Marjana Gaponenko
Annuschka Blume

Marjana Gaponenko

Annuschka Blume

Roman

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für Ruprecht

Nacht. Ich sitze im Haus und stelle mir vor, ich wäre im Bauch eines Schiffes. Ich sage, nicht Berge umgeben mich, sondern steinerne Wellen, und schon ist es geschehen. Riesig bäumen sie sich vor mir auf, und ihre Schaumkrone glänzt in der Sonne, die nicht zu sehen ist, denn es regnet seit Tagen. Ich sage, es ist kein Schnee, es ist Schaum, auf das Deck geworfen. Ich sage es, und schon ist es geschehen. Ich bin ein betrunkener Kapitän. Mein Gang ist verdammt sicher in seiner Unsicherheit. Ich gehe auf und ab, und Schaum knirscht unter meinen Füßen. Meine Taschenuhr schlägt wie ein Herz, ich zerre und zerre daran und kann sie nicht aus der Tasche ziehen. Auch meine Weste fehlt, und das Knopfloch ist in meine linke Hosentasche gewandert und hat seinen Knopf dabei verloren. Ich schweige und rede ununterbrochen. Ich sage, es ist nur ein Traum … ein Traum, und schlafe ein.

Liebe Anna Konstantinowna,

es wird ein langer Brief werden. So einen Brief haben Sie in Ihrem Leben noch nicht bekommen. Sollten Sie ihn gewogen haben, haben Sie sicher bemerkt, dass er exakt das Gewicht einer Woche hat: dreißig Gramm! Ist das nicht entzückend?

Wie Sie wissen, hat man mich in die Berge geschickt, in die Alpen, auf eine Höhe von tausendvierhundertfünfzig Metern, um zu beweisen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Bergen und Steppe. Dieser kühne Gedanke ist mir in einem Traum gekommen, den ich später bei einem Glas Birkenschnaps Iwan Iwanitsch erzählte, der ihn wiederum Wassilij Anatoljewitsch erzählte, der ihn, außer sich vor Empörung, Konew weitererzählt hat, dem Landwirtschaftsminister unserer ukrainischen Kornkammer. Und Konew war es schließlich, der sich den Scherz erlaubte, mich zum Zwecke der Forschung unbefristet in die Verbannung zu schicken. Kehre ich mit Berichten zurück, die kaum überzeugen, ist es um meinen kahlen Kopf geschehen. Wahrlich, wie im Märchen! Das macht aber nichts, ich habe ja nicht vor zurückzukommen. Und forschen würde ich nur im Namen der Poesie. Ja, wo ich schon einmal hier bin, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als zu forschen. Ich kann gar nicht anders. Irgendetwas zwingt mich dazu, Vergleiche anzustellen, Unterschiede, so gravierend sie sein mögen, zu einer vollkommenen Ähnlichkeit zu verschmelzen, in den Bergen die Steppe zu sehen.

Es gefällt mir hier recht gut, liebe Anna Konstantinowna. Ich war zuvor noch nie in den Bergen, und Schnee sehe ich zum ersten Mal seit Jahren. Es schneit ja nie bei uns, nur wenn wir schlafen vielleicht, und am nächsten Morgen ist überall nur Dreck. Hier jubelt mein Herz vor Entzücken. Bei Gott, ich würde diesen Schnee essen, wenn ich nicht so einen empfindlichen Magen hätte.

Ich schreibe Ihnen, liebe Anna Konstantinowna, aus einem Zimmer mit dicken Wänden und kleinen Fenstern mit Sprossen, die in der Mitte ein Kreuz bilden. Dieses Kreuz wird von zwei durchsichtigen Gardinen mit Spitzensaum umrahmt. Wenn ich es lange genug anschaue und dann die Augen fest schließe, was ich gerade getan habe, sehe ich dieses Fenster hinter meinen Augenlidern wieder. Der Schnee ist schwarz, und das Kreuz ist weiß und wird immer weißer, je länger ich es fixiere, bis es schließlich blutrot ist. Die Spitzengardine bildet die Hälften einer Sanduhr, rechts und links. Mache ich die Augen noch fester zu, kann ich sogar ihr Saummuster erkennen. Es ist wie Flaum, lodernder Flaum. Wenn ich mir Ihr Bild so einprägen könnte, wenn es in meinen Augen nur so brennen könnte!

Ab und zu gehe ich an eines dieser Fenster und schaue hinaus und stelle mir vor, Sie bögen um die Ecke und sähen mich am Fenster stehen. Ich schaue so lange hinaus, bis meine Augen zu schmerzen beginnen. Dann kehre ich zurück zu meinem Brief, auf dem weiße Buchstaben in einer Substanz aus schwarzem Nebel zittern, und warte, bis sie sich beruhigt haben, ehe ich Ihnen weiter schreibe.

Anna Konstantinowna, ich wiederhole mich, indem ich Ihren Namen so oft wiederhole. Aber was kann ich tun, wie soll ich Sie sonst nennen? Und ich möchte Sie nennen, ich möchte es ausdrücklich. Da ich hier selten mit jemandem rede, rutscht er mir einfach so heraus, an allen möglichen Orten: in den Bergen, in den stolzen Bergen, in den einsamen Bergen, in den gefährlichen Bergen, in den Bergen mit dem blendenden Schnee, in den Bergen mit den Tannen, die in diesem teuflischen Licht schwarz erscheinen. Ihr Name, Anna Konstantinowna, ich rufe Ihren Namen so laut ich nur kann. Ich rufe ihn den Tannen zu, ich rufe ihn den Bergen zu, in alle Himmelsrichtungen rufe ich ihn. Ich drehe mich im Kreis. Ich drehe mich, und ich falle, Anna Konstantinowna.

