzelkindern überhaupt keine Onkel und Tanten haben!

Und das bedeutet in den meisten Fällen – abgesehen vom Mangel an liebenswerten Bezugspersonen und positiven Vorbildern – auch eine ganz gewaltige Einbuße an kindlichem Lebensstandard.

Nehmen wir zum Beispiel das Osterfest: Zu einem Einzelkinder-Kind kommen im Höchstfall drei Osterhasen; ein elterlicher, zwei großelterliche. Bei einem Kind hingegen, dem die Zeugungsfreude der Großeltern viele Onkel und Tanten beschert hat, stehen Osterhasen in Spendierhosen Schlange.