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Adolf Holl

Braunau am Ganges

Residenz Verlag

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ISBN eBook:
978-3-7017-4501-2

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-3352-1

WENN DU in Delhi aus dem Flugzeug steigst, siehst du dort die Vögel. Sie haben auf dich gewartet. Einer von ihnen fällt dir ins Auge. Das ist Hitler.

Unsinn.

Hat er dir nicht seine Telefonnummer gegeben?

Nur im Traum.

Wie lang ist das her?

Gute fünfzehn Jahre.

Damals war Hitler schon lange tot.

Dann ist er eben aus dem Schattensystem gekommen. Call the shade system. Auch diese Aufforderung habe ich geträumt. Aber der Vogel auf dem Flugplatz von Delhi stammt nicht aus dem Schattensystem.

Das Schattensystem kann als paralleles Universum aufgefasst werden.

Das glaube ich nicht.

In Indien ist das Schattensystem ebenso wichtig wie das Realsystem. Warte ab.

Neunhundertneunundneunzig Millionen Wiederverkörperungen?

Mindestens. Der Vogel hat noch viel abzuarbeiten.

Und dann?

Findet er Ruhe.

Wer sagt das?

Neunhundertneunundneunzig Millionen Hindus. Vögel können nicht sprechen.

Das spielt keine Rolle. Manche Vögel sind Halbgötter. Wenn sie sterben, müssen sie weiterwandern.

Die Telefonnummer Hitlers hatte sechs Zahlen.

Damit ist heute nichts anzufangen.

Die Verbindung kann deswegen nicht funktionieren, weil das Schattensystem zeitlos ist.

Was mache ich dann mit der Telefonnummer?

Kannst du vergessen.

Und Hitler?

Bleibt.

 

PROFESSOR AGEHANANDA BHARATI aus Wien (1923–1991) verfügte über keinerlei Erinnerung an frühere Existenzen. Er wusste lediglich, dass auf seinem katholischen Taufschein Leopold Fischer stand und dass er bereits als Gymnasiast anfing, Hindi, Bengali, Urdu und Sanskrit zu lernen. Seine freie Zeit verbrachte er gern mit indischen Medizinstudenten, die einen geselligen Klub frequentierten, im Hotel de France an der Ringstraße.

Ja, und dann passierte etwas, als er zwölf Jahre alt war. Während des Einschlafens erlebte er sich plötzlich im Zentrum der kosmischen Alleinigkeit, während eines kurzen Augenblicks nur. Hernach kehrte sein Alltagsbewusstsein langsam zurück, mit der Gewissheit, das sei nicht zum letzten Mal geschehen.

Reifeprüfung, Militärdienst. Letzteren absolvierte er wegen seiner Sprachkenntnisse in einer Einheit der deutschen Wehrmacht, die sich Indische Legion nannte und in der Nähe von Bordeaux stationiert war. Abrüstung, Gefangenschaft, ein paar Semester Indologie und Philosophie, Kirchenaustritt, Abreise nach Indien. Von 1949 bis 1951 Novize, dann Mönchsgelübde. Der neue Name: Agehananda (»unzugehörig«). Durchwanderung Indiens in der Nord-Süd-Richtung von Dorf zu Dorf im ockerfarbenen Kleid der Geistlichen, die überall als Seelsorger willkommen waren. Akademische Karriere zunächst in Indien, dann ab 1956 in den USA, wo das Buch geschrieben wurde, mit dem der Professor berühmt wurde. Es geht darin um die Überlistung der Geschlechtslust zum Zweck der endgültigen Befreiung aus dem Wiederholungszwang des Wanderns durch Millionen von Geburten. Auf einem anderen Blatt steht die Begegnung mit Exzellenz Bose Ende 1942 im Zusammenhang mit der Rekrutierung für die Indische Legion, die unter dem Oberkommando jenes Führers und Reichskanzlers stand, den Bharati bereits als Leopold Fischer in Wien verachten gelernt hatte, nicht nur wegen einer jüdischen Großmutter in Fischers Familie.

