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Gudula Walterskirchen
Beatrix Meyer

Das Tagebuch der
Gräfin Marie Festetics

Kaiserin Elisabeths intimste Freundin

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Bildnachweis:

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

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© 2014 Residenz Verlag

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Inhalt

Einleitung

1. Wer war Marie Festetics?

2. Am Hof der Kaiserin

3. Die »Liliengleiche« – Marie Festetics und Kaiserin Elisabeth

4. Die »kleine Marie« und die Liebe

5. Reisen und Flucht in die Welt

6. Andrássys geheime Ministerin: Die Gräfin und die Politik

7. Unter Königen, Künstlern und Parvenus

8. Nichts als Wehmut: Epilog

Anmerkungen

Zeittafel

Quellen und Literatur

Stammbaum

Personenregister

Einleitung

Viele, die sich mit Kaiserin »Sisi« beschäftigen, kennen den Namen Gräfin Marie Festetics. Sie kennen sie als Hofdame der Kaiserin und als Verfasserin eines Tagebuches. Als Person blieb sie jedoch unbekannt, ihre Schriften kennt man nur in einigen wenigen Auszügen. Bereits die Zeitgenossen hätten gerne gewusst, was die Vertraute der Kaiserin darin täglich notierte.

Die einen hatten Bedenken, ob man die Aufzeichnungen der Öffentlichkeit zumuten könne, so Erzherzogin Marie Valerie: »Ich bat und erhielt ihr Versprechen, dass sie nach ihrem Tode ihre Tagebücher mir oder meiner Familie vermachen werde … denn ich glaube nicht, dass ihre Aufzeichnungen wahrheitsgetreu genug sind, um etwa ohne weiteres veröffentlicht zu werden.«1 Andere wiederum waren überzeugt, dass die Gräfin eine wichtige Zeitzeugin vieler bedeutender Ereignisse war. 1907 schrieb der berühmte Historiker Heinrich Friedjung an den k.u.k. Außenminister Alois Lexa von Aehrenthal: »Ich verkehre hier in Campiglio viel mit Gräfin Marie Festetics, deren Umgang für mich als Forscher und Geschichtsfreund lehrreich und genußvoll ist. In fesselnden Schilderungen zieht an mir der Hof unseres Kaisers und seiner Gemahlin vorüber; ich gewinne zum ersten Male klaren und überzeugenden Eindruck von der menschlichen und Frauengröße der unglücklichen Herrscherin, die Gestalten Deáks und Andrássys wie der jetzt wirkenden Generation werden mir lebendiger als je. Wieder einmal drängt sich mir die Erkenntnis auf, um [wie] viel eine kluge, hochgesinnte Frau tiefer in die Seele der Mitlebenden eindringt als selbst ein geistig hochstehender Mann. So viel wie von Gräfin Festetics habe ich von Niemandem über die Charaktere der von 1860 bis 1895 wirkenden Generation gelernt.«2

Das Tagebuch der Gräfin Marie Festetics ist tatsächlich eines der wichtigsten Zeugnisse aus der Zeit der Habsburgermonarchie. Der Historiker Egon Cesar Conte Corti benützte es als Erster für seine 1934 erschienene Biografie über Kaiserin Elisabeth; ein halbes Jahrhundert später bediente sich auch Brigitte Hamann der Tagebücher für ihre Monografien.3

Doch das Tagebuch selbst wurde niemals publiziert. Damit stellt sich die Frage, warum dies bisher nicht geschehen ist, wo die Aufzeichnungen doch seit Jahrzehnten öffentlich einsehbar waren. Die Tagebücher sind eine hochinteressante, jedoch schwer zu enträtselnde Quelle. Die Handschrift der Gräfin ist in Kurrent und teilweise sehr schwer leserlich. Sie schrieb nicht in ganzen Sätzen, sondern in Notizform, außerdem setzte sie keine Satzzeichen, sondern nur Gedankenstriche an beliebigen Stellen. Der Originaltext musste daher sprachlich behutsam aufbereitet werden, um leichter lesbar und verständlich zu sein. Die Hauptsprache, in der Marie Festetics schreibt, ist Deutsch, obwohl sie Ungarin war. Etliche Passagen sind in Ungarisch geschrieben, andere in Französisch und einige wenige in Englisch. Aufgrund des Umfanges der Tagebücher – zehn Bücher mit insgesamt über 2000 Seiten – konnte nicht alles in diesem Buch wiedergegeben werden, sondern wir mussten eine Auswahl treffen und Einträge kürzen. Die Tagebücher umfassen den Zeitraum von 1871 bis 1884, dann klafft eine Lücke bis zum Jahr 1904, die Jahre bis 1906 sind wiederum erfasst. Es konnte noch ein Tagebuch aus den Jahren 1917 bis 1918 ausfindig gemacht werden, das bisher zur Gänze unbeachtet geblieben ist und das die Eindrücke der Gräfin während des Ersten Weltkrieges wiedergibt. Wann die fehlenden Bücher verschwunden sind und wer sie entwendet oder vernichtet hat, ist nicht geklärt. Der Verlust ist sehr schade, denn Marie Festetics’ Schilderung etwa der Ereignisse rund um den rätselhaften Tod des Kronprinzen Rudolf wäre sehr spannend und aufschlussreich gewesen.

Trotz dieser zeitlichen Lücken bieten die Tagebücher reichlich Stoff für einen aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen des Lebens der Kaiserfamilie und deren Charaktere. Fast täglich machte die Gräfin einen Eintrag, wodurch ihre Eindrücke sehr unmittelbar und lebendig wirken. »Dieses Buch ist mir wirklich ein Lebensbedürfniß geworden«, schreibt sie am 9. Oktober 1874. Und sie verfolgte damit, neben einer seelischen Entlastung, einen weiterreichenden Zweck: Es sollte der Nachwelt beweisen, wie großartig ihre Herrin in Wahrheit gewesen war – entgegen allem Hofklatsch.

Marie Festetics selbst schreibt über ihre Motive, das Tagebuch über Jahrzehnte so akribisch zu führen: »Ich berieth lange mit mir, ob ich das alles niederschreiben soll! Darf?? Das Herz sagt ja! Einst vielleicht wird Ihrem Andenken Gerechtigkeit dadurch widerfahren.«4 Und an anderer Stelle schreibt sie: »Es ist früh noch – ich benütze den Moment – ich sehne mich nach meinem Buche – dem stillen Freund, der geduldig meine Eindrücke aufnimmt, mich nicht mißversteht und nicht plaudert! Und ich? Ich schwäzte aber, beschreibe Blatt um Blatt, lege Herz und Seele da hinein, möchte ›Ihr‹ ein bleibend Denkmal setzen. Und dann wieder frage ich mich, zu welchem Zwecke? Damit der Wind sie einst verweht, nachdem ich vielleicht in alten Tagen noch einmal wehmüthig darüber hinblätternd mir sage: ›Das ist das Einzige, das von meinem so bewegten Leben, nach so viel Entsagen, so viel Weh, nach versäumter Jugend, versäumtem Glück übrig blieb!‹ «5

Ihre Notizen stammen aus unmittelbarem Erleben und sind daher absolut authentisch. Da die Gräfin eine außerordentlich wahrheitsliebende Frau war, sind die Aufzeichnungen auch glaubwürdig. Gräfin Festetics war nicht nur eine schöne Frau – wie ihre Herrin und Freundin Kaiserin Elisabeth –, sondern auch eine besonders kluge. Ihre scharfsinnigen und schonungslosen Analysen und Beobachtungen, die sie am Wiener Hof machte, notierte sie gewissenhaft und ungeschminkt in ihren Tagebüchern. Sie hatte Gelegenheit, sowohl das Privatleben der Kaiserfamilie als auch die politischen Ereignisse der Zeit aus nächster Nähe zu erleben und zu beobachten. Das macht ihre Notizen zu einer einzigartigen Quelle und einem spannenden Lesestoff.

