Alfried Längle

Sinnvoll Leben

Eine praktische Anleitung
der Logotherapie

Überarbeitung und Neugestaltung
Dorothee Bürgi

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Neuausgabe 2007, 2. Auflage 2011

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Inhalt

Vorwort

Dieses Buch will nicht lehren. Es will aufweisen, hinführen – für das Wesen der Existenz sensibilisieren. Es beschreibt, um zum Nachdenken einzuladen. Dieses Buch soll Sinnspuren aufzeigen, Fährten, über die wir ganz persönlich auf die Sinnhaftigkeit unserer Existenz stoßen können. Dazu möchten wir mit praktischen Fragen anregen und in der Beantwortung begleiten; möchten die relevanten Fragen sehen, aufgreifen, uns selbst in die Fragen stellen – und möchten die Antworten empfinden, selbst finden.

Was hier unter Sinn verstanden wird, verweist auf keine Norm, ist keine Vorgabe, stellt keinen Trend dar. Es ist die empfundene, persönliche Auseinandersetzung mit dem Wert und der Bedeutung des eigenen Schaffens, Erlebens und Erleidens – des eigenen Lebens.

Sinn – ein Lebensthema

Vielleicht ist der Mensch für gewisse Themen geboren. Diesen Gedanken kann man bekommen, wenn wir auf die Biographie von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie, schauen. Ihn hat die Sinnfrage schon von Kind an beschäftigt und nie mehr losgelassen. Es wurde das wichtigste Thema seines Lebens. – Für manche Menschen ist gerade der Sinn ein besonderes Thema in ihrem Leben, auf das sie immer wieder zurückgeführt werden.

Für manche ist Sinn ein Lebensthema ...

Auch für mich ist die Sinnfrage ein großes Thema. Es brach in der Pubertät auf. Was zunächst nur das eher philosophische Interesse und die menschliche Neugier für die Zusammenhänge des Lebens war, wurde etwas später zu einer verzweifelten Problematik durch das Leiden an der Vergänglichkeit. Wozu sich freuen, wenn die Freude in einer Stunde wieder vorbei ist? Macht die Freude den Abschied vom Vergangenen nicht noch schlimmer? – Wozu noch etwas tun, wenn letztlich nichts davon übrig bleibt, wenn die Sandburg zerfällt, die Sättigung wieder dem Hunger weicht, das Gesagte vergessen wird, der Urlaub vergeht? Wozu sich dann noch mühen, Leid auf sich nehmen, Lust leben, wenn keine Dauer ist, wenn es keinen bleibenden (ewigen?) Bestand hat?

... so auch für mich.

Heute weiß ich und kann es fühlen, dass die Freude im Erleben und nicht im Festhalten besteht. Heute lebe ich die Voraussetzungen, die es braucht, damit etwas als sinnvoll erlebt werden kann. Und es freut mich zu sehen, dass manches doch Bestand hat, wenn auch nicht für immer. Dazu zählt auch dieses Buch, das ich für die Neuauflage überarbeitet habe. Manches wurde etwas anders angeordnet, umgestellt, neu formuliert. Doch die Inhalte haben auch heute, nach zwanzig Jahren, weiter Bestand.

Die große Neuerung für dieses Buch liegt woanders. Es ist seine Umgestaltung in ein Arbeitsbuch.

Dies war die Idee von meiner Kollegin Dorothee Bürgi aus Zürich. Damit konnte der ursprünglichen Absicht, ein Erlebnisbuch zu schaffen, noch besser entsprochen werden. Frau Bürgi hat mit großer Kenntnis, mit Umsicht und Geschick passende Texte aus Artikeln und Büchern ausgewählt und dazugegeben. Sie hat Fragen formuliert, mit denen die Inhalte in persönlicher Arbeit besser erschlossen werden können. Sie hat es abgestimmt mit der methodischen Vorgangsweise der „Personalen Existenzanalyse“, einer praktischen Weiterentwicklung der letzten zwanzig Jahre. Den Text hat sie durch Zusammenfassungen und Randtexte übersichtlicher gestaltet und bekömmlich zum Lesen gestaltet.

