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Christa Chorherr

DIE
ANGST
SPIRALE

Wie Fundamentalismus und
Überwachungsstaat unsere
Demokratie bedrohen

Residenz Verlag

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ISBN eBook:

978-3-7017-4503-6

ISBN Printausgabe:

978-3-7017-3351-4

Inhalt

PROLOG – ANGST GEHT UM IN EUROPA

Welcher Islam?

1  FUNDAMENTALISMUS – DIE RÜCKKEHR ZUM URSPRUNG

Grundlagen des islamischen Glaubens

Macht »der Islam« gewalttätig?

Der fundamentalistische Wunsch – Wiederherstellung der besten Gemeinschaft

Die Reaktion auf die verderbliche Moderne

2  DER WEG ZUM TERRORISMUS

Die schwierige Begriffsabgrenzung – noch Islam oder schon Islamismus?

Wie der moderne Islamismus begann – eine Reform

Unterschiedlichste islamistische Strömungen

Die Wurzeln des heutigen Terrorismus

Der individuelle Weg – vom »gemäßigten« Muslim zum Terroristen

3  DER WELTUMSPANNENDE DSCHIHAD

Was ist eigentlich Terrorismus?

Islamistischer Terror

Al-Qaida – der obligatorische Dschihad

Die afrikanischen Terrorvarianten – Boko Haram und al-Shabaab

Die grausamste Version – der Islamische Staat

Terror in Europa

Die Situation in Österreich – Homegrown Terrorism

Die Aussichten – der War on Terror ist noch lange nicht zu Ende

4  SICHERHEIT UND FREIHEIT

Das Gleichgewicht von Sicherheit und Freiheit

Die Wende – der erweiterte Sicherheitsbegriff

Die Entwertung des Rechtsstaates – »allein der Verdacht genügt«

Antiterrorpolitik – das Management von Risiken

Gefahren bei »generellen« Maßnahmen zur Terrorbekämpfung

5  USA – GROSSES VORBILD UND GLOBALER ÜBERWACHER

Abweichende Menschenrechte und zivilreligiöses Selbstverständnis

Bürger oder Feind?

Es geschah nach dem 11. September 2001

Die militärische Antwort – War on Terror

Der zivile Krieg gegen den Terror – die NSA, global agierend

Wohin führt übertriebene Furcht vor Terrorismus?

Das Fehlen der Vierten Gewalt

6  TERRORISMUSBEKÄMPFUNG INTERNATIONAL

Die Vereinten Nationen – an vorderster Front gegen den Terrorismus

Auch der Europarat bekämpft den Terrorismus

7  DIE EUROPÄISCHE UNION IM KAMPF GEGEN DEN TERRORISMUS

Mühsames Vorgehen bei neuen Entwicklungen

Die Reaktion der EU auf die Terroranschläge in Europa

Errungenschaften im Einsatz

Umsetzungsorgane der EU

Laufend entstehen neue Projekte zur Terrorabwehr

Schaffung einer Sicherheitsarchitektur

Erprobung neuer Möglichkeiten

Hervorragende Projekte – mangelnde Umsetzung

Die Schwächen der Antiterrorismuspolitik der EU

8  EUROPAS LÄNDER GEGEN DEN TERROR

Wie können Nationalstaaten den Terrorismus bekämpfen?

Entwicklung der nationalen Maßnahmen gegen den Terror

Die Europäisierung der Staatsaufgabe »Sicherheit« erfolgt nur zögerlich

EPILOG – SCHRITTE IN DIE ZUKUNFT

Der Maßnahmenkatalog

LITERATUR

PROLOG – ANGST GEHT UM IN EUROPA

Wir leben derzeit in einem friedlichen, sicheren und lebenswerten Umfeld – im Gegensatz zu vielen anderen Teilen der Welt. Und dennoch: In Europa geht Angst um – vor der Ausbreitung von Seuchen, man denke an die Vogelgrippe oder Ebola, oder vor der zunehmenden Entfremdung zwischen Ost und West, die vielleicht zu einem Aufflammen des Kalten Krieges führen könnte. Angst vor einem wirtschaftlichen Niedergang, Angst, dass die Arbeitslosigkeit noch stärker steigt oder dass der eigene Job bedroht ist. Vielen bereitet die Klimaerwärmung Angst. Andere haben Angst, dass die europäischen Standards bei Lebensmitteln durch TTIP, das Handels- und Investitionsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten, bedroht sind. Ein weiterer wesentlicher Faktor in diesem Szenario sind die Folgen der Krisen im Nahen und Mittleren Osten und natürlich in Afrika: die Flüchtlingsströme, die an den Grenzen Europas landen und auch hereinfluten.

Es ist nicht zu leugnen: Vielen Europäern macht die zunehmende Präsenz »der Muslime« in ihren eigenen Ländern zu schaffen. Aber warum? Wir leben doch friedlich miteinander, unabhängig davon, zu welcher Religion wir uns bekennen oder woher wir stammen. Natürlich, es gibt sie, die Schwierigkeiten im Zusammenleben einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft, die viele aber auch als Chance begreifen. Schließlich lassen sich alle Konflikte lösen. Doch man befürchtet, dass die Zuwanderung von Muslimen stark ansteigen wird, man nimmt an, dass muslimische Familien mehr Kinder haben als einheimische. Und das könnte dazu führen – so die Befürchtungen der Menschen –, dass Muslime die spärlicher werdenden Arbeitsplätze beanspruchen könnten und ein immer stärkeres Gewicht in Gesellschaft und Politik fordern werden. Denn viele Muslime in Europa zeigen ihre Identität bereits sehr offen – durch ihre Kleidung und auch durch ihr Verhalten. Also lautet die Frage: Wie lange kann es noch dauern, bis vonseiten der Fundamentalisten unter ihnen – die laut Statistikern in manchen Ländern an die 50 Prozent ausmachen sollen – zum Beispiel die Einführung der Scharia gefordert wird? Ist diese Angst berechtigt?

Dieses Buch beschäftigt sich nicht mit den Muslimen, die hier leben, eine Familie gründen, ihren Geschäften nachgehen, zum Teil studieren, am öffentlichen Leben teilnehmen und – ja, regelmäßig in die Moschee gehen. Es ist nicht »der Islam«, den es zu fürchten gilt, sondern es ist jener extreme Islamismus, der derzeit in Syrien und im Irak herrscht, der sich in Libyen ausbreitet, der in Zentralafrika wütet und der letztlich die gesamte muslimische Welt vereinen will. Es ist der als »Steinzeitislam« betitelte Terrorismus, der weder vor andersdenkenden Menschen haltmacht noch vor Kulturgütern, die die Basis der Zivilisation verkörpern. Der Feinde öffentlich köpft, in Stahlkäfigen verbrennt und Videos davon über das Internet verbreitet. Und es ist leider auch »dieser Islam«, der junge Menschen aus dem Westen anzieht, sie zu Kämpfern ausbildet und sie dann zurückschickt, um in ihrer Heimat ihrem Hass auf die westliche Zivilisation durch Anschläge Luft zu machen.

