Angelika Reitzer     unter uns

Angelika Reitzer

unter uns

Roman

Residenz Verlag

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01

Die Alten schlendern über das Feld, eine unauffällige Choreographie, wirkungsvoll. Klärchen hat sich bei ihrer Schwester untergehängt, die zwei tragen Westen oder Pullover in derselben Farbe, und es sieht so aus, als wären sie gemeinsam beim Friseur gewesen. Sie haben ihre Brillen abgenommen, da ist die Ähnlichkeit besonders deutlich. Knapp hinter ihnen der alte Herr mit den Zwillingen, die längst erwachsen, aber bubenhaft wie immer. Ihre Scheitel glänzen, von weitem schon zeigen sie etwas wie einen Weg oder eine Richtung an oder den Lichteinfall zumindest. Sie spazieren, Hände in den Hosentaschen, wie immer im Gleichschritt, wie immer geben sie ihre Antworten halbwegs synchron. Wie immer sind sie wie immer, das ist ihr ganzes Leben schon so. Der Vater schreitet übers gestutzte Gras, sein Bauch ist nur mehr sehr groß, er hat viel Gewicht verloren. Rehe, die nach einer Aufführung langsam aus dem Wald hervorkommen, das Publikum Clarissa. Zufrieden mit ihrer Leistung verzichten sie darauf, sich zu verbeugen. Sie gruppieren sich um die Gartenmöbel, die hinter und unter ihnen verschwinden. Onkel Heinz steht hinter Klärchen, er hat seine Hand auf ihrer violetten Schulter abgelegt. So würde sie es sagen : fliederfarben.

Clarissas Chauffeur hat die Seiten gewechselt, er ist in den Rahmen hineingestiegen, hat sich hinten seinen Platz gesucht. Aber vielleicht ist es genau umgekehrt, das viel eher. Er ist nur kurz aus dem Bild gefallen, tut immer, was man von ihm verlangt, und Seiten wechseln, das ist das Allereinfachste. Er ist zur Stelle. Während Clarissa aus dem Zug steigt, läutet ihr Telefon. Der Zug voll, und dann ist der Bahnsteig voll, die Menschen strömen in Richtung Ausgang, ziehen ihre Koffer hinter sich her, der ganze Bahnsteig eine drängende, lärmende Masse, in der jeder auf seiner Spur beharrt, weshalb alle einander in die Quere kommen, die Eile lässt sie langsamer vorankommen. Clarissa kramt in ihrer Tasche, geht weiter, das heißt, sie wird weiter geschoben. Sie trägt ihre lederne Reisetasche über der Schulter und über der Reisetasche die Handtasche, das ist unbequem und lässt sie schief gehen, weil die Tasche schwer ist, und sie ist unförmig und kann nicht abschätzen, wie viel Platz sie braucht. Gerne würde sie so tun, als wäre das immer noch Routine, lästig, aber bekannt : an den nächsten Termin denken, an die Leute, die bei der Besprechung dabei sein werden, an ihre Präsentation und daran, dass alle Unterlagen sauber und in der korrekten Reihenfolge in der Mappe aus Rindsleder bereitliegen. Es ist immer dasselbe, sie findet das Telefon nicht und ärgert sich, denn wer in diesem Augenblick anruft, das weiß sie schon. Dann findet sie das Telefon, das nicht mehr läutet, in einem Buch, ganz unten in der Tasche, und ihre Ahnung bestätigt sich, natürlich, und dann rutscht ihr die Tasche über die Schulter. Sie wird noch zorniger und muss an sich denken als eine Slapsticknummer, und ob die Leute um sie herum die Stirn runzeln oder lachen oder an ihr vorbeischauen, will sie gar nicht sehen. Am Bahnsteig steht der Anrufer, sie haben sich gut zwei Jahre nicht gesehen, begrüßen sich mit einem Handschlag. Erstaunt sagt er : du siehst ja richtig gut aus. Sie fahren zusammen zu dem Landgasthaus, wo das Fest stattfindet. Im Auto will er sein Erstaunen wieder zurücknehmen, aber das geht jetzt nicht mehr. Clarissa fühlte sich doch gut. Einigermaßen. Er meint es nicht so, sicher nicht. Die Haut fühlt sich aber gleich pickelig an, sie weiß genau, an welchen Stellen sie mehr Schminke aufgetragen hat, und sie spürt an dem Brennen am Kinn, bestimmt ist da ein großer roter Fleck, trotz Make-up. Er dreht an seinem Radio herum, will jemanden anrufen, den er nicht erreicht, Nachricht hinterlässt er keine. Die Haare sind strähnig, obwohl sie sie noch vor der Abfahrt gewaschen und geföhnt hat. Vielleicht hätte sie ein Kleid anziehen sollen, vielleicht sollte sie sich nach der Ankunft sofort umziehen. Als Clarissa den Sender wechselt, ohne ihn zu fragen, schaut er sie einen Moment erschrocken an, dann grinst er. Er redet von Arbeit, von den vielen Terminen, von der Verantwortung und der Last auf den Schultern, und als sie aussteigen, denkt Clarissa auf einmal, dass er vielleicht ihre Arbeit gemeint hat, und das verwirrt sie zuerst, und als sie ihn darauf anredet, vorsichtig, wie nebenbei, schiebt er ihr ein kleines Mäppchen zu mit Informationen über die Gegend und ihre spärlichen Sehenswürdigkeiten, einem Faltblatt mit den Programmpunkten der Zusammenkunft. Kurz ist sie beruhigt, als wüsste sie Bescheid, als würde sie das kennen, was jetzt kommt. Clarissa will ihn nach der Teilnehmerliste fragen, lässt es bleiben. Punkt eins (individuelles Eintreffen) und Punkt zwei (kleiner Spaziergang in den nahe gelegenen Föhrenwald, Wiederaufnahme der familiären Beziehungen) liegen schon hinter ihnen, aber Abendessen, Schifffahrt, Volleyballspiel, Freizeit in Hallenbad und Sauna stehen noch bevor, und ihr Chauffeur nimmt jetzt ihre Hand und lacht ihr breit entgegen und ihre Köpfe stoßen zusammen. Es ist immer noch so, dass er einem hilft, aber zurück bleibt nur ein Gefühl der Störung. Ihr Chauffeur schaut sie an, ernst nimmt er ihre Tasche, er ist ihr Portier jetzt, und wenn sie ihn fragen würde, würde er in die fremde Küche gehen und ein Brot für sie holen oder einen Saft oder ein Stück Kuchen aus der abgesperrten Vitrine undsoweiter. Er trägt ihre Tasche nach oben und zieht sie hinter sich her, gleich lässt er die Hand wieder los, und früher war es ja auch so, dass er immer alles für alle getan hat, und niemand hat es ihm gedankt. Aber er hat einfach damit weitergemacht, und manchmal erinnerte er einen an eine größere Tat, und wer dann ein schlechtes Gewissen hatte, das war er. Dafür kann er einen auch kränken und so tun, als würde er es nicht bemerken, als würde ihm das gar nicht auffallen. Er kann sein breites Gesicht mit einem Grinsen und auch mit vollkommener Harmlosigkeit ausstatten, das schmerzt ein bisschen; aber es steht ihm ausgezeichnet. Nur wenn er darüber redet, was er gut kann, dann ist er ernst. Wenn er sicher weiß, was sein Gegenüber jetzt will, dass er jetzt gleich das Richtige tut, dann ist sein Blick, nein, dann ist sein Schauen wahrhaftig. Das ist er.