Hofdame zu sein war einer der wenigen Berufe, die Damen der höheren Gesellschaft ergreifen konnten, wenn sie für eine Heirat zu wenig zu bieten hatten: zu wenig Geld oder zu wenig Schönheit. Als andere Möglichkeit blieb nur das Kloster. Es war ein echter Beruf, mit einem guten Gehalt, Kost, Logis, Urlaubsanspruch und gesellschaftlicher Anerkennung. Die Aufgabe einer Hofdame war es, ihre Herrin überall hin zu begleiten, ihr Gesellschaft zu leisten, Sekretariatsaufgaben zu erledigen und Repräsentationspflichten zu erfüllen. Im Idealfall wurden Hofdamen enge Vertraute ihrer Herrin. Für eine Dame eines regierenden Hauses war es unbedingt notwendig, ein Gefolge zu haben, das unter anderem aus den Hofdamen gebildet wurde. Diese erhielten dadurch tiefe Einblicke auch in das Privatleben der Monarchen, weshalb Diskretion die oberste Maxime war.6

Marie Festetics nahm Diskretion besonders ernst; nur ihren Tagebüchern vertraute sie an, was sie erlebt und beobachtet hatte. Sie beschrieb die berühmten Persönlichkeiten ihrer Zeit – von Kaiser Wilhelm über Queen Victoria bis zum russischen Zaren und Richard Wagner; und sie berichtete vom Verhältnis der Mitglieder der allerhöchsten Familie untereinander: von Kaiser Franz Joseph und seiner Liebe zur Kaiserin, von den kaiserlichen Schwestern, an denen Marie Festetics kein gutes Haar ließ, und von den Erzherzoginnen und Erzherzögen. Sie gab wieder, was ihr Kaiserin Elisabeth an Seelennöten anvertraute, und so erhalten wir heute einen unmittelbaren Einblick in die Gedankenwelt der legendenumwobenen »Sisi«.

Die Funktion der Gräfin Festetics als Hofdame war nicht nur ein persönlicher Dienst, sondern auch eine politische Aufgabe: Besonders schätzte sie Graf Gyula Andrássy, in den sie offenbar auch ein wenig verliebt war. Er vermittelte sie an den Wiener Hof, um der Sache Ungarns zu dienen. Aus diesem Grund wurde sie von den Gegnern des ungarischen »Ausgleichs«, also der Gleichstellung Ungarns als Königreich im Verbund der Monarchie, als »Spion Andrássys« bezeichnet, was sie sehr kränkte. Der Vorbehalt war jedoch insofern berechtigt, als sie in allem die Sache Ungarns förderte und verteidigte. Gefürchtet war ihre unmittelbare, ehrliche und offene Art: Sie sprach direkt an, was am Wiener Hof in der feinen Gesellschaft nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen (oder besser: getratscht) wurde.

Marie Festetics’ Blick auf die kaiserliche Familie und das Zeitgeschehen ist naturgemäß subjektiv, und wir geben die Aufzeichnungen auch in diesem Sinn originalgetreu wieder. Wir haben aus der Textfülle die unserer Ansicht nach interessantesten und spannendsten Stellen ausgewählt und thematisch geordnet, um eine kurzweilige Lektüre zu bieten. Zur besseren Orientierung und Verständlichkeit haben wir immer wieder kurze Überleitungstexte eingefügt; anderes Wissenswertes wird in Anmerkungen im Anhang erklärt, etwa die Fülle an Namen und Orten. So möchten wir Ihnen das Eintauchen in die versunkene Welt des ausgehenden Habsburgerreiches erleichtern.

Beatrix Meyer und Gudula Walterskirchen,

Herausgeberinnen

1. Wer war Marie Festetics?

Maria Theresia Festetics, Gräfin von Tolna, wurde am 20. Oktober 1839 in Tolna7 als achtes der zehn Kinder von Sándor Festetics, Graf von Tolna, und Josefa Baronin von Boxberg geboren. Die Familien beider Eltern blicken auf eine lange Geschichte zurück: Die Boxbergs erhielten Mitte des 15., die Festetics’ am Anfang des 17. Jahrhunderts ihren Adelstitel. Zu Lebzeiten von Marie Festetics blühten beide Geschlechter in mehreren Zweigen, sodass die Hofdame eine ausgedehnte und weitverzweigte Verwandtschaft besaß.8 Dazu kamen noch die vielen eingeheirateten Familienmitglieder und, aufgrund der gesellschaftlichen Stellung der Gräfin am Wiener Hof, zahlreiche weitere Bekanntschaften. Marie Festetics stand also, obwohl unverheiratet und kinderlos, nicht alleine in der Welt. In ihren Tagebüchern berichtete die Hofdame oft von ihren Verwandten und über vergangene Ereignisse in der Familie. Deshalb kann in diesem Kapitel die chronologische Anordnung der Tagebucheinträge nicht durchgehend eingehalten werden. Der Verständlichkeit halber folgen wir der Chronologie der erzählten Ereignisse.

Die Familie von Marie Festetics gehörte nicht zum reichen, in Keszthely ansässigen Zweig der Familie. Da hier niemand ein Fideikommiss9 gegründet hatte, musste das einst beträchtliche und einheitliche Vermögen von Generation zu Generation unter den zahlreichen Nachkommen aufgeteilt werden. So verfügte Sándor Festetics im Vergleich zum Keszthelyer Zweig der Familie über ein relativ bescheidenes Vermögen.10 Ihren Lebensstil richtete die Familie jedoch nach ihrem Titel und nicht nach ihren Finanzen.11

Sándor Festetics, der Vater der Hofdame, wurde am 14. Jänner 1805 in Tolna geboren.12 Er wurde mit zehn Jahren Vollwaise und wuchs dann unter der Vormundschaft der Keszthelyer Festetics’ auf. Er galt als ein sehr höflicher, zuvorkommender Mensch, der eine unbedingte Treue zum Kaiserhaus hegte. »Herrendienst geht vor Gottesdienst«, pflegte er seiner Tochter zu sagen, wenn es ihr wieder einmal schwerfiel, das Familiennest zu verlassen, um ihren Platz an der Seite der Kaiserin einzunehmen. Er scheint nicht viel Sinn für Landwirtschaft und Finanzen gehabt zu haben, was die Tagebucheinträge seiner Tochter bestätigen. Das mangelnde Wissen des Familienoberhauptes lag höchstwahrscheinlich einerseits an der Tatsache, dass er als Waise die Kenntnisse über die Leitung einer Landwirtschaft von niemandem erlernen konnte. Bei ihm stand die militärische Ausbildung im Vordergrund, er absolvierte die Theresianische Ritterakademie.13 Andererseits musste bereits sein Vormund, László Festetics, finanziell unter Vormundschaft gestellt werden, bevor er das ganze – sehr beträchtliche – Erbe durch Verschwendung vergeudete. Das war es nämlich, was die Geschwister Festetics bei ihrem Vormund gesehen hatten: auf großem Fuß standesgemäß zu leben, gleichgültig, ob man es sich leisten konnte oder nicht. Dies führte später zu ernsthaften Problemen.

