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Gesa Olkusz

Legenden

Residenz Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

www.residenzverlag.at

© 2014 Residenz Verlag

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

ISBN eBook:
978-3-7017-4496-1

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1635-7

INHALT

TEIL EINS

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TEIL ZWEI

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TEIL DREI

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TEIL EINS

1

»Der Mann will sich töten«, hatte das kleine Mädchen gesagt, und mit dem nassen Daumen, den es sich zu diesem Zweck aus dem Mund gezogen hatte, auf mich gezeigt. Ich verharre in der Hoffnung, das Missverständnis werde sich aufklären, die Eltern den Irrtum des Kindes durchschauen und zügig weiterspazieren. Doch Eltern und Großmutter starren mich stumm an, während ich versuche, leger zu wirken und dabei das Gleichgewicht zu halten.

»Brauchen Sie Hilfe, junger Mann«, fragt schließlich die Großmutter, und das Kind setzt nach, »Warum will der Mann sich töten, Mama?«

Die Mutter weiß nicht recht, was zu antworten ist, da sind wir uns ähnlich.

»Lass ihn doch springen«, ruft der Vater, unnötig scharf, als verletze ich sein Feingefühl. Er ist etwa so alt wie ich, das stößt mich ab, er wirkt schon so gesotten.

Unbestreitbar befinde ich mich in fragwürdiger Position auf dem Brückengeländer der M-Brücke, und zwar ziemlich mittig. Mühsam halte ich mich in einer primatenähnlichen Hockstellung, ich habe in dieser Nacht zu viel getrunken, um noch vollkommen Herr meines Gleichgewichts zu sein. Bei dieser Hundskälte hatte ich keine Gesellschaft erwartet und geglaubt, auf Grazie und Anstand verzichten zu können.

»Weshalb will der Mann sich töten?«, fragt das Kind erneut, und obwohl ich einsehe, dass meine Lage solche Irrtümer ermutigen mag, fühle ich mich nicht genötigt, mich zu verteidigen. Ich bemühe mich, auf dem eisigen Geländer die Balance zu finden, und tatsächlich gelingt es mir, mich langsam zu erheben, noch sind die Knie gebeugt und die Arme horizontal um Ausgleich bemüht, doch ein Fortschritt ist da.

»Ich werde ihn herunterholen«, beschließt der Vater. Ich hebe den Blick und ziehe drohend die Brauen zusammen, sodass die Mutter ihren Mann mit einem kleinen Laut zurückhält, das Kind schlägt sich die Faust vor den Mund und keucht erschrocken. Es gelingt mir, einen Finger zu heben, um ein wenig Geduld zu fordern. Sie scheinen zu verstehen, lassen mich aber nicht aus den Augen. Ich atme aus, langsam drücke ich die Knie durch und den Oberkörper in die Höhe, bis ich so gut wie gerade stehe. In dieser Position überrage ich die Familie um einiges, das gibt mir Selbstbewusstsein, und ich stoße hervor: »Die Schuhe, verdammt!«

Ratlos starren sie mich an, mit dummen Augen, ich weiß nicht, weshalb ich mich überhaupt zu erklären versuche.

»Wollen Sie meine Schuhe?«, bietet der Mann hilflos an. »Er trägt doch welche!«, keift die Frau und auch ich schüttle heftig den Kopf, beinahe reißt es mich rückwärts auf die S-Bahn-Schienen tief unter mir. Natürlich ist es das Kind, das den tatsächlichen Sachverhalt zuerst begreift. »Die Schuhe!«, brüllt es begeistert und deutet mit seinem dicken Händchen in die Höhe. Ich nicke ihm wohlwollend zu. Über mir am Laternenpfahl schaukelt ein Paar eleganter schwarzer Damenschnürstiefel.

»Die hängen doch viel zu hoch, du Idiot!«, ruft der Mann, die Frau stößt ihn kräftig in die Seite, sie traut mir nicht, hält mich nicht für stabil, das ärgert mich. Nur das Kind scheint überzeugt.