Subhas Chandra Bose (1897–1945) trug im Gegensatz zu Gandhi gern Uniform und wird in indischen Tempeln bis heute häufig mit einem glückbringenden Elefantenkopf dargestellt, als Gottesbote. In seiner Verkörperung als militante Führungskraft gegen die Engländer saß er häufig im Gefängnis, auch als gewählter Bürgermeister von Kalkutta, bis ihn die Briten 1933 vorübergehend loswurden, wegen seiner angegriffenen Lungen, die er im damals noch roten Wien auskurieren wollte. Dort gründete er den Klub, in dem Bharati bald verkehrte, lernte seine spätere Gemahlin Emilie Schenkl (gest. 1996) kennen, schrieb ein Buch, besuchte Mussolini, erlebte den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Indien, flüchtete über Moskau nach Berlin, wo er die Indische Legion organisieren durfte, und gelangte 1943 in einem japanischen Unterseeboot nach Tokio, wo er mit militärischen Ehren empfangen wurde. Der Absturz des Flugzeugs, mit dem er im August 1945 unterwegs war, beförderte ihn in die indische Erinnerungspflege, wo er nach wie vor anzutreffen ist, in vergleichbarer Position wie Gandhi, obwohl als dessen politischer Gegner. Für westlich imprägnierte Gemüter ist das schwer nachzuvollziehen. Dem schneidigen Bose wiederum blieben der christliche Judenhass und das Paranoid der arischen Rasse vollkommen fremd. Gegen seine Büste im Parliament House von Delhi ist wenig einzuwenden.

Gleichwohl steht fest, dass die Swastika nicht vom Nordpol auf die Hitlerfahne geflogen ist, sondern aus Indien. Die Bezeichnung des Hakenkreuzes im Sanskrit lässt an Glück und Segen denken, nicht an Unheil Hitler. So stellt sich die Frage, ob Religion unschuldig bleiben kann.

 

SCHATTENSYSTEM, REALSYSTEM. Passagen zwischen den Systemen sind möglich, wegen der Wiederverkörperungen.

Da soll sich jemand auskennen.

Ehrwürden Bharati war fromm. Während seiner Wanderung durch Indien bemerkte er einen verwahrlosten Tempel in einem Gehölz abseits der Straße, betrat ihn und erblickte die Statue einer Gottfrau, frisch mit Blumen geschmückt, die ihn anlächelte. Weihrauchduft wie nach einem eben beendeten Gottesdienst. Nirgendwo Menschen. Im nächsten Dorf erfuhr Bharati, der Tempel sei seit Generationen verlassen, kehrte zurück und musste feststellen, dass nur Schutt zu sehen war. Statt des Weihrauchdufts der Gestank von Fledermäusen. In Indien findest du die ältesten und nachhaltigsten Spuren des ewig Weiblichen.

Von der katholischen Himmelskönigin habe ich noch nie geträumt.

Auch nicht von deiner verstorbenen Mutter?

Gelegentlich. Ich versuchte sie aus dem Urlaub telefonisch zu erreichen und hatte die Nummer verlegt.

Call the shade system. To call heißt rufen. Du rufst und es kommt keine Antwort.

Mama, warum hast du mich verlassen?

Eben. Manchmal hast du Glück, wie Bharati. Das -ananda in seinem Mönchsnamen bedeutet Wonne.

Mit Bharati habe ich 1989 ein Zeitungsinterview gemacht. Gleich nach dem Aufstehen war er gewohnt, seinen Körper zu reinigen und dann mindestens eine Stunde lang die Welt mitsamt den wissenschaftlichen Denkgewohnheiten abzuschalten und auf eine sehr beglückende Weise in ein »vollständig anderes Gebiet einzudringen«, noch vor dem Frühstück. Er hat auch gesagt, dass alle Menschen mystisch begabt sind; in Asien werde diese Begabung gefördert, im Westen unterdrückt, bereits im frühkindlichen Alter. Bharati konnte sich in 16 Sprachen verständigen, also sich in ebenso vielen Regeln für gutes Benehmen bewegen. Deshalb wurde er Religionswissenschaftler. Er besorgte sich ein Reisedokument, in dem er als indischer (bharati) Staatsbürger ausgewiesen war.

Das machte ihn nicht zum gebürtigen Hindu. Wann bist du zum ersten Mal nach Indien gekommen?

Im Alter von fünfzig Jahren.

Viel zu spät.

In Kalkutta habe ich begriffen, dass sich meinem Gott weibliche Eigenschaften zuschreiben lassen.

Je älter du wirst, desto bewusster werden dir die Irrtümer, von denen du dich getrennt hast.

 

DER INDISCHE JOURNALIST, der mich begleitete, zeigte mir die Tempel der Göttin, nach der Kalkutta benannt ist. Für Mutter Kali waren einige angepflockte Ziegen bestimmt, kräftige Männer mit nacktem Oberkörper rührten in Kesseln für die Zubereitung süßen Gebäcks, minderjährige Mädchen warteten auf ihre Verwendung zum Liebesdienst. Die bevorzugten Farben Kalis, Rot für Blut und Schwarz für Kot, erinnerten mich an die Reizwäsche in der Damenmode.

