Peter Henisch
Die schwangere Madonna

Peter
Henisch

Die schwangere

Madonna

Roman

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Ich sehe dich in tausend Bildern

Maria, lieblich ausgedrückt,

Doch keins von allen kann dich schildern,

Wie meine Seele dich erblickt

Novalis

A broom is drearily sweeping

Up the broken pieces of yesterdays life

Somewhere a queen is weeping

Somewhere a king has no wife

And the wind cries “Mary”

Jimi Hendrix

Für Alfred Koch,

ohne den Maria und Josef nicht nach Monterchi

kämen.

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erster
teil

1

Ein Attentat auf die Madonna habe ich nie vorgehabt. Ausgerechnet mir eine solche Absicht zu unterstellen ist absurd. Entschuldigen Sie, Commissario, ich will Ihnen und Ihren Kollegen gegenüber nicht respektlos sein. Aber mit diesem Verdacht sind Sie auf dem Holzweg.

Es stimmt, daß ich es verabsäumt habe, den Ausstellungsraum rechtzeitig zu verlassen. Daß ich also eine Nacht mit der Madonna verbracht habe. Vorsätzlich? – Nein. So würde ich das nicht nennen. Es hat sich ergeben. In gewisser Hinsicht war es ein Ergebnis.

Ich habe das schon bei den Einvernahmen zu klären versucht. Aber man hat mir nie richtig zugehört. Alle waren so fürchterlich aufgeregt. Angefangen von dem Nachtwächter, der mich entdeckt hat.

Und erst die Carabinieri. Du lieber Himmel! Wie sie aufgetreten sind mit ihren kugelsicheren Westen! Wie sie mich in Schach gehalten haben mit ihren Maschinenpistolen! Natürlich hat mich diese Aufregung angesteckt.

Vielleicht habe ich allerdings nicht alles richtig verstanden. Oder ich habe mich nicht in allen Details verständlich machen können. Zwar hat sich in den fünf Wochen, die ich nun in Ihrem Land verbringe, mein Italienisch um einiges verbessert. Aber, so leid es mir tut, perfekt ist es noch lang nicht.

Ich will also alles in meiner eigenen Sprache aufschreiben. Im Vertrauen darauf, daß Sie es sorgfältig übersetzen lassen. Daß Sie meinem Wunsch nach Papier und Filzstiften nachgekommen sind, deute ich als Schritt zur Verständigung. Oder brauchen Sie nur Schriftproben für den Graphologen?

Wie dem auch sei, ich will die Gelegenheit nutzen. Die Chance, mir Verschiedenes von der Seele zu schreiben. Die Ruhe dieser fast klösterlichen Zelle. – Wo sind wir überhaupt, Commissario, wohin hat man mich gebracht? – Tut mir leid, ich bin nicht der große Fang, für den Sie mich halten. Mit den Delikten, die Sie mir anhängen wollen, kann ich nicht dienen. Aber wer weiß, vielleicht finden sich ein paar andere. Ich will versuchen, mich möglichst genau zu erinnern.

Also von Anfang an … Bloß: Wo ist der Anfang?

Wenn ich berichten will, wie ich das Auto entwendet und das Mädchen entführt habe … Wenn ich detailliert festhalten will, was seither alles geschehen ist … Kann ich da einfach mit der Szene auf dem Schulparkplatz beginnen?

Nein, kann ich nicht. Alles hat sich schon früher angebahnt.

Jahre oder Monate früher. Zumindest Wochen früher.

Im übrigen habe ich das Mädchen gar nicht entführt.

Ich habe sie wiederholt gefragt, ob sie aussteigen will.

2

Vielleicht sollte ich mit meinem Besuch im Pflegeheim beginnen. Wahrscheinlich hätte ich das Feature über die Alzheimerpatienten nie machen dürfen. Ich war Rundfunkmitarbeiter, Commissario, Mitarbeiter der Feature-Redaktion des Hörfunks. Ein Feature – ich weiß nicht, ob man dieses englische Wort auch hierzulande in diesem Sinn gebraucht – also ein Feature ist ein Hörbild.

Ich war freier Mitarbeiter, ich lieferte Beiträge aus kulturell und sozial interessanten Bereichen. Jedenfalls kamen sie mir und, wie ich jahrelang den Eindruck hatte, auch einigen anderen interessant vor. Kollegen respektierten mich, Hörer schrieben zustimmende Briefe, Jäger, der Chef der Abteilung, lud mich sogar manchmal zum Essen ein. Nicht einfach in die Kantine, sondern zum Griechen, wo man nicht nur gut essen und trinken, sondern auch recht entspannt plaudern konnte.

Frei schwebender Mitarbeiter – so nannte ich mich manchmal im Scherz. Im Rahmen des Sparprogramms, das die neue Regierung auf Gedeih und Verderb durchzuziehen entschlossen war, hatte die Intendanz die Absicht, solche wie mich auf den Boden der Realität herunterzuholen. Die einen würde man ganz oder teilweise anstellen, von den anderen würde man sich leider trennen müssen. Was bevorstand, war so etwas wie die Scheidung der Böcke von den Schafen – biblische Assoziationen wie diese hängen nicht zuletzt damit zusammen, daß ich auf dem Schulparkplatz ins Auto des Religionslehrers gestiegen und geraume Zeit damit gefahren bin.

Ein Auto, an dessen Tür der Schlüssel steckte. Wie der Zufall so spielt. Aber vielleicht war das alles kein Zufall. Jedenfalls habe ich damals natürlich nicht gewußt, in wessen Auto ich steige. Mein Sohn, den ich von der Schule abholen wollte, ist auf Wunsch seiner Mutter vom Religionsunterricht abgemeldet, der Religionslehrer war mir also weder vom Hörensagen noch persönlich bekannt.

Alles der Reihe nach – ich will versuchen, System ins Chaos zu bringen. Mein Besuch im Altenheim also, im Alzheimerheim. Natürlich heißt es nicht offiziell so, aber der Zustand der meisten Patienten dort entspricht diesem Krankheitsbild. Dem Bild, das man sich von dieser Krankheit macht – unscharf genug, aber beunruhigend.

Darüber wollte ich ein Hörbild machen, vielleicht keine so gute Idee. Für einen wie mich, den ohnehin gewisse Ängste plagten. Ich ließ mir nichts anmerken, versuchte, dem mehr oder minder ausgeglichenen Menschen zu ähneln, der ich einmal gewesen war. Doch eine gewisse zunehmende Zerstreutheit, eine nach und nach irritierende Vergeßlichkeit machte mir zu schaffen.

Zu Hause verbrachte ich immer mehr Zeit damit, Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu suchen, die ich verlegt hatte. Im Rundfunk traf ich immer häufiger Leute, die mich auf etwas Gemeinsames ansprachen, an das ich mich nicht erinnerte. Häufig erinnerte ich mich nicht einmal an die Personen. Manchmal kamen sie mir zwar bekannt vor, aber nur selten und dann meist mit Verzögerung fielen mir die Namen ein.

Sicher hatte das auch mit Streß zu tun – die Reform und das zuvor erwähnte Ausleseverfahren hing über unseren Häuptern. Mit Streß und Überarbeitung – man mußte zusehen, daß man sich qualifizierte. Bevor ich die Alzheimergeschichte anpackte, hatte ich drei Sendungen in einem Zeitraum geschafft, in dem ich sonst eine machte. Ich hatte fast pausenlos gearbeitet. Ich hatte wenig geschlafen.

