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im Niederösterreichischen Pressehaus

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St. Pölten – Salzburg – Wien

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ISBN eBook:

978-3-7017-4506-7

ISBN Printausgabe:

978-3-7017-3358-3

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Freitag, 6. April 1945

Stationen der Verfolgung

In den Fängen des NS-Terrorsystems

Vorbereitungen für die Zeit danach

Warten auf die Hinrichtung

Neubeginn in Trümmern

Bauernbund und Österreichische Volkspartei – die Anfänge

Die Bildung der Provisorischen Staatsregierung

Erste Weichenstellungen in der Regierung

Aufbruch in Niederösterreich

Die politische „Dreieinigkeit“

Die Grenzziehung zwischen den Bundesländern

Das erste Parteiprogramm

Eine demokratische, soziale, überkonfessionelle Partei für Österreich

Erste Kontakte mit dem Westen und eine Rückkehr

Unterwegs in Niederösterreich

Von der Vereinigung der Partei zu einem geeinten Land

Besatzungsalltag im Sommer 1945

Spannungen innerhalb der ÖVP-Führung

„Reichsparteiobmann“ der ÖVP

Die erste Länderkonferenz

Der Wahlsieg vom 25. November 1945

Wahlvorbereitungen und die Frage des Wahlrechts für „Minderbelastete“

„Die Kathrein stellt ’n Tanz ein“

Eine absolute Mehrheit, mit der keiner rechnete

Auf dem Weg ins Kanzleramt

An der Spitze der Regierung

Die Krise um die Ministerliste

Konstituierung des Parlaments und Angelobung der Regierung

Figls Regierungserklärung – die Magna Charta des Neubeginns

Ausklang eines aufregenden Jahres

„Ein Kanzler aus Dachau“

Anhang

Fußnoten

Quellen und Literatur

Personenregister

Helmut Wohnout

Leopold
Figl
und das Jahr
1945

Von der Todeszelle auf den Ballhausplatz

Residenz Verlag

Vorwort

Leopold Figls Lebensgeschichte im Jahr 1945 könnte fast dem Drehbuch zu einem Hollywood-Film vor der Kulisse der zu Ende gehenden NS-Herrschaft und der unmittelbaren Nachkriegszeit in Europa entnommen sein: Ein Mann, der den Jahreswechsel von 1944 auf 1945 als politischer Häftling in der Erwartung seiner jederzeit möglichen Hinrichtung im schwer bewachten Isoliertrakt eines Konzentrationslagers erlebt, durchläuft nach seiner glücklichen Befreiung einen rasanten politischen Aufstieg und amtiert zwölf Monate später nach den ersten freien und demokratischen Wahlen in seinem Land als Regierungschef.

Im Gegensatz dazu kennen wir aus der Zeit des Nationalsozialismus unzählige Schicksale von verfolgten Frauen und Männern, bei denen sich das Blatt in eine andere, tragische Richtung gedreht hatte, die, oft noch kurz vor der Befreiung, zu Opfern der NS-Schreckensherrschaft wurden. Leopold Figl kam, fast ist man versucht zu sagen, wie durch ein Wunder, mit dem Leben davon. Und binnen weniger Tage, unmittelbar nachdem seine nähere Wohnumgebung im Zuge der Schlacht um Wien unter die Kontrolle der Roten Armee gekommen war, wendete sich sein Schicksal. Der Bauernfunktionär Figl wurde von den Sowjets zur Mithilfe bei der Organisation der Lebensmittelversorgung Wiens herangezogen. Es war der Beginn eines steilen Aufstiegs. Figl setzte sich an die Spitze des Bauernbundes, stand an der Wiege des Neubeginns in Niederösterreich, wurde zu einem Mitbegründer der Österreichischen Volkspartei und fungierte Ende April 1945, also drei Wochen nach seiner Entlassung aus der NS-Haft im Wiener Landesgericht, als De-facto-Vizekanzler der Provisorischen Staatsregierung unter Karl Renner. Im Frühherbst rückte er an die Spitze der ÖVP auf, führte diese in die erste Nationalratswahl nach Kriegsende und wurde nach einem fulminanten Wahlsieg mit absoluter Mandatsmehrheit am 21. Dezember 1945 zum ersten Bundeskanzler der Zweiten Republik angelobt.

Und dennoch steht das Jahr 1945 im Leben Leopold Figls bis heute im Schatten des Ausrufs „Österreich ist frei“, gesprochen zehn Jahre später, am 15. Mai 1955, der den Mythos Figl endgültig begründete. Es war der vielleicht größte Moment im Leben Leopold Figls, aber eben nur ein Moment. Denn politisch war der Staatsvertrag die große Leistung Julius Raabs, der bei der Unterzeichnung in einer großmütigen Geste seinem Freund und Außenminister den Vortritt ließ. Das politische Schlüsseljahr in seinem Leben war 1945. Und deshalb hat sich dieses Buch zum Ziel gesetzt, dieses eine Jahr aus der langen politischen Laufbahn Leopold Figls ins Zentrum der Darstellung zu rücken. Es ist der Blick durch ein Brennglas auf ein Jahr im Leben eines der Protagonisten des staatlichen Neubeginns an der Schwelle zur Zweiten Republik. Dazu notwendig ist freilich ein Rückblick auf die davorliegende Periode der Verfolgung und die Gründe dafür. Die Darstellung findet ihren logischen Abschluss mit dem Beginn der Ära Figl als Bundeskanzler, mit den Mühen der Ebene einer mehr als siebenjährigen Kanzlerschaft unter schwierigsten Umständen.

Das vorliegende Buch ist daher bewusst keine Biographie, die ein ganzes Leben abdeckt. Dazu sei auf die noch zu Lebzeiten Figls erschienene Arbeit von Susanne Seltenreich und vor allem auf die mehrfach neu aufgelegte Darstellung von Ernst Trost verwiesen.

Viel Lesenswertes ist seit dem Erscheinen des Standardwerks von Ernst Trost an Publikationen über Leopold Figl veröffentlicht worden, wenig davon aber wirklich quellenbasiert. Nunmehr wird der Versuch unternommen, in einer größeren zeitlichen Distanz von mittlerweile 70 Jahren und beruhend auf einigen heute zugänglichen beziehungsweise neu aufgetauchten Archivbeständen im In- und Ausland das Jahr 1945 im Leben Leopold Figls nachzuzeichnen. Vielleicht kann das vorliegende Buch mithelfen, ein wenig von der klischeehaften Mythenbildung rund um eine der wenigen politischen Ikonen der Zweiten Republik wegzukommen, und zugleich einen hoffentlich spannenden und lesenswerten Beitrag zur Historisierung des Phänomens Leopold Figl leisten.

