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Max Blaeulich

Unbarmherziges
Glück

Roman

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ISBN eBook:
978-3-7017-4480-0

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1626-5

Hier sorgt man sich ganz umsonst.

Man denkt nur daran, dass der Körper es wärmer habe; die Seele wird man sich wohl erst im Jenseits durchwärmen.

Sofja Fedortschenko (Russland, 1915)

Inhalt

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Teil II

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil III

I

1

Was mich im Asyl am meisten ärgerte, war das Geschmeiß. Ungehindert surrten die Fliegen durch die sperrangelweit geöffneten Fenster. Hinaus, hinein, hin und her, setzten sich auf die Kuchen, auf die Butter, auf Schweiß und Kot. Dabei kündigte sich ein massives Tief an! Die wackelnden Sessel vermehrten sich. Plötzlich stand dort einer, da einer, an den Wänden krochen sie dahin, versperrten den Weg, und es hätte mich nicht gewundert, wenn bald ein ganzes Stockwerk mit ihnen gefüllt worden und, gleich dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, der aufgestaute Sesselhaufen plötzlich als Lawine ins Erdgeschoss gekracht wäre, während draußen sich Tragödien abspielten. Leute stürzten mir nichts, dir nichts um, Revolutionen drohten auszubrechen, Walfische strandeten an einer Küste nach der anderen. Von den unguten Vulkanausbrüchen gar nicht zu reden. Der Zeiten Taumel schien sich genähert zu haben …

Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, wird Frau Berta ihre verkrüppelten Finger zwischen die Lattenabstände der Sitzbank schieben, vor sich hin murmeln, von fremden Sternen oder fürchterlichen Sternschweifen träumen und nichts mehr von ihrer Krankheit spüren, die sie an den Abgrund des Lebens gedrängt hat. Kommt die Rede aufs Umfallen, spricht sie so davon, als sei es die normalste Sache der Welt, und blickt den Rollstuhlfahrern kichernd nach. Warum? Ich weiß es nicht, oder vielleicht, weil manche so geschickt umkippen, als träten sie im Zirkus auf. Vielleicht werde ich es nie wissen. Eine Zeit lang war ihr, so beschrieb sie es mir einmal, jede Berührung ein Nadelstich, jedes Greifen eine Qual, jeder Neumond, jeder Wetterwechsel ein Tränenmeer. Ihre Finger erlitten, als sie noch halbwegs fühlten, auf das Schmerzhafteste die Stetigkeit innerlicher Zersetzungen, messerscharfe Stiche, eine gegen Knöchlein und Seelchen gerichtete systemische Zerstörung. Viel zu langsam schritt die Gefühllosigkeit, gegen die ihre Abwehrkräfte bis zum Schluss kämpften, voran. Verdrehte Welt, dachte ich mir. Als wollte ihr Körper gegen den Verfall ankämpfen, indes ihre Psyche denselben herbeisehnte. »Endlich nichts mehr spüren«, sagte sie, »wissen Sie, die Krankheit dauert schon mehr als dreißig Jahre.« Dreißig Jahre Schmerzen, bis die Kräfte, die ihre Arthrose ausgelöst hatten, endlich auch die Nerven kaltmachten. Ich bemerkte, wie lange ihr Blick im Nichts oder in der Ferne hängenblieb, bis sie plötzlich sagte: »Habe ich ein graues Haar? Nein? Oder? Nur diese verfluchten, verkrüppelten Hände! Oh, ich hatte schöne Hände. Heute kann ich mit diesen Klumpen nichts mehr halten. Habe ich graue Haare?« Ich verneinte. Tatsächlich schienen mir ihre Hände wie morsches Gezweig, das nach einem Gewitter … Stümpfe, bewegt von Armen, verkrüppelte Finger, die sich schamhaft zwischen den Latten zu verstecken schienen. Solches geht mir durch den Sinn. Zugleich erinnern mich diese Hände an den Tischler namens Skupien, einen Flüchtling aus der Slowakei, der im Block C des Asyls wohnt. Ursprünglich wohnte er meines Wissens in derselben Siedlung wie Frau Berta, bevor sie ins Asyl übersiedelte. Arme-Leute-Gegend. Die Straßen waren geschottert, Holler stand an den Wegrändern, wilde Apfel- und Zwetschkenbäume ehemals bäuerlicher Kulturen hielten sich verzweifelt an ihrem Platz, Flaschen, Abfall und Trümmer rostiger Räder staken im hohen Gras, ein zerbeultes Ringelspiel hatte sich über den Krieg hin in den Wiederaufbau gerettet. Zwei Hutschen an rostigen Ketten auch. Ein Glasscherbenviertel, wie ich es kannte und kenne, rund ums Gaswerk. Erzählte sie mir nicht, Skupien habe sogar im gleichen Wohnblock gewohnt, in einer jener Anlagen, die die Nazis noch 1944 aus dem Boden gestampft hatten, nur eine Haustür weiter? Skupien habe ich vor einiger Zeit kennengelernt. Frau Berta plauderte gerade mit ihm. Ich kam hinzu. Dabei stellte sie ihn mir vor. Er sei ins städtische Altersheim gekommen, um seinen Vater zu besuchen, so wie ich meine Tante aufsuchte. Die Frau Berta – so wünschte sie angesprochen zu werden – habe ich kennengelernt, weil meine Tante Rosa sich ein wenig mit ihr angefreundet hatte. Meine Tante Rosa war ebenfalls in Rumänien geboren, nicht weit entfernt vom Geburtsort der Frau Berta, wie sich bald herausstellte. Das war vielleicht der Ursprung ihrer Annäherung. Zurück zu Skupien. Offensichtlich kannte Frau Berta diesen Skupien ziemlich gut. Hie und da hatte er ihr ein Regal gebaut oder eine Tür hergerichtet, so gut es eben mit seinen verunstalteten Händen ging. Oft muss ich an diesen Menschen denken, wenn ich Frau Bertas Finger betrachte. Sie gleichen jenen, die sie dem Skupien angenäht haben, nachdem sie sie in Fetzen neben der Kreissäge aufgelesen hatten. Damals rollte der Lehrling Dario Nothegger seine Butterbrote aus dem Stanniol und wickelte nicht ohne Ekel die abgetrennten Finger darin ein, vergaß in der Aufregung, das Ei aus der Jausenbox herauszunehmen, verschloss sie zitternd, rannte, als das Rote Kreuz eintraf, zum Chauffeur, der die perforierte Aluminiumschachtel auf den Beifahrersitz schmiss, und, so Skupien heute, den Buben anfeuerte: »Tapfer, Burschi! Schön, Burschi! Sehr brav, Burschi!« Das machte den Lehrling, so die Frau Berta, »offensichtlich unheimlich stolz«, wobei er »vor Nervosität dauernd seine gelbe Rotzglocke hinaufzog«, sagte Skupien, der es der Frau Berta wiederholt erzählt hatte. »Denn trotz der Schmerzen zum Wahnsinnigwerden, sah ich nichts anderes als die Rotzglocke und hörte nur seine Raufzieherei«, habe Skupien ihr immer gesagt. »Er schien ruhig zu sein wie einer, der gleich überschnappt.« In gleicher Weise erzählte sie es meiner Tante Rosa und später auch mir: »Doch nachdem sie ihm Morphium gespritzt hatten, wobei alle Zeugen des Hergangs andächtig ›Morphium, Morphium, um Himmels willen‹ geraunt hatten, als schöben sie eine Murmel im Mund von Backe zu Backe, sich dabei unheilschwanger anschauend, als bedeute Morphium das Ende, wollte Skupien allen Ernstes aus dem Rettungsauto steigen und nach Hause gehen.« Das malte er selbst auch mir gegenüber groß aus: Mit Morphium komme man ins Schweben, und Schweben sei viel schöner als Karussell fahren, viel, viel schöner als Hutschen. Nur die Finger, die der Lehrling Dario Nothegger aufgelesen hatte, taten ihm leid. Ganz so, als gehörten sie gar nicht zu ihm. »Die waren futsch. Nach dem Morphium wollte ich nur mehr nach Hause … Ein Bier trinken. Ich muss damals plemplem gewesen sein.« Daraus wurde selbstverständlich nichts. »Das Rettungsauto startete mit quietschenden Reifen und Blaulicht und Tatütata«, schilderte Skupien gerne. Freilich, nach so vielen Jahren schmückte er das Unglück mit immer mehr Details aus, die ihm im Laufe der Zeit einfielen, gerade so, wie man das Leben eines Verstorbenen legendär zu machen pflegt. »Als der Beifahrer namens Gustl vorsichtig die Jausenbox öffnete und das blutige Ei zwischen den Fingern herumkugeln sah, tat er etwas höchst Unanständiges. Er nahm es heraus, als hätte ihn längst Hunger geplagt, nahm es mit einer Frechheit heraus, ohne zu fragen, peckte es sich auf der Kniescheibe auf, schälte es ab und verspeiste es mit keinen zwei Bissen, auf einen Sitz, ohne Salz. Die etwas angebluteten Eierschalen warf er beim hinuntergekurbelten Fenster hinaus, mitten aufs Trottoir.«