Dieses Buch soll die Begründung für diese mehr oder minder diffusen Ängste aufzeigen – aber auch, dass es besser ist, sich nicht zu fürchten und Gegenstrategien zuzulassen, sofern sie nicht unangemessen die Freiheit bedrohen.

WELCHER ISLAM?

Die Mehrzahl der Muslime, die nach Europa gekommen sind und noch kommen werden, wünscht sich, in einem friedlichen Land zu leben, in dem demokratische Strukturen herrschen, in dem die Menschenrechte beachtet werden, wo sie ihren Glauben frei leben können und wo sie die gleichen Chancen wie alle anderen wahrnehmen können.

»Die Muslime« gibt es nicht!

Muslime unterscheiden sich nach den Regionen, in denen sie wohnen (müssen), aber auch nach Ethnien, nach der Herrschaftsstruktur des Landes, in dem sie leben. Die größte bekannte Unterscheidung ist jene in Schiiten und Sunniten, wobei sich die Sunniten wieder in Anhänger verschiedener Rechtsschulen teilen. Es gibt noch weitere Ausprägungen islamischer Gesinnung, die von den anderen teilweise anerkannt werden oder auch nicht (etwa die Alawiten). Vielen bekannt sind die muslimischen Mystiker, die zum Beispiel dem Sufismus anhängen. Diese verschiedenen Gruppierungen haben sich teilweise immer wieder untereinander bekämpft – und tun es noch heute. Wobei die Auseinandersetzungen vielleicht vordergründig religiös begründet sein mögen, doch primär geht es meist nicht um religiöse Konzepte, sondern viel eher um Macht und wirtschaftliche Aspekte.

Dann können Muslime, so wie auch Anhänger anderer Religionen, noch nach ihrer Einstellung zur Religion unterschieden werden: Es gibt liberale, orthodoxe, fundamentalistische oder radikalislamische Gruppen. Aber die gemeinsame Basis für alle sind Koran und Sunna.

Steigt die Anzahl der Muslime wirklich so dramatisch an?

Österreich zum Beispiel ist zu einem Einwanderungsland geworden – auch für Muslime. Dazu ein paar Zahlen: Gemäß der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung des Jahres 2008 weisen 1 441 500 Personen (oder 17,5 Prozent der Gesamtbevölkerung Österreichs) einen Migrationshintergrund auf. Zu dieser Bevölkerungsgruppe werden jene Menschen gezählt, bei denen beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Diese Gruppe lässt sich wiederum in Migranten der ersten Generation (Personen, die selbst im Ausland geboren wurden) und Migranten der zweiten Generation (Kinder von zugewanderten Personen, die jedoch selbst in Österreich zur Welt gekommen sind) untergliedern.

Laut Handbuch des Integrationsfonds lebten am 1. Jänner 2009 insgesamt etwas über eine halbe Million Menschen islamischen Glaubens in Österreich, das entsprach einem Anteil von rund sechs Prozent der Bevölkerung. Gegenüber den rund 350 000 Personen, die bei der Volkszählung 2001 den Islam als Religionsbekenntnis angegeben hatten, bedeutet dies eine Zunahme um fast das Doppelte. Alle diese Ziffern sind nicht aktuell, da derartige Zählungen nur in großen Abständen durchgeführt werden und außerdem – um nicht zu diskriminieren – gewisse Fragen, auch jene nach der Religion, ausgeklammert werden.

Fakt ist, dass die größte nichtchristliche Glaubensgemeinschaft in Österreich heute der Islam ist, eine seit 1912 anerkannte Religionsgemeinschaft.

Der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung wird aus zwei Gründen höher: Der eine ist der Flüchtlingsstrom, der seit Beginn des Arabischen Frühlings, besonders aber seit dem Bürgerkrieg in Syrien und im Irak steil ansteigt. Wobei zu beachten ist, dass die Menschen, die nach Europa flüchten, aus den unterschiedlichsten Ländern und Milieus kommen, unterschiedlichste Mentalitäten haben. Die Syrer beispielsweise, die gerade derzeit verstärkt um Asyl ansuchen, stammen oft aus dem Mittelstand. Sie wollen arbeiten, ihren Kindern Bildung zukommen lassen, und sie hoffen, auch hier wieder zu Wohlstand zu gelangen.

Der zweite Grund ist die Diskrepanz zwischen der Kinderzahl europäischer gegenüber muslimischen Familien. Die deutlich höhere Geburtenbilanz der muslimischen Bevölkerung ist auf zwei wesentliche Faktoren zurückzuführen: Einerseits handelt es sich meist um sehr junge Leute mit entsprechend mehr Geburten als Sterbefällen. Im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2008 hatten rund 14 Prozent der Neugeborenen mindestens einen muslimischen Elternteil, während der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Österreich insgesamt nur bei rund sechs Prozent lag. Zum anderen kehren etliche Migranten im Alter in ihr Heimatland zurück, wodurch nur ein Teil der Sterbefälle der muslimischen Bevölkerung in Österreich erfasst wird. Mittelfristig wird jedoch mit einer Annäherung der derzeit noch deutlich höheren Geburtenzahlen der Bevölkerung islamischen Glaubens an den Durchschnitt der Gesamtbevölkerung gerechnet. Die Statistiken (beispielsweise das Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) zeigen bereits eine massive Anpassung an das österreichische Niveau. Die Erklärung ist einfach: die höhere Bildung der Frauen und die damit einhergehende Familienplanung. Kinder binden bei der klassischen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau die Mütter ans Haus. Dieses Rollenverständnis steht verstärkter Erwerbsbeteiligung der Frauen im Weg. Das hat zur Folge, dass die Verwirklichung bestehender Kinderwünsche so lange hinausgeschoben wird, dass nur noch ein Kind geboren oder gänzlich auf Kinder verzichtet wird. Dazu kommt, dass Kinder einen erheblichen Kostenaufwand bedeuten und der Aufwand für Erziehung und Betreuung die Bewegungsfreiheit der Eltern räumlich und zeitlich einschränkt. Kinder zu haben steht somit im Widerspruch zu den materiellen und individualistischen Ansprüchen nach hohem Lebensstandard und persönlicher Ungebundenheit. Und den Leistungen und Einschränkungen von Eltern fehlt es an Anerkennung.