* * *

Es ist mir als Verfasser ein persönliches Anliegen allen denjenigen, die zum Zustandekommen des vorliegenden Buches beigetragen haben, an dieser Stelle zu danken. Es war der Vorsitzende des Zukunftsfonds der Republik Österreich, Dr. Kurt Scholz, der mir gegenüber den Vorschlag machte, ein solches Buchprojekt in Angriff zu nehmen. Für den Impuls, die Unterstützung und die wohlwollende Begleitung des Entstehens dieser historischen Studie bin ich ihm genauso wie dem Generalsekretär des Zukunftsfonds, Prof. Herwig Hösele, sehr verbunden. Ebenso hat der Vorsitzende der Kameradschaft der Politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich, Dr. Gerhard Kastelic, das Entstehen dieses Buches von Anfang an mit Empathie begleitet. Durch ihn wurde der erste Kontakt zum Residenz Verlag hergestellt. Namentlich war es Roswitha Wonka, die dieses Buch von Anfang an umsichtig unter ihre Fittiche genommen hat. Angesichts eines zeitlich relativ engen Korsetts waren die effiziente Kooperation und ein hohes Maß an Vertrauensvorschuss dem Autor gegenüber eine notwendige Voraussetzung, um das Buch fristgerecht rund um den 50. Todestag Leopold Figls vorlegen zu können. Für beides bin ich dem Verlag sehr dankbar. In Mag. Josef Weilguni habe ich mit einem einfühlsamen, verständnisvollen und umsichtigen Lektor zusammengearbeitet, der bei der Fertigstellung des Buches eine für mich unverzichtbare Stütze wurde.

Das Erscheinen des Buches wurde außer durch den Zukunftsfonds der Republik Österreich von der Abteilung Wissenschaft und Forschung des Landes Niederösterreich, dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus sowie der Kameradschaft der Politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich gefördert. Allen genannten Institutionen darf ich für die Unterstützung danken.

Für die wohlwollende Begleitung der Entstehung dieses Buches danke ich seitens der Familie Leopold Figls dessen Tochter, Fr. Dkfm. Anneliese Figl, sowie Dr. Willibald und Maria Hauer, die das Gästebuch Leopold Figls dem Verfasser zugänglich gemacht haben. Für hilfreiche Unterstützung danke ich weiters dem Österreichischen Bauernbund, namentlich dessen Direktor, Dr. Johannes Abentung, und der Pressereferentin, Mag. Andrea Salzburger.

Ein großer Dank gilt auch den Kollegen und vor allem den Archivaren, die mich bei der Quellenrecherche zu diesem Buch unterstützt haben.

An der Spitze darf ich meinen Mitarbeiter am Karl von Vogelsang-Institut, Dr. Hannes Schönner, nennen. Im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes wurde ich von Dr. Wilfried Garscha und Christine Schindler mit großem Fachwissen und Hilfsbereitschaft betreut. Im Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung danke ich Mag. Michaela Maier für die unkomplizierte Ermöglichung der Benützung der Archivbestände. Im Österreichischen Staatsarchiv standen mir meine Kollegen Dr. Robert Rill, Dr. Rudolf Jeřábek und Heinz Placz hilfreich zur Seite, im Niederösterreichischen Landesarchiv dessen Leiter Dr. Willibald Rosner, Dr. Stefan Eminger und Mag. Martina Rödl.

In Deutschland bin ich an Archiven dem International Tracing Service in Bad Arolsen sowie dem Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau, namentlich Herrn Albert Knoll, für die geleistete Unterstützung verbunden. In den USA hatte ich bei meinen Recherchen in den National Archives in College Park, Maryland, das Glück, gleichzeitig mit zu verwandten Themen forschenden österreichischen Kollegen zu arbeiten, namentlich Dr. Maximilian Graf und Dr. Herwig Czech. Beiden bin ich für wertvolle Hinweise auf einzelne Dokumente zu Figl bzw. deren Überlassung dankbar. Bei den Arbeiten im Georgetown University Special Collections Research Center halfen mir Ted Jackson sowie Prof. James Shedel, der seit mehr als zwei Jahrzehnten ein vertrauter Unterstützer meiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist. Schließlich ist es mir ein Anliegen, meinem Freund und langjährigen Studienkollegen Dr. Thomas Angerer zu danken. Er hat mir freundlicherweise die in diese Arbeit eingeflossenen französischen Primärquellendokumente, die er in Paris eingesehen hat, zur Verfügung gestellt.

Für ihr Verständnis für den zusätzlichen zeitlichen Aufwand, den dieses Buch zu ihren Lasten verursacht hat, danke ich meiner Frau Renate und meinem Sohn Christoph, dem ich dieses Buch gerne widmen möchte.

Helmut Wohnout

Wien, Anfang März 2015

Freitag, 6. April 1945

„Am Freitag, den 6. April 1945, scheint es ernster zu werden. Artilleriefeuer schon morgens ziemlich heftig, die Batterien des Flakturms schießen ohne Unterbrechung gegen Südosten. Alle Stunden stürzen Tiefflieger, in der Sonne glitzernd […] hernieder. […] Straßenbahnen sind anscheinend eingestellt.“1 So beginnen an diesem Tag die Tagebuchaufzeichnungen des Wiener Diplomaten Josef Schöner. Er erlebte den Tagesanbruch in der Siebensterngasse, nicht allzu weit entfernt von der Landesgerichtsstraße. Dort, im „Grauen Haus“, war seit Ende Jänner 1945 Leopold Figl als politischer Häftling inhaftiert. Auch er hatte den Lärm der näher rückenden Front gehört. Noch am Morgen des Vortages hatte er damit rechnen müssen, in einem Volksgerichtshofprozess abgeurteilt oder auch ohne Verfahren hingerichtet zu werden. Doch nun sah alles anders aus. Denn die Schlacht um Wien hatte voll eingesetzt.

Seit den ersten Apriltagen war klar geworden, dass die Rote Armee rasch näher rückte. Am 2. April 1945 war Wien zum Verteidigungsbereich erklärt worden. Frauen und Kindern wurde empfohlen, die Stadt zu verlassen.2 Wien sollte nach dem Willen Hitlers mit allen Mitteln verteidigt werden. Auch Figls Familie hatte Zuflucht bei Verwandten in Kapelln, am Rande des Tullnerfeldes, der engeren Heimat Leopold Figls, gesucht. Bereits am 4. April 1945 erreichten die vorrückenden russischen Truppen Mödling, einen Tag später rollte der sowjetische Generalangriff vom Süden her auf Wien und überschritt die Stadtgrenzen.3 Zugleich setzte die Rote Armee zu einem Umfassungsmanöver an und näherte sich auch vom Westen kommend der Stadtgrenze.