Und dann eben dies: das Pflegeheim und die Interviews. Die Angehörigen berichteten über Symptome, die ich von mir selbst zu kennen glaubte. Die Patienten waren nur zum Teil ansprechbar, manche waren schon völlig jenseits einer Grenze, die mich ebenso erschreckte wie faszinierte. Diese Faszination will ich nicht leugnen – hätte ich sie nicht von vornherein empfunden, so hätte ich die Alzheimersendung gar nicht vorgeschlagen.

Ab und zu kamen die Patienten aber kurz von jenseits der Grenze zurück. Dann gaben sie überraschende Sätze von sich. Diese Sätze oder Satz fragmente klangen manchmal komisch, manchmal tragisch, manchmal surreal, manchmal jedoch wie grelle Erkenntnisblitze. Einige davon nahm ich auf – von dem, der mich am meisten beschäftigen sollte, wurde mir allerdings nur erzählt.

Ein älterer Herr, selbst Arzt, allerdings nicht für Psychiatrie, sondern für innere Medizin, hatte seine Frau, die seit Jahren an Alzheimer litt, mit dem Auto spazierengefahren. Dabei gewesen sei eine Betreuerin sowie die Tochter der Kranken, die sich zu einem Interview bereit erklärte. Wer ist der größte Feind des Menschen? habe der Vater angesichts des riskanten Überholmanövers eines anscheinend Betrunkenen rhetorisch gefragt (er war engagiertes Mitglied einer Abstinenzlervereinigung und erwartete die Antwort: der Alkohol). Bevor aber die Tochter oder die Betreuerin in diesem Sinne bestätigend antworten konnten, habe die ihr bewußtes Leben lang schwer katholische Mutter geantwortet: Gott!

Gott der größte Feind des Menschen – dieser Satz und die kuriose Situation, in der er gesprochen worden war, ging mir nicht aus dem Kopf. Beim Überspielen der Interviews, beim Abhören und Schneiden der Bänder, beim Notieren der Moderation kam er mir immer wieder in den Sinn. Ich konnte mich dieses Satzes nicht erwehren. Beim Notieren anderer Sätze erwies er sich als ausgesprochen störend.

Dieser Satz hatte was. Vielleicht, dachte ich, sollte ich ihn als Titel für die Sendung verwenden. Ich tippte ihn eine Seite lang immer wieder. Vielleicht ein Versuch, ihn zu bannen. Der Versuch mißlang. Auf den Befehl, die Seite auszudrucken, lieferte mir der Drukker nichts als Hieroglyphen.

Das kam allerdings öfter vor. Ich hatte manchmal Probleme mit den Geräten. Lang hatte es gedauert, bis ich mich von der Schreibmaschine, auf der ich seit meiner Studentenzeit zu tippen gewohnt war, auf den PC umstellte. Mit dem Schneiden am Computer konnte ich mich überhaupt nicht anfreunden. Es war mir nach wie vor lieber, Kassetten auf meine alte Tonbandmaschine zu überspielen und auf klassische Weise mit Schere und Klebebändern zu arbeiten. Beim Rundfunk war das belächelt, aber bislang toleriert worden. Wenn ich mir diese Arbeit zu Hause antat, statt einen Platz in der Redaktion zu blockieren, hatte das, ökonomisch betrachtet, sogar Vorteile. Nicht für mich, aber das war meine Sache. Ich hatte halt eine gewisse Disposition zum Anachronisten.

Zum Anachronisten wohlgemerkt, nicht zum Anarchisten.

Entschuldigen Sie, Commissario, aber Ihr Verdacht ist zum Lachen.

Oder zum Weinen. Aber das können Sie noch nicht verstehen.

Nicht bevor Sie begreifen, was für ein Verhältnis ich zu dieser Madonna habe.

Im Ernst – mit Ihren Anarchisten, wie immer sie sich nennen, lasse ich mich nicht in Verbindung bringen. Mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun. Eine gewisse Tendenz zum Anachronismus hingegen kann ich nicht leugnen. Sehen Sie, ich habe ja nicht einmal einen Führerschein.

3

Ich habe zwei Anläufe genommen, die Fahrprüfung zu machen. Den ersten, wie es sich gehört, gleich nach der Matura, als mir mein Vater einreden wollte, daß der Besitz eines Führerscheins mindestens ebenso zum Erwachsensein gehöre wie der eines Reifezeugnisses. Den zweiten Anlauf nahm ich zehn Jahre später. Meine Frau, die einen Citroen 2 CV, eine sogenannte Ente, in unsere mehr oder minder alternative Ehe mitbrachte, hätte es praktisch gefunden, wenn auch ich hätte fahren können.

Das erste Mal hatte ich, ohne besonderes Interesse an der Materie, durchaus genug Theorie- und Praxisstunden hinter mich gebracht, um zu den Prüfungen anzutreten, meldete mich dementsprechend auch an, ging aber nicht hin. Das zweite Mal, nun doch schon deutlich älter als das Gros der Kursteilnehmer, empfand ich, was die Theoriestunden betraf, eine simple Abneigung gegen die Schulsituation, in der Praxis aber einen von Lektion zu Lektion wachsenden Widerstand gegen die angemaßte Autorität des Fahrlehrers. Die Theorieprüfung bestand ich schlecht und recht, bei der Demonstration meiner praktischen Fähigkeiten aber entlud sich die während all der Fahrten an der Seite dieses Fachidioten aufgeladene Spannung, indem ich ihm meine Meinung sagte. Das war mir ein Bedürfnis. Das Autofahren hingegen war mir im Grund genommen keines.

Klingt komisch für einen, werden Sie vielleicht denken, der ein paar tausend Kilometer in einem gestohlenen Auto gefahren ist. Aber sehen Sie, das war etwas ganz anderes. Dort auf dem Parkplatz. Als ich den Schlüssel an der Tür des grünen VW Golf stecken gesehen habe … Der Schlüssel. Der Zündschlüssel. Die Zündung. Der zündende Funke.

Geduld. Ich muß noch von der Fertigstellung der Sendung erzählen. Meiner letzten Sendung. Der über die Alzheimerpatienten. Das war zwei Tage, bevor der Funke sprang. Schneidend und klebend hatte ich bis zum letzten Moment gearbeitet. Ich hatte mich um den letzten aller für die Sendung in Frage kommenden Studiotermine bemüht. Ich fuhr mit dem Taxi, aber ich kam trotzdem nicht ganz zurecht. Es war später Abend. Den Techniker und die Moderationssprecherin kannte ich seit Jahren. Als ich das Studio betrat, ließen sie sich nicht viel von dieser langjährigen Bekanntschaft anmerken. Entschuldigung, sagte ich. Meine Verspätung betrug ungefähr eine halbe Stunde. Ein Stau, sagte ich. Die Moderationssprecherin nahm wortlos mein Manuskript und verfügte sich in die Sprecherkabine. Der Techniker sah mich mit hängenden Augen an und legte mein Zuspielband auf den Teller. Für Feinheiten, die ich noch herausarbeiten wollte, besondere Betonungen, subtile Übergänge, hatten sie um diese Zeit wenig Sinn.

