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Klaus Theweleit

Das Lachen der Täter:
Breivik u. a.

Psychogramm der Tötungslust

Aus der Reihe »UNRUHE BEWAHREN«

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ISBN eBook:
978-3-7017-4481-7

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1637-1

Inhalt

The Killer Smiles.

Lachen 1. Utøya, Norwegen 2011.

Theorie 1. Oslo 2012. Tempelritter & Hochverrat.

Lachen 2. Zentralafrika. 1990er-Jahre.

Theorie 2. Ausstellung. »Staging«.

Lachen 3. Ruanda 1995. Hate Radio.

Theorie 3.

Lachen 4. Burbach, Siegerland, 2014.

Theorie 3. Vakuum und Herrschaft. »Homöostase«.

Lachen 5. Favoriten 2014. Syrien 2014 Lachende Mädchen.

Theorie 4. Männerphantasien revisited.

Theorie 5. »Erektionsfähigkeit« und »Gedächtnis«.

Lachen 6. Deutschland/England 1943ff London/Washington 1996ff.

Theorie 6. »Das Lachen«, physiologisch.

Theorie 7. Breivik. Erika Fatland auf Malta.

Lachen 7.

Theorie 8.

Lachen 8. Theorie 9.

Lachen 10. Religion und Vaterinstanz.

Theorie 11. »Ganz normale Männer« Sozio-Theorien.

Anmerkungen.

Bibliographie.

The Killer Smiles.

Im Kino.

Da steht einer in Schwarz, auf dem Holzpodest einer Außentreppe, Colt in der Hand. Unten ein Farmer, der ihm »im Weg steht«; unbewaffnet. Der Revolvermann weiß, er wird den Typ da unten gleich umlegen. Er verzieht den Mund zu einem Lächeln, drückt ab: Jack Palance, Shane, Western von George Stevens1, 1953. Der kleine Junge, ca. zehn, aus dessen Sicht der Film erzählt wird, steht daneben und muss es mit ansehen. »Shane« (= Alan Ladd), the good guy, wird die schändliche Tat später rächen.

Dann starb der Western selber. Er verstarb in und an einem Lächeln. Sergio Leone, dem bösen Buben von Cinecittá, genügte ein Lächeln auf dem Gesicht des All American Hero Henry Fonda, um den Western ins Grab zu schicken. Fonda zeigt dies Lächeln, bevor er »den kleinen Jungen«, ca. zehn, erschießt – den letzten Lebenden der Familie McBain, die den Plänen der Eisenbahngesellschaft »im Weg steht«; der Eisenbahn im Weg auf ihrem unaufhaltsamen Drang zum Pazifik.

Der kleine Junge ist unbewaffnet. Er steht gut drei Meter entfernt vom Killer. Fondas Colt hat einen überlangen Lauf; seine Augen strahlen das strahlendste Blau. Er lächelt, und drückt ab: C’era una volta il West = Once Upon A Time In The West; dt. Spiel mir das Lied vom Tod, 1968.

Der grinsende Kinderkiller Fonda hatte sich als junger Mann daran vergnügt (so zeigt die letzte große Rückblende des Films), bei einem Lynchakt das Opfer mit dem Hals in der Schlinge auf den Schultern eines Mundharmonikaspielers balancieren zu lassen: So lange würde der am Seil da leben, wie der mit der Mundharmonika unten durchhielte. Als dessen Spiel ab- und der Spieler entkräftet zusammenbricht, ist auch das Leben desjenigen auf seinen Schultern beendet (großer Auftritt Ennio Morricone, der die Filmmusik umbringt; gleichzeitig).

Mr. Fonda, der dieses Spiel sich ausgedacht hat, bricht nicht zusammen, sondern in sein schönstes Lachen aus. Dies alles in größter Nahaufnahme und in größter Langsamkeit – den zwei weiteren operativen Eingriffen, mit denen Sergio Leone »den Western«, das amerikanische Heldenepos, das von einem halbwegs zügigen Ablauftempo in der Halbtotalen lebte, in die vorbereitete Grube schickte.

»Es war einmal im Wilden Westen« – nein, genau so sollte es nicht gewesen sein in jener mythisch-heroischen Zeit, als der good guy dafür stand, dass keine solchen Killer ihr Unwesen länger treiben konnten als genau eineinhalb Stunden. Oberster Garant für einen weltenordnenden Ausgang war – neben Cooper, Douglas, Wayne oder Peck – eben Henry Fonda gewesen; der beste Mann mit dem guten Colt.

Eben dieser Inkarnation des Guten schiebt Leone, »der Perverse«, den Killercolt in die Pfote – und Fonda lässt es nicht nur geschehen. Er hilft mit als kalt lächelnd kooperativer Komplize bei der Beerdigung einer Kino-Ära. Ganz schlicht: Der »Gute« kann genauso gut das Schwein sein, und zwar 150 Minuten lang. The Killer Smiles. Zwar hat er auch andere Vergnügungen. Aber diese ist seine größte.

Dergestalt formulierte Sergio Leone, bis dato kaum bekannter italienischer B-Movie-Macher, eine hochkarätige theoretische Einsicht; die vom Lächeln oder Lachen als emblematischem Abzeichen des Killers.2

In George Stevens Film Shane – einem sogenannten Kultwestern – kann der good guy namens Alan Ladd noch demonstrieren, wie man einen Ort gutwilliger und arbeitswilliger Familien (= eine Gesellschaft, ein Land, einen Staat) vom »Bösen« befreit, ebenfalls mit der Waffe in der Hand, um dann selber, keinen Dank einfordernd (und schon gar keine Herrschaftsansprüche stellend), in der Weite des von der Kamera in den Blick gefaßten Horizonts zu entschwinden.