Auch ich hörte diese Episode mehrmals so oder ähnlich von Skupien persönlich – offensichtlich der Höhepunkt seiner Lebensgeschichte, die in der Beschreibung des frechen, Ei verspeisenden Beifahrers Gustl gipfelte, als sei kein Unglück geschehen, lediglich ein widerrechtlich entwendetes Ei verzehrt und dessen Reste auf den Gehsteig geworfen worden. »Ein abgebrühter Bursch«, sagte er jedes Mal als Nachsatz. Das war damals, als meine Tante Rosa noch lebte und mit der Frau Berta spazieren ging. Durch sie lernte ich nicht nur Skupien kennen, sondern manch andere Asylanten, die normalerweise zurückgezogen Briefmarken betrachteten, Münzen hin- und herschoben oder Erinnerungen auffrischten. Skupien drängte jedem seine Kreissägegeschichte auf, doch niemand außer den Asylneulingen wollte diese nebst deren Ausschmückungen mehr hören. Viele waren der Meinung, es gäbe ärgere Tragödien, wobei sie meistens an ihre eigenen dachten. Monströse Ehebrüche, gewaltiges Glück im Unglück, zu leicht genommene Verbrechen, Kriegsgräuel der Russen und besonders der Russen … Tja, dann kamen die Unfälle an die Reihe, die überlebten Krankheiten und Zufälle aller Art. Daher musste jeder den Eindruck gewinnen, im Asyl werde gemeinsam an einer neuen Welt gezimmert und der Zufall geplant. Seit jener Zeit sah ich Skupien öfters. Immer wieder waren es seine verlorenen Finger, die das Gespräch in Gang brachten. »Verstehen Sie, Musiker hätte ich werden können, in großen Orchestern …, aber so …« Dabei drehte er die lädierte Hand, als hielte er sie ins Licht, um den Grad der Verletzungen besser herzeigen zu können. Irgendwie fand ich jene Jahrgänge sympathischer, die den Krieg durchgemacht hatten und von nichts anderem sprachen als von der großen Zeit, dem Barbarossafeldzug, den tonnenschweren Bomben, der Schlacht um Stalingrad oder dem Rückzug bis zur Auflösung der Verbände. War es bei einem ehemaligen Landser ein Nahkampf und bei anderen Asylanten eine Granate oder eine Fliegerbombe, die nicht gezündet, oder ein Volltreffer, der zur Verschüttung geführt hatte, so war es bei Skupien statt jener kriegerischen Glücks- oder Unglücksfälle eben die allgegenwärtige Kreissäge in seinem Hirn, die langsam langweilig wurde. Er hatte natürlich nicht einrücken müssen.

Seltsamerweise zog er immer, wenn er erzählte, eine Ein-Schilling-Bensdorp-Schokolade aus seiner Rocktasche, bot ein kleines Eck an und verschlang den Rest genau so, wie der Rettungsfahrer Gustl sich das Ei einverleibt haben muss. Man kennt sie doch, die Ein-Schilling-Bensdorp mit den Schleifen in Blau, Grün und Violett, die damals als Lesezeichen gute Dienste leisteten und die man hin und wieder in antiquarischen Büchern findet, just so, als sei man verpflichtet, dort weiterzulesen, wo der letzte Leser aufgehört hat. Die Schokolade, die man mit jenem Schilling aus Aluminium erwarb, auf dessen einen Seite ein über den Acker schreitender Sämann zu sehen war, auf dessen anderer der Adler Österreichs. Der leichte Schilling. Mir schien, Skupien wollte sich noch nachträglich die Erinnerung an seine grauenhafte Geschichte mit der leichten Ein-Schilling-Bensdorp versüßen.

Übrigens waren die Stummel in der Jausenbox ein Glücksfall für den Chirurgen, der einen Hang zu Amerikanismen hatte, bemerkte Skupien, »denn als er die Box überreicht bekam, rief er aus: ›Wonderful, what a wonderful world!‹« Skupien weiter: »Durch die Perforierung der Jausenbox war ein wenig Blut gesickert, das auf den weißen Mänteln der Rettungsfahrer wie eine aufgeblähte Tätowierung aussah.« Das hätte ich gerne gesehen. Bestimmt hätte ich den Sinn einer angedeuteten Emblematik entdeckt oder doch nur die ineinander verschlungenen Buchstaben jener Fabrik, die diese Jausenboxen erzeugt und mit Perforationen ausgestattet hat. Im neunzehnten Jahrhundert war es Brauch, aus der Haut der Maori etwas Nützliches zu verfertigen. Was das war, weiß ich nicht. In der Not denkt vermutlich niemand an die künstlerisch abwegigen Dimensionen. Skupien: »Nicht alle Stummel, die der Lehrling in die Box gelegt hatte, konnten wieder angenäht werden. Sie waren durch Sägespäne und Diesel, der wie immer auf den Boden der Tischlerei getropft war, unbrauchbar geworden, und ich musste zusehen, wie sie achtlos in den Eimer mit den amputierten Gliedmaßen operierter Vorgänger geworfen wurden. Mein eigen Fleisch und Bein als Sondermüll mit fremdem, mir unbekanntem Gedärm. Eine Pietätlosigkeit!« Das Ergebnis der angenähten Stumpen beim Tischler Skupien sah aus, wie es eben aussehen musste: Finger verdreht, verformt, verkrüppelt, was nach dreimaligen Korrekturoperationen verständlich schien, jedoch den Hass von Skupien hervorrief, vor allem, wenn solche Operationen als Triumph der Chirurgie bezeichnet wurden.

