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Alek Popov

Mission: London

Roman

Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Diese Geschichte ist ein reines Phantasieprodukt. Jede Ähnlichkeit mit wirklichen Personen und Ereignissen ist zufällig.

Der Autor

Selbst wenn wir gigantische Erfolge in unserer Arbeit erzielen, gibt es keinerlei Grund, selbst-zufrieden und arrogant zu sein. Die Bescheidenheit hilft dem Menschen voranzukommen, während die Eitelkeit ihn zurückwirft. Das ist eine Wahrheit, derer wir uns immer bewusst sein müssen.

Mao Zedong,
Gruß an die Delegierten
der achten nationalen Konferenz
der chinesischen kommunistischen Partei,
15. September 1956

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

1.

Kosta Baničarov saß im Innenhof des Hauses in Hyde Park Gate und zählte die Flugzeuge, die über South Kensington hinwegflogen. Es war ein milder Frühlingsmorgen mit aufgelockerter Bewölkung. Die Forsythie in der Ecke des Hofs stand in voller Blütenpracht. Kosta Baničarov saß auf den Stufen, barfuß, in Jeans und Sweatshirt. Zu seinen Füßen stand eine halbvolle Flasche Beck’s, und zwischen seinen Fingern brannte eine vergessene Zigarette ab. Annähernd alle zwei Minuten kam ein neues Flugzeug vorbei. Das Getöse ihrer Triebwerke schleppte sich noch lange durch die Luft, nachdem sie vorübergeflogen waren, bis es unmerklich mit dem Lärm der nächsten Maschine zusammenfloss. Er hatte mehr als zwanzig gezählt. Ihr Geräusch erinnerte an die Brandung des Meeres. Die Fenster des Hauses standen weit offen. Die Zugluft wehte den Geruch von abgebrannten Zigarettenstummeln in den Hof. Die dünnen Vorhänge flatterten hin und her wie die Schleier einer betrunkenen Schauspielerin. Im Speisezimmer im Erdgeschoß waren noch die Spuren des gestrigen Gelages zu sehen. Es ging auf elf Uhr zu, aber Kosta hatte es mit dem Aufräumen nicht eilig. Er hatte den ganzen Nachmittag Zeit.

Zwischenzeitlich waren drei weitere Flugzeuge vorübergeflogen.

Ein nachdrückliches Läuten riss ihn aus seinem seligen Gleichgewicht. Kosta sagte sich, dass keine Macht der Welt ihn dazu bringen könnte zu öffnen. Als er jedoch erkannte, dass solche Stimmungen falsch und für seinen beruflichen Werdegang schädlich waren, wurde er weich. Er steckte den Zigarettenstummel in einen Spalt zwischen den Steinplatten und erhob sich unlustig. Er schlurfte durch das Foyer. Der riesige Kristallspiegel zeigte feindselig seine hagere Figur und hatte es eilig, sie aus seiner vergoldeten Umrahmung hinauszuwerfen. Es folgten neue, kurze Klingelzeichen.

– Ich komme ja schon, murmelte Kosta und fügte in Gedanken hinzu: Leck mich doch am Arsch!

Auf der Schwelle stand ein großer, finsterer Mann in einem grünlichen Trenchcoat mit einem Koffer in der Hand. Hinter seinem Rücken führte ein schwarzes Londoner Taxi komplizierte Manöver aus, um wieder aus der schmalen Gasse herauszukommen. Für Sekunden erforschten die beiden einander misstrauisch.

– Zu wem wollen Sie? fragte Baničarov auf Bulgarisch.

Das ermattete Gesicht des Herrn belebte sich mit einem säuerlichen Lächeln.

– Ich bin der neue Botschafter, sagte er und starrte auf die nackten Füße seines Gegenüber. Und wer sind Sie?

– Naja, ich also …, begann Kosta zu stottern. Ich bin der Koch.

Der ehemalige Koch! durchbohrte ihn eine schmerzliche Vorahnung.

– Sehr gut, nickte der Botschafter. Darf ich hereinkommen?

Kosta machte mechanisch den Weg frei; eine unerklärliche Kühle wehte ihn an, als der Mann an ihm vorbeiging. Die zage Hoffnung, dass dies ein plumper Scherz sei, ausgeheckt von den bulgarischen Immigranten, mit denen er in letzter Zeit in Berührung gekommen war, begann, sich in Luft aufzulösen. Der Mann stellte seinen Koffer ab, schaute sich um und zog angeekelt die Augenbrauen hoch. Der Koch spürte, dass er etwas sagen musste, bevor jener es tat.

– Wir hatten Sie erst in zwei Tagen erwartet, sagte er mit einem leichten Vorwurf.

– Das sieht man, bemerkte der Botschafter bissig mit einem Blick in das Speisezimmer.

– Wenn wir gewusst hätten, dass Sie heute kommen …, begann der Koch.

– Ich habe meine Pläne geändert, unterbrach ihn der andere.

Selber schuld, Blödmann! dachte Kosta Baničarov bei sich.

In all diesen Jahren, die er an den Tischen der Großen verbracht hatte, hatte der Koch einen besonderen psychologischen Spürsinn entwickelt. Er witterte sofort, dass sein neuer Chef der großen und weit verzweigten Familie der administrativen Kretins angehörte. Aber da war auch etwas anderes, etwas außerhalb seines gläsernen, dämlichen Blickes, das ihn unberechenbar und gefährlich machte. Kosta wurde plötzlich bewusst, dass dieser Typ vorhatte, sich hier anzusiedeln. Mehr noch, das war jetzt sein Heim, und er – Baničarov – würde ihn zu bedienen haben. Das schien ihm unendlich ungerecht.

Baničarovs kleiner Sohn krabbelte indes die Stufen aus dem Souterrain herauf, das von der Familie des Kochs bewohnt wurde. Der Bub hatte der Wachsamkeit seiner Mutter ein Schnippchen geschlagen, was ihn triumphieren ließ. Etwas vor sich hinbrabbelnd, richtete er sich auf und stapfte flink zu einem kleinen Tisch unter dem Spiegel. Auf diesem stand ein zartes Etwas, das schon seit langem seine Urinstinkte reizte. Baničarov hatte in jungen Jahren verschiedene Sportarten trainiert, aber mit der Zeit hatte er seine einstige Gelenkigkeit verloren. Der kleine Kerl klammerte sich an die Kante des Tischchens und neigte selbiges abrupt. Das Porzellankörbchen, geführt unter der Inventarnummer 73, zerschellte mit apokalyptischem Klirren am Boden.