Leopold Figl saß zu diesem Zeitpunkt in einer mit einem „V“ gekennzeichneten Zelle im Landesgericht. Das „V“ stand für Volksgerichtshof und die hier Eingesperrten waren in Erwartung ihrer Verfahren.4 Wie ein solches ausgehen würde, darüber machte sich Figl keine Illusionen, hörte er doch, wie er sich selbst rückblickend erinnerte, wie „[…] der dumpfe Schlag des Fallbeils in die Zelle hallte“.5 Im sarkastisch-makabren Gefängnisjargon waren Figl und seine Mitgefangenen die „Köpfler“.6 Noch am 3. April 1945 schien es so, als würde er gemeinsam mit den anderen verbliebenen politischen Häftlingen von den Nazis nach Westen abtransportiert werden. Sie hatten sich marschbereit zu machen. Doch am 5. April 1945 wendete sich plötzlich ihr Schicksal. Die Häftlinge hatten anzutreten. Der Gefängnisdirektor des Landesgerichts, es handelte sich um einen Deutschen, hatte sich, dem Beispiel anderer prominenter Parteifunktionäre folgend, abgesetzt. Sein österreichischer Stellvertreter teilte den Gefangenen mit, er beabsichtige, alle Inhaftierten freizulassen. Bis dahin hätten sie Ruhe und Besonnenheit zu bewahren. Figl, der sofort die Rolle eines Sprechers der Gefangenen übernahm, verlangte für alle Häftlinge ordentliche Entlassungspapiere. Ihm war klar, dass diese eine Voraussetzung waren, um von abziehenden Deutschen oder auch einrückenden Sowjets nicht im einen Fall als Widerständler oder im anderen Fall als Spion sofort an die Wand gestellt zu werden. Außerdem schlug er vor, die im Gebäude gelagerten Lebensmittel und Zigaretten als Proviant an die zu Entlassenden zu verteilen.

Am nächsten Morgen war es dann so weit. Die Gefangenen wurden der Reihe nach mit Papieren versorgt, bekamen etwas zu essen mit und konnten sukzessive das Gefängnis verlassen. Zuerst erhielten die gefangenen Frauen ihre Entlassungspapiere. Als einer der ersten Männer kam der populäre Schauspieler Paul Hörbiger frei, als einer der letzten Leopold Figl. Er selbst erinnerte sich: „Als das Landesgericht schon fast menschenleer war – die Häftlinge waren entlassen, die Wärter geflüchtet –, verließ auch ich das Haus. Es war am Nachmittag des 6. April 1945.“7 Von den Strapazen der Haft äußerlich gezeichnet, körperlich ausgemergelt, kahlgeschoren, mit roten Bartstoppeln im Gesicht,8 ging es für ihn durch das schwere Eisentor des Landesgerichts in die Freiheit. Die Stadt innerhalb des Gürtels war noch in deutscher Hand, die Straßen aber menschenleer. Figl ging in Richtung Votivpark. Vor der verschlossenen Kirche saß auf einer Bank ein in Gedanken versunkener, einsamer Mann. Es war sein Mithäftling Felix Hurdes, mit dem er sich dort verabredet hatte. Beide hatten ihre Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk. Also machten sie sich gemeinsam auf den Weg nach Hause. Am Stephansplatz angelangt, hielten sie kurz inne und gingen gemeinsam in den Dom.9 Fünf Tage später sollte er in Flammen stehen.

Vor ihrer neuerlichen Verhaftung im Herbst 1944 hatten Hurdes und Figl gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten schon ganz konkrete Pläne für die Rückkehr in die Politik und die Gründung einer neuen bürgerlichen Sammelpartei in der postnationalsozialistischen Ära eines wieder freien Österreich geschmiedet. Als sie nun die durch die Bombenangriffe vom Februar und März 1945 bereits schwer mitgenommene Innenstadt durchquerten, kamen sie wieder auf ihre früheren Absichten und Pläne zu sprechen. Als sie sich verabschiedeten, vereinbarten sie, in den kommenden Tagen sofort mit dem Aufbau einer demokratischen Partei zu beginnen, so als wäre zwischen ihren konspirativen Treffen 1943/44 und dem Tag ihrer Freilassung nichts geschehen.10 An die Tatsache, dass sie körperlich durch die neuerliche brutale Haft im KZ und im Landesgericht schwer gezeichnet waren, verschwendeten sie keinen Gedanken. Nur die Vorstellung, dass der Schrecken von Nationalsozialismus und Krieg endlich zu Ende ging, bestimmte ihr Denken. Endlich Freiheit, um das, wovon sie sieben Jahre lang geträumt hatten, woran sie sich in den finstersten Stunden ihrer KZ-Haft aufgerichtet hatten, in die Tat umsetzen zu können.

So wurde der 6. April 1945 zu einem der großen Wendepunkte im Leben Leopold Figls. Fast sechs Jahre hatte er in den Kerkern und Konzentrationslagern der Nationalsozialisten hinter sich. Er war mit dem Leben davongekommen. Und er war in seinem Willen ungebrochen, die Dinge wieder in die Hand zu nehmen, bei der politischen Gestaltung und beim Wiederaufbau seiner Heimat eine maßgebliche Rolle zu spielen.

Um Leopold Figls Agieren im Jahr 1945 zu verstehen, ist es allerdings erforderlich, eingangs einen Blick zurückzuwerfen, auf die Jahre der KZ-Haft in Dachau und Flossenbürg, die Tätigkeit im politischen Untergrund 1943/44 und die neuerliche Verhaftung und Inhaftierung im KZ Mauthausen als Folge des Attentats vom 20. Juli 1944, die bis zu seiner Befreiung am 6. April 1945 andauerte.

Stationen der Verfolgung

Leopold Figl zählte zu den ersten Österreichern, die von den Nationalsozialisten verhaftet wurden. Bereits am 12. März 1938, dem Tag nach dem Rücktritt Bundeskanzler Kurt Schuschniggs, wurde er in seiner Wiener Wohnung festgenommen.

Der damals 35-Jährige galt im Frühjahr 1938 als junger und aufstrebender Bauernfunktionär. Er war seit 1933 Direktor des mächtigen niederösterreichischen Bauernbundes und seit 1937 Direktor des gesamtösterreichischen Bauernbundes, des „Reichsbauernbundes“, wie er sich damals nannte. Seit 1934 fungierte er als staatlicher Mandatar im Bundeswirtschaftsrat, einem der mit der Verfassung des Jahres 1934 eingerichteten „Organe der Bundesgesetzgebung“1. Figl war ein Protegé des mächtigen Bauernführers und niederösterreichischen Landeshauptmannes Josef Reither. Seine engere politische Heimat, das niederösterreichische bäuerliche Milieu, traditionell streng katholisch geprägt, hatte sich schon vor 1938 als vergleichsweise resistent gegenüber dem Nationalsozialismus gezeigt. In Anlehnung an seinen politischen Mentor Reither war Figls Tätigkeit als Agrarfunktionär von einer deklariert antinationalsozialistischen Grundhaltung bestimmt. Reither war es auch, der Figl 1932 veranlasst hatte, die Führung der „Ostmärkischen Sturmscharen“ in Niederösterreich zu übernehmen. Innerhalb des Spektrums der Wehrverbände waren die Ostmärkischen Sturmscharen als Konkurrenzunternehmen zur Heimwehr konzipiert. Sie standen den Christlichsozialen und der katholischen Kirche näher als die unberechenbare und schillernde Heimwehrbewegung. Auch dem Gedanken der Unabhängigkeit Österreichs fühlten sich die Sturmscharen ungleich stärker verpflichtet.2