Der Grund, warum zum Beispiel türkische Einwanderer aus Anatolien so viele Kinder hatten und noch immer bekommen, ist, dass sie aus ländlichen Gebieten stammen – und eine geringe Bildung haben. Man brauchte Kinder (früher auch bei uns) – einerseits um sie als Arbeitskräfte einsetzen zu können, andererseits um bei Krankheit und im Alter versorgt zu sein. Mit der Übernahme der sozialen Sicherung durch öffentliche beziehungsweise staatliche Einrichtungen ist die ökonomische Bedeutung von Kindern für die Eltern in dieser Hinsicht obsolet geworden.

Doch Menschen mit starker Religiosität – unabhängig welcher –, die in patriarchalischen Verhältnissen leben, neigen dazu, mehr Kinder zu haben. Bei fortschreitender Säkularisierung nimmt Religiosität zwar ab, dennoch wird der Anteil religiöser Menschen an der (islamischen) Gesamtbevölkerung voraussichtlich nicht dramatisch sinken, da auch deren Kinder die Einstellungen aus dem Elternhaus übernehmen. Verstärkt wird diese Tendenz durch sogenannte Importbräute, Frauen, die aus der ehemaligen Heimat nach Europa gebracht werden, um hier verheiratet zu werden, und noch immer wird im muslimischen Umfeld relativ früh geheiratet. Dann werden die alten Traditionen neuerlich hochgehalten, und auch die Kinder aus diesen Familien haben meist geringere Sprachkenntnisse und daher auch verminderte Bildungschancen.

Dazu kommt, dass Religionszugehörigkeit eine relativ stabile Eigenschaft ist. Es gibt zwar Austritte aus (allen) Religionen, Eintritte schon weniger und Übertritte noch viel weniger. Das gilt auch für die in Europa geborenen und an europäischen Schulen unterrichteten Generationen der eingewanderten Muslime, die weitgehend Sprache, Sitten und Gepflogenheiten der europäischen Gesellschaftsschichten übernommen haben.

Zweifelsohne wird es aber auch in Zukunft Regionen oder ganze Stadtteile in Europa und somit auch in Österreich geben, die einen hohen – und steigenden – Anteil an muslimischer Bevölkerung aufweisen. Dort werden – wie auch jetzt – die Bildungschancen der Kinder geringer sein und der Gesellschaftsstil der alten Heimat wird häufiger weiterbestehen; und deswegen kann es dort auch zu einer verhältnismäßig höheren Kinderanzahl kommen. Doch selbst bei der Berücksichtigung all dieser Faktoren kann davon ausgegangen werden, dass es zu einer Angleichung des Verhaltens der Muslime an die Mehrheitsbevölkerung kommen wird.

Vom toleranten Miteinander zum gegenseitigen Misstrauen

Die Menschen, die aus islamischen Ländern nach Mitteleuropa kamen, als Arbeitskräfte (Anwerbeabkommen von 1964) oder als Bürgerkriegsflüchtlinge (beginnend 1991), sie alle lebten hier weitgehend friedlich miteinander – manchmal in freundlicher Anpassung, manchmal in distanzierter Gleichgültigkeit, und oft, besonders nach Familiennachzug, in Gettos. Offene Feindschaften gegenüber dem Land, das sie aufgenommen hatte, gab es kaum.

Aber spätestens seit dem 11. September 2001 ist deutlich geworden, dass unter einigen dieser Muslime der Hass gewachsen ist, nicht nur auf die USA, sondern auf die gesamte westliche Welt. Auf eine Welt, die halb nackte Frauen auf Plakaten darstellt, die Alkohol trinkt und nicht mehr an Gott, sondern an den Mammon zu glauben scheint. Auf diese Welt, die jeden westlichen Gefallenen zählt, aber Dutzende Tote in islamischen Ländern als »Kollateralschäden« angeblich notwendiger Militärschläge bezeichnet; auf diese Welt, die sich für demokratisch, fortschrittlich und gerecht hält und sich selbst zum Vorbild macht. Die aber diese hehren Grundsätze nur allzu schnell vergisst, wenn es um die eigenen Interessen geht.

Haben die Terroranschläge von 9/11 ein neues Gemeinschaftsgefühl unter den hier lebenden Muslimen geweckt? Die plötzlich festgestellt haben, dass sie sich als Fremde im eigenen Land fühlen, selbst wenn sie schon jahrzehntelang hier wohnen und arbeiten. Die sich ausgrenzt, misstrauisch, herablassend, ja feindlich behandelt wähnen. Die meinen, sich für ihren Glauben rechtfertigen zu müssen. Auf der anderen Seite wuchs bei den Europäern auch das Misstrauen gegenüber den Muslimen, aus deren Reihen die Terroristen gekommen waren. Ist daraus ein Generalverdacht geworden, ohne zu differenzieren?

Unbestritten ist: Es gibt sie in ganz Europa, die Parallelgesellschaften, in denen nicht das lokale Recht herrscht, sondern der Patriarch des Clans bestimmt, was geschieht. Die Stadtteile, die von der Polizei nicht mehr betreten werden, weil es dort zu gefährlich geworden ist. Die Gettos, in denen der aus dem Heimatland stammende Imam erklärt, was gut und was böse ist, und Ehen wie eh und je arrangiert werden; und in denen eines gilt: Man verrät einen Glaubensbruder nicht, auch wenn er Unrechtmäßiges getan hat. In solchen Gemeinschaften gedeiht eine starke Solidarität, die den Nährboden für Taten bilden kann, von denen alle hoffen, dass sie nie geschehen mögen. Und alle dennoch wissen, dass sie eines Tages passieren könnten. Es ist nicht mehr die Frage, ob ein Anschlag geschieht, sondern nur noch, wann und wo es passieren wird.