Shane hat heute viel von seinem anrührenden Schwarz-Weiß-Charme verloren; wenn nicht sogar alles – seit ich weiß (Stephen Kinzer verrät es in seinem Buch The Brothers), dass Shane der bevorzugte Film war, den die Dulles-Brüder, John Foster und Allen Dulles, in ihren Funktionen als US-Außenminister bzw. CIA-Chef während ihrer Amtszeit ausländischen Staatsbesuchern in Washington vorzuspielen pflegten; abends, nach den Verhandlungen, zur Entspannung –

Shane somit in die Rolle eines Zentralagenten des Kalten Kriegs katapultierend: Alan Ladd, der Gute, zeigt den Staatsgästen aus aller Welt, wie man »das Böse« (aller Welt) mit guter Waffe beseitigt.3 »Böse Länder« sind, auf dem ersten Höhepunkt des Kalten Krieges, Länder (aller Welt), die mit dem »Kommunismus« liebäugeln, oder auch nur mit demokratischen Staatsformen, die sie aber unabhängig von den USA entwickeln möchten. Den Aktivitäten der Dulles-Brüder – komplett gedeckt vom (angeblich) immer »golfspielenden« Präsidenten Eisenhower – fallen in diesen Jahren die werdenden Demokratien Guatemala, Indonesien und Kongo zum Opfer; Jacobo Arbenz, der erste demokratisch gewählte Präsident von Guatemala (er tut nicht, was United Fruit Company sagt), wird gestürzt und kann fliehen; gestürzt wird auch Sukarno (und kommt mit dem Leben davon; nicht aber eine gute Million seiner Anhänger, die der Nachfolger Suharto ermorden lässt). Auch nicht mit dem Leben davon kommt Patrice Lumumba im Kongo; alle stürzen durch amerikanische Under-Cover-Militäroperationen, koordiniert von den Dulles-Brüdern. Gegen alle diese Staatschefs ergingen Mordbefehle durch CIA-Chef Allen Dulles (wie schön: Alan Ladd!), auch gegen Fidel Castro und Ho Chi Minh, an denen die Killeragenten allerdings scheiterten.4

Und alle ihre Botschafter oder sie selber mussten Shane ansehen in Sondervorführungen des Capitols; Arm in Arm (für die Presse) mit den gutgelaunten Dulles-Brüdern. The Killers Smile.5

»In die Kameras lächeln!« – Arm in Arm mit den zu Tötenden: die Höflichkeitsform politischer Massaker fürs diplomatische Parkett.

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»Niederes Volk«, geht derber vor. Über eine Kette gleitender Zwischenformen reicht die Palette vom einfachen Lachen zum brüllenden Gelächter. Der Killer tobt (sich aus).

1G. S., der bald darauf mit Giganten und James Dean den Höhepunkt seines Ruhms erreichen wird, 1956.

2Eine keineswegs selbstverständliche Einsicht; vielen heutigen Gewalt-Theoretikern, die sich auch gern »Sozialpsychologen«
nennen, geht sie ab.

3Stephen Kinzer, The Brothers. John Foster Dulles, Allen Dulles, And Their Secret World War, New York 2013, 137f

4 Besonders Castro verbrauchte dafür eine Armee von Schutzengeln; Ho Chi Minh wurde geschützt durch seine Umgebung; sie war immun gegen Under-Cover-Killer-Infiltrationen.

5 Erst John F. Kennedy machte Schluss mit den Dulles-Brüdern; allerdings nicht mit ihrer Art Politik.

Lachen 1.

Utøya, Norwegen 2011

Anders Behring Breivik aus Oslo (32) tobt sich aus am 22. Juli 2011 auf der kleinen norwegischen Insel Utøya. Dort, wo die AUF, Jugendorganisation der »Arbeiterpartei« Norwegens, ihr jährliches Sommercamp abhält, erschießt er binnen einer Stunde 69 Menschen; meist jugendliche Sozialdemokraten. Den Polizisten, denen er sich um 18:24 Uhr ergibt, stellt er sich vor als »Kommandant der Antikommunistischen Widerstandsbewegung Norwegens«.

Emma Martinovic, achtzehn, eine der Überlebenden, die dem Töter durch einen Sprung ins Wasser entkam, erzählt, wie das Gelächter des Killers sie begleitete beim panischen Fortschwimmen von der Insel.

Behind us we could still hear the shooting, the screams, the laughter of the Bastard as he shot, and his shout to us: »You won’t get away«,

so notiert es der Reporter des englischen Guardian6, der als erster die dem Tod entkommene Emma Martinovic befragt hat. Im Prozess gegen Breivik gibt es mehrere solcher Aussagen.

Von dem schmalen Felsvorsprung, hinter dem Tonje Brenna kauerte, konnte sie hören, wie der Schütze jubelte, sobald er jemanden getroffen hatte: »Juhuu!«, schrie er wie ein Fußballfan, wenn ein Tor fiel.

»Jetzt sterbe ich, Viljar«, sagte ein Mädchen, das den Hang heruntergerannt kam.

»Du stirbst nicht«, sagte Viljar.

Die Schüsse fielen nun dicht hintereinander. Es war kurz nach halb sechs, und dem Täter war es gelungen, in der knappen Viertelstunde, die er auf der Insel war, 21 Menschen zu erschießen. Auf dem »Liebespfad« erschoss er weitere zehn.7

Breivik hatte sich, um ungehindert auf die Insel zu kommen – er musste dazu eine Fähre nehmen –, ein Stück des Henry-Fonda-Effekts zunutze gemacht. Er war in der Gestalt des Guten erschienen; in einer Polizeiuniform, die Vertrauen heischte. »Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass er ein Polizist war«, sagt Simen Braenden Mortensen, der Dienst hatte am Fähranleger:

»Er war freundlich, sagte, er sei der Anders und komme aus Oslo. Er müsse die Sicherheit auf der Insel überprüfen. (…) Ich habe nicht einmal seine Autonummer aufgeschrieben«.8

Der falsche Polizist macht Gebrauch von seiner Maske:

Sie hörten einen Mann mit freundlicher Stimme rufen: »Hier ist die Polizei. Ist da jemand? Ich will euch doch nur helfen«. Dann hörte Khalid ein Mädchen rufen: »Sind Sie sicher, dass Sie von der Polizei sind?« (…)