– Tack-tack! brabbelte der Kleine fröhlich.

– Ich werde dir gleich ein Tack-tack geben! knurrte Kosta Baničarov, wobei er den instinktiven Drang unterdrückte, ihm eins über die Rübe zu ziehen.

Der Botschafter sah ihn mit giftiger Miene an.

– Kinder, murmelte der Koch wenig überzeugend.

Er klemmte sich den Kleinen unter den Arm und beugte sich über das Geländer.

– Nora! rief er.

Es kam keine Antwort.

– Nooora! wiederholte er. Komm sofort her!

– Schieb’s dir in deinen verschissenen Arsch! meldete sich schließlich eine heisere Stimme.

2.

Der Bürgermeister von Provadija drehte energisch die Hähne auf und ließ sich vom Strahl der Dusche vom Scheitel bis zur Sohle übergießen. Das Wasser klatschte in sein breites tatarisches Gesicht, schlug gegen seine mächtige, dicht behaarte Brust und floss in fröhlichen Sprüngen auf seinem titanenhaften Bauch zusammen. Der Bürgermeister von Provadija fühlte sich vortrefflich, trotz des dünnen Schleiers eines morgendlichen Katers, der immer noch sein Gehirn umfing. Es beseelte ihn das Bewusstsein, eine Mission erfüllt zu haben. Er hatte diese geheimnisvolle und weit entfernte Insel besucht, die einst die halbe Welt beherrscht hatte. Er hatte sich die Schlösser und Geschäfte angeschaut. Er hatte die Lebensumstände des Volkes kennen gelernt. Er hatte die entsprechenden Schlüsse gezogen, und er konnte behaupten, dass er inzwischen eine Vorstellung vom Stand der Reformen in diesem hoch entwickelten, westlichen Land hatte. Er war zufrieden, dass er seinen Verstand angesichts des Glanzes und des geschäftigen Treibens der Oxford Street nicht verloren hatte. Aber noch zufriedener stimmte ihn, dass er heute ins heimische Provadija abreisen würde – eine Stadt mit ruhmreicher Vergangenheit und fruchtbarer Erde.

– Ola-la! begann er aus voller Kehle zu singen. La-la-laa-aa!

Das Wasser strömte von allen Seiten auf ihn ein und gab dem Bürgermeister ein Gefühl von Ruhe und seelischer Ausgeglichenheit. Allmählich ordnete sich das Durcheinander in seinem Kopf und wich schließlich einer kristallenen Klarheit.

– Lalaa-lala-lala-lalaa! fuhr er fort, vor sich hin zu singen, während er seinen Kurzhaarschnitt intensiv einseifte.

Er bemerkte die dünne nasse Zunge nicht, und er konnte sie auch nicht bemerken, die unter der Tür des Badezimmers hindurchkroch und langsam begann, in den Teppichboden einzudringen.

Der Botschafter nahm seinen Koffer und machte sich auf den Weg in den ersten Stock, ohne ein Wort zu verlieren. Aus der grünlichen Färbung seines Gesichts schloss Kosta Baničarov, dass der Zauber der Liebe auf den ersten Blick ausgeblieben war. Die Perspektiven sahen noch düsterer aus.

Er war bis zur Mitte der Treppe gelangt, als er stehen blieb und lauschte.

– Da ist doch jemand, sagte der Botschafter und zeigte mit dem Finger nach oben.

– Ah, der Herr Bürgermeister …, erklärte der Koch; sein Tonfall legte nahe, dass es sich um ein Haustier handelte, das die Residenz seit ewigen Zeiten bewohnte.

Der Kleine wand sich mit unvermuteter Kraft in seinen Armen, er kratzte und biss. Baničarov drückte ihn noch fester an sich und zischte leise:

– Du nichtsnutziger kleiner Scheißer, du kommst ganz nach deiner Mutter!

– Bürgermeister?! sagte der Botschafter unruhig.

– Der Bürgermeister von Provadija, präzisierte der Koch mit einem gewissen Mitgefühl.

– Und wie kommt der hierher … diese Person aus Provadija? erkundigte sich jener voll Abscheu.

– Sie haben ihn hier untergebracht, sagte Baničarov. Im Hotel sei nichts mehr frei gewesen. Er reist heute ab.

Der Botschafter schwieg. Er hatte seinen Blick auf die nasse Zunge gerichtet, sich unheilvoll ihren Weg bahnte, so als befänden sie sich an Bord der Titanic. Über sich hörte er schmatzende Geräusche und Fluchen. Der Bürgermeister von Provadija tauchte auf dem oberen Treppenabsatz auf, ungezwungen in ein schmales Tüchlein eingewickelt, unter dem die Attribute seiner Männlichkeit hervorschauten.

Schau sich einer diese dämlichen Engländer an! rief er. Auf die Idee, ein Loch ins Badezimmer zu machen, kommen sie nicht! Ein einfaches, kleines Loch! Das ist doch keine große Sache! Ein Loch! Einen Abfluss!

Er machte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis und schaute durch die Öffnung, um die Offensichtlichkeit dieses dummen Versäumnisses zu demonstrieren. In sein Blickfeld verirrte sich plötzlich der finstere Herr, der mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck den nassen Pfad untersuchte.

– Guten Tag, sagte der Bürgermeister und warf Baničarov einen schnellen Blick zu. Ein neuer Gast, was?

– Das ist der neue Botschafter, sagte der Koch ohne übertriebenen Enthusiasmus.

– Ausgezeichnet! posaunte der Bürgermeister mit donnernder Stimme. Gratuliere!

Der Herr erschrak sichtlich.

– Ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen! rief der nackte Hüne mit dem tatarischen Gesicht. Sie werden meinen Aufzug entschuldigen. Aber es ist ein schöner Zufall, dass wir uns noch getroffen haben. Leider reise ich heute ab, sonst könnte ich Ihnen noch einiges über diese Heuchler erzählen. Ich will, dass Sie sich nur eines merken: Es gibt keine Demokratie in England. Das ist keine echte Demokratie!

Das Gesicht des Botschafters verriet unverhohlen Panik.