Und es gibt jene muslimischen Eltern, die ihre Kinder dazu anhalten, islamische Kleidung zu tragen, keinen Kontakt zu ihren »ungläubigen« Mitschülern zu pflegen. Oder die Mädchen, die nicht am Schwimmunterricht, an Schulausflügen, Wandertagen, Schikursen oder Landschulwochen teilnehmen dürfen. Dafür müssen alle früh die Kinderkoranschule besuchen. Später sind dann manche von ihnen im »Multikulturhaus« (das seinem Namen eher selten entspricht) tätig, helfen beim Verkauf von Halal-Waren (aus religiöser Sicht einwandfreie Lebensmittel), aber auch von Kampfvideos aus dem Heiligen Krieg, von Schriften zur Glaubenslehre, die jedem Ungläubigen, der sich nicht zum Islam bekehren lässt, die Hinrichtung androhen. Oder in denen steht, dass ungläubige Frauen als Sklaven zu halten Ibada ist, ein Akt der Glaubensverrichtung. Manche dieser Schriften enthalten Listen von »50 eindeutigen Verderbtheiten von Demokratie, Wahlen und Mehrparteiensystem« oder zeigen auf, warum westliche Staatsformen unislamisch sind, warum Demokratie den Abfall vom Islam und Ketzerei bedeutet, warum sie zum zügellosen Genuss, zu Alkohol, Gesang, Hurerei und Kino verführt. Über Demokratie wird ferner geurteilt, dass alle Vorteile der Demokratie und Wahlen unvollkommen wären und der Phantasie entsprängen. Im Warenangebot des Kulturzentrums gibt es auch ein kleines Büchlein mit dem Titel »Denk mal islamisch«. Das Heftchen gibt Auskunft über das Verhalten zwischen unverheirateten Männern und Frauen: »Mann und Frau dürfen nicht ungehört miteinander sprechen – egal ob sie im Freien, im Auto oder irgendwo anders sind. Das Alleinsein von Mann und Frau ist verboten, weil es der Vorläufer und ein Mittel für Zina (Ehebruch) ist, und alles, was zu Verbotenem führt, ist auch verboten.«

Es sind gerade diese Bilder der Aus- und Abgrenzung, die sich in den Köpfen der Menschen festsetzen, die ein breites Echo in den (sozialen) Medien hervorrufen und Angst auslösen. Und sie führen dazu, dass verallgemeinert wird, dass Misstrauen wächst, dass Gegenstrategien entwickelt und Petitionen gestartet werden – wie zuletzt in Duisburg: »Keine getrennten Schwimmzeiten für Muslime« – und dass der Ruf nach Beobachtung, nach Überwachung laut wird. Dabei wird oft vergessen, dass die überwiegende Zahl der hier lebenden Muslime nichts anderes will als jeder andere Bürger auch – ein Leben in Freiheit und Sicherheit.

Aber die Angst voreinander besteht, und sie wird sogar noch geschürt. Diese Angst gilt es abzubauen – beiderseits!

1 FUNDAMENTALISMUS – DIE RÜCKKEHR ZUM URSPRUNG

Eins vorweg: Fundamentalismus als Bestreben, »zu den Ursprüngen zurückzukehren«, kann durchaus positiv gesehen werden, denn »zu den Wurzeln zurückzufinden« kann auch vielversprechende Effekte im Leben eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen haben. Religiöser Fundamentalismus wird heute zumeist als »das Beharren auf festen Grundsätzen, das heißt, auf der Basis einer buchstäblichen Interpretation göttlicher Überlieferungen« (Bibel, Koran) definiert. Doch das Argument, dass alle monotheistischen Religionen im Grund fundamentalistisch seien, ist ein Irrtum. Denn es sind nur die Auslegungen, die alles andere ausschließen, die den fundamentalistischen Kern ausmachen. Und gefährlich wird es, wenn jemand glaubt, über die einzige Wahrheit zu verfügen, und jene, die diese Ansicht nicht teilen, als Feinde betrachtet. In diesem Fall liefert Fundamentalismus die Begründung für »Nicht-Toleranz«, denn Toleranz wird als Glaubensschwäche ausgelegt. Und dadurch können Terroristen zu Märtyrern werden, kann Fundamentalismus zu Gewalt und Krieg führen.

Fundamentalismus wird auch als Aufstand und Widerstand gegen Aufklärung, Moderne und Vernunft begriffen. Aber islamischer Fundamentalismus kann nicht als eine Tendenz zur Abwendung von der Moderne beschrieben werden, genauso wenig wie als Rückzug ins Mittelalter. Denn fundamentalistische Muslime empfinden sich durchaus als einen Teil der Moderne, jedoch einer Moderne, die nicht optimal gestaltet ist. Nach ihrer Ansicht soll die moderne Welt aus dem Beispiel der vorbildhaften Vergangenheit lernen und sich weiterentwickeln. Deshalb ist es in diesem Zusammenhang auch falsch, Fundamentalisten als konservativ zu bezeichnen, denn ihr Wunsch besteht weniger in der Bewahrung des Alten als in der Wandlung des Neuen. Die Gegenwart erscheint deshalb als wenig attraktiv, weil die Zustände in der Welt durch einen allgemeinen moralischen Verfall verderbt sind und man sich im Falle der islamischen Fundamentalisten vom Westen schlecht behandelt und mit zweierlei Maß gemessen fühlt.

Fundamentalistische Ideologien stehen im Widerspruch zu demokratischen Werten, denn Demokratie ist Kompromiss, sie funktioniert nicht als Kampf zwischen Gut und Böse. Auch Menschenrechte können als Antithese zum Fundamentalismus verstanden werden, Beispiele sind die Frauenrechte oder der Vorrang der Gemeinschaft gegenüber dem Einzelnen im Islam.

Mitglieder von Religionsgemeinschaften sind davon überzeugt, dass Religion die gültige Sinnantwort auf die Fragen ihres Lebens ist. Manche Religionen üben sich in Toleranz, andere versuchen, ihren Geltungsanspruch absolut durchzusetzen, um einen religiösen Staat zu errichten. Die Verstärkung des Fundamentalismus in verschiedenen Religionen kann man als Gefahr für die Demokratie und die Menschenrechte sowie in der Folge für die internationale Stabilität sehen.

Historische islamische (und christliche) Vorbilder

Das von Mohammed (570/73–632) und seinen Nachfolgern, den Kalifen, errichtete arabische Großreich wies fundamentalistischen Charakter auf: Religion und Politik waren nicht voneinander getrennt, die Kalifen waren, wie ihr Religionsstifter, die alleinigen Inhaber der politischen und religiösen Macht, im Inneren herrschte die Scharia, und nach außen wurden religiös motivierte Kriege geführt. Der Heilige Krieg – Dschihad – wurde von den Muslimen betrieben, aber auch die Kreuzzüge der Christen waren heilige Kriege. Wer war nun Angreifer, wer Verteidiger? Für beide Konfliktparteien war die Sache klar und eindeutig. Beide fühlten sich im Recht und meinten, Gott auf ihrer Seite zu haben. Dabei ging es jedoch nicht nur um Gott und Religion, sondern auch um Macht, Land, Geld und Politik. Dieser Kampf hat im kollektiven Gedächtnis sowohl des christlichen Abendlands wie auch des islamischen Orients tiefe Spuren hinterlassen. Beide Seiten fühlten und fühlen sich immer noch voneinander bedroht. Dabei wird die wechselseitige Befruchtung der beiden Kulturkreise oft übersehen.