In dem Moment entdeckte Khalid die große Pistole in Breiviks Hand. Sah, wie dieser den Arm hob und dem Mädchen in den Oberkörper schoß. »Einfach so«, sagt Khalid. Sie ist umgefallen und ins Gras gestürzt. Und als sie da lag, ist er zu ihr gegangen und hat ihr noch einmal in den Kopf geschossen. Danach hat er zu uns aufgesehen und gelächelt. Als wollte er uns sagen: Und jetzt seid ihr dran.9

Der Killer lächelt, lacht, und tobt sich aus. 14-jährigen sozialdemokratischen Mädchen aus einem halben Meter Entfernung in den Kopf zu schießen – die so zutraulich sind, ihn für ihren Freund und Helfer zu halten –, ist ein hohes Vergnügen und ein großer Sieg im Kampf gegen den norwegischen »Kulturmarxismus«, den der Tempelritter Anders Behring Breivik auf sein Panier, d. h. in sein Internet-Manifest, geschrieben hat.

Der Killer triumphiert. Später im Prozess labt er sich an der Hilflosigkeit seiner Diagnostiker, wie er sich an der Hilflosigkeit der Opfer labte:

Er hat gejubelt, als seine Kugeln trafen, sagte vor 2 Tagen die 24-jährige Zeugin und Überlebende Tonje Brenna aus. Der Prozess gegen Anders Breivik tritt in eine neue Phase, denn nun sollen die Überlebenden in seinem Beisein ihre Sicht der Tat schildern.

So Journalist Paul Hockenos aus dem Gerichtssaal; er setzt fort:

Und ist die Freude beim Töten nicht ein weiterer Beweis für den Irrsinn des selbst ernannten Kreuzritters?10

Antwort: »Wahrscheinlich schon« – rhetorische Fragen mit vorgegebenen Antworten: »Irrsinn des selbst ernannten Kreuzritters« – was beantwortet das?

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Indonesien 2013

»Killer im Anzug. Menschenjagd. Mitte der 1960er-Jahre brachten Militär und Mob in Indonesien Hunderttausende Anhänger der Kommunistischen Partei um. Im Film ›The Act of Killing‹ spielen die Massenmörder sich selbst – und ihre Opfer.«11

Man stelle sich vor: Eine Gruppe ehemaliger SS-Schergen inszeniert sich vor einer Kamera und spielt nach, wie sie Juden umgebracht haben. Sie singen und tanzen dabei, tragen bizarre Outfits in knalligen Farben und brüsten sich mit ihren Gewalttaten. Amtierende Bürgermeister und Medienmoguln sitzen in Luxusvillen mit den Mördern auf dem Sofa und klopfen ihnen auf die Schulter – ebenfalls vor laufender Kamera.

Gibt’s nicht? Obwohl – ausdenken kann man sich alles. Ist aber nicht ausgedacht:

Joshua Oppenheimers »The Act of Killing«, der kürzlich in Toronto erstmals öffentlich gezeigt wurde, hat nicht den Holocaust zum Thema, sondern die Kommunistenverfolgung in Indonesien Mitte der 60er-Jahre. Dennoch vergleichen Kritiker »The Act of Killing« mit dem Holocaust-Film »Shoah«. Auch Oppenheimers Film, koproduziert von Werner Herzog und Errol Morris, lehrt das Grauen, ohne Tote zu zeigen. Und auch für »The Act of Killing« gilt, was Klaus Kreimeier 1986 über »Shoah« schrieb: »Die Sprache der Barbarei tappt nicht etwa in ihr gestellte Fallen, sondern sie ist geheimnislos. Man muss sie nicht herauslocken, man muss ihr nur zuhören.«

Sieben Jahre lang hat Oppenheimer der Sprache der Barbarei zugehört. Der 38-jährige Amerikaner lässt Massenmörder nicht nur vor der Kamera zu Wort kommen, sondern sie »das Schauspiel des Tötens« visualisieren. Hauptdarsteller: die Mörder selbst. Sie drehen einen Film über Verbrechen, auf die sie stolz sind. Oppenheimer filmt sie dabei. Protagonist Anwar Congo und seine Freunde sind Kriminelle in der Großstadt Medan in Nordsumatra, sogenannte Preman (= freier Mann). Die 1965 zunehmend einflussreiche Kommunistische Partei (PK) ist Anwar und »seinen Jungs« ein Dorn im Auge. Sie sind Mitglieder der paramilitärischen ultranationalistischen Pemuda Pancasila (PP) und verdienen, wenn sie nicht gerade Schutzgelder erpressen, ihr Geld als Ticketabreißer in einem Kino. Sie kleiden sich wie ihre amerikanischen Filmidole. Und es sind die Hollywoodstreifen, die das Publikum anziehen und Anwar & Co das meiste Geld einbringen. Jene Filme, die die PKI als imperialistisches Machwerk boykottiert. Als die große blutige Hetzjagd auf Kommunisten beginnt, muss man Anwar und seine Freunde nicht lange um Mithilfe bitten. Gegenüber von »ihrem Kino« liegt das Büro der PP.

In Indonesien ist wenig Geschichte »vergangen« seit damals. Auch dieses Büro gibt es noch.

Auf dessen Dachterrasse sieht man Anwar in einer der ersten Szenen von »The Act of Killing« tanzen. »Cha-Cha-Cha – da, da, da«. Der schlanke Mann in weißer Hose und grün-weißgeblümtem Hemd singt und tänzelt vor und zurück. Gerade hat er erklärt, wie sie damals die Kommunisten »allegemacht haben«. Wie es auf der Terrasse anfangs so viel Blut gab, dass es zu sehr stank. Wie er deshalb auf die Idee kam, seine Opfer mit einer Drahtschlinge zu erwürgen. Er hatte das in amerikanischen Gangsterfilmen gesehen. Wie gut dieses Vorgehen das Blutproblem löste. Wie er die Bilder im Kopf vertreibt mit ein bisschen Musik, ein bisschen Alkohol, ein bisschen Marihuana? »Da, da, da – uh, uh, uh.«

Er lacht und tanzt; große, große Zeit, damals.