Wo ich da so lag, spürte ich die flache Landschaft um mich. Ich spürte, wie die Weite sich zusammendrängte und vor mir aufbäumte, um sich wieder aufzulösen, wieder und wieder. Ich schloss die Augen und hörte das anhaltende Tosen des Schwarzen Meeres, unseres Meeres, in das die Steppe mündet. Auf einmal war ich zu Hause und lag im Gras, aufgewühlt von der spürbaren Nähe des Meeres und besänftigt von seiner Gegenwart. Und ich fragte mich, wo ich da so lag: Heimat, was ist das? Was ist Weite, und was ist Enge, und warum empfindet man so oder so?

All das ging mir im Kopf herum, als ein betagter Mann aus dem Dorf vor mir stehen blieb, sich bückte und mich auf die Beine stellte und etwas von Lawinengefahr sagte. Warum er wohl hier geblieben ist, hier, in der luftigen Enge, wo das Leben so viel härter ist als im Tal? Warum sie alle von Generation zu Generation dem Beispiel ihrer Vorfahren folgen, die mit ihren Kühen hier heraufklettern mussten? Warum bleiben sie jetzt noch in ihren dicken alten Häusern sitzen, wo sie doch schon seit Jahrhunderten die Gelegenheit haben, hinunterzugehen ins Tal? Auch wenn es keinen Fremdenverkehr und keinen Skisport hier gäbe, würde sie nichts hinunterkriegen. Auf jeden Fall nicht diesen Mann, so zäh und zufrieden, wie er aussah. Das dachte ich.

Der alte Mann … Sein braunes, faltiges Gesicht passte gut zu der massiven Gebirgslandschaft. Die Nase, breit und kurz, glänzte genauso wie sein mit Kückenflaum spärlich bewachsener Schädel. „Mit dr Laula darfscht net schpiela!“, drohte er mit dem Zeigefinger. Diese Drohung war mehr eine Mahnung, die weniger mir galt als einem Kind, das schon vor Jahrzehnten in der hitzigen Umarmung einer Lawine umgekommen sein muss, vielleicht auch einem Schulfreund, der Ambros oder Oswald oder Leopold geheißen hat.

Ich nickte. Ich nicke gern. Ich fühle mich dadurch weder kleiner noch ärmer, vielleicht etwas leichter. Ach, ich nicke übertrieben oft, schon zu Hause war das nicht anders. Kaum fängt jemand an, etwas zu erzählen, kann ich mich schon nicht mehr beruhigen, bis es mir und dem Erzähler von meinem Nicken ganz schwindlig wird. Manchmal vergesse ich mich dabei derart, dass ich mit herausgestreckter Zunge in Schlaf falle, was recht unhöflich und unschön ist. Also nickte ich einmal und gab dem alten Bergmann meinen Segen. Es wurde mir warm ums Herz, und so ging ich meines Weges.

Die Sonne schien, ganz sicher, nur nicht auf die Erde. Ich ging und stellte mir vor, wie die Sonne mit ihren langen spitzen Strahlen über die Wolkendecke tastet und sie irgendwo, nicht hier, wie eine Eisschicht mit einem ihrer Strahlenbeine durchstößt. Irgendwo, aber nicht hier. Das stellte ich mir vor auf dem Weg zu dem einzigen Trinklokal im Dorf. Ich ging und ging, und es wurde blau. Unten im Tal würde ich dunkel sagen, aber hier ist es blau. Blau werdendes Weiß, poetisch ausgedrückt, aber auch darüber könnte man streiten. Die Maler haben ja ihre eigenen Begriffe dafür. Sie reden von Farbkreis und Farbkontinuum und stützen sich auf große Philosophen und Mystiker. Die Physiker haben nicht weniger aufregende Vorstellungen von Licht und Farbe. Sie reden von farb- und lichtempfindlichen Zellen im Auge, was nahe legt, dass es Licht und Farben tatsächlich gibt. Wir gewöhnlichen Sterblichen, wir können uns jedoch auf nichts verlassen, wir wollen gar keine Beweise dafür, dass blau blau ist. Beweise müssen von Beweisen bewiesen und die wiederum von anderen Beweisen bewiesen werden, und so geht das ad infinitum, bis man blau wird. Darum ist blau niemals blau. Und ich gehe auch nicht, ich stehe. Eben ging ich noch, und jetzt stehe ich. Aber vielleicht gehen meine Beine immer noch, in einer anderen Sphäre.

Ich ging also (Tatsache, weil ich einmal stolperte und mit dem Gesicht in den Schnee fiel) und stellte mir dabei vor, wie die Geister der Murmeltiere, die hier, wie ich später erfuhr, Buuramänta heißen, sich vor mir aufbäumend meinen Weg säumen, rechts und links, wie gotische Chimären. Ich sah sie um mich, ihre klugen Kugelaugen, getrocknetes Gras im „Muul“. Ich sah sie, sie waren da, und nichts kann das widerlegen. Anna Konstantinowna, auch Ihre Katze war da, Ihre verstorbene Katze, der Sie kurz vor ihrem Tod alle dreißig faulen Zähne haben ziehen lassen. Auch sie stellte sich auf die Hinterpfoten wie die anderen und riss ihren gigantischen Rachen auf, mich zu grüßen. Ich grüßte sie zurück, indem ich gähnte.

