Roman Marchel Kickboxen mit Lu

Roman Marchel

Kickboxen mit Lu

Roman

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Für Tatjana

1

Geschichte hab ich aber keine für dich, also keine richtige. Ich meine, ich kann dir erzählen, was ich hier so mach den ganzen Tag. Wenn du das willst, ein Buch mit drei Seiten. Oder was ich so denk, über manche Dinge, wies mir so geht. Wird halt keine Pfaufeder interessieren, wenn du mich fragst. Ich meine, du machst nicht so eine Art Doku über die heutige Jugend oder so was? So eine Generationensache im O-Ton, das interessiert keinen, sag ich dir, die Jugend am allerwenigsten. Und mein Okay hättest du auch nicht. Da wärst du bei mir an die Falsche geraten, damit hab ich nämlich absolut nichts zu tun, mit der heutigen Jugend. So was gibts überhaupt nicht. Das ist nur eine halbe Idee von den Alten, die sich falsch an ihre Jugend erinnern, und dann vermischen sie ihre falsche Erinnerung mit dem, was sie sehen, bei den Jungen, auch falsch natürlich, ohne Fantasie. Die heutige Jugend ist in Wirklichkeit nur ein Gedächtnisproblem und ein Vitamin-F-Mangel. Das ist alles Pfaufeder, tut mir leid. Und noch was, damit du dir keine falschen Hoffnungen machst: Über manche Dinge red ich nicht, keine Chance. Sex, Gott, Träume. Wenn du auf so was aus bist, sags gleich, dann sparen wir uns das. Und Träume mein ich übrigens total. Also die, die du hast, wenn du schläfst, wenn dein Hirn also auf Sparflamme ist, und die anderen, wenn du dir deine goldene Zukunft vorstellst. Also eigentlich auch, wenn dein Hirn auf Sparflamme ist. Also, kein Sex, kein Gott, keine Träume. Ich bleib dabei.

Sagt Lu. Sie ist sechzehn.

Lu sagen fast alle zu ihr, nur ihre Großmutter hat sie Luna genannt. Ihr richtiger Name ist Luziana. So nennen sie ihre Eltern in, wie Lu sagt, ernsten Situationen. Und in sehr ernsten Situationen fügen sie noch den Nachnamen hinzu, das haben sie aus Fernsehserien. Aber hier geht das nicht, sagt Lu, weil das ja ein Buch werden soll und keine Serie, und weil sie keine Lust hat auf einen Herzinfarkt, wenn sie dann ihren vollen Namen liest. Wenn sie also einen Wunsch frei hat, dann wünscht sie sich, sagt sie, Lu.

2

Lu zieht ihr linkes Knie zum Kinn, dann stellt sie die Ferse auf die Bank. Auch nicht. Sie klemmt ihren grünen Leinenschuh hinter die rechte Wade, das Knie fällt zur Seite, das Kinn geht wieder hoch. Die Bank steht im Halbschatten eines Apfelbaums, die Sonne des herrlichen Augustvormittags tüpfelt das Bild und sagt, du bist schön. Eine Botschaft, die Lu nicht erreicht. Ihre Lippen sind vom Rot gefrorener Himbeeren, weiße Frostspuren noch dort und da. Sie kaut viel auf ihnen herum. Lu sucht nicht das schönste Bild von sich, sie sucht etwas anderes. Die ideale Verhandlungsposition.

Sie greift mit beiden Händen ihr liegendes Schienbein, neigt den Kopf zur Seite, das kastanienbraune Haar fällt ins Gesicht. Es ist nie geföhnt, trocknet aber schnell zu leichten Wellen mit orangefarbenen Sonnenstreifen, darin hängt der Duft ihres Mango-Shampoos.

Du bist schön, sagen Licht und Schatten.

Wenn du das dann zu einem Buch machst, sagt Lu, steht dann da nur drin, was ich sag, oder auch das, was du sagst?

Sie wartet mit weit geöffneten Augen auf Antwort. Der Grünstich in ihrem Braun wäre vielleicht ohne Mangogeruch nicht zu erkennen, jedenfalls ist er mehr Drohung als Zuversicht.

Nur das, möchte Tulpe Valentin, was Lu sagt.

Dann, sagt Lu, vergiss es. Sie steht sofort auf und geht.

An ihr Tempo muss Tulpe Valentin sich erst gewöhnen. Sie weiß, sie hat nicht viel Zeit. Das Wort kindisch fällt ihr von irgendwoher zu, sie wirft es Lu nach. Man kann doch über alles reden. Nicht mit Lu. Tulpe Valentin muss versprechen und schwören, bis Lu wieder dasitzt, diesmal mit den Händen links und rechts auf der Bank, deren flaschengrüner Lack an manchen Stellen abgeblättert ist wie der babypyjamablaue Lack ihrer leicht angekauten Fingernägel. Dort sieht Lu nicht hin, ihr Blick ist im Himmel. Oh Gott.

Schwör, dass du es nicht nur machst, sagt Lu, weil ich es sage. Sondern weil du es selber richtig findest.

Tulpe Valentin macht es, weil sie Lu vertraut.

Das ist nicht dasselbe. Du musst es, sagt Lu, selber für richtig halten. Die Leute denken sonst, das sture Kind hat seinen sturen Kopf durchgesetzt.