Das Blutbad von 1965/66 hat zwischen 500 000 und drei Millionen Menschenleben gefordert. Suhartos Militär brauchte dafür zivile Handlanger. Tausende wie Anwar mordeten im Auftrag des Militärs oder gemeinsam mit ihnen. Und mit Unterstützung aus Washington in Form von Geld, Technologie und Namenslisten.

Auslöser waren angebliche Morde an indonesischen Militärs; gefaked:

Militärmedien hatten 1965 verbreitet, die ermordeten Militärs seien von Kommunisten gefoltert worden. Kommunistinnen hätten ihnen die Penisse abgeschnitten und die Augen ausgestochen. Der Obduktionsbericht, der dafür keinen Beweis liefert, blieb unter Verschluss (…) »Massenmord als etwas Heldenhaftes zu zeigen ist der Grundstein für Straflosigkeit.«

Mit sichtlicher Freude stellen Anwar und seine Freunde in Hollywood-ähnlicher Manier ihr Morden nach. Das wirkt so bizarr, dass man zuweilen lachen muss. Zugleich wird klar, dass die Täter einst so spielerisch mordeten, wie sie jetzt das Morden spielen. In der absoluten Gewissheit, über dem Gesetz zu stehen. Anwar kommen erst Zweifel, als er in die Opferrolle schlüpft. »Ich kann fühlen, wie meine Würde zerstört wird. Ob die Menschen, die ich gefoltert habe, auch so gefühlt haben?« (…)

Es ist kennzeichnend für die Körper der lachend Tötenden, dass sie irgendeine Emotion für irgendwen oder irgendetwas außerhalb ihrer selbst nicht aufbringen können. Ihre Psyche und Physis ist vollkommen absorbiert von dem Akt. Das soll aber nicht jeder sehen können; nicht die Falschen:

Trotz Medienfreiheit hat Indonesien nach wie vor eine Filmzensurbehörde, von der »The Act of Killing« kaum grünes Licht bekommt. Die Protagonisten drohen bereits, Oppenheimer zu verklagen. Vertreter der Pemuda Pancasila »bitten« öffentlich darum, den Film nicht zu zeigen. »Natürlich will ich den Film sehen«, sagt Erlina Gudadi, Vorsitzende von Kiprah Perempuan, einer Vereinigung von 1965er-Opfern. »Aber ich hätte zugleich Angst vor Gewalt, wenn er hier in den Kinos läuft«. Gudadi erzählt, wie Angehörige von Ermordeten vor Kurzem ein Massengrab öffnen wollten, um die sterblichen Überreste ihrer Verwandten angemessen zu beerdigen. »Zwei Tage, nachdem wir das beim Landrat angemeldet haben, tauchten am Ort des Massengrabes Transparente auf, die vor der ›neuen kommunistischen Gefahr‹ warnten«. Aus Angst gaben die Angehörigen ihre Pläne auf.

Dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, merkt man spätestens immer dann, wenn man (auch nur geringfügig) am Lack untergegangener Despotien kratzt, deren Protagonisten jedoch keineswegs verschwunden sind. Hintergrund:

Indonesiens Präsident Sukarno bewegte sich politisch zunehmend in Richtung Peking – zur Sorge des Westens und ihm verbundener Teile des indonesischen Militärs. In der Nacht zum 1. Oktober 1965 wurden sieben ranghohe prowestliche Militärs ermordet. Armee-Vizechef Suharto machte die PKI verantwortlich, entmachtete Sukarno und veranlasste eine beispiellose Hetzjagd auf Kommunisten – mit Unterstützung des Westens.

Letzter Satz ist etwas naiv. »Der Westen«, d. h. die Dulles-Brüder in Washington, also das US-Außenministerium und die CIA, standen als Auftraggeber hinter diesen Aktionen. Sukarno war ihnen ein Dorn im Auge, schon lange.12 Anett Keller:

»Diese Berichte haben eine enorme Diskussion ausgelöst, bei der vielen unwohl ist«, so der indonesische Historiker Hilmar Farid.

Den Killern war offenbar wohl dabei, ihre Morde auf Dachterrassen lachend und tanzend nachzuspielen, vor laufender Kamera. Solange die »Straffreiheit« garantiert ist.

»Die Welt« soll das sehen – solange man sich als Teil einer Macht zeigen kann, über der keine andere ist auf Erden. Straffreiheit in der erlaubten Übertretung ins göttlich Kriminelle, habe ich das genannt, 1994.13

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Kambodscha 1975–1979; Paris 2013

»›Dann ist bald niemand mehr übrig.‹ KAMBODSCHA. Rithy Panh dreht Filme, in denen er die Erinnerung an den Terror der Roten Khmer wachhält. In seinem beeindruckenden Buch Auslöschung schreibt er über seine Kindheit und über zwiespältige Gespräche mit Duch, dem einstigen Leiter eines Folterlagers.«14

»Heute ist Rithy Panh Filmemacher, sein Hauptwohnsitz ist Paris«, führt Cristina Nord uns ein.15 Und zu Kambodscha:

In den vier Jahren, die das Regime Pol Pots dauerte, von 1975 bis 1979, sterben 1,7 Millionen Menschen. Mord, Folter, willkürliche Verhaftungen, Denunziationen, systematische Hungersnot und ein eliminatorischer Hass auf alles, was als bürgerlich erachtet wird, sei’s ein Vorname, eine Brille oder eine Heirat aus Liebe, sind Alltag.