Zehn Minuten vor Mitternacht hatten die beiden endgültig genug von mir. Sie packten ganz einfach ihre Sachen zusammen. Das Sendeband war sieben Minuten zu lang. Die mußte ich halt in meinem Zimmer herausschneiden.

Von einem Zimmer zu schreiben ist übrigens eine beschönigende Übertreibung. Bei dem Raum, in den ich ein halbes Jahr vorher zu übersiedeln genötigt worden war, handelte es sich eher um eine Kammer. Aber das war die neue Ökonomie. Kaum daß ein winziger Schreibtisch darin Platz fand – das Tonbandgerät, noch älter als jenes, das ich zu Hause hatte, wirkte darauf monströs. Bänder und Manuskripte konnte man dort nur auf den Boden legen. Zwischen den aus diesen Bändern und Manuskripten aufgetürmten Stößen blieb bloß ein schmaler Pfad. Auf dem Schreibtisch stand neben dem Tonbandgerät nur noch ein Foto meines Sohnes in einem Wechselrahmen, kein sehr aktuelles Foto, sondern eines aus der Phase, in der er noch lieb gewesen war. Das Foto meiner Frau hatte ich nach meiner Übersiedlung gar nicht mehr aufgestellt.

Den mitternächtlichen Weg vom Studio zu diesem Raum habe ich im Geist immer wieder zurückgelegt. Mit den Bändern unterm Arm gehe ich den schmalen Korridor bis zum Hauptgang. Vor mir noch der Techniker – von der Sprecherin ist nichts mehr zu sehen, aber ich höre noch das sich rasch entfernende Klappern ihrer Absätze auf dem Fliesenboden. Die Deckenbeleuchtung ist auf die Hälfte ihrer Tagesleistung reduziert und flackert trüb.

Ich muß kurz auf die Toilette – wohin lege ich, bevor ich mich an die Pißmuschel stelle, die Bänder? Aufs Fensterbrett? Auf den Boden? An den hinteren Rand des Waschbeckens? Am Waschbecken halte ich jedenfalls noch die Hände unter den ärgerlichen Wasserhahn. Früher hat man einfach das Wasser aufgedreht, jetzt muß man einen Laserstrahl dazu bringen, einen wahrzunehmen. Natürlich funktioniert der Laserstrahl nicht, das grüne Auge ist anscheinend verschmutzt. Vielleicht ist es auch nach Mitternacht einfach geschlossen – angesichts der neurotischen Spargesinnung, von der auf die Dauer alle Bereiche erfaßt werden, ist der Gedanke gar nicht abwegig. Ich gehe weiter, ohne mir die Hände gewaschen zu haben. Habe ich die Tonbänder noch dabei oder nicht?

Wahrscheinlich lege ich sie links oben auf den Kaffeeautomaten, bevor ich die Münze einwerfe und warte, bis rechts unten der heiße Mokka in den Pappbecher rinnt. Wenn ich mir vorstelle, wie ich dann stehe und die bittere Flüssigkeit in mich hineinrinnen lasse, sehe ich sie jedoch nicht vor mir. Allerdings sehe ich in dieser Situation gar nichts vor mir, ich starre nur vor mich hin. Ich fühle mich ausgelaugt und müde. Hoffentlich wird mir das Koffein helfen.

Anschließend gehe ich den Hauptgang weiter bis zum Zentrallift. Der Zentrallift ist nahe beim Ausgang – guten Abend, sage ich zum Portier. Habe ich Tonbänder unter dem Arm gehabt, als ich an Ihnen vorbeigekommen bin? werde ich ihn ein paar Minuten später atemlos fragen – statt mit dem Lift zu fahren, der weiß der Teufel von wem zu nachtschlafender Zeit blockiert ist, bin ich die Treppe hinuntergehetzt. Doch, ich glaub schon, daß Sie etwas unter dem Arm gehabt haben, wird der Portier antworten, aber selbst, wenn er mit mir spricht, löst er seinen Blick kaum vom Fernseher – im Spätprogramm läuft die Serie The Invisible Man.

Im Lift kann ich die Bänder nicht abgelegt haben, auch auf der Strecke zwischen dem Liftausstieg im zweiten Stock und meinem Zimmer gibt es dazu keine Gelegenheit. Erst unmittelbar neben der Tür zu meinem Rattenloch steht ein alter Sessel, der mir drinnen im Weg war. Es ist wohl richtiger zu schreiben, er stand dort, man hat ihn inzwischen gewiß entsorgt. Daß ich die Bänder während des Aufsperrens auf diesen Sessel deponiert habe, mag schon sein.

Nur: Als ich, kaum, daß ich ins Zimmer eingetreten bin, in ebendieser Annahme aus dem Zimmer wieder herauskomme, ist der Sessel leer. Das gibt es doch nicht! Wo habe ich die Bänder bloß hingelegt? Ich kehre ins Zimmer zurück. Auf dem Schreibtisch sehe ich sie nicht. Zuoberst auf einem der Stöße, die ich besser nicht durch hektische Bewegungen aus dem Gleichgewicht bringen sollte, sehe ich sie auch nicht.

Ich bin aber hektisch – einer der Stöße fällt um. Bänder stürzen und landen geräuschvoll auf dem Boden. Darunter das Band mit der Sendung zum 40. Todestag von Ernest Hemingway, auf die ich immer noch stolz bin. Eine Produktion, die unter den neuen Budgetbedingungen nicht mehr möglich wäre, selbst wenn ich, wie damals, einen nicht unerheblichen Teil der Spesen selbst bezahlte.

Das waren noch Zeiten. Für diese Sendung habe ich immerhin einen Preis gekriegt. Das heißt, genaugenommen hat ihn der Sender bekommen. Man hat mich schon damals beschissen, denke ich. Trotzdem gerate ich über dem alten Band in eine fast sentimentale Träumerei.

Schluß damit! Es geht um die neuen Bänder! Die Bänder über die Alzheimerpatienten und ihre Angehörigen. Zuspielband und fast fertiges Sendeband. Plötzliche Panik: Habe ich diese Bänder überhaupt beschriftet?

Ich trage einen Stoß mit Leerbändern ab, höre stichprobenweise hinein. Der Transport und das leise Rauschen der Bänder. Möglicherweise ist das kosmisches Rauschen. Dabei handelt es sich, hat mir ein Physiker, den ich einmal interviewt habe, allen Ernstes gesagt, um einen Energierest des Urknalls.

Dieses Rauschen höre ich und meinen Herzschlag. Irgendwann glaube ich auch Schritte zu hören. Ich reiße die Tür auf und spähe hinaus auf den Gang. Wer außer mir und dem Portier soll denn um diese Zeit noch im Haus sein?

Mit dem Aufzug fahre ich noch einmal abwärts.

Ist jemand vorbeigekommen? frage ich den Portier.

Ja, Sie, sagt er.

Habe ich wirklich die Bänder unter dem Arm gehabt?

Er zuckt die Achseln und gähnt. Na ja, schwören kann er es nicht.

Zurück zum Kaffeeautomaten. Zurück zur Toilette. Zurück zum Studio. Die Tür ist versperrt. Zurück in mein Zimmer. Ich suche bis vier Uhr früh. Dann rufe ich mir ein Taxi und fahre nach Hause.