Während der letzten Tage und Stunden vor dem „Anschluss“ stieg Figl aus der zweiten Reihe des politischen Establishments des autoritären Österreich in das unmittelbare Epizentrum der Macht rund um Bundeskanzler Schuschnigg auf. Die für den 13. März angesetzte Abhaltung einer Volksbefragung über die Unabhängigkeit Österreichs war von Bundeskanzler Schuschnigg erst am Abend des 9. März 1938 bekannt gegeben worden. Der österreichische Kanzler hatte mit dieser kurzfristig gesetzten Maßnahme gegenüber Nazideutschland auf das Überraschungsmoment gesetzt und gehofft, so einen Befreiungsschlag gegenüber Hitler landen zu können. Figl, der als dynamischer und effizienter Organisator bäuerlicher Großkundgebungen bereits einen blendenden Ruf hatte, zählte in diesem Moment zu jenen Funktionären, auf die Schuschnigg setzte, um binnen kürzester Frist die Kampagne für die Volksabstimmung zu organisieren.3 Die erfolgreiche Mobilisierung der ländlichen Bevölkerung stellte eine Voraussetzung für einen Erfolg des Referendums dar. Es waren hektische Tage und Stunden, die begannen. Figl setzte sein ganzes Improvisationstalent ein, um die Bauern in möglichst großer Zahl für eine zustimmende Teilnahme an der Volksbefragung zu motivieren.

Am Vormittag des 11. März, es war ein Freitag, spitzte sich die Situation, wie Figl sie erlebte, dramatisch zu. Seit langem war für diesen Tag eine große Festveranstaltung der Raiffeisengenossenschaften angesetzt. Es galt, den 50. Todestag Friedrich Wilhelm Raiffeisens und den 40. Jahrestag der niederösterreichischen Genossenschafts-Zentralkasse zu begehen. Aus diesem Anlass wurde in den Wiener Sophiensälen einer der größten bisher dagewesenen Raiffeisentage abgehalten.4 Er sollte nun kurzfristig zu einer machtvollen Kundgebung der Bauernschaft für die Unabhängigkeit und ein „Ja“ bei der Volksbefragung werden. Doch nahm die Veranstaltung nicht den erwarteten und von Figl erhofften Verlauf. Denn von den beiden angesagten Ehrengästen waren zu Beginn der Veranstaltung weder Bundespräsident Wilhelm Miklas noch Bundeskanzler Schuschnigg erschienen. Plötzlich wurde, während er gerade seine Rede hielt, Reither dringend zu Schuschnigg ins Bundeskanzleramt gerufen. Als Obmann der Genossenschafts-Zentralkasse musste der frühere Landwirtschaftsminister Rudolf Buchinger die Veranstaltung weiterführen, während Reither in Begleitung Figls auf den Ballhausplatz eilte.5 Dort waren bereits die engsten Vertrauten des Kanzlers versammelt. Er informierte sie über die deutsche Forderung nach Verschiebung der Volksabstimmung. Von einer kurzen Unterbrechung abgesehen, blieben Figl und Reither während des ganzen Nachmittages im Bundeskanzleramt und erlebten mit, wie aus der ursprünglichen Forderung nach Verschiebung der Volksabstimmung ein Ultimatum unter offener Androhung militärischer Gewalt wurde:6 Die Regierung müsse zurücktreten, andernfalls der Einmarsch erfolge. Gleichzeitig wurde von Berlin aus die Ernennung Arthur Seyß-Inquarts zum Bundeskanzler verlangt, was aber Miklas noch den ganzen Tag hindurch ablehnte. Als klar wurde, dass die europäischen Mächte Österreich eine wirksame Unterstützung versagten und auch aus Rom keine Hilfe mehr zu erwarten war, sah Schuschnigg, der unter diesen Umständen einen bewaffneten Widerstand für aussichtslos hielt, die Sache für verloren an und erklärte seinen Rücktritt. Seine verbliebenen engsten Vertrauten, unter ihnen Julius Raab und Hans Pernter, Josef Reither und Leopold Figl sowie seine Pressemitarbeiter Walter Adam und Edmund Weber wurden Zeugen der Abschiedsrede Schuschniggs, die vom Kanzleramt aus über das Radio kurz vor acht Uhr abends ausgestrahlt wurde. „Wir weichen der Gewalt“ – das war die zentrale Aussage der Rede Schuschniggs, in der er sich mit seinem legendär gewordenen „Gott schütze Österreich“ von seinen Landsleuten verabschiedete.

Im Gegensatz zu manchen anderen Funktionären des Regierungslagers war Figl auch nach dem Treffen zwischen Schuschnigg und Hitler vom 12. Februar 1938 am Berghof in Berchtesgaden überzeugt, dass es gelingen werde, die Unabhängigkeit Österreichs aufrechtzuerhalten, ungeachtet der Tatsache, dass der deutsche Druck auf Österreich mehr und mehr zunahm. Nun waren bei Figl sein Optimismus und seine Zuversicht mit einem Schlag verschwunden. Einmal noch ging er aus dem Kanzleramt kommend in sein Büro in der Bauernbundzentrale in der Schenkenstraße. Es war ein Abschied für sieben Jahre. Während auf den Straßen der Innenstadt die Nationalsozialisten bereits die Macht an sich rissen, kehrte Figl zutiefst erschüttert nach Hause zurück.7 Er vernichtete noch einiges an möglicherweise belastenden Unterlagen und erwartete den nächsten Tag bereits mit bösen Vorahnungen. Sie sollten sich rasch bewahrheiten. Gegen Mittag des 12. März 1938 wurde er in seiner Wohnung in der Kundmanngasse im dritten Wiener Gemeindebezirk festgenommen.

In den Fängen des NS-Terrorsystems

Leopold Figls Verhaftung fiel nicht unter die Kategorie der Privatrache, also der vielen spontanen Übergriffe und kurzfristigen Verhaftungen, die von österreichischen Nationalsozialisten im ersten Machtrausch erfolgten. Sie war vielmehr Teil des von der Gestapo ab dem Morgen des 12. März systematisch veranlassten Systemterrors.8 Dabei sollten die politischen Gegner des NS-Regimes in Österreich gezielt durch Verhaftung ausgeschaltet werden.9 In Figl sahen die Nationalsozialisten einen effizienten und gefährlichen politischen Gegner. Dies wird auch aus einer internen Begründung seiner Verhaftung vom September 1938 deutlich. Darin heißt es, Figl sei einer derjenigen gewesen, die gemeinsam mit Josef Reither und dem früheren Handelsminister Friedrich Stockinger wesentlichen Anteil an der Vorbereitung der von Schuschnigg beabsichtigten Abstimmung hatten. Hinzugefügt wurde, dass er für das Plebiszit über Geldmittel in der Höhe von 200.000,– Schilling verfügt hätte, die nach seiner Festnahme in der Zentrale des Bauernbundes vorgefunden worden seien.10

Nach einer Vernehmung im Niederösterreichischen Landhaus wurde Figl vorderhand im Polizeigefängnis auf der Wiener Elisabethpromenade, der heutigen Rossauerlände, inhaftiert. Es war dies die erste Station in der Reihe der Gefängnisse und Konzentrationslager, in die Figl in den kommenden Jahren als Verfolgter des nationalsozialistischen Regimes verbracht wurde. Insgesamt sollten es fast sechs Jahre sein, in denen er bis 1945 seiner Freiheit beraubt war.