Dieses Buch als Arbeitsbuch.

Ich bin Frau Bürgi von Herzen dankbar für den Einsatz ihres kreativen Potentials und ihres fachlichen Könnens. Ihr verdanken wir diese Neuauflage.

Wir wünschen dem Buch viele offene Leserinnen und Leser, die diesen Weg zur Vertiefung der eigenen Existenz gerne gehen und denen das Buch dazu eine Anregung und Begleitung sein kann. – Der Weg aber soll der Ihre sein.

Alfried Längle

Wien, im März 2007

Einleitung

Von allen Fragen des Menschen ist die bedeutsamste und folgenschwerste für die Erfüllung in der Existenz jene nach dem „Wozu?“. Die Antwort, die darauf gefunden wird, führt zum Grund seines Handelns, seines „Zukunfthabens“. „Die Frage nach dem Sinn des Lebens, mag sie nun ausgesprochen oder unausdrücklich gestellt sein, ist eine zutiefst menschliche Frage. Das In-Frage-Stellen des Lebenssinns kann deshalb niemals als Ausdruck von Krankhaftem bezeichnet werden; es ist vielmehr Ausdruck des Menschlichsten im Menschen. Ausschließlich dem Menschen ist es vorbehalten, seine Existenz als fragwürdig zu erleben, die ganze Fragwürdigkeit des Seins zu erfahren.“ (nach Frankl 1982, S. 39 f.)

Alle anderen Fragen sind der Grundfrage „Wozu soll das gut sein?“ nachgereiht. So etwa die Frage nach dem „Warum ist es so geworden?“, wenn sie eine Erklärung der Abläufe sucht und die Ergebnisse in der zeitlichen Abfolge nach ihren Ursachen durchforscht. Oft aber versteckt sich hinter diesem Suchen wieder die menschlich relevante „Wozu?“-Frage, über die wir verstehen wollen, in welchem umfassenden Zusammenhang zB ein Unglück oder ein Leid zu sehen ist, oder die Frage nach dem „Wie?“ – die Frage also nach der Art und Beschaffenheit der Dinge, aus der sich der geeignete Umgang mit ihnen ergibt.

Sinnfragen entstehen nie beiläufig. Wer nach Sinn fragt, steht in einer Neubesinnung.

Sinn im eigenen Leben

Sinn ist die gelebte Antwort auf die brennende Frage: Wozu leben? Nicht dumpf, nicht in blinder Passivität will der Mensch „sich leben lassen“. Er will wissen und spüren, wozu er da ist, wofür er etwas machen soll. Er will sein Leben, an seiner Umwelt und an seiner Mitwelt, mitgestalten. Er will dort sein, wo die Kostbarkeit des Lebens spürbar wird, und er will dem Interessanten, Schönen und Bedeutungsvollen in der Welt beiwohnen. Dies ist es, was im Leben zählt. Die Umstände, in deren Rahmen sich das Leben abspielen mag, sind im Vergleich dazu von sekundärer Bedeutung, wenn nur die Inhalte begriffen und erfühlt sind. Frankl hat, in Anlehnung an Friedrich Nietzsche, den Wert und die Bedeutung dieses Gedankens in dem berühmten Satz zusammengefasst: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ (1981, S. 1 32) Dieses „Warum“, das eigentlich ein „Worum“, ein „Wofür“, eben unser „Wozu“ bedeutet – das ist der Lebensinhalt. Das „Wie“ – das sind die Lebensumstände, die das Leben oftmals so schwierig machen und die „eben nur im Hinblick auf ein Warum, ein Wozu, überhaupt tragbar“ sind. (ebd.)

Sinn ist die Antwort auf die brennende Frage: Wozu leben?

Existenzanalyse und Logotherapie

Eine Richtung der Psychotherapie – die Logotherapie – hat die theoretische und praktische Hilfestellung zu diesen Fragen und den damit verbundenen Problemen am umfassendsten entwickelt. In mehr als sechs Jahrzehnten hat Viktor E. Frankl eine „Sinn-Lehre gegen die Sinnleere“ begründet und unter dem Namen „Existenzanalyse bzw. Logotherapie“ bekanntgemacht. Die Existenzanalyse ist Analyse auf ein lebenswertes, erfülltes Leben hin. Sie ist die breite Basis für das Verständnis des Menschen und seiner Existenz.

