Österreichisch-Deutsches Wörterbuch

zusammengestellt von
Astrid Wintersberger
unter beratender Mitarbeit von
H. C. Artmann

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

20. Auflage

© 1995 Residenz Verlag

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VORWORT

Österreich, sagt man, sei insofern ein glückliches Land, als die Leute hier Deutsch sprechen und trotzdem keine Preußen sind. Ersteres wird uns aber gerne abgesprochen, klingt doch, was wir hier von uns geben, schlampig hingenuschelt im Gegensatz zur gehobenen Rede, die unsere Nachbarn führen. Wir warten vergeblich auf Austauschschüler, denn die sollen ja ordentliches Deutsch lernen, nicht irgendeinen urigen Dialekt, und die Redakteure spitzen den Rotstift über den Werken „öst’rreichischer“ Autoren und ersetzen gewissenhaft jeden „Sessel“ durch einen „Stuhl“ und jeden „Kasten“ durch einen „Schrank“.

Der deutsche Mensch lächelt gnädig, wenn ihm in gelöster Urlaubsstimmung aus dem Mund eines trachtenbehüteten Originals Schwerverständliches entgegentönt, aber in der Sprache der Literatur fallen ihm jene austriakischen Kuriositäten, die vom Lektorat aus mangelnder Aufmerksamkeit oder patriotischem Eigensinn nicht bereinigt wurden, mitunter recht unangenehm auf. Da wird dann doch eine allgemeinverbindlichere Tonart erwartet; denn woher soll der deutsche Mensch zum Beispiel wissen, daß das, was spätestens eine Woche nach dem letzten Staubsaugen durch die Wohnung läuft, keine seltene Amphibienart ist, sondern, wie Duden sagt, „zusammengeballter, mit Fasern durchsetzter Staub (österr. ugs.: Lurch)“?

Es gilt also, dem nicht ganz so Kundigen auf die Sprünge zu helfen, indem man ihm ein Wörterbuch in die Hand gibt, das er immer bei sich führen kann, wenn er mit den Eingeborenen dieses Landes zusammentrifft – entweder um sich in einer unassimilierten Gaststätte die Speisekarte auszudeutschen oder um in den Dschungel des literarischen Wildwuchses vorzudringen –, ein Beitrag zur Völkerverständigung im „Westentaschlformat“ sozusagen; den anderen aber, die, ohne mit der Wimper zu zucken, das Wort „Powidldatschgerl“ herausbuchstabieren und angesichts der Aufforderung, sich brausen zu gehen, gar nicht erst auf den Gedanken kommen, es könnte eine Dusche angesagt sein, sei bei der Lektüre der gefladerten (zusammengeklauten) und selbsterfundenen Übersetzungen viel Vergnügen gewünscht.

Auch mancher Österreicher wird auf Töne stoßen, die ihm nicht recht vertraut klingen, zumal es die Gerechtigkeit gegenüber unseren Vorarlberger Landsleuten verlangte, den einen oder anderen alemannischen Ausdruck aufzunehmen.

Darüber hinaus ist solch ein Wörterbuch auch ein Psychogramm: denn die Seele eines Landes offenbart sich ja nicht zuletzt darin, wofür man Worte findet und worüber man sie verliert. Hier zeichnen sich drei entscheidende Themenkreise ab, die den Österreicher scheinbar mehr bewegen als alles andere: die unterschiedlichsten Grade der Alkoholisierung, die diversen Formen geistiger Demenz und die vielfältigen Aspekte weiblicher Widerwärtigkeit. Tu felix Austria!

