Peter Fritz

POLITIK DER ANGST

Peter Fritz

POLITIK DER ANGST

9/11 und die Folgen

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INHALT

Zu diesem Buch

Was ist passiert am 11. September 2001? Wir kennen die Fakten, wir kennen die schreckliche Bilanz. Aber war dieser 11. September tatsächlich der Tag, der die Welt ganz entscheidend verändert hat? US-Präsident George W. Bush und sein Gefolge im Weißen Haus haben alles darangesetzt, um diesen Eindruck zu erzeugen. Für die Opfer der Anschläge, für die Rettungsmannschaften, für alle, die später in Afghanistan und im Irak in die kriegerischen Folgen verwickelt waren, hat sich tatsächlich alles in ihrem Leben geändert, und der 11. September steht als zeitlicher Ausgangspunkt all dieser Veränderungen fest.

Aber mit einigen Jahren Abstand lässt sich auch die Frage stellen, was dieser 11. September alles nicht war. Er war nicht Ausdruck des damals so oft beschworenen »Kampfes der Kulturen«. Er war nicht der Moment, in dem die einzige Supermacht der Erde aufgerufen wurde, ihre Vormachtstellung gegen einen neuen Feind zu verteidigen. Das Land, das glaubte, die einzige verbliebene Supermacht der Welt zu sein, war zu diesem Zeitpunkt schon wieder dabei, diesen Status zu verlieren. Längst hatte der Aufstieg Asiens begonnen, der die Welt viel stärker verändern wird, als es die Anschläge und der darauf folgende »Krieg gegen den Terror« je vermocht hätten.

Zu den Besonderheiten der Anschläge vom 11. September zählt das Überraschungsmoment. Niemand hatte das Szenario vor Augen, das die Terroristen an diesem Tag mit brutaler Entschlossenheit verwirklichten. Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass fast alle großen Umwälzungen der letzten Jahre völlig überraschend gekommen sind, selbst für die jeweils handelnden Personen. Den Fall der Berliner Mauer hätte niemand in dem Tempo vorhergesehen, in dem er sich im Jahr 1989 vollzog. Die Weltfinanzkrise hatten nur ganz wenige Skeptiker vorausgesagt. Die meisten anderen waren zu sehr damit beschäftigt, ihr lukratives Spiel weiterzuspielen, und konnten daher nicht erkennen, dass das ganze Kasino über ihnen zusammenbrach.

Der große Umbruch, der sich in der arabischen Welt anbahnt, hat die Weltpolitik ebenfalls völlig überraschend und unvorbereitet erfasst. Die Staaten des Westens hatten es sich gemütlich eingerichtet in ihrem Verhältnis zu den Diktatoren und Potentaten des Nahen Ostens. Einer neuen, jungen und noch schwer einzuschätzenden Demokratiebewegung standen sie recht ratlos gegenüber, und so konnten sie nur Schelte verteilen an die sündteuren Geheimdienste, die wieder nichts von dem bemerkt hatten, was sich da zusammenbraute.

Wir müssen damit leben, dass sich die großen weltpolitischen Entwicklungen oft sprunghaft vollziehen, dass uns manchmal völlig überraschend neue Realitäten entgegentreten. Die Natur macht keine Sprünge, sagten die Philosophen seit der Antike. Bis ihnen dann Max Planck entgegentrat, mit dem Nachweis, dass alles Wirken der Natur im Allerkleinsten auf Quantensprüngen basiert.

Von beiden Dimensionen handelt dieses Buch. Von dem, was sich über längere Zeitabschnitte anbahnt, und von dem, was völlig überraschend in die Welt getreten ist, wie es die Ereignisse des 11. September 2001 waren. Ich habe sie miterlebt, als Leiter des ORF-Büros in Washington und als Familienvater, der sich plötzlich mit seinen Angehörigen in einer Region wiederfand, die zur Zielscheibe geworden war. Ich habe in den USA die Jahre erlebt, in denen der Schock des 11. September politisch benützt wurde, um alte Rechnungen zu begleichen und neue Realitäten zu schaffen, mit dem Irakkrieg, der sich für die USA vom anfänglichen Triumph zur ständig offenen Wunde wandelte.

Und ich erlebe jetzt Tage, in denen zuweilen behauptet wird, der »Krieg gegen den Terror« hätte mit dem Umbruch in der arabischen Welt eines seiner Ziele erreicht. Man kann alles mit allem verknüpfen, aber nur dann, wenn man den Selbstbetrug durch selektive Wahrnehmung auf die Spitze treibt.

Bei meinen Erkundungen zu diesem Buch bin ich einer Reihe von faszinierenden Menschen begegnet, den meisten davon in meinen wichtigsten journalistischen Jagdgründen Washington, New York, Wien und Berlin. Ich möchte ihnen in diesem Buch eine Bühne geben, auf der sie ihr Erlebtes und ihre Erfahrungen schildern können. Von den Augenzeugen der Anschläge über Zeitzeugen, die in Afghanistan und im Irak deren weltpolitische Folgen erlebt haben, bis hin zu einem Mitwirkenden in entscheidenden Momenten der Krisendiplomatie. Sie alle können Elemente beisteuern, die ein Abbild der neuen weltpolitischen Verhältnisse liefern. Das Bild muss bruchstückhaft ausfallen, auch deshalb, weil die Dinge ständig im Fluss sind.