Sándor Festetics ließ sich mit Josefa von Boxberg nach der Eheschließung am 5. Oktober 182814 auf dem damals noch unaufgeteilten Erbe seines Vaters in Tolna nieder. Dort wurden auch die meisten ihrer Kinder geboren. Marie Festetics war 6 oder 7 Jahre alt, als die Familie nach Söjtör zog, das 200 km westlich der Stadt Tolna liegt. Nur zu Besuch kehrten die Familienmitglieder gelegentlich nach Tolna zurück. Die Peinlichkeit einer zufälligen Begegnung mit der geschiedenen Schwägerin – diese lebte in der Nähe – wollte Marie Festetics vermeiden:

NAGYDOROG, 10. JUNI 1905

Der freundliche Ruf lieber Freunde und Verwandten lockte mich für einige Tage her! Auch die Sehnsucht, noch einmal den Boden zu begrüßen, wo ich in’s Leben tratt, der Stammsitz der Familie war und meine Eltern ihre glücklichsten Lebenstage verlebten. Ich war 36 Jahre nicht im Comitat.15 Nach Tolna kann ich nicht wie ich gewollt, es ist Alles zu weit, nach Kakasd auch nicht – es ist zu indiscrete für hier.16 Sie (die Verwandten, Anm.) lassen mich nicht mit der Eisenbahn gehen und mit Pferden geht es nicht.

Über die Mutter der Gräfin weiß man ziemlich wenig, die Hofdame berichtet vor allem von ihrem Vater. Die Informationen sind in den Einträgen sehr verstreut. Josefa von Boxberg wurde am 7. Mai 1810 im oberpfälzischen Amberg geboren17 und zog mit ihrer Familie um 1813 in das Österreichische Kaisertum,18 in dessen Militärdienst ihr Vater stand. Obwohl sie seit ihrem dritten Lebensjahr in Ungarn aufwuchs, erlernte die Baronin nie die Landessprache. Als sie Ende der 1870er-Jahre ihre Tochter in Gödöllő besuchte, schämte sie sich für diesen Mangel:

GÖDÖLLŐ, 31. OKTOBER 1879

Hat die theuere Mutter den Aufenthalt genossen, meinem Herzen that es so wohl! Täglich zwei Mal sah sie die Kaiserin, die wirklich rührend für sie war. Ich habe so das Gefühl, daß Sie jede Gelegenheit ergreift, um mir was Liebes zu thun – als Vergütung für so manch Herzeleid, daß mir zugefügt wird als Schonung für Andere. Mama war sogar zu Erzherzogin Valerie geladen und gut wie sie ist, hat sie bei Allem mit dem Frohsinn eines Kindes mitgethan. Sie tanzte sogar eine Quadrille mit, weil ein Paar fehlte. Die Kaiserin war zu unwiederstehlich, u. a. sagte Mama, sie hätte so gar kein Sprachtalent und wäre so beschämt, daß sie nicht ungarisch kann. Da lächelte die Kaiserin Ihr schönes, schalkhaftes Lächeln und sagte, Sie brauche gar nicht beschämt, in der Zeit, wo die Gräfin jung waren und lernten, sprachen bei uns in Ungarn nur die Köchinnen ungarisch und die Adele Andrássy (Mutter von Gyula Andrássy, Anm.) und wie viele von den älteren Frauen und wie viele alte Herrn konnten es nicht. Mama war sehr getröstet. Leider war sie in Örs bei Oncle Emrich (Boxberg, Anm.) angesagt und da heißt es, mit Wagen 2 Stunden fahren und die Pferde warten. So ging sie denn und war sehr zufrieden mit ihrem Aufenthalt. Es waren auch Alle zu nett für sie. Sie vergaß ihr Herzleid – Gottes Segen bei alten Leuten! Wie könnten die schwachen Kräfte es tragen? 2 Kinder in einem Jahr. Mein alter Vater, er wäre nie darüber gekommen. Sein Gemüt war so tief, so empfindsam und nie sprach er von Weh, dieser stille Leidtrager mit dem edlen warmen Herzen!!

Josefa von Boxberg scheint den Tagebucheinträgen nach ein einfaches, stilles Wesen gehabt zu haben mit einem heiteren Gemüt. Körperlich und psychisch war sie ziemlich robust. Sie brachte zehn Kinder zur Welt, von denen in den Jahren 1836, 1849 und 1879 jeweils zwei verstarben. Als sie selbst 1892 starb, weilte aus der Familie nur noch ihre Hofdamen-Tochter unter den Lebenden.19

Von der Kindheit und Jugend der Geschwister der Gräfin verfügen wir nur über sehr wenige Informationen. Von den zehn Kindern erreichten nur vier das Erwachsenenalter: Adele, Karl, Marie und Victor. Über die Jugend von Adele geben die Tagebücher ihrer Schwester keine Auskunft. Sie heiratete den Reichsritter August von Mertens, der schon bei der Eheschließung kränkelte. Die Brüder Karl und Victor bereiteten sich auf eine militärische Laufbahn vor. Karl diente sechs Jahre lang in dem Carl-Liechtenstein-Ulanenregiment Nr. 9.20 Ein Reitunfall beendete seine vielversprechende Karriere. Um 1860 heiratete Karl Festetics Rosalie Friderici, die Tochter von Hermann von Friderici und Mathilde Festetics, eine Cousine ersten Grades. Das Paar bekam zwei Töchter, Mathilde und Julianna, die 1866 tragischerweise noch sehr jung an Angina erkrankten und kurz nacheinander daran starben:21

GÖDÖLLŐ, 25. DEZEMBER 1877

Da ist der Weihnachtabend überstanden. […] Ach, und wärend Alle so vergnügt waren, wie dachte ich nach Hause, das einsame Haus und an ihn (ihren Vater, Anm.), der liegt unter Eis und Schnee mit seinem liebenden und warmen Herzen! Ja! Wie still muß es im Haus gewesen sein, wo doch auch einmal eine glückliche Kinderschar gewesen, wo der Christbaum angezündet und lauter Jubel erscholl. Und dann? Da sah ich auch den lezten Christbaum im Hause Menage (Ehepaar, Anm.) Karl und das liebe theure Kind, diese kleine Mathild, unser aller Liebling, wie sie da stand auf der Schwelle des dunklen Zimmers und beim Anblicke des Baumes verstummend stehen und die Arme ausbreitete, als wollte sie den Christbaum an ihr kleines Herz drücken und mit dem Ausdrucke der Seeligkeit in den Himmelsaugen und die blonden Locken so tief herab, wie ein Engel und ach, sie schaut schon aufwärts, zum Fluge schon bereit. Der nächste Christabend breitete schon seine weiße Decke über ihr Grab und das der kleinen Schwester, die damals noch unter dem Herzen der Mutter ruhte! Ein Tag bettete beide Engel zur Ruhe! Armer Karl, arme Rosalie, arm wir alle! Ich sah seither keinen Christbaum mehr. Wo sind jene Tage? Und wie viel Weh zog über uns alle hin! Mein armer Victor!