Ich hatte sie zum ersten Mal vor ein paar Tagen bemerkt, die Stiefelchen, schwarz, fein, ein wenig abgetragen vielleicht, mit einem niedlichen Absatz. Es muss ungefähr zur gleichen Stunde gewesen sein, ich war mit Roman Fallberg auf dem Heimweg. Wir hatten auf der Brücke haltgemacht für eine Zigarette, und während Roman hektisch den Sonnenaufgang skizzierte, legte ich mich auf die Straße, um ein wenig auszuruhen und den Morgenhimmel zu betrachten, und da hingen sie über mir. Im Glanz der aufgehenden Sonne schienen sie geradewegs zu funkeln. Sofort hatte ich das Bild meines Tantchens vor Augen, oben am Laternenpfahl, nur dass es plötzlich ein Baum war, in dessen Zweigen sie sich verfangen hatte mit ihrem langen Rock, die Beine steckten in den schwarzen Stiefelchen und zappelten aufgeregt, wie sie sich so zu befreien versuchte.

»Wie bist du da hinaufgeraten, Tantchen?«, rief ich ihr munter zu, von der Straße aus, doch sie ignorierte mich und fuchtelte bloß weiter vor sich hin. Roman allerdings drehte sich zu mir um, sprang fluchend auf und zerrte mich von der Straße, dabei waren ja gar keine Autos unterwegs. Er war so zornig, dass ich das Tantchen mit seinen Stiefelchen gleich wieder vergaß, bis mir gestern Nacht ein Foto von ihr in die Hände fiel, ein kleines Viereck in Schwarzweiß, mit gezackten Rändern. Sie ist noch ein kleines Mädchen darauf, ich war vollkommen vor den Kopf gestoßen. Die Aufnahme muss in dem Dorf im Osten gemacht worden sein, aus dem sie und mein Vater stammen. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch, sodass man ihre Haare nicht sehen kann, und ein langes, weißes Spitzenkleid, sie ist barfuß, und solche Stiefelchen wie die am Laternenpfahl hätten ganz wunderbar in das Bild gepasst. Sie hätten die vergangene Eleganz jener Tage gezeigt, die uns moderne Menschen heute wie Karikaturen wirken lässt, Karikaturen wovon, ich weiß es nicht, unserer Absichten vielleicht. Und ihr Gesicht, das Gesicht des Tantchens, ist ganz weich und froh auf diesem Foto, sie blickt mich direkt an, mit großen dunkelblauen Augen, heute schielt sie nur noch an einem vorbei.

Auf dem Bild steht mein Vater neben ihr und schaut sie auf eine spöttisch verliebte Art an, sie dagegen ist ganz auf die Kamera konzentriert, oder auf den, der sie hält, ihren Vater, den großen Stanis. Was bedeutet, dass sie auf dem Foto nicht älter als sechs ist und mein Vater noch jünger, das muss man sich mal vorstellen, es sprengt einem das Herz. Ich hatte nicht gewusst, dass es überhaupt Bilder aus dieser Zeit gibt, dieses rutschte aus einem Stapel Urlaubsfotos. Es gab so wenig Persönliches, kaum Erinnerungen in der Wohnung meiner Eltern, als hätten sie dort nicht dreißig Jahre lang gelebt. Ich nahm zwei Kisten mit, nachdem meine Mutter gestorben war, mehr nicht, und der Großteil davon waren Dokumente. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre tot.

Ich kann das Tantchen nicht leiden, und sie mich erst recht nicht. Aber wir haben ja nur noch einander, also hatte ich ihr, als mir die Stiefel wieder eingefallen waren, eine Freude machen wollen und mich heute, mit genug Alkohol im Blut, an die Aufgabe gewagt.

Tatsächlich scheinen die Schuhe höher zu hängen, als ich es eingeschätzt hatte. Trotzdem bemühe ich mich, nach ihnen zu fischen, unter den wachsamen Blicken der Familie kann ich nicht zurück. Als ich mich in die Höhe zu räkeln beginne, atmen sie wie mit einem einzigen gemeinsamen Zug kräftig ein. Das Kind greint mittlerweile, schluckend vor Aufregung.