Ich näherte mich der Trinkstube, und schon von Ferne erkannte ich, dass es Petroleumlampen oder Kerzen waren, die da brannten. Ich blieb vor den Fenstern stehen. Scherenschnittähnliche Gestalten führten Gläser zum Mund, schüttelten beim Trinken ihr fehlendes oder dürres Haar, neigten sich beim Reden zueinander, schnitten beim Lachen Halbmonde in ihre Gesichtsprofile, ließen Mund geblasene Kugeln langsam durch den Raum schweben. Wie verzaubert stand ich da. Wenn es nicht so kalt und mein Durst nicht so groß gewesen wäre, hätte ich so Stunden verbringen können, Tage.

Ich trat ein, und alles wurde plötzlich gelb. Auch darüber kann man streiten, denn Gelb ist eine der listigsten Farben, wenn es sie überhaupt gibt. Zum Beispiel die Sonne: Schaut man sie nicht an, ist sie gelb. Schaut man sie an, wird sie schwarz, und alles andere um sie herum nimmt ihre wahre Farbe an. Ob es Gelb ist, kann man wiederum nicht sagen. Im Auge ist alles relativ. Und in Wirklichkeit weiß nur der liebe Gott, was gelb ist und was nicht. Aber so viel kann ich sagen: Die Beleuchtung in der Trinkstube war verdammt gut, wie bei uns zu Hause auf dem Land, in ärmlichen Dörfern, wo die Bauern mitunter nichts außer einer Petroleumlampe haben, die ihr Elend vergoldet und den vorbeiziehenden Wanderer zu romantischen Vergleichen wie diesem veranlasst. Ich sah mich um. Von überall schauten mich Männergesichter an. Ihre rauchenden Bärte, ihre Bräune, dieses dünne, im Raum verschmierte Blattgold, die Eichentische mit ihren krummen Beinen, Stühle mit Herzen in den Lehnen, das alles hatte ich schon einmal gesehen. Braune Seemannsköpfe, ach, was sage ich, pensionierte Skilehrer schauten mich an. Und ich hatte sie alle schon hundertmal gesehen bei der Feldarbeit bei Bilajewka, diese ehrlichen Bauern, die auch im Sarg noch nach Kartoffeln riechen. Ihre rissigen Fingerkuppen, ihre kurzen Nägel mit dem ewig dreckigen Sichelmond. Nichts ist schöner, als wenn solche Hände auf einer bauchigen und kühlen Wodkaflasche ruhen. Bei Gott, Anna Konstantinowna, dieses Bild ist friedlich, tröstlich und unheimlich rein. Erinnern Sie sich, auf dem Markt zwischen Reihen von Kartoffeln, erinnern Sie sich an diesen Steppengeruch, als wären tausend Pferde eben vorbeigeritten? Erinnern Sie sich an das Geräusch Ihrer Schritte in der Markthalle? Sie schreiten über Kartoffelstaub, über die Erde, in die diese Bauernhände tagaus, tagein greifen, Kinder ihrer Kinder, Väter ihrer Väter … Erinnern Sie sich an die Kartoffelsäcke, als ob sie im Betonboden Wurzeln geschlagen hätten? Sie sind immer da, so wie die Bauern selbst, den Säcken so ähnlich, und nichts wird sie von ihrem Platz vertreiben, weder Krieg noch Pest. Unerschütterlich wie Kartoffelsäcke sind ihre Herzen, und nichts kann sie rühren, weder ein Fluch noch das Schimpfwort eines Kunden. Nur das Wort der Poesie wirkt bei ihnen, ihr Wort allein. Nie werde ich vergessen, wie ich selbst als junger Mann zwischen Kartoffeln das Lied der Lieder sang, weinerlich, um den Preis herunterzuhandeln: „Schwarz bin ich und doch anmutig, ihr Töchter Jerusalems.“ Das Ergebnis meiner Mühen übertraf meine Erwartungen derart, dass ich es am eigenen Leib zu spüren bekam. Wie der Zorn der Bauern kein Pardon kennt, so kennt ihre Rührung keine Grenzen. Ich wurde reich beschenkt, mit Früchten der Erde von allen Seiten wie mit Blumen beworfen. Ich schwamm in einem See aus Kartoffeln. Es tat mir weh, doch ich jubelte, und die Bauern jubelten auch. Ihre Augen verklärten sich und glänzten, ich schaute in diese Augen und dachte, wie schön, blaue Augen, oh, diese blauen kleinen Äuglein, oh, du herrliche Kraft der Poesie! Wie Sie wissen, liebe Anna Konstantinowna, heißt die beste Kartoffelsorte unserer Heimat Sineglazka, Blauäuglein. Oder die anderen, hören Sie nur, wie sie klingen: Adretta, Diamant, Nikita, Udatscha, Glück, Wodopad, Wasserfall, Podsneschnik, Schneeglöckchen! Die Bauern selbst sprechen diese Namen ohne jedes Pathos aus. Sie tun es den besten Dichtern nach, die, um ihren Zauber wohl wissend, beim Vortrag der romantischsten Stelle nicht mit der Wimper zucken. Die Bauern sind, meine liebe Anna Konstantinowna, Dichter der Erde, so eins mit ihr, dass sie schon Gedichte sind, ehrliche und reine Erdknollen. Daran dachte ich, als ich mitten in der Trinkstube stand. Ich fühlte mich ungefähr, wie sich ein geschmückter Weihnachtsbaum fühlen muss: Ich spürte die Schwere der Blicke, die wie Christbaumkugeln an mir hingen, an meinem ganzen ukrainischen Körper. Ich musste glitzern von diesen Blicken, in allen möglichen Glitzerfarben, dachte ich, und von diesem Gedanken wurde es mir recht warm. Ich lehnte mich an die Theke und trank in einem Schluck ein Bier, das da verlassen herumgestanden war. Das tat mir gut. Ein Bauer, eine mit Elchen bestickte Skimütze auf dem Kopf, kam und zeigte mir seine Faust. Ich roch daran, sie roch nach Feld. Der Bauer ging, ich folgte ihm mit den Augen. Er ging zurück in seine Ecke, setzte sich und fing an, verbiestert mit seiner Zeitung zu rascheln. Meine Augen wanderten weiter, und sie sahen, dass wir nicht allein waren: Unter die Bauern hatten sich nämlich unmerklich mehrere kräftige Budjonow-Pferde gemischt. Sie saßen unter ihnen an den Tischen, spielten Karten und rauchten Pfeife. Einige standen draußen und schauten mit gespielt gleichgültigen Mienen durch die Fenster in die Stube herein. Ich drehte mich um. Neben mir saß eine Stute, eindeutig, eine Stute, die ihre besten Zeiten schon hinter sich hatte, und trank, ihr haferfarbenes Gebiss entblößend, mit einem Strohhalm Campari-Orange.