Ich fühle mich dabei, in Isaac Newtons berühmten Worten, wie ein Kind, das am Strand spielt und froh ist, wenn es ein paar runde Steine und schöne Muscheln findet, während sich der Ozean der Wahrheit unerforscht weithin zum Horizont erstreckt.

Der Ozean bezeichnet das Zukünftige. Was das Vergangene und die Gegenwart anlangt, so ergeben die runden Steine und die bemerkenswert geformten Muscheln der folgenden Kapitel ein, wie ich hoffe, ansprechendes und anregendes Mosaik.

Berlin, im Februar 2011

Peter Fritz

Teil I

IM ZEICHEN DES TERRORS

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Der lange Tag

Blau, ein endloses, tiefes Blau, von keiner Wolke getrübt. So hat der Himmel über Washington und New York ausgesehen an diesem Tag. Wenn Sie mit Amerikanern über den 11. September 2001 reden, dann werden sie über kurz oder lang immer wieder auch davon sprechen. Was für ein prächtiger Spätsommertag das doch gewesen sei. Ein Tag, an dem das Alltagsleben gerade wieder begonnen hatte, an dem die Schulen wieder den Unterricht aufnahmen nach den langen Ferienmonaten, an dem die Leute wieder an die Arbeitsplätze strömten statt an den Strand. Einer von ihnen hieß George W. Bush, war Präsident der Vereinigten Staaten und ließ die Amtsgeschäfte nach einem langen Ranch-Urlaub in Texas recht gemütlich wieder angehen.

Er war in eine kleine Schule in Florida gefahren, um Schülern der zweiten Schulstufe die Freuden des Lesens beizubringen. Ein Präsident, der weit weg war, beschäftigt mit einem nur mäßig aufregenden Pensum, das schien auch für uns Journalisten ein paar ziemlich ruhige Tage zu verheißen.

»Peter!« Der Ton kommt ziemlich schrill und stark gepresst durchs Handy. »Peter, schalte deinen Fernseher ein!« Am Telefon ist Irene Gangel, die Hauptsekretärin der Fernsehauslandsredaktion, eine Dame, der man nicht widerspricht. »Ein Flugzeug ist ins World Trade Center in New York geflogen!« Der von mir schnell angeworfene Fernseher zeigt – ein Basketballmatch. »Na, so groß kann die Story aber nicht sein«, brumme ich ins Telefon, nach Handtuch, Gewand und Fernbedienung angelnd, während ich zugleich das Handy am Ohr belassen muss. Ich bin nämlich gerade aus der Dusche gestiegen, und das Handy ist das Einzige, was ich am Leibe trage. »Doch, doch, das ist groß!«, belehrt mich Irene ungerührt. Wie gesagt, man sollte ihr nicht widersprechen. Aber erst nach einer längeren Schrecksekunde fällt mir ein, dass die Kabelgesellschaft bei mir vor Kurzem die Abfolge der Fernsehkanäle umgestellt hat. Auf dem Kanal, den ich für CNN gehalten hatte, läuft weiter Basketball, aber nach und nach beginnt auf jedem anderen Kanal die Silhouette der New Yorker Zwillingstürme aufzutauchen. Die Kameras, die das Geschehen festhalten, sind eigentlich für den Wetterbericht gedacht, bringen normalerweise den üblichen morgendlichen Liveblick über die Skyline in Amerikas Haushalte. Nun werden sie hastig auf den rauchenden Nordturm des World Trade Center fokussiert. Dicker Rauch dringt hervor, und ratlose Fernsehkommentatoren versuchen, dem, was da zu sehen ist, einen Sinn abzugewinnen. War es ein Kleinflugzeug, das sich verirrt hat? Es scheint die plausibelste Erklärung zu sein. Aber wer verirrt sich im Luftraum über New York an so einem prachtvollen Schönwettertag, mit klarer Sicht über Dutzende Kilometer?

Mit vollem Schub, aber trotz des Tempos deutlich eingefangen von den adaptierten Wetterkameras, rast des Rätsels grauenhafte Lösung heran. Der Einschlag des zweiten Flugzeugs in den Südturm, live miterlebt von Millionen Menschen. »Now it’s clear. That’s an attack«, sagt eine Stimme im Fernsehen. Ja, in diesem Moment ist es allen klar. Ein Angriff auf Amerika hat begonnen, ein Angriff mitten hinein in die stolz emporragenden Türme und damit auch mitten hinein ins Selbstbewusstsein der Nation.

Ich sitze noch immer in meinem Schlaf- und Ankleidezimmer in Washington, habe zwischen dem einhändigen Überziehen von Socken und Hemd rund fünf Telefonate absolviert und fasse einen ersten Plan. Mit Graham Scott, unserem Kameramann, den alle Welt nur Scotty nennt, habe ich schon telefoniert. Er wohnt mitten in der Stadt, könnte in kürzester Zeit zum Flughafen kommen. Wir verabreden, uns dort zu treffen. Alles weitere werde sich dann ergeben. »Schätzchen, ich muss nach New York!«, rufe ich meiner Frau Bea zu, die herbeigeeilt ist und mit mir fassungslos den zweiten Angriff verfolgt hat. »Okay«, ruft mir Bea zu. »Ich kann dich zum Flughafen bringen.« Sie schwingt sich auf den Fahrersitz unseres Minivans und wir sausen los. Ich drehe am Autoradio herum. Das sonst so zuverlässige und souveräne NPR (National Public Radio) ist vollkommen von der Rolle, spielt nichtssagende Beiträge aus aller Welt und schaltet zwischendurch kurz über Telefon Augenzeugen aus New York ins Programm, die nur wenig mehr zu berichten wissen als das, was ohnehin jeder Fernsehzuschauer sieht. Später wird NPR einen Medienpreis für seine ausgezeichnete Berichterstattung am 11. September bekommen. Die chaotischen ersten zwei Stunden des Programms dürften die Juroren überhört haben.