Das Gespräch war früher an diesem Abend schon einmal auf das Tantchen gekommen, als Romans Freundin mir erzählte, sie habe sie in einem Buchladen auf der Friedrichstraße beobachtet. Das hatte mich wütend gemacht, denn ich hatte schon vor langer Zeit klargestellt, dass ich es nicht wünsche, meine Familie oder mein Verhältnis zu derselben mit den Fallbergs zu besprechen, egal, wie lauter deren Absichten sind. Roman hatte abgewiegelt und behauptet, niemand wolle irgendetwas besprechen, man erkundige sich nur, habe lediglich ein gesundes Interesse an der alten Dame und vor allem an mir, Freunde müssten doch füreinander da sein und so weiter, ich hatte ihm gar nicht mehr zugehört.

Das Gequengel des Kindes reißt an meinen Nerven, das dünne Stimmchen macht es schier unmöglich, beim Hangeln nach den Stiefeln die Aufmerksamkeit zu bewahren.

»Mama, muss man dem Mann nicht helfen? Braucht der Mann nicht Hilfe? Können wir ihm nicht helfen? Er sieht so einsam aus!«

Damit reißt mir endgültig der Geduldsfaden und ich setze alles auf eine Karte. Ich fasse die ganze Bande ins Auge, sie fahren zusammen, verstehen sofort, dass es mit der Ruhe vorbei ist. Dann konzentriere ich mich auf die Schnürstiefelchen, nehme sie genau ins Visier, kein Zittern, kein Zweifeln, ich hole weit aus mit meinen Armen und setze zum Sprung an.

Als ich nach Hause komme, erwartet mich Roman. Er sitzt auf der Treppe vor meiner Wohnung und raucht eine Zigarette.

Als er mich sieht, springt er auf.

»Wo bist du denn so plötzlich hin verschwunden? Immer läufst du uns davon. Das ist doch keine Art! Und dann bist du nirgends aufzufinden! Ich sitze seit Stunden hier!«

Ich winke ab.

»Ich wollte allein sein, das ist alles.«

»Du siehst gar nicht gut aus«, sagt er, »ist denn alles in Ordnung?« Er mustert mich aus zusammengekniffenen Augen, die Hand mit der Zigarette am blonden Bart.

»Ich bin nur müde.«

Roman glaubt mir nicht, er kennt mich gut, wir sind seit einer Ewigkeit Freunde. Fast unsere gesamte Kindheit hindurch waren wir Nachbarn, und schon als wir uns das erste Mal im Hausflur begegneten, beschloss er, einen unzertrennlichen Bund mit mir zu knüpfen. So hat er es mir später dargestellt und ich habe keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln, denn ich habe mir über die Jahre jede erdenkliche Mühe gegeben, unsere Freundschaft zu zerstören, ohne den geringsten Erfolg. Nicht dass ich ihn loswerden wollte, nein, Roman liegt mir am Herzen. Ich neige lediglich dazu, zwischenmenschliche Beziehungen zu vernachlässigen. Roman kann man damit allerdings nicht ins Bockshorn jagen, wie sehr ich ihn auch missachtete, früher oder später stellte er mich im Treppenhaus, schmunzelte über meinen abweisenden Tonfall und im Handumdrehen hatte er mich dazu überredet, ihn in eine Ausstellung zu begleiten. So ist mir diese Freundschaft erhalten geblieben, während die anderen wenigen, die mir über die Jahre zustießen, nicht von Dauer waren. Das ist niemandes Schuld, vielleicht meine, es fällt mir schwer, bei der Sache zu bleiben, wenn jemand erst einmal anfängt zu erzählen. Bei Roman ist das anders, ihm kann ich zuhören. Er ist frei von Scharaden, ist in einem ungewöhnlichen Maße er selbst, man kann sich ihm nicht entziehen. Beinahe glaubt man sich in seiner Gegenwart selbst zu kennen. Auch jetzt durchschaut er mich sofort. Er fragt nicht weiter nach, betrachtet jedoch aufdringlich die Stiefelchen in meiner Hand. Ich sehe ihn eine Weile schweigend an, da wiegelt er mit den Händen ab und drückt sich hinter mir in die Wohnung. Trotz der Kälte beginnt er sofort, sich zu entkleiden. Nicht nur die Sorge hat ihn zu mir getrieben, sondern auch der Wunsch nach einem heißen Bad, das von ihm und seiner Freundin bewohnte Häuschen im nahe gelegenen Schrebergartengebiet hat keine Badewanne.