Er steht auf dem kleinen Balkon ihres Zimmers und referiert den vergangenen Vormittag, tut jetzt heiter, ganz ungezwungen; er selber ist schon zweimal zum Bahnhof und wieder zurück gefahren, sie ist die Dritte, die er abgeholt hat. Rücksicht auf ihn hat nie jemand genommen. Auf Familienfotos ist oft nur er verschwommen zu sehen, oder er wird von jemandem verdeckt, immer steht er hinten, bei keiner Feier fehlt er, aber zu erkennen ist er fast nie. Erst nach mehrmaligem Durchzählen sagt einer : der Hannes, wo ist denn der Hannes? Der Hannes ist extra mit einem größeren Wagen gekommen, spielt den Shuttlebus für die Omis. Oder er hilft beim Um- und Aufstellen der Möbel, organisiert die Kinderbetten. Baut das Volleyballnetz auf, und ist der Hannes nicht auch für eine korrekte Spielfeldbegrenzung zuständig? Eben. Holt den kleinen Cousin vom Flughafen ab. Hannes ist immer dabei, unsichtbar und vielleicht überdeutlich. Jetzt ist er auch schon wieder weg, die anderen sind aus dem Wald herausgekommen, und er ist in ihm verschwunden vielleicht. Als wollte er den verpassten Spaziergang nachholen. Er unterhält sich kurz mit ihrem Vater, wahrscheinlich um sich Anweisungen zu holen, und taucht erst wieder auf, als er Clarissa zum Zug bringt.

Eine Zeitlang steht sie auf dem kleinen Balkon, in dem Zimmer riecht es nach Weichspüler oder Putzmitteln, vielleicht nach beidem, nicht unangenehm. Auf der zurückgeschlagenen Überdecke liegt die Mappe, es sind keine Seminarunterlagen, und die Leute, auf die sie gleich treffen wird, kennt sie seit ihrer Kindheit. Für die meisten von ihnen ist sie nicht Assistentin des Geschäftsführers, sie kann für sie aber auch nicht mehr das Mädchen sein, das eine viel versprechende Zukunft vor sich hat. Clarissa muss lachen : das ist es doch, was ihr von uns wollt, Demonstration von Zukunft; und ja, das Lachen ist kurz und tonlos, und fast verschluckt sie sich daran. Dies soll, so ihre Mutter am Telefon, das letzte große Fest sein, und danach wollen sie sich zurückziehen aus ihren Verpflichtungen und aus ihrer Familie.

02

Ein Land, in dem ich niemals gewesen bin, in dem wir nie zusammen gewohnt haben. Alles ist dokumentiert, chronologisch geordnet, das Archiv meiner Kindheit in der großen Truhe in der Stube. Da ist auch ein Projektor, eine Leinwand, aber die wurde nur von Gästen benutzt, bei Familien- und Firmenfeiern, nie von uns oder von den Eltern. Auf manchen Filmen war vielleicht eine fröhliche, leicht disparate Familie zu sehen, die in einem Gastgarten probierte, wie es war, wenn man zusammengehörte. Es gab Aufnahmen von meinem sechsten Geburtstag, der wie alle Geburtstage mit der ganzen Familie gefeiert wurde, außerdem mit Kindern aus der Nachbarschaft. Filme von den ersten beiden Sommern, als das große Schwimmbecken hinten im Garten stand, Filme aus dem Leben meiner Schwester, vor meiner Zeit. Aber was sich auf den Filmen nicht fand, davon hatten die Eltern keine Vorstellung. Früher dachte ich immer, sie wollten das alles nicht sehen, es hätte sie nur traurig gemacht, dass sie immer Geld verdienen mussten, während wir mit unserem Onkel und seiner Frau auf Almen wanderten, irgendwo übernachteten oder an Badeseen zelteten. Was konnten sie davon gewusst haben? Es wird sie nicht interessiert haben, warum auch?