GRUNDLAGEN DES ISLAMISCHEN GLAUBENS

Der Islam ist die letzte Glaubensbewegung, die sich im Laufe des ersten Jahrtausends als Weltreligion profilieren konnte. Er verbreitete sich über die nordafrikanischen Länder bis nach Marokko, sprang bis Spanien über, kam auch nach Indonesien, setzte sich im Nahen und teilweise Mittleren Osten, in Russland und Teilen Schwarzafrikas fest. Heute wächst der Islam von allen Weltreligionen am schnellsten.

Im anfänglichen Islam – das Wort bedeutet »völlige Unterwerfung unter Gott« – sind zwei tiefe Überzeugungen lebendig: Gott ist absolut einzig und jenseitig, von ihm aus wird alles auf Erden relativiert, und die Tatsache, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind und sich gegenseitig helfen müssen.

Koran und Sunna

Der Koran gilt als die letzte verbale Offenbarung Gottes an sein Volk, und zwar auf Arabisch. Das Buch ist wichtiger als sein Vermittler Mohammed selbst. Der erste Abschnitt, entstanden in Mekka in den Jahren 610 bis 622, enthält kürzere Texte und behandelt grundsätzlich die Lehre über den einzigen Gott sowie Moral, Gericht, Hölle, Paradies; hier tritt zum Beispiel große Achtung für Jesus und Maria zutage. Der 622 bis 632 in Medina entstandene zweite Teil bietet konkrete Anweisungen für die rechte Lebensweise, die politische Organisation und das Rechtssystem eines Staates. Darüber hinaus gehören zur muslimischen Lehre die Sunna, die Lebensweise des Propheten, seine Sprüche und die anderer Propheten und Heiliger (Hadithe), der Konsens der Gelehrten und die Argumente per Analogie. Diese Einfügungen stammen aus verschiedenen Strömungen in der Geschichte des Islam.

Der Koran entstand im Gegensatz zur Bibel in nur etwas mehr als 20 Jahren, und seine Aussagen stammen aus dem Mund eines einzigen Mannes. Erst nach dem Tode Mohammeds begannen seine Jünger, seine mündliche Botschaft aufzuzeichnen. Nur das, was Allah dem Propheten offenbarte, wurde niedergeschrieben. Der Koran ist eine Offenbarungsschrift, definiert als präexistent, eine für alle Zeiten gültige Lebens- und Gesellschaftsordnung. Aufgrund dieser Verbaloffenbarung, die dem Propheten Mohammed durch den Engel Gabriel wörtlich diktiert wurde, kam es später zum »Wundercharakter« des Korans, zu seiner Unnachahmlichkeit, wie ein Hadith sagt: »Wer den Koran liest, ist wie jemand, der mit Mir (Gott) spricht, und Ich rede mit ihm.« Daher gilt die Koranrezitation als »sakramentaler« Akt. Der Koran gilt auch als Anker der Zeitlosigkeit in einer sich wandelnden Welt, damit enthält er Lösungen für alle Probleme, die jemals entstanden, bestehen und noch entstehen werden – also auch für jene, die im 20. oder 21. Jahrhundert aufgetreten sind. Denn der Koran umfasst alles, was gewusst werden kann – auch auf den Gebieten der Wissenschaften, der Künste und Techniken.

In der jüngeren Vergangenheit war die Wahrnehmung der Überlegenheit des Westens in der islamischen Welt derart erdrückend, dass es für viele Muslime ein Trost sein musste, wenn sie in einem Korankommentar lasen, dass all diese westlichen Errungenschaften der Moderne, die die Europäer befähigten, über Muslime zu herrschen, bereits als Prinzipien und Wissenschaften im Koran erwähnt oder vorausgesagt werden. Daher besteht für gläubige Muslime kein Bedarf an Reform oder Exegese. Denn der Islam umfasst eine Glaubens-, Gesellschafts- und Herrschaftsordnung. Reform kann daher niemals bedeuten, das ererbte Wissen angesichts neuerer Entwicklungen und Bedingungen neu zu durchdenken, vielmehr heißt Reform die erneute Offenlegung des Wissensbestandes. Je vollkommener diese Offenlegung gelingt, desto eher wird der Islam triumphieren, eben weil er die beste, die gottgewollte Form menschlicher Gemeinschaft bedingt.

Leistungen fremder Kulturen besitzen nach dieser Sicht keinen Eigenwert. Die europäische Überlegenheit ist nur darauf zurückzuführen, dass es dem Westen gelungen ist, sich Teilstücke dieses »unveränderlichen Wissensschatzes« nutzbar zu machen. Dabei ist auch der Gedanke maßgeblich, dass das lateinische Europa die Voraussetzungen für die modernen naturwissenschaftlichen Entwicklungen dem Islam entlehnt habe. Mit diesem Schritt konnten die Errungenschaften der europäischen Moderne unproblematisch in den Islam integriert werden. Keine der islamischen Glaubensrichtungen findet eine »Aufklärung«, wie sie im christlichen Abendland stattgefunden hat, für notwendig; im Gegenteil, es wird behauptet, dass die Aufklärung von Anfang an im Koran verankert sei.

Der Koran ist für Nichtmuslime schwierig zu begreifen. Zunächst ist die historische Situation zur Zeit Mohammeds nicht ganz klar. Das erschwert die Auslegung des Textes. Und die erste arabische Grammatik wurde offiziell erst nach der Entstehung des Korans festgelegt; er selbst ist die Quelle für die Regeln der arabischen Sprache. Zudem sind die einzelnen Suren des Korans nach ihrer Länge und nicht nach dem historischen Zusammenhang geordnet. Die kürzeren und wohl älteren Teile stehen am Ende, die längeren jüngeren Absätze zu Beginn. Außerdem fehlen Nichtmuslimen oft die Sprachkenntnisse, und es gibt keine »autorisierten« Übersetzungen.

Der Koran wird und muss so gelesen und ausgelegt werden, wie er im arabischen Urtext vorliegt. Es gibt keine anerkannte historischkritische Ausgabe, obwohl eine Reihe von Widersprüchen zwischen den Aussagen einzelner Suren besteht. Die einzige Exegese ist das sogenannte Naskh-Prinzip, wonach (historisch) neuere Suren einen größeren Stellenwert haben sollen als ältere. Eine kritische Koranwissenschaft fehlt noch ebenso wie eine zentrale Instanz, die entscheidet, wie der Koran auszulegen ist.