»Das Wasser ist kalt«, informiere ich ihn, und er macht sich in Unterhosen daran, den Badeofen anzuheizen. Ich kümmere mich um Kaffee.

Während Roman wartet, dass das Wasser warm wird, sitzen wir in der Küche, trinken den Kaffee und reden über alles mögliche, obwohl ich todmüde bin nach der schlaflosen Nacht und Roman es auch sein müsste, doch er lässt mich nicht so einfach entwischen. Nachdem wir das Thema Übersetzungen und die beste Heiztechnik des Kachelofens erschöpft haben, kann er nicht länger an sich halten und schneidet die Hoffnungslosigkeit an, er fürchtet das Thema nicht, weil es so abstrakt für ihn ist. »Weshalb bist du so hoffnungslos?«, fragt er mich, und ich wehre ab, doch er fragt einfach weiter, zärtlich, weshalb bist du so hoffnungslos, immer wieder, irgendwann sage ich einfach gar nichts mehr. »Du stößt die Menschen vor den Kopf«, wirft er mir vor, und ich möchte etwas entgegnen, aber was, was sollte ich darauf schon sagen. Dann nimmt Roman ein Bad, und ich bleibe in der Küche und blicke aus dem Fenster. Einen Moment lang erwäge ich, mich an eine Übersetzung zu machen, die Auftraggeber sitzen mir im Nacken, dann bleibe ich doch sitzen, rauche und trinke den restlichen Kaffee. Das Kind gibt mir weiterhin zu denken, mit seinem offenen Schnäuzchen und den Augen, die sich zwischen Grauen und Neugier nicht entscheiden konnten, als sei ich eine Attraktion, ein schockierender Fall, an dem man sich weidet, und nicht ein wohlmeinender Neffe, herabgesetzt hatte es meine Absichten und mich dazu. Die Stiefel hängen zum Trocknen am Fenstergriff über der Heizung, ich muss sie noch einfetten. Wie wäre es wohl, wenn das Tantchen die erwachsene Version des kleinen Mädchens im Spitzenkleid geworden wäre, eine elegante Dame, die in ebensolchen Stiefelchen durch die Straßen eilt, auf dem Weg ins Theater oder in die Oper, besser noch, ins Ballett. Wenn die Freude noch in ihren Augen wäre, mit der sie ihren Vater hinter der Kamera angeschaut hat. Sie ist geopfert worden, diese Freude, dem Widerstand, Stanis schlich während der Besatzung seines Dorfes nachts in den Wald, furchtlos, suchte sich in den rauen Ästen eines Baumes einen Sitz und blies auf seinem Waldhorn patriotische Melodien in die Dunkelheit. Für seine Kinder, um der Zukunft willen! Es war ihm eine Ehrenpflicht, für sie sein Leben zu riskieren.

»Und was ist daraus geworden?«, pflegte mein Vater zu seufzen. »Konsum. Heute zählen nur noch das Individuum und sein Vergnügen.«

Mein Vater war aus anderem Holz geschnitzt, er kam aus einer anderen Zeit.

In der heutigen Welt, in der Stanis kein Teil des Lebens mehr ist, in der er nur noch in wenigen, beinahe verklungenen Worten existiert, gerade genug, um zu verstehen, dass die Ideale, von denen sie erzählen, verloren und die Opfer umsonst gewesen sind, in dieser Welt ist keine Freude in den Augen meines Tantchens. Vielleicht war der Schmerz darüber der Grund, warum mein Vater so selten von Stanis sprach. Die Geschichten seines Widerstandes sind die Sagen meiner Kindheit. Als ich älter wurde, hörte mein Vater auf, mit mir darüber zu sprechen, als sei es ihm nicht mehr möglich, als habe er zuvor wie zu einem Tier mit mir gesprochen, wie zu einem Hund, der mit treuen Augen und grenzenloser Aufmerksamkeit zuhört, ohne Einwand, ohne Urteil. Es dauerte lange, bis ich aufhörte, ihm Fragen zu stellen, es war mir ungeheuerlich, wie man über diese Abenteuer, diese Heldensagen schweigen konnte, während anderes, Alltägliches, in unendlichen Details und Anweisungen erörtert wurde. Es dauerte lange, bis ich verstand, dass es nicht mein Großvater war, über den nicht mehr gesprochen wurde, sondern ich, mit dem man es nicht mehr tat.

