Wolfgang Petritsch
Bruno Kreisky

Wolfgang Petritsch
Bruno Kreisky

Die Biografie

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© 2010 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg

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Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:
978-3-7017-4240-0

ISBN Printausgabe:
978-3-7017-3189-3

„Den Gleichmut wahr dir
mitten im Ungemach
wahr ihn desgleichen,
lächelt dir hold das Glück.“

Horaz

Diese Zeilen aus einer Ode des Horaz hatte
der SPÖ-Vorsitzende Bruno Kreisky
in seinem Arbeitszimmer in der
Wiener Löwelstraße hängen

INHALT

VORBEMERKUNG

Dieses Buch hat eine lange Vorgeschichte. Und es hat sehr viel mit meiner eigenen Biografie zu tun: Seit ich politisch denken kann, ist die Figur Bruno Kreisky für mich gegenwärtig.

Während meiner Wiener Studentenzeit um das magische Datum 1968 herum – ich war über Intervention meines Glainacher Dorfpfarrers in einem katholischen Studentenheim untergekommen – bin ich erstmals Bruno Kreisky begegnet. Gemeinsam mit ein paar Mitbewohnern hatten wir den damaligen Oppositionsführer der SPÖ zu einem Vortrag ins Studentenheim eingeladen. Zweifellos eine Provokation, denn noch nie zuvor war ein sozialistischer Spitzenpolitiker dort aufgetreten. Eine Ungehörigkeit aus der Sicht der Heimleitung, ein politischer Affront für die vielen CVer des Heimes. Doch zum Verbieten sollte es damals nicht mehr reichen.

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre habe ich dann mehr als sechs Jahre lang als einer von Bruno Kreiskys Sekretären den „Dienst um die Person des Bundeskanzlers“ – wie es im Amtskalender der Republik heißt – versehen. Kreisky hatte 1976 meine kurze Analyse der damaligen österreichisch-jugoslawischen Spannungen im Zusammenhang mit dem Kärntner Ortstafelkonflikt gelesen und mich kurze Zeit später wissen lassen, ich könne in seinem Kabinett mitarbeiten.

Der Bundeskanzler legte in seinem Büro keinen besonderen Wert auf eine strenge und systematische Aufteilung der anfallenden Arbeit. Jeder musste so ziemlich alles machen und vor allem stets zur Verfügung stehen. So konnte ich aus einer großen Palette der täglichen Themen weitgehend meine eigene Wahl treffen. Kreisky interessierte in erster Linie das Resultat, von wem es kam, war ihm in der Regel nicht so wichtig. In meinem Anfangsjahr, 1977, betreute ich etwa als Geschäftsführer die kurz zuvor eingeführte Presse- und Parteienförderung, kümmerte mich intensiv um das damals aktuelle Thema AKW Zwentendorf und um die spannende Kulturszene. Hinzu kamen bald enge Kontakte zu den Medien, bis ich schließlich 1981 auch formell Kreiskys Pressesekretär wurde.

In dieser zweiten Hälfte der Ära Kreisky konnte ich an seiner Seite die Höhepunkte seiner Laufbahn aus der Nähe miterleben: die Kehrtwendung nach der verlorenen Zwentendorf-Abstimmung 1978, den Wahltriumph 1979, seinen ungemein leidenschaftlichen Einsatz für die Lösung des Nahostkonflikts; und schließlich den schmerzlichen Niedergang: den Streit mit seinem präsumtiven Nachfolger und das Ende des jahrelang erfolgreichen Kreisky-Androsch Kurses, den Skandal um den Bau des Allgemeinen Krankenhauses, seinen sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand. Und am Ende dann den Rücktritt nach dem Verlust der absoluten Mehrheit 1983.

In dieser langen, aufregenden, turbulenten, oft sehr schwierigen Zeit konnte ich Bruno Kreisky dabei beobachten, wie er an Probleme heranging, ihm dabei zusehen, wie er Politik machte.

Gerade als ehemaligem Pressesekretär ist mir bei der Abfassung dieser Biografie das Motto der New York Times in den Sinn gekommen: „All the News That’s Fit to Print.“ Der vorliegende Band ist allerdings in erster Linie eine politische Biografie, der die Schlüssellochperspektive meidet und mit intimen Enthüllungen, wenn es überhaupt etwas zu enthüllen gibt, sehr sparsam umgeht. Stets habe ich, seit ich für Kreisky gearbeitet habe, auch über die größeren Zusammenhänge seines Wirkens nachgedacht und herauszufinden versucht, wie dieser große Staatsmann „tickt“, was ihn motiviert. Zu meiner Zeit war er bereits im politischen Olymp angelangt, insofern ist mein Kreisky-Bild stärker beeinflusst vom bereits Erreichten. Wie aber ist er dorthin gekommen, was hat ihn in Österreich und weit darüber hinaus zum „Sonnenkönig“ und zum „Großen Zampano“ werden lassen?

Dieses Buch verspricht keine simplen politischen Antworten. Ebenso war der persönliche Umgang mit Bruno Kreisky nicht immer ganz einfach. Man musste sich immer im Klaren sein, wie man an ihn herankommen wollte, was man sagen würde, um eine brauchbare Antwort von ihm zu erhalten. Auch konnte Kreiskys Arbeitsweise, sein Verständnis des Politischen, durchaus widersprüchlich erscheinen. Sie war suchend angelegt. Besonders im Nahostkonflikt hatte er sich mit viel Geduld und Wissen umsichtig tastend an diesen schwierigen Komplex herangearbeitet. Informationen behandelte auch Kreisky als Machtinstrument und Manipulationsmasse, die es sorgfältig einzusetzen und abzuwiegen galt. Als durchaus visionär, wenn auch nicht unbedingt strategisch könnte man seine Politik charakterisieren; was ihn auszeichnete, war das rasche – raschere – Erkennen von Gelegenheiten.

Seine Position in Österreich als die beherrschende politische Persönlichkeit seiner Zeit – gestützt durch sein internationales Ansehen – hat sein Charisma nur noch verstärkt. In den späteren Jahren hat es kaum noch jemanden gegeben, der ihm ruhigen Tones zu widersprechen wagte. Vielfach bestimmte dann die Strahlkraft der Persönlichkeit sein Handeln, trieb seine Entscheidungen an, eröffnete ihm einen weiten Horizont nahezu unbegrenzter Möglichkeiten.