Wir rollen über den MacArthur Boulevard, die wichtigste Verbindungsstraße zwischen unserem Vorort und Washington. Der National Airport ist unser Ziel, der Flughafen, von dem jede halbe Stunde der »Shuttle« startet, die meistfrequentierte Flugverbindung zwischen der Hauptstadt und New York. Das Rollen wird zum Stehen, der Verkehr in Richtung Hauptstadt stockt. Mein Handy läutet. Scotty ist am Telefon. Er ist schon am Flughafen, aber er hat erfahren, dass es mit dem Fliegen nichts mehr werden dürfte. »Da ist nämlich auch hier etwas passiert, beim Pentagon«, meint er. Näheres wisse auch am Flughafen noch keiner. Das Pentagon, das gigantische Hauptgebäude des US-Verteidigungsministeriums, liegt genau zwischen unserer Autokolonne und dem Flughafen, und als wir einen Hügel hinter uns bringen, der den Blick verstellt hat, sehen wir auch schon den nächsten Boten des Unheils an diesem Tag: Eine riesige Rauchsäule steigt über dem Pentagon auf. Bea bleibt völlig ruhig, hält ihren Kurs in Richtung Flughafen. Aber als wir uns dem Pentagon auf einen halben Kilometer nähern, ist Schluss: Feuerwehrautos rasen in Richtung Rauchsäule, aber uns beiden versperrt die Polizei den Weg. New York scheidet als Flugreiseziel aus, so viel ist sicher.

Immer wieder habe ich vom Beifahrersitz aus versucht, mit meinem Handy eine Verbindung nach Wien zu bekommen. Immer wieder Besetztzeichen. Kein Wunder, denn ganz Amerika will telefonieren in diesem Moment. Aber dann gelingt es doch. Ich habe die geheime Durchwahl gewählt, über die man sich direkt in die Sendung schalten lassen kann. Redaktion und Regie zögern etwas, ich höre die aufgeregten Rufe, die durch den Wiener Newsroom hallen. »Der Peter Fritz ist beim Pentagon!« – »Gibt’s nicht!« – »Doch, er sieht den Rauch!« – »Na gut, schaltet’s ihn rein.« Auf ORF 2 ist die Sondersendung zu den Anschlägen in vollem Gang. Noch weiß keiner, dass es die längste Sendung in der Geschichte des ORF werden wird, länger als die vielen Stunden, die mein Sender seinerzeit für die Mondlandung aufgewendet hat. Eugen Freund, mein langjähriger Chef und Vorgänger in Washington, sitzt am Wiener Moderatorentisch, zusammen mit Hannelore Veit. Ich schildere meine Eindrücke, berichte vom Rauch über der Szene und vom Großeinsatz der Feuerwehr. Was die Ursache betrifft, so bin ich auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen. Ich habe im Autoradio Aussagen gehört, wonach es auch in diesem Fall ein großes Passagierflugzeug gewesen sein dürfte, das vom Westen her ins Pentagon gerast ist. Ich gebe die Aussagen, live auf Sendung in Wien, mit aller Vorsicht weiter. Noch kann niemand mit irgendwelchen gesicherten Informationen aufwarten.

Der Hauptschauplatz ist New York, auch in unserer Sondersendung. Die Bilder der Livekameras von der Skyline spielen die Hauptrolle, so wie überall auf der Welt. Aber als klar wird, dass sich auch rund um Washington etwas abspielt, da weitet sich das Bild, und aus einer gezielten Attacke auf ein US-Symbol mit zwei Türmen und Tausenden von Menschen wird ein viel breiter angelegter Angriff auf das Herz des amerikanischen Systems.

Es ist dieser Moment, in dem auf einmal alles möglich zu sein scheint. Gerüchte mutieren in kürzester Zeit zu angeblichen Neuigkeiten. Selbst das einigermaßen seriöse CNN berichtet aufgeregt von einer Autobombe, die beim US-Außenministerium explodiert sein soll. Es dauert ziemlich lange, bis sich diese Information als falsch und grundlos erweist. Noch bunter geht es auf diversen Lokalsendern zu, durch die ich mich im Autoradio durchschalte. Das Washington Monument, der riesige Obelisk im Zentrum der Stadt, sei gesprengt worden, heißt es da.

Es gibt in Washington keine Hochhäuser, weil nichts in der Stadt höher aufragen soll als das Washington Monument. Aber es gibt ein paar hohe Bürotürme gleich außerhalb der Stadtgrenzen, in Rosslyn, nahe dem Pentagon, dort, wo wir gerade unterwegs sind. Wir sehen Ströme von Tausenden von Menschen, die jetzt aus diesen Gebäuden flüchten, hinaus ins Freie, auf die breiten, aber sonst sehr wenig genutzten Gehsteige, die sich nun bis zum Bersten füllen. Die meisten tragen das übliche, konservative Outfit der Washingtoner Büromenschen aus Politik und Verwaltung, also Anzüge für die Herren in Grau, Schwarz oder Blau und Kostüme für die Damen, die ein wenig bunter ausfallen können, aber ebenso unaufgeregt wirken sollen. Im üblichen Bürobetrieb soll das geschäftsmäßige Solidität verkörpern, jetzt, im Angesicht des Chaos, wirkt es nur noch deplatziert. Der Blick der Massen wandert ständig, von der Straße zu den Gebäuden, von den Gebäuden in die Luft. Da könnte etwas direkt auf uns zukommen, scheint der Blick zu verheißen, und es ist das erste Mal, dass ich hinüber zum Fahrersitz schaue und mir denke, was für ein Leichtsinn das ist, dass Bea und ich jetzt gemeinsam im selben Auto sitzen, mitten in einer möglichen Zielscheibe, weit weg von unseren Kindern.