In den 1930er Jahren begründete Viktor Frankl die Existenzanalyse und Logotherapie – eine Methode für „Heilung durch Sinn“.

Daraus wurde eine psychotherapeutische und beraterische Methode zur Behandlung von psychisch-geistigen Störungen entwickelt. Im existenzanalytischen Gespräch werden die konkreten Lebensumstände auf ihre Möglichkeiten, Bedingungen und Behinderungen hin durchleuchtet. Eine Bedingung für erfüllte Existenz ist das Auffinden der möglichen Sinngehalte in der jeweiligen Situation. Die Arbeit an der Sinn-Dimension der Existenz stellt die Logotherapie dar. In ihr geht es um die praktische Suche, Anleitung, Hilfestellung und Einübung in der Umsetzung und Durchführung der gefundenen Sinnmöglichkeiten. Logos heißt in diesem Zusammenhang einfach „Sinn“ (Logotherapie darf daher nicht verwechselt werden mit der „Logopädie“, einem Sprachheilverfahren, weil Logos auch Wort und Sprache bedeuten kann).

Das vorliegende Buch basiert auf den Erkenntnissen von Frankls Existenzanalyse und Logotherapie und stellt eine umfassende und systematische Darstellung des Frankl’schen Sinnverständnisses dar, das aus seinen Büchern hier zusammengefasst wurde. Es beinhaltet aber auch neue Elemente, die seither entwickelt wurden, etwa praktische Anleitungen und Beschreibungen, die aus der Methode der „Personalen Existenzanalyse“ (Längle 2000) entstanden.

Auch sind systematische Schritte zur Sinnfindung entwickelt worden und hier eingebaut. Mit diesen Anleitungen und Methoden soll das persönliche Erleben und Erleiden, das sinnvolle Existenz ermöglicht oder eben blockiert, in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden.

Wir wollen uns in dem Buch nicht nur mit dem Beschreiben von Formen, Bedingungen und Möglichkeiten der Sinnfindung begnügen, wie dies in der traditionellen Logotherapie geläufig war. Wir wollen auch die Bereiche anstoßen, wo das Unfertige, das Fragliche, das Versuchen und Irren anzutreffen ist. Wir möchten immer wieder jene Ebene anpeilen, wo die Möglichkeiten und Kräfte liegen, Sinn nicht als von außen vorgegeben entgegenzunehmen, sondern persönlich zu finden und zu tragen.

Die Form dieses Buches

Das Buch entwickelt die Gedanken nicht in der wissenschaftlichen Strenge, sondern ist in dem Bestreben konzipiert, an den eigenen Kenntnissen und Erfahrungen anzuknüpfen und zur vertiefenden Auseinandersetzung anzuregen: Was zählt im Leben? Wo liegen Zugänge zum Leben, zu meinem Leben? Wo zeichnet sich Erfüllung ab? Worin erfüllt sich der Sinn meines Lebens?

Bei einem Buch, das vom Sinn handelt, geht es um die persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen, konkreten Leben. Sinn betrifft uns ganz persönlich. Er lässt sich daher nicht verschreiben, nicht von außen vorgeben; auch ein Buch soll das nicht versuchen. Sinnsuche ist ein Prozess, der zwei Charakteristika hat: Er erfolgt andauernd, und er kann einem von niemandem abgenommen werden. Die Sinnsuche hat somit dieselben Kennzeichen wie das Leben, das immer wieder neu von immer derselben Person getragen wird.

