Alfried Längle

SINNSPUREN

Dem Leben antworten

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Zum Geleit

Tag für Tag sind wir mit Dingen beschäftigt, und dazwischen, wenn Zeit bleibt oder im Hintergrund – wie in kleinen Oasen – mit uns selbst.

Es kann auch anders sein: wir sind belastet von Sorgen, Zweifeln an uns selbst, Unsicherheiten, dunklen Gefühlen, die die Seele drücken, Schmerzen oder Gefühlen der Leere, die irre machen. So kann es sein, daß wir des Nachts und vielfach des Tags mit uns selbst beschäftigt sind, und dazwischen – wie in kleinen Oasen – mit Dingen in der Welt, die uns von uns ablenken.

Oder wir sind gleichermaßen mit uns selbst wie mit anderen Menschen, mit Dingen, Aufgaben und Erlebnissen in der Welt beschäftigt.

Immer jedoch ziehen sich Spuren empfundener Tiefe durch unser Bewusstsein, halb bewusst, halb gedacht, halb gefühlt – Spuren, die wegen der Beschäftigung leicht übersehen werden, für die manchmal keine Zeit ist, oder weil sie noch keine Sprache haben. Oder es sind markante, wichtige Spuren, leidvoll oder freudvoll bewusst. Viele der Spuren sind Beobachtungen, Essenzen aus dem Leben. Manche sind Fragen des Lebens – Fragen an das Leben – Lebensfragen. Was zählt im Leben, in meinem Leben? Habe ich Erfüllung? – Ist es sinnvoll, wie ich lebe, was ich erlebe?

Diesen Spuren nachzugehen, die Erfahrung mehr zu fühlen, die Zukunft mehr zu ahnen, zu hoffen, sie zu atmen, Vergangenes einzubinden, für das Gegenwärtige da zu sein – dazu soll das Buch Spuren legen.

Jetzt, heute schon. Denn Leben ist immer. Es stellt in Frage, bestätigt, zeigt auf, regt an, geht mit auf dem Weg. Mehr als Anregung kann es nicht sein, soll es nicht sein. Denn es geht um das ganz persönliche Leben. Dies kann nur von jedem selbst gestaltet, verdichtet, erfüllt werden.

Wien, im Februar 2010
Alfried Längle

Entscheidung

Wenn nicht ich es tue – wer soll es tun?

Wenn ich es nicht jetzt tue – wann soll ich es tun?

Wenn ich es nur für mich tue – was bin ich dann?

Hillel († 10 n. Chr.)

Wenn nicht ich – wer dann: Wo immer ich bin, es geht um mich. Mich geht es an.

Wie spät es auch ist, wie alt ich auch bin – Leben lässt

sich nicht aufschieben. Jetzt ist die Zeit. Zeit ist jetzt. Zeit für etwas, Zeit für jemanden, Zeit für mich.

Wofür ist diese Zeit?

Wofür ist sie die beste Zeit? – Ist höchste Zeit?

Aber wenn ich es nur für mich tue – ist es verloren. Alles geht verloren. Ich gehe euch verloren, wie ich mir verloren gehe, verloren gehe in einer beziehungslosen Welt: „Was bin ich dann?“ – Was bleibt von mir, wenn ich es nur für mich tue?

Was der Mensch ist, ist er durch die Sache, die Aufgabe, die Menschen, denen er sich hingibt. Im Sich-Hingeben schenkt sich mir die Welt, finde ich zu mir zurück. Im Sich-Behalten bleibt der Mensch existenziell unfruchtbar. Ein Samenkorn, abgekapselt, in seiner Welt nicht aufgegangen.

Sinn

Sinn

die wertvollste Möglichkeit in jeder Situation

Jeder Augenblick hat sein Gutes, und hat seine Not.

Dich und mich zu erleben, die Sonne, den Wind, den Morgen. Fühlen, was es mir gibt. Es schützen, erhalten, fördern. Leben ist Teilnahme, Anteil nehmen gibt Leben.

Die Not auffangen, den Schmerz, den Verlust, die Einsamkeit lindern. Etwas zum Besseren wenden. Etwas neu schaffen. Gestalten, Dingen eine Form geben. Dies alles macht das Leben reich.

Wenn nichts mehr geht, den tiefsten Grund spüren. Sich erleben, sich gestalten. Sich ahnend und glaubend begegnen. Das lässt uns das Leben überleben.

Sinn finden

Echter Sinn wird nicht erfunden.

Sinn wartet auf uns. Er ist schon da. –

Ob ich ihn finde?

Sinn, der mein Leben zu nähren vermag, existenzieller Sinn – solcher Sinn stammt nicht von mir. Ist denn die Nahrung, die uns nährt, und das Wasser, das uns den Durst nimmt, von uns?