„Sie sind nicht von hier, oder?“ fragte sie mich.

Ich sagte: „Oder“, das erschien mir am richtigsten.

„Es gibt V-Täler und es gibt U-Täler. Wir sind ein U-Tal.“

„U wie ein Hufeisen?“

„Ganz genau.“

Als ich für mich noch ein Bier bestellte, schaute ich mir ihr Profil genauer an. Sie erinnerte mich an meine erste Lehrerin, die einmal mit einem metallfarbenen Lockenwickler in den Unterricht gekommen war. Er hing in ihrem Haar wie eine satte Raupe am Weinstock, wie das Leben an einem Faden: dominant und verzweifelt vergessen, etwas, das ihre Stimme unhörbar machte, etwas, das zum Mittelpunkt des Alls wurde, wenn man es wahrgenommen hatte. Ich warf einen Blick auf die Mähne meiner Nachbarin, aber außer ein paar Grashalmen war da nichts. Sie war die einzige Frau in dem Raum, auch wenn sie ein Pferd war.

Als Kavalier der alten Schule riss ich mich zusammen und bemühte mich, ein charmantes Gespräch in Gang zu bringen. Als erstes stellte ich mich vor: „Piotr Michailowitsch Petrow, ukrainischer Staatsbürger.“ Nachdem ich ihr verraten hatte, woher ich stammte, verriet sie mir, dass sie im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront gedient hatte, und damit auch ihr ungefähres Alter. Als ich große So-lange-lebtman-doch-nicht-als-Pferd-Augen machte, winkte sie nur ab und sagte, sie seien hier dank der Bergluft alle gut erhalten. Ihr Vater habe im Ersten Weltkrieg gekämpft und lebe immer noch. In Paris habe er einst heiße Schokolade getrunken, die so dickflüssig war, dass man sie fast essen konnte. Er habe das Dorf nur einmal in seinem Leben verlassen, aber dafür hätte sich der ganze Aufstand gelohnt. Nie habe er sich danach etwas Schöneres vorstellen können. Er habe dem Getränk ewige Treue bewahrt, indem er es nie wieder getrunken habe, nur der Erinnerung wegen. Ist das nicht rührend, Anna Konstantinowna? Da dachte ich an Sie und dass ich niemanden und nichts lieben will außer Sie, solange mich meine Füße tragen.

„Im Sommer ist es sehr schön hier“, sagte die Stute. „Alles blüht, die schönsten Kräuter haben wir hier, sie wachsen überall, auch am Wegrand. Dann ist das Tal gar nicht mehr zu erkennen.“

Ich dachte, dass das Grün des Sommers den Augen so weh tut wie das Weiß des Winters. Anstelle von Lawinen ergießen sich Herden von Blumen ins Tal, schmiegen sich den Tannen um die Beine, laufen durch sie hindurch, springen übereinander. Blaue Kugelblumen, große Sterndolde, Silberwurz, Goldpippau! Lauter zärtliche Namen, nicht weniger schön als die Namen unserer Kartoffeln, die freilich so plump sind, dass sie nicht laufen können.

„Es wächst hier kein Obst und kein Gemüse, dafür sind wir zu hoch“, sagte sie, während sie mit ihren Wimpern klimperte. „Aber wissen Sie, ich esse gerne Erdbeeren. Ich bin verrückt nach Erdbeeren. Wenn ich träume, dann träume ich von Erdbeeren. Vor meinem Haus habe ich einen winzigen Erdbeergarten, um den ich mich kümmere, den ich hege und pflege und warm zudecke, wenn die Nacht kommt. Und die Nacht kommt manchmal nicht allein. Auch im Sommer kann es schneien. Darum wächst hier kein einziger Obstbaum weit und breit.“

Ich dachte daran, wie es wäre, wenn jemand den Mut hätte, einen Baum hier zu pflanzen in dieser Höhe und auf diesem Boden. Was müsste das für ein Prachtbaum sein! Er wäre ein Held, auch wenn er ein Krüppelzwerg wäre. Aber Menschen sind entweder zu faul oder sie haben Mitleid oder sie sind vernünftig.