Sinn – nicht allgemein, sondern für mein Leben

Das Buch beginnt mit einigen Überlegungen über die Grundverfassung des Menschen, vor allem über seine Freiheit und Unabgeschlossenheit (Offenheit). Im zweiten Kapitel werden typische Verhaltensweisen beschrieben, durch die manchen Menschen ein erfülltes Leben versagt bleibt. In der Folge geht es darum, wie wir effektiv in unserem Leben Sinn finden können, wo er zu finden ist, wie es um den Sinn im Leid bestellt ist. In einem eigenen Kapitel wird das, was unter Sinn zu verstehen ist, eingehend vertieft und behandelt. Wie verhält sich Sinn zu Erfolg? Auch dieser Frage werden wir uns zuwenden und das Erfolgsprinzip aus existenzanalytischer Sicht besprechen. Zum Abschluss wird von der echten und tiefen Beziehung des Menschen zu seinem Leben die Rede sein. Es geht um das Verhältnis von Vergänglichkeit und Tod zum Sinn. In diesen letzten Fragen kommen Freiheit und Sinnsuche zur Vollendung.

Aufbau und Inhalt des Buches.

Vollbringen: Vollendet haben ist nicht das Ziel, sondern

– vollbringen können

Leben als Wirken-Können verstehen

wirksam sein

sich einfließen lassen in diese Welt

sich einbringen, sich dazugeben

etwas schaffen können

das Seine tun

im Heute stehen

sich darin erleben

der Welt etwas bringen, es voll bringen können –

das ist die Freude, der Weg,

die Vollendung, lebendiger Gelassenheit.

1 Mensch sein heißt unterwegs sein

Die Sinnfrage ist für den Menschen von zentraler Bedeutung. Denn immer ist Leben entweder zu gestalten oder zu bestehen. Hinter jeder Auseinandersetzung mit dem Leben steht die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Um diese zu beantworten, brauchen Menschen eine Ausrichtung, ein „Wozu“ – und in der Krise, im Leiden manchmal ein „Trotzdem“. Das macht die Sinnfrage so persönlich und die Antwort darauf so einzigartig. Es ist der freie Wille, der uns zwischen den Möglichkeiten wählen lässt.

Was heißt sinnvoll leben?

Es wird in diesem Buch vom Sinn die Rede sein, von den Mitteln und Wegen, auf denen Sinn erreicht werden kann, und es wird deutlich werden, was Sinn ist und wie eng er mit wirklichem Leben verknüpft ist.

Vorweg sei gesagt, dass mit Sinn hier nicht der eine, große Sinn des Lebens gemeint ist. Unter Sinn wird hier immer eine besondere Art der Gestaltung der Situation verstanden. Sinnvoll leben heißt also – sehr allgemein formuliert –, dass der Mensch mit seinen Anlagen und Fähigkeiten, mit seinem Fühlen und Wollen sich einlässt auf das Angebot der Stunde, sich mit ihm kreativ auseinander setzt, ebenso empfangend wie gebend. Sinn fördert das Engagement, ein „Hautnah-bei-der-Sache-sein-Können“.

Statt sich überlassen – sich einlassen; Leben nicht blo!ß geschehen lassen.

Steine behauen

In der Zeit, als in Chartres die Kathedrale gebaut wurde, kam ein Wanderer des Weges und sah einen Mann am Straßenrand sitzen und einen Stein behauen. Er blieb stehen, schaute ihm eine Weile zu und fragte ihn dann, was er da mache? – „Siehst du es nicht? Ich behaue Steine!“ – Verständnislos ging der Mann weiter. Da stieß er nach einer Weile wieder auf einen Mann, der dasselbe tat. Auch ihn fragte er, was er da mache. – „Ich mache Ecksteine.“ – Verwundert setzte er seinen Weg fort. Als er nach einigen Schritten erneut auf einen Mann traf, der auch im Staube saß und so wie die anderen Steine behaute, fragte er achselzuckend: „Machst du vielleicht auch Ecksteine?“ – Da blickte der Mann auf, wischte sich den Schweiß von der Stime und sagte: „Ich baue an einer Kathedrale“. Quelle unbekannt

Sinnvoll leben heißt, sich auf das Angebot und auf die Aufgabe der Stunde einzulassen – im Blick auf das Ganze!