Das Ergebnis bei Frau Berta war ein ähnlich hässliches, das als Katastrophe der Natur angesehen werden muss. So ist das mit dem Glück. Man glaube mir, an einer Arthrose stirbt man nicht, man stirbt, wie ich in Erfahrung gebracht habe, an ihr dahin. Es dauert oft Jahrzehnte, bis ihr Wüten zum Stillstand kommt, bis die Arthrose nichts mehr vorfindet, was zu versulzen, zu zerstoßen oder gar zu zerbröseln wäre. Oft war der schleichende, zerstörerische Vorgang in ihren Fingergelenken und der damit einhergehende Verknorpelungsprozess dermaßen arg, wie sie mir berichtete, »dass ich mir die unter der Haut aufquellende Knorpelmasse aufschnitt oder mit einer Schere aufstach und die trübe, zähe Flüssigkeit herausdrückte – als würde es sich um Eiter oder um ein verkapseltes Grießkorn handeln«, eine gallertartige Materie, so heißt es in Hempels Handbuch der Chirurgie, in seiner Konsistenz vergleichbar mit Harz oder fast vertrockneter Gelatine. »Tagelang drückte ich herum, quetschte eine weiche, leicht kernige Substanz heraus, bevor sich das Gewebe wieder schloss … tagelang, Frau Rosa, tagelang. Davon, Bubchen, haben Sie keine Ahnung.« Mit ›Bubchen‹ meinte sie mich. Sie hatte sich das Kosewort meiner Tante Rosa angeeignet und fragte nicht viel, ob sie mich so nennen dürfe oder nicht. Ich ließ es geschehen. Wenn sie von den Schmerzen sprach, wimmerte sie vor sich hin, als stächen sie ihr wieder und wieder durch die Gliedmaßen. Plötzlich fiel ihr ein, sie habe noch nicht gefrühstückt. Hatte sie aber. Ich erinnerte sie daran. Trotzdem schimpfte sie auf die Anstaltsleitung, weil das Frühstück mickrig sei. Brachte sie die Tageszeiten ein wenig durcheinander? Mag schon sein. Im Chaos des Alterns bringt man vieles durcheinander. Hunger und Vergangenheit, Krieg und Ehebruch, Geld und Armut, Inflation und Betrug, Sparbücher, Systemzeit, Umbruch und den Millimetternich, also den Dollfuß, und selbstverständlich den Hitler …

Dann ging’s wieder um die Finger, wie beim Tischler Skupien. Das Fingerthema, ein schier unerschöpfliches. »Manchmal schnappte ich fast über vor lauter Schmerzen, ich war nahe daran, die Finger abzuhacken.« Vielleicht wird man das als Übertreibung ihrerseits ansehen. Doch nein, sie übertrieb nicht. Das bestätigte mir Doktor Schikowsky, ein kleiner, untersetzter Sportmediziner mit einem Spitzbart und stechenden Augen, der es immerhin wissen musste: »Äußerst schmerzhaft, extrem schmerzhaft, fast unerträglich.« Doktor Schikowsky trippelte nervös auf und ab, als könnte er diese Schmerzen fühlen. Dabei betätigte er den Kaffeeautomaten dermaßen ungeschickt, dass er sich von oben bis unten anspritzte. Wie ich später von ihm erfuhr, litt seine Mutter unter einer schweren Polyarthritis, die ihn veranlasst hatte, Medizin zu studieren. Diese Art von Mitleid soll nicht nur in medizinischen Kreisen vorkommen. Jedenfalls war es keine subjektive Übertreibung! Was die Frau Berta von gröberen Eingriffen abgehalten hat? Es war das Wissen, dass ihr die Krankheit in allen Extremitäten saß und eine Amputation nichts nützen würde. Im Lauf der Zeit waren nicht nur der eine oder andere Finger betroffen, sondern beide Hände, die Fußgelenke, die Armbeugen, die Schulterblätter. Tausende fleißige Säurenadeln stichelten von innen ihre Muster, durchaus vergleichbar mit dem Vorgang des Tätowierens. Während diese äußerlich verursachten Schmerzen allerdings bald nachlassen und die Stiche verheilen, toben die von innen kommenden immer weiter und weiter und befallen auch die gesunden Gelenke. Kein Wunder, dass damit psychische Krankheiten einhergehen. In solcher Weise hat die Arthrose auch bei der Frau Berta Fortgang genommen.

Sie weinte tapfer, meist stumm vor sich hin, dann, wenn keine Salben mehr halfen, keine Tabletten wirkten, die Homöopathie versagte und der Himmel trotz des auf Knien dargebrachten Flehens sphinxisch ins Weite blickte und Asyldirektor Knorr, wie ich später in Erfahrung brachte, seinen Standardsatz aus dem Ärmel schüttelte: »Wenn Gott König ist über die ganze Erde, dann wird alles Leiden ein Ende haben.« Sagte es und verschwand, weil er mit dem Asylantenplebs nichts zu tun haben wollte. Deshalb hielt er sich ein großes, blütenweißes Taschentuch vor die Nase, das er nur gelegentlich lüftete, indem er so tat, als staube er es aus, als befreie er es von lästigen Bazillen. In Wahrheit stieg ihm der brunzelige Geruch der Asylanten in die Nase. Was immer man dagegen unternähme, das wusste der Direktor Knorr zu gut, in einem Asyl wird es immer stinken. Nach Abszessen, Fieber, Schlaganfall, nach Scheiße, Speibe, Urin. Und Chrysanthemen. Und Weihrauch. Und Kerzenduft. Der Hauch des Kots wabert durchs Haus, ebenso wie der Salbengestank. Die Frau Berta wusste um das Wort ›Fügung‹ und fügte sich in den Schmerz, als sei sie ein fieberndes Kind, das sich in den Schoß der Mutter schmiegt, nicht wissend, was ihm geschieht, das erschöpft vor Schmerzen einschläft, mit den Schmerzen aufwacht, sich nicht an Tage erinnernd, an denen es keine gab. Kaum konnte sie jemandem die Hand geben, und wollte sie es, dann bot sie schüchtern ihren Ellbogen. Das sah spaßig aus. So hatte ihr die Krankheit das Leben zur Tortur gemacht. Allerdings weiß ich nicht, ob die Entscheidung, nur im äußersten Notfall auf die Schulmedizin zurückzugreifen, ihr Leben verlängert hatte oder nicht. Ärgerlich behauptet sie zumindest seit damals: »Wenn ich all die Tabletten geschluckt hätte, wär ich schon längst eingesargt«, wie mir auch meine Tante Rosa berichtete. Darüber erlaube ich mir kein Urteil. Habe doch selbst Heilerde und Lebertran zu mir nehmen müssen und lebe noch. Hatten ihr Baldrian geholfen, Topfenwickel, Zwiebelumschläge, Schwedenbitter? Ich weiß es nicht. Librium nahm sie, wenn es seelisch keinen Ausweg mehr gab, jedoch nur so lange, bis es verboten und Valium verschrieben wurde. Was sie ihr jetzt im Asyl geben, wenn die Medikation in ihrem Zimmer vorgenommen wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich will es auch gar nicht wissen. Ich glaube, sie nimmt längst alles, schluckt es gefügig und unterscheidet schon lange nicht mehr, was Chemie oder Homöopathie ist. Sie macht wenigstens kein Tamtam, wie die Teschner zum Beispiel. Der Frau Berta ist die Verträglichkeit egal geworden, Hauptsache, sie kann dahindämmern und die Möbel aus ihrer Vergangenheit umstellen, wie es ihr passt, die Vorhänge waschen, den Teppich kehren und manchmal auch etwas zerbrechen. Die Vergangenheit neu ordnen, das ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Da sitzt sie mit dicken Wollfäustlingen, still und stumm in ihren vierzehn Quadratmetern, ihrem ›Gefängnis‹, wie sie es nennt, fast gemütlich, könnte man meinen, im Auge eines Wirbelsturms stiller Vergangenheit … Ist nicht das ganze Haus eine Art Anstalt des Vor- und Nachdämmerns? Die Neonfunzeln an den Wänden beleuchten mehr schlecht als recht die Gänge zu den Kammern. Wie mir erst jüngst die Oberpflegerin Rita – übrigens eine deutsche Mondänität, schwarze, lange Haare, schlank und ein Blick wie die Wetterdame nach den Hauptnachrichten –, also wie Rita mir erklärte, die im zweiten Stock den Nachtdienst versieht, greifen sogar die eingefleischtesten Bachblütenfanatiker schon nach kurzer Zeit zur wirksameren Chemie. Jede zweite, dritte Stunde ruft die Frau Berta um Hilfe, ein Ruf, der nichts anderes ist als der Ausdruck ihres Einsamkeitswirbels, obwohl Karli der Große, ein bedeutender Tagespfleger, meint, sie sei mit den diversen Dosierungen ohnehin am Limit, und ihr trotzdem noch zwei Tablettlein in den Mund schoppt.