Naturgemäß machen meine eigenen Erfahrungen als Mitarbeiter Bruno Kreiskys nur einen kleinen Teil jener Quellen aus, aus denen ich schöpfen konnte. Es sind die zahllosen Gespräche mit nahezu allen Akteuren und Zeitgenossen der Ära Kreisky, die ich über viele Jahre geführt habe und die sozusagen das Grundmaterial zu diesem Buch ausmachen. Es sind aber auch meine eigenen Beiträge über Bruno Kreisky, die zum Fundus der Vorbereitungen für diese Biografie zählen. Beginnend mit dem Foto-Text-Band Bruno Kreisky, von Konrad R. Müller, Gerhard Roth und Peter Turrini, anlässlich des 70. Geburtstages, zu dem ich die erste – damals noch von ihm persönlich redigierte – Kurzbiografie verfasst habe, bis hin zu meinem 1995 bzw. 2000 veröffentlichten Beitrag „Bruno Kreisky, Ein politischer Essay“, der dem vorliegenden Band die inhaltliche Linie vorgibt. Gemeinsam mit Margaretha Kopeinig habe ich 2008 ein schmales Büchlein über Kreiskys Politik der Vollbeschäftigung verfasst, Das Kreisky Prinzip – Im Mittelpunkt der Mensch. Darin geht es um die Demaskierung des unsäglichen Vorwurfs, alle Schulden der Republik Österreich seien auf Bruno Kreisky zurückzuführen. Noch 2007 verwies ein Kurzzeit-Finanzminister in seiner Ratlosigkeit auf den „Kreisky-Malus“. Dessen Außenminister-Kollegin, eine Nutznießerin der Kreiskyschen Reformen, warnte noch Ende 2006 vor einer „Rolle rückwärts in die siebziger Jahre“.

Zu Kreisky, scheint’s, kann man auch heute – mehr als ein Vierteljahrhundert nach dessen Abtreten von der politischen Bühne – keine nüchterne Haltung einnehmen.

Diese Biografie unternimmt daher den Versuch, dem Politiker Kreisky in all seinen Dimensionen gerecht zu werden. Gerade als Mitarbeiter einer so beeindruckenden Persönlichkeit habe ich auch die Schattenseiten seiner Politik und Persönlichkeit unmittelbar miterlebt, gelegentlich miterlitten. Auch diese Aspekte sollen nicht verschwiegen werden. Kreiskys historischer Leistung tut dies gewiss keinen Abbruch.

Wie jede Biografie muss auch diese im sozio-kulturellen Kontext plaziert werden. Auch und gerade Kreiskys jüdische Abstammung, seine familiäre und seine – bei ihm so besonders wichtige – politische Sozialisation im mitteleuropäischen Kosmos Wiens der 1920er und 1930er Jahre haben seine Vision einer „Heimat Österreich ohne Pathos“ geformt. Insofern betrachte ich die präzise Nachzeichnung seiner Herkunft, der politischen und weltanschaulichen Strömungen seiner Jugendjahre für äußerst wichtig zum Verständnis seiner späteren politischen Entscheidungen.

Mehr als der Nationalsozialismus hat Kreisky die erbärmliche Episode des sogenannten Austrofaschismus emotional geprägt. Erst das Exil im demokratischen Schweden sollte ihm Mut für ein anderes Österreich einflößen. Kreiskys „kakanischer Möglichkeitssinn“ – den er sich von Robert Musil abgelesen hat – war in den Anfängen der demokratischen Republik wohl mehr Utopie als Vision. Erst mit seiner überraschenden Wahl zum Parteiobmann 1967 ist daraus – dank Kreiskys motivierenden Fähigkeiten – ein umfassendes Programm für ein modernes Österreich entstanden, das er in den 1970er Jahren mit einem engagierten Regierungsteam umzusetzen verstand.

Wenn es in Kreiskys politischem Leben einen zentralen Begriff gegeben hat, dann war dies die Vollbeschäftigung. „Die Menschen in Arbeit halten“, wie er es in seiner unvergleichlichen Wortwahl auszudrücken pflegte, war ihm Leit- und Lebensmotiv zugleich. Gerade weil er als überzeugter Aufklärer Sachpolitik vorangestellt hat, sind die Emotionen gelegentlich mit ihm durchgegangen. Auch davon handelt dieses Buch.

Womöglich erschließt sich der Zugang zu Kreiskys kreativen Gegensätzen und dialektischen Widersprüchen nicht zuletzt über seine Vorliebe für die Literatur. Nicht nur Musil oder, wie zu zeigen sein wird, Leo Perutz lieferten ihm Anregung, Ablenkung und Entspannung. Von seinen vielfach verwendeten Zitaten aus Dichtung, Geschichte und Politik ragen für mich zwei hervor. Der erste Merksatz aus einer Ode des Horaz ist diesem Buch vorangestellt. Der zweite – für die Ergründung von Kreiskys Psyche womöglich noch wichtigere – stammt aus Don Carlos von Friedrich Schiller: „Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird.“

Daran muss der Achtundsiebzigjährige wohl auch in den Tagen des europäischen Umbruchs 1989/90 oft gedacht haben, als er „zehn Jahre jünger“ sein wollte.

Damals wurde Bruno Kreisky auch an die von ihm so oft zitierte Weisheit erinnert, wonach der Sinn des Lebens im Unvollendeten zu suchen sei.

Paris, im September 2010

1. Kapitel

Kindheit und Jugend

1.

„Zehn Jahre jünger müsste man sein …!“, sinnierte der vom Alter und seiner schweren Krankheit gezeichnete Bruno Kreisky in einem unserer letzten Gespräche, wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Mit resigniertem Bedauern über seine altersbedingte Gebrechlichkeit, jedoch geistig auf der Höhe der Zeit, verfolgte der bedeutendste Staatsmann der Zweiten Republik die sich überstürzenden politischen Ereignisse der historischen Zeitenwende 1989.

Wenige Monate später, am 29. Juli 1990, ist er neunundsiebzigjährig in seiner Geburtsstadt Wien gestorben. Der Kalte Krieg, der Kreiskys mehr als dreißigjährige politische Karriere als Staatssekretär und Außenminister, Parteichef der SPÖ und Vizepräsident der Sozialistischen Internationale, Führer der Opposition und am längsten dienender Bundeskanzler der Republik Österreich geprägt hatte, war mit dem Fall der Berliner Mauer zu Ende gegangen. Der Zerfall des sowjetischen Imperiums, das Ende des großen Ringens der Ideologien zwischen Ost und West war aber nicht bloß der letzte Bruch in einem an biografischen und politischen Umbrüchen reichen Leben. Der Kalte Krieg war auch, so muss man es wohl sehen, der letzte Ausläufer jenes 19. Jahrhunderts, das die Themen des 20. vorgegeben hatte: Nationalismus, Sozialismus, Faschismus. Sie bildeten die ideologischen Konstanten im ereignisreichen Leben Bruno Kreiskys.

2.

Bei seiner Geburt im fünften Wiener Gemeindebezirk, am 22. Jänner 1911, hatte das Habsburgerreich, die k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn, noch knapp acht Jahre, davon vier Kriegsjahre, bis zu ihrem endgültigen Untergang vor sich. Bruno Kreiskys Familienbiografie reicht weit zurück in Geschichte und Geografie dieses multiethnischen Imperiums. „Ich habe mich immer als Ergebnis jenes gewaltigen melting pot gefühlt, der die Monarchie nun einmal war“, hielt Kreisky in seinen 1986 erschienenen Memoiren Zwischen den Zeiten fest, „als Ergebnis einer brodelnden Mischung von Deutschen, Slawen, Magyaren, Italienern und Juden.“ Aber auch das politische Spektrum der Familienmitglieder auf väterlicher wie auf mütterlicher Seite erscheint so uneinheitlich, wie die Donaumonarchie vielfältig war.