Wir sind an der Polizeisperre vor dem Pentagon umgekehrt, rollen langsam zurück in die Stadt, über die Key Bridge, die den Hauptstadtfluss Potomac überspannt. Von dort bietet sich ein prächtiger Blick – über das vollkommen intakte Washington Monument. Na, wenigstens etwas, denke ich mir, und als ich wenig später wieder live auf Sendung bin, kann ich zumindest ein Stück absolut sicherer Information beitragen. Das Washington Monument, es steht noch.

Kurz vor zehn Uhr wirft mich Bea vor dem ORF-Büro ab. Seit den Achtzigerjahren besitzt der ORF dieses Haus, ein typisches »townhouse«, eine Art Reihenhaus also in (nachgemacht) altenglischer Manier, mit roter Ziegelfassade, drei Stockwerken übereinander, ganz engen Verbindungstreppchen dazwischen und winzigen Zimmern. Es befindet sich außerhalb des Stadtzentrums, im traditionsreichen und gediegenen Ausgehviertel Georgetown. Oft habe ich gelästert über die Wahl des Standortes, hätte es für besser gehalten, näher dem Zentrum zu sitzen, wo die Schauplätze der Macht bequem zu Fuß erreichbar wären. Aber an diesem Tag bin ich recht froh darüber, dass wir hier etwas weiter weg von den heißen Zentren sind, noch dazu in einem sehr niedrigen Gebäude.

Das ORF-Korrespondententeam in Washington besteht in diesen Tagen aus drei Personen. Neben mir als frisch ernanntem Leiter ist Hartmut Fiedler dabei, ein alter Freund und Profi, der aus dem Radio kommt und die dortigen Mechanismen und Strukturen im kleinen Finger hat. Er wohnt gleich nebenan, war als Erster im Büro und hat sich sofort in das Abenteuer gestürzt, drei ORF-Radiokanäle praktisch gleichzeitig mit aktuellen Informationen zu versorgen. Direkt neben ihm sitzt unsere jüngste Kollegin, die ebenfalls sofort aus ihrer Wohnung in der Nähe herbeigeeilte Barbara Wolschek. Sie ist erst seit einem Monat in Washington. Bis zu diesem 11. September hatte es für sie bei uns nicht allzu viel zu tun gegeben. Erst vor Kurzem hatte sie sich bei mir über den doch recht faden Büroalltag beklagt. Nur zu einer größeren Fernsehgeschichte war sie in den ersten Wochen eingeteilt worden. Die hatte mit der Angst vor einem neuartigen Stechmücken-Virus zu tun. Sowohl Scotty, der Kameramann, als auch ich hatten ihr versichert, so ruhig werde es im Büro nicht bleiben. Wie recht wir hatten, wussten wir bald darauf. Und Barbara Wolschek hat seither nie wieder über Arbeitsmangel geklagt. Sie musste praktisch aus dem Stand von einer jungen, zur Ausbildung entsandten Nachwuchskorrespondentin zur Kriegs- und Krisenberichterstatterin werden und hat die Herausforderung mit Bravour gemeistert.

Hartmut und Barbara hängen unter ihren Kopfhörern und geben stoisch und professionell einen Radiobericht nach dem anderen durch. Die Sendeleitungen, über die unsere Tonsignale nach Wien gehen, sind ziemlich stabil. Handy- und Festnetztelefon dagegen werden immer öfter zur Glückssache. Und E-Mails kann man zwar verschicken und mit Glück auch empfangen, aber es kann einen halben Tag oder länger dauern, bis die Botschaften ans Ziel kommen. Keine Frage, da wird jetzt von interessierter Seite schon um vieles intensiver mitgelesen bei allem, was über amerikanische Drähte ins Ausland geht.

Fassungslos verfolgen wir, wie die beiden Türme des World Trade Center in sich zusammensinken. Ich will zunächst nicht glauben, dass das so einfach passieren kann. Ich vermute, da wären vielleicht zusätzliche Sprengladungen in den unteren Stockwerken der Türme versteckt gewesen. Es will mir zunächst nicht in den Kopf, dass eine Konstruktion so zusammensacken kann, wenn doch eigentlich nur ihr oberster Teil schwer beschädigt ist. Aber bald bestätigen Experten, dass der Einsturz eine völlig logische Folge der Attacken sein musste. Wenn die schweren Massen eines Gebäudes einmal ins Rutschen kommen, dann gibt es von ganz oben bis ganz unten kein Halten mehr. Die Entführer hatten ganz bewusst Flugzeuge ausgewählt, die zu Langstreckenflügen an die US-Westküste abgehoben hatten. Denn deren Kerosintanks waren voll, die verheerende Wirkung ihrer Explosion auf die Stahlträger des World Trade Center war damit garantiert. Und Osama bin Laden hatte als gelernter Bauingenieur auch gewusst, dass eine derartige strukturelle Beschädigung den Einsturz praktisch zwingend zur Folge hat.