Nachdem die Frau Berta achtzig geworden war, die Gelenkschmerzen aufgehört hatten – auch eine Krankheit scheint sich irgendwann zur Ruhe zu setzen – und sie paradoxerweise am Leben geblieben war, kroch die wirkliche Krankheit – von wo kam sie her? – am helllichten Tag durch die Schwingtür in den Speisesaal, geradewegs auf den leeren Stuhl neben der Frau Berta. Noch schwangen die Türen und ehe sie sich beruhigten, hatte die Einsamkeit neben der Frau Berta Platz genommen. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob sie wirklich aus dem Speisesaal gekommen oder nicht doch aus dem Innern der Frau Berta gekrochen war. Auch bei meiner Tante Rosa saß sie und hielt ihr die Hand. Und da beginnen schon die Mutmaßungen. Ist es nicht die Einsamkeit, die uns zuerst die Krankheit schickt? Jahrelang kann sie schlafen, jahrelang kann sie verscheucht werden, jahrzehntelang lässt sie sich scheinbar durch Hin- und Her-, durch Rauf- und Runterrennen, durch Wörter wie ›aktiv‹, ›munter‹, ›mobil‹ oder ›fit‹ überlisten. Doch dann nimmt sie Platz, lächelt, wie sie für jeden Menschen einmal lächeln wird, grausam, unerbittlich und spöttisch über ehemaliges Glück und Unglück, und scherzt: »Erzähl mir doch …« Dann beginnt der Wirbel, das Durcheinander, das Umsortieren der Ansichtskarten oder Umstellen der Möbel. Gott, was für eine Herkulesaufgabe, Erinnerungen zu ordnen.

2

Hätte ich nur geahnt, welche Verwicklungen mit der Geschichte der Frau Berta Luginger auf mich zukommen würden! Eine mich absolut nichts angehende Geschichte, in die ich zufällig hineingetappt bin. Jedenfalls, so dachte ich später, wäre es gescheiter gewesen, Tante Rosa hätte mir ihre Geschichte des Stopfens und Repassierens von Strümpfen hinterlassen, von mir aus auch die ihrer Schulden bei den Banken, über die sie philosophierte, sie müsse die Löcher bei der Länderbank stopfen, indem sie bei der Spänglerbank einen Kredit nahm und bei der Berger Bank … Ein kleiner Wirkwarenhandel neben der Stopfanstalt war das Universum meiner Tante Rosa. Ein Laden mit bunten Wollen für die Strickerei nebst gängigen Vorlagen und Musterbeispielen aus der Hartleben’schen Collection moderner Strickmuster und später der Bunten. Zudem hatte sie eine Stopferei für die besonders nach dem Krieg aufkommenden Nylons, die sie werbewirksam, in Anspielung auf ihren Namen, mit dem Slogan bewarb: »Keine Masche entflieht Rosa Flüchtig. Erste Repassieranstalt am Ort.« Ach, sie war eine feine Dame, die feinste in meiner Verwandtschaft, mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Sie mühte sich, die Laufmaschen der Seidenstrümpfe mehr oder weniger extravaganter Damen zu beheben, die sie ungeachtet ihrer Stellung und ihres Rufes immer gleichermaßen freundlich behandelte. Selbst die Damen der käuflichen Liebe plauderten gern mit ihr oder heulten sich bei ihr aus. »Eine fisselige Arbeit«, sagte Tante Rosa, indes Onkel Adolf das Doppel-s durch zwei z ersetzte. Diese ›fizzelige‹ Sache verstand meine Tante Rosa aus dem Effeff.

Der Geschäftsraum war klein, mit hübschen, cremefarbigen Schleiflackmöbeln ausgestattet, vergoldeten Knäufen an den vielen Schubladen, ebensolchen Regalen mit goldenen Leisten, die wie Bordüren aussahen, in denen die bunten Knäuel der Strickwolle lagen, als seien es bunte Rücken von Büchern, auch Häkelgarne und Zwirne waren darunter, beleuchtet von einem Lüster aus Kristallglas, der die Farben Weiß und Rosa noch besser ins Licht aller weiblichen Heimlichkeit zu glitzern wusste. Rosa war der samtene Bezugsstoff der beiden Fauteuils, rosa die Tapeten, durch deren geprägte Orchideen Sterne in Weiß eine Art Funkeln illusionierten. Die Auslage beherbergte aktuelle Modeschnitte, neueste Farbvorschläge der Woll- und Wirkwarenhändler und ein oder zwei Beispiele von Jacken oder Röcken, die meine Tante ganz nebenbei gestrickt hatte, übers Monat sozusagen, wenn gerade Zeit gewesen war, um dem werten Publikum Mut zu machen, sich auf billige Weise mit Mode aufzuheitern und dabei Geld zu sparen. Jeden Monat veränderte sie die Auslage. Jeden Monat durfte das Publikum ihre Strickkünste aufs Neue bewundern. Mal war es ein Kostüm, mal ein Kleid; selbst vor Hüten schreckte sie nicht zurück. Im Winter waren es Fäustlinge aller Art, Fingerlinge, Kniestrümpfe und originelle Hauben. Im Mai papperlgrüne Jacken, darunter Zwirnkleider, leicht gewagt, weil die Maschen bestimmte Durchblicke auf die Unterwäsche erlaubten.