„Meine Tante war Gartenschwester in einem Kloster unten im Tal“, setzte sie fort. „Bevor ich in den Krieg zog, aß ich bei meiner Tante einen Teller voller Erdbeeren, die ich vorher nie gesehen hatte. Ich träumte davon im Krieg, im Schnee, in heißen Sommermonaten, in den russischen Birkenwäldern, in der Steppe. Ich sah Wassermelonenfelder, schoss über grüne Streifenmützen und träumte von Erdbeeren. Ich sah Bären auf Hinterpfoten, stellte mich tot und träumte von Erdbeeren. Ich kroch durch das Gras, durch gelbes, stacheliges Gras, das wie bestickt war mit schwarzen Käfern, und träumte von Erdbeeren. Ich lag auf dem Rücken, sah das durchlöcherte Kleid des Himmels und träumte von Erdbeeren, von ihren roten, glänzenden Poren. Als der Krieg vorüber war, ging ich zu dem Kloster meiner Tante und fand meine Tante nicht, denn sie war im Sommer davor gestorben. Ich grub ihre Erdbeerpflanzen aus, legte sie in meinen Rucksack und trug sie einige Tage auf meinem Rücken bis zu meinem Heimatdorf. Dort legte ich einen Garten an. Ich wollte es anders machen als mein Vater mit seiner heißen Schokolade. Ich wollte die Erinnerung anders am Leben erhalten. Durch das Leben selbst.“

Das erzählte sie mir, während sie mir ernst in die Augen schaute. Die Stute. Ihre zwei bewimperten Oliven blinzelten nicht. Ich sah mich darin, einen Spinnenkopf im schwarzen Glanz, Petroleumlicht, eine bewegliche Schliere, Flaschen mit alkoholischen Getränken im Regal hinter der Bar, den Wirt davor, eine Grille mit einem weißen Tuch, die Gläser abtrocknete. Annuschka Konstantinowna, meine Liebe, das alles erschien mir plötzlich so unwirklich, dass ich in mein Bierglas biss, und siehe da – es geschah nichts, nur die Glocken der Dorfkirche begannen zu läuten. Ich schlug mir ins Gesicht, es tat nicht weh. Ich schlug mit dem Kopf gegen die Theke, nicht ein Glas fiel um. Ich rannte ins Freie, schubste zwei rauchende Pferde zur Seite, rutschte aus, stand auf und rannte, rannte. Ich rannte die Straße hinauf, und je länger ich rannte, umso wirklicher kam mir alles vor, umso wirklicher und umso bewusster wurde mir, dass ich tatsächlich lebe und dass ich am Morgen mein Brot in meine Tasse hatte fallen lassen, weil ich an Sie dachte. Jetzt und damals und in diesem Moment, da Sie diese Zeilen lesen, denke ich an Sie. Auch wenn ich nicht an Sie denke, denke ich an Sie. Alles denkt an Sie, Anna Konstantinowna, alles, mein Atem, mein Bein, meine Pfeife. Wenn ich ein Glasauge hätte, würde mein Glasauge an Sie denken. Bäume, an denen ich vorbeirenne, denken an Sie. Steine, die ich aus dem Weg trete, denken an Sie. Wachhunde, denen ich mit der Faust drohe, denken an Sie und träumen zitternd von Ihnen.

„Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere!“ riefen die Seraphim über mir einander zu, ihre Körper und Gesichter mit Flügeln bedeckt, wie es sich gehört. „Heilig, heilig, heilig ist der Herr!“ Und mein Kinn bebte wie eine alte Türschwelle von ihren Stimmen, und meine Augen füllten sich mit Tränen wie ein Schuh mit Sand. „Heilig, heilig, heilig, und von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt!“ Dieses Rufen war so laut, am Rande des Hörbaren, so laut, dass sich kein Zweig im Wald rührte, keine Schneeflocke fiel, kein Vogel aus dem Schlummer erwachte, so laut, dass es fast schon ein Seufzen war. So war das, Anna Konstantinowna, ich konnte es selbst nicht glauben, doch sie waren da, die Seraphim. Ich sah sie und verlangsamte meinen Schritt. Sie zogen ihre Kreise über mir, und ich zog vor Ehrfurcht die Mütze von meinem kahlen Kopf. Da stiegen sie nieder. Wie hübsch ein Seraph sein kann, das kann man sich nicht vorstellen, das übersteigt das menschliche Fassungsvermögen. Wie schön eine Nase sein kann, wie schön ein Mund sein kann, die Augen, die Locken … Ich erinnerte mich, ich hatte sie oft gesehen, als ich in der Kirche manche Ikone geküsst habe. Eigentlich hatte ich sie nicht gesehen, hundertmal nicht gesehen, aber im Kuss erfahren. Meine Lippen auf die Ikone gepresst, hatte ich sie nicht sehen können, ich war blind gewesen. Daran erinnerte ich mich. Nun sah ich, geblendet von ihrem Licht, die Seraphim, wie sie sich auf einen umgefallenen Baumstamm setzten. Ich begann zu singen: „Schu-schu-schu-schubiduudu …“ Dieses Lodern der Flügel, diese Federn, ihre Züge, ich schaute und schaute und sang, vor ihnen, die sich mir, einem ukrainischen Staatsbürger, zeigten, als wäre ich Jesaja, aber das bin ich nicht, bei Gott. Das wollten die Seraphim mir nicht glauben. Ich durchwühlte fieberhaft meine Taschen, fand wie immer meinen Pass nicht, dafür aber ein bräunliches Papierchen, auf das jemand mit schwarzer Tinte und in meiner Schrift „Ich bin ein Mann mit unreinen Lippen“ geschrieben hatte.