Die Tür zum Balkon war offen, und von der Terrasse, wie wir unseren Gastgarten nannten, war fetzige Musik zu hören, das Klappern der Absätze der Frauen und Lachen. Mutters Lachen und das ihrer Schwester waren immer schwer zu unterscheiden gewesen; gelacht und zu schneller Musik getanzt haben sie beide gern. Später der Stolz darüber, der weit darüber hinausdeutete. Sie montierten sich in die Bilder von Aufbruch und Freizügigkeit hinein, die sie doch selbst nur aus dem Fernsehen kannten. Mit mehr Zurückhaltung zeigten sie diesen Stolz, nachdem dieser Lebensabschnitt weggeräumt worden war, zurückgegeben an die wirklichen Protagonisten. Es genügte die vage Erinnerung an etwas, das ohne sie stattgefunden hatte, das man ihnen aber auch zutraute, schließlich war es ihr Jahrgang. Wenn sie davon sprachen, war immer klar, dass es sich um einen kinderlosen Zustand handelte; da ging es nicht um Vereinbarkeit, das hätten sie gar nicht gewollt. Die Super-8-Kamera lag auf dem Tisch, oder die Frau von Onkel Heinz hatte sie in die Stube gebracht, oder er hatte sie schon im Kofferraum verstaut, und Gläserklirren war zu hören, und dauernd schien jemand von einem Ende der Terrasse zum anderen zu gehen, hin und her. Der Steinboden war immer kalt, im Sommer ein großartiges Gefühl, aber die Erwachsenen waren nie barfuß; einmal wegen der Gäste und dann, weil sie davon ausgingen, man würde krank werden, klappklappklapp, klappklapp. Wahrscheinlich waren die Schuhe nur ein Bestandteil ihrer Vollständigkeit. Abgeschlossene Persönlichkeiten waren sie, immer schon gewesen, als junge Leute aber ganz besonders.

Orangestichige Bilder, oder sehr grobkörnig, wenn es schon dunkel war; als einziges Geräusch das Klappern der Schuhe und manchmal ein klirrendes Glas, kein Durcheinander von Stimmen, nicht der tiefe Bariton meines Vaters bei einem seiner Monologe und auch nicht die weichere Stimme von Onkel Heinz, der Anweisungen zur Aufstellung für ein Gruppenfoto gab. Meine Schwester lief über die Terrasse, ihre nackten Füße auf den immerkühlen Steinplatten; manchmal trippelte ich hinter ihr her, eine kleine Schwester eben. Meistens erzählte sie mir, was draußen vorging, das genügte schon. Oft setzten wir uns an die Bar und warteten, dass Klärchen hereinkam und uns aufs Zimmer schickte, oder wir hofften darauf, dass Onkel Heinz zu uns kam, mit uns redete, wie wir glaubten, dass Erwachsene reden. Er wusste natürlich, dass wir nicht ins Bett gingen, solange sie noch im Freien waren.

Wenn ich Angst hatte, alle könnten weggehen, uns allein lassen und nicht mehr zu uns zurückfinden, fing meine Schwester an, an mir herumzuzupfen, mich unauffällig zu trösten. Auf ihre Art. Aber dann sagte sie unwirsch wie eine, die es immer schon gehasst hat, eine große Schwester zu sein, dass sie das niemals machen würde. Nie. An einem Abend sagte meine Schwester zu mir : weißt du überhaupt, was das heißt? Es ist wie immer, nur umgekehrt. Nie. Nie. Nie. Manchmal brachte uns die Mutter ins Bett, und ich hörte, wie sie zu meiner Schwester sagte, dass sie noch ein bisschen ausgehen. Dann flüsterte meine Schwester in die Dunkelheit : sie bleiben in der Nähe, mach dir keine Sorgen, ich bin schon groß. Sie stand nicht mehr auf, und wir lagen beide wach, ohne miteinander zu reden. Als Selma dann nicht mehr bei uns war, sagte meine Mutter zu mir : wir gehen noch ein bisschen aus, aber du bist nicht allein, das weißt du, nicht? Dann war nicht nur das Zimmer, in dem ich lag und in die Dunkelheit schaute, angestrengt und in der Hoffnung auf vertraute Geräusche, dann war nicht nur mein Zimmer, sondern das ganze Haus, das noch größer und dunkler wurde und auch ein finsteres Loch sein hätte können, weit und tief unten in der Erde, leer. Dann schien es mich nicht mehr zu geben, und ich versuchte mir einzureden, dass alles nur ein Traum war und ich nur nicht aufwachen konnte, weil ich zu fest schlief. Dass ich gut schlafen konnte, auch ohne die anderen.

Die Musik, die mir dazu einfällt, ist eine aus den Sechzigern und stammt aus Filmen, die ich später gesehen habe, eine elternfreie, schwarzweiße Zone. Weder meine Mutter noch ihre Schwester noch die Frau von Onkel Heinz haben je einen Petticoat getragen. Ton kam erst später hinzu, aber das war Video, und die Aufnahmen wurden seltener, die gemeinsamen Ausflüge an den Wochenenden auch, und in der Truhe in der Stube waren keine Videokassetten gelagert, nur Super-8-Filme. Und wenn meine Schwester und ich spätabends noch auf die Terrasse liefen, waren da keine feiernden Erwachsenen mehr.

03

Maries Profil sagt, dass sie im Umfeld von Kunst und Ästhetik, aber auch in den Niederungen des Geschäftes mit der Schönheit tätig ist. Sie hat achtundvierzig Freunde, nicht gerade viel, aber immerhin. Zu den Kontakten (Projekte und Möglichkeiten), mit denen sie arbeitet oder arbeiten möchte, sind mittlerweile ein paar echte Freunde und Freundinnen dazugekommen. Die meisten von ihnen sind hier natürlich nur wegen ihres Jobs, und sie sind sich darin einig, dass Freunde in der analogen Welt wichtiger sind, aber niemand es sich leisten könne, virtuelle Freundschaften zu ignorieren. Was in der Realität manchmal schwierig ist, weil die Umstände mehr Raum beanspruchen als Ähnlichkeiten, vielleicht sogar etwas Gemeinsames, fällt im Netz viel leichter. Inklusive Retoure. Ein überraschender Moment immer wieder, wenn sich jemand meldet, an den man viele Jahre nicht gedacht hat : liebe marie, duerfte zirka 20 jahre her sein (wahrscheinlich laenger noch, aber 20 reicht – so alt sind wir doch gar nicht in wirklichkeit), da bin ich hinter dir gesessen, ein halbes jahr lang oder ein jahr. erinnerung? Marie hatte Kevin zwar nicht vergessen, sie hatte aber in all den Jahren auch nie an ihn gedacht. Mit sieben war sie weggezogen, damals hatte ihr Wanderleben begonnen, zuerst zu dritt, irgendwann wieder zu dritt, aber ohne den Vater. Als sie nach Jahren zurückkehrte, ohne Mutter, aber mit dem Bruder im Handgepäck, da hätte sie die Namen von Mitschülern und Kurzzeitfreunden aus den ersten zehn, zwölf Jahren, in denen ihre Familie oder das, was davon übrig, was schließlich wieder zu einer Familie geworden war, von Stadt zu Stadt, einmal auch in ein anderes Land zog, nicht mehr sagen können. Die Mitschüler aus der ersten Klasse hatte sie als Gruppenfoto gespeichert, kleine Menschen vor einem leuchtenden Forsythienstrauch in voller Blüte. Sie war einer von ihnen, leichte Verwunderung darüber. Dass diese Zugehörigkeit sich verlieren musste, wusste sie lange bevor das Gelb auf dem Fotografenbild verblasst war. Zu ihrem dreizehnten Geburtstag schenkte die Mutter ihr ein Adressbuch, obwohl sie sich ein Tagebuch mit Schlüssel gewünscht hatte. Enttäuschung, aber so war es ja immer : leicht daneben. Sie besitzt es immer noch, irgendwann sind E-Mail-Adressen dazugekommen und Visitenkarten. Sie benutzt es bis heute, auch wenn sie es nicht auf Reisen mitnehmen kann, dafür ist es zu prall, zu brüchig. Tagebuch führt sie schon lange nicht mehr.