Eingeprägt haben sich mir die Geschichten trotzdem, das Bild meines Großvaters mit dem Horn ist mir geblieben, der Baum im Wald, ich höre die Melodien, die er gegen die Besatzungsmacht erklingen lässt. Ich kann den Tag heraufbeschwören, an dem er die Türen des liegen gebliebenen Lastwagens aufbricht, um die Insassen zu befreien. Der Dampf, der aus der erhitzten Motorhaube in die kalte Winterluft fährt. Die Soldaten auf der Suche nach einem Mechaniker tragen Unruhe ins Dorf, sie dringt bis in das Haus am Ende der Dorfstraße, mit gesundem Abstand zur eigentlichen Siedlung und näher am Wald, bis in das Haus kann man sie spüren. Der Mechaniker, der sich bebend im Verschlag des Nachbarn verbirgt, während die Soldaten ratlos vor seinem Haus stehen. Die Hunde des Dorfes schlagen an, ihr Bellen trägt die Bedrohung aus dem gesträubten Fell zitternd hinüber in die Wärme des Hauses, bis zu meinem Vater, dem Kind, das neben dem Ofen vor einem Stapel Brennholz kniet, und er vergisst den Käfer, der aus dem Wald in das Holz und aus dem Holz in das Zimmer gekrochen ist, was ihm, dem Käfer, das Leben rettet. Warum kläffen die Hunde so, fragt er sich, hetzen sie Klara durchs Dorf? Dann Stimmen, rau vor Erregung in kreischendem Flüsterton, wo sind die Soldaten, ist jemand beim Laster geblieben, was sollen wir tun, wir dürfen es nicht unversucht lassen … es ist zu gefährlich, wir können nichts tun … aber wir dürfen es nicht unversucht lassen … bestimmter als die anderen, und Marja verwundert ob der Entschiedenheit ihres Mannes, wir dürfen es nicht zulassen! Feiglinge … Schwere Stiefel durch den Schlamm und Marja rafft ihre Röcke zusammen und folgt ihm, doch er ist zu schnell, ist schon in den engen Gassen verschwunden. Dreck spritzt ihr ins Gesicht und sie bleibt ängstlich stehen, um die Straße im Auge zu behalten. Ich sehe ihn mit einer Brechstange auf das Schloss einschlagen und die Türen zum Laderaum des Lastwagens aufreißen, sehe seine Hand eine andere ergreifen, dann wieder eine, immer weiter, er schaut sich nicht einmal um. Die laufenden Gestalten und ihre Atemwolken, immer in Richtung des Waldes, und mein Großvater, der zurück zum Haus schlendert, als sei nichts gewesen, vorbei an der weinenden Marja und an seinem Bruder, gefurcht vor Sorge und doch nicht ohne Achtung, so stelle ich mir das vor. Eine Heldentat, die sich mir eingeprägt hat wie ein Märchen.

Und wenn ich es später zu weit trieb mit meiner Nichtigkeit, mit meiner Vergnügungssucht, pflegte mein Vater doch etwas zu sagen: »Dein Großvater würde sich schämen, es ist gut, dass sie ihn umgebracht haben, es hätte ihm das Herz gebrochen, dich kennenzulernen.«

Das Tantchen nickte heftig zu diesen Äußerungen, auch wenn sie selbst niemals von Stanis sprach. Nur dessen Bruder Nikolaj erwähnte sie hin und wieder spöttisch. Der hatte nach Stanis’ Tod das Tantchen und meinen Vater für eine Weile mit großgezogen, wie mir meine Mutter erzählte, während mein Vater hinter dem Türrahmen lauerte und sich außerstande sah, ihr Einhalt zu gebieten. Mich interessierte Nikolaj nur mäßig, ein gewöhnlicher alter Mann, sicher mit traurigem Gesicht und weißem Bart, ich verstand gleich, dass er kein Heldentum vorzuweisen hatte.