Tulpe Valentin ist nicht ganz sicher, ob das denn ganz falsch wäre.

Das wär Pfaufeder falsch. Pfaufeder, sagt Lu. Es geht nämlich nicht um mich, sondern um dein Buch. Was wär denn das für ein Buch, in dem ein Mädel von der ersten bis zur letzten Seite durchquasselt? Überhaupt musst du auch eine Szene einbauen mit Schweigen. Aus Schweigen. Wo ich nichts sag und du auch nicht. Niemand. Eine stille Stelle. Eine weiße Seite vielleicht. Nein, doch nicht. Die Leute würden sie einfach überblättern. Die würden denken, das ist ein Fehler, und das wärs dann mit dem Schweigen. Du musst also eine stille Stelle schreiben, am besten ein ganzes Kapitel. Die Arbeit kann ich dir nicht abnehmen, tut mir leid.

Tulpe Valentin muss noch einmal schwören.

Lu schwört auch, nämlich dass sie Tulpe Valentin holen kommt, wenn sie lügt. Und wenn sie sich in der Hölle versteckt.

Tulpe Valentin ist zweiundsiebzig, und es braucht nicht das falsche Augenmaß der Jugend, ihr zwei Jahrzehnte mehr anzusehen. Auch dass Lu sie zuerst in der Hölle suchen würde, wundert sie nicht.

Das ist nämlich nicht irgend so ein Wunsch von mir, so ein Gezicke. Ich will dich echt vor einem Fehler bewahren, der alles ruinieren würd. Dein Buch und alles. Ich hab das erlebt. In der Schule, natürlich. Wir haben dieses Buch gelesen, Wilhelm Meister, von Goethe. Die meisten haben gleich gesagt, das Buch ist Pfaufeder, der Goethe ist überhaupt Pfaufeder. Aber ich hab das Buch eh okay gefunden, zuerst. Natürlich redet heute keiner mehr so. Aber wenn einer schon die Schwärmerei kriegt, sicher mit Fieber und Durchfall und allem, nur wegen so einem Puppentheater, dann so. Wirklich nicht schlecht, hab ich gedacht. Den Erlkönig find ich sogar echt gruslig. Dass so einer so was hat schreiben können, Punkt für ihn. Jedenfalls haben wir ein Theaterstück draus gemacht, aus Wilhelm Meister. Unser Deutschlehrer ist so ein Typ, der denkt, wir verstehen nichts. Er heißt Essel. Dass wir das eine S gern weglassen, brauch ich dir nicht sagen. Originalitätspreis kriegen wir dafür keinen, ein Esel ist er trotzdem. Wir verstehens nur, sagt er, wenn wir uns selber einbringen. Einbringen, das ist so ein Lieblingswort von ihm. Ich schwör dir, ich erkenn unter tausend Leuten, welcher der Lehrer ist. Ich würd sie alle für eine Minute irgendwas reden lassen. Der Lehrer ist der, der, bevor die Minute halb vorbei ist, so ein Wort sagt. Den könntest du das Vaterunser aufsagen lassen, er würds nicht packen ohne ein Wort wie einbringen oder Dialog oder Konflikt. Manchmal denk ich, das bringt mich um, das Einbringen. Irgendwie hat er aber auch nicht ganz Unrecht, geb ich zu. Ich meine, das Proben und alles, das war schon okay. Ich war Mignon. Die Geschichte kennst du ja, ich sterbe. Die Proben hab ich ganz normal mitgemacht. Ich meine, ich hab nichts boykottiert oder so, wie sie später gesagt haben. Bis auf das Kostüm. Ich wollt ein Mignon-Kostüm. Der Goethe wird schon gewusst haben, warum er das in sein Buch schreibt, also was sie anhat. Der Essel wollt ein flippiges Outfit. Seine Worte. Wenn Lehrer schon so reden, ich sags dir. So wie auf einer Party, hat er gesagt. Man muss die Geschichte umlegen, hat er gesagt, auf die heutige Zeit. Das ist auch so ein Lieblingswort von ihm, umlegen. Hat wahrscheinlich schon lang keine mehr umgelegt, haben wir gesagt, unter uns natürlich, da muss man ja komisch werden im Kopf. Ein punkiges Shirt wollt er, mit einem coolen Aufdruck. Seine Worte. Das ist nicht Mignon. Das werden die, die nicht ganz blöd sind, schon kapieren. Das packen die schon. In einem Kostüm passt Mignon aber nicht zu den anderen, hat er gesagt. Mir egal. Außerdem, hab ich gesagt, passt Mignon sowieso nicht zu den anderen, im Buch auch nicht. Am Ende hat er nachgegeben. Natürlich mit diesem Blick, das sture Kind hat seinen sturen Kopf durchgesetzt. Unsere Diva. Keine Chance, dass der verstanden hätt, dass es mir nicht um meinen Kopf geht. Dass ich seine Aufführung retten wollt. Na ja, hat nicht geklappt. Das mit der Rettung, mein ich. Muss ich zugeben. Es hätt mir früher auffallen müssen, wirklich, mein Verhau. Aber was hättest du gemacht, bitte? Es war so: Bei der Aufführung lieg ich auf dem Boden, ich bin tot. Sie sagen es auch, sie wissen es. Alle wissen es. Die Zuschauer auch. Die Lehrer, die Eltern, die Großeltern. Die Großeltern mit ihren Kameras. Ich liege da, die Augen geschlossen, tot. Und die, die anderen, was machen die? Die quaken und quaken. Mir wird heiß, dann kalt, dann schlecht. Ich glaub, ich kotz mich an, wie ich da tot auf dem Rücken lieg, und die quaken und quaken. Ich habs echt nicht gepackt. Also bin ich aufgestanden und hab gesagt, bitte, hallo? Ich bin tot. Mignon ist tot. Könntet ihr also bitte für eine Minute die Klappe halten? Geht das? Wenn der Goethe da gewesen wär, ich schwör dir, ich hätt ihn umgebracht. In dem Moment, mein ich. Du brauchst aber nicht glauben, dass irgendwer das verstanden hätt. Also die Leute, bei der Aufführung, mein ich, du kannst dir ungefähr vorstellen, was los war. Und in den Tagen darauf. Die Solveig war echt sauer. Für sie ist die Schauspielerei nicht nur so ein Ein-bringen oder ein Umlegen, das ist echt eine Leidenschaft von ihr. Ihre große Leidenschaft eigentlich. Dass ich ihr das verpatzt hab, tut mir leid, wirklich, heute noch. War ja nicht ihre Schuld, dass sie da hat weiter quaken müssen, wegen dem Goethe. Sie war der Wilhelm Meister. Und was für einer, bis zum Quaken, mein ich. Echt gut. Wegen ihr hats mir am meisten leid getan. Die Lehrer hätt ich schon ausgehalten. Nur dass die immer öfter zusammengestanden sind, da muss man ja paranoid werden. Sie haben ihre Grabesstimmen ausgepackt und palavert, dabei haben sie immer von Nachspiel geredet. Das wird ein Nachspiel haben, haben sie gesagt. Das wird ein Nachspiel geben. Auch so ein Lieblingswort von denen. Einbringen, umlegen. Dialog, Konflikt, Nachspiel. Ich meine, sagt das nicht alles? Wer will bitte so werden?