So war das. Hatte ich meine Karriere als Radiojournalist damit schon aufgegeben? Nein! Ich hatte die Absicht, früh am Morgen ins Funkhaus zurückzukehren. Sobald jemand da war, der mir das Studio öffnen konnte. Vielleicht war das Band ja einfach dort liegengeblieben. Oder es würde jemand die Tonbänder finden. An einem ungewöhnlichen Ort womöglich, aber das spielte im Endeffekt keine Rolle. Vielleicht eine Putzfrau – ja, eine findige Putzfrau! Diese ebenso findige wie intelligente Putzfrau würde die Bänder an der Portierloge deponieren.

Sehen Sie, Commissario, solche Illusionen machte ich mir. Ich war völlig erschöpft. Aber ich mußte noch ein Bier trinken. Ganz einfach zur Stärkung. Außerdem mußte ich noch den telefonischen Weckdienst anrufen. Mein Wecker war auch nicht mehr der jüngste und hatte mich letzthin manchmal im Stich gelassen.

Die Alzheimersendung war für 10 Uhr 5 angesetzt. Wenn das Band bis acht bei der Sendeleitung lag, würden die etwas ungewöhnlichen Umstände vor seiner Abgabe niemandem auffallen. War ich um sieben Uhr da, um mich mit klarem Kopf darum zu kümmern, so hatte ich noch genug Spielraum. Wenn ich mir wieder ein Taxi nahm, mußte ich nicht vor sechs Uhr aufstehen. Sicher, die vielen Taxirechnungen, die ich unter den neuen Bedingungen freier Mitarbeit nicht mehr als Spesen verrechnen konnte, verringerten den Betrag, den ich mit der Geschichte verdiente, erheblich. Aber das Geld, um das ich arbeitete – bei all den Abzügen, die man mir und meinesgleichen neuerdings auf brummte –, war ohnehin kaum mehr der Rede wert. Ich betrieb mein Geschäft in immer größerer Selbstausbeutung. Wen ging das was an? Das war einzig und allein mein Bier!

So ungefähr dachte ich, als ich die zweite Flasche aus dem Kühlschrank nahm. Als Schlaftrunk. Den Weckruf würde ich also für sechs bestellen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich die Nummer wählte. Es klingelte. Gleich würde eine nette, junge Dame abheben.

Auch diese Erwartung erwies sich als Illusion. Es meldete sich eine Automatenstimme. Ihr Anruf, sagte sie, kostet 1,09 Euro pro Minute. Erst danach hieß sie mich beim Auftragsservice der Telekom willkommen. Sie haben die Möglichkeit, durch Drücken der Taste eins einen Weckruf zu setzen. Na schön. Dann würde ich diese Möglichkeit also verwirklichen. Ich drückte die Taste eins. Bitte geben Sie das Datum, an dem Sie geweckt werden wollen, vierstellig an. Also zum Beispiel für den 7. August 0708.

Ich gestehe, Commissario, daß mir das nicht auf Anhieb gelang. Mit einer Aufgabenstellung dieser Art hatte ich nicht gerechnet. Außerdem war ich durch die Automatenstimme befremdet. Früher hatte man angerufen, und eine lebendige Person hatte abgehoben. Mein Name ist Katja, hatte sie zum Beispiel gesagt, was kann ich für Sie tun? Auch wenn sie nicht wirklich Katja hieß – der Weckruf war eine Form von Kommunikation. Vor einigen Wochen war das noch so gewesen. Na ja, vielleicht war das auch einige Monate her, womöglich schon ein Jahr.

Ein Jahr … zwei Jahre … wie rasch die Zeit verging! Das Datum. Vierstellig. Wir hatten nicht den 7. August, soviel stand fest. Wir hatten – Tag und Monat hatten sich mir wegen des Studiotermins eingeprägt – den 27. November. Aber das Jahr … Herrgott, welches Jahr hatten wir eigentlich?

Das war nicht gefragt, aber die Frage beschäftigte mich … Welches Jahr? 1968? Nein, das war lächerlich … 1984? Unsinn! … 1989? 1991? … Quatsch! Wir waren doch längst im neuen Jahrtausend!

Der Silvester der Jahrtausendwende, genau, genau. Das Geknalle in der Innenstadt war unerträglich. Die große Glocke vom Dom war nicht zu hören. Es wäre besser gewesen, wir wären zu Hause geblieben. Vera und ich. Aber sie hatte es so gewollt. Den Kleinen hatten wir bei der Großmutter gelassen. Die beiden spielten wahrscheinlich Mensch, ärgere dich nicht. Eine friedliche Vorstellung. Während wir uns im Krieg befanden.

Das war zumindest mein Eindruck. Die Situation schien mir bedrohlich. Überall explodierten Feuerwerkskörper. Rund um uns war Gedränge, Geschiebe, Gerenne. Man mußte aufpassen, daß man nicht hinfiel und zertrampelt wurde.

Gehen wir weg von hier! schrie ich.

Aber wieso denn? schrie Vera. Wir müssen doch, schrie sie, noch den Donauwalzer tanzen!

Was?

Den Donauwalzer!

Ich hörte ihn nicht.

Am Ende werde ich taub.

Zumindest wirst du anscheinend alt, sagte Vera.

Im Hotel, in dem wir uns für die Nacht einquartiert hatten, wollte ich das Gegenteil beweisen. Diese Silvesternacht durch romantisch-erotische Zweisamkeit zu krönen, das war mir ursprünglich als hübsche Idee erschienen. Roter Plüsch, großes französisches Bett, gepflegt servierter Champagner. Mit der gebotenen Ironie, hatte ich zu Vera gesagt, können wir uns so etwas durchaus einmal gönnen.

Ich hatte nicht mit den vielen Spiegeln gerechnet. Diese Spiegel, etwas nachgedunkeltes, weichzeichnendes Glas, vergoldete Rahmen, gehörten zwar durchaus zum anrüchigen Reiz des Etablissements, aber in dieser Nacht hielt ich sie nicht aus. Als Vera bemerkte, was mich störte, drehte sie das Licht ab, Sex im Dunkeln war ihr ohnehin lieber. Doch mit dem Dunkel fiel die Müdigkeit, die ich seit einigen Jahren spürte, auf mich, und ich schlief meiner Frau, die ihre Bemühungen um meine Männlichkeit auch nicht mehr übertrieben leidenschaftlich fortsetzte, davon.

Und das Jahr mit der großen Sonnenfinsternis … War das nachher oder vorher? 2001 oder schon 1999? … Wir machen wieder einmal Ferien in Italien. Bei Sirolo, kennen Sie das? Etwas südlich von Ancona. Vera, der Kleine und ich. Na ja, so klein war der Kleine damals gar nicht mehr. Er war beinah acht. Er kam in die dritte Klasse. Die Haare, die noch bis kurz zuvor weich sein Gesicht umrahmt hatten, waren zu Beginn des Sommers der Schere eines Friseurs zum Opfer gefallen. Ich war dagegen gewesen, aber Vera hatte gemeint, man müsse ihm seinen Willen lassen.

Un vero ragazzo, sagten unsere italienischen Bekannten. Ja eben. Ja leider. Von wem hatte er bloß so abstehende Ohren? In der Bar auf der Piazza entdeckte er die Videospiele. Wenn er davorstand, kehrte er uns den Rücken zu. Dieser sein Anblick von hinten ärgerte mich. Diese zuckenden Schultern, dieser zusammengekniffene Hintern. Drehte er sich nach uns um, so war es nur, um neue Münzen zu holen. Das ist aber jetzt die letzte, sagten wir immer wieder, dann ist endgültig Schluß – aber es war schwer, konsequent zu sein.

