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Christine Nöstlinger

Eine Frau sein
ist kein Sport

Teil 1
Eine Frau sein ist kein Sport

herausgegeben von Hubert Hladej

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über abrufbar.

1. Eine Frau sein ist kein Sport

Eile mit Weile

Glaubt der Mensch, dass der Tag 48 Stunden und er selbst drei Hände habe, nimmt er sich viel vor. Etliches von dem, was mit zwei Händen in 24 Stunden nicht zu tun ist, lässt sich verschieben, etliches nicht. Und üblicherweise kommt zum »Vorgenommenen« noch »Unvorhergesehenes«. Da bringt die Nachbarin das Paket, das ihr der Briefträger anvertraute, und will Dank für die Gefälligkeit in Form eines Plausches abgestattet haben. Da ruft der Mann an und bittet, dass man die Schuhe vom Schuster, den Anzug aus der Putzerei hole, und die Waschmaschine pumpt das Wasser nicht ab und muss »entleert« werden. Und überhaupt klingelt pausenlos das Telefon! Jedenfalls beginnt man nicht, wie geplant, »in aller Ruhe um vier« mit den Vorbereitungen für das 8-Leute-Essen, sondern »in aller Hast um sechs«.

Man täte gut daran, sich nun selbst zu hypnotisieren und den Befehl zu geben: »Net hudeln!« Doch dazu hat man keine Zeit! Wie der tanzende Derwisch wirbelt man in der Küche rum, in der Abwasch türmen sich Geschirr und Küchengerät, man braucht die Quirle vom Mixer, vermutet sie unter dem Berg in der Abwasch. Zeit, den Berg wegzuwaschen, ist nicht, auch nicht, ihn abzutragen, man »untergreift« ihn, wodurch er wankt, hierauf rutscht. Blech scheppert zu Boden, Porzellan hinterher, und die Quirle waren nicht in der Abwasch, die waren unter den Erdäpfelschalen, die aus Zeitnot nicht in den Mist kamen.

Dafür muss man nun Leukoplast suchen, weil man sich beim Aufklauben der Porzellanscherben schnitt. Und mit drei Hansaplast-Fingern ist man halt ungeschickt bei der Handhabung des Geschirrtuchs, das man als Topflappen nimmt. Brennheiß spürt man es am bisher heilen Daumen, sofort wegstellen muss man den verflixten Suppenhäfen! Im Chaos erspäht man ein freies Platzerl auf der Arbeitsfläche, knallt den Häfen drauf. Zu heftig für das randvoll gefüllte Gefäß. Ein Viertelliter Suppe ist nicht viel, aber wenn er von der Arbeitsfläche in die Esszeuglade tropft und das Esszeug »netzt«, nimmt er sich reichlich aus. Und sehr fett! Weil im Suppentopf Fett oben schwimmt.

Während man Esszeug wäscht, blubbert die Soße auf dem Herd schäumend hoch. Kommt davon, dass einem in der Hektik der Obersbecher kippte, statt einem Löffel voll der ganze Becher drin ist. Obers schäumt halt und stinkt beim Übergehen! Nun, irgendwie ist die Schlacht geschlagen, wenn die Gäste klingeln. Und dass sie nicht Orangen, sondern Creme Caramel zum Dessert kriegen sollten, wissen sie nicht. Und die mit Karamell ausgegossenen Förmchen, die vergeblich darauf harrten, mit Eiermilch gefüllt zu werden, die kann man »einweichen«, damit sie im Laufe der Zeit so gnädig werden, sich vom Karamell zu lösen.

Gleich ist leider nicht sofort

Ehefrauen und Mütter tun Ehemännern und Kindern bitter unrecht, wenn sie ihnen Faulheit und Unwilligkeit unterstellen, wo es um die »Mithilfe im Haushalt« geht. Abgesehen von raren, uneinsichtigen Exemplaren, sind Ehemänner und Kinder nämlich sehr wohl bereit, im Haushalt nicht bloß »einen Finger«, sondern »zwei emsige Hände« zu rühren!