Karl Festetics zerbrach an dieser Tragödie – ebenso seine Ehe.

Victor Festetics begann seine militärische Ausbildung in Strass an der Militärischen Unterrealschule und wechselte dann an die Wiener Neustädter Militärakademie.22 »Vixl« oder »Vixel«, wie er in der Familie genannt wurde, war der Lieblingsbruder der Hofdame. Sie standen einander sehr nahe, neben dem geringen Altersunterschied von zwei Jahren trug zu dem engen Verhältnis wahrscheinlich die aufopfernde Pflege des schwer erkrankten Bruders bei. Anlässlich der Feierlichkeiten zur Enthüllung des Denkmals für die Gefallenen der Theresianischen Militärakademie hielt sich die Gräfin in Begleitung ihrer Herrin in Wiener Neustadt auf. In ihr kamen die Erinnerungen an diese ernste Erkrankung von Victor Festetics und deren Umstände hoch:

SCHÖNBRUNN, 24. MAI 1880

Im Jahre 1859, nach der Schlacht von Solferino, die auch den armen Lászlo Festetics23 das Leben kostete und seiner Mutter das Herz brach, holten wir mit dem armen Karl Vixel ab, der nach einem schlecht gepflegten Keuchhusten eine schwere Lungenentzündung durchmachte, wirklich ½ todt von Neustadt ab, nachdem das Commando dort leichtsinnig genug den Eltern nur von leichtem Unwohlsein benachrichtigte! Wir konnten Victor nach Ödenburg bringen und dann nach Sauerbrunn. Diese Gewißenlosigkeit hat seiner geliebten Cariére ein Ende gemacht und seiner Gesundheit wohl für’s Leben einen Leck gegeben! Jahre des Siechthums folgten, ich pflegte ihn und erhielt ihn mir! Er ist mein Schmerzenskind.

Marie Festetics erwarb – wie die meisten adeligen Frauen ihrer Zeit – mithilfe einer privaten Erzieherin die Fähigkeiten und Kenntnisse, die eine Dame der Aristokratie beherrschen musste. Außer der sicheren Bewegung in der Gesellschaft lernte die heranwachsende Gräfin Handarbeit, Klavier und Gesang. Sie wuchs zweisprachig auf, Deutsch und Ungarisch beherrschte sie von klein auf, als Fremdsprachen eignete sie sich Französisch und Englisch an. Sie las regelmäßig Zeitung, war über die Tagespolitik und die aktuellen gesellschaftlichen Ereignisse (Opern, Konzerte, Ausstellungen usw.) informiert. Aus ihren Tagebüchern kann man schließen, dass sie auch in der Geschichte bewandert war. Sie hing sehr an ihrer Gouvernante, Antonia Matauschek von Benndorf,24 sodass sie »die liebe Freundin« noch Jahre nach deren Tod schmerzlich vermisste:

MERAN, 3. MÄRZ 1872

Ein trauriger Erinnerungstag. 12 Jahre ist die liebe theure Freundin todt. Warum hat sie, die so treu zu uns stand, nicht erlebt, daß das Kind, das sie treu gehüthet, zur Geltung kam? Nur Zeuge war sie all der Sorge, des Unglückes, das der Himmel uns in reichem Maße zuwendete. Wie oft sah ich Thränen in ihren Augen, wenn es ach so mühsam war, seinen Weg zu gehen! Und was kam noch Alles nach ihrem Tode! Wohl dachte ich der oft, wenn ich’s faßt nimmer leisten konnte: »gut, daß sie unter ihrem grünen Hügel schläft und nicht sieht, was mein Schicksal ist.« Jezt denke ich: könnte sie mich einmal sehen, wenn ich neben der Kaiserin sitze.

Neben Fräulein Matauschek hatte der berühmte Politiker und väterlicher Freund Ferenc Deák25 großen Einfluss auf die geistige Entwicklung der Hofdame. Auch in ihrer Zeit am Wiener Hof wandte sie sich oft an ihren inzwischen schwer kranken alten Freund, dem sie sich für seinen Beistand in ihren dunkelsten Lebensjahren verpflichtet fühlte, um Rat:

GÖDÖLLŐ, 27. DEZEMBER 1872

Ich war wieder in Ofen und 2 ½ Stunden bei meinem alten Freund. Ich bin so gern dort und doch ist es so furchtbar traurig, ein Vorbereiten für den langen Abschied, ein Bemühen, jedes Wort, das er spricht, festzuhalten – zur Erbauung und Stärkung für kommende Tage, wo ich nicht mehr werde schöpfen können aus dem Reichthum seines Herzens, der Weisheit seiner Erfahrung, der Tiefe seiner edlen Seele!! Wo könnte sich je ein Quell der Wahrheit und des uneigennüzigen Rathes finden wie der, der seinem klaren ruhigen Denken entspringt und seiner maßlosen Güte? – Nirgend mehr! So gut kann nur der sein, der so weise, so mild ist, wie dieser gottbegnadete, durch und durch ehrenwerthe Mann. Meine Dankbarkeit für ihn kann nie erlöschen. Er hat mir über viel hinüber geholfen, er hat mein unbändiges Wesen gezügelt. Ich war mir von meinem 16. Jahre an selbst überlassen, zum harten Kampf mit dem namenlos traurigen Leben schlecht ausgerüstet! Namenlose Liebe hatte mein Herz verwöhnt, mich geleitet und geschüzt in und vor allem Unbill des Lebens. Ich war nur von Liebe geleitet, da fiel die Hand, die mich geführt. Fräulein Toni starb und ich blieb allein,26 verstand die Andere nicht und sie mich nicht, nein! Es war eine furchtbare Zeit! Was in mir alles arbeitete, wie es wagte, drängte, fragte! Und allein war ich, mein Victor war weit. Niemand! Niemand! Da streckte er helfend seine Hand mir entgegen, er nam das ganze Vertrauen aus meinem Herzen in das Seine, er pflegte meine kranke Seele. Der Balsam seiner Güte machte die Wunden vernarben. Er lehrte mich ruhig aufpassen, die Schuld auch in mir suchen und finden. So fein, so zart that er es und langsam lehrte er mich »Ertragen«, dieses Unerläßliche, um das Leben würdig zu gestalten. Er gab mit vollen Händen, jedes Wort war eine Perle und ich sammelte aus seinem Schatz. Dreifacher Segen war er, wem so er nahte. Gott vergelte ihm in Gerechtigkeit.