Im islamischen Unterricht nahm und nimmt der Koran stets eine zentrale Stelle ein. Anhand dieses Textes lernt man Lesen und Schreiben, die Grammatik, aber auch die Ordnung der Gesellschaft und des Alltags. Aber wer garantiert, dass Worte innerhalb von 1400 Jahren keinen Bedeutungswandel durchgemacht haben? Die Auslegung des Korans und der Sunna des Propheten durch die allgemein anerkannten und kompetenten Gelehrten beruht für Muslime auf Vernunft und Glaubenserfahrung. Sie waren es, die sich durch Jahrhunderte hindurch bemühten, die zeitlose Substanz der islamischen Regeln zu bewahren und die notwendigen Veränderungen entsprechend den wechselnden Bedingungen einzuleiten. Somit wollen die heutigen Träger der islamischen Erneuerung das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen – sie möchten die Ideale des Islam zukunftsorientiert verwirklichen.

Die Scharia – göttliches und kosmisches Gesetz

Als geoffenbart gilt nicht nur der Koran, sondern insgesamt auch die Scharia, die Wegweisung Gottes, die islamische Werte- und Lebensordnung, daher das ideale göttliche Gesetz, wobei sich dieses aus den beiden Grundsäulen Koran und Sunna des Propheten zusammensetzt. Während für sich allein genommen der Koran als geoffenbart gilt, gilt die Sunna als »inspiriert«. Aufbauend auf diesen Quellen und ausgelegt von Gelehrten entstand so das große Gebäude des Gottesgesetzes, der Scharia. In seiner vollen Ausbildung umfasst dieses Gesetz ganze Bibliotheken. Nur ein Gelehrter, der es über Jahre studiert hat, kann den Anspruch erheben, sich wirklich darin auszukennen, die Kommentare dazu und ihre Überlieferung zu verstehen. Die Scharia ist zunächst das Religionsgesetz mit dem normativen Recht islamischer Gemeinschaft, also der Gesellschaft, der Politik und des Staates, aber sie ist auch islamische Glaubenstradition. Das Ergebnis ist die nahtlose Verquickung von Religion und Politik im Islam.

Da der Mensch unfähig ist, den richtigen Weg aus eigener Kraft zu finden und die Normen des rechten Handelns zu erkennen, bedarf er der Führung durch das Gesetz Gottes. Gut und Böse sind keine den Dingen und Verhaltensweisen von vornherein innewohnenden Wesenseigenschaften, vielmehr werden sie durch Gottes Fügung erst gut oder schlecht, denn die menschliche Vernunft ist von sich aus nicht fähig, diese Qualifizierung vorzunehmen. Der Mensch bedarf dazu der Mitteilung Gottes, der nach freiem Entschluss festlegt, was gut oder böse ist. Allerdings entsprechen die von Gott gegebenen Gesetze der Vernunft und sind als solche der Vernunft einsichtig. Vernunft und Offenbarung können in diesem Kontext keine Gegensätze sein.

Genau wie Gott in Freiheit die Gesetze der Schöpfung jeden Augenblick neu festlegt – daher gibt es auch keine Naturgesetze im westlichen Sinn –, bestimmt er auch die Normen und Satzungen für die Menschen. Demnach ist die Scharia, das göttliche Gesetz, Teil jenes universalen Gesetzes, das das gesamte Universum leitet.

Die Scharia regelt alle Bereiche der muslimischen Gesellschaften bis in die privatesten Sphären hinein, das umfasst Politisches, Rechtliches, Wirtschaftliches und Geschäftliches, aber auch Regelungen zum Zusammenleben der Menschen sowie zum Verhalten des Einzelnen. Die Scharia enthält konkrete Bestimmungen für den Geschäftsverkehr, das Familienrecht, Erbschaft und Scheidung, Kleidung und Umgangsformen, sogar Nahrung (Verbot von Schweinefleisch- und Alkoholgenuss) und persönliche Hygiene. Sie regelt nicht nur Kultfragen und Moral, sondern auch den Status der Frau, die »halb so viel wie ein Mann« wert ist. Die Scharia setzt den Umgang mit Andersgläubigen fest, mit Christen und Juden, den »Leuten des Buches«, die im Allgemeinen eine besondere Toleranz gegenüber anderen Ungläubigen genießen, aber als Schutzbefohlene (Dhimmi) gelten. Sie mussten (und müssen heute zum Teil wieder) Schutzgeld (Dschizya) bezahlen, sich mit der Rolle von Minderberechtigten zufriedengeben und alles unterlassen, was von Muslimen als Aggression oder Angriff auf den Islam ausgelegt werden konnte und kann. Sie sind nicht rechtlos, aber den wahren Gläubigen doch unterlegen und untergeben. Und nichts davon kann nach Ansicht der Fundamentalisten – aber auch der Fundamentalistinnen – geändert werden. Das Scharia-System steht damit im Widerspruch zu Vorstellungen von Menschenrecht und Menschenwürde.

Auch die Verhängung von Strafen ist vorgesehen, wenn Bestimmungen der Scharia verletzt werden. In den Kodex der Scharia gehören die berühmten Hudud-Strafen wie Steinigung bei Ehebruch, Handabschneiden für Diebstahl etc. Die Prozessregeln sehen amtliche Zeugen vor, Einheitsrichter, kennen aber keine Appellationsinstanzen.

Aus der Sicht eines Muslims steht sein Leben nur dann in Übereinstimmung mit seiner eigenen Natur und seiner Umwelt, wenn er der Scharia folgt, mit dem Ziel, dass damit die vollständige Unterwerfung unter Gott allein reflektiert wird. Aus diesen Tatsachen folgt eine einzigartige Verschmelzung von religiöser und staatlicher Ordnung, die sich historisch in der Ausbildung des differenzierten Rechtssystems niedergeschlagen hat.

Aber Herzstück der neuen Religion war die Einheit Gottes; alle Institutionen und Gesetze sind von diesem großen Prinzip abgeleitet. Der Prophet war demnach ein religiöser Reformer, der alle Fragen von der Religion her, von der göttlichen Offenbarung her beantwortet hat. Das Prinzip der Einheit und Einzigkeit Gottes war der Maßstab, zu welcher Zeit auch immer, mit dem Reformen vollzogen wurden. Daher gilt für alle späteren Neuerungen, dass sie sich an die Methode des Propheten zu halten haben, indem alle Angelegenheiten des täglichen Lebens den Gesetzen Gottes unterworfen werden. Dieses ganzheitliche Denken erlaubt nicht, gewisse Bereiche isoliert zu betrachten und ihnen Eigengesetzlichkeit zuzusprechen. Die Herrschaft kommt Gott allein zu und keinem weltlichen oder geistlichen Herrscher – und damit auch nicht »dem Volk«.