Urkundlich erwähnt sind die Kreiskys erst um 1780: als Bewohner des mährischen Ortes Kanitz (Kanice) nahe Brünn. Allerdings gibt es die Theorie einzelner Stammbaum-Forscher, der Familienname Kreisky könnte auf die katalanisch-sephardischen Gelehrten Abraham und dessen Sohn Jehuda Cresques zurückgehen. Sie seien, als König Pedro IV. den Juden 1381 das Tragen des „Gelben Flecks“ verordnete und sie mit der Inquisition bedrohte, in das Königreich Böhmen ausgewandert. Bruno Kreisky betrachtete diese Annahme allerdings mit der für ihn so typischen Skepsis: „Alle Juden wollen Spaniolen sein.“ Er begnügte sich mit der Deutung, das tschechische Wort krajský bedeute „am Kreis“, der Name sei mithin dem um 1780 nachweislich registrierten Jakob Kreisky gegeben worden, nachdem Kaiser Karl VI. 1727 „Familiantengesetze“ eingeführt hatte, um die Zahl der jüdischen Einwohner zu beschränken: In einem Landkreis durfte sich jeweils nur eine behördlich bestimmte Anzahl jüdischer Familien niederlassen.

Jakob Kreisky wurde Hausbesitzer in der Judengemeinde von Kanitz. Er hatte zwei Söhne, die zwei unterschiedliche Linien begründeten: Bernard wurde Lehrer an der örtlichen Schule, sein Bruder Moses aber Berufssoldat, der unter Feldmarschall Radetzky diente. Bernards Nachkommen waren überwiegend Lehrer; es hielt sie nicht in Kanitz, sie zogen nach Böhmen und nach Wien, während Moses’ Nachkommen mehrheitlich politisch konservative Gewerbetreibende, Kaufleute und Techniker waren, die ihre Heimat Kanitz in der Regel nicht verließen.

Benedikt, Bruno Kreiskys Großvater väterlicherseits, den der junge Enkel besonders liebte, wurde Oberlehrer und später stellvertretender Direktor der Lehrerbildungsanstalt Budweis. Seine Gattin Katharina, geborene Neuwirth, war eine der ersten Lehrerinnen Mährens. Das Ehepaar hatte zehn Kinder. In späteren Jahren zogen Brunos Großeltern nach Wien und wohnten im Bezirk Fünfhaus. Benedikt Kreisky war politisch keineswegs sozialistisch eingestellt, er bezeichnte sich als Deutsch-Freiheitlicher und soll nicht selten bemerkt haben: „Gott sei Dank kommen die Sozis nie ans Ruder!“

Benedikt und Katharinas 1876 geborener Sohn Max – Bruno Kreiskys Vater – absolvierte die Höhere Technische Textilschule in Brünn und schaffte den Aufstieg zum Generaldirektor der Österreichischen Wollindustrie und Textil A.G. mit Sitz in Wien. Als angesehener Manager berief man ihn zum Zensor der Österreichischen Nationalbank. Ehe er 1944 im schwedischen Exil starb, leitete er dort noch zwei Jahre lang eine Textilfabrik. Max Kreisky, der nie Sozialdemokrat wurde, war dennoch ein Mann mit sozialem Gewissen, der seine Ideale von Freiheit und Brüderlichkeit bei den Freimaurern suchte. Er nahm unter anderem an der Aktion der Industrieangestellten zur Durchsetzung der vollen Sonntagsruhe teil, wurde Mitglied des Zentralvereins der kaufmännischen Angestellten, und es gelang ihm – als Vorsitzendem eines Schiedsgerichts – einen langwierigen Streik zu beenden. Er war ein bürgerlicher Liberaler, ein Mann von vornehmer Gesinnung, der Politik und Kultur seiner Zeit aufmerksam verfolgte, ohne aber über sein standespolitisches Engagement hinaus politisch aktiv zu werden. Als Freimaurer verfügte er über viele Kontakte zu führenden Persönlichkeiten der Hauptstadt, er kannte vermutlich Arthur Schnitzler und verkehrte regelmäßig mit einer Reihe prominenter Journalisten und Intellektueller.

Die Beziehung zu seinem „strengen und gütigen“ Vater beschrieb Bruno Kreisky als innig. Auch wenn sie nicht einer gewissen Sprödigkeit entbehrte, hatte er ihn „sehr gern“. Wohl auch deshalb, weil der Vater der politischen Betätigung seines Sohnes viel Verständnis entgegenbrachte. In der Zeit der illegalen politischen Aktivitäten des jungen Kreisky und seiner damit verbundenen Inhaftierung durch die Austrofaschisten sollte diese tolerante Haltung des Vaters eine ernste Bewährungsprobe erleben.

Kein Wunder, dass der andere Kreisky-Zweig, die Nachkommen von Moses Kreisky, ihre Verwandten gerne als „die Roten“ bezeichneten: Rudolf Kreisky, Max Kreiskys jüngster Bruder, war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und leitender Funktionär der sudetendeutschen Konsumgenossenschaften. „Er war in meinen Augen der hervorragendste und derjenige, der mich eigentlich zur Sozialdemokratie hingeführt hat, soweit es noch eines Hinführens bedurfte“, erinnert sich Bruno Kreisky in seinen Memoiren. Der beginnende industrielle Kapitalismus produzierte Wohlstand, die Dynamik der Veränderung schuf aber auch neue soziale Fragen, die der junge Bruno in den frühen zwanziger Jahren auf den Fußwanderungen mit seinem Onkel in den verelendeten Dörfern des Böhmerwaldes und des Riesengebirges kennenlernte. Das angewandte Modell der Genossenschaften, wie es Rudolf Kreisky vertrat, schärfte den Blick des Kindes aus wohlhabendem Haus für die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Ungleichheit. Rudolf überlebte den Zweiten Weltkrieg in England und kehrte nach Kriegsende nach Prag, später nach Wien zurück, wo er 1966 starb.

Zwei Brüder von Max Kreisky, Oskar und Otto, Lehrer der eine, Advokat der andere, waren Mitglieder einer schlagenden Verbindung und machten aus ihrer deutsch-freiheitlichen Einstellung nie ein Hehl. Ein dritter deutsch-freiheitlicher Onkel Bruno Kreiskys, Ludwig, auch er Lehrer, setzte sich mit Nachdruck für die Erhaltung des Deutschtums in Böhmen ein. Oskar Kreisky gelang die Flucht nach Amerika, wo er ein jüdisches Behindertenheim leitete. Er kam 1955 nach Wien zurück, behielt aber bis zu seinem Tod im Jahre 1976 die amerikanische Staatsbürgerschaft bei. Ludwig und Otto hingegen wurden trotz ihrer deutschfreundlichen Gesinnung – in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten umgebracht.