3

Vielleicht sollt ich lieber mal mit dem Anfang beginnen. Wenn das wenigstens so was Ähnliches wie eine Geschichte werden soll.

Lu sagt das mit ehrlichem, unsicherem Vielleicht, auch wenn sie weiß, dass es zu spät kommt. Es ist ihr fünfter Tag hier, der dritte ihres gemeinsamen, wie sie es nennt, Lu-TV-Vormittagsprogramms. Ihr Zweifel gilt aber nicht dem Durchzählen, sondern dem Anfangen und dem Beginnen selbst, die sich immer wieder gegen ihr Tempo sträuben.

Also wie ich hierher gekommen bin. Mit dem Zug in die Stadt, dort wollt ich nicht bleiben. Aber mitten in der Nacht. Wie soll ich sagen, tausend goldene Möglichkeiten hab ich ja nicht gehabt. Ich hab mich also auf eine Bank gesetzt. Komisch, oder? Banksitzen, darauf scheints hier hinauszulaufen. Nur dass ich nicht gequasselt hab, so weit ists noch nicht mit mir. Ich habe gewartet. Keine Ahnung, auf was. Auf einmal fällt mir auf, das Bahnhofscafé ist offen. Drinnen sind vielleicht fünfzehn Tische und nur zwei Leute. Der Kellner hat die Sinnkrise, ist ja klar. Er hat mir leid getan, also bin ich hinein. Ich hab einen Espresso bestellt, obwohl ich das mit dem Kaffee noch nicht so drauf hab, geb ich zu. Ich mag keinen Kaffee. Wenn du mich fragst, kann kein normaler Mensch so was trinken. Vielleicht sind die Erwachsenen deshalb so, wegen dem Kaffee. Keine Ahnung. Was ist ein Erwachsener? Einer, der gelernt hat, so zu tun, als ob ihm Kaffee schmecken würd. Einer, der das so gut gelernt hat, dass ers selber glaubt. Mein Ex war der Beste. Der hat immer gesagt, wow, ich brauch echt einen Kaffee. Als wär er so ein fertiger FBI-Typ aus dem Fernsehen, der seit zwei Wochen auf Verbrecherjagd ist, ohne Schlaf. Oder voll auf Party. Dann hat er einen Schluck genommen und geschaut, so unauffällig, ob wir ihn wohl eh für einen FBI-Typ halten oder für Mr. Killer Jones vom Dancefloor. Den Rest hat er stehen lassen. Mit dem einen Schluck hat er dann fünf Tage gekämpft. Also bis er den Krampf aus dem Mund gekriegt hat. Dann ist es von vorn losgegangen. Ich frag mich. Nein. Egal, ich bestell also einen Espresso, weil das erstens am unauffälligsten ist, in einem Café, und zweitens das Billigste auf der Karte. Sagt auch was aus, oder? Ich sitz also bei meinem Espresso und wart, dass die Zeit vergeht. Oh Gott. Für den Kellner bin ich sicher so eine wie mein Ex. Fällt mir grad ein. Die beiden anderen, die Gäste, mein ich, sind aber auch nicht besser. Die warten genauso und lesen die Zeitung. So weit ist es ja bei mir noch nicht, dass ich die Zeitung les. Fertig hin oder her. Natürlich ist der Kellner gleich wieder in der Krise. Aber ich bin ja keine Millionärin, da ist nichts zu machen. Die beiden anderen, so wie sie aussehen, schwimmen erst recht nicht im Geld. Der Kellner muss da selber raus. Vielleicht ist das am besten so. Leid tut er mir trotzdem. Das heißt nicht, dass ich auf ihn steh, oder so. Manche tun einem einfach leid. Zum Beispiel wegen der Uhr. Da war natürlich so eine große Uhr in dem Café. Und der Kellner hat die ständig vor sich. Mir haben die paar Stunden gereicht, das schwör ich dir. Und dann ist es ja noch dazu so, dass, wenn du dauernd hinschaust, die Uhr dir ja nicht einmal mehr sagt, wie späts ist. Sondern nur, dass die Zeit nicht vergeht. Da bewegt sich ja nichts. Also ich weiß echt nicht mehr, wie späts war, wie