Die Familie von Marie Festetics geriet um 1862 in ernsthafte finanzielle Probleme. Endlich erholte sich Victor Festetics von seiner schweren Krankheit, als das neue Unglück passierte. Nur dank ihm und Marie Festetics blieb zumindest ein Teil des Familienvermögens erhalten, wie wir aus einem über ein halbes Jahrhundert später verfassten Eintrag erfahren:

SÖJTÖR, 26. SEPTEMBER 1917

Kaum genoß er (Victor Festetics, Anm.) ein bischen sein armes Leben, kam der Zusammenbruch des Vermögens. Ein schweres Unglück für die armen, theuren Eltern. Mit welcher Freudigkeit übernam er mit mir Söjtör! Wir kauften es, aber es war ein furchtbarer Kampf, um den Eltern wenigstens ein gesichertes Alter zu schaffen! Wie eifrig, wie fleißig, wie pflichttreu verwaltete er das kleine Gütchen! Wie sparsam, wie genügsam, wie gewißenhaft war er! Er legte den Grund zu dem jetzigem Wolstand: Er gönnte sich gar nichts! In seiner grenzenlosen Bescheidenheit fand er alles natürlich, klagte nie bei so »Vielem«, was schwer war. Ja! Wir waren glücklich und arbeiteten zusammen im Garten, als ob es unser Beruf sei!

Am Ende der 1850er- oder Anfang der 1860er-Jahre verliebte sich Marie Festetics zum ersten Mal in ihrem Leben. Graf Karl Josef Kurtzrock-Wellingsbüttel erwiderte die Gefühle der Gräfin. Zu einer Heirat ist es dennoch nicht gekommen, da der Vater des Auserwählten gegen die Verbindung war. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Bei der Entscheidung spielte wahrscheinlich die prekäre finanzielle Lage der Familie Festetics die ausschlaggebende Rolle. Der junge, abenteuerlustige Soldat Kurtzrock-Wellingsbüttel stellte sich 1864 in den Dienst des mexikanischen Kaisers Maximilian, in der Hoffnung, nach der Rückkehr die Meinung seines Vaters ändern zu können. Er kehrte von dort jedoch nicht mehr zurück. Am 17. Juli 1865 starb er den Heldentod bei einem aussichtslosen Gefecht gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Mexikaner.27 Eine weitere schmerzende Wunde für die Hofdame:

VENTNOR, 2. SEPTEMBER 1874

Es ist ziemlich belebt hier, was mich nichts besonders freut. Die stillen Abendstunden am Meeresstrand sind zu gut, ich sitze Stunden und Stunden und schaue übers Meer hinüber. Mein Auge sucht den Welttheil, der weithin gegen Westen liegt, wo das Herz ruht, in fremder Erde ruht, das mich so treu, so heiß geliebt. Ich kann es nicht sehen, das kleine Marmorkreuz, das Niemand kennt und wo Niemand bethet. Wird mich je Jemand lieben wie der arme Kurzrock? Der Lezte seines Namens, das Schild zerschlagen, verweht sein Asche, sein tapferes Schwert vergessen. Ich träume meine frühe Jugend unter Thränen der Wehmut wieder und die Brandung singt ihr mildes Lied dazu!

Finanzielle Not, Todesfälle, zerplatzte Hoffnungen auf Heirat und Familie – Marie Festetics hatte in ihrem jungen Leben schwere Schicksalsschläge zu ertragen. Aufgrund der desolaten finanziellen Situation der Familie kam ihr die Berufung zur Hofdame Erzherzogin Klothildes sehr gelegen. Diese Position war nämlich mit einem ansehnlichen Gehalt ausgestattet und brachte sie auch auf andere Gedanken:

SÖJTÖR, 26. SEPTEMBER 1917

In diese Zeit fiel der Ruf zur Hofdame zu Erzherzog Joseph (Clothilde). Ich konnte mich nicht recht entschließen! Der Vater wünschte es in seiner Selbstlosigkeit, so Mama, mein Victor redete mir zu. Ich fragte Deák. Er hatte, glaube ich, auch mein freudloses Leben vor sich und schon den Hintergedanken, mich bei der Kaiserin zu sehen, ich würde für meine Familie thun können. Ja, das konnte ich, und nach vielem Hin und Her wurde beschlossen: »Ja.« Ich hatte auch meine Hintergedanken: Gerade die Schwägerin, Mitbesitzerin im Hause, vielleicht stand ich seinem, meines Victor’s, Glück im Wege und mein Scheiden erleichterte die Erfüllung (Andeutung auf eine mögliche Ehe zwischen Victor Festetics und seiner Cousine Josefine Boxberg, Anm.). Er konnte mich jetzt entbehren und ich ging!! Schwer war das Scheiden, aber die einzigen Freuden im Leben dankte er diesem Schritte, und ja, ich konnte helfen und jetzt, wärend ich das schreibe, danke ich Gott, daß ich helfen konnte. Aber Thränen füllen mein Auge, wenn ich denke, was ich versäumte: Mit ihnen und mit ihm zu sein, die ich liebte! 1869 December kam der schwere Augenblick! Meine Schwester Adele war seelig, ich war ihr Liebling und durch sie und Prinz Philipp Coburg, der sein (Mertens) Oberst war, ging das Ganze. Mit schwerem Herzen ging ich. Über mich weiter kein Wort, aber nur das will ich sagen: Ich fand eine Aufname bei Erzherzog Joseph’s, die ich nie hatte erwarten können.

Aus der bisher geschilderten Zeit sind keine Tagebücher überliefert. Den ersten bekannten Eintrag tätigte die Gräfin im April 1871. Kaum einen Monat später notierte die Hofdame ein trauriges Ereignis aus dem Leben ihres Bruders. Dies sollte in den nächsten Jahren nicht die einzige schlechte Nachricht von der Familie bleiben:

ALCSÚT, 14. MAI 1871

Karl und Rosalie sind geschieden. Wie, wie mir das das Herz belastet! Wie wird es dem theuren Vater sein und Vixel und der Mutter! Schwer ist es in solchen Momenten die Lieben allein zu wissen! Mein armer kleiner Engel, Mathilde, lebtest du, wäre niemals das Schreckliche geschehen!

GÖDÖLLŐ, 6. NOVEMBER 1873

Ich erhielt einen Brief heute der armen Schwester! Die Hälfte des Vermögens fiel dem Börsenkrach zum Opfer, schrecklich! Daß die Leute alle mehr haben wollen! Mit wie wenig existirt mein Victor! Existiren wir, die Verwöhnten!!

In den 1870er-Jahren etablierte sich Ernst von Boxberg, ein Onkel der Hofdame, mit seiner Familie in Söjtör. Sie mieteten das ehemalige Geburtshaus von Ferenc Deák und führten gemeinsam die Wirtschaft mit den Festetics’. Dieses Abhängigkeitsverhältnis führte zu zahlreichen Konflikten, nicht nur finanziell, sondern auch emotional:

SÖJTÖR, 14. JULI 1874

Die Zeit geht schnell mit Riesenschritten dem Ende meines Urlaubes zu. Ach! Auch hier gibt es ein ach! Mein lieber Vixel hat ein krankes Herz und es geht nicht wie es gehen sollte; Boxberg abusiren (missbrauchen, Anm.) von seiner Güte und auch von seiner Liebe für Josefine (Tochter von Ernst Boxberg, 18 Jahre jünger als Victor Festetics, Anm.). Sie halten ihn, weil sie ihn brauchen. Jezt wäre noch alles leicht zu machen. Wie es später sein wird, weiß Gott! Oncle Ernst braucht seine Gesellschaft und seine Wirthschaft und der arme Vixel wird so hingehalten, daß die Furcht und die Hoffnung nicht ausgeht. Er ist ja ohnehin zart. Was ist das für seine Nerven! Er schläft schlecht und ißt wenig, ist immerwärend in fieberhafter Aufregung. Das unterminirt diese Gesundheit. Ich habe so eine ohnmächtige Wuth in mir, aber Victor beschwört mich, ruhig zu sein und wirklich, ich denke es oft, wie viel leichter das zu tragen ist, was man für sich trägt als das, was man die Lieben tragen sieht. Liebes stilles Söjtör, warum mußte Dein Friede gestört werden durch den Eintritt dieser höchst lieben Verwandten in den kleinen Kreis? Was ist geworden aus dieser erwarteten Freude und was wird noch werden? Eine bange Frage.