Ach, Tante Rosa konnte stricken, regelmäßig, straff und schnell. Sie hätte es mit jedem Strickautomaten aufnehmen können. Auch später, als sie sich einen Fernseher angeschafft hatte, strickte sie weiter vor sich hin. Fast geistesabwesend und doch hochkonzentriert. Keine Maschenfolge war ihr unbekannt, kein Muster zu schwierig, keine Größe zu langwierig. Nie sah ich ihre Hände untätig. Immerzu führte sie eine Nadel durch den Musterdschungel, die Maschensteppe; jedenfalls blieben mir Fernsehen und gleichzeitiges Handarbeiten immer als untrennbare Einheit in Erinnerung, und ihr Stricken erschien mir wie das rätselhafte Vordringen einer Expedition in ein unbekanntes Land. Was ich damals wahrnahm, war eine Verstrickung der Welt, was sie wahrnahm, war die Klarheit ihrer Idee. Wie liebte sie den Sozialismus! Manchmal musste ich ihr die Wollstränge auf meinen erhobenen Armen in Spannung halten, damit sie die Wolle zu einem Knäuel abwickeln konnte. Das ging bei ihr zwar sehr schnell, trotzdem taten mir oft die Arme weh. »Bubchen«, sagte sie ohne aufzuschauen, »die Wehleidigen werden nicht die Welt erobern.« Ein weiß emaillierter Kanonenofen heizte im Winter das Geschäft, später tauschte sie diesen gegen einen modernen Ölofen, selbstverständlich in Weiß. Ich blickte oft auf die still vor sich hin brennende blaue Flamme, hörte dem leisen Pfauchen des verbrennenden Heizöls zu, begleitet vom Klimpern ihrer Stricknadeln, und roch den Duft geschälter Orangen, die sie in einer Schale auf den Ofen stellte. Ab und zu steckte sie mir eine Spalte in den Mund und bemerkte: »Der Mensch benötigt mindestens eineinhalb Liter Wasser am Tag, Bubchen, merk dir das!«

Kamen Kundinnen, die eine Sofortreparatur wünschten, musste ihr Lebensgefährte Adolf mit der Zeitung, die er genauestens studierte, und seinem Glasschwenker Scharlachberg ins Nebenzimmer gehen. Nicht nur einmal zischelte sie scharf: »Adolf, ich darf doch bitten!« Ich jedoch, das Bubchen, durfte bleiben, da ich noch zu klein war, um mir, wenn die Damen sich ungeniert die Strümpfe von den Strumpfhaltern lösten, etwas zu denken. Außerdem wurde mein Lockenkopf oft als einem Mädchen zugehörig angesehen. Doch irgendwann – und keiner weiß, wann dieses Irgendwann sich ereignet – beginnt man sich eben doch etwas zu denken. Tante Rosas Freund, den ich ›Onkel Adolf‹ nennen durfte, obwohl er gar nicht mein Onkel war, fragte mich immer, welche der Frauen ein rotes, schwarzes oder weißes Unterhöschen angehabt hatte, ob mit »Spitzen oder solchem Zeugs«, wie er sagte, und ob eine, wie unser Geheimwort hieß, »nü« war, was nackert bedeutete. Erst später wurde mir klar, dass Onkel Adolf den Damen, die »nü« waren, nachzusteigen pflegte. Tante Rosa schöpfte keinen Verdacht bezüglich meiner Spionage. Sie war immer mit den Strümpfen und deren Webmuster beschäftigt oder damit, wie sie günstig zu repassieren seien. Manchmal warteten die Kundinnen, weil eine Reparatur sofort vonstatten gehen musste. Just, wenn eine Dame auf dem Weg zu einem Rendezvous oder zu einer Galanacht war, ereignete sich das Unglück der Laufmasche, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Eine Katastrophe. »Frau Flüchtig, dringend, bitte, bitte, ganz dringend!« Die Kundin rollte dann ihren Strumpf vom Bein, man sah Korsett und Strumpfbänder, tja, ich bekam allerhand Geheimnisse zu sehen. Sogar Tätowierungen. Oft blieben solche Damen halb ausgezogen im Fauteuil sitzen, rauchten vor Aufregung eine, zwei Zigaretten und zupften am anderen Strumpf herum, nestelten in der Handtasche, betrachteten sich im Handspiegel, erneuerten ihr Make-up oder zogen mit dem Lippenstift ihre Lippen nach, sprühten sich nochmals mit Soir de Paris ein. Während meine Tante repassierte und repassierte, redeten sie über die verschiedensten Düfte des Auslandes, vornehmlich jene aus Paris, deren Aussprache schon einigen Geschicks bedurfte, und meine Tante tat gerade so, als kenne sie sämtliche Parfümisten Frankreichs. Manchmal stellte ich mich im Hinterzimmer vor den Spiegel und französelte: Lancôme, Worth – Dans la nuit, Jean Patou, Soir de Paris … und schnitt dazu Gesichter. Onkel Adolf lachte dann immer. Er konnte das Getue noch besser nachäffen. Nicht immer ging es so ruhig zu, sondern durchaus auch pressiert. »Gott, ich versäume den Anfang von Lohengrin! Um Himmels willen, das Fünf-Uhr-Rendezvous geht tschari!«, oder ähnliches Geschwafel von der Erotik entzündeter Frauen, die intuitiv wissen, dass der seltenen Liebe Stunde bald geschlagen haben wird. Nichts fürchteten sie mehr als Komplikationen in der vertrackten Situation. Was soll man sagen? Ein Auto fährt klaglos Hunderte Kilometer und knapp vor dem Ziel fängt es zu stottern an … Für solche Hilfe, sozusagen von Frau zu Frau, gab es immer Trinkgeld. Großzügig. Erst sehr viel später wurde mir klar, warum Frauen gerne zu zweit auf die Toilette gehen: um dort über Intimitäten, Cremes, geheime Beobachtungen zu reden oder Männergeschichten auszutauschen, alles von Frau zu Frau, während sie sich wieder in scheinbare Fasson bringen. Männer würden nie zu zweit auf die Toilette gehen. Niemals. Allein Typen mit einem besonderen Geruchssinn, wie ihn Onkel Adolf hatte, steigen solchen Frauen nach, spekulieren mit einem preiswerten Dessert, hoffen auf ein leichtes Spiel, auf amouröse Flirts, tiefe Blicke und Augenaufschläge, sensationell lasziv und bedeutungsschwer.