Am Abend des 1. April ging es für Figl im Arrestantenwagen, einem im Volksmund damals so genannten „Grünen Heinrich“, zum Wiener Westbahnhof. Gemeinsam mit 149 weiteren Gegnern des Nationalsozialismus wurde er dort der SS überantwortet.11 Zu ihnen zählten Josef Reither genauso wie zahlreiche weitere führende Politiker des autoritären Österreich, darunter der frühere Wiener Bürgermeister Richard Schmitz, der Präsident des Gewerkschaftsbundes Johann Staud und Alfons Gorbach, der Landesleiter der Vaterländischen Front in der Steiermark. Es waren aber nicht nur Regierungsfunktionäre, die diesem ersten „Prominententransport“ nach Dachau angehörten. Neben Kommunisten wie Ludwig Soswinski und Sozialdemokraten wie Robert Danneberg, Alexander Eifler und Franz Olah befanden sich unter den Häftlingen zahlreiche prominente Juden, wie der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Desider Friedmann, sowie auch die Söhne des 1914 ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand, Max und Ernst von Hohenberg. Hohe Beamte, vor allem aus dem Bereich der Polizei und Justiz, gehörten dem Transport ebenso an wie oppositionelle Kulturschaffende und Journalisten. Die Liste war in den Tagen zuvor durch die mit Erlass Heinrich Himmlers vom 18. März 1938 eingerichtete Gestapoleitstelle Wien zusammengestellt worden.12 Die Gefangenen wurden in insgesamt neun Zellenwagen zum Westbahnhof gebracht. Im Moment des Abtransports von der Elisabethpromenade wussten sie noch nicht, was mit ihnen geschehen würde. Einige Häftlinge hofften, ihre Freilassung stünde bevor. Erst als die Gefangenenwagen von der Ringstraße in die Mariahilfer Straße in Richtung Westbahnhof einbogen, realisierten zumindest einige, was dies bedeutete.13

Am Wiener Westbahnhof erfolgte die Übergabe der prominenten Häftlinge von der Wiener Polizei an die SS des Konzentrationslagers Dachau. Von dieser wurden die Gefangenen mit Gewehrkolbenschlägen in Empfang genommen und brutal in die bereitstehenden Waggons getrieben. Schon der Transport wurde zu einer traumatischen Ouvertüre dessen, was die Häftlinge in Dachau erwarten sollte. Während der Fahrt wurden sie immer wieder vom aggressiven und teilweise alkoholisierten Wachpersonal sadistisch gequält und zusammengeschlagen. Figls persönlicher Freund und Mithäftling Rudolf Kalmar erinnerte sich: „Wir standen von dem Augenblick unserer Übernahme durch die SS unter gar keiner Regel mehr. Man trat mit genagelten Stiefeln nach uns, stieß uns die Gewehrkolben in die Rippen, schlug uns mit geballten Fäusten mitten ins Gesicht. Der Herrenmensch tobte sich aus.“14 Ein anderer Mithäftling, Bruno Heilig, sprach von „zwölf Stunden Fahrt in der fahrenden Hölle“15. Als sie am frühen Morgen des 2. April endlich im Konzentrationslager ankamen, hatten viele der Häftlinge, so Fritz Bock, „so zerschlagene Gesichter, dass sie nicht mehr einem menschlichen Antlitz glichen“16.

In Dachau erhielt Leopold Figl die Häftlingsnummer 13897. Wie allen KZ-Insassen wurden ihm sämtliche Habseligkeiten abgenommen, stattdessen bekam er die gestreifte Häftlingskleidung und wurde kahl geschoren. Er kam in den Block 13, den sogenannten Österreicherblock, und wurde bei der täglich zu verrichtenden Zwangsarbeit einem Maurerkommando zugeteilt.

Gleichzeitig mit seiner Deportation in das KZ wurde Figl – ganz der zynisch-bürokratischen Seite des NS-Terrorsystems entsprechend – an seine Privatadresse seitens der „Landesbauernschaft Österreich“, die nun in der Schenkenstraße residierte, seine fristlose Entlassung zugestellt, „auf Grund Ihres dienstlichen und politischen Verhaltens“, wie es in dem kurzen, selbstverständlich mit „Heil Hitler“ gezeichneten Schreiben hieß.17

Schon bald wurden Figl und seine Mithäftlinge Zeugen der brutalen und sadistischen Foltermethoden der Wachmannschaft im KZ Dachau. Die österreichischen Gefangenen mussten geschlossen am Appellplatz antreten und eine der grausamsten Misshandlungen, eine Auspeitschung eines Häftlings am sogenannten „Bock“, mitverfolgen. Dabei wurde der Delinquent nach einem sadistisch zelebrierten Ritual über ein dem gleichnamigen Turngerät vergleichbares Holzgestell gefesselt und von SS-Männern mit sogenannten „Ochsenziemern“ – dabei handelte es sich um Peitschen aus geflochtenen Ochsensehnen, die zuvor in Wasser getränkt wurden – ausgepeitscht. Die Peiniger schlugen mit solcher Wucht zu, dass tiefe Fleischwunden die grausame Folge waren. Dessen ungeachtet wurde die Folter weiter vollzogen. Sehr häufig verlor der Gefangene, der die ihm zugefügten Hiebe selbst mitzählen musste, während dieser Bestrafung vor Schmerz das Bewusstsein. In einem solchen Fall wurde er mit einem Kübel Wasser übergossen und es wurde gewartet, bis er wieder zu sich kam. Erst danach wurde die Folter fortgesetzt. Es sollte der Delinquent die ihm zugefügten Schmerzen bei vollem Bewusstsein erleiden.18