Im Obergeschoss des Washingtoner Büros steht unser Fernsehstudio. Es ist nur ein winziger Raum, dekoriert mit einer Fototapete, die das Weiße Haus bei Schönwetter zeigt. Zwei Zimmer weiter gibt es mir einen Ruck: Ich sehe direkt von unserem Bürofenster aus, wie über dem Pentagon eine riesige Rauchsäule aufsteigt. »Doug, Scotty!« Unsere Techniker sind an Bord. Beide sind als Meister im Improvisieren bekannt. »Wie lang ist unser Kamerakabel?«, frage ich. »Das kriegen wir hin«, ist die Antwort, und wenig später steht unsere Studiokamera vor dem Bürofenster Richtung Pentagon. Als wir wenig später live auf Sendung gehen, kann ich ganz unmittelbar darstellen, was den Himmel über Washington jetzt dominiert. Der dicke, dunkle Rauch, der vom Pentagon aus hochsteigt, erscheint jetzt im Bild der Livekamera direkt über meinen Schultern, nur rund zwei Kilometer Luftlinie von uns entfernt.

Zu den üblichen Klischees gehört es, dass in einem Nachrichtenbetrieb stets große Hektik herrscht, vor allem dann, wenn sich die Meldungen überstürzen und überschlagen, wie an diesem denkwürdigen Vormittag im Washingtoner Büro. Das Wort Hektik trifft die Sache aber nicht wirklich. Denn gerade in solchen Situationen macht jeder Journalist nur noch das, was unmittelbar für den jeweiligen Zweck, für den nächsten Liveeinstieg, für die nächste Geschichte, nötig ist. Alles, was der Alltag sonst an Störeinflüssen bieten kann, ist ausgeblendet, man arbeitet viel zielorientierter, ruhiger und konzentrierter. An Hektik kann ich mich nicht erinnern, wenn ich an diesen Tag zurückdenke, sehr wohl aber an ein äußerst diszipliniert arbeitendes Team. Und an einen Moment des Aufatmens. Als nämlich klar wurde, dass das vierte entführte Flugzeug, das Kurs auf Washington gehalten hatte, nicht mehr auf uns zuflog, sondern auf einem freien Feld in Pennsylvania zerschellt war. Auch das war eine Tragödie, das wussten wir natürlich im selben Moment und berichteten auch entsprechend. Aber das Gefühl, dass uns hier in Washington nicht gleich unmittelbar der nächste Einschlag bedrohen würde, war uns, subjektiv gesehen, doch ein kurzes Aufatmen wert.

Drei Stunden arbeiten wir vor uns hin, geben den jeweils letzten Stand der Schrecknisse weiter für Hörfunk und Fernsehen, die in Österreich, wie überall auf der Welt, permanent auf Sendung bleiben. Dann rufe ich das Miniteam zu einer kurzen Besprechung zusammen. Sie besteht im Kern aus einem Satz: »Einer von uns muss nach New York. Und ich finde, der solltest du sein.« Ich blicke Hartmut Fiedler an. Er ist nicht sofort Feuer und Flamme, was ich verstehe. Denn er müsste jetzt, in dieser Situation, seine Frau Petra und seinen kleinen Sohn Arthur in der zur Zielscheibe gewordenen Stadt Washington allein lassen, um selbst in die noch größere Zielscheibe New York zu eilen. Aber dann macht er sich mit Scotty und einem Mietwagenchauffeur auf einen abenteuerlichen Weg, der ihn mit viel Glück und Geschick noch am selben Abend nach Manhattan bringen wird. Für den Erfolg sorgt vor allem Scotty, der an der Polizeisperre vor Manhattan schon von Weitem seine Pressekarte fürs Weiße Haus zückt, den Beamten ganz laut das Wort »White House« und ganz leise das Wort »Press« zuruft und damit rasch freie Fahrt erntet. »That’s cool, man!«, ruft befriedigt der überraschte Chauffeur.

Bei Petra Fiedler zuhause in Washington versucht indes noch am selben Abend ein Einbrecher, sich Zugang zum Haus zu verschaffen. Petra stürzt aus dem Haus, läuft brüllend auf den Mann los, der sich in sein Auto rettet. Petra schnappt sich eine Mineralwasserflasche, schlägt eine Autoscheibe ein und treibt den Einbrecher damit endgültig in eine panische Flucht. Was man als Korrespondentenfrau halt so können muss. That’s cool, woman.

Augenzeugen

Der Tag hatte mit Ärger begonnen für Thomas Suppanz, einen gebürtigen Steirer und Wahl-New-Yorker. Er hatte die U-Bahn versäumt, würde zu spät zur Arbeit kommen an eine der besten Adressen der Stadt. Ja, wenn man es in New York schafft, dann schafft man es überall, wie Sinatra zu singen pflegte. Und Thomas Suppanz hatte es geschafft. Ein schöner Posten in der Finanzwelt, und das in einem Büro mit schöner Aussicht, Südturm des World Trade Center, 29. Stock.

Nur ein paar Kilometer Luftlinie, aber ziemlich viele Lebenswelten davon entfernt, hatte der junge Schriftsteller John Wray seinen Tag begonnen. Zwei Jahre hatte er in einem fensterlosen Kellerraum in Brooklyn gehaust, der eigentlich einer Rockband als Proberaum diente. Ohne finanzielle Mittel, ohne Tageslicht, aber mit viel kreativer Energie hatte er, buchstäblich im Untergrund, seinen Roman The Right Hand of Sleep verfasst. Ein erster Erfolg für ihn. Er konnte es sich leisten, nach Park Slope zu ziehen, in einen hoch gelegenen Teil von Brooklyn, der einen prachtvollen Blick auf die Skyline von Manhattan bietet.