kevin, der einzige bub, der sich freiwillig neben ein mädchen setzt. kevin, der sich in der pause beleidigt in den hinteren teil des schulhofes verzieht, weil seine nachbarin (nike? natascha? sabine?) zwar den schulweg, aber nicht die pausen mit ihm teilt. bist du das? (und warum wollte nike, natascha, sabine eigentlich in den pausen nichts von dir wissen?) Das war Kevin. Gleich stellen sich bei Marie die Zusammenhänge ein. Als würde Kevin das Foto zum Leben erwecken, es von hinten beleuchten, durchleuchten, sieht sie alles genau, auch wenn sie kaum noch jemanden deutlich erkennt. Sie erinnert sich daran, wie Manuela bei einem Spiel im Sitzkreis sich nicht zu fragen traute, ob sie aufs Klo gehen darf, und wie leid die ihr ab diesem Moment tat. Sie denkt an die ersten Wörter im Leselernbuch und an die Gliederpuppe aus Karton, die sie vor allen anderen aus dem Buch herausgerissen hat, erinnert sich an die drei, die immer alles gemeinsam machten (Clemens, Heidi, Nike) und sie nicht in ihre Gruppe aufnehmen wollten, an die Gemeinheiten, die sie sich danach ausdachte. Ob ihr alle gelangen, weiß sie nicht mehr.

Kevin ist vor ihr im Kaffeehaus, und er überlegt, ob sie sich auch ohne ihre Profilfotos wiedererkennen würden. Was denn noch da ist von einem, was immer schon da gewesen ist? Er denkt an seine Statur, nicht an seine Größe, an sein Kinn, ja okay. Dass er immer oder nur mit Mädchen gespielt hat, stimmt nicht; die falsche Erinnerung eines Mädchens von damals, das gefällt ihm. Was bleibt denn wirklich, vom Anfang? Sie verstehen sich gut, ohne besonders viel über alte Zeiten zu sprechen. Es scheint, dass Marie sich zwar an die Namen erinnert, aber die Geschichten nicht zuordnen kann. Kevin wirkt auf Marie, als wäre er immer schon da gewesen. Da, wo sie ihn jetzt antrifft. Sie fühlt sich oft so, als wäre sie gerade wieder umgezogen. Wege, die sie schon gegangen ist, kommen ihr auf einmal unbekannt vor, neu. Dann schaut sie, weiß nicht mehr genau, ob sie eine alte Beschriftung, ein verblasstes Schild schon einmal wahrgenommen hat oder nicht. Nachdem sie mit Jörg umgezogen war, kam es ihr lange Zeit vor, als hätte sie die Stadt gewechselt und nicht nur den Stadtteil. Als hätte sich die Stadt unterdessen verwandelt. Nach dem Kaffeehausbesuch kreuzen sich ihre Wege öfters, und Marie rechnet manchmal damit, dass nun auch die anderen Kinder aus dieser Zeit auftauchen, in der außer ihrer verstreuten Familie keine Menschen existieren, aber das geschieht nicht. Sie bleibt fremd und vertraut hier, wie sie will. Die Netze, die jeder für sich gespannt hat, sind überschaubar, aber auch nicht an allen Stellen zu überblicken. Jetzt stellt sich heraus, dass sie schon voneinander gehört haben, da waren sie aber nicht Marie und Kevin, sondern Funktionen eher. Mein Mann, sagte Vera immer, und Marie hatte nie nach seinem Namen gefragt, warum auch? Die Übersetzerin nannte Vera Marie oder die Kunsthistorikerin, Assistentin vom GF, aber so oft unterhielt sie sich nicht mit Kevin über solche Jobs. Marie hatte Kevins Frau bei einem Projekt kennen gelernt, bei dem Vera, eigentlich eine Mitarbeiterin von ihr, für die Digitalisierung zuständig war. Marie war von dem Auftraggeber in ein kleines Büro ohne Fenster gesetzt worden. Es gab ein Fenster, aber nur in einen Lichthof. Sie musste Anträge schreiben, was ihr nicht besonders gut gelang. Dann war sie dafür zuständig, die Anträge, die nun jemand anderer schrieb, zu übersetzen, was ihr nicht schwerfiel, und sie musste die Korrespondenz mit internationalen Projektpartnern führen, was extrem mühsam war. Immer wieder überkam sie der Verdacht, dass die Projektpartner von ihr erwarteten, dass sie nicht bloß übersetzte, sondern auch lieferte, was doch von ihnen kommen sollte : Ideen und Vorschläge, wie sie sich einbringen könnten. Nur Vera erledigte ihren Teil der Aufgaben rechtzeitig und vollständig. Dafür war sie ihr manchmal dankbar, aber Vera machte ihr ohne ein Wort klar, dass Dankbarkeit nicht notwendig, gar nicht angebracht war. Die meisten Anträge wurden abschlägig beantwortet. Marie bekam nie das vereinbarte Honorar und hatte das unangenehme Gefühl, ihr Chef sei sauer auf sie, aber sie konnte ihm nicht klarmachen, dass das Scheitern mit ihr nichts zu tun hatte. Ein paar Tage nach dem Abschluss des Projektes, der so unbefriedigend war wie jeder Misserfolg, auf den nichts folgte, war sie noch einmal in der fensterlosen Kammer, die so gründlich ausgeräumt worden war, als hätte hier niemals jemand an mehreren Projekten gleichzeitig gearbeitet, mit Leuten in mehreren Sprachen telefoniert und gemailt, als wäre sie immer schon leergestanden, ein vergessenes Zimmer, zu dunkel, um sich darin länger aufzuhalten. Ein Dichter soll einmal darin gewohnt haben, lange vor ihrer Zeit. Vera hatte ihr das erzählt, da lag sein schmächtiger Körper schon unter der Erde. Die Frauen redeten wehmütig von seiner bunten Gestalt, die manchmal einfach aufgetaucht war, immer auffiel, dabei aber nicht greifbar war. Ihr war zum Weinen zumute, wenn sie daran dachte, sie wollte aber nicht darüber nachdenken, warum. Nur ein Bildschirm stand noch an dem einen Ende des Tisches und darunter ein Rechner und der Ventilator, den Marie mitgebracht, aber nie verwendet hatte, kein einziges Mal. Sie löschte ihre Passwörter, fuhr den Computer herunter und klemmte sich den Ventilator unter den Arm. Den Büroschlüssel steckte sie in ein Kuvert, das sie im Stiegenhaus in den Briefkasten warf. Als Marie das Gebäude verließ, fielen die ersten Tropfen vom Himmel, Marie ging nicht schneller zum Auto als sonst. Der Ventilator steckte zwischen Vordertür und Fahrersitz fest, Marie wurde in wenigen Minuten bis auf die Haut nass. Dann saß sie im Auto und fuhr an, blieb aber gleich wieder stehen, weil der Regen zu stark war. Der Himmel war dunkel, die Straße stand unter Wasser, sie wünschte sich, dass alles, alles weggewaschen würde. Von allen Seiten musste es nun regnen, sie konnte den Regen nur noch hören, so stark war er, das Wasser klopfte sogar gegen die Bodenplatte. Endlich wurde sie wütend und fühlte sich ein bisschen besser. Aber sie war immer noch in diesem fensterlosen Raum, in Jörgs kleinem Auto, in Projekten, für die sie arbeitete, weil sie das Geld brauchte. Nach diesem würde ein anderes kommen und noch eines, und sie würde froh sein, wenn sie wieder eines gefunden hätte. Die Scheiben waren angelaufen, es hätte sie nicht gewundert, wenn das Wasser sie davonschwemmen würde, so leicht fühlte sie sich plötzlich mitsamt dem Kleinwagen, und sofort dachte sie : und eben das ist das Problem. Die Handbremse war angezogen, der Regen ließ nach. Von diesem Projekt blieb ihr Kevins Frau Vera, sie mochten einander.