Fünfundzwanzig seiner engsten Verwandten, so errechnete der ehemalige Bundeskanzler, kamen durch den Naziterror um: Sie wurden vergast, verschleppt, vertrieben, erschossen, enthauptet. Kreisky resümierte: „Ich kann sagen, dass meine beiden Familien den Nazismus in seiner grauenhaftesten und umfassendsten Form erfahren haben und dass nur wenige von uns übrig geblieben sind. Über die Welt verstreut, trifft man hier und da den einen oder anderen. Jedesmal, wenn jemand herumzudividieren beginnt, ob das vier oder sechs Millionen gewesen seien, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind, kann ich trotz eines gewissen Verständnisses für die Schwächen der Menschen nur sagen: Von den mir Nahestehenden wurden so viele umgebracht, dass Zahlen mich nicht mehr interessieren.“

Eine Schwester Max Kreiskys, Brunos Tante Rosa, wanderte rechtzeitig nach Palästina aus, sie hat den Krieg in Tel Aviv überlebt. Ihr Sohn Viktor war Zionist der ersten Stunde, ein Anhänger Zeev Jabotinskys, der, wie Bruno Kreisky sich Jahrzehnte später erinnern sollte, „einen ganzen Sommer hindurch mit viel Geschick versucht (hat), mich für den Zionismus zu begeistern. Der Erfolg war, dass ich mich für diese Richtung zwar zu interessieren begann, sie aber ablehnte.“

Ganz anders sein vierzehn Monate älterer Bruder Paul: Er litt unter dem wachsenden Antisemitismus schon in der Ständestaat-Zeit und entschloss sich 1938 zur Flucht nach Palästina; seine Sehnsucht war schon lange das „Land der Juden“ gewesen. Dort nannte er sich Schaul und hatte kaum mehr Beziehungen zu seinem Bruder, was viele Jahre später zu gehässigen Vorwürfen gegen den Bundeskanzler in der Sensationspresse führen sollte. In Wahrheit hat Bruno Kreisky seinen Bruder über Jahrzehnte hinweg finanziell unterstützt und war darum besorgt, ihm in Israel ein Leben in Würde zu ermöglichen. Paul war wegen früher Krankheiten und einer Kopfverletzung durch einen Schulkameraden immer das Sorgenkind der Familie gewesen. Die Eltern bemühten sich mit aller Macht, das bedrückende Schicksal ihres ältesten Sohnes zu mildern. Viel Geld und Zeit wurde aufgewendet, die neuesten Erkenntnisse der Medizin wurden aufgeboten, und eine Zeitlang hoffte der Vater, mit Hilfe des Individualpsychologen Alfred Adler die Entwicklung seines Ältesten positiv beeinflussen zu können. Die Psychologin und Pädagogin Stella Klein-Löw erinnert sich in diesem Zusammenhang: „Als Bruno Kreisky vierzehn Jahre alt war, widmete er seinem Bruder viel Zeit und Geduld. (…) Statt zu spielen und zu sporteln“ habe er Paul in seiner Freizeit für „Stunden und Stunden in bewundernswertem, für sein Alter fast unglaublichem Einfühlungsvermögen“ zur Seite gestanden.

Ein von Bruno Kreisky hochverehrter Großonkel, der Bruder seiner Großmutter Katharina, war Joseph Neuwirth, der bis dahin einzige aktive Politiker der großen Familie Kreisky. Lange Jahre hindurch diente er als Vertreter der Brünner Handelskammer im Abgeordnetenhaus. Der langjährige Abgeordnete der Liberalen im Wiener Reichstag, ein Mitbegründer der Neuen Freien Presse und Verfasser zahlreicher wirtschaftspolitischer Abhandlungen, erntete große Hochachtung für seine Reden und Schriften zum Budget und zur Volkswirtschaft. Kaiser Franz Joseph wurde sein Name sogar einmal als möglicher Finanzminister vorgeschlagen. Neuwirth bekannte sich als konfessionslos, eine Haltung, die der Kaiser keineswegs guthieß; er strich ihn denn auch aus der Ministerliste mit den Worten: „Da wär’ mir schon lieber, er wär’ a Jud.“

Irene Felix, Paul und Bruno Kreiskys Mutter, heiratete Max Kreisky im Jahre 1909. Sie war eines von sechzehn Kindern, stammte aus Znaim in Mähren, wo ihr Vater – Kreiskys Großvater Moritz Felix – zusammen mit seinem Cousin Herbert Felix die Basis für einen bedeutenden Konservenkonzern schuf. Ein Unternehmen, das seine Waren, vornehmlich eingelegte Gurken und Sauerkraut, weit über die Grenzen der Monarchie hinaus exportierte. Irene Felix brachte eine beachtliche Mitgift in die Ehe, die den komfortablen Wohlstand der Kreiskys absicherte. Sie besorgte die Erziehung der beiden Söhne, führte den Haushalt und überwachte die Hausangestellten und Kindermädchen. Bruno erlebte sie als eine „unendlich gütige Frau“, die mit ihm aber wenig anzufangen wusste: „Der Liebling meiner Mutter war eigentlich mein Bruder Paul.“ Sie deckte jedoch immer Brunos Jugendstreiche: „Sie wusste mit fast instinktiver Sicherheit, wann ich in der Schule war und wann nicht.“ Sein früh einsetzendes politisches Engagement verfolgte sie hingegen mit leidendem Unverständnis. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1969 hat ihr zweitgeborener Sohn im Grunde nie zu einem besonders innigen Verhältnis zu seiner Mutter gefunden.

Seit den Zeiten Wallensteins sind Irene Felix’ Vorfahren in Mähren urkundlich nachweisbar, etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts brachten sie es dort auch zu beträchtlichem Wohlstand. Bereits 1694 wird der Name Felix in einem Empfehlungsschreiben einer Gräfin von Zierotin-Waldstein erwähnt, für die ein früher Ahne im mährischen Ort Trebitsch acht Jahre lang als Bader tätig war. In dem Geleitbrief, den die Reichsgräfin ihm mitgab, als er sie verließ, heißt es, dass er mit seinen ärztlichen Kenntnissen „mit profitio Christ und Jud“ gedient habe und daher jedem „männiglich bestens rekommandieret“ werden könne. Später wirkte er als Wundarzt und Chirurg.

In einem Gespräch, das Bruno Kreisky kurz vor seinem Lebensende mit der Fotografin Herlinde Koelbl führte, brachte er die Details seiner Herkunft wie folgt auf den Punkt: „Mein Vater stammt aus einer kleinbürgerlichen Beamtenfamilie. Meine Mutter stammt aus einer besser situierten Familie, in der die intellektuellen Berufe überwogen. Viele ihrer Vorfahren waren Ärzte. Die ersten Ärzte dieser Ahnenreihe sind offenbar aus Spanien eingewandert, haben sich in der Wallensteinischen Zeit bei der Reichsgräfin Zierotin-Waldstein im mährischen Trebitsch Verdienste erworben und sind dort in den Strudel des Dreißigjährigen Krieges geraten.“

In Trebitsch, unweit der Städte Znaim und Brünn, war seit dem Mittelalter eine Judengemeinde von beachtlicher Größe angesiedelt. Solche Gemeinden hatten überall in Böhmen und Mähren, nach Vertreibungen und Pogromen anderswo, bessere Lebensverhältnisse, größere religiöse Toleranz und mehr gesellschaftliche Akzeptanz vorgefunden, als dies etwa in den östlichen Teilen der Monarchie oder gar in Russland der Fall gewesen war. Seit den Reformen Kaiser Josephs II., Ende des 18. Jahrhunderts, fühlten sich die Juden Böhmens und Mährens mehr und mehr dem „deutschen Kulturkreis“ zugehörig. Das Haus Habsburg wurde als zivilisierende Macht gesehen, die Loyalität zu Krone und Kaiserhaus war bei den jüdischen Bewohnern dieser Landesteile daher besonders ausgeprägt.