Ich schrecke auf, als Roman mit einem frischen Brot im Arm zurückkehrt. Ich hatte ihn nicht einmal gehen hören. In seinen langen blonden Haaren glitzern Eiskristalle. In Windeseile bereitet er uns eine Mahlzeit zu.

»Sag mal«, sagt er kauend, »es gibt da einen Maler, den ich gerne noch in der Ausstellung unterbringen würde. Hättest du was dagegen?«

»Warum sollte ich? Ist doch nicht meine Galerie.«

»Aber dein Geld. Und es ist eine Marotte. Er wird sich nicht verkaufen. Ich bin ganz besessen von ihm.«

»Dann ist es doch keine Frage.«

Roman leckt sich die Marmelade von den Fingern, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.

»Willst du nicht einmal wissen, was er malt? Es würde dir gefallen.«

Ich zucke die Schultern.

»Du hast das doch alles im Griff. Außerdem werde ich seine Arbeiten bei der Eröffnung bewundern können.«

Ich kann an seinem Blick sehen, dass er eines dieser Gespräche führen möchte, über Leidenschaft oder Instinkte oder Freude, also lenke ich um auf Sozialpolitik, ein Thema, dem zu widerstehen ihm unmöglich ist, sodass ich mich in Ruhe zurücklehnen und ihm zuhören kann.

Als er schließlich nach Hause gehen will, halte ich ihn zurück und eile ins Schlafzimmer. Hier steht kein Ofen und es ist so kalt, dass mir der Atem scharf in die Kehle fährt. Aus der Kommode hole ich die ausländische Münzensammlung, die mir mein Vater vermutlich versehentlich vermacht hat, und drücke sie meinem Freund hastig in die Hand. Er betrachtet mich misstrauisch.

»Was soll denn das, Filbert?«

»Wollte ich dir schon immer geben. Ich habe keine Verwendung dafür, ein paar alte Münzen, ich dachte, dir gefallen sie vielleicht.«

»Gefallen tun sie mir schon. Wir sehen uns morgen Abend, ja?«

»Ich habe die Woche viel zu tun.«

Die Augenbrauen meines Freundes ziehen sich zusammen.

»Aber zur Eröffnung kommst du schon!«

»Klar. Sieben Uhr nächsten Montag. Werde da sein.«

»Es wird dir guttun, du bist zu wenig unter Leuten. Und über die Stiefel sprechen wir noch!«

»Da gibt es nicht viel zu sagen, Roman.«

»Danke für die Münzen. Sind ein paar klasse Stücke dabei.«

»Wenn du es sagst. Bis nächste Woche.«

»Bis nächste Woche. Versuch, ein wenig Schlaf zu bekommen.«

Woran natürlich nicht zu denken ist.

Ich liege auf dem Bett und lasse den Nachmittag vergehen, der Abend bricht herein und ich bin so müde, dass mein Körper schmerzt, doch meine Augen weigern sich, zuzufallen. Stattdessen beobachte ich die streifenden Lichter, die von den Scheinwerfern der vorbeifahrenden Autos ins Zimmer geworfen werden, und versuche, sie in die Winkel und Richtungen zu übersetzen, aus denen sie sich der Kreuzung nähern und wieder entfernen, doch mein Gehirn ist überfordert, es gelingt mir nicht, etwas zu begreifen. Nichts ist übrig von dem Elan, der mich auf die Brücke getrieben hat, falls es Elan war, der mich dem Tantchen eine Freude bereiten lassen wollte. Vielleicht war es das Gegenteil.

Auch nachdem mein Vater gestorben war, litt ich eine Weile unter Schlaflosigkeit, einer Schlaflosigkeit mit müdem Körper und rastlosem Geist, der wie ein jaulendes Kind nie die Schnauze hält. Ich versuchte vor allem, nicht darüber nachzudenken, was genau mich um den Schlaf brachte.