Haben Sie Kinder, Commissario? Wenn Sie Kinder haben, können Sie sich das sicher vorstellen. Man sagt nein, aber es nützt nichts – insbesondere, wenn man gegen den Zeitgeist ankämpft. Zeitgeist. Eine zweifelhafte Bezeichnung. Zeit-Ungeist, denke ich immer häufiger. Time is on our side, durch Textzeilen wie diese habe ich mich früher bestätigt gefühlt, aber das ist lang her.

Der Kleine, er heißt übrigens Max, fuhr völlig auf die Videospiele ab. Eine Wendung, die ich sonst nicht mag (ich weiß nicht, ob es im Italienischen eine vergleichbare gibt), die aber in diesem Fall genau paßt. Er fuhr uns davon in virtuelle Welten. Er war kaum von den Bildschirmen wegzubringen – nicht einmal durch die Sonnenfinsternis.

Die Sonnenfinsternis, Commissario – ich nehme an, Sie haben dieses Naturereignis auch beobachtet. Ihre Zeitungen, soviel bekam ich auch auf dem Niveau meiner damaligen Italienischkenntnisse mit, hatten genug Wind darum gemacht. Man neigte dazu, das Naturereignis zu mystifizieren – aber tatsächlich lag so etwas wie ein Endzeitgefühl in der Luft. Täglich donnerten Flugzeuge über uns und durchbrachen die Schallmauer.

War das noch vor dem Krieg auf dem Balkan oder danach? Ging es um Bosnien, um Kosovo, um Afghanistan oder gar schon wieder um den Irak? Bin es nur ich, der den Überblick verloren hat, oder geht es anderen auch so? Waren die täglichen Flüge, von denen die Dachziegel des Ortes zitterten, nur Training oder Ernstfall?

Diese kollektive Bangigkeit – man mußte schon sehr unsensibel sein, um sie nicht zu spüren. Vielleicht hat ja Nostradamus doch recht, sagte Vera, bei aller Sachlichkeit, die sie mir gegenüber häufig hervorkehrte, hatte sie manchmal solche Anwandlungen. Natürlich versuchte ich, ihre Ängste zu zerstreuen, gab mich meinerseits betont sachlich. Was sollte ein physikalisches Phänomen am Himmel mit historischen Ereignissen auf der Erde zu tun haben?

Es sei allerdings eine interessante Erscheinung. Ein Spektakel, das wir uns nicht entgehen lassen sollten. Ich kaufte drei paar schwarze Brillen, deren Gläser den empfohlenen Durchlässigkeitsfaktor für UV-Licht garantiert nicht unterschritten. Schließlich wollte ich nicht, daß unsere Sehkraft, Veras, meine, aber vor allem die des Kleinen, durch den unzureichend geschützten Anblick der Corona geschädigt würde.

Auch gab ich mich ganz als die Welt erklärender Vater. Am Vorabend zeichnete ich Skizzen, die den Durchgang der Sonne durch den Schattenkegel darstellten. Zwar hatte Max überhaupt keine Angst vor der Sonnenfinsternis geäußert. Aber wenn er sie doch hatte, so wollte ich sie ihm nehmen.

Und dann das: Nach unserem späten Frühstück in der Bar stand er sofort wieder vor einem seiner blöden Automaten. Komm, sagte ich, die Sonnenfinsternis wird bald anfangen! Wir hatten vor, sie von der Terrasse unseres Apartments zu beobachten. Komm! wiederholte ich. Gleich, sagte Max, aber er rührte sich nicht von der Stelle. Du hast überhaupt keine Autorität, sagte Vera. Gereizt stand sie vom Tisch auf und redete von hinten auf unseren Sohn ein. Der aber hatte soeben ein Freispiel gewonnen. Es fiel ihm nicht ein, wegen eines wie immer gearteten Phänomens in der Außenwelt darauf zu verzichten.

Infolge seiner Widerspenstigkeit mußten wir die Sonnenfinsternis schließlich im Gedränge vor der Bar beobachten. Schau, sagte ich. Die Sonne sieht aus wie der Mond! Na und? sagte Max, die schwarze Brille mit provokant gelangweiltem Blick abnehmend. Gibst du mir noch ein paar Münzen? Ich möchte inzwischen weiterspielen.

Damals war Max acht gewesen, jetzt war er zwölf. Also wäre die Sonnenfinsternis bereits vier Jahre her gewesen! Ein Jahr folgte aufs andere. Aber wieso auf einmal mit dieser Beschleunigung? War es wirklich wahr, daß wir schon 2003 schrieben?

Die beim automatischen Weckauftrag wollten das gottlob nicht von mir wissen. Wenn wir inzwischen 2004 hatten, war es auch egal. Das tröstete mich ein wenig. Hauptsache, ich wußte den Tag und die Uhrzeit, an dem ich geweckt werden wollte. Also am 27. November, um sechs Uhr früh.

Als mich das Klingeln des Telefons weckte, hatte ich den Eindruck, nur kurz geschlafen zu haben.

Ich tastete nach dem Hörer. – Ja, danke, sagte ich.

Was heißt da ja, danke? sagte die Stimme des Anrufers.

Er war nicht vom Weckdienst, er war von der Sendeleitung.

Herr Urban, wir fragen uns, wo Sie das Sendeband hingelegt haben.

Was sollte ich antworten? Daß ich mich das auch fragte?

Blick auf die Armbanduhr. Es war zwanzig vor zehn.

Um zehn kamen die Nachrichten. Danach sollte mein Beitrag folgen.

Herr Urban! Das Band! Im üblichen Fach liegt es nicht!

Was sollte ich sagen? – Ist es nicht in der Portierloge abgegeben worden?

Moment, sagte der Anrufer und verbannte mich kurz in die Warteschleife.

Für eine mit einer letzten, winzigen Hoffnung aufgeladene Minute hörte ich Musik.

Klassik. Die Rundfunkanstalt, bei der ich jahrzehntelang mein Brot verdient habe, ist eine Anstalt mit Niveau. Schubert. Oder war es Beethoven? Nein, dachte ich, es ist doch etwas von Schubert. Dann hörte ich wieder den Typ von der Sendeleitung. Nein, sagte er. An der Portierloge liegt kein Band von Ihnen.

Ein paar Minuten später rief Jäger an.

Als Studenten hatten wir zusammen Fußball gespielt.

Schau, Alter, sagte er, ich weiß nicht, wieviel du in letzter Zeit getrunken oder gekifft hast, das ist übrigens deine Sache. Aber eigentlich wollte ich ohnehin schon seit einer Weile mit dir reden.

Du wirst nicht glauben, sagte er, daß mir die Richtung, in die sich die Verhältnisse hier bei uns und um uns herum entwickeln, gefällt. Aber es ist nun einmal so, daß wir zu gewissen Strukturveränderungen gezwungen sind. Alles muß in Zukunft rationaler, effizienter sein, es wird anders und pedantischer gerechnet als früher – die sogenannte Kostenwahrheit, du weißt schon. Diesen Vorgaben müssen wir wenigstens einigermaßen entsprechen, sonst drehen uns die da oben den Strom ab.