A

abbeindln: das Leben nehmen

abbrannt: sonnengebräunt; pleite

abbrocken (brocken): pflücken; festnehmen

abdraht: falsch, hinterlistig

abfiesln (abkiefeln): abnagen

abfretten, sich: sich abmühen

abgellen: abprallen

abgoschn: mit Maulschellen traktieren

abgwichst: schlau, verschlagen

abidrahn: jmdn. übervorteilen, ihn vom hohen Roß stürzen

abizahrn: durch Unlust bedingtes ineffizientes Arbeiten

abkragln: erwürgen

ableiben: sterben

abpaschen: sich aus dem Staub machen

abrebeln: Beeren von der Traube pflücken

abschasseln: abwimmeln, kurz abfertigen (frz. chasser: verjagen)

Abschnitzl: Abfall, der beim Schnitzen und Schneiden zurückbleibt

abstrudln, sich: sich abmühen

abtatschkern, abtatscheln: kosend über die Wangen oder andere Körperteile streichen, tätscheln (kann als sexuelle Belästigung empfunden werden)

abtödeln: verwelken, absterben

abtreiben: Teig schaumig rühren

abzuzeln: mit heftigen Saugbewegungen ablecken

acheln: essen (hebr. achol)

Adabei: einer, der keinen gesellschaftlichen Anlaß ausläßt

adeln: auf dem Feld Dung ausbringen

Affn: an A. haben: einen gewaltigen Rausch haben

Agazebam: Akazie, Robinie

Agrasel: Stachelbeere

ahgähds: anfang(s), zuerst (vbg.)

Ahnl: Vorfahre; daher:

Ahnlvertilgung: gewaltsame Beseitigung von nicht ablebenswilligen älteren Verwandten

Aichtl (Eichtl, Neichtl): ein wenig, eine Weile

Alpendollar: Schilling

Alzerl (Äuzerl): ein winziges bißchen

Amtskappel: Dienstmütze, Zeichen beamteter Autorität

anbandln: Kontaktaufnahme zwecks Einleitung eines Liebesverhältnisses oder einer Schlägerei

anblasn: beschwipst

anbumsen: anstoßen; eine Ledige schwängern

andipplt: betrunken

andudlt: durch übermäßigen Alkoholkonsum etwas beeinträchtigt

anfäuln: anwidern

angehn: auf die Nerven gehen

angflaschlt: besoffen

anglahnt: jmdn. a. lassen: ihm den Laufpaß geben, ihn auf sich gestellt lassen, ihn nicht beachten

angstraat: unzurechnungsfähig (meist aufgrund von Trunkenheit)

anhauen: sich anstoßen; jmdn. anpumpen; anfragen; ausgiebig speisen

anhiasln: anstreichen; jmdn. betrunken machen (rotw. Hiesel: Schminke)

anlassig: zudringlich, zu flüchtigen Liebesabenteuern aufgelegt (steir. anlässig: nach dem Stier verlangend)

anmachig: gefällig, appetitlich (vbg.)

anpelzen: schwängern

anreiden: im Schlaf reden; einen aufhetzen

anschledern, sich: viel (Wasser) trinken

anschlerfen, sich: sich beim Essen mit Speise beschmutzen

anschnarzen: jmdn. grob anreden

Anserschmäh (Einserschmäh): besonders gefinkelter und daher bevorzugter Trick

antampelt, antrommelt, antrappelt,

antostet: etwas geistesschwach

antschechert: betrunken

anzahrn: sich ins Zeug legen, rasch weitermachen

aper: von Winterschnee befreit

Aracht: Arbeit

Armutschkerl: armes, bedauernswertes Geschöpf

arretieren: festnehmen (frz. arrèter)

Arschhadern: Windel in der Vor-Pampers-Zeit

arschig: nichts wert

Arschknödel (Knödelreiter): Stoß mit dem Knie in den Hintern eines Mitmenschen

Arschkräuler: Speichellecker

a(r)schling(s): rückwärts, verkehrt

Aschanti: Erdnuß (nach dem afrik. Volk der Aschanti)

asen: ungestüm

assentieren: zum Heeresdienst mustern

aufblattln: stürzen; jmdn. bloßstellen

aufdrahn: sich in Szene setzen

aufficken, sich: sich wundreiben

aufganserln: aufstacheln, erregen

aufgramst: übermütig

aufhussen: aufhetzen

auf ja und nein: plötzlich

aufjucken: aufspringen

auflegen: jmdm. eine a.: ihm eine Ohrfeige verpassen

aufmascherln, sich: sich schmücken, herausputzen

aufpudeln, sich: sich entrüsten, sich wichtig machen

aufstieferen: aufhetzen