Die Zeit der Unwissenheit – auch heute?

Der Koran zieht eine scharfe Trennlinie zwischen der Zeit des Islam, als der Prophet das göttliche Wissen vermittelte, und der Zeit vor dem Islam, der Dschahiliya, der Zeit der Unwissenheit (des Polytheismus). Dschahiliya bedeutet die Herrschaft eines Menschen über einen anderen und weicht damit von der kosmischen Ordnung ab. Auch heute werden Gesellschaften, deren Lebensordnung nicht auf der Unterwerfung unter Gott beruht, von fundamentalistisch denkenden Muslimen als Dschahiliya-Gesellschaften bezeichnet. Ebenso wird das Bekenntnis einiger muslimischer Gesellschaften zum Säkularismus in diesem Zusammenhang als Rückfall in die Dschahiliya gesehen. Diesem muslimischen Denken nach können zwei Systeme auf der Erde nicht nebeneinander existieren. Denn der Islam, wie ihn Gott vorgeschrieben hat, ist ein Weg des Lebens, und kein von Menschen gemachtes System. Also wird die Befreiung von der Unterdrückung durch die Dschahiliya-Gesellschaft angestrebt, die Loslösung von ihren Vorstellungen, Traditionen und ihrer Führerschaft. Das Ziel ist die Einsetzung der Herrschaft Gottes und die Reinigung der Erde von der Herrschaft der Verführer.

Der unumgängliche Dschihad

Aus all diesen Gründen ist es unumgängliche Pflicht, einen islamischen Staat zu errichten, damit die Gesetze Gottes wieder in Kraft treten. Die Einsetzung der Satzungen Gottes über diese Erde, somit die Errichtung eines islamischen Staates, muss als Pflicht für jeden Muslim betrachtet werden. Und wenn ein solcher Staat nicht ohne Kampf errichtet werden kann, dann ist auch dieser für Muslime verpflichtend.

Die genauere Übersetzung von Dschihad lautet »Anstrengung, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist«, also Bemühung, Streben, und nicht (primär) Heiliger Krieg. Dennoch kann man den im Koran häufig erwähnten Begriff so auslegen. Unter Dschihad ist dann nicht nur das individuelle Streben nach einem guten, frommen und Gott wohlgefälligen Leben (der große Dschihad), sondern der Heilige Krieg (der kleine Dschihad) zu verstehen. Dschihad hat in der traditionellen islamischen Kultur eine positive Bedeutung. Er ist der Motor der Ausbreitung des Glaubens, der »mit dem Schwert und dem heiligen Buch« betrieben wurde und wird. Die Basis dafür ist die Teilung der Welt in zwei Gebiete: in das Haus des Islam (Dar al-Islam) und das Haus des Krieges oder des Unglaubens (Dar al-Harb). Im Haus des Islam herrschen der islamische Staat und das islamische Recht. Das Haus des Krieges ist das Gebiet der Nichtmuslime, also der Ungläubigen. Der Kampf des Islam hört erst dann auf, wenn alle Menschen den islamischen Glauben angenommen oder sich dessen Herrschaft gebeugt haben. Das bedeutet, dass alle menschlichen Reiche eliminiert werden müssen.

Der im bewaffneten Kampf gipfelnde Dschihad kann nach der klassischen Vorstellung nur von rechtmäßig eingesetzten Ulama (Rechtsgelehrten), die seine Risiken und seinen zu erwartenden Nutzen sorgfältig gegeneinander abwägen, ausgerufen werden. Dies gilt selbstverständlich bei der Mobilisierung der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, die sich verteidigen muss oder einen Angriff gegen einen Aggressor starten soll. Terroristen haben sich dieser Beschränkungen entledigt, sie befragen die Ulama nicht, sie führen ihre Kriege nach eigenem Ermessen. Problematisch wird es, wenn der Dschihad innerhalb des Gebiets des Islam geführt werden soll, zum Beispiel gegen einen korrupten Regierungschef, der gegen die Scharia verstößt. Dieser Dschihad birgt die Gefahr, die gesamte gesellschaftliche Ordnung zu erschüttern und Aufruhr heraufzubeschwören: die Fitna, also Anarchie und Chaos, Zerfall, Zusammenbruch und Untergang der Glaubensgemeinschaft.

In den früheren, den mekkanischen Suren wird meist von einem Defensivkrieg gesprochen, im Gegensatz zu den späteren, den medinensischen Suren, in denen auch ein Angriffskrieg gerechtfertigt wird. Während für Mohammed in Mekka die Lage unsicher war und er Geduld gegenüber Angriffen von außen predigte, gestattete er es in Medina anfänglich nur, Angriffe zurückzuweisen. Erst später machte er es zur Pflicht, Feinde zu bekämpfen – zu denen sehr wohl Angehörige polytheistischer wie auch monotheistischer Religionen gerechnet werden können, also auch Christen und Juden. Auch gegen sie kann ein religiös motivierter Krieg geführt werden. Das heißt: Ziel des Dschihad ist es, alle Ungerechtigkeit von der Erde zu tilgen, jegliche Herrschaft der Menschen über Menschen zu beenden und die Menschen zur Anbetung Gottes allein zu führen, um so die Herrschaft Gottes zu etablieren. Geschieht dies, wird die islamische Religion politisiert, die Politik islamischer Parteien und Staaten dagegen sakralisiert. Dann wird der Islam zur fundamentalistischen Ideologie.

Der Islam zwingt die Menschen nicht zur Annahme des islamischen Glaubens. Aber seine Verbreitung kann nicht allein durch Verkündigung und Darlegung erreicht werden. »Dschihad mit dem Schwert«, das Konzept der islamistischen Bewegungen, will alle Tyrannei auslöschen, um der Menschheit die wahre Freiheit zu bringen. Der Friede, den der Islam anstrebt, ist dann erreicht, wenn die Anbetung aller Menschen Gott allein gilt und die Menschen nicht mehr über Menschen herrschen. Jedenfalls ist die Pflicht zum Dschihad eng mit der Universalität des Islam verbunden. Wenn muslimische Gelehrte Dschihad auf Verteidigung reduzieren, dann haben sie, nach Ansicht der Islamisten, die westliche Vorstellung von Religion aufgenommen.