Der Film lässt sie an Claude Lanzmanns Verfahren in Shoah denken. Und:

Panh beruft sich dabei auf »LTI«, Victor Klemperers Studie über die Sprache im Nationalsozialismus, und auch an anderen Stellen führt er Zeugnisse des Holocaust an, die Bücher Charlotte Delbos etwa oder Alain Renais’ Film »Nacht und Nebel«, den er im Alter von 18 Jahren sieht: »Ich bin überrascht. Das ist genau dasselbe. Das ist anderswo. Das ist vor unserer Zeit. Aber das sind wir.«

Die Leichenberge der KZs, die Alain Resnais zeigt in Nacht und Nebel, lassen den Kambodschaner Rithy Panh nach 1980 ausrufen: »Das sind wir«; zwar »vor unserer Zeit«, aber der Körper zählt anders:

Fast 35 Jahre sind vergangen, seit Rithy Panh nach Frankreich ging. Trotzdem erlebt er noch immer Augenblicke plötzlicher Lähmung und Atemnot, etwa wenn er beim Arzt ist, sich Blut abnehmen lässt und ihm unwillkürlich vor Augen tritt, was Duch über tödlich verlaufende Blutabnahmen im Straflager erzählt.

Die historischen Mordfälle können sehr verschieden sein; aber die Bilder ähneln sich. Und der Körper spricht – zu Recht – »Das sind wir«. Gefühle haben eine andere, eine unwiderleglich andere Chronologie.

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Irak 2014

»›Sag deinem Bruder, was wir mit dir machen.‹ ›Islamische Fanatiker‹ überfallen ein Dorf in der Sindschar-Region, westlich von Mossul.«16

Nur 7 der 19 Familienangehörigen Alis, dessen vollen Namen wir zum Schutz seiner Familie nicht nennen sollen, haben die Flucht geschafft. Sie leben heute in einem Lager für Vertriebene in der Nähe der kurdischen Provinzhauptstadt Dohuk.

Von dort ruft er seine Schwester an. Ein Mann nimmt ab, beschimpft Ali, lacht und höhnt: »Sag deinem Bruder, was wir mit dir machen, sag ihm, welchen Spaß wir mit dir haben.« Die Zwanzigjährige muss nichts sagen. Jeder im Irak versteht, was die Andeutungen bedeuten: Der Unbekannte vergewaltigt das Mädchen.

Inga Rogg registriert entsetzt, dass »es die Fanatiker darauf anlegen, die sexuelle Gewalt öffentlich zu machen«:

Der IS brüstet sich mit Massakern. Und es sind nicht etwa ihre Gegner, sondern die Extremisten selbst, die Bilder von Massakern an irakischen und syrischen Soldaten verbreiten.

Gewöhnlich würden Soldaten in Kriegen ihre Verbrechen eher verheimlichen, schreibt sie. Wie wir schon gesehen haben, stimmt dies für den Typus von Killern, mit dem wir es hier zu tun haben, generell nicht. Sie sind vielmehr unbedingt auf das Ausstellen ihrer Taten aus.

Die Opfer sehen sie dabei ganz »unten« auf einer Skala der Bedeutung von Menschenleben; eher schon als nicht-mehrmenschlich. So

… stehen die Jesiden ganz unten, und die jesidischen Frauen gelten als legitime Beute im Kampf gegen die »Ungläubigen«. Den jesidischen Frauen bleibt danach nur Bekehrung – in diesem Fall stellen die Islamisten ihnen die Ehe mit einem »Gläubigen« in Aussicht – oder Sklavendienst. »Alle zwei, drei Tage kommen bei uns ein oder zwei Mädchen an, die Opfer von Massenvergewaltigungen wurden«, sagt der jesidische Vertreter Othmann. Andere Frauen und Mädchen werden verkauft.

Die Vergewaltigungen erscheinen dabei weniger als »sexuelle« Akte, sondern vielmehr als gezielte Gewaltakte:

Vielmehr ist die sexuelle Gewalt für sie eine Kriegswaffe, um unter den Jesiden Terror zu verbreiten. (…) Wichtig sei auch, was dies für eine mögliche Rückkehr der Frauen und Mädchen zu ihren Familien bedeutet. Denn die Jesiden haben zwar eine eigene Religion und eigene Kultur, aber in puncto Frauenrechte sind sie so konservativ wie ihre muslimischen Nachbarn, ob Kurden oder Araber: Auch sie ermorden Frauen, die außerehelichen Sex haben. Ob sie dazu vergewaltigt wurden, spielt auch für die Jesiden keine Rolle. (…) Schon jetzt gibt es Fälle von ungewollten Schwangerschaften und Familien, die sich weigern, ihre Schwestern oder Töchter wieder aufzunehmen.

Nordirak 2014

»Frauen als Beute. Kriegsverbrechen. Nach der Gefangennahme durch den ›Islamischen Staat‹ werden Jesidinnen unter dessen Kämpfern aufgeteilt – unter Berufung auf den Koran. Andere Muslime sehen das als Affront gegen den Islam.«17

In einer Online-Propagandaschrift brüstet sich die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) damit, dass sie gefangene Frauen und Kinder aus der Minderheit der Jesiden versklavt und an ihre Kämpfer verkauft.18 (…)

(…) Laut Human Rights Watch hält der IS noch immer Hunderte Jesiden gefangen. Junge Frauen und Kinder seien systematisch von ihren Familien getrennt, die Mädchen für 1000,– US-Dollar an IS-Kämpfer verkauft worden oder in Massenhochzeiten mit diesen zwangsverheiratet worden. Die Männer und Jungen müssten sich zum Islam bekennen und würden dann als Dschihadisten rekrutiert. (…) Diese Versklavung sei eine Tradition aus der Zeit des Propheten, die der IS nun wieder zu beleben trachte.

Die Tötungstradition beleben; so was geht wohl auch. Smile Quadrat.

Steht so alles im offiziellen Dschihadistenorgan Dabiq:

Dabiq illustriere und propagiere die Ideologie des selbst ernannten »Kalifats« und sei »sehr eng dran an der Führung des IS«; meint der Experte Guido Steinberg. (…)

Vergewaltigung wird systematisch als Waffe eingesetzt, auf allen Kontinenten und in allen Konflikten – als Machtmittel und mit dem Willen, politische Gegner oder ganze ethnische oder religiöse Gruppen zu demütigen oder gar auszulöschen.