Also es gibt Mitarbeiter, die wir voll anstellen können, fuhr er fort, und es gibt Mitarbeiter, die wir nur teilweise anstellen können. Und es gibt Mitarbeiter, die offenbar eine Freiheit brauchen, die sich im Rahmen dieses Unternehmens nicht mehr verwirklichen läßt. Wir müssen Entscheidungen treffen, das ist nicht leicht. Unversehens ergeben sich manchmal Entscheidungshilfen.

Ja, sagte ich.

Du verstehst mich also richtig, sagte er.

Ich glaube schon, sagte ich.

Du bist mir also nicht gram, sagte er.

Nein, sagte ich.

Wir wollen nicht ausschließen, sagte er, daß wir irgendwann wieder einen Beitrag von dir bringen. Aber vielleicht versuchst du es ohnehin lieber bei einem Privatsender.

4

Das war die Ausgangsposition an jenem Morgen, Commissario. Keine sehr aussichtsreiche, wie Sie mir zugestehen werden. Ich zog die Jalousie hoch und schaute aus dem Fenster. Draußen war Nebel. Man sah kaum bis zur gegenüberliegenden Fassade. Ich ging in die Küche, in der Absicht, mir frischen Kaffee zu kochen. Stellte die Mokkakanne auf die Kochplatte und wartete. Schaltete das Radio ein und hörte die Sendung, die statt der Alzheimersendung lief. Eine Wiederholung natürlich. Das maßlos überschätzte Feature eines Kollegen. Worum es sich drehte? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Möglicherweise bekam ich es einfach nicht mit. Ich fühlte mich wie betäubt. Mein Geist war nicht da. Mein Körper ersehnte den Kaffee, der erstaunlich lang auf sich warten ließ.

Endlich begriff ich, daß ich die Kochplatte nicht eingeschaltet hatte. Ich verzichtete darauf, das nachzuholen. Ich zog mich an, versperrte die Wohnungstür hinter mir und ging die Treppe hinunter. Ich trat auf die Straße. Vielleicht würde mir die Luft ja gut tun.

Die Luft war allerdings ziemlich unangenehm. Voll Wassertröpfchen, die sich in Haar und Bart festsetzten. Grau. Auf dem Gehsteig lag eine tote Taube. Ihr Gefieder klebte am Körper, ihr Hals sah erbarmungswürdig dünn aus.

Ich ging vor mich hin, ich könnte nicht sagen, wie lang. Auch an den Weg, den ich ging, habe ich keine konkrete Erinnerung. Ich kann ihn nur rekonstruieren, ich ging stadtauswärts. Um die Mittagszeit jedenfalls fand ich mich in einem Espresso an der Peripherie. Das weiß ich. Vom Turm der dem Espresso gegenüberliegenden Kirche läuteten die Glocken. Aus dem Radio waren die Mittagsnachrichten zu hören. Vor mir stand eine Tasse Kaffee, die ich nach dem ersten Schluck beiseite geschoben hatte. Danach hatte ich einen Cognac bestellt, um den säuerlich-bitteren Geschmack loszuwerden.

Im Radio also die Nachrichten, wie üblich mehr Krieg als Frieden. Unruhen und Bürgerkriege in Ländern, die zerfallen waren und weiter zerfielen. Staaten, von denen man früher nie gehört hatte. Im Detail nahm man das gar nicht mehr wahr, das lag, kam mir vor, nicht nur an meiner etwas aus dem Lot geratenen Wahrnehmung.

Ich beobachtete die Kellnerin, deren glattes Gesicht keinerlei Reaktion zeigte. Große, weiße Stirn, wie die der Frauen auf manchen gotischen Bildern – auch als die innenpolitischen Nachrichten liefen, gab es kein äußeres Zeichen, daß sie hinter dieser Stirn ankamen. Zu viele Flüchtlinge, zu wenige Heime, die Forderung nach restriktiveren Maßnahmen. Privatisierung zur Erhaltung von Arbeitsplätzen, Ausverkauf zur Siche-rung des Wirtschaftsstandorts, Rationalisierung von Entwicklungen, die man angeblich nicht aufhalten konnte.

Eben. Warum sollte man die Speicherkapazität des Gehirns überhaupt noch mit solchen Daten belasten? Die Dinge geschahen über unsere Köpfe hinweg. Geschahen sie nicht heute, so geschahen sie morgen. Geschahen sie morgen nicht, so geschahen sie später.

Über den Wetterbericht mündeten die Nachrichten wieder in unverbindlichem Geplauder. Kommentatorenstimmen voll unmotivierter Lebensfreude. Rhythmen aus dem Computer, die etwas in der Kellnerin zum Schwingen brachten. Die Reaktion darauf begann in ihrem linken Fuß, erfaßte nach und nach Hüften und Schultern, gipfelte in einem dem Rhythmus bereitwillig zustimmenden Kopfnicken. Die Rhythmen wechselten. Kaum war die eine Nummer zu Ende gespielt, hatte die andere schon begonnen. Der Körper der Kellnerin stellte sich sofort darauf ein. Auch die Seele der Kellnerin? Konnte man so etwas wie eine Seele sehen? Die Augen der Kellnerin waren weit offen, aber schienen nichts Bestimmtes zu erfassen.

Meine etwas aus dem Lot geratene Wahrnehmung, ja. Sie pendelte, um im Vergleich zu bleiben, zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite setzte sie manchmal fast aus. Auf der anderen Seite war sie zuweilen von ungewöhnlicher (nicht selten unangenehmer) Genauigkeit.

Auf dem Gesicht der Kellnerin lag zuviel Make-up. Die übliche Maske, die jüngeren Frauen von den Kosmetikkonzernen verordnet wurde. Da und dort hatte dieser Verputz feine Risse. Na, was ist, sagte die Kellnerin, wollen Sie ein Foto von mir?

Nein, sagte ich, Entschuldigung. Aber einen zweiten Cognac hätte ich noch ganz gern.

Um sie und mich nicht weiter in Verlegenheit zu bringen, griff ich zu einer Zeitung. Worauf sich die in Balkenlettern gedruckte Schlagzeile bezog, daran erinnere ich mich nicht. Aber an das Datum, das in kleinen Buchstaben darüber stand, erinnere ich mich noch sehr genau.

Als ich das Datum las, stellte die Kellnerin gerade das zweite Glas vor mich hin.

Haben wir wirklich schon den 28.? fragte ich.

Klar, sagte die Kellnerin.

Freitag?

Wo leben Sie denn, fragte sie. Auf dem Mars?

Ich leerte das Glas in einem Zug. Rufen Sie mir bitte ein Taxi!

Es war nämlich so: Jeden zweiten Freitag holte ich Max von der Schule ab. Auch wenn seine Mutter und ich uns den Weg zum Scheidungsrichter erspart hatten – wir seien vernünftige Menschen, hatten wir gefunden, und brauchten, um uns in Frieden zu trennen, keine Behörde –, eine gewisse Ordnung mußte sein. Als wir uns getrennt hatten, war Max in die dritte Volksschulklasse gegangen, inzwischen ging er schon ins Gymnasium. Ein Programm zu machen, das ihn einigermaßen aus seiner flapsigen Reserve lockte, war, zugegeben, eine immer schwerer lösbare Aufgabe, aber manchmal gelang es.