ich gegangen bin. Obwohl ich immerfort auf die Uhr geschaut hab. In den zwei Fenstern zu den Bahnsteigen wars noch dunkel, aber man hat schon gemerkt, nicht mehr lang. Wenn die jetzt dann da draußen einen Sonnenaufgang aufführen, hab ich gedacht, so mit roten Schimmerstreifen auf den Gleisen und mit den Arbeitern, das pack ich echt nicht. Also bin ich raus. Natürlich haben mich sofort ein paar Taxifahrer angequakt. Nicht einer, ein paar. Um die Uhrzeit vor dem Bahnhof. Auf wen warten die denn, bitte? Vielleicht halten sie es ja nur daheim nicht aus, das wär ja noch zu verstehen. Aber wenn du allein bist in der Nacht, dann können dich solche Gestalten echt fertigmachen. Ich schwör dir, wenn ich eine Millionärin wär, ich wär reingegangen und hätt dem Kellner ein paar Scheine zugesteckt. Nimm dir ein Taxi und fahr nach Granada, hätt ich gesagt. So bin ich halt nur an den Taxifahrern vorbei, nach vorn, zur Straße. Autostopp. Was sonst? Halt mir jetzt keine Rede mit deinem Blick. Dass ich dafür keinen Intelligenzpreis krieg, weiß ich selber. Die ersten beiden, die stehen geblieben sind, waren Männer. Die dritte war eine Frau, aber ich sag dir, bei der hab ich erst richtig das Gruseln gekriegt. Die hat ausgeschaut wie die Mutter vom Erlkönig, original. Wenn die auf dem Rücksitz ein goldenes Kleid liegen gehabt hätt oder ein paar geknebelte Kinder im Kofferraum, mich hätts nicht gewundert. Ich hab also mein Handy aus der Tasche geholt und so getan, als hätt ich grad einen Anruf bekommen. Hat sich erübrigt, danke, hab ich gesagt. Zum Glück ist sie weiter, mir war echt anders. Herrgott, kannst du mir nicht eins deiner normaleren Kinder schicken, hab ich gesagt, immer noch mit dem Telefon am Ohr. Bis heut frag ich mich, ob er mich gehört hat. Wenn ja, dann hat er seine eigene Vorstellung von normal, das kann ich dir sagen. Weil wer kommt daher? Ein Typ ganz in Schwarz auf seinem schwarzen Motorrad. Schwarze Handschuhe, schwarzer Vollvisierhelm. Er klopft mit der Hand auf den zweiten Helm, der neben dem Sitz hängt, als würd er sein Pferd tätscheln. Steig auf, sagt er, mit einer Stimme wie Darth Vader. Halt mir jetzt keinen Vortrag. Das schau ich mir nämlich an, wie du zu Darth Vader sagst, nein danke. Ich nehm also den Helm und steig auf. Der hat gleich ein Tempo drauf, dass ich mich an ihm festhalten muss, obwohl ich nicht will. Ich umarme seine Taille und leg ihm den Kopf an den Rücken, das musst du dir vorstellen. Der Helm ist viel zu groß, keine Ahnung, wem der passen soll. Viel-leicht ist seine Freundin ja die Medusa. Jedenfalls fahren wir so den Fluss entlang, und ich bin mir sicher, ich bin so gut wie tot. Ich bete nur, dass er es kurz macht. Oder dass die Medusa mich versteinert, dass ich nichts mehr spür. Solche Gedanken kommen dir, wenn du glaubst, es ist bald alles vorbei.

Tulpe Valentin möchte denken, wem sagst du das. Aber sie kann das nicht gleichzeitig, ihre Gedanken denken und zuhören. Nicht bei Lu, die redet und atmet gleichzeitig. Wem sagst du das? Ein kurzer Gedanke und kein allzu großer. Vielleicht das Gewicht etwas zu pathetisch auf die beiden Enden verteilt. Aber als sie sich daraus befreit hat, spricht Lu von einem Raupenfahrzeug und von Soldaten. Tulpe Valentin muss, was sie gerade nicht wollte, unterbrechen. Entschuldige bitte, nicht zum letzten Mal.