Jüdische und christliche Gemeinschaften werden zu den Dschahiliya-Gesellschaften gezählt, aufgrund der Form ihrer Gottesverehrung, ihrer Bräuche und Riten, die von ihrem falschen und verdorbenen Glauben hergeleitet sind. Besonders die christlichen Gesellschaften haben den ursprünglichen Glauben insofern zerstört, als sie dem einen Gott andere Wesen zuschreiben – die Trinität. Daher richtet sich der Dschihad auch gegen sie.

Aus diesem Grund hat der Muslim auch keine andere Nationalität als seinen Glauben, da Gotteswort nicht den jeweiligen Zeitbedingungen unterworfen sein kann, also zeitlose Gültigkeit beansprucht. Dies erklärt auch die fundamentale Forderung nach Wiederinkraftsetzung des Gotteswortes, um den politischen, sozialen und ökonomischen Missständen und Krisen in den islamischen Ländern Herr zu werden.

Wenn sich auch Juden und Christen auf ihre Erwählung durch Gott berufen, trifft das in den Augen der Muslime nicht zu: Gott hat die Muslime erwählt und sie gesandt, um die Knechtung der Menschen zu beenden. Der Islam ist gekommen, um eine neue Welt auf der Basis der Unterwerfung unter den Schöpfer zu schaffen. In dieser Situation lässt Gott die Gläubigen nicht im Stich. Vielmehr wird ihnen bei diesen Auseinandersetzungen nicht nur der Sieg versprochen, sondern auch die Belohnung für ihre Treue und ihre Standhaftigkeit im Glauben. Muslimen ist die Überlegenheit ihres Glaubens gegeben. Der Sieg der Muslime ist aber nicht ein militärischer Sieg, er wird unter dem Banner des Glaubens erreicht. Den Kampf zwischen den Gläubigen und ihren Feinden interpretieren Muslime als Glaubenskampf.

MACHT »DER ISLAM« GEWALTTÄTIG?

Im Islam herrscht der politische Glaube, Gott sei größer und mächtiger als jede irdische Gewalt, eine Überzeugung, die die Handhabe bietet, die Legitimität jeder irdischen Obrigkeit im Namen Gottes infrage zu stellen. Dazu lässt sich ein gewisses Gewaltverständnis aus den heiligen Schriften des Islam ableiten. Angesichts der raschen und lange anhaltenden militärischen Erfolge zur Zeit des Propheten und der ersten Kalifen liegt es nahe, den muslimischen Glauben auch heute mit Dschihad zu verbreiten. Die Anwendung von Gewalt zur Erzwingung des individuellen Glaubenswechsels wurde früher im Prinzip missbilligt und zumindest bei Angehörigen anderer Schriftreligionen letztlich auch nicht für nötig erachtet, weil man die Wahrheit und Überlegenheit des Islam für so offensichtlich hielt, dass sein universaler Triumph nur eine Frage der Zeit sein würde.

Macht »der Islam« nun die Menschen gewalttätig? Die Zahl an Krisenherden in Gebieten mit großem muslimischem Bevölkerungsanteil ist auffallend hoch. Bei vielen dieser Auseinandersetzungen geht es aber kaum um Religion, sondern um anderes: Land, Bodenschätze und politische Macht, Selbstbestimmung und Unterdrückung, Ehre und Schande, Einkünfte und Privilegien, Stammesfehden, Großmachtrivalitäten etc. Bei manchen Konflikten handelt es sich auch um Stellvertreterkriege. Muslime sind damit keineswegs die einzigen Verantwortlichen für diese Kriege, hier sind auch wichtige internationale Interessengruppen und Großmächte vertreten. Und die Waffen, mit denen gekämpft wird, kommen aus aller Welt und werden von muslimischen und nichtmuslimischen Staaten finanziert. Die meisten Opfer aber sind unter der Zivilbevölkerung zu finden – der muslimischen und vor allem der christlichen.

Der Kampf um den »wahren« Islam

Heute tobt ein Kampf um den wahren Islam. Dazu gibt es viele Standpunkte und Interpretationen, die zum Teil stark voneinander abweichen. Unzählige Gruppierungen glauben zu wissen, was dieser wahre Islam sei. Sein Bild entsteht aus einer Fülle von unterschiedlichen Traditionen, Überlieferungsvarianten und Geschichtsdeutungen immer wieder neu und wird den weltanschaulichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Gruppe angepasst. Der Islam der Gegenwart befindet sich in einer Umbruchphase. Die bewahrende Funktion, die er in den vergangenen Jahrhunderten innehatte, kann er nicht mehr ausüben. Die Einheit der Umma ist nur mehr im Ritual der Pilgerfahrt (Hadsch) beziehungsweise im sozialutopischen Wunschdenken gegeben. Die muslimischen Gesellschaften sind von der Suche nach ihrer Identität getrieben.

Es gibt auch Versuche, den Islam zu »modernisieren«: Dabei wird der göttliche Ursprung der Offenbarung nicht infrage gestellt, aber betont, dass der Islam eben durch den Prozess der Offenbarung in die menschliche Sphäre verlegt wurde und als von Menschen niedergeschriebenes Wort im Koran und in der Sunna historischen und gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen war. Von diesem Ballast müsse der Islam befreit werden, um in seiner »wahren Form« wieder befreiend wirken zu können. Für diesen Denkansatz wurde der Ägypter Abu Zaid (1943–2010) auf höchstrichterlichen Beschluss zum Ungläubigen erklärt und von seiner Frau zwangsgeschieden, er musste zuerst ins Exil und starb dann 2010 in Kairo.

Andere zeitgenössische Wissenschaftler attestieren dem Islam eine statische, vormoderne und von westlichen Ansätzen grundverschiedene Sicht der Welt. Die Diskussion um den wahren Islam sollte innerislamisch auf breiter Basis und mit vergrößertem, fundiertem Wissen geführt werden. Dabei wird es sich nicht vermeiden lassen, dass die Mehrheit der Muslime trotz aller Gemeinschaftsideale und religiöser Einheitsbestrebungen eine klare Trennlinie zwischen sich und dem radikalen terroristischen Rand der muslimischen Glaubensgemeinschaft zieht: Das Haus des Islam befindet sich von außen wie von innen in einem Belagerungszustand. Wie diese Situation ausgehen wird, ist völlig offen.

DER FUNDAMENTALISTISCHE WUNSCH – WIEDERHERSTELLUNG DER BESTEN GEMEINSCHAFT

Hedschra