John Wrays Mutter stammt aus Friesach in Kärnten. Wenn er deutsch spricht, dann mischen sich amerikanischer und kärntnerischer Akzent zu völlig neuer, sanfter Harmonie. Wenn er englisch spricht, dann tut er das langsam, bedächtig und so, dass man jeden seiner Sätze unverändert drucken könnte.

In Washington versuchte am frühen Morgen ein Mann, zunächst einmal alles an seinen Platz zu rücken, bevor er mit der Büroarbeit beginnen konnte. Es war sein erster offizieller Arbeitstag auf diesem Posten. Wolfgang Ischinger war der neue deutsche Botschafter in Washington. Er stellte sich auf einen Tag des gemächlichen Einarbeitens ein, wollte sich zunächst einmal in Ruhe anschauen, wer seine engsten Mitarbeiter waren, wie man das Telefon handhaben musste und wie die Fernbedienung für das Fernsehgerät im Botschafterbüro funktionierte.

In Peking war schon der Abend hereingebrochen an diesem 11. September. Horst Teltschik war dort in Begleitung seines langjährigen Chefs, des deutschen Altbundeskanzlers Helmut Kohl. Teltschik galt als Kohls wichtigster außenpolitischer Berater. Er hatte ganz wesentlich daran mitgewirkt, dass Deutschland nicht einmal ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer schon seine Vereinigung feiern konnte, allen anfänglichen Widerständen in Ost und West zum Trotz. Kohl und Teltschik waren zu einer Konferenz über aktuelle Themen internationaler Politik geladen. Auch Zbigniew Brzezinski, der frühere Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, war dabei.

Thomas Suppanz fuhr in die riesige U-Bahn-Station unter dem World Trade Center ein und bekam sofort zu spüren, dass irgendetwas anders war. Der direkte Weg nach oben ins Büro wurde ihm versperrt, über ein Gewirr aus unterirdischen Gängen wurde er ins Freie gelotst, Gerüchte über eine Bombe machten die Runde. Dann, nach 20 Minuten im unterirdischen Menschenstau, sein erster Blick ins Freie. Zuerst in die entsetzten Gesichter der Umstehenden, dann auf den brennenden Nordturm mit dem klaffenden, dunklen Loch. Sein erster Gedanke war es, dennoch ins Büro zu gehen. Das lag ja im anderen, noch unversehrten Südturm. Aber der Weg dorthin war blockiert, und wenige Minuten später, als auch der Südturm getroffen war, da blieb Thomas Suppanz nur noch die eilige Flucht durch die Straßen von Manhattan.

John Wray wird von einem Freund angerufen und kann das Gesagte zuerst nicht glauben. Dann macht er sich auf den kurzen Weg über die Stiege, die auf das Flachdach seines Wohnhauses führt. »Ich hatte nie zuvor bemerkt, dass die Tür am Ende dieser Stiege wie ein Bilderrahmen genau die zwei Türme des World Trade Center einfasst«, meint er. Jetzt stehen mit ihm Tausende von Menschen auf den Flachdächern von Brooklyn, schauen ungläubig auf die rauchenden Türme jenseits des East River. »Viele haben einfach nur still vor sich hin geweint«, berichtet John Wray. Als dann der erste Turm gefallen sei, da habe er einen der größten Schocks seines Lebens empfunden, das gibt er unumwunden zu. »Von Brooklyn aus hat das wegen der enormen Staubentwicklung so ausgesehen, als würde die ganze Südspitze von Manhattan explodieren. Ich war sicher, dass es da hunderttausend Tote geben würde.« Noch heute legt sich der Schrecken dieses Moments wie ein unterschwelliges Klirren auf seine sonst sehr sanfte Stimme. Besonders bizarr sei ein Anblick von ganz eigenartiger Schönheit gewesen, der im Moment des Kollapses zu beobachten war. Plötzlich war, von Brooklyn aus gesehen, jedes Stockwerk der einstürzenden Türme von einer Aura aus Regenbogenfarben umgeben. Es waren die Fensterscheiben, die unter hohem Druck von dem Gebäude ausgestoßen wurden, noch in der Luft millionenfach zersplitterten und damit für ein nie zuvor gesehenes, kaleidoskopartig funkelndes Farbenspiel sorgten. »Ich bin mir sicher, dass ich nie wieder etwas so konkret Apokalyptisches zu sehen bekomme«, resümiert John Wray.

Sein neuestes Buch heißt Lowboy (deutsch: »Retter der Welt«) und handelt von einem geistig verwirrten Sechzehnjährigen, der im New Yorker U-Bahn-Netz unterwegs ist, besessen von dem Gedanken, er könne die Welt vor der globalen Erwärmung retten. Ich frage ihn, ob in dem Buch auch etwas von dem Gefühl mitschwingt, das der 11. September 2001 nach New York getragen hat. »Ja, ganz sicher«, meint er. Fast jedes Stück amerikanischer Gegenwartsliteratur hätte jetzt etwas davon, er sei da keine Ausnahme. »Dieses Gefühl, dass da immer Unheil lauert, das Wissen um die ständige Verwundbarkeit, das wird immer durchklingen.« Es ist ein Gefühl, das New York und den New Yorkern erhalten bleibt. John Wray formuliert es gekonnt poetisch: »It’s in the wallpaper«, meint er, man bekommt es als New Yorker nicht mehr aus der Tapete heraus.