Die Bedeutung des „Wozu“

Sinn ist ein Thema, das den Menschen in allen Lebensabschnitten angeht, denn immer ist Leben entweder zu gestalten oder zu bestehen. Der Weg nach vorne ist nicht festgelegt; auf die Zukunft hin ist alles offen. Wer sein Leben aktiv leben mag, wer um die Bewältigung des Alltags, um das Durchstehen einer Krise, eines Leides ringt oder einen Abschnitt seines Lebens plant, wer ein Ereignis feiert oder neue Ideen umsetzen will, der fühlt während der Beschäftigung mit der unmittelbaren Aufgabe die ganze Zeit hindurch eine innerliche Verbindung mit dem Wert seines1 Handelns. Eine Ausrichtung, ein „Wozu“ – ganz gleich, ob es dem Menschen bewusst ist oder ob es spontan oder unbewusst ist – steht wie ein Programm hinter allem menschlichen Handeln: Jegliche Form der Auseinandersetzung mit dem Leben steht vor der Frage nach ihrer Sinnhaftigkeit, ihrem Zusammenhang.

Die Sinnfrage ist zeitlos

Man hat den Sinnbegriff oft strapaziert und oberflächlich behandelt. Kein Wunder, dass sich manche von diesem Thema desinteressiert abwenden, wenn dem existentiellen Gewicht des Sinns wenig Rechnung getragen wird. Doch die Frage nach dem Sinn ist für Menschen eine zentrale Frage. Es ist für uns daher unerheblich, ob das Thema „Sinn“ gerade in Mode ist, und ob „man“ davon spricht, weil das Thema „in“ ist. Unabhängig von der Art und Weise, mit der an das Thema herangegangen wird, bleibt sie eine mode- und trendunabhängige Frage. Sie bricht in allen Schichten und Berufsgruppen auf.

Das natürliche Interesse an der Sinnfrage hat viele Gründe. Sie hängen mit dem zusammen, was unter Sinn verstanden wird. Die meisten Menschen sehen in ihm spontan etwas, das für das menschliche Leben ganz zentral ist. Sie spüren und erleben, dass von ihm Gelingen oder Scheitern des menschlichen Lebens abhängt.

Man weiß, dass Sinnlosigkeit Verzweiflung bedeutet. Solange der Mensch sein Leben noch nicht bestanden hat, ringt er mit dieser bedeutsamen Frage, bewusst oder un refi ekti ert, sei es unter dem Begriff „Sinn“ oder auch unter anderen Begriffen – das Thema bleibt dasselbe: Was mit Sinn gemeint ist, hat mit dem Leben – mit dem Gelingen des Lebens – zentral zu tun.

Gelingen und Scheitern im Leben ist an Sinn gekoppelt. Sinnlosigkeit führt zur Verzweiflung.

Der besseren Lesbarkeit halber wird das generische Maskulinum verwendet.

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Die Bedeutung der Sinnfrage

Wie kommt es, dass die Sinnfrage im Leben eine zentrale Bedeutung hat? Ist es nur deshalb, weil das Leben nicht abgeschlossen ist, weil die Zukunft ungewiss ist? Dann müssten auch Tiere mit der Sinnfrage ringen. Die Aktualität und Bedeutung der Sinnfrage, ihr Gewicht, ihr Drängen auf Beantwortung und die Unausweichlichkeit stammen im Wesentlichen aus drei Grunderfahrungen des Menschen:

1) Mein freier Wille, mit dem ich zwischen den Möglichkeiten wählen kann.

2) Die Erfahrung, dass es nicht gleichgültig ist, was ich wähle: Ich entscheide über Werte.

3) Die Inkonstanz der Situationen, die ständig wechseln.

Beim freien Willen – bei jedem Wählen – geht es immer um Werte.

Wenden wir uns zunächst dem ersten Punkt mehr zu. Der zweite wird in diesem Kapitel unter dem Aspekt des Einflusses der Vorentscheidung für die freie Wahl besprochen und in späteren Kapiteln vertieft. Der dritte versteht sich von selbst.

Das Leben des Menschen ist eingebettet in ein inneres und äußeres Milieu. Jeder Mensch findet sich in einer physischen und sozialen Umgebung vor und ist mit Anlagen ausgestattet, die er nicht gewählt hat. Alles kommt nun darauf an, wie er sein Leben in dieser Welt gestaltet. Jeder Mensch kann aus seinem Leben und aus sich selbst etwas machen. Die sinnvolle Gestaltung des Lebens betrifft also zwei Bereiche: Die Situation und den Menschen in ihr.