Ein Nachkomme des erwähnten Urahnen der Familie Felix, Moritz Felix’ Vater Salomon, war ursprünglich Feldarzt, gab seinen Beruf jedoch auf, als er 1842 die kaiserliche Erlaubnis erhielt, Bier zu brauen und Branntwein herzustellen. Hundert Jahre später sollte die Familie, die seit Generationen in Böhmen und Mähren ansässig war und sich als Deutsche fühlte, von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nicht verschont bleiben: Die meisten Geschwister und Verwandten Irene Kreiskys sind in den Vernichtungslagern umgekommen; nur wenigen gelang die Flucht. Eine dieser Ausnahmen war Bruno Kreiskys Cousin und Lieblings-Verwandter, der geschäftstüchtige Herbert Felix, ein Neffe von Irene Kreisky, der rechtzeitig eine Niederlassung des Konzerns in Schweden gegründet und diese mit zuletzt tausend Angestellten zum zweitgrößten Konservenunternehmen des Landes ausbauen sollte. Als er 1973 starb, hinterließ er ein beträchtliches Vermögen.

Der letzte Firmenchef in der bis 1939 noch freien Tschechoslowakei war Herberts Vater Friedrich Felix, Irenes jüngster Bruder; man deportierte ihn von Znaim zunächst nach Theresienstadt und dann weiter nach Auschwitz. Ein anderer ihrer Brüder, Julius Felix, ließ sich taufen. Er wurde Richter und Vizepräsident am Wiener Handelsgericht. „Was soll mir passieren?“, sagte er oft, „niemand weiß, dass ich vorher Jude war.“ Am Tag, da ihn eine Vorladung zur Gestapo ereilte, holte er seine besten Weine aus dem Keller und lud seine engsten Freunde ein. Am nächsten Morgen fand ihn seine Wirtschafterin tot im Bett – er hatte Selbstmord begangen.

3.

Bruno Kreisky muss ein frühreifes Kind gewesen sein: einen Tag nach Ende des Ersten Weltkriegs las der damals Siebeneinhalbjährige der tschechischen Köchin der Familie – während sie den Ofen saubermachte – den Leitartikel aus der Neuen Freien Presse vor: „Plötzlich merkte ich, dass Marie gar nicht zuhörte“, erinnert er sich. „Ihr genügte die Mitteilung, dass nun der Friede gekommen sei. Ich werde nie ihre Worte vergessen, dass ich das Lesen einstellen könne: ‚Wer weiß, für was gut ist!‘ “

Kreisky bezeichnete sich selbst im Rückblick als „Epigone des alten Österreich“. Dies keineswegs aus nostalgischer Hinneigung zu der siebenhundertjährigen Herrschaft der Habsburger, sondern aus dem Bedauern über den Untergang eines übernationalen staatlichen Gebildes. Die österreichische Politik im Kaiserstaat habe die großen historischen Möglichkeiten niemals genützt, empfand Kreisky, sie stellte sich ihm als „ein tragisches Gewebe aus Trugschlüssen, Missverständnissen und verpassten Gelegenheiten“ dar. Wäre diese große Wirtschaftsund Kulturgemeinschaft imstande und willens gewesen, ihre Möglichkeiten zu nützen, so meinte er, wären Europa die Katastrophen des 20. Jahrhunderts wohl erspart geblieben.

Den Tod Kaiser Franz Josephs, der Österreich-Ungarn achtundsechzig Jahre lang regiert hatte, erlebte Bruno Kreisky im November 1916 bewusst mit, obwohl er damals noch nicht fünf Jahre alt war: „Der Leichenzug führte durch Mariahilf, und die Kinder in den Bezirken, durch die er von Schönbrunn zur Stadt hineinzog, mussten Spalier stehen. Es war ein eiskalter, grausiger Tag, und wir froren entsetzlich. Als der Trauerkondukt endlich herankam, schien es mir, als fülle sich die ganze Welt mit Schwarz.“

Er hatte die Not und das Elend des Weltkriegs in den Straßen der Stadt gesehen. Die Verwundetentransporte zu den vielfach in Schulen untergebrachten Lazaretten, die ungezählten Kriegsinvaliden und Bettler im bürgerlichen Wohnbezirk seiner Eltern übten einen prägenden Eindruck auf ihn aus. „Der Krieg ließ uns rascher alt werden“, erinnerte er sich an jene Zeit des Untergangs der alten Ordnung. „Den Glanz der Monarchie, von dem meine Eltern erzählten, habe ich nicht erlebt. Für mich war der ganze Pomp der Monarchie nur düster.“

Das Auseinanderbrechen des Habsburgerreiches löste einen Schock aus, dessen Ausmaße man sich hundert Jahre später, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, kaum vorstellen kann. Aus der einstigen Großmacht Österreich-Ungarn war „ein halbes Dutzend Ohnmächte“ geworden und das kleine deutschsprachige Kernland ein Rumpf, dem man nicht zutraute, jemals aus eigener Kraft lebensfähig zu sein. Wien aber war mit seinen prunkvollen, zunächst beinahe leerstehenden Regierungsgebäuden, den zahllosen arbeitslosen Beamten und Berufssoldaten zum „Wasserkopf“ verkommen. Die ehemalige Hauptstadt eines blühenden Imperiums mit 53 Millionen Einwohnern wirkte mit einem Mal wie eine ärmliche Provinzstadt.

In den ersten Monaten nach Kriegsende wurde die Situation immer dramatischer: Der Ausbruch der Spanischen Grippe im Jahr 1918 forderte allein in Österreich Zehntausende Opfer, dazu gesellten sich Hungersnöte, Mehlkürzungen, Brotknappheit. Es war keine Kohle mehr vorhanden, da die neu gegründete Tschechoslowakei die Lieferungen eingestellt hatte; die Menschen froren bitterlich.