Jedenfalls wurde ich mit der Branche schöner Beine, fraulicher Kurven und weiblicher Wünsche bereits als Kind vertraut gemacht. Älter geworden, wurde mir das Sitzen bei Tante Rosa im Repassierstüberl ebenfalls untersagt. Das machte nichts, denn das Wichtigste von Damenbeinen, von Hüften und Kurven glaubte ich verstanden zu haben. Einmal sah ich, wie Onkel Adolf bei meiner Tante Rosa während der Geschäftszeit zudringlich wurde. Er griff ihr auf die Oberschenkel, tatschte ihren Busen ab … Ich sah Onkel Adolfs verklärte Augen, als wäre ein Achterl Glück in sein Hirn geknallt … Sie legte ganz langsam ihr Strickzeug neben die Kassa, blickte ihn an und sagte ganz leise: »Noch einmal und ich stech dich.« Er wagte es. Sie stach eiskalt zu. Das hatte mir sehr imponiert. Onkel Adolf fluchte, sie lachte und steckte die Nadel wieder ins samtene Nadelkissen, das an ihrem linken Unterarm befestigt war, und nahm ihre Strickerei wieder auf. Als dann die Seidenstrümpfe billiger und billiger wurden, lohnte sich das Repassieren nicht mehr. Das Geschäft ging stark zurück. Ebenso kam das Handarbeiten in Verruf. Es geriet in den Geruch der Armut, des Hinterwäldlerischen oder des Sparefrohsinns. Das Stopfen, Stricken und Häkeln wich den Spritztouren mit dem Auto, Fernsehen und Partys beschäftigten nun die Leute. Genauso erging es dem Singen, Basteln und Sammeln. Tante Rosa wurde älter und sehnte sich die Pension herbei. Was aus Onkel Adolf wurde? Nach der Schließung der Repassieranstalt, also Jahre später, wurde Onkel Adolf Opfer seiner Nachsteigerei. Sein Schwarm war ein Kurvenwunder, Idealmaße, außen hui und innen pfui, behaupteten die Leute. Ihrem Gesicht haftete etwas Ordinäres an, ihren Lippen etwas Brutales, den mir bekannten ›Käuflichen‹ ähnlich. Als ehemaliger Mittelgewichtler war ihr Mann gefährlich, und genau dieser Frau musste Onkel Adolf nachsteigen. So kam es, wie es kommen musste, und an den Folgen laborierte er, bis es zu spät war. Es hatte sich nämlich Folgendes zugetragen: Der Boxer Schopitsch war krankhaft eifersüchtig, verprügelte oft seine Frau, die es aber trotzdem nicht lassen konnte, heiße Blicke und gewisse Zeichen an die gierigen Männer zu senden. Sie sei kalt, wurde behauptet, aber das machte sie nur begehrenswerter. Man traf sie beim Bäcker, im Café Wögerer, beim Schuhmacher Ramoser oder in den Aiglhofer Lichtspielen. Die Männer waren verrückt nach ihr und der Boxer immer am Zerplatzen vor Eifersucht. Diese Frau ging Onkel Adolf nicht mehr aus dem Kopf. Der Zufall wollte es, dass er herausbekam, wo sie wohnte. Oder vielleicht hatte sie es ihm angedeutet oder ein Zettelchen im Café Wögerer fallen gelassen? Jedenfalls waren ihre Begegnungen nicht immer zufällig, sondern »eigenartigerweise zufällig«. Man nickte sich zu. Das reizte Onkel Adolf nur noch mehr. Er wollte sie erobern. Sie wohnte im Erdgeschoss der Innsbrucker Bundesstraße Nummer neunzehn. Regelmäßig gegen zehn Uhr nachts zog sie sich langwierig, kompliziert und sublim aus – letzteres ein Lieblingswort meines Onkels, der alles Feine als ›sublim‹ ausgab –, als sei sie ein Starlet, auf das eine Kamera gerichtet sei, während aus dem Plattenspieler leichte Schlagermusik tröpfelte, die sie bei ihrer Prozedur des Ausziehens begleitete. »Das Ganze hatte stripteaseartige Dimensionen«, flüsterte mir Onkel Adolf zu, »mit immer neuen, immer noch raffinierteren Versionen, nebst himmlischer Unterwäsche.« Er summte: »Ein Schiff wird kommenWeiße Rosen aus Athen … Marina, Marina, Marina …« Wie gesagt, sie machte auf lasziv. Für wen? Für was? Erst etwa eine Viertelstunde später erschien Schopitsch, da er noch die Zweiundzwanzig-Uhr-Nachrichten hören musste und nicht sah, welches Sehnen und Hoffen sich in seinem Schlafzimmer abspielte. Betrat er das Schlafzimmer, dann schloss er die Vorhänge geräuschvoll und sperrte die Balkontür zweimal mit Klacksen ab. Wahrscheinlich wird er aus seinem Gewand in den Pyjama gerutscht sein, vielleicht aber schlief er nur mit der Unterhose, und wahrscheinlich wird er sich auf die Seite, mit dem Rücken zu seiner Frau gelegt haben, die schlaflos, mit geschlossenen Augen seinem durch Bier verursachten Geschnarche zugehört und jeglicher Romantik Valet gesagt haben wird. Allerdings dürfte Schopitsch fein gehört haben. Wenn er die Vorhänge zuzog, vernahm er seit einiger Zeit Geräusche von den nahen Hainbuchenhecken oder Schritte über den Kies oder das Niesen eines Hundes. So kam ihm die Idee, es ginge draußen etwas vor sich, das es wert wäre, kontrolliert zu werden. Anstatt der Nachrichtensendung zuzusehen, sah er seiner eigenen Frau beim Ausziehen zu. Er war ganz erstaunt, welch eine Wirkung sie bei seiner Männlichkeit erreichte, geschweige denn, bei einem möglichen Voyeur. Sein Misstrauen, nein, seine Eifersucht war geweckt. Alsbald hatte er den Passanten abgepasst, der ganz zufällig jeden Tag gegen zweiundzwanzig Uhr mit einem Dackel daherkam, gut getarnt als Hundebesitzer, der seinen Hund äußerln führte und just unter der Balkontür sein Geschäft verrichten ließ. Es war mein schon leicht ins Alter geratener Onkel Adolf mit den graumelierten Schläfen. Und nach einigen weiteren Tagen und Beobachtungen und entzückt von den Darbietungen, die die Frau Schoppitsch dem Hundebesitzer bot, boxte er diesen k. o., und den Dackel verprügelte er dermaßen, dass er schwer verletzt war und schließlich mittels einer Spritze erlöst werden musste – so zumindest ein Lokalblatt. Ein Kopfstoß verursachte Onkel Adolf auch nachträglich noch Schmerzen. Aus Schamhaftigkeit ging er nicht zur Polizei, nicht ins Krankenhaus. Zu guter Letzt war es ein Blutgerinnsel, genau dort, behauptete Tante Rosa, wo er den Kopfstoß erhalten hatte.

Tante Rosa war sehr traurig geworden. Ich denke, sie hatte ihn trotz seiner Steigereien und Affären gern. »Ein bisschen Vergnügen muss man jedem Mann lassen«, sagte sie, obwohl sie selbst auf Treue Wert legte. Je älter meine Tante wurde, desto mehr ging ihr der Onkel Adolf ab. Sie trauerte um ihn. Vielleicht war dies auch ein Grund, sich ins Asyl zu begeben, um dort die letzten Jahre in stillen Erinnerungen an Onkel Adolf zu verbringen. Jedenfalls mochte ich meine Tante sehr, und sie mochte mich. Deshalb besuchte ich sie regelmäßig. Durch sie lernte ich die Frau Berta kennen. Viel später erst kam mir der Gedanke, sie könnte mich der Frau Berta ausgeliefert haben, ahnend, dass ich jemanden benötigen würde, bei dem ich mit meinen Gedanken verweilen könnte, der mich verstehen würde.