1875 wagte Karl Festetics einen Neuanfang und verlobte sich mit Nathalie Singer von Gleichenau.28 Doch schon vor der Hochzeit gab es Schwierigkeiten:

SASSETÔT, 27. AUGUST 1875

Die Post bringt auch nichts erfreuliches. Ein Brief von fremder Hand oder Karl’s künftige Frau? Wie ein Schauder fährt es über mich hin, so wehmüthig! So schwer ersezt sich wirklich alles im Leben? Nein! Innerlich für’s Herz, das wirklich liebte, nicht – äußerlich ja, vielleicht! Der Stein, der im Wasser versinkt, zieht äußerlich ja auch seine Kreise; weiter, weiter verlaufen sie, bis alles wieder glatt wird und still. Der Stein aber, er liegt doch im Grunde! Könnte diese Rosalie, die ein Theil meines Herzens gewesen, je jemand ersetzen?? Armer Karl! Seine Einsamkeit und fremder Einfluß sezte ihn da hinein, vielleicht auch seine pecuniaere (finanzielle, Anm.) Lage und ich konnte nicht helfen und er muß Religion wechseln und sie ist aus einem andern Kreis als der Gewohnte! Ich habe kein Vorurtheil, aber alles das »upsets me«. Nichts gutes wird da hervor gehen, ich fühle es.

Mein armer alter Vater, dieser fromme gläubige Christ mit dem hohen, vornemen Sinn, was wird er leiden! Und mein Victor! Die arme gute Mutter nimmt alles leichter und es nimmt ihr die pecuniäre Sorge um den Liebling!

Die Hofdame behielt recht, denn nach nicht einmal vier Monaten Ehe zerbrach die Beziehung: »Karl ist auseinander mit seiner Frau!«29 Karl zog in das gepachtete Gut Besenyő30 und seine Frau lebte bei ihren Eltern. Ein paar Monate später stellte sich heraus: »Karl’s Frau ist in gesegneten Umständen.«31 Doch nicht einmal diese Tatsache half, die Schwierigkeiten der Eheleute zu beseitigen.

Auch bei Bruder Victor gingen die Liebesangelegenheiten gründlich schief:

GÖDÖLLŐ, 10. OKTOBER 1876

Das sind die schweren Momente im Leben, wenn man sich hin werfen möge und heulen und man lachen soll und die Liebenswürdige und Heitere spielen muß für einen Salon voll Menschen, der dem Olimp entstiegen ist. Vor dem Diner erhielt ich ein Telegram meines armen Victor: Sefine32 hat plözlich »nein« gesagt, nachdem sie und die Eltern ihn 3 ½ Jahre an der Nase herum gezogen und ihn zu todt gequält mit ihren gewißenlosen Katz und Mausspiel. Und ich bin hier und kann ihn nicht an mein Herz nehmen und ihm sagen, wie tief ich’s empfinde, ihm nicht zu Hülfe kommen und ihm Stütze sein. Sie werden ihn fort quälen, der Winter mit seiner Langweile ist vor der Thüre!

Karl Festetics’ Sohn Sándor kam am 27. September 1876 zur Welt. Diese eigentlich erfreuliche Nachricht löste bei der Hofdame Traurigkeit aus:

GÖDÖLLŐ, 12. OKTOBER 1876

Nathalie hat einen Sohn! Stiefbruder meiner kleinen Matilde! Mein blondgelockter Engel, heiß geliebt und bitter beweint, schläft zum Schmerze aller unter grünem Hügel in kalter Erde faßt 10 Jahre und ist unvergeßen. Dieser arme Kleine, ungewünscht, da liegt er in seiner Wiege, des Vaters Herz ist ihm fremd, der Mutter Liebe nicht stark genug, ein Opfer ihm zu bringen! Mit Wehmut ist mein Herz erfüllt: Was wird das Schicksal des armen kleinen Ankömmlings sein, der doch ein fremdes Reislein in fremdem Erdreich ist? Die arme Nathalie wird das Richtige niemals treffen, leiden wir, er und ich!

Marie Festetics hatte einen anstrengenden Hofdienst zu leisten, sie wurde am Hof angefeindet und dazu kamen die zahlreichen Probleme der Familienmitglieder. Anfang 1877 erhielt sie besorgniserregende Nachrichten über den Gesundheitszustand ihres Vaters. Obwohl von einer eben überstandenen Operation selbst noch geschwächt, wollte sie unbedingt ihrem Vater beistehen, was sie dann auch tat. Ein paar Wochen nach dem Tod ihres Vaters notierte sie die Ereignisse in ihr Tagebuch:

WIEN, 7. MAI 1877

16 Tage, eine Welt von heißem Weh und unvergänglichem Schmerz, eine Lücke, die ewig unausfüllbar. Der theure Vater ist todt, sein edles treues Herz hat ausgeschlagen! Nie mehr sucht mich sein liebevoller Blick, nie mehr breitet er die Arme mir entgegen, nie mehr drückt er mich an sein warmes, weiches, zärtliches Herz, nie mehr höre ich seine liebe Stimme, nie mehr sein Trosteswort: »Weiberl, ich sterb noch nicht, wir sehen uns wieder!« Nie mehr legt er seine Hand segnend auf meine Stirne, niemals mehr höre ich sein Liebeswort!

Allmächtiger Gott! Da liegt er oben am stillen Friedhof und schaut stumm und bleich herab auf das stille Haus, wo er so bescheiden, so ruhig lebte, ach, und seinem edlen Herzen so viele Schmerzen auch auferlegt waren!! Und mein armer Victor, er ist jetzt dort allein mit seinem Weh. Er liebte den Vater heiß und dieser ihn. Sie fanden sich in ihrem Biedersein und Ehrlichkeit!!