„Nach aller irdischen Voraussicht konnte dieses von den Siegerstaaten künstlich geschaffene Land nicht unabhängig leben“, schrieb Stefan Zweig in seinen Erinnerungen, „und alle Parteien, die sozialistische, die klerikalen, die nationalen, schrien es aus einem Munde – wollte gar nicht selbständig leben. (…) Einem Lande, das nicht existieren wollte – Unikum in der Geschichte! – wurde anbefohlen: ‚Du musst vorhanden sein!‘ “

Einen Tag nach der Abdankung Kaiser Karls I. von Österreich, Königs von Ungarn – er verließ an diesem 12. November 1918 mit Gemahlin Zita seine Heimat für immer – wurde vor dem Wiener Parlamentsgebäude durch die Präsidenten der Nationalversammlung, Franz Dinghofer und Karl Seitz, die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Hunderttausende strömten aus allen Bezirken der Stadt zusammen, versammelten sich zwischen Rathaus und Oper. Es brach sogar eine kleine, von sogenannten „Roten Garden“ angeführte Revolution aus: Nach Ausrufung der Republik hissten sie rote Flaggen, hatten aus den gerade erst fabrizierten rotweißroten Österreichfahnen die weißen Streifen herausgerissen. Plötzlich brach Tumult aus, das Gerücht kursierte, auf dem Dach des Parlamentsgebäudes sei ein Maschinengewehr postiert, um auf die Revolutionäre zu feuern. Es kam zu einem Schusswechsel, im panischen Gedränge wurden zwei Menschen tödlich verletzt, zahlreiche Kundgebungsteilnehmer erlitten schwere Verletzungen. „Zweihundert entschlossene Männer hätten damals Wien und ganz Österreich in die Hand bekommen können“, heißt es bei Stefan Zweig. „Aber nichts Ernstliches geschah.“

Schon am nächsten Tag hatte sich die Lage beruhigt; soziale Unruhen und Revolten sollten das Land allerdings noch jahrelang nach dem Zusammenbruch erschüttern. Der auf die Republik verheerend wirkende Friedensvertrag von Saint-Germain – die Bezeichnung „Deutschösterreich“ wurde von den Siegeralliierten verboten –, der Bruch der Koalition zwischen Sozialisten, Christlichsozialen und Deutschnationalen im Jahr 1920, die Etablierung restaurativer, bürgerlich-klerikaler Kräfte, dies alles führte zu einer ungeheuren Polarisierung in jenem Staat, von dem man später sagen sollte, dass ihn keiner wollte.

Zur „Anschlussfrage“ der kleinen Republik Österreich an das Deutsche Reich hatte Bruno Kreisky – im Rückblick auf die Erste Republik – eine eher distanzierte Haltung. Er unterschied sich darin von seinem Idol Otto Bauer, dem großen Theoretiker und Politiker, dem Führer der Sozialdemokraten und Nachfolger des Gründers der österreichischen Sozialdemokratie, Victor Adler. „Eine der stärksten Triebkräfte des Anschlussgedankens war die österreichische Sozialdemokratie“, hält Kreisky fest; Otto Bauer habe sich immer nur als österreichischer Deutscher verstanden. Bis zur Machtergreifung Hitlers hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), die übrigens ab 1920 in die Opposition verbannt war, die Anschlussforderung in ihrem Programm, und das Zentralorgan Arbeiter-Zeitung behielt bis zu ihrer Einstellung durch den Ständestaat 1934 „Deutsch-Österreich“ im Untertitel.

Als der Vertrag von Saint-Germain 1919 am Anschlussverbot festhielt, trat Bauer als damaliger Staatssekretär für Äußeres zurück. Selbst noch nach der nationalsozialistischen Annexion 1938 war er gegen eine Rückgängigmachung dieses so nicht gewollten „Anschlusses“ und hoffte auf eine „gesamtdeutsche Revolution“. Kreisky hat immer betont, den Anschlusswunsch weder in der Ersten Republik noch in der Zeit des Austrofaschismus oder gar in der Zeit danach akzeptiert zu haben. Als junger Funktionär sei er auch in den frühen Jahren in seiner Bildungsarbeit in der SDAP kein einziges Mal für das Thema „Anschluss“ in politisch militanter Weise eingetreten.

4.

Bruno Kreiskys Schulzeit war von der spürbaren Armut der meisten seiner Klassenkameraden geprägt, wenn auch seine eigene Kindheit von materiellen Sorgen frei war. Er stellte seinem Vater nicht selten die Frage, woran es denn liege, dass manche Menschen bettelarm, andere aber wohlhabend seien. Max Kreisky bemühte sich, seinem Sohn Erklärungen dafür zu geben, meinte sogar, die meisten Menschen seien an ihrer Armut keineswegs allein schuld, Antworten, die den Heranwachsenden allerdings nur partiell befriedigten.

Er war behütet von Kindermädchen, die seine Eltern aus Böhmen oder aus dem kärntnerischen Gailtal, wohin sein Vater berufliche Kontakte unterhielt, nach Wien holten. Ebenso wie die anderen Hausangestellten gehörten sie zur Familie. Ihnen allen bewahrte er „eine lichte und freundliche Erinnerung, denn sie haben es mit uns immer gut gemeint und besonders mit mir“.

Die Erziehung, die er in der weitläufigen, großbürgerlich eingerichteten Wohnung seiner Eltern in der Schönbrunner Straße 122 genoss, war aufgeschlossen und liberal. Was Vater und Mutter offenbar nicht ahnten: Schon als Siebenjähriger, kurz vor Kriegsende, schloss er sich nach der Schule einer Gruppe von Kindern an, die sich in den Elendsvierteln der Vorstädte herumtrieb. Er stieß dort auf Deserteure und Unterweltler, beobachtete mit wachsender Neugierde das Wiener Lumpenproletariat. Dem Anführer der Bande, einem Buben, der zehn Jahre älter war als er, lieferte er, es ist kaum vorstellbar, Messingschnallen aus dem Kreiskyschen Haushalt ab, aber auch Zucker in rauen Mengen, damals ein Artikel, der am Schwarzmarkt besonders teuer gehandelt wurde. Körperliche Züchtigung erfuhr er nur ein einziges Mal: Seine Mutter hatte eines seiner Beute-Verstecke entdeckt, im Winter begann der Zucker hinter dem Ofen zu stinken. „Die Köchin legte mich übers Knie und verabreichte mir eine empfindliche Tracht Prügel.“

Da ihm sein Großvater, der Lehrer Benedikt Kreisky, sehr früh das Lesen und Schreiben beigebracht hatte, las er als Kind ungemein gerne und viel – am liebsten Grimms und Andersens Märchen –, seinen Klassenkameraden war er dadurch immer weit voraus. „Merkwürdigerweise“ las er „nie eine Zeile von Karl May“, allerdings mit besonderer Begeisterung Harriet Beecher-Stowes „Onkel Toms Hütte“, später mit Faszination eine vielbändige Ausgabe von Ullsteins Weltgeschichte, die ihm sein Vater zum vierzehnten Geburtstag schenkte.