Fürs bevorstehende Wochenende hatte ich allerdings keine Idee von einem Programm. Über der Arbeit an der Alzheimersendung hatte ich das bevorstehende Wochenende glatt vergessen. Im Taxi, mit dem ich zur Schule fuhr, schüttelte ich den Kopf über mich selbst. Ist etwas nicht in Ordnung? fragte der Fahrer.

Er sah sich kurz nach mir um. Er wirkte besorgt. Vielleicht hielt er mich für einen problematischen Kunden. Vielleicht jedoch war er ganz einfach ein mitfühlender Mensch. In seinen brauen Augen war möglicherweise eine Spur von Anteilnahme.

Vielleicht war er jemand, mit dem man reden konnte:

Haben Sie einen Sohn? fragte ich.

Er habe nicht einen Sohn, sondern drei.

Und was machen Sie mit ihren Kindern zum Weekend?

Nichts, sagte er. Seine Kinder seien daheim in der Türkei.

Nun wäre es wohl angebracht gewesen, mich detaillierter nach seinen dortigen Lebensverhältnissen zu erkundigen. Vielleicht aber hätte er zuviel diesbezügliches Interesse als distanzlos empfunden. Als im Grunde genommen erheuchelte Zu-, nein: Herabneigung des durch den Zufall von Geographie und Geschichte bislang besser Gestellten gegenüber dem vorläufig minder Bemittelten. Solche Überlegungen blockierten meinen wohl guten, aber ohnehin schwachen Willen zur Kommunikation, und ich fiel wieder zurück in den Fluß meiner Gedanken.

Wir fuhren durch eine Einkaufssstraße, in der schon die Weihnachtsbeleuchtung hing. Es war zwar erst Mittag, aber die Glühbirnen waren bereits eingeschaltet. Daß der Weihnachtsrummel schon angebrochen war, hatte ich auch noch nicht mitgekriegt. Gerade erst war Spätsommer gewesen und nun sollte schon Advent sein. Die Zeit war ins Gleiten geraten, genau so war es. Wir befanden uns auf einer schiefen Ebene, manchmal spürte ich die Schwerkraft, die uns nach unten zog. Zwar hatte ich das Gefühl, nicht wirklich dazu zu gehören, immer weniger empfand ich diese Zeit als meine Zeit. Aber das half nicht gegen den Eindruck, mitzugleiten.

Gewiß war der Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus auch schon eröffnet. Vor zwei, drei Jahren hatte man Max noch mit den Plastikmonstern locken können, die dort weit besser verkauft wurden als die Krippenfiguren. Inzwischen brauchte er wesentlich stärkere Reize. In einem Kino, an dem wir im Schrittempo vorbeifuhren, spielten sie The Matrix-Revolutions, aber das war vermutlich nicht jugendfrei.

Können wir nicht in eine Seitengasse ausweichen? fragte ich den Fahrer. Er zuckte die Achseln. Prompt gerieten wir in ein Labyrinth von Umleitungen. Sehen Sie, sagte er, da ist nichts zu machen. Als wir endlich in die Straße einbogen, die in einer leicht ansteigenden Kurve zur Schule führte, war es fünf vor eins.

Die fünfte Schulstunde endete um 12 Uhr 45. Sicher, die Schülerinnen und Schüler mußten noch in den Umkleideraum, aber gerade am Freitag hatten sie es meistens eilig. So offenbar auch heute. Uns entgegenströmende Horden behinderten das Vorankommen. Lassen Sie mich hier aussteigen, bat ich den Fahrer – bis zum Schultor waren es noch ungefähr hundert Meter.

Die Steigung war sanft, dennoch kam ich, als ich aufwärts hetzte, ins Schwitzen. Wahrscheinlich trug auch der Cognac, den ich zuvor gekippt hatte, zu diesem Schweißausbruch bei. Absurd, dachte ich: trotz der kühlen Außentemperatur verschwitzt zu sein. Ich wischte mir mit dem Mantelärmel über die Stirn – Max sollte nicht merken, in welchem Zustand ich mich befand.

Commissario, versetzen Sie sich in meine Situation! Ich bin endlich auf dem Schulparkplatz angelangt, ich atme durch, ich sehe mich um. Ob ich das Auto schon im Blick habe? Blödsinn! Ich halte Ausschau nach Max. Auf der Strecke, die ich zu Fuß zurückgelegt habe, ist er mir nicht begegnet, hoffentlich habe ich ihn nicht übersehen. Väterliche Gefühle – wahrscheinlich sind solche Gefühle auch Ihnen nicht fremd. Liebe, Sorge, vermengt mit einer gewissen Unsicherheit. Einer gewissen Unsicherheit, die sich in den letzten paar Jahren verstärkt hat. Proportional zum Längenwachstum des Sohns.

Und dann begegnen Sie dem Blick dieses Burschen. Na also, da ist er! Jetzt glauben Sie, aufatmen zu können. Aber sein Blick wirkt keineswegs erfreut. Er wirkt – wenn Sie ihn nicht überinterpretieren und als genervt bezeichnen wollen – erstaunt, befremdet, zumindest irritiert durch Ihre Anwesenheit.

Er macht keinen Anstalten, Ihnen entgegen zu kommen. Vielmehr wendet er den Kopf, als wollte er jemanden im Hintergrund etwas fragen. Und dann sehen Sie: Ein paar Schritte hinter ihm kommt seine Mutter. Die Frau, mit der Sie einen nicht unerhebli-chen Teil Ihres erwachsenen Lebens verbracht haben. Diese Frau, die Ihnen so vertraut ist wie keine andere auf der Welt, und inzwischen doch fremd. Wieso ist sie überhaupt da? denken Sie. Gibt es Probleme mit dem Buben? Sein Fortkommen in der Schule? Doch hoffentlich nichts Ernstes mit seiner Gesundheit! Er sieht etwas blaß aus. Also: Was will sie Ihnen sagen?

Und dann sagt sie folgendes: Was machst denn du da?

Was für eine Frage! Sie wollen Ihren Sohn zum gemeinsamen Wochenende abholen.

Wie ausgemacht. Sie sind ein verläßlicher Vater.

Darauf die Miene Ihrer Frau. Und die affine Miene Ihres Sohns.

Weniger irritiert inzwischen als amüsiert.

Amüsiert und ein bißchen verärgert.

Daß du kein guter Rechner bist, sagte Vera, diese Erfahrung hab ich leider schon früher gemacht. Aber daß du den Abstand von 8 und 14 Tagen nicht mehr unterscheiden kannst, ist neu.

Das war zuviel, Commissario. In der Verfassung, in der ich mich damals befand, war das eindeutig zuviel.

Du hast doch den Maxi erst vorige Woche abgeholt!

Wie stand ich dort, vor meiner Frau und dem inzwischen grinsenden Rüpel?

Paß auf dich auf, sagte meine Frau. Und knöpf dir den Mantel ordentlich zu!

Damit wandten sich die beiden von mir ab und gingen davon. Ich stand und sah ihnen nach. Vera hatte ein neues Auto. Das heißt, nein – nicht sie hatte ein neues Auto, sondern ihr neuer Freund. Der Typ saß im Wagen – war es ein BMW, war es ein Volvo? Was interessierte mich das? Ich sah sein Gesicht nicht.