– Ich brauche Ihnen nicht mehr zu erklären, fuhr der Bürgermeister mit Nachdruck fort. Sie werden sich selbst davon überzeugen. Und vergessen Sie nicht, sie an das Bad zu erinnern. Einen Teppichboden haben sie gelegt, aber den Abfluss vergessen! Noch beim ersten offiziellen Treffen. Und wegen des Klosetts! Die alten Bulgaren haben das Wasserklosett erfunden, wussten Sie das? Ich habe es selbst nicht gewusst, aber kürzlich waren ein paar Archäologen bei mir, um Bericht zu erstatten. Sie hatten es bei ihren Ausgrabungen gefunden. Ganze 600 Jahre vor den Europäern! In der Stadt Provadija!

Zufrieden mit der Wirkung, die seine Worte sichtlich auf den wichtigen Herrn hatten, lehnte sich der Bürgermeister von Provadija über das Geländer und rief Baničarov zu:

– Meister, ist noch etwas von der guten Sülze übrig?

– Es ist noch was da, sagte der Koch. Soll ich sie aufwärmen?

– Essen Sie auch einen Happen mit, Sülze und ein eiskaltes Bier? Das nenne ich ein gesundes Frühstück, wandte sich der Bürgermeister liebenswürdig an den Botschafter.

– Wohl kaum, schüttelte jener steif den Kopf. Sein Mundwinkel zitterte erbost. Ich werde ein wenig spazieren gehen. Warten Sie nicht mit dem Abendessen auf mich. Und räumen Sie diesen Saustall auf! – Die letzten Worte galten Baničarov.

Er drehte sich abrupt um und rannte zum Ausgang, wobei er seinen Koffer auf der Treppe stehen ließ. Bevor er über die Schwelle trat, blieb er wie angewurzelt im Entree stehen und rief schrill:

– 93!

– Was hat der Junge bloß? … zuckte der Bürgermeister von Provadija mit den Schultern.

3.

Varadin Dimitrov verließ die Residenz unter dem Einfluss eines flüchtigen Cocktails widersprüchlicher Gefühle – Zorn, Entzücken, Verachtung, Scham … Verwirrt legte er die Entfernung von zweihundert Schritten zurück, die ihn von der belebten Kensington High Street trennte, und erstarrte vor dem Strom von Autos und Bussen, der in beide Richtungen floss. Gegenüber leuchtete das Gras der Kensington Gardens in mildem Grün. Lautlos glitten Menschen mit Tretrollern über die Alleen wie Wesen aus einer weit entfernten Utopie. Varadin Dimitrov machte sich zur nächsten Ampel auf. Eine alte Engländerin wartete dort an das metallene Geländer gelehnt. Ohne sie anzusehen, zischte er:

– 74!

Die Frau warf ihm einen verdutzten Blick zu und tat zerstreut, ganz nach den Regeln des berühmten Ratgebers »Wie Sie lästige Bekanntschaften vermeiden«. Im gleichen Augenblick wurde es grün. Der Verkehr kam zum Stillstand, und Varadin Dimitrov sprang mit breiten, langsamen Schritten wie ein Zirkel über die Straße. Die alte Frau folgte ihm in vernünftigem Abstand.

Der Park war voller Hunde und kleiner Kinder. Das Wetter war trocken, über den Rasen waren Menschen aus allen Ecken der Welt verstreut; einige kauten bereits an ihren mittäglichen Sandwiches. Varadin Dimitrov ging auf der Hauptallee weiter, vorbei am Kensington Palace – dem Haus der verstorbenen Diana Spencer. Dort und da hingen Blumensträuße am Zaun oder flatterten Kärtchen mit Botschaften im Wind, hinterlassen von den treuen Verehrern der Prinzessin. Er ging gleichmütig an diesen rührenden Liebesbezeugungen des Volkes vorbei und blieb für einen Augenblick vor dem Denkmal von Königin Victoria stehen. Sie hatte auffallende Ähnlichkeit mit einer nahen Verwandten, von der er in jungen Jahren ziemlich oft Prügel bezogen hatte. Danach bog er zu einem runden See ab und ging am Ufer entlang, das mit Vogelkot übersät war. Er fand eine freie Parkbank und setzte sich. Eine in der Nähe grasende Gans streckte ihren Hals nach seinem Bein und schrie durchdringend auf.

– 55, sagte er.

Varadin Dimitrov blieb beinahe eine halbe Stunde auf der Bank sitzen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken, er starrte nur auf die glatte Oberfläche des Sees, über die weiße Daunen schwebten. Die Gänse und Enten verloren allmählich das Interesse an ihm. Dann flüsterte er völlig unerwartet:

– Eins.

Und lächelte erleichtert.

Die Zahlentherapie von Dr. Pepolen wirkte. Als einer, der ununterbrochen nervlichen Belastungen ausgesetzt war, wusste Varadin Dimitrov das zu schätzen. Das System Pepolens basierte auf einigen simplen Annahmen. Er behauptete, dass die menschlichen Emotionen (ähnlich wie Erdbeben) nach ihrer Intensität auf einer Skala von 1 bis 100 gereiht werden können. Emotionen einzuordnen – lehrte Pepolen – ist ein Schritt, sie zu beherrschen. Er leitete spezielle Workshops für instabile, leicht erregbare Individuen, in denen er ihnen beibrachte, den Grad ihrer Emotionen zu messen. Die Sache war die: Sobald der Patient spürt, dass er die Kontrolle über seine Nerven verliert, muss er die erste Zahl zwischen 1 und 100 rufen, die ihm einfällt. Nach einem gewissen Intervall muss er irgendeine andere Zahl nennen, die, das ist die Bedingung, kleiner ist als die vorhergehende. Beim nächsten Mal wird die Zahl noch kleiner. Und so weiter, bis man zur Zahl »Eins« gelangt. In diesem Moment ist, nach Dr. Pepolen, die Emotion völlig beherrscht, eingekapselt und unschädlich gemacht; das Individuum hat also sein psychisches Gleichgewicht wiederhergestellt.

Varadin Dimitrov hatte das Glück, Dr. Pepolen während seines Mandates in einem skandinavischen Land kennen zu lernen. Unter dem Druck besorgter Verwandter meldete er sich für den berühmten Workshop an und praktizierte die Methode der Zahlentherapie seit nunmehr fast drei Jahren. – Es wirkt, war alles, was er dazu sagen konnte. Der Beweis dafür war, dass er sich jetzt hier befand und nicht etwa in der Konsularabteilung der Botschaft in Lusaka vor sich hin brutzelte. Die Nerven sind für die Karriere, was das Seil für den Bergsteiger ist. Wenn das Seil nicht hält, stürzt du ab, und die Sherpas kehren deine Überreste auf. Er war Zeuge vieler solcher Fälle gewesen. Und er hatte nicht die Absicht, einer von ihnen zu werden. Es gab nur einen Weg – und der führte nach oben.