In den Memoiren bleibt unerwähnt, dass Brunos Großvater Benedikt Kreisky dem Enkel die hebräischen Buchstaben beigebracht hat. Er konnte als Kind Hebräisch lesen und auch ein wenig schreiben, wie aus einem Interview hervorgeht, das die österreichische Autorin und Journalistin Barbara Taufar in den 1990er Jahren mit der israelischen, aus Pressburg gebürtigen Chefredakteurin der israelischen Tageszeitung Davar Hanna Semer geführt hat. Frau Semer erinnert sich: „Er hat mir gesagt, dass seine Eltern schon konfessionslos waren und dass er eigentlich nie eine jüdische Erziehung gehabt hat, außer von seinem Großvater, der ihn Hebräisch lesen gelehrt hat. Also er kann die Buchstaben lesen. Das hat damals mit dem Gebet zu tun gehabt. Er kann nicht beten, und er kann nicht schnell lesen, aber er kann die Buchstaben identifizieren, weil ihn sein Großvater das gelehrt hat. Aber außer dem hat er überhaupt vom Judentum keine Ahnung gehabt und wurde nicht dazu erzogen, wurde nicht in diesem Geiste von seinen Eltern erzogen. Und deshalb findet er nicht, dass er sich irgendwie vom Judentum mehr entfernt hat, als es seine Eltern getan haben.“

Als er 1921 ins Gymnasium kam, galt er als der große Rädelsführer. „Der Kreisky“, hieß es seitens seiner Lehrer, „ist ein reiner Bösewicht.“ Er trieb es so weit, dass man ihn schließlich, sehr zum Ärger seines Vaters, der Schule verwies. Er ließ sich in ein Gymnasium im dritten Wiener Gemeindebezirk versetzen, wo er – trotz zahlloser Abwesenheitstage – im Jahr 1929 die Matura ablegen sollte.

5.

Bruno Kreisky, der Spross einer assimilierten bürgerlich-jüdischen Familie, wuchs also konfessionslos auf. Viele Juden waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der urbanen Ausstrahlungskraft des kaiserlichen Wien gefolgt und hatten damit zur geistig-kulturellen Revolution des Fin de Siècle Entscheidendes beigetragen. Die aufgeklärten jüdischen Zuwanderer hofften, hier ihre Diaspora beenden zu können. Im Schutz der Metropole waren sie auch bereit, die alten Traditionen vollends aufzugeben; die Assimilation wurde vielfach nur noch als konsequenter letzter Schritt in eine scheinbar vollständige gesellschaftliche Emanzipation empfunden.

Zwar verleugnete man im Hause Kreisky sein Judentum nicht, tat Religion aber schlicht als unerheblich und gesellschaftlich irrelevant ab. Konfessionelle Unterschiede zu thematisieren erachtete man als „unfein“, so wie man auch nicht über Geld sprach. Mit der ostjüdischen, streng orthodoxen Gemeinde, die auf der sogenannten „Mazzesinsel“ im zweiten Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt lebte, gab es keinerlei Berührungspunkte. Im Gegenteil, man schämte sich dieser armseligen Glaubensbrüder, die zu großen Teilen vor den Pogromen im slawischen Osten geflohen waren. Man verleugnete gleichsam ihre Existenz, als habe man mit ihnen nicht das Geringste gemein. Ein gewisses Überlegenheitsgefühl gegenüber den Schtetl-Juden aus Galizien und der Bukowina, ein leicht überhebliches Selbstverständnis machte sich vielmehr breit, zur gesellschaftlichen Avantgarde der Großstadt zu gehören. Sigmund Freud und Karl Kraus, Peter Altenberg, Arthur Schnitzler, Theodor Herzl und Egon Friedell, Gustav Mahler und Arnold Schönberg, sie alle gehörten zu dieser aufgeklärten, assimilierten jüdischen Gesellschaft Wiens, und sie alle verdrängten die Leopoldstadt mit ihren streng religiösen Ghettobewohnern, die weniger als einen Kilometer von den Kaffeehäusern und Salons entfernt lebten, in denen sie in aller Mondänität verkehrten.

„Selbst wenn ich es wollte, ich könnte meine jüdische Herkunft nicht verleugnen“, pflegte Kreisky später zu sagen, bezeichnete sich aber als Agnostiker und setzte sich gegen „Vereinnahmungen“ durch Exponenten des Judentums zur Wehr, man denke nur an seine hasserfüllten Auseinandersetzungen mit Simon Wiesenthal, von denen noch ausführlich die Rede sein wird. Sein sehr persönlich bestimmtes Verhältnis zum Judentum, das auch nach 1945 von den Vor-Holocaust-Erfahrungen bestimmt geblieben war, sollte während seines späteren politischen Lebens eine Quelle des Konflikts, aber auch großer Missverständnisse bleiben. Eines jedoch steht fest: In den Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien findet sich ein Eintrag, Dr. jur. Bruno Kreisky sei am 13. Oktober 1931 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten.

Im Freimaurermuseum in Rosenau, Niederösterreich, ist ein Foto ausgestellt, auf dem Max Kreisky abgebildet ist.

Bruno Kreisky wurde in dieser Wohnung auch geboren, die Hebamme wohnte im selben Haus.

2. Kapitel

Die „Große Bewegung“

1.

Bruno Kreiskys politische Neugierde, seine Begierde, die gesellschaftlichen Realitäten der Nachkriegszeit zu begreifen, zu analysieren, setzte sehr früh in seinem Leben ein. Im Jahr 1924, als 13-Jähriger, nahm er erstmals an einer Demonstration teil. Die Vereinigung sozialistischer Mittelschüler hatte zu einer Protestveranstaltung vor dem Gebäude des Wiener Stadtschulrats aufgerufen, nachdem ein Gymnasiast die Schikanen eines seiner Professoren nicht mehr ertragen und sich aus der elterlichen Wohnung zu Tode gestürzt hatte. Unmittelbar nach dieser Kundgebung trat Kreisky der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler bei. Zunächst bedeutete diese Mitgliedschaft vor allem eine Art Wandervogeldasein, man fühlte sich als Teil einer großen Aufbruchbewegung, die vor allem im benachbarten Deutschland sehr viele jugendliche Anhänger hatte.

„Raus aus der Stadt!“, lautete damals eines der zentralen Leitmotive der Jugend. Ob deutschnationale Wandervögel, katholische Neuländer, ob Sozialisten oder junge Zionisten: Sie alle hatten eine zivilisationskritische Grundhaltung, verknüpft mit politischen Utopien, wie etwa die „klassenlose Gesellschaft“. Zumeist waren die Gruppen militärähnlich organisiert und von charismatischen Führern geleitet.

An Wochenenden traf sich der Wanderbund, dem Bruno Kreisky angehörte, und fuhr in die Natur, man übernachtete in Zeltlagern; der Heranwachsende genoß das Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn er es auch bedauerte, zunächst noch kaum politisch tätig sein zu dürfen. Das sollte sich jedoch bald ändern.

Ende Jänner 1927 war es in dem burgenländischen Ort Schattendorf zu Zusammenstößen zwischen einer rechtsgerichteten Bürgerwehr, den „Frontkämpfern“ und dem „Republikanischen Schutzbund“, einer paramilitärischen Organisiation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, gekommen. Mitglieder der Frontkämpfervereinigung attackierten aus dem Hinterhalt eine Versammlung des Schutzbundes, wobei zwei Menschen getötet wurden: ein vierzigjähriger Kriegsinvalider und ein achtjähriger Bub. Am 2. Februar 1927, dem Tag des Begräbnisses der beiden Getöteten, streikten in ganz Österreich die Arbeiter – eine Viertelstunde lang.