In Washington hat sich Wolfgang Ischinger, der neue Mann in der deutschen Botschaft, seinen ersten Arbeitstag ganz anders vorgestellt. Als sein Assistent ins Büro stürzt und ihm zuruft, er möge den Fernseher einschalten, da gelingt ihm das nur mit Mühe. Er hat die Tücken der Fernbedienung noch nicht im Griff. Dann sieht er die Wiederholung des Angriffs auf New York, und zeitgleich sieht er aus dem riesigen Panoramafenster seines Botschafterbüros in Washington, wie zwei Kilometer Luftlinie von ihm entfernt die Rauchsäule über dem Pentagon zu wachsen beginnt. Er lässt sich sogar zum Pentagon chauffieren, so nahe man ihn heranlässt, und er spürt selbst aus Hunderten Metern Entfernung die enorme Hitzestrahlung, die vom Brandherd ausgeht. Seine Frau sitzt währenddessen im Keller der Residenz. Das Gebäude liegt nahe der Einflugschneise des Flughafens, noch weiß niemand, wie groß die Gefahr noch ist. Dann beginnen die Telefone heißzulaufen. Besorgte Angehörige erkundigen sich nach dem Schicksal von Vermissten, und zwar zu Tausenden.

Am Abend dieses Tages, der lang und hektisch verlaufen war, setzt sich Wolfgang Ischinger hin und verfasst ein »Kabel« an seine Zentrale, das Auswärtige Amt in Berlin, selbstverständlich versehen mit der höchsten Dringlichkeitsstufe »citissime nachts«, die bedeutet, dass der zuständige Abteilungsleiter nachts aufzuwecken ist.

»betr.: USA: terroranschläge

zur unterrichtung –

der größte terroranschlag in der us-geschichte bedeutet für us-politik und öffentlichkeit ein ›zweites pearl harbor‹. nach diesem angriff auf das herz amerikas wird das tägliche leben der amerikaner und ihr selbstverständnis von ihrem platz in der welt nicht mehr so sein wie zuvor. (…)

ohne zweifel werden die usa von uns und anderen engen alliierten politisch und praktisch uneingeschränkte solidarität erwarten. Ich habe mündlich unsere bereitschaft zu voller solidarität bereits nachdrücklich geäußert. Das angebot der bundesregierung, räumgerät zur verfügung zu stellen, haben wir an usregierung übermittelt.«

In Peking schauen sich Horst Teltschik und Zbigniew Brzezinski gemeinsam auf einem Hotelfernseher die dramatischen Bilder aus New York an. Ziemlich stumm bleiben die beiden, bis Brzezinski seinen Blick auf Teltschik richtet. »Na, Herr Teltschik«, schnarrt Brzezinski, »was würden Sie dem amerikanischen Präsidenten jetzt raten?«

Horst Teltschik denkt lange nach und antwortet dann: »Eine sehr schwierige Frage.«

Virtueller Brand

Rund 36 Stunden bin ich durchgehend wach geblieben am 11. und 12. September, große Teile davon live auf Sendung, dann naht zum ersten Mal die Chance auf ein paar Stunden Schlaf. Ich sinke in einen tiefen, traumlosen Schlummer. Nicht einmal eine Stunde lang. »Peter!« Eine aufgekratzte, ausgeschlafene Stimme ist am Telefon. Sie gehört dem Chef vom Dienst der Nachtschicht im Wiener ORF-Newsroom, nennen wir ihn Schall. »Peter! Das Empire State Building brennt!« Meine Gehirnzellen bemühen sich, möglichst schnell wieder von null auf hundert zu kommen. Das hat ja gerade noch gefehlt. Ist das jetzt die zweite Welle der Anschläge? Seit dem Fall der Zwillingstürme ist das Empire State Building wieder das höchste Gebäude von New York. Als Ziel könnte es verlockend sein. Ich rase hinunter in mein Kellerbüro, schalte auf das Livebild aus New York und sehe ein völlig intaktes Empire State Building dort stehen. Mit viel Fantasie könnte man Rauchschwaden zu sehen glauben. Es handelt sich um dichten Nebel, der gerade über Manhattan einfällt. Auf dem »Ground Zero«, der Unglücksstelle am World Trade Center, wurden riesige Scheinwerferbatterien aufgestellt, die den Helfern die Arbeit erleichtern sollen. Noch hoffen sie, Überlebende aus dem dicht gepressten Schutt holen zu können. Dichter Nebel, angestrahlt von Scheinwerfern, das ist es, was mein Kollege Schall als Anzeichen für ein brennendes Empire State Building interpretiert hat.

Ich rufe Schall an und erkläre ihm seine Sinnestäuschung. In diesem Moment mischt sich ein weiterer Kollege aus dem Wiener Newsroom, nennen wir ihn Rauch, in die Konversation ein. Er moderiert die nächste Etappe der Sondersendung. »Aber wenn du jetzt eh schon wieder wach bist, kannst du ja gleich auf Sendung erklären, warum das so komisch aussieht«, meint er. Und so muss ich, Schall und Rauch sei’s gedankt, noch einmal all meine verbliebene Gedankenschärfe aufbieten, um dem Fernsehpublikum um fünf Uhr früh Wiener Zeit telefonisch zu erläutern, warum es gerade nicht brennt auf dem aktuellen Livebild aus New York, obwohl man meinen könnte, dass es vielleicht danach aussähe. Eine Reportage aus der virtuellen Realität. Auch eine neue, aber nur wenig bereichernde Erfahrung.