Lu sind ihre eigenen Worte nicht heilig, sie fallen ihr, noch, zu leicht. Kurz findet sie arg, dass Tulpe Valentin sie allein in den sicheren Tod hat fahren lassen. Aber das hätte, sagt sie, erstens schon gepasst, und zweitens ist sie ja noch da. Da verliert der Tod natürlich seinen Schrecken. Obwohl es eigentlich umgekehrt normal wär. Komisch, oder? Als würds ihn gleich nicht mehr geben, nur weil man noch lebt. Wo war ich? fragt Lu.

Bei Gedanken, wie Tulpe Valentin, kurz vor dem Ende.

Aha, sagt Lu. Weiß ich jetzt auch nicht mehr. Werden so großartig nicht gewesen sein, meine Gedanken.

Von einem Raupenfahrzeug, probiert Tulpe Valentin. Vielleicht von Soldaten.

Das klingt ja gleich nach Invasion, sagt Lu. Zum Glück wars dann doch nur ich. Ein unbewaffnetes Mädel mit Rucksack. Aber ich weiß es schon wieder. Gedanken, das klingt vielleicht ein bisschen zu großartig, aber mir sind da in meiner Angst so Sachen aufgefallen, von denen man denkt. Also von denen es komisch ist, dass sie einem auffallen, wenn es um Leben und Tod geht. So Sachen. Nein, tut mir leid, ich find nicht wieder rein. Ich bin ja noch da, tut mir leid. Für eine richtige Geschichte hätt er mich umbringen müssen. Ich glaub, wir lassens für heute.

4

Tulpe Valentins letztes Buch liegt fünfzehn Jahre zurück, ihr achtes. Die Neun lässt sich nicht unschuldig denken, nicht von Tulpe Valentin, die vor sehr langer Zeit im Spiegel nach einem bestimmten Zug um die Mundwinkel suchte, nach Anzeichen einer Beethovenmähne in ihrem dünnen, brüchigen Haar, lange bevor es von eingetalgten, gelblichen Schlieren in durchsichtige Fäden auslaufen sollte. Und jetzt dieses Buch als Geschenk. Freilich arbeitet es in den Knochen, die Sätze kommen nicht ohne Probleme daher, nur weil Lu es ist, die sie spricht. Sie ist immer noch da, Tulpe Valentin. Sie stört immer noch. Immerhin. Auch damit war nicht zu rechnen, bei ihrer Ankunft, vor zehn Tagen. Im leeren Zimmer, wenn das der richtige Ausdruck ist für ein möbliertes Zimmer mit Mensch, der dort nur nicht hingehört. Im leeren Zimmer trotzdem, weil sie darin nicht zählt, wo sie normalerweise nur sitzt, auf dem Holzstuhl vor dem gemachten Bett. Aus dem Polstersessel kommt sie kaum hoch. Es gibt davon zwei, sie sind tabu. Einmal hatte sie das Gefühl, in eine zu große Kloschüssel gefallen zu sein. Ihr ist kaum noch etwas peinlich, aber ein und denselben Fehler macht sie nur noch so oft wie nötig. Jetzt sitzt sie besser gar nicht. Sie geht. Sie sucht den Weg, den ihre Gedanken genommen haben, als sie Lu unterbrach, um so weit zurückzugehen, bis sie die Gabelung erkennen würde. Rot markieren oder besser fett, Rot sieht sie nicht mehr so gut, damit sie beim nächsten Mal nicht wieder falsch abbiegt.

Auf dem Nachttisch liegt eine Häkeldecke, deren Stege immer ihr Muster finden. Sie könnte ein schönes Symbol sein, bliebe sie nicht doch lieber einfach ein Untersetzer für die gekrümmte Nachttischlampe, die auch nicht mehr so gut sieht. Ihr fehlt die Glühbirne.

Tulpe Valentin hat großes Vertrauen in Lu, grenzenloses, möchte sie sagen, wäre das nicht ein blau-duns-tiges Wort für Bücher voller falscher Versprechen. Es hapert bei ihr selbst. Wer verzählt sich schon öfter als einmal beim Countdown? Sie muss sich setzen, weil sie die Gabelung gefunden hat. Sie weiß, da hilft keine Markierung. Sie wird wieder falsch abbiegen. Jetzt sitzt sie in der Kloschüsselfalle.

5

Zum Frühstück hab ich mir extra einen Kaffee geholt, damit ich leichter zurückfind, in die Stimmung. Sogar zwei Schluck getrunken, obwohl der Geruch auch gereicht hätt. Grauslich. Aber ein gutes Zeichen.

Tulpe Valentin, die morgens immer Kaffee trinkt, die vor Ewigkeiten schon gelernt hat, so zu tun, als ob er ihr schmecken würde, weiß, was Lu meint. Der Kaffee ist zu dünn und schmeckt deutlich nach Thermoskanne, eine Mischung aus glattem Kupfer und verbrannten Maronischalen.