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6The Guardian, 27. Juli 2011; aus dem Norwegischen von Andrew Boyle

7Karin Fatland, Die Tage danach. Erzählungen aus Utøya, München 2013 (Oslo 2012), S. 207

8Der Spiegel, 31/2011, S. 82

9Der Spiegel, a.a.O., S. 83

10Paul Hockenos, »Die neuen Kreuzritter«, taz, 11. Mai 2012

11Anett Keller, taz, 10. Oktober 2012

12Stephen Kinzer, The Brothers, 2013

13K. T., »Männliche Geburtsweisen«, in: Das Land, das Ausland heißt, München 1994

14Cristina Nord, taz, 4. April 2013

15Panhs Filme: S 21 – die Todesmaschine der Roten Khmer (2003); Les artistes du théatre brulé (2005). Duch – Der Schmiedemeister der Hölle (2011). Sein Buch (mit Christophe Bataille): Auslöschung. Ein Überlebender der Roten Khmer berichtet, Hamburg 2013

16Inga Rogg, taz, 24. September 2014

17Daniel Bax, taz, 16. Oktober 2014

18»Es heißt, der IS versklave auch in eroberten Gebieten christliche, jesidische oder kurdische Frauen und Mädchen – und verkaufe sie auf Märkten an seine Anhänger. Besonders verdiente Kämpfer bekommen die Frauen angeblich geschenkt.« (Georg Mascolo und Volkmar Kabisch, SZ, 17. September 2014)

Theorie 1.

Oslo 2012.
Tempelritter & Hochverrat

»Please allow me to introduce myself«: Anders Behring Breivik stellt sich der Welt nicht vor als »Individuum«; er definiert sich als Mitglied; als Teil einer übergeordneten internationalen Bruderschaft: der Knight Templars; einer »Tempelritter«-Organisation, in deren Namen er sein Massaker an jungen norwegischen Sozialdemokraten verübt hat.

Wer sind die Knight Templars und wozu braucht Breivik sie? Die hohe Bedeutung dieser »Mitgliedschaft« begreift man vielleicht am besten aus einer Bemerkung, die Breivik über seine Stiefmutter Tove Øvermo macht. Tove war angestellt bei der UDI, einer norwegischen Regierungsbehörde, in deren Zuständigkeit die Versorgung von Immigranten, meist Muslimen, mit regulären Papieren fällt. Als »gemäßigte Kulturmarxistin und Feministin«, wie Breivik seine Stiefmutter definiert, weist er sie der »Verräterkategorie B« zu. Sie ist eine bedeutende Frau in der Welt jener »multikulturell, kulturmarxistisch und feministisch verseuchten« Jungpolitiker, unter denen er gerade aufgeräumt hat. »Ironischerweise«, schreibt Breivik in seinem 1500-Seiten-Internet-Manifest, »steht die UDI als bedeutende Institution der norwegischen Multikulti-Politik ziemlich weit oben auf der Liste möglicher Anschlagsziele der KT« (– wie Breivik die Organisation der Knight Templars oft abkürzt):

Obwohl ich Tove wirklich ganz gerne mag, würde ich den KT nichts vorwerfen, wenn sie bei einem Angriff gegen die UDI hingerichtet worden wäre. Als primäres Werkzeug der Verräter-Kategorie B in Diensten des norwegischen Multikulti-Regimes und damit als Hochverräterin hätte sie damit zu rechnen gehabt.19

Ein »Tempelritter«, Exekutor mit »höherem Berechtigungs-Ausweis«, kennt keine mildernden Umstände etwa bei Familienmitgliedern; also auch keine prinzipielle Schonung einer (persönlich geschätzten) Stiefmutter.

Hochverrat, »High Treason«, ist Breiviks Wort. Hochverrat kann man, per definitionem, nur begehen als Staatsbürger eines Staats, gegen dessen höchste Sicherheitsbestimmungen oder Geheimhaltungsgesetze man verstößt. Als jemand also, der Aktionen startet, die dieser Staat als Existenzbedrohung auffasst, und sich daher zur Verhängung der Höchststrafe, Todesstrafe, berechtigt sieht. Dieser Feind von innen, »aus den eigenen Reihen«, heißt Hochverräter.

Indem Breivik hier mit Verräter-Kategorien operiert, setzt er sich selber und seine KT’s als diesen Staat; einen Privat-Staat, der über dem tatsächlichen norwegischen Staat und seiner gewählten Regierung platziert ist und damit seine eigene Rechtsprechung hat. Diese schließt die Verhängung der Todesstrafe ohne irgendwelche Gerichtsbarkeit ein. Breivik handelt im Namen dieses »höheren Rechts«.

Das Gleiche tun, wie wir aus aktuelleren Fällen wissen, auch jene »Dschihadisten«, die, in genau gleicher Begründungsart, nämlich im Namen eines »Kalifats«, das sie »Islamischer Staat« nennen, beliebige Gefangene ohne jede Art von Verhandlung willkürlich hinrichten und das Köpfen ihrer Opfer durch Halsabschneiden im »Netz«, bevorzugt auf Youtube, der Weltöffentlichkeit stolz vorführen. Der Killer grinst.

Es ist das Generalabzeichen aller derartigen Organisationen: dass sie kein Recht oder Gesetz außerhalb ihrer eigenen Rechtssetzung anerkennen; ob sie diese nun auf ein Buch wie den »Koran« gründen oder auf das höhere Recht einer europäisch-christlichen »Rasse«, die in Notwehr berechtigt ist, ihre Landes- bzw. Staatsfeinde zu töten; ohne Gerichte; ohne Beschlüsse; töten aus der Übergesetzlichkeit der eigenen Organisation. Dies »Tötungsrecht« kann jedes Mitglied für sich in Anspruch nehmen.