In Reih und Glied angetreten und strammstehend, musste auch Figl erstmals diese qualvolle Prozedur mitansehen. Rudolf Kalmar zufolge war der sonst sehr robuste Figl von der Folterung psychisch derart mitgenommen, dass er bleich im Gesicht wurde und für einige Sekunden selbst das Bewusstsein zu verlieren drohte. Unbeobachtet von der Wachmannschaft, wurde er von den neben ihm stehenden Mithäftlingen gestützt.19 Damals konnte er noch nicht ahnen, dass er einige Zeit später selbst Opfer dieses grausamen Strafrituals werden sollte. Im Herbst 1938 wurde er dabei ertappt, mit einem Mithäftling, dem früheren Staatsrat und niederösterreichischen Heimwehrfunktionär Eduard Seeger, während der Arbeit über Politik gesprochen zu haben. Der SS-Wache, die ihn gestellt hatte, antwortete Figl auf die Frage, woher er käme, „aus Österreich“20. Schon die Nennung des Namens Österreich war aus Sicht der Lagerleitung Provokation genug, um drakonisch abgestraft zu werden, wie dies für solche „Delikte“ in der brutalen Disziplinar- und Strafordnung für das Gefangenenlager sogar schriftlich festgelegt war.21 In Figls Fall erfolgte die Auspeitschung am Bock allerdings, ohne dass andere Häftlinge antreten und das qualvolle Spektakel mitverfolgen mussten. Blutüberströmt verlor Figl dabei das Bewusstsein, wobei die Strafe nach dem bereits geschilderten Ritual fortgesetzt wurde. Anschließend kam er am 18. Oktober 1938 in den berüchtigten Kommandantur-Arrest, wo er mehrere Monate, anfangs in einer Dunkelzelle und mit Verpflegung nur jeden dritten Tag, festgehalten wurde.22 Auf Grund des düsteren Aussehens des zentralen Arrestgebäudes wurde es im Häftlingsjargon als der „Bunker“ bezeichnet.23

Was dies alles hieß, hat Figls Mithäftling Franz Olah, der Ähnliches zu erdulden hatte, anschaulich geschildert: „Auch ich erhielt diese Lagerstrafe, aber nicht 25 Schläge [wie Figl, Anm. d. Verf.], sondern nur 15. Es war nicht angenehm; zwei kräftige, junge SS-Männer schlugen mit Ochsenziemern so fest zu, dass ich die folgenden 14 Tage nur mehr am Bauch liegen konnte. Dazu kam der Dunkelarrest von 45 Tagen, wobei es nur jeden vierten Tag etwas zu essen gab, dann folgte ein Jahr Strafblock […] Wer dies alles überstehen konnte, trug seine Wunden davon, mancher mehr, mancher weniger.“24

Auch Figl trug bleibende körperliche Wunden davon. Doch darüber sprach er kaum. Im Konzentrationslager versuchte er stets, gegenüber seinen Mitgefangenen Trost und Zuversicht auszustrahlen. Auch später wollte er darüber nicht sprechen, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Lediglich in einem persönlichen Brief an einen früheren KZ-Kameraden vom Mai 1946 räumte Figl ein, an gesundheitlichen Spätfolgen der KZ-Haft zu laborieren.25

Nach seiner Rückkehr aus dem „Bunker“ am 2. Juni 1939 wurde er in Dachau für einige Zeit auf Grund seiner völligen körperlichen Erschöpfung bei leichteren Vermessungstätigkeiten eingesetzt. In diese Phase fällt ein Ereignis, das sich bei Figl tief eingeprägt hat. Im August 1939 mussten die Häftlinge eines Tages um vier Uhr in der Früh auf dem Appellplatz des Konzentrationslagers antreten und stundenlang warten. Sodann wurde ihnen über den Lagerlautsprecher eine Radioübertragung von der völlig überraschenden Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts durch die Außenminister der beiden Staaten, Joachim von Ribbentrop und Vjačeslav M. Molotov, vorgespielt. Vor allem für die kommunistischen Häftlinge sollte es in den Augen der Lagerleitung eine tiefe Demütigung sein, Kenntnis vom Arrangement der beiden Diktatoren, die sich bis dato als unversöhnliche Erzfeinde gegenübergestanden waren, zu haben. Figl kam nach 1945 gegenüber Vertretern der Besatzungsmächte immer wieder auf diese Begebenheit im KZ zu sprechen, im Zuge der Staatsvertragsverhandlungen im April 1955 auch gegenüber Molotov persönlich, der darauf betreten reagierte.26

Am 27. September 1939 wurde Leopold Figl wie die meisten Österreicher von Dachau für ein knappes halbes Jahr in das Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz verlegt. Das KZ Flossenbürg war wegen der von den Häftlingen zu verrichtenden besonders schweren Zwangsarbeit in den dortigen Granitsteinbrüchen gefürchtet. Figl musste neuerlich aufreibende und kräfteraubende körperliche Schwerstarbeit verrichten. Am 2. März 1940 kehrte er in das KZ Dachau zurück.27

Ob seines unerschütterlichen Optimismus, seiner Kontaktfreudigkeit und seiner Hilfsbereitschaft war Figl bei seinen Lagerkameraden beliebt. Er fand rasch Zugang zu allen Häftlingen, unabhängig davon, welchen politisch-ideologischen Hintergrund sie hatten.28 In der Situation der Gefangenschaft fielen die alten Lagergrenzen, und bei Figl wie bei vielen seiner Mithäftlinge setzte ein Umdenken ein. Für ihn waren das insofern neue menschliche Erfahrungen, als er bis 1938 ausschließlich im Umfeld von Bauernbund, Christlichsozialer Partei und politischem Katholizismus sozialisiert worden war. Nun lernte er erstmals auch Menschen mit ganz anderen politisch-ideologischen Ansichten näher kennen. Was früher nur eingeschränkt möglich gewesen war, wurde nun durch die schrecklichen Haftbedingungen, den gemeinsamen Außenfeind und das gegenseitige Aufeinander–angewiesen-Sein der Häftlinge möglich: der langsame Aufbau eines Solidaritätsgefühls und einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens. Die eingekerkerten politischen Kontrahenten von einst, die bisher durch ihre hermetisch voneinander getrennten weltanschaulichen Lager so gut wie keine persönlichen Berührungspunkte miteinander gehabt hatten, knüpften erstmals auf einer menschlichen Ebene Kontakte zueinander.

Dazu kam bei Figl noch die persönliche Komponente: Es war vor allem seine Zuversicht, die auf viele seiner Mithäftlinge ausstrahlte und ihnen über den trostlosen und entbehrungsreichen Lageralltag hinaus Hoffnung gab. Dies fand wiederholt Eingang in Erinnerungen seiner Mitgefangenen an ihre Zeit in Dachau, etwa jene des Geistlichen Johann Maria Lenz. Er erwähnte die Gespräche mit Figl auf der Lagerstraße, wo die Gefangenen nach dem Ende der Arbeit spazieren gehen durften und dabei Gelegenheit fanden, miteinander einigermaßen ungestört zu sprechen: „Öfters ging ich mit ihm allein auf der breiten Lagerstraße. Sein unbesiegbarer Frohsinn machte ihn uns besonders liebenswert. Wie vielen mag er dadurch allein schon in der Not des Lagers geholfen haben.“29 Mit anderen Gefangenen fand Figl im Rahmen dieser Spaziergänge Gelegenheit, politische Gespräche zu führen, auch wenn dies strikt untersagt war.