Ich stand dort und sah, wie die beiden in dieses Auto einstiegen.

Vera hatte recht. Mein Mantel war schief zugeknöpft.

Ich knöpfte den Mantel auf und ließ ihn offen.

Ich stand dort und sah, wie sie mit diesem für mich gesichtslosen Menschen davonfuhr.

Ich stand im Weg. Nach wie vor aus der Schule strömende Schüler und Schülerinnen rempelten mich an. Ich stand, bis der Schülerstrom allmählich nachließ. Dann wollte ich gehen. Ich ging auch tatsächlich ein paar Schritte. Aber da kam ich an diesem VW vorbei.

Das heißt, Commissario, ich kam eben nicht daran vorbei. Etwas an diesem Auto erregte meine Aufmerksamkeit. Was war es bloß? In den ersten paar Sekunden war es mir noch nicht bewußt. Mir war nur bewußt, daß ich das Fahrzeug mit für meine Begriffe ungewöhnlicher Aufmerksamkeit betrachtete.

Ein grüner VW-Golf, nicht sehr gepflegt, nur unzureichend beseitigte Spuren von Vogeldreck auf dem Dach. Einige Kratzer an der linken Seite. Am Rück-spiegel, der einen Sprung hatte, hingen Wassertröpf-chen. Aber – tatsächlich! – der Schlüssel steckte im Türschloß.

Ich schaute mich um. In diesem Moment war der Schulparkplatz so gut wie leer. Ich griff nach dem Schlüssel, ich öffnete die Tür und stieg ein. Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloß, ich rückte den Fahrersitz in die für mich passende Position. Ein paar Sekunden beobachtete ich noch fasziniert die Scheibenwischer, die sich hin und her bewegten wie ein Metronom.

Ich schaltete das Blinklicht ein, ich löste die Hand-bremse. Ich betätigte die Kupplung, drehte den Zündschlüssel vollends nach rechts, suchte den Rückwärts-gang. Auf dem Rücksitz lag, etwas unordentlich hingeworfen, wie mir schien, ein schwarzer Mantel. Trotz schlechter Sicht durch die etwas verschmierte Heck-scheibe gelang mir das Ausparkmanöver.

Dann fuhr ich ganz einfach. Fuhr die Straße hinunter, die ich zu Fuß heraufgekommen war. Beim Schalten vom ersten auf den zweiten Gang war ich etwas zu zaghaft und trat die Kupplung nicht ganz durch. Der Motor reagierte recht unwillig. Hinter mir glaubte ich einen Moment lang etwas anderes weniger zu hören als zu spüren. Eher eine Bewegung als ein Geräusch. Aber ich mußte mich aufs Fahren konzentrieren.

Es ging gar nicht schlecht. Beim Überholen hatte ich anfangs noch Herzklopfen, aber es gelang wie im Traum. Mir fiel jetzt ein, daß ich manchmal vom Fahren geträumt hatte. Ich saß am Steuer und fuhr. Ich konnte das einfach. Wenn mir bewußt wurde, daß ich keinen Führerschein hatte, war das ein aufregendes Gefühl.

Natürlich war dieses Gefühl auch mit einer gewissen Bangigkeit vermischt. Was, wenn ich irgend etwas falsch machte und dadurch auffällig wurde? Was, wenn ich zwar nicht auffällig wurde, aber zufällig in eine Verkehrskontrolle geriet? Und was, wenn ich zwar fahren, aber nicht einparken konnte?

So etwa der Traum. Aber das jetzt war Wirklichkeit. Ich fuhr eine Ausfallstraße Richtung Stadtgrenze. Der Nebel war aufgerissen, nun schien sogar ein wenig Sonne. Ich geriet in eine fast euphorische Stim-mung.

Die Auffahrt zur Autobahn nahm ich mit einem gewissen Elan.

In diesem Moment richtete sich ein Mädchen hinter mir auf. Sie war zusammengekauert unter dem Mantel gelegen. Ihre embryonale Schlafstellung hat mich in den folgenden Tagen immer wieder gerührt.

Natürlich erschrak ich. Unsere Blicke begegneten einander im Rückspiegel. Der Wagen geriet mir gefährlich nah an die Leitschiene. Kaum hatten wir sie bemerkt, hätte unsere Gemeinsamkeit auch schon zu Ende sein können. Wir hatten aber Glück. Ich behielt das Lenkrad einigermaßen im Griff.

Aufgerichtet sah das Mädchen beinahe wie eine erwachsene Frau aus.

Das ist aber nicht Ihr Auto, stellte sie fest.

Nein, sagte ich. Gehört es deinem Vater?

Sie schüttelte langsam den Kopf. Ihre Augenlider wirkten schwer.

Auch ihre Zunge schien etwas schwer zu sein.

Das Auto gehört dem Wolfgang, sagte sie schließ-lich.

Also deinem Freund, sagte ich.

Darauf antwortete sie vorerst nicht.

Dann sagte sie: Der Wolf ist mein Religionslehrer.

Ah ja, sagte ich. Ah ja, klar. Deswegen also hing das kleine, silberne Kreuz über dem Armaturenbrett. In der scharfen Kurve, die wir mit Glück und Geschick überstanden hatten, war es in Bewegung geraten.

Und was machst du in seinem Auto?

Ich habe auf ihn gewartet, sagte sie. Aber das geht Sie nichts an. Was machen eigentlich Sie in seinem Auto?

Keine ganz abwegige Frage, nicht wahr? Was sollte ich antworten? Vor allem aber, was sollte ich tun? Mein erster Impuls war gewesen, sie an der nächsten Ausweichstelle aussteigen zu heißen. Vermutlich würde sie die Polizei verständigen, aber vielleicht war ich bis dahin ohnehin schon gegen einen Baum gefahren. Wahrscheinlich hätte ich mich erst gar nicht auf ein Gespräch mit ihr einlassen sollen. Auch der bloße Ansatz eines Gesprächs war schon zu viel. Die Ausweichstelle, nach der ich Ausschau hielt, kam schon nach wenigen Kilometern, ich fuhr daran vorbei. Ich konnte diese junge, eigenartig schläfrige Person nicht einfach hier aussetzen!

Was machen eigentlich Sie in diesem Auto? wiederholte sie.

Ich fahre davon, sagte ich, das heißt, ich wollte davonfahren …

Einfach so?

Nein, sagte ich. Nicht einfach so … Das sei schwer zu erklären. Aber jetzt sei ohnehin alles anders.

Wieso? fragte sie.

Weil ich jetzt umkehren müsse. Bei der nächsten Möglichkeit fahre ich von der Autobahn ab und in der Gegenrichtung wieder auf.

Ich bring dich dorthin zurück, sagte ich, woher ich dich versehentlich mitgenommen habe. Und dein Religionslehrer kriegt sein Auto wieder.

Nein! sagte sie. Für einen Moment wirkte sie sehr wach.

Was heißt nein? fragte ich

Ich will nicht zurück, sagte sie.

Und warum nicht? fragte ich.

Das sei auch schwer zu erklären, sagte sie. Aber dem Wolf, diesem Arsch, geschehe ganz recht.

Nach diesen Worten legte sie sich wieder hin und verkroch sich unter dem Mantel. Es konnte nicht ihrer sein, dazu war er zu groß.

Aber …, sagte ich.