Mein Vater hat immer geschlafen wie ein Baby, das ist zumindest mein Verdacht, aber ein fundierter. Ich bin oft in sein Zimmer geschlichen, um es zu überprüfen. Da lag er, ein gleichmäßig atmender Berg. Er bebte wie ein mächtiger Gletscher unter dem Streben der Kontinente, ich hätte ihm ewig zuschauen können, den Teppich unter den Füßen und den Blick ins Dunkle gerichtet. Nachdem sein Kopf tot auf die Tischplatte geknallt war, versuchte ich sie zu imitieren, diese Ruhe, als hätte der Mensch das Vermögen nicht, das Vermögen zu leiden. Ich bin aber zu ruhelos, es ist mir unmöglich, einen Berg zu verkörpern.

Mein Vater hat immer gehofft, ich könne seine Kritik der Gegenwart und ihrer Aspekte, von denen ich einer bin, in eine weniger dekadente, eine wertvollere Lebensweise übersetzen. Es brach ihm das Herz, dass ich an dieser Aufgabe scheiterte. Ich habe nie gelernt, ihn zu verstehen, es gelang uns keine Unterhaltung, als stimme die Bedeutung der Worte des einen nie mit der überein, die der andere in ihnen vermutete.

»Ich bitte dich, mit Gefühl«, verlangte mein Vater zusammenzuckend von mir, wenn ich die Autotür achtlos zuschlug, immer wieder vergessend, dass diese Handlung für ihn keine nachlässige Unwichtigkeit war, sondern ein Zeichen meiner Haltung zur Welt, eine präzise Darstellung meiner selbst auf der Achse der Charakterstärke und der Ehrbarkeit.

Ich öffnete also die Tür und versuchte es noch einmal, vergeblich. Was mein Vater mit »mehr Gefühl« ausdrücken wollte, korrespondierte nicht mit meinem Verständnis dieser Worte, denn wiewohl ich alles mir zur Verfügung stehende Gefühl aufwandte, um die Tür sanft ins Schloss gleiten zu lassen, zuckte mein Vater erneut zusammen, und der Schmerz, den meine Rohheit ihm ins Gesicht zeichnete, vermengte sich mit einem Ansatz von Wut. Dies wiederholte sich etliche Male, bis wir schließlich verwirrt auseinandergingen, ich ob des geheimnisvollen »Gefühls«, das mir nicht zur Verfügung zu stehen schien, mein Vater ob der Bestialität seines Sohnes, die ihm so rätselhaft war wie die eines Fremden, den man auf der Straße seinem Kind einen Tritt versetzen sieht. Und selbst wenn ich seine Sprache gelernt, wenn ich gebügelte Hemden getragen und es verstanden hätte, mein leeres Herz hinter einem gesetzten Gesichtsausdruck und einer Tasse Kaffee an einem Sommertag zu verbergen, hätte ich ihn dann verstanden? Vielleicht hätte er auch dann meine Fragen nicht beantwortet.

Ich war erstaunt, als ich nach seinem Tod erfuhr, dass mein Vater mir einen erheblichen Teil seiner Ersparnisse vermacht hatte, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte erwartet, es würde alles in den Besitz meiner Mutter übergehen, was mir angenehmer gewesen wäre, das Geld hat mich emotional durcheinandergebracht. Immerhin hatte ich so Roman Fallberg finanziell etwas unter die Arme greifen können. Er konnte nach jahrelanger Planung mit ein paar Freunden, oder wen man so nennt, eine Galerie eröffnen. Roman ist ein Arbeitstier und immer beschäftigt, doch Geld hat er nie. Ich dagegen war froh, meines auf diese Weise zu investieren, es nicht für mich selber auszugeben, als wäre das gegen den Willen meines Vaters.