Ich hab also noch den Geruch vom Kaffee in der Nase, wie ein pelziges Insekt fühlt sich das an. Die Luft im Medusa-Helm ist auch nicht grad erfrischend, und Darth Vader vor mir glaubt, er steuert einen Kampfflieger. Ich denk mir, das ist der Tod. Es reicht nicht, dass du bald stirbst, es muss auch noch rundherum alles gruslig sein und anders als sonst, also jedenfalls nicht normal. Die Straße ist nass, vom Regen vorher, und du hast das Gefühl, dass die Reifen sich richtig festsaugen, sogar du selber, also dass dein Hintern sich auch festsaugt, dass das alles eine Kaugummimasse ist oder eine Teigmasse, und du hörst durch den Motorenlärm so ein Dauerschmatzen, und das hab ich vielleicht gestern gemeint mit dem Raupenfahrzeug. Also du hast das Gefühl, das ist kein Motorrad oder ein Weltraumkampfflieger, sondern ein Gummiraupenfahrzeug. Also das fällt dir alles auf, und du denkst dir, na super, und was hab ich jetzt davon? Was ändert das? Ich meine, wenn dir was auffällt, das hat ja nur einen Sinn, wenns auch was ändert, oder? Verstehst du den Widerspruch? Du hast das Gefühl, die Maschine ist mit der Straße verbunden, du kannst nicht stürzen, du fühlst dich total sicher, während du glaubst, während du ganz sicher bist, dass du den nächsten Tag nicht mehr erleben wirst. Dann hält er auf einmal an, stellt den einen Fuß ab, macht mit der Hand so eine Art Soldatengruß, und ich weiß nicht. Ich steig ab, ich nehm den Helm ab und warte. Dass er irgendwas macht. Ich schnall den Helm neben dem Sitz fest und geh einen Schritt zur Seite. Grad dass ich ihn nicht frag, bringst du mich jetzt nicht um, oder was? Er ist sofort weg. Gleich links über die Brücke und weg. Ich sag, danke, wie ich schon nichts mehr von ihm sehen kann. Gut, oder? Er hat mich gar nicht gefragt, wo ich hin will. Wenn da, wo er mich abgesetzt hat, so was gewesen wär wie ein kleiner Platz oder ein Hotel oder irgendwas, ich hätt einen Anhaltspunkt gehabt für seine Gedanken unter dem Helm. Aber so hab ich nur meine eigenen Gedanken gehabt, und die waren keine große Hilfe, das kann ich dir sagen, so allein in der Nacht. Ich bin sicher noch ein paar Minuten stehen geblieben, weil ich ja keinen Plan gehabt hab, weil ich ja fix damit gerechnet hab, dass er mich umbringt, da braucht man keine großartigen Zukunftspläne. Vorher aber auch nicht, geb ich zu. Trotzdem, ich schwör dir, du fährst nicht mit Darth Vader durch die Gegend, durch die Nacht, und sagst hintennach, danke, ich geh dann mal weiter, und tust so, als wär nichts. Weißt du, wie ich mich fühl, seit ich hier bin? Halt mich aber nicht für total übergeschnappt. Nämlich so, als wär ich in Wirklichkeit schon tot, als hätt mich der Typ in Wirklichkeit eh umgebracht, und ich bin nur ein Geist, der nicht zur Ruhe kommt, weil er nicht fassen kann, wie ich so blöd hab sein können und aufsteigen, und weil er Gerechtigkeit fordern muss, Rache, Genugtuung, weil ich irgendwen dazu bringen muss, mich zu rächen. Dich zum Beispiel. Du brauchst aber nicht blass werden, es ist ja nur so ein Gefühl. Er hat mir ja nichts getan, ich leb ja noch. Es ist nur manchmal so, besonders in den ersten Minuten nach dem Aufwachen in der Früh, als wär ich, wie soll ich sagen, in einer anderen Dimension. In einer anderen Wirklichkeit. Also, das musst du ja zugeben, ganz normal ist das hier nicht.

Tulpe Valentin steht an der Gabelung. Der eine Weg ist mit einem Baustellenband abgesperrt. Sie sieht deutlich, überraschend deutlich die roten Streifen.