Angst macht Politik

Ein Reh, das von den Scheinwerfern eines herannahenden Wagens geblendet wird, bleibt stehen und richtet den Blick starr auf die entgegenkommende Lichtquelle. Die Amerikaner nennen es den »deer in the headlights stare«, den Blick, mit dem das wehrlose, geblendete Reh in Richtung der Lichter starrt. Der verlorene Blick, den George W. Bush nach dem Erhalt der Schreckensmeldung in die Runde schickte, entsprach ganz dieser Charakteristik. Er traf aber keinen Scheinwerfer, sondern einen Zettel, den Pressesprecher Ari Fleischer rasch verfertigt hatte. »Don’t say anything yet«, war darauf zu lesen. Noch nichts sagen. Der Präsident meinte später, er hätte ohnehin auch in diese Richtung gedacht. Und so taten Lehrerin, Schüler, Eltern und Medienleute in einem Klassenzimmer der Emma E. Booker Elementary School in Sarasota County, Florida, sieben lange Minuten so, als wäre da nichts von allzu großer Bedeutung gewesen. »The Pet Goat«, eine kleine Geschichte über eine zahme Ziege, wurde verlesen, der Präsident schien nachzudenken und machte keine Anstalten, von sich aus irgendeine Art von Initiative zu ergreifen.

Es dauerte einige Zeit, bis Ari Fleischer signalisieren konnte, dass der Präsident jetzt etwas zu sagen hätte. Es waren nur wenige Sätze, bemerkenswert salopp dahingesprochen von einem angestrengt in die Kameras starrenden George W. Bush. Mittendrin der Ruf nach einer Untersuchung, mit dem Ziel »… die Burschen zu finden, die diese Tat begangen haben«. Das erschien vielen befremdlich angesichts des größten Verbrechens neuerer Zeit auf US-amerikanischem Boden.

Eine wilde Flucht quer durch das Land schloss sich an, an Bord der Präsidentenmaschine Air Force One von Stützpunkt zu Stützpunkt in der Obhut des Militärs. George W. Bush behauptet, er hätte viel früher nach Washington zurückkehren wollen, zu viele hätten ihm aus Sicherheitsgründen abgeraten, und erst nach langem Drängen habe man ihm erlaubt, in den Abendstunden wieder ins Weiße Haus zurückzukehren. Seine lange Abwesenheit fiel auf, denn unterdessen hatte ihm der Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani, den Rang als öffentlicher Krisenmanager Nummer eins abgelaufen. Mit klaren Worten, die nichts beschönigten, kommunizierte Rudy Giuliani den Ernst der Lage und vermittelte doch den Eindruck, alles einigermaßen unter Kontrolle zu haben. George W. Bush hatte selbst am Abend, als er sich dann endlich aus dem Oval Office an die Nation wandte, noch ein wenig den Blick des scheuen, gejagten Rehs. Aber in seinen Worten steckte bereits der Ansatz für vieles, was da folgen sollte. Das Wort »Krieg« wollte er an diesem Abend noch vermeiden, um die Nerven seiner Landsleute nicht zu stark zu strapazieren, wie er heute meint. Aber nachträglich betrachtet, weist ein Satz schon in eine sehr ernste, eminent kriegerische Zukunft: »Wir werden keinen Unterschied machen zwischen den Terroristen, die diese Taten ausgeführt haben, und denen, die ihnen Unterschlupf gewähren.«

Es war der Kernsatz dessen, was später als »Bush-Doktrin« immer üppigere Weiterungen erfuhr, bis hin zum vorbeugenden Krieg, um Leuten, die eventuell Terroristen Unterschlupf gewähren könnten, diese Möglichkeit schon im Vorfeld zu nehmen. Noch hatten sich nur wenige in Amerika gedanklich derart weit exponiert. Aber sie saßen an wichtigen Stellen und hielten ihre Stunde jetzt für gekommen.

Es nahte die Stunde derer, die im Zeichen eines amerikanischen Jahrhunderts gleich alle Rechnungen begleichen wollten, die Amerika mit dem Rest der Welt noch offen hatte, die Krieg und Militäreinsatz als Lösung politischer Probleme empfahlen und gewaltsame Regimewechsel als Chance. Es nahte auch die Stunde der Leute, die im Zeichen eines weltumspannenden Krieges gegen den Terror glaubten, die Menschenrechte in Zukunft niedriger und die Meriten des Überwachungsstaates dafür höher bewerten zu können. Und natürlich standen auch schon die Verkaufsstrategen bereit, die den Präsidenten, runderneuert und in glänzende Rhetorik verpackt, zur Führungsgestalt in einem Krieg zu stilisieren vermochten. All das geschah und geschieht bis heute im Zeichen der Politik der Angst.

Anlass zum Fürchten gab und gibt es ohnehin genug.

Leben mit der Angst

»Peter! Sitzt du?« Ein spätabendlicher Anruf, der so beginnt, verheißt nichts Gutes. Hartmut war am Telefon. Er hatte sein mehrwöchiges New-York-Abenteuer hinter sich gebracht und war wieder zuhause in Washington. Nie wieder hat sich ein Einbrecher in der Nähe seines Hauses blicken lassen.