Ich könnte Folianten schreiben und doch fehlt mir das Wort. Wir sind so verwaist, Vixl und ich. Alle Waisen, aber wir hingen so sehr an ihm und sein Wunsch, da oben zu liegen, herunter zu schauen zu seinen Kindern, hat so etwas ergreifendes. Ich dachte, er würde lieber in seinem lieben Tolna ruhen, wo er doch seine schöne Zeit sah, nein! Er wünschte ausdrücklich, wir fanden es in seinem Schreibtisch, und auch daß er gerne von Husaren getragen wäre, der alte Husar. Welcher Schatz von Treue lag in diesem Herzen!! Es geschah, die Comitatshusaren trugen ihn, den bescheidenen, lieben Mann, der sich wirklich mit Demuth seinem Schicksal beugte! Der reiche Herr in der Armut und wie er sie ertrug!! Seine edle Güte hatte ihn zum armen Mann gemacht. Schmerz war ihm das eigene Entbehren nicht, nur für uns litt er. Und es ging mir durch’s Herz, wenn er sagte: »Liebe Kinder, das nur thut mir weh, daß ich euch nichts geben kann.« Der Lohn für sein reines edles Leben war sein Tod! Die erhabene Ruhe, mit der er ihm entgegen sah, war Zeugniß für sein ruhiges Gewißen. »Weiberl! Kinder«, sagte er kurz vor seinem lezten Seufzer, »bitt euch, trauert nicht, ich sterbe gerne, ich fürcht mich nicht. Ich steh nicht schlecht mit meinem Herrgott, er wird mir gnädig sein. Ich dank euch, liebe Kinder, daß ihr alle gekommen seid.« Und eher eigentlich Abschied zu nehmen sagte er uns, Mama und allen Kindern, lebewohl. Mit Karl hatte er auch seinen Frieden gemacht und ließ sich gern von ihm heben! Gott sei Dank, der arme Kerl wäre faßt durch ein Mißverständniß um diese lezte Wolthat gekommen. Er ist sehr gebrochen, der Arme, ach! Wie wund ist alles in mir, die arme Mutter! Mertens, der Arme, hat immer etwas, um gekränkt zu sein und macht trotz seiner Güte das Schwere immer schwerer!

Den 26. April, früh 9 Uhr Donnerstag ging er hinüber. Den 28. bringen wir ihn hinaus! Der Flieder blühte und die Narcissen und die Nachtigall sang ihr Klagelied in der Nacht hinaus und er hörte es und hört es gerne ach, zum lezten Mal!

Während die Familienmitglieder ihre Trauer um den Tod des Vaters bewältigten, wollte in Söjtör noch immer keine Ruhe einkehren. Die Konflikte mit den Boxbergs beanspruchten den letzten Nerv von Victor Festetics. Im Oktober endlich löste sich das Problem:

GÖDÖLLŐ, 17. OKTOBER 1877

Gerade kömmt mir ein Brief meines Vixels! Oncle Ernst ist endlich glücklich abgereiset, Gott sei Dank! Er war noch zwei Tage bei Victor, dieses Beisammensein muß erquicklich gewesen sein! Es scheint auch, daß ihn das Gewißen drückt, denn, wie Vixel sagte, ist er furchtbar still gewesen und hat es vermieden, mit ihm allein zu sein! Beim Abschiede sagte er großartig: »Ich danke dir für alles. Lebe wohl! Führe deine Wirthschaft glücklich und kann ich dir mit etwas dienen, wende dich an mich.« Ich muß lächeln, wärend ich das schreibe. Das eine Mal, wo ich mich mit der Bitte an ihn wendete, Vixl bei der Concession der Bank auf Söjtör beizustehen, hat er es so practisch gemacht, daß der Ausgezahlte an uns 3.000 geringer, weil er vergaß, daß mit Forint und nicht in Silber gezahlt wird. Vixl hat recht, es war wie Hohn, besonders da er die ganze Zeit für ihn wirthschaftete, ihn, den armen Kerl. Um sich zu helfen, ein über das andere Mal in die größte Verlegenheit stürzte, ihm die Haut faßt abzog, sein Herz faßt brach und seine zarte Gesundheit unterminirte. Du lieber Gott, gibt es eine Gerechtigkeit?

Im August des folgenden Jahres nahte schon der nächste Schrecken. Der Schwager der Hofdame, August Mertens, der schon lange krank und auf die Pflege seiner Frau angewiesen war, inzwischen fast erblindet, lag im Sterben. Anfang September war das Leiden des Schwerkranken vorbei. Nun machte sich die Gräfin Sorgen um ihre Schwester Adele:

SCHÖNBRUNN, 7. SEPTEMBER 1878

Da bin ich und was liegt in den wenigen Tagen? Ich war in Mauthern, mein armer Schwager ist todt. Ich fand ihn nicht mehr! Der Arme hat viel gelitten, noch mehr die arme Schwester! Sie ist selbst sehr leidend und herabgekommen und gefällt mir gar nicht! Jezt hat sie eine furchtbare Zeit vor sich. Das Vermögen, das schöne Vermögen ist faßt verbraucht, das liebe kleine Haus ist vermiethet, August und Adele haben es der Marie Vlegl (Stiefschwester August’s) vermacht. Es sind steinreiche Leute und sie gibt Adele 600 jährlich, das ist alles! Das auch noch mit dem Elend im Herzen! Adele ist herzzerreißend. Er war ihr Abgott, ob man es begreift oder nicht, thut nichts zur Sache, aber er war es und als Frau war sie ein Musterbild und eine Heldin! 18 Jahre einen Mann pflegen, der wirklich eckel war in seinen Leiden, der krank war, als sie ihn heirathete und eigentlich klein in seinem geistigen Gesichtskreise. Das ist großartig von dem einst so hübschen, blühenden, geistig sehr gut veranlagten Wesen. Sie hängt schwärmerisch an ihm und es bewegt mir das Herz, nicht mit ihr sein zu können, diese erste schwere Zeit und nichts für sie thun zu können! Ich konnte nicht bei dem Begräbniß bleiben, da ich Dienst habe und Ihre Majestät mich braucht. Die Brüder blieben dort, wir haben rendez vous auf dem Südbahnhof, wo sie zwischen 2 trains soupiren und wenn es der Dienst erlaubt, ich hinein kommen will! Ja! Mir ist schwer um’s Herz, die Pflicht ist manchmal recht hart, aber der theure Vater sagte in seinen faßt lezten Stunden: »Weiberl, Herrndienst geht vor Gottesdienst. Vergeße das nie! Du dienst der Kaiserin und Königin.« Und darum sage ich nie etwas, bitte mich nie aus, verberge nie etwas und spreche von meinen Angelegenheiten nie, bis das Schwerste vorüber!

Anfang 1879 reiste Karl Festetics nach Wien und wollte auch seine Schwester besuchen, die ihm gleich anbot, abends bei ihr zu speisen. Da hatte sie nämlich Zeit, sich mit ihm zu unterhalten. Doch der Bruder kam nicht. Zehn Tage später erfuhr die Gräfin, dass Karl sich wegen eines alten Leidens im Krankenhaus befand. In den nächsten zwei Wochen konnte sie ihren Bruder jedoch nicht sehen, weil der Hofarzt, der den Kranken jeden Tag besuchte, ihr wegen der im Krankenhaus ausgebrochenen Masern und Diphterie davon abriet. Karl musste sich einer zwar schmerzhaften, aber »nicht gefährlichen« Operation unterziehen. Als Dr. Wiederhofer der Hofdame endlich die Erlaubnis gab, Karl zu besuchen, war sie über den Zustand des Kranken entsetzt:

WIEN, 9. FEBRUAR 1879

Lieber, lieber Gott! Und ich sank nicht nieder an seinem Bette! Und jezt in der Stille meines Zimmers überkömt es mich mit einem Weh, daß ich nicht begreifen kann, daß ich nicht aufschrie vor Weh! Da lag er, der schöne, fesche, junge Mensch, wie Skelet abgemagert, quittengelb, so schwach, daß er kaum die Arme nach mir ausstrecken konnte. Seine Augen leuchteten auf und seine Lippen flüßterten »Marie […] (unlesbar verwischt durch Tränen, Anm.), Gott sei Dank, daß ich dich sehen darf, daß du kommst.« Wir umarmten uns. Ich dachte, ich könne mich nicht erheben, konnte das Schluchzen nicht unterdrücken. Gott, gib mir die Kraft dazu, und die Liebe! Was ich litt, kann ich nicht beschreiben. Denn kein Wort gibt es, um das Elend zu beschreiben und was ein Menschenhaupt leiden kann, ohne auseinander zu gehen und doch vermochte ich zu lächeln. Ich begreife es, warum ich jezt kommen darf. Ich sah es ja: Es gibt keine Rettung, keine! Er stirbt und ich kann nicht bei ihm dort bleiben. Fremde Hände pflegen ihn. Mir schaudert und mein Kopf ist wirr. Er ließ mich so ungern fort, ich mußte fort. »Herrendienst ist vor Gottesdienst«, hat mein Vater gesagt. Ich ertrage es kaum!