Jetzt, da der trübe Strom der Emotionen, die ihn befallen hatten, abgeleitet war, sprühten in seiner Seele nur Funken reiner Freude, hell und klar wie ein Gebirgsbach. Er hatte sein Ziel erreicht. Er hatte das Überraschungsmoment genutzt. Das übliche Pack, das die Botschaften in der ganzen Welt bevölkerte, war in Aufruhr versetzt. Mit unaussprechlicher Zufriedenheit malte er sich die fieberhafte Geschäftigkeit in der Residenz aus. Die hysterischen Telefonanrufe. Die Panik in der Botschaft. Sicherlich erwarteten sie, dass er dort jeden Moment auftauchen würde. Sie verschoben bereits vereinbarte Termine. Sie räumten ihre Schreibtische auf. Er hatte die Pläne aller durcheinandergebracht.

– Melde gehorsamst, begann er zu kichern, die erste Etappe der Operation »Die Ankunft des Vorgesetzten« wurde erfolgreich abgeschlossen!

4.

Sein oder nicht sein?

Diese Frage drängte sich dem zweiten Botschaftssekretär Kišev auf, während er den Brief auf seinem Schreibtisch anstarrte. Er wagte nicht, ihn zu öffnen. Auf dem Umschlag prangte der Stempel der königlichen Kanzlei. Der Brief war heute Morgen angekommen und hatte sofort den Weg in seine Ablage gefunden. Er brauchte ihn nicht zu öffnen, um zu erraten, was darin stand. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Die eine würde ihn unter die Erde bringen, die andere jedoch würde ihn zu einem Helden machen. Er war kein Spielertyp und verfluchte sich dafür, dass er so leichtsinnig gewesen war, dieses Engagement zu übernehmen. Die ganze Sache war eine Nummer zu groß für ihn.

Wer nicht hören will, muss fühlen, wusste der Volksmund. Aber auf wen hätte er hören sollen, wo doch sein Mandat unbarmherzig auslief? Die Tage zerronnen einer nach dem anderen wie der Sand in einer Sanduhr. Vielleicht klammerte er sich deshalb an diesen Strohhalm, in der Hoffnung, den einen oder anderen Punkt gutzumachen, um die Günstlinge der Stunde in letzter Minute doch noch auszustechen. Das Leben auf der Insel gefiel ihm. Er hatte mehr als zwei Jahre hier verbracht, und es schien ihm eine beispiellose Ungerechtigkeit, gerade jetzt, da dieses Leben in ihn eingedrungen war, seine Sachen packen zu müssen. Was erwartete ihn zu Hause? Das konnte niemand sagen. Viel Wasser war während dieser zwei Jahre ins Schwarze Meer geflossen. Die Regierung hatte gewechselt; die Leute, bei denen er sich vorher angebiedert hatte, um sie für sich einzunehmen, waren aus dem Ministerium vertrieben worden – andere, neue und hungrige Leute waren an ihre Stelle getreten, und sicherlich schmiedeten sie bereits Pläne gegen ihn. In Panik wurde er seinem gesunden bürokratischen Instinkt untreu – wer nichts tut, macht auch keine Fehler! – stürzte sich fieberhaft in die Arbeit und bürdete sich eine delikate Vermittlungsaufgabe auf, die seine Kräfte offensichtlich überstieg. Er hatte sich eingebildet, dass man ihn zur Belohnung eine weitere Amtszeit in London belassen würde. Oder noch ein Jahr. Sogar ein halbes Jahr, auch das wäre schon etwas! Aber was vermochte ein kleiner zweiter Botschaftssekretär gegen das jahrhundertealte imperiale Establishment? Wie konnte er Einfluss nehmen? Aus welcher Position? Mit welchen Mitteln? Danach würde niemand fragen. Im Gegenteil, sie würden ihn zum Sündenbock machen – gerade ihn, den Wurm.

Du hast dich in die Nesseln gesetzt, Kišev, du hast dich in die Nesseln gesetzt, dachte er bei sich, während er finster den Umschlag betrachtete. Und wenn es nicht so war? Er musste positiv denken. Positives Denken war die Grundlage jedes Erfolgs. Das negative Denken war ein Erbe des Sozialismus. Vorsichtig öffnete er den Umschlag und zog das Blatt mit zitternden Fingern heraus.

Lieber Mister Kišev,

Ihre Majestät dankt herzlich für die liebenswürdige Einladung, an den Kulturfeiertagen teilzunehmen, die von Ihrer Botschaft organisiert werden. Zu ihrem Bedauern ist das offizielle Programm Ihrer Majestät in diesen Tagen so dicht, dass sie an dem Ereignis nicht wird teilnehmen können.

Sincerely Yours:
Muriel Spark,
Public Relations

Kišev las den Brief noch ein Dutzend Mal. In die eine wie in die andere Richtung. Der Inhalt blieb derselbe. Danach hielt er das Blatt gegen das Licht und starrte auf das Wasserzeichen, das durch das Papier schimmerte. Er roch an ihm – er atmete jenes flüchtige Aroma von Reichtum und Macht, das die Dinge ausstrahlten, die aus den Sphären der höheren Gesellschaft kamen. Eine tiefe metaphysische Angst ergriff ihn.

Dem Überbringer schlechter Botschaften droht der Tod, nicht wahr?

In diesem Moment klopfte es. Ein gelockter Kopf erschien für einen Augenblick in der Tür und schoss die Neuigkeit mit der Präzision eines Profikillers ab:

– Der neue Botschafter ist da!

Entgegen den Erwartungen Varadin Dimitrovs, der sich als schlechter Psychologe erwies, verbreitete sich die Nachricht von seiner Ankunft nicht augenblicklich in der ganzen Botschaft, sondern ging einen sehr langen Umweg, eher menschlichen Gesetzen folgend als denen der Natur.

Kosta Baničarov war eine einsame, verzweifelte Seele, der die Idee von Solidarität fremd war. Es kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, sich das Telefon zu schnappen, um seine Kollegen vor der drohenden Gefahr zu warnen. Genau genommen konnte ein Koch gar keine Kollegen haben. Es gab auf der Welt keinen einsameren Dienst als den seinen: Unter dem Koch stand der Hilfskoch, über dem Koch stand Gott oder, noch schlimmer, das Nichts, wie immer man das sah. Baničarov war Atheist.