Im Juli 1927 kam es zum Prozess gegen die Todesschützen von Schattendorf, der nach zehn Tagen mit einem Freispruch endete: Der Mord wurde als Notwehr dargestellt und die Täter als „ehrenwerte Männer“ bezeichnet. Als die Nachricht am 15. Juli allgemein bekannt wurde, kam es zu einem Massenprotest Tausender Wiener Arbeiter gegen das als ungerecht empfundene Gerichtsurteil. Sie zogen in großen Scharen durch die Innenstadt, versuchten zunächst vergeblich, die Universität und das Parlament anzugreifen, wichen sodann auf den nahegelegenen Justizpalast aus, der als Symbol für die bürgerliche „Klassenjustiz“ empfunden wurde. Der Wiener Bürgermeister Karl Seitz sowie Theodor Körner, der Anführer des sozialistischen Schutzbundes, versuchten, die Massen zu beruhigen, die jedoch nicht mehr aufzuhalten waren. Zunächst wurden nur die Fensterscheiben des Justizpalastes eingeschlagen, doch dann drangen einige der Aufgebrachten in das Gebäude ein. Plötzlich schlugen Flammen aus den Stockwerken. Der Brand breitete sich rasch aus, verwüstete alle Akten – es war „das Nächste zu einer Revolution, was ich am eigenen Leibe erlebt habe“, wie Elias Canetti das Ereignis in seinen Erinnerungen festhielt. „Seither weiß ich ganz genau, ich müsste kein Wort darüber lesen, wie es beim Sturm auf die Bastille zuging.“ Polizeipräsident Schober erteilte Schießbefehl – der christlichsoziale Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel hatte ihm freie Hand gegeben –, und die Beamten schossen tatsächlich wahllos in die Menge. Im Zuge der erbitterten Straßenkämpfe kamen neunundachtzig Menschen ums Leben, tausend Verletzte waren zu beklagen. Der Justizpalast aber brannte bis auf die Grundmauern nieder.

Bruno Kreisky hatte sich mit seinem Cousin Artur, einem Sohn seines politisch aktiven Onkels Rudolf Kreisky, der Demonstration vor dem Wiener Justizpalast zunächst aus reiner Neugierde angeschlossen, doch „plötzlich peitschten Schüsse. Wir haben die Salven nicht nur gehört, wir haben auch die fallenden Menschen gesehen, das Blut. Zum ersten Mal sah ich Menschen sterben. Das Herz klopfte uns bis zum Halse.“ Auch Elias Canetti schildert diesen Moment in seinem Memoirenband Die Fackel im Ohr: „Das Rennen der Menschen, in Seitengassen, und wie sie dann gleich wieder erscheinen und sich wieder zu Massen formieren. Ich sah Leute fallen und Tote am Boden liegen (…) Furchtbare Scheu besonders vor diesen Toten. (…) Bis der Schutzbund kam, der sie vom Boden hob, war gewöhnlich leerer Raum um sie, als erwarte man, dass gerade hier wieder Schüsse einschlagen würden. Die Berittenen machten einen besonders schrecklichen Eindruck, vielleicht weil sie selber Angst hatten.“

Als Kreisky und sein Cousin Artur wohlbehalten, wenn auch tief erschüttert nach Hause zurückkehrten, erfuhren sie von dem Gerücht, ein Mann namens Artur Kreisky sei in der Wiener Innenstadt lebensgefährlich verletzt worden. Es stellte sich heraus, dass ein entfernter, der Familie beinahe unbekannter Verwandter, ein angesehener Juwelier auf der Kärntner Straße, als gänzlich Unbeteiligter auf dem Nachhauseweg von Gewehrkugeln der Polizei getroffen worden war. Er erlag drei Tage später seinen schweren Verwundungen. Auch Brunos Cousin Artur sollte sechzehn Jahre später eines gewaltsamen Todes sterben: Er wurde wegen seiner Widerstandstätigkeit 1943 in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Unter dem Eindruck der Ereignisse des 15. Juli – „es war ein furchtbarer Tag auch für mich“ – trat Bruno Kreisky der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei. Das politische System Österreichs hatte durch das Fehlurteil, den Brandanschlag auf den Justizpalast und die brutale Niederschlagung der Demonstration irreparablen Schaden erlitten – es war ein Wendepunkt in der politischen Geschichte der Ersten Republik. Wollte er zur gesellschaftlichen Veränderung Entscheidendes beitragen, so wurde Kreisky nunmehr bewusst, musste er den Verein der Mittelschüler verlassen und sich einem „wirklichen Engagement“ stellen.

Kreisky dürfte sich allerdings keinen Illusionen hingegeben haben, er befürchtete sogar, dass der Abstieg der Sozialdemokratie bereits begonnen hatte: „Im gleichen Moment, in dem der Staat bewies, dass er sich traute, auf demonstrierende ‚Rote‘ zu schießen, war der Bann ihrer Politik gebrochen“, sollte er rückblickend feststellen. Schutzbund und Partei sahen an diesem 15. Juli ihre Hauptaufgabe darin, einen drohenden Bürgerkrieg zu verhindern: „Wir sind nicht im Kampf besiegt worden, wir sind vielmehr dem Kampf ausgewichen“, lautete die Devise. Kreisky empfand diese Haltung seitens der sozialdemokratischen Politiker als Zeichen ihrer Führungsschwäche. Seine Enttäuschung war daraufhin so groß, dass er zunächst sogar darüber nachdachte, der Bewegung den Rücken zu kehren. Der Glaube an die Ideale der „Großen Bewegung“ gewann jedoch schließlich die Oberhand, mehr noch, er traute sich zu, einer wiedererstarkten Partei in Zukunft persönlich durchaus von Nutzen sein zu können.

Der Wechsel zur SAJ sollte nicht ohne anfängliche Schwierigkeiten verlaufen: Bruno tauchte stets makellos gekleidet bei den Arbeiter-Versammlungen auf, da er seiner besorgten Mutter – sie wollte immer wissen, wo er gerade sei – vorgaukeln musste, er besuche in Wirklichkeit die Tanzschule Elmayer. Die Arbeiterjugend trat dem Gymnasiasten aus bürgerlichem Hause daher lange Zeit mit Misstrauen gegenüber, verspottete ihn sogar ganz offen. Getreu dem Motto Victor Adlers, einen Intellektuellen müsse man dreimal wegschicken, wenn er dann immer noch zur Parteiarbeit bereit sei, dürfe er bleiben, überwand Kreisky die anfängliche Ablehnung – die durchaus auch auf antisemitische Ressentiments zurückzuführen war – und wurde endlich in den Kreis der SAJ aufgenommen. Es gelang ihm danach relativ rasch, das Vertrauen seiner neuen Genossen zu gewinnen, mehr noch, er sollte sich in ihrem Umfeld bald sehr wohl fühlen.