Na, sagt Lu, egal. Ich geh also los, den Fluss entlang, aber auf der Gehsteigseite. So ist es ja hier, dass der Fluss und die Straße und der Gehsteig das Ziel irgendwie vorgeben. Ich meine, anders als weiter drinnen, in einer Stadt. In der Stadt sind die Straßen und die Gassen ja nur die Zwischenräume, die die Häuser lassen, die Häuserblöcke. Da kann man ohne bestimmtes Ziel herumgehen, da kannst du dir alles immer wieder anders überlegen. Aber hier kannst du nur weitergehen oder umdrehen. Das sind die zwei Möglichkeiten, die du hast, wenn du nicht tot bist. Umdrehen ist für mich natürlich nicht in Frage gekommen, dafür hab ich Darth Vader nicht überlebt. Ich bin also weiter, vorbei an diesen Flächen, dort, wo die Gebäude so lose herumstehen, mit den Auto wracks und den Holzstößen mit dem Wellblech drauf. Das hat alles arg ausgeschaut, in der Nacht. Wenn ich das jetzt übrigens noch einmal sag, in der Nacht, dann haust du mir eine rein, okay? Das hat ja inzwischen jeder mitgekriegt, dass ich da keinen Sonntagnachmittagsspaziergang mach. Ich weiß auch nicht, warum ich das immer wieder sagen muss. Jedenfalls hat das dort ausgeschaut wie die verbotene Zone. In einem Kinder-film wär das der Elefantenfriedhof, mit Geiern und Hyänen. Mir hat das Wellblech gereicht. Das hat echt komisch geklungen, wenn der Wind reingefahren ist, wahrscheinlich weil es nass war, vom Regen. So dumpf hat es gesäuselt, so als wollt es kein Geräusch machen, als würds lieber ganz still auf der Lauer liegen. Solche Gedanken kommen dir halt, wenn du allein unter wegs bist, in der Nacht, wo du dich nicht auskennst. Jetzt hab ichs schon wieder gesagt. Muss mich ja wirklich beeindruckt haben, die Nacht. Eigentlich war mir zum Heulen, wenn ich ehrlich sein soll. Mein Rucksack war auch Pfaufeder schwer. Ich hätt mich gern auf eins von den Autowracks gesetzt oder an einen Holzstoß gelehnt und geheult, wenn ich nicht so Schiss gehabt hätt. Und dann kannst du ja so gut wie sicher sein, dass irgendwo irgendwann irgendein Hund aufkreuzt. Ich mag Tiere, eigentlich alle Tiere. Nur Hunde nicht. Die geben mir den Rest, tut mir leid. Oder ein Sandler. Ich meine, natürlich sind die arm, aber in der Nacht brauch ich so einen nicht, noch dazu, wenn ich keine Ahnung hab, wo ich bin. Wenn ich mich eh schon nicht auskenn. Oder ein Sandler mit Hund, bitte, der Hauptpreis. Danke, echt. Ich bin also weiter, das Wegstück, dort wo wirklich gar nichts ist. Wo man dankbar wär, für ein Wrack oder ein Wellblech, das dir das Lied vom Tod in die Haarwurzeln säuselt, aber da ist ernsthaft gar nichts. Im Krieg könntest du dich hier gleich selber eingraben, eine Schaufel, bitte, und los gehts. Es gibt ja überhaupt keine Deckung. Nicht einmal einen Mistkübel. Warum man das nicht irgendwem billig verkauft, frag ich mich. Muss ja nichts Spektakuläres sein. Aber wenigstens eine Lagerhalle, die Leute haben eh so viel Krempel. Oder ein Schlafhaus für die Sandler. Es wird ja kalt im Winter. Die kann man ja nicht verrecken lassen, wenn sowieso ein Platz frei ist, den keiner braucht. Versteh ich nicht, echt nicht. Ich hab jedenfalls einen ziemlichen Schritt draufgehabt, kannst du dir vorstellen. Obwohl ich müd war und fertig. Ich hab mir gedacht, nur nicht nach links oder rechts schauen, immer nach vorn und weiter.

6

Lu redet nicht mit Händen und Füßen, ihre Gesten bleiben meist Ansätze, Andeutungen, sie sitzt ziemlich still. Nur wenn sie sich wundert, plötzlich und meist über sich selbst, schöpft sie aus dem Vollen. So hebt sie etwa die Arme, die Handflächen nach außen gedreht, aber nur bis auf Augenhöhe, als würde die plötzliche Einsicht sie blenden. Oder sie beugt den Oberkörper weit vor, die Schultern liegen fast auf den Knien, und greift mit den Fingern nach den Schuhspitzen. Ich glaub, ich geh ein, sagt sie dann zu dem Bild ihrer selbst unter der Bank. Wenn sie für irgendeine Dummheit ihrer Ansicht nach den Tod verdient hat, nimmt sie ihre Kehle in den Würge griff und streckt seitlich die Zunge raus. Und wenn die Verwunderung so groß ist, dass sie auch am Ende dreier Leben sich selbst nicht verstehen könnte, hält sie Ausschau nach ihrem Verstand: Die Hand an der Stirn, wie ein Dach für die Augen, wie im Kinderspiel ein Indianer über die Prärie blickt.

So auch hier. Nur nicht nach links oder rechts schauen, immer nach vorn, sagt Lu, und weiter.

Hand an der Stirn, ein Seufzen. Weit und breit keine Spur von ihrem Verstand.

Keine Ahnung, sagt Lu, was ich mir dabei gedacht hab. Als könnten Gefahren aus allen Richtungen kommen, nur nicht von vorn. Als würden sie gar nicht kommen, wenn man nur nicht hinschaut. Als wäre vorn immer nur die goldene Lösung oder das Paradies oder so was. Am ehesten, sagt Lu, da hat sie die Hand wieder unten, weil mir echt schon schwindlig geworden ist, weil ich Links und Rechts irgendwie immer vor Augen gehabt hab, und Hinten auch, und weil ich gedacht hab, ich dreh durch, wenn ich nicht gradeaus schau und weitergeh. Nur dass dann vorn die verbotene Zone war.

So eine Szene fällt Tulpe Valentin leicht. Die verstreuten Blätter einer Zeitung, nasse Lappen, ertrunkene Falter und Schwärmer. Anderer Abfall, ein Zigarettenstummel etwa, die aufgequollene Watte durch einen Riss im Filterpapier getreten, wie eine Raupe, eine Made auf der Futterpflanze. Lu erwähnt einen ausgespuckten Kaugummi und ein Kaugummipapier. Du brauchst, sagt sie, kein Inspektor Columbo sein, damit du weißt, dass die beiden nicht direkt zusammengehören. Das macht ja keiner, sagt Lu, dass er den Kaugummi gleich neben das Papier spuckt. Trotzdem ist es, wie wenn du eine nackte Leiche findest und Kleider daneben. Columbo sucht weiter, und wenn er schließlich herausfindet, dass die Kleider zu einer anderen Leiche gehören, hast du am Ende nur einen Toten mehr, das wird dich nicht wirklich beruhigen. Solche Gedanken kommen dir da. Sie zögert und sagt es doch: In der Nacht.