Die Grundhaltung Figls in der Gefangenschaft, den anderen Mut, Hoffnung und Zuversicht zuzusprechen, wird auch anhand seiner Briefe an seine Familie deutlich. Auch wenn bei ihrer Lektüre stets zu bedenken ist, dass sie strengster Zensur unterlagen und daher weder etwas von der grausamen Realität des Lageralltags noch politische Bemerkungen enthalten durften, geben sie ein beredtes Zeugnis vom Selbstverständnis Figls während der Jahre im KZ. Ohne den geringsten Anflug von Selbstmitleid richtete er den Blick immer nach vorne. Er versuchte, darin Zuversicht zu vermitteln und für das Wohlergehen nicht nur seiner Frau und seiner beiden heranwachsenden Kinder, sondern auch der weiteren Verwandtschaft Sorge zu tragen. Stets gab er vor, vollkommen gesund zu sein. Lediglich über Zahnprobleme klagte er gelegentlich in seinen Briefen. Immer wieder vermittelte er die Hoffnung, dass „[…] die Stunde des Wiedersehens schlägt. Einmal[,] hoffen wir zuversichtlich, muss sie ja kommen.“30 Nur ganz selten klang etwas Unsicherheit über das eigene Schicksal durch, etwa als er im Juni 1941 nach Hause schrieb, „[…] dass ich alles[,] was in meiner Macht steht, tun werde, um Euch für diese lange Zeit der Trennung zu entschädigen. Ja, Pläne habe ich mir schon viel zurecht gelegt, ob ich sie durchführen kann, müssen wir der Zeit überlassen.“31

Die Ungewissheit über das eigene Schicksal, die aus diesen Zeilen deutlich wird, war Bestandteil der perfiden psychischen Torturen, unter denen die Häftlinge, insbesondere wenn sie so wie Figl über Jahre im KZ waren, litten. Sie hatten keine Ahnung, wie lange sie noch inhaftiert blieben, ja ob sie überhaupt je das Lager lebend verlassen würden. Auskünfte über die Haftdauer oder Ähnliches gab es nicht. Wenn ein Häftling bei einem Appell herausbefohlen wurde, so konnte das den Weg in die Freiheit genauso wie die Einweisung in den Strafblock oder im schlimmsten Fall die Hinrichtung bedeuten. Die Gefangenen sollten nach dem Willen der SS in permanenter Angst um ihre Existenz gelassen werden, und tatsächlich wirkte sich dieser ständige Alpdruck bei vielen mit der Zeit zermürbend aus.

Im Gegensatz zu den beschönigenden Angaben in seinen Briefen verlangten Figl die Jahre der KZ-Haft auch über die erlittenen Folterungen hinaus gesundheitlich einiges ab. Zweimal, am 23. August 1941 und am 7. Oktober 1941, mussten in schmerzhaften Operationen Schweißdrüsenabszesse entfernt werden.32 Sie waren ein Tribut an die Strapazen der vergangenen Jahre, sind solche Abszesse doch eine typische Folge einer unausgewogenen Flüssigkeitsbilanz, unzureichender Körperhygiene und schwerer körperlicher Anstrengungen bei großer Hitze. Einige Zeit später erlebte er in Dachau eine ernste, ja lebensgefährliche gesundheitliche Krise. Eine schwere Typhusepidemie suchte ab Jänner 1943 das überfüllte Lager heim.

Auch Figl erkrankte an Typhus und musste am 19. Jänner 1943 in eine der „Typhusbaracken“ im Krankenrevier eingeliefert werden.33 Seinem Freund Rudolf Kalmar blieb der Schock über Figls Aussehen bei einem kurzen Wiedersehen durch das Fenster des hermetisch abgeriegelten Krankenreviers in Erinnerung: „Ein unvorstellbarer, gespenstischer Anblick hinter dem schmutzigen, mit alten Brettern und Stacheldraht doppelt verschlagenen Glas. Bleich und verfallen. Das schmale, von rötlichen Bartstoppeln bis zur Unkenntlichkeit struppig umrahmte Gesicht gehörte kaum noch zu ihm.“34

Die SS-Aufseher mieden aus Angst vor Ansteckung den Typhusblock, wo die Erkrankten zusammengefasst und abgesondert worden waren.35 Ein Häftlingsarzt und ein Krankenpfleger aus dem Kreis der Gefangenen kämpften um das Leben der Infizierten. Sie verschrieben eine Sonderkost und besserten diese mit für die Kranken verträglichen vitaminhaltigen Lebensmitteln, wie Obst, Zitrusfrüchten oder Eiern, auf. Zu diesem Zeitpunkt war es den Verwandten bereits gestattet, ihren inhaftierten Angehörigen Nahrungsmittel zukommen zu lassen, aus denen viele Häftlinge die für die Infizierten so wichtigen Lebensmittel beisteuerten. Obzwar selbst hungernd, sparten sie sich die Dinge vom Mund ab. Aus der SS-Apotheke gelang es illegal Medikamente zu beschaffen, vor allem den für die Injektionen so wichtigen Traubenzucker. Dadurch wurde es möglich, die Todesfälle in Grenzen zu halten. Von den knapp 590 isolierten Häftlingen starben trotzdem 78, davon 30 an Tuberkulose. Figl überlebte und erholte sich langsam. Nach zehn Wochen, am 30. März 1943, konnte er den Typhusblock verlassen.36

Schon seit dem Sommer 1938 waren Bemühungen der Familie Figls im Gange, seine Enthaftung zu erreichen. Seine Frau wie auch seine Mutter versuchten, durch persönliche Vorsprachen wie durch schriftliche Eingaben den Ehemann beziehungsweise Sohn aus Dachau freizubekommen.37 Dies war anfangs chancenlos. Erst relativ lange nachdem die meisten anderen nach Dachau deportierten politischen Häftlinge aus Österreich freigelassen worden waren, schien sich auch das Blatt für Leopold Figl zu wenden. Im März 1941 setzte sich der nationalsozialistische Bürgermeister von Figls Geburtsort Rust im Tullnerfeld für Figl ein. Seitens des Büros Baldur von Schirachs erfolgte am 5. April 1941 eine Eingabe an das Gaurechtsamt, in der davon die Rede war, dass aus „menschlichen Gründen“ mit Rücksicht auf die Familie Figls, die „seelisch völlig gebrochen sein soll“, ein Enthaftungsantrag begründbar wäre. Dementsprechend wurde seitens des Referenten des Reichsleiters für Schutzhaftsachen der Antrag gestellt, die Entlassung Figls in Vorschlag zu bringen. Ein diesbezüglicher Antrag wurde seitens der Gauleitung der NSDAP in Wien bei der zuständigen Stelle des SS-Reichsführers Ende April gestellt.38 Im Februar 1942 bestätigte auch die Kreisleitung III des Gaupersonalamts, dass Figl „in politscher Beziehung nicht mehr als Gegner anzusprechen und daher aus der Gegnerkartei zu streichen“ sei.39

Doch es dauerte dann noch mehr als ein Jahr, bis Figl tatsächlich freikommen sollte. Einer der Gründe für die Verzögerung der Freilassung lag wohl in der Typhusepidemie und der Ansteckung Figls mit dieser Krankheit. Etwas mehr als einen Monat nach seiner Entlassung aus dem Krankenrevier erfolgte am 7. Mai 1943 seine Enthaftung. Nach mehr als fünfjähriger Gefangenschaft in den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg konnte Figl zu seiner Familie zurückkehren. Mit Datum vom 8. Mai 1943 vermerkte er, gleich einem freudigen Ausruf, in seinem Gästebuch: „Zu Haus ist’s am schönsten“.40 Sein 1932 geborener Sohn Johannes war inzwischen Gymnasiast, seine 1936 geborene Tochter Anneliese, die er zuletzt als Kleinkind gesehen hatte, ging mittlerweile in die Volksschule.