Dem Mensch ist etwas zur Verfügung gestellt – nämlich Dinge und Situationen in der Welt, die sinnvoll verändert werden und eine menschenwürdige Gestalt bekommen können.

Und was den Menschen betrifft, so heißt gestalten können, dass der Mensch als Handelnder und Erlebender eingreifen kann, dass er in seiner Freiheit aufgerufen ist, zu planen, zu unterscheiden und zu entscheiden zwischen den Möglichkeiten, die sich ihm bieten. Er ist letztlich selbst der Gestalter seines Lebens, er ist derjenige, der für sich und für seine Zukunft entscheiden kann. Es liegt an ihm, ob er diese Möglichkeiten aufgreift und ausbaut oder liegen lässt.

Dem Menschen ist etwas zur Verfügung gestellt, nämlich Dinge und Situationen, die sinnvoll verändert werden können.

Exkurs: Gestalten

Leben nicht bloß geschehen lassen.
Mich ihm entgegenhalten, mich hineingeben, hineingehen.

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Mich anvertrauen, mich verlassend einlassen.
Mich schenken, dem anderen geben.
Statt mich zurückzuhalten und an mich zu klammern,
mich einlassen auf den Halt des Bodens, der Beziehung,
des Glaubens – mein Gewicht abgeben an das, was trägt.

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Nicht steuerlos treiben.
Gestalten, was mir entgegen kommt. Wirken, wo es der Form bedarf.
Tragen, was dazugehört.
Mich einlassen auf die Trauer, wenn da Trauer ist.
Das Glück atmen, mich an die Hoffnung halten.
Der Versuchung ins Gesicht schauen. Dabei sein.
Niemals aufgeben, niemals mich beiseite stellen.

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Nie ohne mich!

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Sich als Entscheidenden erleben

Es geht hier nicht um eine theoretische Diskussion über die Freiheit des Menschen. Der Punkt, an dem wir ansetzen wollen, ist unsere eigene Erfahrung. Ich habe bisher noch niemanden gefunden, der geleugnet hätte, dass er Wahlmöglichkeiten in seinem Leben besitzt. Dies wird daran deutlich, dass jeder Mensch Situationen kennt, in denen man um eine Entscheidung ringt, wo man nach Informationen sucht, die es erlauben, eine richtige Entscheidung zu treffen. Manche Menschen können sich beispielsweise schwer entscheiden, wo sie ihren Urlaub verbringen sollen: am Meer oder in den Bergen? Und dann kommen sie auch im Nachhinein noch in Schwierigkeiten, wenn etwas schief gegangen ist, und sie werfen sich (falls sie selbst die Entscheidung getroffen haben) oder jemand anderem (der die Entscheidung für sie getroffen hat) vor, nicht das andere gewählt zu haben.

Es bleibt den Menschen also bewusst, dass sie auch andere Möglichkeiten haben oder gehabt hätten und dass sie zu dieser Wahl nicht gezwungen worden sind (denn dann wäre der Vorwurf gegenstandslos und von vornherein entkräftet).

Wenn ich „Ja“ sagen kann, dann ist es nur frei, wenn ich auch „Nein“ sagen könnte.

In der Logik dieser Erfahrung geht es nicht darum, wie oft ein Mensch keine Freiheit, also keine Wahlmöglichkeit hat, sondern es geht um die Feststellung, dass jeder Mensch wiederholt Entscheidungen trifft und sich selbst als Entscheidenden erlebt – als einer, der frei ist für die eine oder die andere Möglichkeit, die sich ihm bietet.

Und wenn ich diese Qualität erlebe, erlebe ich mich als Entscheidenden.