„Das genügt“, sagte einer der Seraphim, zückte eine glühende Kohle und presste sie mir an den Mund. „Jetzt bist du rein! Geh deines Weges, sei froh und singe frohe Lieder!“

Und ich ging, wohin die Augen schauten, wie man bei uns sagt, und war froh. Ich ging wie betrunken und rieb mir unterwegs den Mund mit Schnee ein. Ich ging und stolperte und fiel und lag eine Weile so da, stand auf und ging weiter und sang dies: „Schuschu-schu-schubidu-udu.“ Mir fiel nichts Besseres ein, dafür sang ich es einmal so, einmal so, „schubidu“, „schubidu“, „schubidu“, oder ich betonte alle Vokale gleichzeitig, und das war die fröhlichste Variante. Es war eine unbändige Kraft, die mich da durch den tiefen Schnee trug. Ich sang zum ersten Mal mit voller Stimme, am Anfang leiser, doch ich sang. Und mein Lied wuchs, wurde immer gewaltiger und gewagter. Aus dem „Schu“ wurde ein „Schuuuhuu-u“, und aus dem „Bi“ wurde ein „Bibabu“, und aus dem „Du“ wurde ein „Didadu“. Ich sang und konnte nicht glauben, dass ich einmal ein stotternder und schüchterner Schuljunge gewesen war, dem die hübsche Lehrerin nach dem Probesingen ernst ins Gesicht gesagt hatte: „Danke, genug!“ Wie konnte es genug sein? Wie konnte ich ahnen, dass ich meine ganze Kraft für diesen Moment gesammelt hatte? Nicht einmal im Traum! Und so ging ich singend meines Weges.

Ich ging allein, doch ich wusste, ich bin es nicht. Ich wusste, neben mir lassen Hunderte von Schneebrechern ihre Pferde durch den Schnee hüpfen und ebnen ihren Söhnen und Enkelsöhnen die Spur. Sie fahren ihre Frauen, ihre Mütter ins Tal, ihre hochschwangeren Frauen, ihre todkranken Mütter, und der Schnee aller Winter fällt auf sie, türmt sich vor ihnen auf. Kinder ihrer Kinder, Väter ihrer Väter, die Schneebrecher, sie gingen Schulter an Schulter mit mir. Ich wusste es so sehr, dass ich mich gar nicht umzuschauen brauchte. Es war eindeutiger als die Tatsache meiner Geburt, ich war mir sicher, so sicher wie noch nie.

Alles war richtig und gut, auch die Troika, die plötzlich erschien. Ich war keineswegs erstaunt oder erschrocken, dass sie es bis hierher, bis in die Berge geschafft hatte. Von einer russischen Troika und einem lustigen Kutscher kann man Wunder erwarten, das weiß jedes Kind. Dass die Troika keinen lustigen Kutscher hatte, keinen betrunkenen, keinen blinden, keinen toten und auch sonst keinen Kutscher, machte mir nichts aus. Ich ging und lächelte der neben mir hertrabenden Troika zu. Wie schnell müssen meine Schritte gewesen sein, mein Gott!

Ob Sie schon einmal mit einer Troika gefahren sind, liebe Anna Konstantinowna? Ich für mein Teil hatte das Vergnügen noch nicht. Das ist freilich nur wahr, wenn man sich an die Tatsachen hält. Aber wie albern wäre das denn? Natürlich hatte ich schon das Vergnügen, mit einer Troika zu fahren. Mehrmals schon. Es ist so oft nicht geschehen, so oft habe ich es gewollt, so innig und verzweifelt habe ich mich danach gesehnt, so oft, dass es für eine Troikafahrt genügte, sie möglich, ja mehr als möglich, mehr als wirklich machte. Anna Konstantinowna, ich gestehe, ich lege meine Hand ins Feuer, auf meinen roten Pass, ich gestehe, ich bin mehr als einmal in meinem Leben mit einer Troika gefahren. Durch den dicksten Schnee, durch die blühende Steppe, über den vereisten Ladoga-See, ja. Fürwahr! Und nun holte sie mich ein. Ich sah sie, so wie ich Sie nicht sehe. Das konnte nur eines bedeuten, Anna Konstantinowna – dass alles möglich war.

Ein Zeichen von Ihnen, ein Zeichen, das den Raum durcheilt. Ich war der Raum. Ein Zeichen, das die Zeit durcheilt. Ich war die Zeit, meine eigene Zeit, die sich zu drehen begann, immer schneller und schneller, bis es greifbar und sichtbar wurde. Das war Ihre Troika, das war Ihr Zeichen, von Ihnen mir durch mich geschickt, durch mein Auge. Ja, so war das, liebe Anna Konstantinowna. Ich wusste, was ich zu tun hatte: Heraus aus dem Wald, in die Kirche zur Abendmesse, eine Kerze anzünden und dann schnell auf mein Zimmer, Ihnen schreiben. Sie beschwören, Sie herauslocken aus meinem glühenden Auge, Sie herausholen, auf mein Bett setzen, nein, legen, und Sie küssen, küssen, bis die Kraft mich verlässt, bis der Traum mich holt oder der Morgen oder der Tod oder etwas Unfassbares, so groß, dass man davor zusammensackt. Die Erfüllung.