04

In der Nacht wirst du träumen, dass du allein im Gastgarten sitzt und einen Mathematiktest schreibst. Deine Mutter, die Lehrerin, schleicht um dich herum, setzt sich an die verschiedenen Tische, behält dich im Auge. Verspielt zieht sie einen Feldstecher aus ihrer Schürzentasche, um dich aus der Nähe zu betrachten, noch genauer. Du lässt dich nicht davon ablenken. Aus der Küche hörst du den Vater schreien, kannst ihn aber nicht verstehen, die Lehrerin übersetzt simultan. Du erklärst ihr, dass du das Gemüse jetzt nicht waschen und schneiden kannst, keinesfalls, weil du den Test machen musst. Sie ist zwar auf deiner Seite, aber mit ihrem ständigen Dreinreden macht sie dich nervös. Du hast auf dem Schulweg alles geübt, der Stoff ist wahnsinnig schwer, und es ist wahnsinnig viel, aber du kannst es schaffen, wenn du nicht in die Küche musst zum Helfen. Du fühlst dich richtig clever und denkst : das mache ich jetzt immer, den Stoff auf dem Schulweg durchgehen. Dann überkommt dich eine große Verzweiflung, weil dir einfällt, dass die Eltern abreisen und der Test nur zu deiner Ablenkung dient. In diesem Moment denkst du nicht daran, dass der Schulweg nur aus einem Stiegenhaus besteht, von der Wohnung in die Gaststube, wo du bei schlechtem Wetter zur Schule gehst, oder weiter in den Gastgarten bei Sonnenschein. Dafür brauchst du zwei oder drei Minuten. Der Vater aber gibt nicht auf, du redest auf deine Mutter ein, dass du nachkommst. Du sagst : schau, Klärchen, ich bin ja noch ein Kind, ich bin noch gar nicht mit der Schule fertig, wollt ihr mich echt allein lassen? Sie antwortet nicht, geht über die Straße, holt Zigaretten aus dem Automaten vor der Trafik; Geld ist dafür nicht nötig. Eine Schachtel nach der anderen lässt sie in ihren Schürzentaschen verschwinden. Also gehst du in die Küche, dein Vater dirigiert dich nach hinten, auf den Parkplatz, da steht ein Typ mit einem Motorrad. Jemand hat ihn angefahren, und er ist verletzt, jemand hat ihm das Motorrad gestohlen; du hast keine Ahnung oder keine Erinnerung daran, es ist nur so, dass er dich beschuldigt. Du winkst gleich ab, bist beruhigt, dass man dir nichts anhaben kann, jetzt siehst du, es ist Martin, der Bruder von Marie. Er scheint dich nicht zu kennen, und damit ist die Sache anscheinend erledigt. Deinen Vater fauchst du an, weil er dich nie in Schutz nimmt, für dich nie die Unschuldsvermutung gilt. Du gehst zu deiner Mathematikaufgabe zurück und kommst nicht mehr weiter. Jetzt ist die Zeit zu kurz, du hast keine Chance, den Test fertigzumachen, überhaupt keine Idee, worum es darin geht. Du schaust zu deiner Mutter und rufst ihr zu, dass sie dir wenigstens Zigaretten mitbringen soll, aber sie lacht dich aus, zuckersüß jetzt : vergiss es, Kleines, vergiss uns einfach.