Er servierte dem Bürgermeister einen Teller Sülze, öffnete zwei Flaschen eiskaltes Bier und setzte sich, um ihm Gesellschaft zu leisten. Bis zum Abflug blieben weniger als zwei Stunden, aber den Bürgermeister beunruhigte das nicht sonderlich, es schien ihm undenkbar, dass das Flugzeug ohne ihn abfliegen würde. Ungezwungen plauderten die beiden in den kurzen Pausen zwischen zwei Bissen des Bürgermeisters. Baničarov hatte keinen Zweifel daran, dass der neue Botschafter direkt in die Botschaft gerannt war, und der Gedanke daran ließ ihn zärtlich das Ende seines grau gewordenen Schnurrbartes zwirbeln. Um 15 Uhr 30 läutete Miladin, der Chauffeur, an der Eingangstür. Bürgermeister und Koch reichten einander die Hand.

– Wenn du einmal Arbeit suchst, sagte der Bürgermeister, dann bist du in Provadija herzlich willkommen. Mit deiner Sülze findest du bei uns immer einen Platz, mein Junge!

Der Chauffeur hatte natürlich keine Ahnung von der dramatischen Entwicklung der Dinge. Er erfuhr davon erst von seinem redseligen Gesprächspartner, der es sich nicht nehmen ließ, ihm zu seinem neuen Vorgesetzten zu gratulieren. Miladin war ein nicht minder einsames Wesen mit abgestumpften sozialen Instinkten, und auch er beschloss, die Nachricht für sich zu behalten. In seiner Jackentasche hatte er ein Mobiltelefon, das schaltete er aus. Nachdem er den Bürgermeister am Flughafen Heathrow abgesetzt hatte, fuhr Miladin zu einem der berühmten Londoner Flohmärkte.

Wieder allein, nahm Kosta Baničarov die Maske von Sorglosigkeit und Frechheit ab, die er im Beisein Fremder immer trug, und wurde finster wie ein Bauer, der den Weg der Hagelwolken über den erntebereiten Feldern verfolgt. Geflissentlich überhörte er die Vorhaltungen seiner Frau, die wie gewöhnlich gegen ihr soziales Schicksal wetterte.

– Allerlei Gesindel kommt hierher, frisst sich voll, scheißt alles voll, und dann darf man ihnen auch noch hinterherputzen! fluchte sie, während sie einen Stapel Teller in die Küche schleppte. Alle sind sie nun hochgestellte Persönlichkeiten! Es gibt kein Leben für das Volk!

Sie war eine untersetzte Frau mit großen Arbeiterhänden und einem unbezähmbaren Mundwerk. Ihre Augen, die sie immer zusammengekniffen hatte, betrachteten die sie umgebende Wirklichkeit vorwurfsvoll und mit tiefem Misstrauen. Als Ehefrau eines Kochs im diplomatischen Dienst hatte sie ziemlich viel von der Welt gesehen, aber in ihrem tiefsten Inneren glaubte sie, dass nur das heimische Stück Erde wirklich existierte, irgendwo zwischen Iskăr und Vitošagebirge. Ganz gleich, wo sie waren – ob in Paris, Berlin oder London –, sie organisierte das Leben der Familie, immer in Übereinstimmung mit ihrem in die Zeit vor Columbus zurückreichenden Weltbild, indem sie dem westlichen Dschungel allmählich einen Garten für ihre heimische Zivilisation abrang.

In letzter Zeit fragte sich Baničarov oft, warum, zum Teufel, er sie geheiratet hatte. Oder genauer: Warum, verfluchte Scheiße, blieb er mit ihr verheiratet? Aus Faulheit, das war die Wahrheit. Er war zu faul gewesen, sich eine Frau zu suchen, die sein Herz rührte, und hatte stattdessen die nächstbeste genommen. Später war er zu faul gewesen, sich scheiden zu lassen, und jetzt schleppten sie sich schon 20 Jahre zusammen dahin. Mit dem Sex klappte es nicht. Den ganzen Tag stritten sie sich. Sie verachtete ihn, er verachtete sie. Sie hatten innerhalb eines großen Zeitraums zwei Kinder gezeugt. Sie hatten ein wenig Geld gespart – zu wenig, um es aufzuteilen.

Am Nachmittag rief Čavdar Tolomanov in der Residenz an. Er lebte seit langen Jahren in London, mal trat er als Händler auf, mal als Künstler, aber in Wirklichkeit verdiente er seinen Lebensunterhalt mit etwas, von dem zu sprechen er vermied. Von Zeit zu Zeit versorgte ihn Baničarov mit billigen Zigaretten aus der Quote der Botschaft, und allmählich wurden die beiden Freunde. Čavdar Tolomanov erschien mit einem, sogar nach den niedrig angesetzten Kriterien des Kochs, extrem arroganten Vorschlag.

– Ich will dir nur sagen, dass ich eine Wahnsinnsbraut aufgerissen habe, ließ ihn jener wissen. Glaub mir, eine echte Latina. Willst du, dass sie mit dir spricht? Sie heißt Juliet. Dein Pech, sie kann kein Bulgarisch, haha …

Im Hörer hallte Musik wider, und Baničarov folgerte, dass Tolomanov von einem Lokal aus telefonierte. Er hatte wohl ein wenig getrunken, und offenbar amüsierte er sich gut.

– Hör zu, Alter, lass uns einen Deal machen …, fuhr Čavdar Tolomanov fort. Ist der Bürgermeister abgereist? Gut. Pass auf, wir haben dieser Juliet gesagt, ich sei der bulgarische Botschafter. Kann ich sie in die Residenz mitbringen? Nur für eine Nacht, ha?

– Das geht nicht! unterbrach ihn Baničarov. Der neue Botschafter ist schon da.

– Komm schon! wunderte sich Tolomanov. Wie denn so plötzlich?

– Ganz einfach, vor zwei Stunden ist er mit seinem Hintern durch die Tür, antwortete der Koch schroff. Bis dann, ich muss noch putzen …

Jetzt will er mir auch noch den Botschafter vorspielen! sagte er sich und knallte den Hörer auf die Gabel.