3

Nicht nur der Lebenslauf der Frau Berta hatte mich zu interessieren angefangen. Auch die Geschichten anderer Asylanten notierte ich mir stenografisch und steckte die Blätter in Mappen. Ich baute bereits in Gedanken kleine Erzählungen, Schicksale von Kriegsheimkehrern, Wiederaufbau, Entfremdung oder Entzweiung. Mit der vagen Vorstellung, einmal einen Asylbericht, vielleicht sogar eine Novelle über das Altern, jedenfalls so etwas Tendenziöses zu schreiben. Ahnte die Frau Berta meine Absichten, da ich immer öfter ins Asyl kam? War sie eifersüchtig? Einmal erblickte sie mich, als ich bei ihrer Tür vorbeiging, zu einer gewissen Frau Kordula Oblenski. Eine äußerst tragische Geschichte von der Ustascha in Jugoslawien, von Vertreibung, Blutrache und Flucht. Ich konnte gerade noch mit Schwung umdrehen, sagen: »Da sind Sie ja, ich wollte gerade in den Kaffeesalon gehen …« Sie blickte mich nur fragend und misstrauisch an.

Mit der Zeit kannte ich mich natürlich in den Welten der Alten besser aus, wusste so manches von ihren zerklüfteten Jahren, von verbastelten Zeiten, Laubsägearbeiten, die sich in die Länge zogen, hatte also genügend Stoff, um ein literarisches Gemälde des Alterns zu schreiben. Manche Erinnerungen standen als Säulen ganz fest, Erinnerungen, die nicht übersehen werden durften, weil sie das restliche Leben noch zu stützen vermochten. Man denke an Skupien. Leider entpuppten sich manche Säulen letztlich als Schilfrohre, die sich im Wind einmal so oder so bogen, das waren jene mit tausend Versionen ihrer Geschichte, die sie sich zusammengeschwindelt hatten, während sie in jedem Moment aufrichtig an deren Richtigkeit, nein, Wahrheit glaubten. Wehe, man widersprach, dann widersprach man der Wahrheit. Und es tröpfelten grobe Worte aus dem Himmel, bis es nur noch »Lüge, Lüge!« herabgoss. Weiters waren da die Wiederkäuer, alles tausendmal wiederholt und vollkommen uninteressant und manchmal nicht einmal das. Andere lebten in Parallelwelten, die sie sich geschickt zimmerten und in denen sie tagelang verschwanden, Anhänger von Wagner, Kant oder der ›Partei‹. Selbst ›Türsteher‹ gab es, Leute, die die Tür zu ihren eigenen Geschichten so öffneten wie jene Wächter, die sich vor der Pony Bar alle zwei Stunden abwechseln und mit der entsprechenden Lässigkeit eine nach der anderen rauchen; dabei bewachen sie lediglich den Eingang zu einer dunklen Bar, die tagsüber furchtbar schmutzig aussieht, nachts aber, violett beleuchtet, magisch anzuziehen vermag. Und wie sich die Asylanten alles schönredeten, glätteten und bügelten, als sei ihre Vergangenheit ein weißes Hemd aus Batist, dessen Kragen nur gestärkt werden muss und dessen Brust links und rechts der Knopfleiste nur etwas Logik und Dramatik bedarf, damit ihre Hände über den Stoff streicheln und sie ausrufen können: Wir sind gerettet! Wir sind in Amerika. Altern: eine einzige Schönrederei. Ein Kartenabend, Stammtisch, eine Buffonade ohnegleichen. Manchmal erschien mir das Asyl wie die Großwäscherei Phönix in Budapest, zu der Tante Rosa eine Verwandtschaft hatte. Sie trällerte manchmal vor sich hin: »Es kann auch noch so schmutzig sein, die Phönix wäscht es wieder rein.« Ja, was? Die Geschichte ist eine Trommel voll heller Wäsche, die allmählich grau wird und endlich umgefärbt werden sollte. Chlor, Wasserstoffperoxyd, Schwefelsäure, Waschpulver. Viel mehr braucht man nicht zum Färben. Ohne übertreiben zu wollen, aber die Welt der Alten ist sachlich gesehen ein normales Irrenhaus, das zu uns gehört, wie der Hering zum Gabelbissen, mit viel Mayonnaise, Ei und Gelatine, indes das wahre Irrenhaus zu den Kranken gehört, mit Zwangsjacken, Tabletten ohne Ende und Spritzen. Der dem Asyl noch Fernstehende muss daher genau unterscheiden zwischen einem normalen und einem wahren Irrenhaus, unterscheiden zwischen Gabelbissen und Spritzen. Dazwischen liegen nicht nur Welten, sondern vor allem Feinheiten, die das Leben noch lebenswert machen. Ich begriff allmählich, warum man alt werden muss: weil man irrewerden muss, um die Welt zu verstehen, um die gesamte blöde Last der Erinnerung besser schultern zu können. Es gibt nicht wenige Philosophen, die am Ende ihres Lebens vom Blödsinn überzeugt waren. Allein der Blödsinn hat die Kraft, einen weiterleben zu lassen, für Überraschungen zu sorgen oder neue Annehmlichkeiten zu schaffen. Die Wirklichkeit hat keine Kraft. Sie ist spröde, dunkel und sehr leer. Es gibt wenig normale Irre, die sich zum Irresein bekennen. Niemand will wahrhaben, schon auf der abschüssigen Bahn zum wahren Irresein dahinzuschlittern, an deren Ende niemand mehr weiß, wie er einstens als Mensch mit oder ohne Sinn und Ziel lebte oder gar die Schönheit hochhielt. Der normale Irre glaubt sich vom wahren Irren meilenweit entfernt. Irgendwann braucht es dann aber nur mehr einen kleinen Schritt, so winzig wie beim Tipptoppspiel, das wir als Kinder spielten, bei dem jeder abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzt und derjenige gewinnt, der noch die Zehenspitze in den verbliebenen Raum zu quetschen vermag. Sogar mit einem gewissen Recht wähnt sich der Selbstsichere noch normal. Trotzdem – leider muss ich das aus meiner Beobachtung im Asyl konstatieren – endet alles in Tollwut oder in namenloser Enttäuschung, Zank oder hartnäckigem Schweigen. Dafür gibt es immerhin Tabletten. Mit dem Alter beginnt das allerlauterste und reinste Irresein, ein Irresein, das nicht nur erhaben, nicht nur abgründig, sondern der purste Blödsinn ist, von dem die Philosophen nicht so gerne reden, um sich vielmehr an die Schönheit zu klammern, die aber doch auch ein Wahn ist … Der ins Alter zockelnde Bürger wird durch die Schwingungen zwischen normalem und wahrem Irresein hin- und hergeworfen, er muss aufpassen, dass er sich nicht die Knochen bricht, ein Hämatom folgt dem anderen. Kann jemand aus diesem Fall geborgen werden? Mit der Religion? Ich weiß es