Nach diesem Besuch saß Marie Festetics in jeder freien Minute am Bett des kranken Bruders. Noch eine ganze Woche verging, bis sie vom Dienst befreit wurde, sie hielt sich nämlich an ihren Grundsatz: »Herrendienst vor Gottesdienst«. Als die Kaiserin endlich von der Geschichte erfuhr, erlaubte sie der Gräfin, sich der geplanten Irland-Reise erst nach dem Tod von Karl anzuschließen. Bis dahin begleitete die Hofdame tapfer ihren Bruder auf dem schweren Weg. Sie benachrichtigte die Angehörigen, damit diese Gelegenheit hatten, sich zu verabschieden. Leider verlief auch hier nicht alles reibungslos:

WIEN, 20. FEBRUAR 1879

Hätte ich das Buch nicht, das Herz plazte mir. Allein mit ihm, keine Seele! Gestern sprachen wir vom Sohn. Ich sagte ihm, ob er denn nie Sehnsucht nach ihm hätte. »Ach«, sagte der Arme, »jawohl, aber ohne ihn geht es nicht und sie (Gattin des Kranken, Anm.)? Nein, das kann ich nicht.« Ich versprach zu interveniren, daß sie mir ihn einmal bringt. Er war zufrieden! Ich telegraphirte gestern klar und deutlich, wie es steht, hatte aber früher schon geschrieben. Jezt vor einer Stunde werde ich hinausgerufen. Sie steht da, »und das Kind?«, frage ich. »Ist in Ödenburg geblieben.« Ich weiß nicht, was ich sagte. Sehr liebevoll wird es nicht gewesen sein – so empört war ich! Nun wollte sie par force hinein. Dittl hatte gesagt: »Eine Emotion und die Flamme erlischt.« Sie bat so dringend, Karl schlief. »Komm«, sagte ich, »wenn er sich aber rührt, mußt du verschwinden.« Sie ging hinein, die nächste Minute stand sie am Bette des Sterbenden, sah ihn an. Er bewegte sich unbehaglich, ich schob sie hinter den Kasten. »Wer war da?«, murmelte er. »Niemand, Karl.« – »Als ob es Nathalie gewesen wäre«, flüsterte er. »Nur sie nicht! Warst du da?« – »Ja, mein Alter.« – »Dann ist’s recht«, sagte er lächelnd und schlief ein. Ich schob sie zur Thüre hinaus. Nachdem ich beruhigt war, daß er schlief, ging ich hinaus, um ihr einige Worte des Trostes zu sagen. Sie stand am Fenster und notirte etwas. »Arme Frau«, sagte ich und legte meinen Arm um sie. »Gleich«, sagte Sie. »Was schreibst du denn? »Ich schreibe auf, was ich dem Fiacker zahlte«, war die Antwort. Ich zog den Arm zurück. Das ist viel zu herzlos. Schade um mein Mitleid. Ich sagte gute Nacht und ging zu meinem Kranken.

WIEN, 21. FEBRUAR 1879

Da bin ich allein. Victor ist gekommen, Mama, Adele! Karl hat Alle gesehen! Tante Adele, Marie Tacoli.33 Zu meinem maßlosen Erstaunen haben Sie einen Geistlichen zu ihm gebracht, wärend ich bei der Kaiserin war um 19, ohne mir davon ein Wort zu sagen!!! Er verrichtet seine Andacht. Wie! Zu was diese Leute alles Courage haben, ist unglaublich! Niemand hat sich um ihn gekümmert, die ganze Sache. Jezt retten sie seine Seele! Als ob ich ihn hätte so hinüber gehen laßen und als ob sie verantwortlich wären!!! Das Wiedersehen mit Victor war ergreifend, Mama sehr ergriffen. Adele beneidet ihn, weil er August wiedersieht! Auch ein Standpunct, ich habe schon gar keinen mehr und denke nur an den Kranken, der so ruhig da liegt, deßen einziger Trost ich bin. Ach! Und ich? Ich zucke zusammen so oft ich mein Taschentuch zur Hand neme, denn ich trage ein Holztaferl im Sacke, worauf steht »nicht sekziren«, sonst geschieht das gleich und mir schaudert davon. Wie! Er soll in Frieden schlafen, ohne von den Hyänen mit Neugierde zerfleischt zu werden. Ich bin schon ganz stumpf, als ob ein Teufel mehr und mehr Winter ersänne! Einerlei was, er soll so sanft als möglich hinüber kommen. Sonst ist’s einerlei.

LONDON, 25. FEBRUAR 1879

Bin ich denn wirklich hier? Ich weiß nicht, wie mir ist! Ach so, so müde und kann doch nicht schlafen? Ich ließ wirklich den todten Bruder, ohne ihm das Geleite zu geben? Ich habe wirklich das alles verwacht! Der Bruder ist todt! Der gräßliche Kampf, der Abschied von ihm, dem Todten, deßen einziger Trost ich war; der Kuß beweinend und der Dank! Das Sterben nach dem Abschied! Das Fortgehen in der Nacht von dort zu Fuß, aus dem Krankenhaus zu Mutter hin! Sie schliefen! Mutter, Nathalie, Adele, wohl Ihnen, daß sie schlafen konnten! Dann die Burg! Einpacken, Abschied nehmen von dem Todten noch, der so ruhig in seinem Sarge lag! Ausruhte! Dann Abschied von den Meinigen. Mein armer Victor allein mit all dem! Dann fort in die weite Welt hinaus! Am Bahnhof noch Vixl und Gemmingen, dann ging es fort Tag und Nacht!

Kaum war Karl Festetics begraben, geschah bereits das nächste Unglück:

SÖJTÖR, 30. JUNI 1879

Wie ein wüster Traum ist’s in mir! Was hinter mir liegt, hatte Raum in 5 Tagen! Ich reißte den 25t von Wien ab, um ½ 12 Nachts kam ich in Alcsút an. Die Gewohnheiten kennend bat ich, die Hausordnung nicht zu stören und bis zur Morgenstunde mich nicht zu erwarten. Ich war todt müde, die Wagenfahrt ist 4 ½ Stunden und der Weg sehr schlecht. In der Frühe (ich war erst gegen 2 Uhr in’s Bett gekommen, Sofie34 Ich wundere mich nicht, aber sie war so schwach. Ich redete es ihr aus, aber sie blieb dabei. Solche Bange von désagrements lagen vor ihr.