Damit war die Neuigkeit in Umlauf gebracht. Čavo Tolomanov fehlte die Härte der Botschaftsleute. Ohne das Handy, seinen ganzen Stolz, wegzupacken, wählte er die erstbeste Nummer. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Frau namens Dafinka Sachs. Sie lebte von der Rente ihres verstorbenen Mannes und hatte den Leumund einer fröhlichen Witwe. Sie saugte das frische Gerücht gierig auf, lehnte den Vorschlag Tolomanovs, die alte, reiche Tante zu spielen, die ihrem Neffen einen Ort für seine intimen Abenteuer zur Verfügung stellt, allerdings taktvoll ab. Dafinka Sachs schoss die Neuigkeit in einige Richtungen ab, und das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer bis zu den nichtsahnenden Ohren in der Botschaft, wo sich der Arbeitstag gerade seinem natürlichen Ende zuneigte.

Um halb fünf klingelte das Telefon der Sekretärin und eine schmierige Stimme sagte:

– Würden Sie mich bitte mit dem Herrn Botschafter verbinden?

Tanja Vandova schauderte, als hätte man sie mit kaltem Wasser übergossen. Sie kannte dieses Stimmchen, und es berührte sie unangenehm.

– Der neue Botschafter ist noch nicht angekommen, sagte sie eisig.

– Verleugnen Sie ihn nicht! Verleugnen Sie ihn nicht! sang die andere Seite süßlich. Ich weiß aus hervorragend informierter Quelle, dass er heute Nachmittag angekommen ist. Ich will ihn doch nur willkommen heißen.

– Da hat Sie Ihre Quelle wohl getäuscht, erwiderte die Sekretärin unerschütterlich. Hier ist niemand. Auf Wiederhören.

Tatsächlich war Tanja Vandova mitnichten so selbstsicher, und sie beschloss, sich auf den gesunden Instinkt einer Sekretärin zu verlassen. Es folgte ein kurzes Gespräch mit der Residenz, und Baničarov war gezwungen, mit der Wahrheit herauszurücken. (Ein großes Minus für den Koch!) Die Neuigkeit verbreitete sich blitzartig in allen Büros. Es war 17 Uhr 30. Die Botschaft entvölkerte sich, als sei sie von der Pest befallen.

5.

Die Augen der Beamten waren voller Trauer. Unruhig saßen sie am langen, nackten Tisch im Sitzungssaal unter der Landkarte Bulgariens, koloriert in kalten Rosa- und Gelbtönen. Böse Zungen behaupteten, dass die Karte hier nicht etwa hing, um bei den Bediensteten patriotische Spasmen hervorzurufen, sondern vielmehr, um sie daran zu erinnern, woher sie gekommen waren und wohin sie wieder zurückkehren würden, so sie nicht vorsichtig genug waren. In der Praxis war diese Aussicht das Einzige, was sie wirklich erschrecken konnte. Das Gespenst der Rückkehr! Es geisterte unerbittlich um sie herum, grinste aus jeder Ecke mit hässlichen Grimassen und vergiftete ihr Leben vom ersten bis zum letzten Tag ihres Mandats mit der Erinnerung an die wohlriechende heimische Schwarzerde. Die Rückkehr war ein Tabuthema, eingehüllt von beklommenem Schweigen. Jemanden zu fragen, wann er zurückkehren wollte (ein durchsichtiger Euphemismus), war ein Zeichen von Geschmacklosigkeit, von Grobheit, ja Feindseligkeit. Niemand sprach von Rückkehr, niemand wagte es, das Wort laut auszusprechen, aus Angst, die bösen Kräfte zu wecken, die irgendwo im Außenministerium schlummerten. Und obwohl alle, bis hin zum letzten Telefonisten, sich darüber im Klaren waren, dass es ein unabänderliches Schicksal war, unabänderlich wie der Winter, wie der Tod, hegten sie doch tief in ihrem Herzen die Hoffnung, dass es an ihnen vorübergehen würde, dass sie im allgemeinen Durcheinander irgendwie übersehen oder vergessen werden würden und dass die hässliche, traurige Nachricht sie nicht erreicht. Aber sie kam unwiderruflich, begleitet von der unheilvollen Formulierung »endgültige Rückkehr« – der Tat eines rachsüchtigen Bürokraten in einer weit entfernten Vergangenheit, die über Jahrzehnte unverändert blieb. Und es begann die Ebbe, der große Rückfluss; die verdammten Seelen machten sich auf den Weg auf die andere Seite, der Weg übersät von den Tränen ihrer Vorgänger, zurück durch das Terminal 2 in Heathrow, durch Gate 7 oder 9, zum finsteren Kahn der Balkan-Airlines, bis die Tür hinter ihrem Rücken endgültig zufiel.

Es war bald zehn vorbei. Der Platz des Vorsitzenden war immer noch leer. In kluger Distanz einige Stühle weiter saßen die Diplomaten mit geöffneten Notizbüchern und gezückten Kugelschreibern. Die technische Belegschaft hatte sich am unteren Ende des Tisches zusammengerottet – der Chauffeur, die Buchhalterin, der Funker, der Koch und der Hausmeister. Wenige Dinge verbanden diese Menschen so sehr wie die Feindseligkeit, die sich in Jahren des erzwungenen Zusammenlebens unter den Umständen von finanzieller und kultureller Resignation aufgestaut hatte. Trotz alledem konnte man sagen, dass sie es seit einiger Zeit vergleichsweise erträglich hatten und sogar sorglos lebten. Jeder hatte seine kleinen Freuden, und gemeinsam hatten sie eine große: Sie hatten keinen Vorgesetzten. Seit Monaten zögerte Sofia, jemanden für diesen wichtigen und reizvollen Posten zu ernennen. Die Interessen verschiedener Lobbys kollidierten miteinander und verhinderten eine schnelle Entscheidung. Es entwickelte sich eine Schlammschlacht, sodass der Weg zum windgeschützten Eiland begonnen hatte, einer aufgeweichten Dschungelpiste zu gleichen. In diesem weitgehenden Machtvakuum organisierte sich das Leben in der Botschaft wie von selbst auf der Grundlage der Vernunft und des Fortschritts, weit entfernt vom Chaos der administrativen Verordnungen. Die Reibereien zwischen den Bediensteten waren abgeklungen, es entstand ein diffuser Geist von Wohlwollen und Solidarität, der sich auf die Tätigkeit des Kollektivs günstig auswirkte. Nicht, dass die Denunziationen ganz aufgehört hätten, aber es gab niemanden, der darauf reagierte. Es gab niemanden, der Plus- oder Minuspunkte verteilte – Sofia war weit weg. Und nun hatte dieser ruhigen und natürlichen Koexistenz die letzte Stunde geschlagen. Der Vorgesetzte war angekommen. Er war unerwartet angekommen, ohne Vorwarnung – ein deutliches Zeichen seiner feindseligen Absichten. Das Leben der Beamten geriet durcheinander.