Die menschliche Freiheit

Der Mensch ist sehr wohl frei, aber seine Freiheit ist eben eine menschliche (und keine übernatürliche) und darum eine bedingte Freiheit, eine Freiheit innerhalb gewisser Grenzen (ausführlicher wird der Umgang mit diesem Faktum behandelt zB Frankl. 1982, S. 91 ff). Es wäre ein fataler Fehler, diesen Spielraum nicht wahrnehmen zu wollen, zB aus einem Trotz darüber, dass der Mensch eben nicht allmächtig ist. In Bezug auf die Freiheit reagiert der Fatalist empört mit der Äußerung: „Wenn ich schon nicht die ganze Freiheit habe, dann verzichte ich eben auf den Rest“ – immerhin ist der Mensch so frei, dass er auch diese Entscheidung fällen kann. Was wir aber mit unserer Freiheit anstreben, ist die Freiheit, die nicht Verzweiflung, sondern Erfüllung, Glück und Freude bringt.

Man könnte hier einwenden: Gut, es ist mir schon immer bekannt gewesen, dass ich in meinen täglichen Geschäften und in beruflichen Tätigkei ten bis zu einem gewissen Grad frei bin und manchmal Entscheidungen aus mir heraus treffen kann.

In der Wahl einer Möglichkeit liegt die eigentliche Freiheit.

Sicherlich kann ich wählen, wo ich meinen Urlaub verbringe, was ich am Wochenende mache, mit wem ich rede und worüber ich spreche … Aber das ist noch nicht das ganze Leben, darunter stelle ich mir doch noch etwas anderes, Wesentlicheres, vor. Denn was soll diese Freiheit, wenn ich das, was ich eigentlich tun oder haben will, nicht tun oder haben kann? Hat solche beschränkte Freiheit überhaupt etwas mit meinem eigentlichen Leben zu tun?

Wenn Menschen „Freiheit“ sagen, meinen sie meist „Freiheit von“ und nicht „Freiheit für“.

Tatsächlich glauben viele Menschen, dass sie nur in einigen Nebensächlichkeiten des Lebens eine gewisse Freiheit haben, aber in dem, was das Leben ausmacht, halten sie sich für geprägt und gebunden durch Anlage und Erziehung, und eingeengt durch äußere Bedingungen. Alles, was mit ihrem eigentlichen Leben zu tun habe, das laufe von selbst ab und folge einer eigengesetzlichen Entwicklung.

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Viele Menschen fühlen sich unfrei

Wie kommt es, dass manche Menschen solche Einwände gegen die Freiheit haben und sich in den wichtigen Lebensbelangen unfrei wähnen? Das hängt vor allem mit der Vorstellung zusammen, die wir vom „Leben“ haben.

Warten und Suchen

Die einen können keine genaue Antwort geben. Leben ist für sie etwas ganz Diffuses und Unüberlegtes, etwas, das mehr Traum ist als Wirklichkeit, eine Vorstellung, so unscharf und wirklichkeitsfern, dass sie nie eintreten kann. Das hat zur Folge, dass sie ein Erlebnishunger treibt, der nicht zu stillen ist. Denn sie wissen nicht, wonach sie hungern. Sie wissen bloß, dass sie warten – sie erwarten, dass „etwas (los) sein“ wird. – Wirkliches Leben ist aber nicht erst dann möglich, wenn man im Lotto ein Vermögen gewonnen hat.

Forderungen

Andere haben sehr wohl ganz konkrete Vorstellung von einem „wirklichen Leben“. Es sind Vorstellungen von mehr Sicherheit und Gesundheit, von besseren Lebensumständen (andere Partner, andere Berufe, mehr materielle Mittel usw.), von Leidensfreiheit, von der Macht zur raschen und problemlosen Durchsetzung des eigenen Willens – kurzum, es sind Vorstellungen, die um die Realisierung von Wünschen und selbst gesteckten Zielen kreisen, und oft nehmen sie den Charakter von Forderungen an. Ihr jetziges Leben ist in den Augen dieser Menschen bestenfalls (sofern sie noch nicht resigniert haben) eine Vorstufe zum eigentlichen Leben, das hoffentlich irgendwann einmal kommen wird. Derzeit leben sie in einem Provisorium und was sie jetzt tun, ist nicht wirklich wichtig, denn ihr eigentliches Leben hat ja noch nicht begonnen.

Es gibt Menschen, die warten auf ihr Leben – manchmal ein Leben lang.

Erwartungen