Wenn psychoanalytisch oder psychiatrisch argumentierende Kommentatoren aus der Lektüre von Breiviks Internet-Manifest und im Versuch, seine Taten zu »verstehen«, mit Ferndiagnosen wie »Schizophrenie«, »Borderliner«, »Narziss« usw. in die Zeitungsspalten drängen, dann hätten sie – läge dieser Typ bei ihnen auf einer Behandlungscouch – in etlichen Punkten vermutlich recht. Er liegt aber nicht auf einer Couch; er ist auch sonst in keinem Behandlungszimmer anwesend, und zwar prinzipiell nicht. Man »versteht« von diesem Typ wenig oder gar nichts, wenn man ihn mit dem Typus »Patient« verwechselt. Wer das tut, unterstreicht nur, dass er der Rede dieses Mördertyps mit seinem Postulat vom »höheren Tötungsrecht« allen Realitätsgehalt abspricht; ihn für »psychisch krank« erklärt; sein Reden und Handeln somit nicht ernst nimmt. Wie viele Leute aber muss man umlegen, um »ernst« genommen zu werden? 77 reichen offenbar nicht.

Er ist kein Patient; so wenig wie Himmler oder Hitler oder ein anderer dieser Mörder »höheren Rechts«. Wir haben es zu tun mit Weltrettern; Leuten, die angetreten sind, uns zu heilen; und zwar mit technisch hochwertigsten Killergeräten; der Faschist aller Länder und Kulturen versteht was von Waffen. Schon deshalb ist er kein Patient. Er ist der Arzt. Wir sind in seinen Augen Kranke; Leute, die der »Heilung« bedürfen. Seiner Therapie.

Ich habe Breivik in einer ersten Bestandsaufnahme seiner Kontur einen »freiflottierenden SS-Mann« genannt. »Die doch alle Psychopathen waren«, höre ich sagen. Selbstverständlich waren Himmler, Heydrich, Hitler usw. »Psychopathen«; aber was heißt das: Dass sie (zu Lebzeiten) nicht die richtigen behandelnden Ärzte gefunden haben – und deswegen zu Massenmördern wurden?

Nein. Ein paar grundlegende Überlegungen zur Struktur der Organisationen solcher Täter führen auf etwas anderes. Was war denn die deutsche Nazi-SS? Und was sind heutige gleichgelagerte Organisationen? Organisationen, die mit Berufung auf das Recht »höherer Rasse« oder »höherer moralischer Reinheit« oder des »höheren Rechts des männlichen über den weiblichen Körper« oder einer »höheren Religion« überall auf der Welt uns mit ihren supergerechten Handlungen schockieren. Was war die »SS«, die aus einem oder mehreren der vorgenannten Komplexe das »Recht zur Tötung« bzw. sogar Ausrottung anderer (= niederer) Lebensformen ableitete, anderes als Breiviks Knight Templars, die das höhere Recht des Tötens »niederer Multikultis« für sich in Anspruch nehmen? Der Unterschied liegt allein darin, dass die KT’s (noch) nicht die Staatsmacht selber sind, als deren Teil die SS im Nazi-Deutschland operieren konnte. Bevor sie offizieller Teil der Staatsmacht werden, sind Himmlers SS-ler nichts anderes als ein Tempelritter-Orden. Dieser ist im System Breivik die »übergeordnete Organisation« (der Ganzheits-Überkörper), dem er sich einfügt und der ihn ermächtigt. Auch wenn er als nur »1 Einzelner« handelt. Ohne diesen Ganzheits-Überkörper wäre er ein Nichts; d. h. ein »Normalbürger«, der sich zu verantworten hätte vor der bürgerlichen Gerichtsbarkeit seines Landes. Eben diese ist durch die Konstruktion der Knight Templars-Organisation (= seiner SS) ausgeschaltet.20

»Dieses verdammte Lächeln. Immer wieder geht ein Ruck durch die Zuschauerreihen, wenn Anders Behring Breivik den Arm zum nationalistischen Gruß streckt. Eine Geste der gezielten Provokation, des Hasses. Obwohl sie auf den Gerichtstag vorbereitet wurden, ringen die Opfer und Angehörigen der Opfer um Fassung«:21

Für die Anwesenden ist es ein Schlag in die Magengrube, als der Angeklagte den rechten Arm streckt und mit geballter Faust das Gericht grüßt. Danach lächelt er – und lässt alle im Tinghus, dem Osloer Gerichtsgebäude, verwirrt zurück. (…) Er habe »aus Güte, nicht aus Boshaftigkeit« gehandelt, trägt Breivik ungerührt vor und – er würde »es wieder tun«. (…)

Anwälte, Richter, Journalisten, Gerichtspsychiater, Zuschauer (…) Alle Zuhörer im Saal haben Probleme mit seinem Lächeln. Diesem Lächeln, das manchmal das Infame verkörpert und andere Male Breivik dazu dient, seine Person zu entdämonisieren.

Nach Gründen für sein Dauerlächeln gefragt, antwortet Breivik, er lächle über die Psychiater, die ihn für unzurechnungsfähig erklärt haben.

Apropos »ernst nehmen«: Der sog. Rassenwahn ist kein »Wahn«, er kommt daher im Anspruch einer Wissenschaft und ist (in entsprechenden Staaten) auch regulär als solche in Universitäten oder in der Rechtsprechung institutionell verankert. Er ist eine sehr schlecht begründete Wissenschaft; mit anthropologischen, genetischen, mikrobiologischen und neuronalen Forschungsergebnissen relativ leicht zu widerlegen. Aber an alle, die solche »Belege« nicht akzeptieren (s. Kreationisten etc.), kommt man mit solchen Widerlegungen nicht ran. Vielmehr schießen sie gern um sich, mit erbostem Gelächter, wenn sie mit ihrem Begründungslatein am Ende sind.

Das heißt nicht, dass nicht auch spezifische psychische Konstellationen bei ihnen vorlägen, die in Bezug auf ihr Morden bedeutend und aufschlussreich wären. Ihr Handeln ist aber zunächst Ausdruck einer postulierten Notwendigkeit der Handlungen selbst gesetzter Vereinigungen übergeordneten Rechts. Jede(r), der/die ihnen beitritt, tritt ein ins Recht ungestraften Mordens; tritt ein in den Status göttlicher Kriminalität; unantastbar von irdisch-juristischen Institutionen – und lacht erhaben (oder auch nur blöd) über jede andere Gerichtsbarkeit.