Die Sekretärin Tanja Vandova erschien plötzlich mit einem dicken Tischkalender unter der Achsel und sagte knapp:

– Er kommt.

Sie ließ sich auf den Stuhl rechts vom Platz des Vorsitzenden fallen, schlug ihren Kalender auf und begann zu warten wie die anderen. Im Zimmer machte sich Schweigen breit.

Während er die Stufen hinunterstieg, malte sich Varadin Dimitrov die verzagten Gesichter seiner Untergebenen aus, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Sollen sie warten, sollen sie zittern! Er hatte es immer schon gewusst, und er zweifelte auch jetzt nicht im Geringsten daran: Er hatte eine Bande von Nichtsnutzen gegen sich, die auf Kosten des Staates ein Parasitenleben führten. Im ersten Moment verblüfften ihn ihre Sorglosigkeit und ihre Selbstgefälligkeit, dann machten sie ihn wütend. Er begann zu überlegen, wie er ihnen so effektiv wie irgend möglich das Leben schwer machen konnte, um sie daran zu erinnern, dass der diplomatische Dienst nicht das große Los beim Lotto war. Es machte ihm Freude zu beobachten, wie sie ihr gewöhnliches Aussehen wieder annahmen, das dem von verschreckten kleinen Tieren glich. Und das sollte erst der Anfang sein.

– Guten Tag! grüßte Varadin trocken und nahm seinen Platz am oberen Ende des Tisches ein.

Die Kugelschreiber klickten wachsam, bereit, seine Belehrungen mitzuschreiben. Die Reflexe sterben zuletzt, dachte er zufrieden.

Dann zog er plötzlich ein finsteres Gesicht.

– Wo ist Herr Kišev?

Die Diplomaten sahen einander ratlos an und zuckten mit den Achseln. Er schüttelte tadelnd den Kopf.

– Ich werde Ihnen etwas Unangenehmes mitteilen, begann Varadin, so, als hätte er auch etwas anderes verkünden können. Lange Reden waren nicht nach seinem Geschmack. Er schreckte vor Ansprachen zurück, weil sie die chaotische Natur seines Denkens offenbarten. Seine Gedanken sprangen hin und her wie Heuschrecken, die aus einem Einmachglas entkommen waren. Und er hatte Schwierigkeiten, sie wieder einzufangen. Deshalb zog er es vor, den Mund so selten wie möglich aufzumachen.

– Sofia ist der Meinung, dass hier Anarchie herrscht, sagte er. Sorgfältig sammelte er die Krabbeltiere in seinem Kopf ein: Die Botschaft trägt nicht aktiv zum Aufbau von Bulgariens neuem Image bei. Es fehlen Kontakte auf höchster Ebene.

Schweigen. Blicke voll Hingabe.

– Wie Sie wissen, wird am Montag das Europäische Gipfeltreffen eröffnet, fuhr er fort. Es werden der Regierungschef selbst sowie Mitglieder der Regierung daran teilnehmen. Man erwartet, dass die EU eine neue Strategie für unseren Beitritt ankündigen wird. Ich gehe davon aus, dass Sie auf dem Laufenden sind.

Die Diplomaten nickten energisch. In dieser Sache waren zwischen Botschaft und Ministerium Dutzende von Faxen gewechselt worden. Die Details des Programms wurden präzisiert, Reden und Memoranden bezüglich der Absichten der Regierung in der einen oder anderen Sphäre fieberhaft übersetzt. Sowohl das Programm als auch die Reden wurden immer wieder abgeändert, sodass sie erneut präzisiert und übersetzt werden mussten. Es war die Hölle, es herrschte Hysterie, die in kleinen Wolken aus der Küche der Macht hereinschwebte.

– Ich warne Sie schon jetzt, hob er den Finger. Ich werde keinerlei Dummheiten dulden!

Ja, die Dummheiten – alle lebten sie mit diesem Alptraum, der verlässlich Wirklichkeit wurde. Die Beamten waren vom System so eingeschüchtert und unterdrückt, dass sie es nicht wagten, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Ihre Anspannung machte sich in einer Apathie bemerkbar, die im entscheidenden Moment an katatonischen Stupor grenzte. Dann wurden die Alpträume wahr.

– Was ist mit dem Konzert von Frau Seljanova? fragte der Botschafter, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass das Thema erschöpfend behandelt war.

– Wir arbeiten daran, meldete sich der Botschaftsrat Danailov mit der munteren Intonation eines Elektrikers, der ein hoffnungslos zerrissenes Kabel flicken sollte. Wir tun alles, was in unserer Macht steht!

– Warum wurde es dann schon zwei Mal verschoben? fragte Varadin streng, die Augen prüfend zusammengekniffen.

Panik machte sich in den Gesichtern der Diplomaten breit. Die technische Belegschaft beobachtete die Inquisition schadenfroh. Tanja Vandova sagte beschwichtigend:

– Wir konnten bisher noch keinen Vertreter des Königshauses organisieren.

– Laden Sie sie denn überhaupt ein?

– Selbstverständlich, entgegnete Tanja Vandova ruhig. Ihr Mandat lief im Sommer aus, sie hatte nicht viel zu verlieren.

– Wer kümmert sich darum? erkundigte sich der Botschafter kühl.

– Kišev, krächzten alle im Chor.

– Weiß er überhaupt, dass wir hier sind? fragte er.

– Ich weiß es nicht, zuckte Tanja Vandova mit den Schultern. Ich habe ihn seit heute früh nicht mehr gesehen.

– Suchen Sie ihn!

Sieht nicht gut aus für Kišev, dachte sie, als sie das Zimmer verließ. Beklemmung und Schweigen kehrten wieder ein.

– Die Postgewerkschaft hat versprochen, fünfzig Karten zu kaufen, meldete sich Konsul Mavrodiev aus dem Nichts, wohl in der scheuen Hoffnung, das Wohlwollen seines Vorgesetzten zu gewinnen. Das jedoch war ein großer Fehler. Der Botschafter strafte ihn mit einen ausgesprochen feindseligen Blick.