Ein Priester der Kali avancierte zur Lichtgestalt der nach ihm benannten Ramakrischna-Mission, gegründet 1897, in deren Niederlassungen Agehananda Bharati zwei Jahre lang die Kunst des Meditierens lernte. Während seiner Ausbildung, eingekleidet in die weiße Gewandung eines Novizen, spürte er bald einen diskreten Klerikalismus, den er aus seiner katholischen Kindheit in Wien kannte – Fixierung auf den Zölibat und Vorbehalte gegen kritisches Denken. Das wurde bemerkt, und Bharati war entlassen.

Exzellenz Bose, den er in Berlin kennengelernt hatte, konnte sich eine Welt ohne Gott Schiwa und seine Begleiterin Kali nicht vorstellen. In allen Tempeln Bengalens, nicht nur in Kalkutta, sind Schiwa und Kali gegenwärtig, und dass die beiden zum Jähzorn neigen, weiß jedes Kind an den Ufern des Ganges. Lord Schiwa und seine Kali mit ihrer heraushängenden blutigen Zunge hatten nichts dagegen einzuwenden, dass der junge Bose politisch nach links tendierte, zur Sprache der Ungeduld und der Waffen. Im März 1920 war in München erstmals die Rede von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gewesen, im Oktober 1922 organisierten die italienischen Faschisten den Marsch auf Rom. Lord Schiwa hatte Lust auf einen Weltkrieg mit Atomwaffen bekommen.

Für geistliche Hindu-Gelehrte, die acht Stunden am Tag meditieren, sind Atombomben kein Problem, wenn sie in ihren heiligen Schriften andeutungsweise erwähnt werden, in den Epen »Mahabharata« und »Ramayana« zum Beispiel, wo von den Waffen der Gottheiten die Rede geht. Wehe der Welt, wenn Lord Schiwas Drittes Auge schwefelgelb zu glühen beginnt, während er durch die Galaxien tanzt, unerreichbar vom Gejammer der Erdlinge.

 

GELEGENTLICH MELDET sich das Schattensystem auch ungerufen, wie Carl Gustav Jung als Spezialist für seelische Abgründe wusste. Als Knabe hatte er geträumt, dass er ein dunkles, rechteckiges Loch in der Wiese hinter dem Haus des Kirchpflegers entdeckte, wo er seine Kindheit verbrachte. War zögernd und furchtsam nach unten gestiegen. Dort eine Tür mit Rundbogen, durch einen grünen Vorhang verschlossen. Dahinter ein langer Raum, mit Steinfliesen bedeckt, an dessen Ende ein prachtvoller Thronsessel wie im Märchen. Auf ihm das meterhohe Gebilde aus Haut und Fleisch samt einer rundkegelförmigen Verdickung ganz oben, ohne Gesicht und Haare, mit einem Auge in Scheitelhöhe. Jeden Moment konnte das Gebilde bedrohlich vom Thron herunterkriechen. Plötzlich die Stimme der Mutter von außen: Ja, schau ihn dir nur an. Das ist der Menschenfresser. Und immer dann, wenn die Pfarrer vom lieben Herrn Jesus sprachen, musste Jung an den unterirdischen Menschenfresser denken. Später lernte er aus Büchern, dass er von Lord Schiwa geträumt hatte.

Im Realsystem bezieht sich Lord Schiwa auf das erregte Mannesglied, wie es auch an Eseln oder Schimpansen zu beobachten ist. Im Kunstgewerbe wird es mit Bedeutung aufgeladen, wie auf dem Specksteinsiegel, das im nordwestlichen Indien ausgegraben wurde. Es ist 4000 Jahre alt, aus einer Zeit, in der die Arier noch nicht eingewandert waren, und zeigt einen Mann in der Jogaposition, mit aufgerichtetem Penis und einer Kopfbedeckung aus zwei Büffelhörnern, umgeben von Abbildungen eines Nashorns, eines Büffels, eines Tigers und eines Elefanten. Die Schrift auf dem Siegel konnte noch nicht entziffert werden.

Dazu passt eine Geschichte aus dem »Mahabharata«, in der von einem König die Rede geht, dessen Reich unter Dürre leidet. Die Hofastrologen finden heraus, dass ein mächtiger Waldeinsiedler durch konstante Zurückhaltung seines Samens die Regenwolken vertreibe. Der König schickt Freudenmädchen, die den Jogi verführen, und die Trockenheit hat ein Ende.

In der Schweiz, wo Jungs Vater als evangelischer Pastor amtete, hatte der Herr Jesus stets mit einem Lendentüchlein um die Schamteile am Kreuz zu hängen. Die Manneskraft des christlichen Gottes blieb außer Betracht. In Indien spazierte Jung im Frühjahr 1938, bald nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich, durch eine Allee von männlichen