Ganz egal, ob es ums Entleeren des Mistkübels geht, ums Tischdecken oder Tischabräumen, ums Säubern der Badewanne, ums Einschrauben neuer Glühbirnen in Lampen, die nur mit Hilfe einer Leiter erreicht werden können, Ehemänner und Kinder wären da wirklich willig zur Tat, wenn ... ja wenn ... ihnen die Ehefrau und Mutter nicht unentwegt so »enge, knappe Termine« setzen würde!

Der Jammer ist nämlich, dass zwischen Ehefrau bzw. Mutter und Ehemann bzw. Kindern die gröbste Meinungsverschiedenheit über das kleine Wort »gleich« herrscht. Die Mutter und Ehefrau verwechselt nämlich leider irrigerweise »gleich« mit »sofort«!

Und wenn das liebe Kind verspricht, »gleich« den Tisch abzuräumen, oder der ebenso liebe Ehemann gelobt, »gleich« einkaufen zu gehen, glaubt die Ehefrau und Mutter, diese Hilfsleistungen würden »sofort« vollbracht werden. Obwohl sie einsehen müsste, dass da noch weit dringlichere »Sofort«-Taten anstehen, wie: telefonieren, entspannen, Kreuzworträtsel lösen, fernschauen und dergleichen mehr.

Frustriert sind dann Ehemann wie Kinder, wenn sie sich nach Erledigung der Sofort-Taten ans Gleich-Werk machen wollen und bemerken, dass dieses bereits getan ist.

Hat die Mutter glatt den Tisch wieder selber abgeräumt! Ist die Ehefrau glatt wieder selber in den Supermarkt gelaufen! Hat die Frau keine Nerven? Kann sie kein bisschen warten? Muss denn alles immer nach ihrem neurotisch-hektischen Zeitplan gehen? Wohl deshalb, damit sie hinterher keppeln kann und als das ausgebeutete Familienopfer dasteht, dem niemand auch nur ein bisschen hilft!

Eine meiner Freundinnen hat sich diesen Vorwurf zu Herzen genommen. Seit Wochen erledigt sie keine einzige Arbeit mehr selber, die ein Familienmitglied per »Mach ich gleich«-Gelöbnis übernommen hat. Es geht ihr ganz gut dabei! Abgesehen von ein paar winzigen Lästigkeiten.

Eine dieser Lästigkeiten hat sie heute aus der Welt geschafft, indem sie sich eine 1000-Liter-Mülltonne für ihre Küche anliefern ließ!

2 Küberln, 1 Kanister, 6 Sackeln ...

Angeblich verbringt der umweltbewusste Haushalt mit Sortieren und Entsorgen des Abfalls zweiundvierzig Stunden im Jahr. Das sind pro Woche etwa achtundvierzig Minuten! Ich weiß echt nicht, wie man das in dieser Zeit schafft!

Zweimal die Woche trage ich Altpapier zum Container hinter dem Haustor. Ja, ja, Lift habe ich! Die Wegzeit (inklusive Papier bündeln, Tür auf- und zusperren) beträgt maximal vier Minuten. Aber immer, wenn ich zur roten Tonne komme, ist die bummvoll! Vordergründig freilich nur. Da ist stets ein riesiger Karton drin, den muss ich rausholen und falten. Leicht geht das nicht (sonst hätt’ es ja der Karton-Ableger selbst getan), aber mit Zerren und Reißen ist’s zu schaffen. Wenn nicht, hilft sportives Draufspringen. Jedenfalls dauert das, laut ureigenem statistischem Erfahrungswert, vier Minuten. Und so verbrauche ich für das Altpapier sechzehn Minuten die Woche.

Halt, falsch! Einmal pro Woche ist im Karton, den ich klein mache, Styropor. Das gehört nicht ins Papier, das muss eine Umweltbewusste in den Hof zum Restmüll tun, was wieder vier Minuten dauert. Flaschen machen weniger Mühe; dafür ein schlechtes Gewissen! Da sind die Tonnen an der Ecke, dauert nur sechs Minuten, bis das Glas entsorgt ist. Und das schlechte Gewissen habe ich nicht deshalb, weil zweimal pro Woche zwei Sackeln mit Glasflaschen von Trinkfreudigkeit zeugen, sondern wegen der armen Leute, die im Haus bei den Flaschentonnen wohnen. Denen müssen vom ewigen Glasgeklirre ja die Ohren abfallen! Und zwölf Glasminuten sind es immerhin auch die Woche!