Das dachte ich. Ich schien zu denken, ich schien zu gehen und zu sehen, Geräusche zu hören. Das dachte ich. Ich dachte darüber nach, und es war eine zweite, dritte, vierte, zehnte und hundertste Dimension hinter diesen Gedanken, durch das Gedachte verschleiert und dahinter doch in Bewegung, in Aufregung, wie ein Fisch. Ich dachte, keine Maschine kann das, nie und nimmer. Weil die Maschine keine Zeit kennt. Anders als der Mensch. Die Zeit ist in uns. Die Zeit existiert nur, indem wir existieren. Sie lebt in uns. Wir sind ihr Gefäß. Ja, das dachte ich. Und es machte mir Spaß zu denken, es erfüllte mich mit Stolz. Ich kann ja auch nicht anders. Versuchen Sie mal nicht zu denken, eine Zeitlang. Es klappt nicht. Der innere Befehl, nicht zu denken, ist schon ein Gedanke. Daran nicht zu denken, ist ein anderer. Sich darüber zu ärgern, ist der nächste. Gedanken sind die Luft der Zeit, und man kann nicht ewig die Luft anhalten. Dachte ich. Und ich war zufrieden, dass ich dachte.

Man kann sicher sein, dass es auch hinter dem Sichtbaren und dem Hörbaren Dimensionen gibt wie hinter den Gedanken. Dachte ich, da fingen die Glocken der Dorfkirche zu läuten an, wie um mich in meinem Denken zu bekräftigen. Ich dachte, ich denke, es wären die Glocken der Dorfkirche, die da läuten, doch parallel denke ich, es ist Gewittergrollen und Donnerpeitschen, und das eine schließt das andere nicht aus. Ich beschleunigte meine Schritte, und schneller, als es mir recht war, langte ich unten an der Dorfstraße an. Ein paar Schritte noch, und schon stand ich auf dem verschneiten Kirchhof. Die Glocken läuteten tatsächlich über mir, um die willigen Katholiken zu versammeln, und es war ein Gewitter, das mit seiner Peitsche über mir spielte und die willigen Katholiken ängstlich stimmte. Es waren nur vier Frauen zur Messe gekommen, die recht kurz ausfiel. Es gab herrliche Orgelmusik aus dem Kassettenrekorder. Der Priester aß und trank, und seine Ministranten schauten ihm mit großen Augen zu. Ich war leicht verlegen und schaute auf ihre Turnschuhe, die weißer waren als das Weiß ihrer Roben. Beim Vaterunser musste ich niesen.

Ich wollte eine Kerze anzünden und für Sie beten, Anna Konstantinowna, doch es gab keine Kerzen in der Kirche. Ich musste, ich musste eines der einsamen und erloschenen Teelichter, die an einem tief verschneiten Grab standen, in Anspruch nehmen, und ich hoffe, Sie sind mir nicht böse deswegen. Ich zündete es an und stellte es zurück aufs Grab, etwas näher zu dem Kreuz, das aus dem Boden ragte. Wer darunter lag, konnte ich nicht lesen, der Schnee war zu hoch. Ich dachte an Sie. Ich dachte: Was sollst du jetzt sagen, Piotr, was sagt man an einem fremden Grab? Ein Gebet schien mir auf einmal pathetisch und schrecklich unpassend. Also murmelte ich ein Gedicht:

Durch die Stille fährt mein Schlitten,

Feines Läuten, Schnee.

Nur die Krähen auf der Wiese

machen Lärm.

Der Wald ist verzaubert,

vom Märchen geschaukelt,

lauscht seinem Traum

und schläft ein.

Und die Tannen wie Greise,

weiß betucht und

mit Krücken,

stehen im Kreis.

In die Ferne läuft das Pferdchen,

Glocken läuten hell.

Und der Weg endlos

durch den Schnee.

Ich dachte an Sie, Anna Konstantinowna, bei Gott, ich dachte an Sie wie an die Mutter Gottes. Ich hoffe, sie ist mir nicht böse deswegen. Es fing an zu nieseln. Ich blieb stehen, ich wartete, bis mein Teelicht ausbrannte. Mit ausgestrecktem Arm hielt ich meinen Hut darüber, so dass die Regentropfen es nicht löschten. Mein Arm wurde steif. Tausende Ameisen wanderten daran unter meiner Haut entlang, wie auf einem Baumstamm, doch ich gab nicht auf, ich hielt den Hut eisern über das Teelicht, dass es nicht erlosch. Wasser rann mir über das Gesicht, doch ich lachte nur. Auf einmal erschien mir das, was ich da tat, lebenswichtig. Auf einmal erschien mir das, was ich da tat, schön und gut und edel. Ich dachte an Sie, Anna Konstantinowna, bei Gott, ich dachte an Sie. Ich schaute nicht auf die Uhr, denn ich trage keine, aber die Totenglocken gaben mir zu verstehen, dass die Zeit tatsächlich verging. Jemand war gestorben, während ich Ihre Erinnerung hütete. Ja, ein Mann war gestorben, während ich auf mein Teelicht aufpasste. Zweimal setzte die Glocke für ihn ab. Wie lange so ein Teelicht brennt!

Der Priester und der Messdiener zogen gesenkten Blickes an mir vorüber, verabschiedeten sich am Tor und gingen in entgegengesetzte Richtungen davon. Im Gehen beobachteten sie mich beide durch den Zaun. Ich nickte. Ich nickte weder dem einen noch dem anderen zu. Ich nickte dem Friedhofstor zu, seiner eisernen Mitte. Ich nickte einfach so zum Zeichen, dass ich kein Denkmal war.