05

Immer stand das Essen im Mittelpunkt. In Abständen von einer Viertelstunde wurde da gefragt : magst du was?, hast du noch Hunger?, schmeckt es dir etwa nicht?, willst du was trinken?, oder : nimm dir, komm, lass uns noch eine Kleinigkeit essen, ich gebe dir noch einmal nach, das musst du aber schon kosten, lass uns was trinken, darauf trinken wir, wir sollten uns einen Drink genehmigen, was meinst du? undsoweiter. Mein Vater schlang sein Essen hinunter, ein Gang schloss unmittelbar an den anderen an, und er wollte es hinter sich bringen, denn es ging ja bald wieder weiter. Er saß am Kopf des Tisches, das versteht sich von selbst. Sein ganzes Leben hatte er bedient, aber wenn wir etwas feierten, saß er am Tisch und ließ sich alles bringen, dirigierte die Angestellten, die an solchen Abenden oder Nachmittagen Überstunden machten, oder meine Mutter, die zuerst in der Küche stand und dann in den Service wechselte. Er aß, und er redete, das Essen kommentierte er kaum. Es gab keine Einleitungen oder Erklärungen, wovon oder von wem er redete. Vom Hörensagen, das interessierte ihn, und alles, was er irgendwo gelesen hatte, Gelesenes aus Zeitungen und Magazinen war heilig. Selbst Erlebtes dagegen, das wurde seltener erzählt, und wenn, dann war es etwas, das weit zurücklag in der Zeit. Mein Vater redete über Menschen, die er kannte, als müssten alle sie kennen, er dachte nie darüber nach. Einen Freund meiner Cousine überfiel er beim ersten Zusammentreffen mit Geschichten über ein Nachbarkind, ausufernd und uferlos sprach er von dessen Talent und dessen Karriere, vielleicht meinte er Sicherheitssysteme, vielleicht meinte er Gartentore, es hätte auch Datenengineering sein können, man wusste es nie genau. Das ging über eine Stunde so, die anderen, meine Cousine auch, achteten nicht besonders darauf. Mein Vater duldete keinen Widerspruch, und man durfte ihn auch nicht daran erinnern, dass es seine großartige Wirtschaft, die alle so geliebt hätten und die er als heruntergekommenes Wirtshaus übernommen und zu einem angesehenen Gasthof ausgebaut habe, dass es die nicht mehr gab, weil keine Leute mehr kamen. Dass er den Gasthof nicht mehr betreibe, liege am Savoir-vivre, das er nun endlich entdeckt habe, sagte er und führte das aus, redete von der ars vivendi, als hätten wir kein Latein in der Schule gehabt, aber er schon. Für ihn und seine Frau sei es jetzt Zeit, nur mehr zu genießen. Sicher, einiges müsse noch geregelt werden, wie er bereits vor zwei Jahren gesagt hatte, aber dann würden sie es sich gut gehen lassen, keine Arbeit mehr, keine Gäste mehr, aus, vorbei mit den Sorgen. Mein Vater war ein Erfolgsmensch, davon war er überzeugt, und sie würden auch ihre neue Lebenskunst perfekt inszenieren, bestimmt. Vater machte immer alles am besten, und er war damit in einer guten Gesellschaft, das gab er gerne zu. Er identifizierte sich mit so vielen, die Großes leisteten, man konnte es gar nicht genug loben, egal, ob es sich dabei um das Gemüse in seinem Garten, um bestimmte Unternehmer oder Politiker handelte oder um irgendwelche Neffen, ohne dass man immer gleich wusste, wen er jetzt meinte. Alle konnten gemeint sein, alles. Seine verstorbene Mutter. Ein blinder Schlagersänger aus dem Nachbarort. Mein Vater selber und seine Frau. Der Papst. Eine Skifahrerin.

Das war sein neuestes Hobby : Stunden verbrachte er vor dem Fernsehapparat, schaute sich alle Bewerbe an, bei denen unsere Leute, wie er sagte, gute Chancen hätten. Seine Begeisterung für Sportbewerbe, die im Fernsehen übertragen wurden, schien sich zu einer Sucht ausgewachsen zu haben, ein dicker, behäbiger Mann, der den Winter über vor dem Fernseher saß, um alle Skirennen und Skispringen, Eisschnelllauf und Biathlon und Langlauf, um Rodelbewerbe zu sehen, der das Programm aller Sportkanäle auswendig kannte und immer exakt zum Beginn einer Übertragung auf den Knopf der Fernbedienung drückte. Dann saß er stundenlang, fieberte mit seinen Männern mit. Die lagen ihm ein bisschen mehr am Herzen als die Damen, für deren Leistung er aber schon Respekt aufbringen konnte, wenngleich der eher daraus resultierte, dass sie etwas konnten, obwohl sie als Frauen geboren worden waren. Die Mahlzeiten wurden in der kalten Jahreszeit selbstverständlich auf das Sportprogramm abgestimmt. Wenn alles angerichtet und leicht abgekühlt war, dann erst setzte er sich an seinen Platz, schaufelte in sich hinein, was auf dem Tisch stand, redete auf seine Frau ein und lobte ihre ausgezeichnete Küche, überschwänglich und doch pointiert. Das war bereits Teil seines Savoir-vivre, denn das hatte es früher nicht gegeben, dass über das Essen geredet wurde. Im Anschluss ging er für ein paar Minuten ins Freie, nach zwanzig Minuten saß er wieder vor dem Fernseher. Die Mutter servierte ihm Kaffee und setzte sich eine Weile zu ihm, dann ging sie in den Garten oder zu ihren Fitnessgeräten. So schilderte sie ihr Zusammenleben. Dass meine Mutter erst in dieser Zeit das Fernsehen für sich entdeckte, Kochshows, für die sich auch der Vater erwärmen konnte, erzählte sie nicht. Das Fernsehprogramm war nun zweifarbig markiert : gelb für Sport und orange für Essen.