Der Killer will – an allererster Stelle –, dass seine Taten wahrgenommen werden und – bitte sehr! – zur sofortigen radikalen Veränderung seiner Umgebung – das heißt: der Weltlage – führen. So stellt er seine Tat(en), wo immer er kann, großartig aus. Wenn dann – unbeirrt von der Monstrosität, von der gefeierten Gesetzlosigkeit seiner Tat – »Diagnosen« wie Schizophrenie etc. aus aufgeklärten Zeitungsspalten oder gerichtlichem Expertenmund auf ihn niederrieseln, »kann er nur lachen«: »Das war ja zu erwarten, dass man mich als unzurechnungsfähig hinstellen würde. Ich bin aber nicht krank. Ich bin großartig. Die Zeit wird kommen, da werdet ihr mir ein Denkmal setzen.«

Anders Behring Smiles.

Georg Seeßlen, etwas matrix-überinfiziert, erschien Breivik als eine spezielle Art Klon. Aber das ist der universelle »SS-Mann« immer schon: »Von einer Mutter geboren zu sein, ist der falsche Weg, ruft es durch die abendländische Geschichte von Plato bis Goebbels.«22 Der Satz ist nur insofern zu korrigieren, als der Tatbestand über Goebbels hinausreicht und vor Plato zurück. Der zur vollen Größe erwachte »soldatische Mann« ist immer selbstgeboren durch Gewalt; durch verschiedene Arten seiner Körperzurichtung (»Drill«) als Teil der übergeordneten Ganzheits-Organisation; ausgerichtet auf die Tötung anderen Lebens.

Eben deshalb ist er auch ganz und gar nicht »Individualist« – wie verschiedentlich betont wurde –, bloß weil er als Einzelkämpfer auftritt. Viel lieber wäre ihm eine Armee von Knight Templars, mit der er Norwegen aufrollen könnte (und morgen die ganze Welt). Die hat er bloß nicht;23 also muss er seine Welterrettung alleine, als Single-Hero, ausführen.

Alleine ist er aber nicht; sein Ritterheer (oder ein anderes imaginäres) ist immer mit ihm; ist mit all solchen Killern. So weit gleichen sie sich; soweit lässt sich ihr Agieren beschreiben ohne ihre jeweils persönliche Psychologie bemühen zu müssen.

Ihre Aktion richtet sich auf die Herstellung einer Weltordnung, wie sie sie für notwendig erachten. Notwendig für sie selbst – zur Herstellung ihres eigenen körperlichen Gleichgewichts – und für die sie umgebende »Kultur« (Rasse, Religion etc.), die in einen Zustand gebracht werden müssen, der den eigenen »Spannungsausgleich«, die »Homöostase«, nicht stört, sondern vielmehr garantiert. Dieser Vorgang läuft zwar im einzelnen Körper ab, ist aber auch überpersonal; ist körperlich-politischer Ausdruck des Agierens in solchen Einrichtungen mann-dominierter, kriegerischer Organisationen und Gesellschaften, deren bedeutender Teil sie werden wollen und in der Ausführung ihrer Gewaltakte geworden sein werden, sobald diese »gelingen«. Ihr Hauptziel ist damit erreicht.

Nach dem exzessiven Lachen – dem Ausbruchs- oder Durchbruchslachen beim Morden auf Utøya – schaltet er um auf »entspanntes Lächeln« vor Gericht. Er hat sein Teil erledigt. Er ist im Lot.

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19»Kategorie A« sind jene Politiker und andere Vertreter des öffentlichen Lebens, die an erster Stelle verantwortlich sind für den ungehemmten Zustrom muslimischer Einwanderer nach Norwegen. Sie verdienen den Tod, wie auch die Vertreter der Kategorie B. »Der Polizei gegenüber gab Breivik an, dass er in Norwegen insgesamt zwölf Kategorie A-Verräter, u. a. Außenminister Jonas Gahr Støre, 4500 Kategorie B-Verräter, vermutlich die meisten Gesellschaftskritiker und weniger wichtige Politiker, sowie über 85 000 Kategorie C-Verräter, darunter die Jugendlichen, die an dem Sommercamp auf Utøya teilnahmen, identifiziert habe.« (Erika Fatland, Die Tage danach, 157)

20Auf die tatsächliche Realitätsform dieser Organisation kommen wir später.

21Per Anders Hoel, taz, 19. April 2012

22K. T., »Männliche Geburtsweisen«, in: Das Land, das Ausland heißt, München 1994, S. 40–70, 41

23All seine norwegischen Kameraden sind gerade dabei zu heiraten, was für ein Scheiß.

Lachen 2.

Zentralafrika. 1990er-Jahre

»›Ich bin so Tier oder Teufel‹. Uzodinma Iwealas schlanker Band Du sollst Bestie sein! wird einmal zu den endgültigen Afrika-Romanen gehören«, schreibt Rezensent Hartmut Buchholz.24

An den Techniken des inneren Monologs und der erlebten Rede geschult, entwirft der Autor das Psychogramm eines afrikanischen Kindersoldaten, der nach einem Massaker an der Zivilbevölkerung seines Dorfes von einer marodierenden Soldateska25 zwangsrekrutiert wird und immer auswegloser in einem Strudel aus bestialischer Gewalt, würgender Verzweiflung, Fühllosigkeit, Entsetzen und Einsamkeit versinkt.

Was »Agu«, dem Kindersoldaten wider Willen, da »heraushilft«, vorübergehend, ist dies:

»Ja, kämpfen macht Spaß … Killen gefällt mir«, halluziniert der Knirps im Drogenrausch, »ich mag das Geräusch, wenn Machete in Fleisch hackt, KATSCHAKK; KATSCHAKK, auf ihren Kopf, und wie das Blut auf meine Hand spritzt und in mein Gesicht und auf meine Füße. Ich hack und hack und hack, bis ich hochguck und es dunkel ist.« (…)