Irgendwo dann der Mutterbauch, aus dem all diese Wesen kommen, ein unten aufgebrochener Mistkübel, an der Stange eines Straßenschilds montiert, über seinem eigenen Haufen. Im schwarz glänzenden Asphalt schwimmen in regelmäßigen Abständen die gespiegelten Lichtkugeln der Straßenlampen. Lu sagt das so: Wie Bojen, wie so eine Haifischwarnung. Nur dass ich ja nicht hab wissen können, ob ich auf der richtigen Seite der Absperrung war. Und wenn dir dann schwindlig ist auch noch, dann brauchst du der Panik keine schriftliche Einladung mehr schicken, das schwör ich dir. Und weißt du, was das Ärgste ist? Ich kann dir nicht sagen, wann ich den Häuserblock bemerkt hab. Ich meine, das ist verloren, oder? Ich schau immer nur nach vorn, wo nichts ist außer dem Häuserblock. Der war auf einmal da. Das glaubt ja keiner. Aber ich schwör dir, schriftliche Einladung hin oder her, die Panik hat ein paar Freundinnen auch noch mitgebracht.

Tulpe Valentin braucht keinen Eid. Sie weiß, dass man hier auch an einem sonnigen Vormittag aus dem Taxi steigen kann, der trockene Straßenmüll nur auf dem Durchzug mit einer leichten Brise, die Bojen eingeholt, die Pappelallee am Fluss freundlich, sie weiß, eingezwängt zwischen zwei höheren Gebäuden steht da wie plötzlich die Pension Zur Schönen Gegenwart.

7

Es ist ein länglicher Bau, wirkt mehr wie eine Mauer mit Fenstern, ohne etwas dahinter. Weniger ein Haus als nur das Verbindungsstück zwischen den beiden angrenzenden Häusern, als hätte man nur kein Material übriglassen wollen, das nicht mehr für etwas Ganzes reichte. In den oberen zwei Stockwerken befinden sich je drei Zimmer, ein Waschraum und eine Toilette. Hinter einer nicht nummerierten Tür wahrscheinlich ein bescheidener Privatbereich oder sonst ein nicht gänzlich ausgereiftes Geheimnis. Die Teppiche auf den Treppen sind glatt gewetzt vom Staubsaugen und abertausenden Schritten, der eingeriebene Schmutz ein langsam wachsendes Muster. Sämtliche Pflanzen sind aus Plastik, das Wasser in den Vasen ist trotzdem immer frisch. Dank Patrice. Er residiert unten, hinter dem Rezeptionspult. Im Erdgeschoss ist auch noch der Frühstückssaal. Die ganze Pracht der Pension Zur Schönen Gegenwart liegt hinter dem Haus. Im Garten. Zwei Glastüren führen hinaus, eine vom Eingangsbereich, eine vom Frühstückssaal, dort ist das Gras echt, dort sind die beiden Platanen an der rückwärtigen Mauer echt und mächtig und majestätisch, dort hält Patrice seine Pfaue. Dort wartet Lu immer schon auf einer der drei Bänke, es ist immer dieselbe, die neben dem Apfelbaum, auf Tulpe Valentin.

Dort sagt Lu: Pfauengarten. Pfau-en-gar-ten. Klingt das für dich nicht auch irgendwie komisch? Pfauengarten. Klingt das nicht irgendwie klösterlich? Bruder Patrice und sein Pfauengarten. Ich weiß nicht, aber ich glaub, das wär den Tanten in den echten Klöstern nicht recht, wenn wir uns mit ihnen verschwistern, ausgerechnet wir. Will ich auch nicht. Ich sag lieber Pfaugarten. Tut mir leid, dass ich dir da Fehler in dein Buch hineinred, aber ich seh da keine Alternative. Ich sag alles nur mit Pfau. Also Pfauschrei, Pfaurad und so weiter.

Dort tut Lu, wenn sie fordert, als würde sie fragen: Hast du schon einen Titel für das Buch?

Tulpe Valentin würde gern Lu einen vorschlagen lassen.

Mach mich nicht fertig. Das ist, sagt Lu, dein Job.

Tulpe Valentin hat noch keinen Titel. Sie wird sich aber Mühe geben und ist zuversichtlich. Vielleicht nimmt sie einen Satz heraus, den Lu gesagt hat.

Ich weiß nicht, sagt Lu. Na ja, okay. Das ist ohnehin dein Job, ich misch mich da nicht ein. Aber ich sag viel, das merkst du ja. Mach das vielleicht lieber doch nicht. Da trau ich mich ja gar nichts mehr sagen, wenn ich weiß, das könnt ein Buchtitel werden. So redet ja keiner, wie ein Buchtitel. Also keiner, den man ernst nehmen kann. Aber ich hab ja gesagt, ich misch mich nicht ein. Nur eins kannst du mir nicht antun, so einen Titel mit des oder der, du weißt schon.

Tulpe Valentin weiß. Lu möchte keinen Titel mit Genitiv.