In Wien nahm Figl Kontakt mit seinem langjährigen Freund Julius Raab auf. Dieser, obzwar Minister in der letzten Regierung Schuschnigg, war nach dem 11. März 1938 vergleichsweise glimpflich davongekommen. Er entging einer Verhaftung, wurde aber mit einem Berufsverbot in Niederösterreich belegt. Raab ließ sich in Wien nieder, wo er mit dem Fuhrwerksunternehmer Hans Kohlmayer eine Straßenbaugesellschaft gleichen Namens gründete.41 Figl und der um elf Jahre ältere Raab kannten einander seit 1918, wobei der jüngere Figl stets zu Raab aufgeblickt hatte. Raab war für ihn in politicis wie auch privat ein älterer Bruder, so wie Josef Reither für Figl, der schon im Alter von elf Jahren zum Halbwaisen wurde, zu einer Art politischer Vaterfigur geworden war.

Raab war sofort bereit, Figl in der Firma Kohlmayer eine berufliche Stellung zu geben. Noch im Mai 1943 fing er dort als Bauleiter im Straßenbau an. Ihm oblagen die „Beaufsichtigung und Betreuung der Gefolgschaftsmitglieder sowie die gesamten technischen und Vermessungsarbeiten“.42 Dass sich Figls Straßenbautätigkeit im Zistersdorfer Erdölgebiet abspielte, war von Raab wohldurchdacht. Denn als damals 41-Jähriger musste Figl damit rechnen, zur Wehrmacht eingezogen zu werden. Doch war das sogenannte Mineralölprogramm in die Wehrkreis-Rangfolge-Liste XVII für dringende Bauten aufgenommen worden. Damit lag ein Grund vor, um Figl, der sich Anfang Juni 1943 zu einer Nachmusterung melden musste, unabkömmlich zu stellen.43 Figl verfügte übrigens über passable Kenntnisse der Vermessungstechnik. Vorlesungen über Geodäsie und praktisches Feldmessen gehörten zum Ausbildungsplan des Studiums an der Hochschule für Bodenkultur, wurde doch bei Agraringenieuren vorausgesetzt, dass sie einfache Vermessungsarbeiten selbst erledigen konnten und bei bäuerlichen Grundstreitigkeiten in der Lage waren zu vermitteln.44 Seine diesbezüglichen Kenntnisse waren auch ausschlaggebend dafür, dass Figl im Konzentrationslager Dachau nach seiner Zeit im Strafblock bzw. seiner Rückkehr aus Flossenbürg bei Vermessungs- bzw. Planungsarbeiten eingesetzt wurde.

Ungeachtet seiner grauenvollen Erlebnisse während der Jahre der Haft war Figl ein zutiefst politischer Kopf geblieben. Zwar war er bei seiner Entlassung mit gewissen Auflagen bedacht worden, musste sich regelmäßig bei der Gestapo melden, hatte ein abendliches Ausgehverbot zu beachten und andere Einschränkungen.45 Das hinderte ihn aber nicht, wieder den Kontakt zu Josef Reither, der 1941 aus dem KZ entlassen worden war, aufzunehmen. Doch mehr noch begann er darüber hinaus wieder Verbindung zu ehemaligen Politikern des Bauernbundes in Niederösterreich zu knüpfen. Seine berufliche Tätigkeit im Straßenbau und der Umstand, dass ihm dabei ein Kraftfahrzeug zur Verfügung stand, erleichterten es ihm, ohne dabei allzu sehr aufzufallen, sein politisches Netzwerk neu zu knüpfen. So entstand über ihn erstmals eine Verbindung zwischen den verschiedenen Gruppierungen früherer Bauernbundfunktionäre, die sich davor nur regional isoliert und ohne darüber hinaus Verbindungen untereinander gehabt zu haben, in einzelnen Gehöften zusammengefunden hatten.

Vorbereitungen für die Zeit danach

Im Frühsommer 1943 waren schon seit längerem Bestrebungen im Gange, die das Ziel verfolgten, die Neugründung einer bürgerlichen Integrationspartei für die Zeit nach dem erhofften Ende des Krieges vorzubereiten. Ihre Schnittstelle bildeten die Aktivitäten Felix Hurdes’ und Lois Weinbergers. Der Christgewerkschafter Lois Weinberger kristallisierte sich im Laufe der ersten Kriegsjahre als der führende Kopf verschiedener illegaler Zirkel heraus, die sich aus ehemaligen Funktionären der christlichen Arbeiterbewegung beziehungsweise der christlichen Gewerkschaften bildeten. Diese standen in mehr oder minder losem Kontakt zu Leopold Kunschak, der allerdings bereits zu erkennen gab, in Weinberger einen möglichen Nachfolger an der Spitze der christlichen Arbeitnehmerbewegung zu sehen.46 Über Weinberger stieß Felix Hurdes zu diesem Kreis. Der in Südtirol geborene Rechtsanwalt Hurdes war vor 1938 Landesrat in Kärnten gewesen, wurde nach dem Anschluss verhaftet und kam nach Dachau. Dort war er bis 1939 ein Mithäftling Figls. Eine Zeitlang waren beide den verschärften Torturen im Isolierblock des Konzentrationslagers gemeinsam ausgesetzt.

Hurdes und Weinberger waren Freunde seit Jugendtagen, wo sie einander im Christlich-Deutschen Studentenbund erstmals begegnet waren und beide großen Anteil am Aufbau des Bundes Neuland hatten.47 Nunmehr war der Eintritt von Hurdes in die illegalen Zirkel, die sich rund um Weinberger gebildet hatten, insoferne bedeutungsvoll, als dadurch die anfangs rein gewerkschaftliche Ausrichtung dieser Kreise erweitert und erste Kontakte zu anderen gesellschaftlichen und politischen Gruppierungen des bürgerlichen Lagers aufgenommen wurden.48 Hurdes war es auch, der zur Sozialdemokratie in der Person Adolf Schärfs eine Verbindung herstellte.49

Zu der Gruppe um Hurdes und Weinberger, der auch der ehemalige Unterrichtsminister der Regierung Schuschnigg, Hans Pernter, angehörte, knüpfte nach seiner Enthaftung Leopold Figl Kontakte.50