Sinn, den ich mir denke;

Sinn, den ich mir entwerfe;

Sinn, der von meinen Zielen, Wünschen,

Erwartungen und Hoffnungen gesetzt ist;

Sinn-vorstellungen, mit denen ich an die Welt

herangehe –

solche Sinnkonstrukte wachsen nicht aus der Erde, bringt nicht der Wind, stammen nicht vom Fluss, nicht vom Meer, nicht vom Berg, nicht von der Sonne, nicht vom Sturm und nicht vom Gewitter, von der Kälte des Winters nicht und nicht von der Hitze des Sommers. Solcher Sinn, der von mir geschaffen und von meinem Reißbrett stammt, hat nicht ihre Kraft. Er hat die Not des Einsamen, Hilflosen, Orientierungslosen.

Sinn, den die Welt an mich heranträgt, den mir das Leben zu Situationen bündelt – solcher Sinn stammt aus Größerem. Sinn, der auf mich wartet, vermag mich zu umfassen. In solchem Sinn ist Geborgenheit. Sinn schließt mich an. An die Ordnung der Welt und an den Fluss des Lebens.

Anfänge leben

Es kommt im Leben mehr darauf an,

etwas anzufangen

als es zu vollenden.

Womit man nichts anfangen kann, das bleibt ohne Leben. Ohne Anfang ist nur Tod.

Was du mir sagst, ich fasse es nicht, wenn es mich nicht in einen Anfang bringt. Was mir das Leben zuwirft, ich fange es nicht, wenn ich nicht in einen Anfang mit ihm komme. Sogar mir selbst komme ich abhanden, wenn ich mit mir nichts anfangen kann.

Sich an den Anfang bringen: mein Leben neu in die Welt einfädeln.

Anfangen verwebt das Leben mit der Welt.

Immer wieder in Anfänge kommen, weil es an das Einfache heranführt, zum Ursprung, zur Quelle, zum Neuen. Immer wieder Kind sein, Suchender, aus der Hilflosigkeit die Weite und Vielfalt des Lebens wieder erfahren. Es anfangen, auch wenn ich das Ende nicht sicher erreiche.

Es anfangen, trotz allem. Weil ich lebe.

Bis zum Tod im Anfang stehen

Bis zum Tod mit dem Anfang verbunden sein

Nicht meistern müssen, sondern sich einfinden können

Erfahren: ich kann.

Urvermögen!

Was mich an-geht

Sinn – das ist leben mit der Frage:

Geht das mich an?

Was geht mich das an?

Ein Leben lang stehe ich in Frage. In der Frage: Betrifft das Geschehen mich? Geht mich das etwas an?

Der Horizont, der das umschließt, was mich angeht, und es von dem trennt, was mich nicht angeht, ist mein Sinnhorizont. – Wie kann ich ihn finden?

Geht mich etwas nur an, wenn es zu meinem Vorteil ist?

Oder damit es mir nicht zum Schaden wird?

Geht mich nur das an, was sich mit meinen Zielen deckt?

Geht mich nicht alles an, woran mein Herz hängt, ob ich es bin oder du, ob es mein Glück ist oder deines? Hat es nicht schon genug Wert, wenn ich sehe, fühle, spüre, dass es etwas Wichtiges ist, wichtig für mein Leben, für das Leben?

Alles, was mich berührt, bewegt, betrifft, beschäftigt, belästigt, hat mit meinem Leben bereits zu tun. Es ist mich bereits angegangen.

Dimension des Menschen

Wir leben von Tag zu Tag.

Wir essen in kleinen Bissen.

Wir bauen das Haus mit handlichen Steinen.

Wir überwinden die Strecke in Schritten,

die Höhe in Stufen.

Nichts in unserem Leben geschieht

auf einmal.

Wir können es oft nicht erwarten. Es müsste sofort geschehen, meinen wir,

bis es uns endlich besser geht

bis die Schule fertig ist

bis die Probleme gelöst sind

und das Neue gekonnt wird.

Doch alles, was wächst und wachsen muss, weil es lebendig ist, braucht seine Zeit. Alles muss in die Dimension des Menschen gebracht werden, damit es lebbar wird und durch uns, mit uns geschehen kann.

Sicherheiten

Der Ängstliche

verharrt im Gewohnten.

Wer ängstlich ist, scheut das Neue. Wer Angst hat, will den Versuch nicht wagen, will nichts riskieren. Neues bedeutet Unsicherheit.

Ob ich dem Neuen trauen kann?

Gewohntes hingegen verspricht Sicherheit. Lieber Sicherheit als Wagnis, lieber Kontinuität als Veränderung, auch wenn ich unter den alten Umständen leide.

Im Vertrauten weiterhin verharren?