Ich stand mit meiner Überraschung alleine da, meine Mutter teilte sie ebenso wenig wie die Arbeitskollegen meines Vaters, die mich bei der Beerdigung behandelten, als müsse ich jeden Moment in Tränen ausbrechen, sie erwarteten eine Rede oder wenigstens rohen Schmerz, als seien mein Vater und ich unzertrennlich gewesen. Auf meine Frage, was er genau getan habe in dem Büro, in dem sie miteinander gearbeitet hatten, reagierten sie befremdet und bedachten mich mit mitleidigen Blicken, in ihren Augen hatte die Trauer meinen Verstand beeinträchtigt. Wie in einem verstörenden Paralleluniversum schien nur das Tantchen mein Verhalten ganz gewöhnlich zu finden, es lag etwas in ihren Blicken, das ich nicht deuten konnte, doch sie war nicht so feindselig, wie sie sich sonst zu benehmen pflegte. Dafür sprach sie ununterbrochen mit sich selbst, murmelte mit besorgniserregender Dringlichkeit vor sich hin, sodass ich ihr lieber aus dem Weg ging.

Eine Richtung, in die ich in dieser Nacht eigentlich nicht denken will. Ich drehe mich auf die andere Seite und lausche in die Dunkelheit. Nichts zu hören. Das Gesicht des Kindes von der Brücke, das mit hängenden Lefzen zu mir in den Morgenhimmel hinaufstiert, verlässt mich keinen Augenblick. Die ungläubige Sensationslust eines Kindes angesichts erwachsener Hoffnungslosigkeit. Dieselben Augen, mit denen ich als Junge die Obdachlosen oder die Bahnhofstrinker betrachtet hatte.

Nach Stunden der Schlaflosigkeit tragen diese Augen den Sieg davon, ich stehe auf, packe die Stiefelchen ein und mache mich auf den Weg. Es fügt sich alles zu einem Ganzen zusammen.

2

Ich habe das Tantchen seit einigen Monaten nicht gesehen, und davor auch nur von Weitem auf der Straße. Bei der Beerdigung meiner Mutter haben wir das letzte Mal einige abweisende Worte gewechselt. Sie hat mich nie ausstehen können, schon als ich ein kleiner Junge war, hat sie bei jeder Gelegenheit mit mir gezankt. Trotzdem fühlte ich mich schäbig, als ich ihr nach dem Begräbnis hinterherschaute. Meine Mutter hatte sich um sie gekümmert, hatte sie besucht und trotz der ewigen Beschwerden mit ihr geplaudert. In ihrem dunklen Mantel stapfte sie nun davon wie ein dicker Vogel, eine kleine stämmige Gestalt, ganz familienlos, mit einer Ausnahme natürlich.

In dieser Nacht sind meine Schritte schnell. Es hat wieder zu schneien begonnen. Ohne einen Gedanken eile ich durch die dunklen Straßen. Die Tür zu ihrem Haus ist wie immer offen, und ich nehme die Treppen in die fünfte Etage im Laufschritt. Oben angekommen, hämmere ich entschlossen gegen die Tür, bevor ich es mir anders überlegen kann. Dann trete ich einen Schritt zurück und atme tief durch. Auf einmal fürchte ich mich, doch es ist zu spät, ich höre sie heranschlurfen, erst jetzt wird mir bewusst, dass es weit nach Mitternacht ist. Wohin ist dieser Tag gegangen? Sie ist im Nachthemd, mit grauem Gesicht und Angst in den Augen, so ein Lärm, zu dieser Stunde. »Weshalb schlägst du so gegen die Tür?«, fragt sie zornig, als sie mich erkennt, »was willst du hier um diese Zeit?« Schützend schlingt sie die Arme um den alten Körper. Ich sehe sie kaum, drücke mich in den Hausflur, als könne ich sie glauben machen, dass nicht ich es gewesen sei, der gerade noch so grob gehämmert hat. »Kann ich reinkommen?«, frage ich schließlich. Das Tantchen mustert mich verächtlich, ich sehe übermüdet aus, das ärgert sie. Widerwillig tritt sie einen Schritt zur Seite, sodass ich mich in den Flur zwängen kann. Die Wohnung des Tantchens ist ein dunkler Ort. Es riecht nach Schlaf und Blumenkohl, der stickige Geruch wird von Teppichen an Wand und Boden in Schach gehalten. Überall Teppiche, wie dunkles Moos in einer Grotte schließen sie mich ein. Ich räuspere mich, da fährt das Tantchen mich an. »Na mach schon, Jäckchen aus, schleppst mir Schmutz herein und Kälte!« Eilig füge ich mich. »Mützchen auch! Was versteckst du da in der Tüte?«