nicht. So ähnlich las ich das im Magazin National Geographic über neueste Forschungen auf dem Gebiet der Altersempfindungen. Mir fällt dazu nur das Wort ›verzagen‹ ein. Jeder Mensch wird letztlich verzagen. Warum hat die Philosophie keine Theorie des Blödsinns entwickelt, als dritten Weg ins Alter, als heilendes Schmieröl zwischen normalem und wahrem Irresein? Als Kind besuchte ich oft Tante Rosa zu Hause. Sie wohnte in der Nähe des Mayr-Melnhof’schen Marmorwerks. Stundenlang konnte ich dabei zusehen, wie lange Sägen die Blöcke zersägten und der Arbeiter nur zwischen den Sägen hin- und herging, um nachzusehen, ob genügend Fett in den Gelenken der dieselbetriebenen Mechanik vorhanden war. Oft quoll das steife Fett heraus und fiel zu Boden. Ich hob die Batzen auf, formte eine Kugel und schob sie zwischen meinen Händen hin und her. Das Gemantsche roch gut und fühlte sich kühl an. Die Philosophen haben es versäumt, ihre Ansichten mit Blödsinn zu schmieren. Wären die Menschen blödsinniger, hätten sie wenigstens etwas zu tun. Meine Tante Rosa zum Beispiel, wenn ich an sie denke, sie war gewiss die normalste Frau auf Erden, bis sie die Einsamkeit im Asyl zu spüren bekam. Keine Arbeit, keine Ansprache, nichts mehr zum Stricken. Für wen auch? Mit ihr ging nicht nur ihr Handwerk unter, die Wörter für ihre Werkzeuge und Tätigkeiten, sondern auch eine Epoche. Die Epoche der Sparsamkeit, des ursprünglichen Strumpfes, einer gewissen Erotik, jene des Gesprächs und auch jene der geheimnisvollen Liebe, der vorfeministischen Befreiung und der Zerstörungen konformer Hierarchien. Vielleicht hatte Tante Rosa sich die Frau Berta ausgesucht, damit sie mich nach ihrem Ableben mit Geschichten füttere, deren ich als Schriftsteller vermeintlich bedurfte? Dass ich die Frau Berta betreue, sehe wahrscheinlich nur ich so. Eigentlich ist es umgekehrt. Sie betreut mich. Verdrehte Welt. Ich hing sehr an meiner Tante Rosa. Viel zu früh ist sie gestorben. Ahnte sie gar den Umstand meiner Hilflosigkeit? Tante Rosa war, wie man sagt, eine belesene Frau, kannte sich in der deutschen, in der russischen Literatur und bei den Franzosen aus, ging eifrig ins Theater, schwärmte von Brecht – als ich neunzehn war, stritten wir uns immer wieder wegen ihm –, sie war großzügig, in jeder Weise, politisch eine Sozialdemokratin mit Parteibuch und dennoch eine Frau, die weder irgendein Programm noch eine politische Doktrin nachbetete. Meine Tante war eine selbstbewusste Frau. Selbst die Seitensprünge ihres Adolf nahm sie ohne Groll hin. Dabei legte sie Wert auf klare Absprachen. Lüge duldete sie nicht. Wenn Adolf sie in irgendeiner Affäre angelogen hätte, davon bin ich überzeugt, hätte sie ihm den Laufpass gegeben. Allerdings fragte sie nicht viel, wenn er sich in irgendwelche Amouren verstrickt hatte. Ja, sie sagte verstrickt, bemerkte das meistens sehr früh und verstrickte ihren Kummer. Jeweils dann fing sie mit äußerst schwierigen Mustern an, die sie der Dillmont, der Encyklopädie der weiblichen Handarbeiten, entnahm. Ich blätterte oft in diesem Werk, das mit dem Nähen beginnt, eigentlich mit der Stellung der Hände, die Sticharten erklärt, von Säumen, Nähten, Falten und Passe-poilierungen berichtet, um sogleich zum Ausbessern, dem Stopfen, zu kommen und erst dann zur zweiten Art des Ausbesserns, dem Einsetzen. Mit der Zeit wurde dieses grüne Buch meines. Natürlich verstand ich vieles darin nicht. Dazu hätte ich meine Tante Rosa gebraucht. Aber häkeln und stricken kann ich. Und das nicht schlecht. Meine Pullover stricke ich mir selbst. In der Enzyklopädie betrachtete ich gerne die Fadensorten, die Möglichkeiten der Leinenstopfe und vertiefte mich durchaus in ›verlorene oder unsichtbare Stopfe im Tuch‹, auf Seite 270 las ich etwas über das Häkeln, auf Seite 351 über Frivolitäten-Arbeiten, und ich fragte damals Tante Rosa, was das heiße, worauf sie unachtsamerweise antwortete: »Na, wenn mich einer begrapscht.« Ich dachte sofort an Onkel Adolf, der ab sofort für mich ›der frivole Onkel Adolf‹ wurde. Doch das verriet ich niemandem. Mein frivoler Onkel, der Bankrotteur. Genauso wenig verriet ich meine Vorliebe für Hände. Warum? Wurde ich so zum Fetischisten? Vielleicht, weil ich in der Dillmont tausende der elegantesten Hände ohne Arme gesehen hatte, hingeworfen in einer künstlerischen Holzstichmanier, Hände, feingliedrig und schlank. Mein Gott, wie elegant die auf jeder Seite schwebenden, geisterhaften Hände durch Fäden und Stricknadeln verbunden waren, was sage ich denn, vereinigt, und nur mehr der Rand ihrer Spitzenmanschetten am Handgelenk ließ ahnen, welche Schönheiten sich hinter diesen Händen womöglich verbargen! Vielleicht habe ich darum Sonnenscheins Hände gelesen – Geisterhände, die mich genauso verwirrten wie die entblößten Beine im Repassierstüberl. Tante Rosa dachte, die Welt werde immer Repassieranstalten benötigen, weil die Frauen niemals auf Nylons verzichten würden. Daher sagte sie, wenn ich in ihrer Handarbeitsbibel blätterte: »Wer weiß, Bubchen, vielleicht wirst du einmal mein Nachfolger. Millionen Nylons wurden schon im Jahre … ich hab das Jahr vergessen, fünf Millionen am ersten Tag …« Ich errötete, als sie mir erklärte, dass beim Zusammennähen der Nylons der Doppelrand mit dem Abschlussloch endete, »fürs Mieder oder den Strumpfhalter«. Sie lachte herzlich und sagte: »Ach ja, du wirst ein Mann, und das, Bubchen, ist ungünstig für das Geschäft. Unmöglich nicht, aber ungünstig, es sei denn, du machst eine schicke Umkleidekabine, so luxuriös wie möglich … nette Schlager und Kaffee …« Meiner Tante fiel der Name des Erfinders der Nylons nicht ein, »jedenfalls ein Mann, der so ähnlich wie Karotte hieß«. So verlor sie sich in Exkursen über die weiblichen Strümpfe und deren Raffinessen. Tatsache ist, dass ich bei jeder Frau zuallererst auf die Hände sah und diese wohl im Unterbewusstsein mit den Dillmont’schen verglich.