Worüber er immer redete und redete und redete, das hatten wir als Kinder nie genau gewusst. Es war nicht wichtig. Vater kam zwischen zwei Tischen, die er bediente, zu uns in die Küche, wo wir spielten, unsere Aufgaben machten, fernsahen und aßen. Er sagte zum Beispiel : auch bei der Haltestelle vom Postbus ist so ein Kleinbus aufgetaucht, Mann oder Frau, wer weiß das schon? Oder : der Berger und der Franz haben ihn immer machen lassen, nächste Woche sitzt der im Kasten, ganz bestimmt. Er redete und redete, und manchmal hörte man einen Namen, den man kannte, selten fragte jemand nach, und noch seltener antwortete er. Aber meine Mutter sagte in seine Pausen hinein irgendetwas, und dann war er manchmal plötzlich still oder er antwortete ihr klar und ohne Umschweife. Immer wieder überraschte und irritierte mich das : Fremde.

06

Die Rehe sind stehen geblieben, ganz natürlich, sehr ruhig. Die Kitze äsen und halten sich dicht an die Böcke und Ricken. Plötzliche Geräusche machen ihnen nichts aus, Autos stören sie nicht. Sie wissen nichts von Gefahr. An alles können sie sich gewöhnen, schauen genau. Wer die Zuschauer sind und wer Darstellende, ist nicht mehr eindeutig zu erkennen, schon gar nicht für Clarissa. Aug in Aug und Aug in Aug. Eine Familie von mindestens zwei Dutzend Rehen. Wer würde sich zuerst bewegen? Dann macht sie einen Schritt, und die Gruppe zieht sich zurück, vorsichtig, immer noch. Ein Schritt nur, ein Schritt. Der Wald liegt hinter ihnen, das Fest beginnt in dem Moment, als alles schon hinter ihnen liegt, aber es erinnert in nichts an die Feste von früher.

Die Kinder sind mit Sport- und Spielgeräten ausgestattet, ein Mädchen, Lina oder Lena, posiert auf ihrem Roller. Ein bisschen ermattet wirken sie, vielleicht haben sie im Wald Ball gespielt, oder sie haben mit ihren Softbällen ein Turnier veranstaltet, wie früher : Familytennis. Der Garten hier ist fantastisch, mit einem uralten Kastanienbaum in der Mitte, um den herum eine alte Holzbank, einmal im Kreis, und einem großen, morschen Holzbrett, das schon Generationen als Schaukel dient. Auf den Tischen bunte Tücher, und wenn sich die eisernen Sesselbeine in den Kies bohren oder hin und her geschoben werden, knirscht es laut und leise im Kopf, und die jungen Frauen, die immer wieder nachschenken und ununterbrochen neue Speisen auftragen, lächeln die ganze Zeit, aber das strengt sie anscheinend nicht an. Das Essen ist gut und ausreichend, wenngleich die Portionen nicht so riesig sind wie zuhause, der Salat ist frisch, und der Wein schmeckt. Alle bemühen sich um eine halbwegs ausgelassene Stimmung, die Unterhaltung setzt sich eher schleppend in Gang, nur die Eltern amüsieren sich blendend.

Der Vater isst die Hälfte von früher, was die Mutter sichtlich mit Stolz erfüllt und ihm Zärtlichkeiten von ihr verschafft, die Clarissa an sehr viel früher erinnern. Aber diese Erinnerung hat auf der Stelle etwas Verlogenes, unzutreffend, macht alle anderen, die am Tisch sitzen, zu zufälligen Fremden. Ein Wir ist auf diese verzweifelten Menschen, die sich unbedingt gut unterhalten wollen, nicht anwendbar. Der Vater hat nicht nur ein bisschen abgenommen, aus der Nähe sieht man sein faltiges Gesicht und dass ihm sein Anzug jetzt bestimmt zwei Nummern zu groß ist. Das macht Clarissa stutzig, dass er für diesen Anlass nicht einen Anzug gekauft hat, der ihm passt. Noch immer kein Gefühl für die richtige Größe; er wird ja nicht von gestern auf heute so viel Gewicht verloren haben. Sein Hals verliert sich in dem Kragen, und die Krawatte gibt ihm den Rest. Ihr Vater ist alt geworden, wann ist das passiert? Er macht Pausen zwischen den Sätzen, manchmal wirkt es, als würde er mitten im Reden vergessen, was er gerade sagen wollte. Dann holt er wieder aus und spricht einfach weiter, fast wie früher. Er war fremd in dieser Gastwirtschaft, und das gefiel ihm, ließ ihn auch ein bisschen unsicher erscheinen. Zu den Kellnerinnen ist er höflich, wie er es niemals zu einer seiner Angestellten war. Er fragt Clarissa, wie es ihr geht, will, dass sie ausführlicher erzählt. So unvermutet steht er plötzlich neben ihr, dass sie sich umschauen muss, ob sein Erscheinen sonst noch jemandem auffällig vorkommt. Sie bemerkt nichts : später, sie wolle ihm nicht die Party verderben. Gleich ist er wieder verschwunden, und da versteht Clarissa, was sie so nervös gemacht hat : ihr Vater ist nie auf sie zugekommen.

Wenn sie Klärchen und den Vater in einem Restaurant am Nebentisch sehen würde, als Fremde, dann würden sie ihr wahrscheinlich nicht besonders auffallen : ein Paar, dem man zutraut, dass sie ein volles Leben hinter sich haben und noch ein paar fidele Jahre vor sich. Wenn. Sie hätte sich ausmalen können, wie sie am nächsten Tag die Enkelkinder von der Schule oder vom Kindergarten abholen und mit ihnen in ihr Wochenendhaus fahren. Ins Schwimmbad. Mit einem Kind Mathematik üben, mit dem anderen Pferdezeichnungen ausmalen, Kinderserien auf DVD anschauen, was auch immer. Das macht sie so aggressiv, dass sie aufstehen muss, und sie geht hinters Haus, wo ein privater Garten verwaist daliegt, nur eine nackte Glühbirne leuchtet schwach auf die Plastikmöbel und den Spieltraktor, der halb auf den Steinplatten, halb in der Wiese steht. Auf einem Trampelpfad, der zu einem eingezäunten Gemüsebeet führt, liegen Gummistiefel und ein Schlauch. Neben einem steinernen Podest stapeln sich Ziegel, ein Rost liegt daneben. Der Grill war bereits in Betrieb, obwohl er noch gar nicht fertig gemauert ist. Sie werden wohl niemals Enkelkinder haben, denkt Clarissa, sie geht davon aus, dass sie keine wollen. Ihre Eltern und kleine Kinder, die etwas mit ihnen zu tun haben, es ist undenkbar.