Als mein Teelicht niedergebrannt war, schlug ich ein Kreuz und ging mit unbeschreiblichen Schmerzen in meinem linken Arm und mit einem Lächeln nach Hause, zu der Pension, in der ich wohne. Ich wollte auf mein Zimmer. Anna Konstantinowna, Ihre Nähe fuhr mir wie ein Blitz in den Arm, Ihre kitzelnde Nähe, sie machte mich wild, sie ließ mich rennen und hüpfen, sie ließ mich fluchen und zittern und vor Freude vergehen. Ich wusste, Sie sind nah. Mein Mantel wurde völlig nass, Anna Konstantinowna, aber das machte mir nichts aus. Er wurde schwer, genauso wie mein Hut. Ich schleppte mich mit Mühe weiter und rutschte mehrere Male recht lustig aus. Ich brach mir nichts, Anna Konstantinowna, seien Sie ohne Sorge. Ja, seien Sie unbesorgt, das werde ich Ihnen gleich schreiben, dachte ich, indem ich so in der Pfütze lag, das Gesicht dem Himmel zugewandt, aus dem Regentropfen fielen wie langsame Sterne. Um sie besser zu sehen, machte ich meine Augen ganz weit. Um sie zu fassen, machte ich meinen Mund auf. Leichte Sterne stürzten auf mich, Anna Konstantinowna, beim Aufprall zerbarsten ihre zarten Körper. Ich war gerührt. Ich setze mich gleich an meinen Schreibtisch und schreibe Ihnen, ich bin gerührt, meine Liebe, von der Leichtigkeit der Dinge und von deren Zutraulichkeit! dachte ich mir. Ja, wie einfach sie mir in den Mund fielen, als ich da lag. Auch wenn ihnen nichts anderes übrig blieb, denn es war ihr Schicksal, genauso wie es mein Schicksal war, auf der Stelle und an dem Tag und in dem Augenblick auszurutschen und den Mund zu öffnen, lag eine Barmherzigkeit, eine Güte, eine unsagbare Milde und Hingabe in ihrem Fallen, die mich an die Taten und Leiden der besten Menschen erinnerte. Ich war gerührt. Ich hätte weinen können, doch ich wollte es für später aufheben, für die Nacht.

Nachdem ich in der Pension angekommen war, hängte ich meinen Mantel und den Hut an den Kachelofen. Ich nahm ein Buch aus dem Regal, ein altes, dunkelbraunes Buch mit abgestoßenem Lederrücken, und schlug es auf. Ich schlug es auf und sah, dass ich es nicht auf irgendeiner Seite aufgeschlagen hatte. Ich hatte es auf der Seite mit dem Eselsohr aufgeschlagen. Es sah eisern und zart aus. Schutzlos und unantastbar. Ein trockenes Blatt, bereit zu zerfallen, zu Staub zu werden, sich in der Welt zu zerstreuen.

Sieg über unsere Leidenschaften gründet immer im Sieg über unsere Imagination. Nur der ist ein wahrer Weltüberwinder, der die Welt seiner eigenen bösen Gedanken in der Einsamkeit überwindet. Der heilige Hieronymus befreite sich da von manchem Laster, aber die Wollust war ein Feind, den er im Busen trug. Bis in seine schauervolle Höhle folgte ihm dieser Feind und zeigte ihm da, dass derjenige, der einen Teufel in die Wüste trägt, immer mit vieren wieder herauskommt.

Gerne hätte ich mit einem feinen Bleistift ein Fragezeichen neben die Stelle gemalt wie mein Vorgänger aus dem Jahr 1790 mit dem unleserlichen, kalligraphisch entzückenden Namen. Was hatte der Leibarzt und Popularphilosoph Zimmermann an dieser Stelle aus seinem Buch Über die Einsamkeit sagen wollen? Dass der Melancholiker auf seinen einzigen, auf seinen letzten und ersten Trost verzichten solle?

Es roch nach Heu. Unter meinem Mantel hatte sich ein kleiner See gebildet, eine Fliege schlug ihren winzigen Kopf gegen die Fensterscheibe. Ich blätterte weiter.

Willst du herrschen über dich selbst, so musst du herrschen können über deine Imagination. Durch sie allein werden die Sinne verwirrt. Wie oft wären sie ruhig, wenn man erst Ruhe suchte für seine Imagination.

Mein Vorgänger hatte hier ein Ausrufezeichen dazugemalt. Niemand wird jemals sagen können, ob er mit diesem Satz einverstanden war oder empört oder beides oder weder noch. Vielleicht war dieses Ausrufezeichen auch nur ein Kopfschütteln, eine Notiz, eine Erinnerung, diese Passage der Frau oder der Geliebten zu zeigen. „Schau, meine herzallerliebste Pauline, was für ein Wahnsinniger! Ich will ja gar nicht herrschen über mich, ich will dich nur küssen, küssen, küssen.“

Ich glättete das Eselsohr. Mein Herz tat weh. Ich dachte mir, ich schreibe Ihnen, machen Sie sich keine Sorgen um mein Herz, liebe Anna Konstantinowna. Ja, ich konnte es kaum erwarten, ich brannte darauf, Ihnen das alles zu schreiben. Ich stand auf, legte das Buch zurück, den Mantel und den Hut ließ ich hängen und tropfen. Die alte Holztreppe knarrte unter meinen Schritten. Ich öffnete die Tür, betrat mein Zimmer, nahm ein Blatt Papier, nahm einen Stift aus meiner Brusttasche und begann zu schreiben: Liebe Anna Konstantinowna …

Mein lieber Piotr,