– Sie sind wohl nicht auf dem letzten Stand! wies er ihn zurecht. Es geht hier nicht darum, irgendwelches Gesindel zu versammeln. Es geht um die Crème de la Crème – Aristokraten, weltberühmte Persönlichkeiten …

Dieser Trottel! Wozu eigentlich die Mühe? Er stellte sich Frau Seljanova vor, auf der Bühne vor einem Haufen von Postlern und LKW-Fahrern. Dear Ladies and Gentlemen. Nicht auszudenken! Dann schoss ihm durch den Kopf, dass sich hinter diesem wohlwollenden Vorschlag vielleicht ein ganz anderes Ziel verbarg: Er sollte vor den Leuten, die das Sagen haben, dumm dastehen. Und der gutmütige und träge Konsul Mavrodiev wurde in diesem Augenblick zum Staatsfeind Nummer Eins, seine Vernichtung duldete keinen Aufschub. Mit ihren empfindlichen Rezeptoren empfingen die anderen im Nu, dass etwas Böses in der Luft lag – Gefahr! Gefahr! und sagten von da an kein Wort.

Der Name »Seljanova« ließ sie alle zittern, selbst Varadin Dimitrov. Besonders ihn! Devorina Seljanova war die Ehefrau eines einflussreichen bulgarischen Politikers. Sie wollte sich partout nicht mit der Rolle abfinden, die ihr die Geschichte zugeteilt hatte, und dürstete nach ihrer eigenen Aureole. Und wie man das kennt von einfachen Leuten, die durch die Willkür des Zufalls bis zum Gipfel der sozialen Hierarchie aufsteigen, so drehte sich auch in ihrem Kopf ein trüber Strudel von unangemessenen Ambitionen und grandiosen Plänen. Frau Seljanova strebte ungestüm nach dem exklusiven Klub der Weltelite, und dazu waren ihr alle Mittel recht – vor allem staatliche. Sie träumte sich in den strahlenden Kreis der Berühmtheiten, die die Klatschspalten der westlichen Hochglanzmagazine bevölkerten. In diesem Kampf um Prestige hatte Devorina Seljanova allerdings einen hartnäckigen und allgegenwärtigen Widersacher – ihre eigenen Volksgenossen, die die trostlosen Räume zwischen Hunger und Finsternis bewohnten. Sie konnten nicht und sie wollten nicht begreifen, wie wichtig es war, in diesem entscheidenden Moment gut auszusehen (comme il faut!). Sie stellten sie auf Schritt und Tritt bloß – und das auch noch mit einem gewissen Elan, Balkan eben. Undankbares Gesindel! Frau Seljanova aber gab nicht so schnell auf. Man musste mit den Wölfen heulen. Die Misere der breiten Massen war ein guter Grund, die feine Gesellschaft aus ganz Europa zu versammeln, um etwas Musik zu hören und einen Happen zu essen. Von dieser edlen Logik ausgehend, begann sie mit viel Verve und unterbewusster Rachsucht, in allen bedeutenderen Hauptstädten, in denen es bulgarische Botschaften gab, Wohltätigkeitsveranstaltungen zu organisieren. Eine schwere Prüfung für die Belegschaft der entsprechenden Gesandtschaften. Die Dame war anspruchsvoll und konnte den begrenzten Effekt ihrer philanthropischen Ambitionen nur schwer akzeptieren. Überall sah sie Verrat, Sabotage, Konspiration. Die Diplomaten waren nirgends auf der Höhe und nahmen sich ihr Werk nicht ausreichend zu Herzen. Eher waren sie bemüht, die Sache hinter sich zu bringen, um erneut im Sumpf ihres jämmerlichen Daseins zu versinken. Varadin Dimitrov jedoch hatte ihre Seelenqualen eindringlich erkannt und war im Stande gewesen, sie davon zu überzeugen, dass er ihnen gegenüber nicht gleichgültig war. Monatelang folgte er ihr überall hin und überzeugte sie, dass gerade er derjenige war, der ihre Träume im Mekka aller Snobs wahr machen würde. Sie hatte schließlich einen großen Teil zu seiner Ernennung beigetragen. Er stand in ihrer Schuld.

Sein Blick glitt über die Gesichter der Angestellten, traf aber nur gesenkte Köpfe. Ein gutes Zeichen. Er spielte seine Rolle gut. Nur ein schuldbewusster Angestellter ist ein guter Angestellter. Wer hatte das doch gleich gesagt …

Versunken in seinen Triumph über diese erniedrigten Seelen, verfiel er einer gewissen geistigen Abwesenheit, und seine Gedanken krochen in verschiedene Richtungen davon. Selbst Doktor Pepolen hatte kein Heilmittel gegen dieses Übel. Vielleicht war es die einzige Rettung, in allen Ecken seines Gehirns Gift auszulegen. Andererseits riskierte er dabei, auch den Leitgedanken zu töten. Nur welcher war dieser Leitgedanke? Sie sahen einander alle verblüffend ähnlich. Welchem sollte er nachgehen …

– Die Fenster sind nicht sauber, sagte er mit einem schweren Seufzer.

Die Gesichter der Diplomaten entspannten sich kaum merklich auf Kosten der technischen Belegschaft. Es vergingen lange, klebrige Sekunden. Die Buchhalterin Bianka Strugareva mühte sich, eine sinnvolle Erklärung zu finden, es gelang ihr nicht.

Tanja Vandova kam zurück und informierte den Vorgesetzten, dass Kišev überhaupt nicht zur Arbeit gekommen war. Sie hatte mit seiner Frau gesprochen: Er habe ein Stechen in der Brust gespürt, und man habe ihn zur Untersuchung ins Krankenhaus eingeliefert. Hilflose Wut ergriff das Herz des neuen Botschafters; er blinzelte einige Male schnell und sagte scharf: Sie können gehen!

6.

Während dieses Tages versuchte beinahe die ganze Belegschaft, mit ihm in Kontakt zu treten, aber er empfing niemanden. Er genoss es, seine Angestellten nervös machen, ihnen zu zeigen, dass er alles über sie wusste und keine Absicht hatte, sich ihre jämmerlichen Rechtfertigungen anzuhören. Sie sollten vor Angst zittern, in der Erwartung, gerufen zu werden!