Sie geht auf ihr Zimmer und sucht das Telefon in der Tasche, niemand hat angerufen. Aus dem Garten ist jetzt Musik zu hören, Clarissa kommt sich vor wie ein kleines Mädchen, das auf dem Bett seiner Schwester sitzt und nicht mitfeiern darf, weil es zu klein ist. Im Bett der Schwester darf es nicht schlafen, aber mitten in der Nacht kriecht es unter die kalte Decke. Nach einer Weile hat es sich durchgesetzt, und die Eltern räumen Clarissas Bett aus dem Zimmer. Etwas fehlt. Niemand sagt ihm, dass die Schwester nicht wieder kommt, keiner sagt irgendetwas, nur der Onkel beruhigt es, dass es alles verstehen wird, wenn es einmal größer ist, doch daran glaubt das Mädchen nicht, an dieses Größer-Werden.

Anders als damals will sie jetzt nicht feiern, da unterscheidet sie sich nicht so sehr vom Rest der Familie, die Eltern immer ausgenommen. Denn die haben sich ja bereits verabschiedet aus diesem Verband, sie haben sich distanziert und wollen, dass sie alle mit ihnen die Gläser darauf erheben. Sie geht wieder zu den anderen, setzt sich zu Onkel Heinz an den Tisch. Sie reden wie Erwachsene miteinander, was vor allem heißt, dass er von seinen Frauen erzählt, den vergangenen und der jetzigen, von der Jugend, die er hinter sich lassen musste. Dabei ist er ein alter Mann jetzt. Und dann besinnt er sich und fängt an, auf sie einzureden, ihr gut zuzureden, Mut zuzusprechen und Durchhaltevermögen, so wie meistens eigentlich. Clarissa zeigt ihm, dass er so nicht mit ihr reden kann, beruhigt ihn, was ihr gut gelingt, denn er wolle seine Nichte nicht zum Weinen bringen; aber Tränen sind das Letzte, was er ihr bescheren würde. Sie trinken auf Vergangenes und Kommendes und tanzen zur Musik, die die Zwillinge abwechselnd aussuchen und auflegen, zwei Plattenteller gibt es. Als DJs bleiben sie akkurat, rotes und grünes und blaues Licht fällt auf ihre gegelten Seitenscheitel.

Der Ausstieg von Clarissas Eltern ist präzise geplant, dass der Vater Gewicht verloren hat, ein Detail im großen Ganzen. Ihr Gasthof ist seit über einem Jahr verpachtet, nun haben sie alles verkauft. Wohin sie gehen werden, wollen sie nicht verraten, weil sie zu dem Zeitpunkt noch nicht sicher sind, ob sie überhaupt noch Kontakt zu irgendjemandem haben wollen. Wenig Kopfschütteln von ihren Schwestern und Brüdern, von den Freunden und ihren Nachfolgern, die auch unter den Gästen sind. Spät am Abend macht die Mutter Clarissa mit ihnen bekannt, sie duzen einander, aber der Tochter tut es weh zu sehen, wie die Eltern an ihrer Anwesenheit leiden und wie sehr sie gleichzeitig bemüht sind, ihnen das Gefühl zu geben, zur Familie zu gehören. Diese Freundlichkeit, je entfernter das Verhältnis, desto freundlicher, wem sollte das gut tun, sie versteht es nicht. Und Clarissa? Sie kümmert sich doch nur mehr um sich. Um ihr Fortkommen, um ihre unmittelbare Zukunft, die kommenden paar Stunden. Die neuen Besitzer sind höfliche, vielleicht auch lustige Leute, aber sie sind fehl am Platz, vollkommen überflüssig in dieser Runde. Dass ihnen die ganze Sache gar nicht unangenehm ist, kann Clarissa nicht verstehen, will kein Wort mit ihnen wechseln, was ihr die Mutter gleich in strengem Ton vorhält. Zumindest davon sind sie dann unangenehm berührt, am nächsten Tag sind sie nicht mehr dabei. Ein letztes Mal, so der Vater, seid ihr alle meine Gäste, und ab dann bin ich der Gast, ausschließlich. Ich habe das Interesse an all dem, was rund um mich ist, immer auch ein bisschen gespielt, nein, das ist nicht wahr. Es war genau so, wie es sein musste, nicht? Wir haben doch alle unsere Pflicht getan, wir haben doch jede Verantwortung, ohne zu fragen, auf uns genommen, so sind wir. So hat man uns erzogen oder eigentlich wir uns selbst. So sind wir groß geworden, das war die Zeit. Zwischendurch winkt er dem einen Zwilling am DJ-Pult, der stellt die Musik aus, mitten im Lied wird unterbrochen, die Tanzenden stehen auf der Tanzfläche herum und hören zu. Bald geht die Musik wieder an, und er spricht einen Toast aus, die Gläser klirren, bleischwer. Ein paar Mal geht das so, niemand murrt, aber es unterbricht ihn auch niemand im Scherz, keiner ruft in diese Monologe hinein, dass er weitertanzen will, dass niemand hier Reden hören will. Niemand will Reden hören, sie tanzen aber auch nur, um sich die Zeit einigermaßen zu vertreiben. In kleineren Gruppen, wenn die Eltern nicht dabei sind, wird über ihren Plan gar nicht gesprochen, zumindest nicht in Anwesenheit von Clarissa. Alles ist klar und verständlich, wenn auch schwer zu begreifen.